»So, und warum betrachtest du mich so aufmerksam?« fragte die Frau

weiter. Das konnte nun Vronik nicht wohl sagen. Denn im Dorf hatte

sie schon öfters sagen hören, die Frau im weißen Häuschen sei »nicht

ganz bei Trost«. Das hatte sie nie ganz verstanden. Als die Mutter

noch lebte, hatte sie hie und da gesagt: »Das ist mir ein Trost; daß

ich weiß, der liebe Gott sorgt für euch, wenn ich von euch fort muß.

Und das soll auch immer euer Trost sein. Er verläßt euch nicht.«

Sonst hatte Vronik noch nie etwas von Trost gehört. Und als sie nun

die Fremde so traurig sah, dachte sie, am Ende habe diese richtig

vergessen, was einem ein Trost sein könne. Und doch glich sie der

Mutter, denn sie war auch bleich und zart wie diese und trug auch ein

schwarzes Kleid. Nur hatte Vroniks Mutter freundliche, friedliche Züge

gehabt und einen ganz andern Ausdruck darin, als die fremde Frau.

»Kannst du mir's nicht sagen?« ermunterte diese jetzt das Kind. »Du

mußt dich nicht fürchten, du kannst es ruhig aussprechen.«

»Weißt du etwa nicht mehr recht, was ein Trost ist?« fragte Vronik

statt der Antwort. Denn sie konnte nichts anderes sagen, als das, was

sie gerade dachte.

Die Frau sah erstaunt auf. »Ach nein, das weiß ich nicht,« sagte sie.

»Aber wie kommst du darauf? Weißt du es vielleicht?«

»Ja,« sagte das Kind ganz bestimmt. »Daß der liebe Gott bei einem

bleibt und einen nicht verläßt, wenn man auch ganz allein ist, das ist

einer. Die Mutter hat's gesagt.«

Die Frau hatte schon wieder Tränen in den Augen, aber sie kämpfte sie

nieder, um das Kind nicht zu erschrecken. Denn sie wollte noch mehr

hören. Es hatten schon viele Leute versucht, sie zu trösten. Aber

denen hatte sie immer gesagt: »Ihr könnt gut reden. Ihr seid froh und

glücklich und versteht nicht, wie es mir sein muß.« Das war bei dem

Kind anders. Denn das hatte es nicht leicht auf der Welt, so viel

konnte man wohl sehen. So sagte die Frau jetzt zu ihm: »Da hat dir die

Mutter etwas Gutes gesagt, daran denke nur immer. Wo ist sie denn? Ich

möchte sie wohl einmal sehen.«

Das Kind machte die Augen weit auf. Die fremde Frau wußte scheint's

nicht, daß es ein Gottswillenkind sei, das heißt, eines, das gar

niemand eigenes mehr auf der Welt habe, der für es sorgen könnte und

das man darum »um Gotteswillen« umsonst aufgenommen habe. Es war der

Vronik etwas ganz Neues, daß das jemand nicht wußte. Im Dorfe wurde sie

oft genug daran gemahnt.

»Die Mutter ist zum lieben Gott gegangen,« sagte sie nach einer kleinen

Weile. »Ganz bald nachher, als wir von der Schweiz kamen. Da hat sie

immer gehustet. Und dann hat sie's oft gesagt, daß sie fortgehe. Jetzt

ist der Konrad beim Lammwirt und ich bin beim Pfleghofbauern um der

Gottswillen.«

Vronik mußte tief aufatmen, denn es war lange her, daß jemand so viel

von ihr hatte wissen wollen. Aber die Frau sah so teilnehmend aus, es

wurde dem Kinde ganz warm ums Herz.

»Aber die Mutter hat auch noch gesagt: wir werden schon wieder

zusammenkommen, der Konrad und ich. Weil wir doch sonst gar niemand

haben als nur einander. Wann der Konrad groß ist, dann verdient er Geld

und dann müssen wir beieinander wohnen,« berichtete Vronik weiter.

Sie hätte jetzt alles sagen können. Aber ihre Pfleglinge wurden ganz

unruhig und ließen sich nicht mehr beschwichtigen, und vom Dorfe

her hallten laute Klänge durch die klare Herbstluft. Das war die

Abendglocke, und die Kinder mußten nach Hause.

Die fremde Frau erhob sich. Zum erstenmal hatte wieder ein anderer

Gedanke als der an ihr Unglück in ihr Raum gefunden. Jetzt sagte sie:

»Kommst du morgen wieder hierher, Vronik? Du mußt mir dann noch mehr

sagen.«

Vronik schüttelte leise den Kopf. »Nein, das darf ich nur am Sonntag,«

sagte sie. »Am Werktag hütet die Ahne die Kinder. Da muß ich auf dem

Feld helfen und im Stall und in der Küche und überall.«

Der fröhliche Ausdruck war wieder ganz aus dem mageren Gesichtchen

geschwunden, Vronik sah jetzt so ernsthaft aus, als ob sie schon

schwere Sorgen habe. »So komm gewiß am Sonntag wieder,« sagte die Frau.

»Vielleicht weißt du mir dann auch so einen guten Trost.« Dann schieden

die beiden, und das Wägelein holperte jetzt schnell den Weg hinab, denn

es hatte beinahe ausgeläutet.

* * * * *

Es war schon spät am Abend. In dem Heimwesen des Pfleghofbauern war

schon alles zur Ruhe gegangen. Nur Vronik war noch einmal zur Hintertür

hinausgeschlüpft. Das tat sie immer, ehe sie sich niederlegte. Denn

da kam oft der Konrad noch ein Weilchen in den Hof. Und das war die

einzige Zeit, wo die verlassenen Kinder einander sehen und sprechen

konnten. Es war nicht nur, weil die Mutter so oft gesagt hatte:

»Haltet zusammen, Kinder, wenn ich nicht mehr da bin,« daß die beiden

so aneinander hingen. Sie hatten alle beide Heimweh nach den alten,

schönen Tagen, wo sie mit den Eltern fröhlich zusammen gelebt hatten

in der eigenen Heimat. Die Zeit lag freilich jetzt weit dahinten. Aber

nach des Vaters Tod war doch noch eine Zeit gekommen, wo die Mutter

für ihre Kinder sorgte. Sie war mit ihnen in ihre alte Jugendheimat

zurückgekehrt. Aber es lebte niemand mehr von den alten Freunden. Und

als der liebe Gott die Mutter zu sich holte, da wußte sie ihren Kindern

keinen andern Trost zu hinterlassen als den, den die Vronik so treulich

bewahrt hatte, nämlich, daß der liebe Gott für sie sorgen und sie nicht

verlassen werde.

Vronik hatte ein fröhliches Herzlein. Und das war viel wert für das

einsame Kind. Auf dem großen Hof waren so viele Knechte und Mägde, und

sie waren nicht eben böse gegen das Gottswillenkind. Aber sie dachten,

es müsse froh sein, wenn es überhaupt einen Unterschlupf habe, und es

solle sich nur beizeiten daran gewöhnen, sich in anderer Leute Willen

zu schicken. So übten sie es denn alle miteinander darin, daß es sich

schicken lerne. »Vronik, treib die Hühner zusammen,« »Vronik, du kannst

mir meine Stiefel schmieren,« »wo ist die Vronik? sie soll Kartoffeln

waschen,« so hieß es den ganzen Tag. Und Vronik ließ sich das nicht zu

sehr anfechten; sie war immer bei der Hand und wenn sie nicht zu müde

war, sang sie noch zu ihrer Arbeit irgend eines der schönen Lieder,

die sie die Mutter noch gelehrt hatte. Die schönste Zeit für sie war,

wenn sie am Sonntag nachmittag mit den Kindern hinausziehen durfte an

ein schönes Plätzchen. Da gab sie den Kleinen Blumen und Steinchen zum

Spielen und dann konnte sie sich hinsetzen und viel Schönes ausdenken.

Wie es früher gewesen war, und wie es später werden würde, wenn der

Konrad groß war und Geld verdiente. Ja, daß der Konrad nicht in den

Wald konnte, das war freilich betrübt. Der mußte am Sonntag fast noch

fleißiger sein als am Werktag; denn da mußte er den Bauernburschen die

Kegel aufsetzen und noch vieles andere tun. Und dann kam er immer am

späten Abend so verzagt heran, und Vroniks Trost wollte gar nicht bei

ihm verfangen. Auch heute nicht. Er machte ein düsteres Gesicht und

sagte: »Wenn wir nur fort könnten, Vronik. Wenn wir nur wieder in die

Schweiz könnten oder irgendwohin, wo es anders ist. Der Lammwirt hat

mich heute so oft am Ohr gerissen und dann noch gesagt: ›Du bist ein

Nichtsnutz und dein Essen verdienst du nicht einmal.‹ Und ich habe

immer Schlaf und immer Hunger. Ans Lernen komme ich auch nicht. Wenn

ich dann im Winter wieder in die Schule muß, so setzt mich der Lehrer

zu den Nichtskönnern. Und ich möchte doch so gern lernen.«

Vronik wußte auch nicht gleich zu raten. Sie hätte ja gern Konrads

Hand genommen und wäre mit ihm ins Land hinausgewandert. Die Sternlein

schienen so hell und freundlich am Himmel und in den Bäumen rauschte

der Nachtwind ganz weich und lieblich. Sie hätte sich nicht gefürchtet.

Aber wohin? Und dann fiel ihr auch ein, daß die Mutter oft gesagt

hatte: »Man muß mit dem zufrieden sein, was einem der liebe Gott gibt.

Wenn man immer etwas anderes will, so kann er einem dann nicht mehr

helfen.«

So sagte Vronik nach einem Weilchen: »Nein, Konrad, fortgehen, das

dürfen wir nicht. Und wir wissen auch nicht, wohin? Es dauert sicher

nicht mehr so lang, bis du dann groß bist und Geld verdienen kannst.

Und dann ziehen wir zusammen.«

Dem Konrad schien das Leben immer wieder erträglich zu sein, wenn er

bei Vronik war; denn sie fand an allem eine gute Seite heraus, wenn sie

auch noch klein war und jünger als er. Und sie wußte immer etwas zu

erzählen, was sie erlebt hatte, so daß der Konrad oft nur zu staunen

hatte.

Heute wurde natürlich das Erlebnis im Walde ausführlich berichtet. In

Vroniks Herzlein war ein großes Mitleid für die arme Frau aufgewacht,

die nicht einmal mehr wußte, was ein Trost ist.

»Wenn ich nur etwas wüßte, daß sie wieder ein bißchen froh wird,« sagte

Vronik, als sie ihren Bericht vollendet hatte. »Und du auch, Konrad.

Wenn ich vergnügt sein will, dann fällt mir immer der Lammwirt ein, wie

er dich am Ohr reißt und daß du dann so ein trutziges Gesicht machst.

Und jetzt auch noch die Frau da droben. Ich möchte nur allen helfen

können.«

»Der liebe Gott kann allen helfen,« hatte die Mutter oft gesagt.

Und oft hilft er einem traurigen Menschenkind durch das andere, daß

dann beide wieder fröhlich sein können. Man muß nur warten können, er

macht es schon noch gut. --

Als die beiden Waisenkinder sich in dieser Nacht trennten, waren sie

beide fröhlicher als vorher; denn es war ihnen wieder in den Sinn

gekommen, daß schon alles noch gut werde. Und als sie dann in ihrem

Kämmerlein lagen und ihr Nachtgebet sprachen, da winkten die Sternlein

tröstlich zu ihnen herein und die Gottswillenkinder schliefen so

sanft, wie nur irgend wohlbehütete Kinder unter den Augen ihrer Eltern

schlafen können.

* * * * *

Ursula hantierte am frühen Morgen geräuschlos in dem weißen Häuschen

herum. Sie fegte und stäubte ab und manchmal warf sie einen

wohlgefälligen Blick auf die schöne Gegend, die sich an dem strahlenden

Herbstmorgen so lieblich vor den Augen ausbreitete, wenn man nur zum

Fenster hinaussah. Drinnen im Schlafzimmer rührte sich noch nichts

und Ursula war das gewöhnt; denn seit nicht mehr die fröhlichen

Kinderstimmen in aller Frühe wach wurden und das Haus lebendig machten,

wollte Frau Behrens den Morgen nicht mehr ansehen.

»Ich habe keinen Mut mehr zum Aufstehen,« klagte sie oft. »Es treibt

mich ja nichts mehr heraus.«

Sie hätte wohl noch eine Pflicht gehabt, aber es war eine, die der

armen Frau das Herz noch schwerer machte als es schon vorher war. In

Ursulas Stübchen stand noch ein kleines Bett. Darin lag eine schmale,

kleine Gestalt mit einem weißen, farblosen Gesichtchen, darin nichts

lebendig schien, als ein Paar große, braune Augen. Sie lag Tag für Tag

still und unbeweglich da, die kleine Gertrud, und man fürchtete, daß

es auch niemals anders mit ihr werden würde. Das war das einzige Kind,

das der armen Frau noch am Leben geblieben war. Es konnte nicht reden,

sich nicht bewegen, lachte und weinte nicht. Frau Behrens konnte es

nicht lieb haben. »Warum hat mir Gott die gesunden Kinder genommen und

dieses gelassen, das nur zum Jammer auf der Welt ist, sich und mir zum

Jammer?« So klagte sie oft, und Ursula hatte es längst aufgegeben, ihr

zuzureden. Sie tat dem hilflosen Geschöpfchen alles, was sie konnte.

Sie gab ihm die Nahrung, hielt es sauber und sorgte ihm für ein gutes

Lager. »Wenn man nur wüßte, ob es einen versteht,« dachte sie oft, wenn

die braunen Augen so ausdrucksvoll auf sie gerichtet waren.

Eben hatte Ursula ein paar wimmernde Töne vernommen. Diese waren immer

das Zeichen, daß Gertrud erwacht war. Sie wollte eben hineingehen, da

sah sie eine kleine Gestalt unter der Haustür. Ein mächtiger Strauß

fiel auf die Steinstaffel und dann huschte die Gestalt wieder hinunter.

»Halt einmal, was ist denn da los?« fragte Ursula erstaunt, und schon

hatte sie Vronik, denn diese war es, am Röckchen erfaßt.

[Illustration]

Das Kind strebte weiter; es war dunkelrot im Gesicht. »Laß mich,« sagte

es, »ich muß schnell heim, die Bäuerin zankt sonst. Es ist nichts

Böses, ich hab nur der Frau einen Strauß gebracht, weil sie so arm

ist.« »Was weißt du, ob Frau Behrens arm ist,« sagte Ursula ein wenig

unfreundlich. Denn sie wußte nichts von der Begegnung im Walde und

dachte, es könne ihrer Herrin vielleicht unangenehm sein, wenn sich

jemand um sie bekümmere. »Wo ist sie?« fragte Vronik etwas erschrocken.

»Sie kennt mich schon und sie hat gesagt« -- hier stockte sie. Denn

Frau Behrens trat unter die Tür. Sie hatte das Kind gehört und winkte

ihm freundlich zu. Ursula schüttelte erstaunt den Kopf. Hatte man so

etwas je erlebt? Das barfüßige Mädchen kam strahlend auf die Dame zu

und sagte fröhlich: »Ich habe dir den Strauß geholt. Ich habe den

Knechten die Morgensuppe in die Au gebracht. Und es ist noch so lang

bis an den Sonntag, drei Tage noch. Da hab' ich schnell das Heidekraut

gepflückt. Und der Konrad hat gesagt, wenn man nicht mehr wisse, was

ein Trost sei, so müsse man es dem lieben Gott sagen, der wisse es dann

schon. Der Konrad hat es auch nicht mehr gewußt, den reißt der Lammwirt

oft am Ohr, daß es weh tut.«

»So,« sagte Frau Behrens, »das ist freilich schlimm, wenn er das tut.

Aber weiß denn der Konrad jetzt, was ihm gut tun kann?« »Ja, er weiß es

schon,« sagte Vronik. »Er vergißt's nur allemal wieder, daß man alles

dem lieben Gott sagen kann. Daß er machen soll, daß der Konrad lernen

darf, weil er das so gern möchte. Und daß es nicht mehr lang dauert,

bis er groß ist und Geld verdient.«

Ursula traute ihren Augen und Ohren nicht, als nun Frau Behrens dem

Kinde warm die Hand gab und sagte: »Den Konrad muß ich auch sehen. Und

am Sonntag kommst du in den Wald. Vielleicht können wir schon etwas

ausfindig machen, daß dein Bruder mehr lernen darf, wenn er das so gern

will.«

Vronik eilte leichtfüßig davon. Denn es war jetzt keine Zeit zum

Plaudern. Im Pfleghof war große Wäsche, und Vronik hätte sich

verdreifachen können und doch kaum alle Befehle ausführen, die man ihr

gab. Aber sie tat heute alles noch viel vergnügter als sonst. Sie mußte

an einemfort vor sich hinsingen. Sogar die alte Obermagd, die sonst

nicht viel sagte, fragte verwundert:

»Was freut jetzt auch das Mädchen so? Das hat doch einen Leichtsinn,

man sollt's nicht glauben. Und hat's erst gar nicht nötig, das

Leichtsinnigsein. Wenn man keinen Menschen hat und keinen Pfennig

Geld.« Vronik brauchte aber gar kein Geld zum Vergnügtsein. Und daß

eben erst, heute schon, ein Mensch freundlich und teilnehmend mit dem

armen Gottswillenkind gesprochen hatte, das wußte die alte Obermagd

nicht. Vronik hörte es immerfort noch in den Ohren tönen: »Wir können

dann vielleicht schon noch etwas ausfindig machen, daß der Konrad mehr

lernen kann, wenn er das so gern möchte.«

Das war ganz genug, um den ganzen Tag fröhlich zu sein, bis dann am

Abend der Konrad kam und man es ihm mitteilen konnte. Vronik konnte

sich nicht besinnen, was Frau Behrens wohl dazu tun könnte, daß der

Konrad mehr lernen dürfe. Sie freute sich nur darüber und glaubte ganz

sicher, daß es wahr werde. »Der liebe Gott kann alles machen,« hatte

die Mutter oft gesagt, und Vronik zweifelte gar nicht, daß er das

machen könne.

Aber am Abend kam der Konrad nicht in den Hof und auch nicht an

den beiden folgenden. Vronik wartete lange auf ihn und wurde immer

unruhiger. Ins Lamm gehen, das durfte sie nicht. Der Lammwirt hatte ihr

einmal gesagt: »Das Zusammengeläufe verbitte ich mir, und dich will ich

nicht in meinem Haus antreffen.« Und dazu hatte der große Metzgerhund

Flox so grimmig geknurrt, als ob er hätte sagen wollen: »Und ich dich

auch nicht oder es geht dir dann schlecht.« Seither fürchtete sich das

Kind vor beiden, dem Mann und dem Hund. Aber am Sonntagmorgen hielt es

Vronik nicht mehr aus. Sobald sie ein Weilchen abkommen konnte, ging

sie doch hinunter auf den freien Platz, an dem das stattliche Wirtshaus

stand, dessen goldenes Lamm in der Sonne glänzte. Sie wollte nur sehen,

ob sie nicht an irgend einem Fenster den Konrad entdecken könne. Aber

da kam gerade der gefürchtete Lammwirt in hohen, blankgewichsten

Stiefeln zum Haus heraus. Er führte den Hund an der Leine, hatte einen

festen Stock in der Hand und eine Schildkappe auf und ging mit großen

Schritten die Straße hinunter. Vronik hatte sich zitternd an die Wand

gedrückt, als sie die beiden sah, nun atmete sie leicht auf, denn nun

war nichts zu befürchten. Sie huschte schnell ins Haus, sah sich im

Flur und im Schenkraum um und fand endlich den Bruder in der Küche.

Er saß auf einem Bänkchen und putzte Rüben. Sein Fuß lag auf einem

Holzklotz und war dick mit Lappen umwickelt und sein Gesicht war noch

blässer und finsterer als sonst. Vronik erschrak, als sie ihn so fand.

»Was hast du, was ist, daß du nicht kommst?« sagte sie ängstlich. »Hat

er dir etwas getan?« Konrad schüttelte den Kopf und sah sich zuerst

nach allen Seiten um, ehe er antwortete. »Ich habe ein Glas zerbrochen,

und bin noch in einen Scherben getreten,« sagte er. »Jetzt ist mein

Fuß dick geschwollen. Und Schläge habe ich auch bekommen. O wenn ich

nur gar nicht mehr am Leben wäre.« Und dabei rollten dem Konrad dicke

Tränen über die bleichen Backen.

Es war ein wenig schwer für Vronik, hier eine gute Seite an der Sache

zu finden. Denn niemand pflegte den Konrad recht. Der Lammwirt hatte

keine Frau. Vor seiner alten Mutter fürchteten sich die Kinder fast

ebensosehr, wie vor dem Lammwirt selbst, denn sie hatte eine sehr

unfreundliche Gemütsart. Und die Köchin dachte, der Fuß werde schon von

selbst wieder gut werden. So war es kein Wunder, daß dem Konrad das

Herz noch schwerer war, als sonst schon vorher. Denn er kam sich jetzt

so verlassen und unglücklich vor, als ob es auch für ihn keinen Trost

mehr gebe auf der ganzen Welt. Das konnte aber Vronik nicht ertragen.

»Ich habe dir zwei Birnen gebracht,« sagte sie. »Sie sind gut, ich hab

sie vom Stallknecht, weil ich ihm die Stiefel gewaschen habe. Du mußt

jetzt nicht weinen. Ich habe ein frisches Halstüchlein, das mache ich

naß und binde es um den Fuß, das tut dir gut.«

Der Fuß war entzündet und tat weh. Und Konrads trauriges Herz konnte

auch Vronik nicht so schnell hell und fröhlich machen. Aber es war

doch gut, daß sie gekommen war. Denn jetzt setzte sie sich noch ein

Weilchen zu dem Bruder auf das niedrige Bänklein. Und wenn er sagte:

»Es hilft doch nichts, wenn man sich auch Mühe gibt, so viel man kann.

Und es dauert so lang, bis man groß wird, daß man es fast nicht erleben

kann,« so wußte sie doch immer wieder einen Trost. Und heute hatte

sie ja noch einen besonderen. »Die Frau Behrens hat gesagt, sie wolle

dann schon etwas ausfindig machen, daß du lernen dürfest,« erzählte

sie. »Vielleicht will sie den Lammwirt fragen, ob er's nicht erlaube.«

»Der erlaubt's nicht,« sagte Konrad mutlos. »Jetzt mußt du dich einmal

gar nicht mehr besinnen, die Frau Behrens besinnt sich schon selber,«

ermahnte Vronik. »Heute nachmittag seh' ich sie im Wald. Und dann komme

ich bald wieder zu dir und sage dir alles.«

[Illustration]

Vronik mußte gehen. Denn sie hatte auf dem Hof noch viel zu tun. Und

sie wollte auch lieber nicht abwarten, bis der Herr des Hauses mit dem

Hund zurückkäme.

Konrad blieb in seiner trübseligen Küche allein. Aber er sah nicht

mehr so finster aus als zuvor. Vronik hatte ihn ein wenig aufgeheitert

mit ihrem Besuch und mit dem, was sie gesagt hatte. Und nun fingen

die Glocken an zu läuten und auf dem Fenstersims zwitscherte lustig

ein dicker Spatz, und ein heller Sonnenstrahl fiel auf den Steinboden

der Küche und tanzte dort hin und her. Da kam es dem einsamen Buben

wieder tröstlich in den Sinn, daß der liebe Gott sein Vater sein wolle

und es schon noch gut mit ihm machen werde. Er wollte nur nicht immer

vergessen, sich an ihn zu halten.

Die Köchin war auch in sonntäglicher Stimmung. Sie konnte zwar nicht in

die Kirche gehen, aber sie kam doch mit einer frischen Schürze angetan

aus ihrer Kammer herunter und summte ein schönes Lied vor sich hin, als

sie am Herde hantierte. Und als sie Waffeln buk, geschah das Unerhörte,

daß sie dem Konrad eine davon, die noch warm und goldbraun war, mit

Zucker bestreute und gab. »Da, du armer Schlucker,« sagte, »daß du auch

weißt, daß Sonntag ist.«

Nein, heute wollte der Konrad nicht mehr verdrießlich sein! Und er

wußte erst noch nicht, daß schon alles auf dem besten Wege war für

ihn und er nur noch ein Weilchen warten mußte, bis ihm der liebe Gott

helfen wollte.

* * * * *

Der Abend dämmerte schon. Den schmalen Fußpfad vom Dorfe her nach

dem »weißen Häuschen« ging langsam, mit gesenktem Kopf, ein kleines,

barfüßiges Mädchen. Es war Vronik. Sie hatte ihre Schutzbefohlenen,

den Daniel und das Regele, nach Hause geführt. Nun durfte sie noch ein

Weilchen tun, was sie gern wollte.

Vronik hatte den ganzen, langen Nachmittag im Wald an dem bekannten

Plätzchen gewartet, ob Frau Behrens nicht komme, aber umsonst. Die

Kinder konnten heute nicht so befriedigt sein von ihrer Hüterin wie

gewöhnlich. Denn diese horchte an einem fort, ob sich kein Tritt hören

lasse, und dann ging sie wieder ein Stückchen weit den Berg hinauf,

um zu sehen, ob nirgends eine schwarze Gestalt aus den Büschen trete.

Denn sie hatte so viel auf dem Herzen, und es ist nicht leicht, ganz

umsonst auf den einzigen Menschen zu warten, von dem man glaubt, daß

er einem helfen könnte. Und Vronik wußte ja, daß es nun wieder eine

ganze Woche anstehen werde, bis sie Frau Behrens sehen könne. Da war

es nicht zu verwundern, daß sie nicht wie sonst auf die vielen Wünsche

und Fragen der Kinder hörte, sondern nur allemal wieder sagte: »Ja,

ja, spielet jetzt nur auch ein wenig allein. Immer kann ich euch auch

nicht vorsingen.« So hatte die Vronik heute gar kein so sonntägliches

Gefühl wie sonst, als sie ihr Wägelchen nach Hause schob. Sie mußte nur

immer denken: »Warum ist die Frau nicht gekommen? Hat sie am Ende ganz

vergessen, daß sie sich auf etwas Gutes für den Konrad besinnen

wollte?«

[Illustration]

Unter solchen Gedanken hatte die Vronik fast unbewußt den Waldweg

eingeschlagen, als sie nun freie Zeit hatte. Nun stand sie vor dem

Häuschen. Es saß niemand mehr auf dem Bänkchen vor der Türe, denn es

war schon Dämmerung und kühl. Ein heller Lichtschein fiel aus dem

Fenster. Da drinnen im Zimmer würde nun wohl die fremde Frau sitzen,

die nicht mehr wußte, was ein Trost ist und die doch dem armen Kinde

schon ein Trost geworden war. Vronik konnte es nicht lassen, sie

mußte sich auf das Bänkchen stellen, das gerade unter dem erleuchteten

Fenster stand. Nur einen Augenblick hineinsehen wollte sie, es würde es

ja niemand merken. Nur geschwind sehen, ob die Frau etwa krank sei oder

ob sie nun gerade so traurig, wie sonst, vor dem Haus am Tisch unter

der Lampe sitze und vor sich hinstarre.

Es sah aber ein wenig anders aus in dem Zimmer, als Vronik sich

vorgestellt hatte. So etwas Behagliches, Heimliches hatte das Kind noch

nie gesehen, dem seither das einfache Stübchen daheim bei der Mutter

und von noch früher her das Arbeiterhäuschen in der Schweiz als das

Schönste, was es geben konnte, vorgeschwebt war.

Vronik drückte das Gesicht fest an die Scheiben, um nur alles genau

sehen zu können, die Bilder an den Wänden, die Blumen in Töpfen

und Schalen, die da überall herumstanden, den ganzen zierlichen,

behaglichen Schmuck des wohleingerichteten Wohnzimmers. Frau Behrens

saß aber nicht allein darin. Ein alter Herr mit freundlichem Gesicht

und schneeweißen Haaren saß neben ihr auf dem Sofa und hielt ihre Hand

gefaßt. Und neben den Beiden lag, gerade hell vom Licht der Lampe

beschienen, in einem Korbwagen eine kleine, schmale, weißgekleidete

Gestalt, die gar nicht ausgesehen hätte, als ob sie lebe, wenn nicht

die großen, aufmerksamen Augen sich ein wenig bewegt hätten. Vronik

vergaß ganz, was sie da heraufgetrieben hatte, und auch, daß sie hatte

gleich wieder heimgehen wollen. Sie sah nur immerfort auf die kleine

Gruppe in dem erleuchteten Zimmer. Ursula ging hin und her, deckte den

Tisch zum Abendessen und zupfte hier und da, wenn sie an dem Korbwagen

vorüberging, eine Spitze an dem Kleidchen der kleinen Gertrud zurecht,

weil sie dem Kinde jetzt gerade sonst nichts Gutes antun konnte.

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 3 / 17 段