»Aber du kannst froh sein, Büblein,« sagte der Vetter. »Du kannst Gott

Lob und Dank sagen! Siehst du, gerade so hätt's kommen können, wenn

es so fortgegangen wäre wie in der letzten Zeit! Gerade so, und dann

wärst du dein Leben lang unglücklich! Aber gelt, jetzt merkst du dir's,

jetzt kommt's anders?« Der Jaköble nickte mit dem Kopf, aber dann fiel

ihm ein, daß er ja jetzt »Ja« sagen könne und er sagte noch hintennach

laut und deutlich »Ja«. »So komm, so wollen wir ins Haus gehen,« sagte

der Vetter. »Das Mittagessen ist lang vorbei, man hat dich nirgends

gefunden.« »Ist der Vater in die Stadt mit der Liese?« fragte Jaköble.

Es fiel ihm doch ein wenig schwer. »Nein, sie sind nicht gefahren,«

sagte der Andresvetter. »Die Liese hat nicht ohne dich wollen, sie hat

so lang gebettelt, bis der Vater versprochen hat, wenn es dir nachher

noch leid sei, dann dürfest du es immer noch sagen und dann fahre man

morgen.« »Ist das wahr?« Der Jaköble machte nun auch einen Luftsprung,

denn es wurde ihm so leicht, wie schon lange nicht. Er ließ die Hand

des Andresvetters los und lief voran ins Haus. Dort traf er den Vater

unter der Stubentür. Der sah ihn ernsthaft an, aber der Jaköble ließ

ihm gar keine Zeit, etwas zu sagen, er rief gleich laut und fröhlich:

»Ja, ja,« denn sonst fiel ihm nicht gleich etwas ein. Aber der Vater

verstand ihn gut und sein vergnügtes Gesicht sagte auch noch einiges.

So gingen sie miteinander zur Mutter. Die fütterte eben den kleinen

Ludwig und rief erfreut: »Da kommt er ja! Wo bist du denn gesteckt,

Jaköble, du dummes Büblein?« »Er will jetzt brav sein und vergnügt,«

sagte der Vater, »gelt, das willst du?« Und Jaköble sagte »Ja«, denn

es kam ihm immer wieder in den Sinn, daß der Handwerksbursche gesagt

hatte, er könne nicht »Ja« sagen. Er spürte aber gut, daß es nicht an

dem einzigen Wörtlein liege, sondern daß er nicht mehr so trotzig und

mürrisch und undankbar sein dürfe. Und das sagte ihm auch die Mutter am

Abend, als er in seinem Bettchen lag.

So wohl war es dem Jaköble schon lang nicht mehr gewesen, alle waren

so lieb und gut gegen ihn, auch die Liese; warum hatte er nur gemeint,

es könne ihn niemand leiden? »Das hat der Eigensinn gemacht,« sagte

der Andresvetter, als ihn der Jaköble am andern Tag darum fragte.

»Und jetzt will ich dir einmal das Verslein sagen, das ich schon lang

wollte, ich meine, du könntest es jetzt gut lernen.« Und Jaköble sagte

dem Andresvetter Wort für Wort nach:

»Jesu, nimm den Eigensinn

Meines bösen Herzens hin,

Denn ich selbst besieg' ihn nicht,

Hilf du selber, wo's gebricht!

Ach, vergrab ihn in ein Grab,

Daß ich Ruhe vor ihm hab',

Daß er nimmer aufersteh',

Sondern ewig untergeh'!«

Das hat dem Jaköble noch besser geholfen, als der Traum von dem

Handwerksburschen. Denn den Eigensinn muß man gründlich vertreiben,

sonst kann man nicht fröhlich sein.

Das ist die Geschichte vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte. Jetzt

kann er's.

5. Kätterles Christbaum.

Mitten in der großen Stadt in einer engen Straße stand ein hohes,

hohes Haus mit vielen Fenstern und grünen Läden. Es wohnten viele

Leute darin, so viele, daß nicht alle einander kannten. Unten im Haus

war ein Laden und das Glöckchen an der Ladentür bimmelte den ganzen

Tag. Denn die Tür ging immer auf -- zu, auf -- zu, und jedesmal kamen

Leute herein und kauften ein. Zucker und Kaffee konnte man haben, und

Reis und Gerste. Aber auch Mandeln und Rosinen und Schokolade. Am

Schaufenster stand ein großer, kohlschwarzer Neger, kein lebendiger, er

war aus Pappdeckel und angemalt, der trug einen Korb vor sich her mit

Orangen und Datteln, und um den Hals hatte er eine Kette von Feigen.

Und alle kleinen Buben und Mädchen, die da vorbei mußten, standen einen

Augenblick still und sahen sich den Neger an, und ich weiß einen, der

sagte dann jedesmal: »O, wenn ich doch auch eine Halskette von Feigen

hätte, ich wüßte, was ich damit täte!«

Aber von dem allem hörte und sah das kleine Kätterle nichts, obgleich

es auch in demselben Haus mit dem großen Neger wohnte. Und das war

kein Wunder, denn um in ihre Stube zu kommen, mußte man vier Treppen

hoch steigen und dann durch einen dunklen Gang gehen, bis man dann

vielleicht mit dem Kopf an die Türe stieß. Das taten fast alle Leute,

die zu Kätterles Großmutter kamen, weil es so finster war. Innen war's

freilich nicht finster, da waren zwei helle Fenster. An dem einen

saß die Großmutter und nähte, denn sie war eine Flicknähterin, und

die Leute brachten ihr ganze Körbe voll zerrissener Sachen. Und an

dem andern Fenster stand gewöhnlich das Kätterle und sah in den Hof

hinunter. Denn sonst gab es da nichts zu sehen. Das Haus gegenüber

hatte die Fenster nach der andern Seite und hier heraus gingen nur die

Küchenfenster, die meist noch mit Vorhängchen verhüllt waren. Aber

in dem Hof geschah manches, was Kätterle gern sehen wollte. Kisten

wurden abgeladen und ausgepackt, und der große Hofhund Zamba trieb sich

dazwischen herum und bellte laut und lustig. Am lustigsten, wenn die

Kinder aus den unteren Stockwerken im Hof spielten, denn mit denen war

er gut Freund und sie fürchteten sich kein bißchen vor ihm. Kätterle

hielt fast den Atem an, wenn einer der größeren Buben das mächtige

Tier an sich heraufspringen ließ und ihm einen Knochen dreimal wegnahm

und es dreimal darnach springen ließ, ehe es ihn abnagen durfte. So

von weitem zuzusehen war aber ganz vergnüglich, besonders wenn man

sonst keinerlei Vergnügungen hatte. Geschwister und Kameraden hatte

das Kätterle noch nie gehabt, es wohnte da oben, seit es sich denken

konnte, und war fast immer so am Fenster gestanden, und jetzt war es

fünf Jahre alt.

[Illustration]

Die Großmutter ging oft den ganzen Tag aus. Sie nähte dann in den

Häusern, und dann war das Kätterle ganz allein. Wenn sie zu Hause war,

sprach sie auch nicht viel, denn sie hörte nur ganz wenig und war auch

nicht aufgelegt zum Sprechen. Nur manchmal sah sie das Kätterle an,

schüttelte den Kopf und sagte: »Armes Kind!« Die Kleine wußte nicht,

warum die Großmutter so sagte, sie besann sich auch nicht darüber.

Vielleicht meinte die Großmutter, deswegen, weil das Kätterle seine

Eltern nie gekannt habe und weil es sonst niemand habe auf der ganzen

Welt als sie, sei es ein armes Kind. Und das war auch so, denn die

Großmutter war schon sehr alt und oft recht schwach, und man konnte gar

nicht wissen, wie lang sie noch so für die Leute nähen konnte. Und wer

sollte dann Geld verdienen für alle beide?

Aber daran dachte das Kind nicht. Eines Tages, als es an sein

Guckfenster kam, waren die Dächer und Fenstersimsen voll Schnee, der

in der Nacht gefallen war. Und es wirbelten immer noch weiße Flocken

in der Luft umher und setzten sich dann ganz sachte nieder, immer

ein Flöckchen aufs andere. Aus dem Hof schallten lustige Stimmen

herauf. Die Buben schleppten ganze Traglasten Schnee zusammen, und

an der Mauer erhob sich nach und nach, immer deutlicher erkennbar,

ein Schneemann. Kätterle mochte kein Auge abwenden. Jetzt setzten

die Kinder dem Schneemann gar noch einen hohen schwarzen Hut auf und

gaben ihm einen Stock in den Arm, und dann jubelten sie laut hinaus

vor Vergnügen. Vor lauter Lust am Zusehen hatte das Kätterle ganz

überhört, daß die Großmutter schon dreimal gerufen hatte, und das war

doch etwas Seltenes und geschah nicht oft. »Kind, so hör doch,« sagte

die Großmutter nun, so laut sie konnte, so daß sich die Kleine wirklich

umkehrte und erstaunt aufhorchte. »Da nimm einmal mein warmes Tuch und

binde es ganz um dich herum,« fuhr die Großmutter fort. »Und dann geh

hinunter in den Laden, ganz unten im Haus und hol mir Kaffee für das

eingewickelte Geld. Ich kann nicht selber, meine Füße zittern so und

es ist mir ganz elend!« Das war nun etwas völlig Neues für Kätterle.

Die Großmutter brachte sonst immer alles, was sie brauchte, selbst mit

und die Kleine war fast noch nie drunten gewesen, allein noch gar nie.

»Aber wenn Zamba kommt?« fragte sie ein wenig zaghaft. »Kommt nicht,«

beschwichtigte die Großmutter, und Kätterle machte sich auf die Reise.

Wie weit es da hinunter ging! Immer noch eine Treppe und dann mußte

man schließlich zur Haustür hinaus und vornen zur Ladentür hinein.

Ganz verwundert blieb Kätterle stehen, als sie die nach der Straße zu

führende Türe geöffnet hatte. Was konnte nur sein, daß alle Leute so

schnell gingen? Und fast alle trugen Pakete unter dem Arm und einige

sogar Tannenbäume. Und im Schaufenster stand heute anstatt des Negers

ein schön aufgeputzter Christbaum mit Zuckerfiguren und roten Äpfelein,

und Kätterle konnte sich fast nicht von dem Anblick trennen. Als sie

in den Laden trat, fragte die Frau: »Gehörst du nicht unserer alten

Flickkatharine droben?« Das Kind nickte, denn es hatte die Großmutter

schon manchmal so nennen hören. »Warum kommt sie denn nicht selber

heute?« wollte die Frau wissen. »Ihre Füße zittern so und es ist ihr so

elend,« berichtete Kätterle, denn das war alles, was es wußte. »Armes

Kind,« sagte die Frau und wandte sich an ihren Mann: »Man muß dem alten

Weib ein wenig aufhelfen mit einem Wein oder so! Sie treibt's so wie so

nimmer lang!«

Dann gab sie dem Kind die Düte und noch eine Feige in die Hand und

sagte noch: »Einen Christbaum habt ihr doch auch noch nicht? Ja, dazu

langt's freilich nicht bei so armen Leuten!« Das Kätterle war schon

wieder hinausgeschlüpft und besann sich nun unterwegs, während es in

seine Feige biß, über alles Neue, was es gesehen und gehört hatte.

Der Christbaum! War der schön! Kätterle mußte tief aufatmen! Die

Großmutter hatte ihm auch einmal einen geputzt, mit etlichen Lichtchen

und Bretzeln dran, ein kleines Bäumlein, aber es war doch eine Freude

und Herrlichkeit gewesen. Und jetzt kam scheint's der Christtag wieder.

Kätterle nahm sich vor, das der Großmutter sogleich beim Hinaufkommen

auseinanderzusetzen, wahrscheinlich hatte sie es nur vergessen.

Eifrig stieg das Kind die Treppen empor. Da, es hatte schon drei

erstiegen, ging eine Glastür auf und eine alte Dame, die ganz in einem

bunten Schlafrock steckte, kam heraus. Sie sah etwas sonderbar aus,

denn am Kopf hatte sie lauter weiße Papierchen und darüber waren die

Haare gewickelt.

Kätterle mußte genau hinsehen, denn so etwas hatte sie noch nie

erblickt. Aber Fräulein Glöckler, so hieß die alte Dame, war sehr in

Aufregung. »Sag einmal, Kind,« fing sie sogleich an, »gehörst du der

alten Frau, die ganz oben wohnt? Gehen eure Fenster auf den Hof? Und

habt ihr ein Schnittlauchkistchen vor dem einen Fenster?« Kätterle

konnte nur immerfort nicken, denn es stimmte alles, und die Fragen

kamen so schnell aufeinander, daß man sonst gar nichts sagen konnte.

»Dann muß ich mit dir hinaufgehen! Denn dann kann man das Kätzchen von

eurem Fenster aus holen! Es hat sich verstiegen, das arme Tierchen, und

sitzt nun ganz oben am Dach und schreit so kläglich. Komm mit, komm

schnell mit, Kind, und zeig mir den Weg.«

Kätterle ging bereitwillig voran und die Dame keuchte hintendrein, aber

in dem langen Gang mußte sie Kätterles Hand erfassen, sonst hätte sie

sich bei jedem Schritt gefürchtet.

Jetzt machte das Kind die Tür auf und Fräulein Glöckler eilte noch

vor ihm in die Stube, denn sie hatte es sehr eilig, zu dem Kätzchen

zu kommen. Aber auf einmal blieb sie stehen. »Was ist das?« rief sie

erschrocken und eilte auf die Großmutter zu. Die saß noch an ihrem

gleichen Fensterplätzchen, aber sie sah aus, als ob sie fest schlafe,

denn der Kopf hing ihr ganz tief über die Brust herunter. Fräulein

Glöckler schüttelte sie und rief laut: »So wachen Sie doch auf, Frau!

Was ist denn nur?« »Sie hört nichts,« berichtete das Kind, »man muß

ganz laut und oft rufen!« Aber das lebhafte Fräulein war auf einmal

ganz still geworden.

»Das nützt nichts, laut zu rufen,« sagte sie nur zu Kätterle, »die

Großmutter wacht nicht mehr auf.« Das wunderte das Kätterle sehr, denn

es konnte nicht verstehen, was damit gemeint sei. Daß nämlich die

Großmutter jetzt gerade, so lang es drunten war, gestorben sei und nie,

gar nie mehr aufwachen würde. Dann fuhr das Fräulein fort: »Wen hast

du sonst noch? Hast du einen Vater oder einen Onkel? Oder wen muß man

rufen, daß er das Nötige besorgt?«

»Man muß niemand rufen, als nur der Großmutter und sonst ist auch gar

niemand,« sagte das Kätterle. Das Fräulein sah wohl, daß das Kind

nicht wußte, wie es dran war. So holte sie sich jetzt ihr Kätzchen,

das man wirklich vom Fenster aus gut erreichen konnte, und nahm es

auf den Arm. Zu Kätterle sagte sie: »Setz dich nur einstweilen still

hin, ich schicke dir jemand.« Dann ging sie, um der Kaufmannsfrau

unten alles mitzuteilen. Das Kätterle saß auch wirklich still. Es

hatte so viel erlebt und mußte sich jetzt über alles besinnen. Es

kam ihm so merkwürdig vor, daß die Großmutter noch immer ganz gleich

dasaß und sich nicht rührte. Und dann das Fräulein mit dem sonderbaren

Kopfschmuck! Und dieses wollte wieder jemand schicken! Und über all den

vielen Gedanken schlief das Kind auf seinem Tritt am Fenster sitzend

ein und träumte etwas ganz Wunderschönes. Denn der Christbaum vom Laden

unten stand auf seinem Tisch und alle Lichtchen brannten und der Baum

gehörte ihm, dem Kätterle. Und dann war auch das Fräulein Glöckler da,

aber mit einem netten Spitzenhäubchen auf, und sprach ganz freundlich

mit Kätterle, und das schwarz- und weißgefleckte Kätzchen schnurrte

dazu.

Auf einmal machte das Kind verwundert die Augen auf, es hatte

fremde Stimmen gehört und jetzt waren zwei Männer da und noch die

Kaufmannsfrau von unten. »Tot ist sie, darüber ist kein Zweifel,« sagte

der eine Mann. Und der andere fügte hinzu: »Da könnte man dann sogleich

alles besorgen, daß die Sache erledigt ist.« Die Frau strich dem Kind

über das Haar und sagte: »Jetzt bist du erst ganz verlassen, armes

Ding! Bleib nur einstweilen ganz ruhig an deinem Fenster, ich schicke

dir eine Suppe herauf. Und was dann aus dir wird, das weiß freilich der

liebe Gott! Ich muß jetzt schnell wieder in meinen Laden hinunter, und

drunten kann ich dich nicht brauchen, verstehst du?«

Ach nein, das Kätterle verstand nichts von allem, gar nichts! Am

allerwenigsten das, warum die fremden Leute jetzt die Großmutter

in einen dunkeln Kasten legten und forttrugen. Jetzt erst fing es

an, bitterlich zu weinen, denn es kam sich nun wirklich einsam und

verlassen vor, ganz anders als sonst, wenn die Großmutter ganze Tage

lang fortgewesen war.

Aber die Kaufmannsfrau hatte gesagt: »Was dann aus dir wird, weiß nur

der liebe Gott.« Und das war auch wahr, und es war ganz genug, daß er

es wußte.

Das Fräulein Glöckler unten hatte sich einstweilen ihre Haare

abgewickelt, es hatte schöne Locken gegeben, und dann hatte sie ein

hübsches Kleid angezogen und ein kleines Spitzenhäubchen aufgesetzt.

Denn sie wollte gern festlich aussehen, weil heute der heilige Abend

war. Auf dem Tisch stand ein kleines Tannenbäumchen, das war mit

Lichtchen und Zuckersachen und vielen kleinen Würstchen behängt, und

das sollte für ihr Kätzchen sein. Denn das Fräulein hatte niemand auf

der ganzen Welt und liebte nur ihr Kätzchen, das Mimi hieß und in einem

gepolsterten Körbchen schlief. Aber auf einmal hörte das Fräulein

ein leises Weinen; das kam von oben her, wo das verlassene Kind so

bitterlich schluchzte, daß man's durch die Decke hörte. Fräulein

Glöckler ging ins andere Zimmer; sie wollte nicht gern das Weinen

hören. Aber da hörte sie es auch und sie ging unruhig hin und her und

nahm immer wieder einen Augenblick das Kätzchen auf den Arm und setzte

es dann wieder hin. Denn sie mußte immer wieder daran denken, daß das

Kind gesagt hatte: »Man kann niemand rufen als nur der Großmutter und

sonst ist niemand da.«

[Illustration]

Es wurde schon dunkel, da nahm Fräulein Glöckler das Christbäumchen

und löste alle Würstchen aus den Zweigen und dafür holte sie aus

einer Schublade Glaskugeln und einen kleinen Wachsengel und zwei

Silbersterne. Das alles hängte sie an das Bäumchen und zündete die

Lichtchen an. Dann stieg sie die Treppe hinauf, tastete sich durch den

dunklen Gang und fand auch richtig die Tür. Da saß das Kätterle und

hatte sich in den Schlaf geweint. Und es schlief so fest, daß es gar

nicht merkte, wie es von dem alten Fräulein auf den Arm genommen und

hinuntergetragen wurde. Es machte erst die Augen auf, als es in der

Sofaecke saß und der Glanz der brennenden Lichtlein auf sein Gesicht

fiel.

Kätterle rieb sich verwundert die Augen und das Fräulein lachte ganz

vergnügt und das Kätzchen schnurrte dazu. Das hatte seine Würstchen auf

einem Teller vor sich und war ganz zufrieden damit. Denn Katzen wissen

nichts mit Christbäumen anzufangen, und der liebe Gott hatte gewollt,

daß das Bäumchen für das Kind und nicht für das Kätzchen sein sollte.

Bald war das Kätterle so vergnügt, wie andere Kinder auch am heiligen

Abend. Denn das Fräulein hatte ihm einen ganzen Teller voll guter

Sachen geschenkt und dann so lieb und freundlich mit ihm gesprochen,

wie sogar die Großmutter nie getan hatte.

Am andern Tag kam das Kätzchen heran, als Kätterle auf Fräulein

Glöcklers Schoß saß und sich von ihr Bilder zeigen ließ. Es schnurrte,

so laut es konnte, denn das war ihm noch nie begegnet, daß seine Herrin

stundenlang gar nichts mit ihm gesprochen hatte. Aber diese merkte es

gar nicht, so vergnügt war sie über ihr neues Pflegekind. Und das hatte

der liebe Gott auch so gewollt, denn sie waren alle beide verlassen und

einsam gewesen, und jetzt war beiden geholfen.

Ein paar Tage später kam die Kaufmannsfrau von unten und sagte: »Das

war recht, daß Sie sich so um das Kleine angenommen haben. Es fällt

Ihnen nun nicht mehr lang zur Last, es soll ins Waisenhaus kommen!« »Ei

behüte,« sagte das Fräulein und nahm das Kind fest in den Arm. »Ich

geb's nicht mehr her, gelt, Kätterle, wir bleiben beisammen?«

Und das Kind nickte mit strahlendem Gesicht.

»Das muß wahr sein,« sagte die Kaufmannsfrau, als sie wieder in ihren

Laden ging, »es passieren doch merkwürdige Sachen! Das weiß der liebe

Gott!«

6. Die Gottswillenkinder.

Da, wo sich im Badener Land der Schwarzwald gegen das Rheintal hin

öffnet, liegt ein stattliches Dorf. Es schaut von einer Anhöhe herab

und freundlich und heimelig ins Land hinein mit seinen sauberen,

schindelgedeckten Häusern, die helle Fenster haben und blühende

Blumengärtlein zu beiden Seiten der Haustür.

Gleich hinter dem Dorfe fängt der Wald an. Er steht wie eine schützende

Mauer hinter den Häusern, während sich die fruchtbaren Felder

talabwärts, in die Ebene hinein, erstrecken. Dort, ein wenig vom Ende

des Dorfs entfernt, schon fast im Schatten des Waldes, steht ein

kleines, weißes Haus mit grünen Läden und einer zierlichen Veranda. Die

Tür ist von Efeu umrankt und das Häuschen sieht so fröhlich aus, als

ob gar niemals etwas Düsteres darin Platz finden könnte. Ehe die Sonne

untergeht, winkt sie allemal noch einen freundlichen Abschiedsgruß

herüber und dann glänzen alle Fensterscheiben so golden, als wäre das

Häuschen ganz mit Sonnenschein angefüllt.

Einst, vor Jahren schon, konnte man an solchen sonnigen Abenden eine

dunkle Frauengestalt unter der Türe sitzen sehen. Sie sah ganz und gar

nicht aus, als ob sie viel von Sonnenschein wisse. Denn ihr Gesicht

hatte einen tieftraurigen Ausdruck und manchmal legte sie die Hand vor

die Augen und stöhnte leise. Man konnte von ihrem Sitz aus so viel

Schönes sehen, daß wohl mancher froh gewesen wäre, es sehen zu können.

Da glitzerte ganz unten im Tal der Rheinstrom wie Silber und Gold, wenn

die Sonne hineinschien, und dahinter waren wieder Berge, die Vogesen,

die am Morgen weiße Nebelschleier trugen, und am Abend, wenn die Sonne

unterging, rot und golden angemalt schienen. Aber die traurige Frau sah

nichts von all der Pracht und Herrlichkeit. Wenn die Sonne hinunter

war, stand sie auf und ging ein wenig am Waldrand entlang. Dann kehrte

sie wieder in ihr Haus zurück.

Im Frühling war ein alter Herr ins Dorf gekommen und hatte das

Häuschen, das gerade leer stand, gekauft. Dann hatte er Arbeiter

geschickt, die alles freundlich und sauber herrichten mußten. Und bald

darauf war die Frau eingezogen. Eine alte Magd kam mit ihr, die das

Hauswesen besorgte und die Einkäufe im Dorfe machte.

Manche Leute behaupteten, daß »das weiße Häuschen«, wie es im Dorfe

hieß, noch einen Bewohner habe. Sicher wußte es niemand, denn es kam

kein Mensch zu der fremden Frau. Aber die Dorfbuben, die bei der

Ankunft der Fremden zugesehen hatten, sagten, daß die Ursula, so hieß

die Magd, eine kleine, verhüllte Gestalt aus dem Wagen und ins Haus

getragen habe.

Von Ursula selbst erfuhr man nichts. Ihre Sprache klang ganz anders,

als die der Leute in der Gegend. Und sie hielt sich nie lang auf, wenn

sie ins Dorf kam. So machten sich die Leute selbst ihre Gedanken über

die Bewohner des weißen Häuschens. Und alle waren darin einig, daß die

Frau gemütskrank sein müsse. »Denn sonst wäre sie doch unter die Leute

gekommen und täte nicht, als ob sie ganz allein auf der Welt wäre,«

sagte eine Bäuerin zur andern. Jetzt ging es gegen den Herbst hin. Man

sprach im Dorf schon nicht mehr so viel von den Fremden, und diese

lebten still vor sich hin wie immer.

Es war ein so schöner, sonniger Abend wie man ihn sich nur denken

konnte. Die ganze Rheinebene lag glänzend und klar ausgebreitet und

die Vogesen hatten einen bläulichen Schimmer. Vom Dorfe her tönten

die lauten, lustigen Stimmen der Kinder, die auf dem freien Platz vor

der Kirche spielten. Im Gras zirpten die Grillen, und in der Luft

summten zahllose Mücklein. Es sah aus, als ob alles, alles sich seines

Lebens freue. Das war die Zeit, wo es die traurige Frau nicht auf

ihrem Sitz vor dem Häuschen aushielt. Denn sie konnte keine fröhlichen

Kinderstimmen mehr hören, seit man ihre eigenen Kinder, die blonde,

sanfte Irma und den lustigen Krauskopf Hellmut, begraben hatte. Sie

lagen weit, weit von hier in zwei kleinen Gräbern nebeneinander. Die

traurige Frau hatte auch keinen Mann mehr; der war als Offizier im

Krieg gefallen. Und sie dachte, daß es nun und für alle Zeit für sie

mit aller Freude am Leben ganz vorbei sei.

Jetzt stand sie auf und schritt dem Walde zu, ihren täglichen Weg,

einen schmalen, moosigen Pfad zwischen niedrigen Stechpalmen. Am

Eingang des Hochwaldes war ein glatter Baumstumpf, da ließ sie sich

nieder und sah wieder unbeweglich vor sich hin.

Plötzlich hörte sie Kinderstimmen. Ein kleiner Bube schrie kläglich in

seinem Wägelchen, das sich, von einem Mädchen geschoben, knarrend den

Berg herunterbewegte. Es saß noch ein dickes, rotbackiges Mägdlein in

dem Wägelchen, das sah die Frau, als sie flüchtig aufsah. Dann bedeckte

sie das Gesicht mit den Händen.

Die Kinder hatten die dunkle Gestalt noch nicht gesehen. Jetzt stand

das Wägelchen still, ganz in der Nähe der Fremden, aber durch einen

dichten Busch verdeckt. »Sei still, Daniel,« sagte die Mädchenstimme,

»und du auch, Regele, ich sing euch eins. Heim dürfen wir noch nicht.

's ist ja Sonntag heut. Da will man daheim seine Ruh, hat die Bäuerin

gesagt. Wann die Betglocke läutet, dann gehen wir heim.«

[Illustration]

Das Geschrei verstummte, denn das Kindsmägdlein hatte den Schreier

herausgenommen und auf den Schoß gesetzt. Nun fing es an zu singen. Es

war ein dünnes Stimmlein, aber es klang doch lieblich. Die Frau horchte

mit gespannten Zügen. Sie hatte geräuschlos weggehen wollen, aber nun

vergaß sie das ganz.

»Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu,

Dort leuchten seine Sterne, dort sucht er seine Ruh.«

So fing das Lied an. Es war kein Kinderlied. Die traurige Frau hatte

noch nie solch ernsthafte Töne von einem Kinde gehört. Sie mußte ein

wenig durch das Gebüsch blicken. Da saß die kleine Sängerin auf dem

weichen Moos am Boden, die Kinder horchten aufmerksam. Es war ein

zartes, schmächtiges Ding von etwa acht Jahren, hatte bloße Füße und

ein mageres, bräunliches Gesichtchen, in das aber während des Singens

ein ganz fröhlicher Ausdruck kam. Nur einen kurzen Augenblick atmete

das Kind auf, dann sang es weiter:

»Sein Sehnen geht hinüber, sein Liebstes liegt im Grab,

Die Blumen wachsen drüber, die Blumen fallen ab.

Die Ströme ziehn hinunter ins wogenreiche Meer,

Die Welle geht drin unter, man sieht sie nimmermehr.«

Der bleichen Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie hatte schon

lange nicht mehr geweint, nun kam es ihr vor, als ob sie nie mehr

aufhören könne. Aber die Sängerin hörte erschrocken auf, als sie neben

sich leise schluchzen hörte. Sie sah erst jetzt die Fremde und wollte

schnell weitergehen, denn es war ihr unheimlich, daß die Frau so stark

weinte.

Da sagte diese: »Singe nur weiter, liebes Kind. Du tust mir wohl und

nicht weh damit. Ich habe das Lied schon lang, lang gekannt.«

Das Mädchen sah die Frau aufmerksam an, so, als ob sie ihr bekannt

vorkäme. Die beiden Pfleglinge waren vor lauter Staunen mäuschenstill.

Und die Sängerin sagte: »Die andern Verse kann der Konrad besser als

ich. Den hat sie die Mutter noch gelehrt. Und du siehst --« da hörte

sie auf einmal auf zu sprechen und wurde dunkelrot. Sie hatte sagen

wollen: »Und du siehst fast gar auch so aus, wie die Mutter.« Aber es

war ihr dann unschicklich vorgekommen, das zu der fremden Frau zu

sagen.

Diese wußte gar nicht, wie es ihr heute ging. Sie hatte seit dem Tod

ihrer Kinder gar keine Kinder mehr sehen können. Ja, sie war so weit

von daheim weggezogen, nur um allen Bekannten aus dem Weg zu gehen,

die noch fröhlich mit den Ihrigen leben konnten. Aber das ernsthafte

Gesichtchen des kleinen Kindsmägdleins und sein ungewöhnliches Lied,

das zog sie beides mächtig an. Ursula hätte sich gewiß entsetzt, wenn

sie gesehen hätte, wie ihre Herrin dem kleinen Mädchen neben sich auf

dem Baumstumpf Platz machte und sagte: »Was hast du sagen wollen? Sag's

nur kecklich. Komm, setze dich ein wenig daher zu mir und sag mir, wer

der Konrad ist und wie du heißt.«

»Mein Bruder ist's,« sagte das Kind und sah dabei der fremden Frau

unerschrocken ins Gesicht. Hersetzen wollte es sich nicht. »Ich heiße

Veronika. Man sagt mir aber nur Vronik.«

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute · 第 2 / 17 段