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Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
und =fettgedruckte= so.
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Röschen, Jaköble
und andere kleine Leute
Ein Geschichtenbuch für Kinder und Kinderfreunde
von
Anna Schieber
Mit Bildern von Amalie Bauerle
9.-16. Tausend
1923
Verlag von D. Gundert in Stuttgart
Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
Inhaltsverzeichnis.
Seite
1. Was das Röschen zu verschenken hatte 3
2. Die Geschichte vom dummen Frieder 11
3. Wer die Mutter am liebsten hatte 17
4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte 22
5. Kätterles Christbaum 34
6. Die Gottswillenkinder 43
7. Zweierlei Reichtum 85
8. Gretels Ferientage 115
9. Wie Heini den Rückweg fand 123
10. Ein Ersatz 140
11. Eine Reise in die Welt 158
12. Die Botenflori 173
13. Augenblicklich 184
14. Angelika 191
15. In die Sonne 205
16. Aus dürrem Erdreich 221
1. Was das Röschen zu verschenken hatte.
Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen
wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und
allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das
lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich
gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere
Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen
war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem
Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und
die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein.
Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so
arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und
sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten:
»Das wird's schon noch anders lernen!«
Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell
fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es
hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben
bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß.
Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber
zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich
auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber
helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz
zuerst sein Stück Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es
hatte seine Milch nur leer ausgetrunken.
Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem
ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus.
»Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag
sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich
komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.«
»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die
Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas
schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput
und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt
reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann
wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in
die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken
konnte.
Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit
dem Röschen.
»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so
viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.«
Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen
Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.«
»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun
auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum
Verschenken, sondern zum Selberessen!«
Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein
wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt
so gern etwas verschenken. So gern!
Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße
wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens ganz guter Kamerad
und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte
über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte,
wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit
ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben
Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes.
[Illustration]
Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd
halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam:
»Rösle, 'schicht zählen!«
Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder
so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein
Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem
besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und
sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel,
der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der
Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es
eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich
mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der
Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn
sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine
Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr,
die das verständige Röschen gerne tragen wollte, mochte er auch nicht
aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein!
Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und
holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide
und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm,
gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du
ganz brav mit heimgehen.«
Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die
beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu.
Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die
Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen
gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken
wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst
noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin
gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie ~das~ ist in
~dem~ Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt
niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet
und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch
jemand was schenkt, Mutter!«
Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken
hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen,
bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans
im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen.
Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem
Kleinen aus, als die zwei ankamen.
Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war
jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter
die Tür. »Wo kann nur auch meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche
sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie
sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du
bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm,
du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt
hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit
so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte.
Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm
aufgestiegen.
Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf
einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann
sollte sie ~noch~ einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!«
Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die
weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist
der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man
sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und
jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie
wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das
Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne
Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die
hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man
konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es
gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen
halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen
wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da,
so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch
anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch
viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem
Teller Platz gehabt.«
Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen
zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um
die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein
Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und
einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine
schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran
und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen
und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst
eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen
gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung,
kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr
die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz
bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind
auch Astern, blaue und rote.«
[Illustration]
»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich
haben, willst du mir sie geben?«
»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da
zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld
kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an
der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da
und dort ein Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief
ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!«
Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher,
ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der
Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig
war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter
die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und
seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle
so gefallen hat und dir die Blume -- und alles!« Röschen mußte einen
tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das
war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein
paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann
wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine
Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das
Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine
Freude damit machen könnten.
So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen
Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber
weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das
nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir
selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!«
Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß
niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz.
»Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze
Zähne.«
Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich
Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas
denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben,
denn es hatte einen Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm
hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu
dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf.
Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter
war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich.
Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige
Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel
herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst!
Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein
Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast
du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist ~auch~ ein Lebtag bei
uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung
angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran
und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie
frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber
beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!«
Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas
zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein
fröhliches Herz ist.
2. Die Geschichte vom dummen Frieder.
Es war einmal ein Büblein, das saß auf einem Mäuerchen ganz nahe bei
dem großen Spielplatz, wo die Kinder des Dorfes Ringelreihe spielten
und »Fuchs, du hast die Gans gestohlen« und noch vieles andere. Es
sah immerfort zu den lustigen Kameraden hinüber, denn es hätte gar zu
gern auch mitgetan. Aber das durfte es nicht. Denn die andern Kinder
sagten es ihm alle Tage und seine eigenen Brüder sagten es auch, daß es
zu dumm dazu sei. Ja, sie hießen das Büblein nur den dummen Frieder.
Die Brüder und die Nachbarsbuben und alle Kinder, die der Frieder
kannte, gingen in die Schule, lernten lesen und schreiben und auch
singen. Und das hätte der Frieder auch sehr gern getan, aber dazu war
er auch zu dumm. Er konnte die Buchstaben nicht verstehen und konnte
nicht behalten, daß zweimal zwei vier ist. Der Herr Lehrer wollte den
Frieder nicht in der Schule haben, und so blieb er denn zu Hause.
Oder vielmehr, er zog alle Tage, an denen es nicht regnete, mit dem
Kinderwägelchen hinaus an das Mäuerchen unter der großen Linde. In
dem Wägelchen saßen die beiden kleinen Geschwister, die der Frieder
zu hüten hatte. Denn das konnte er am besten, und die Base, die für
ihn und die Geschwister sorgte, sagte immer, das sei das einzige, wozu
er zu gebrauchen sei. Der Vater ging immer schon am frühen Morgen
auf Arbeit aus und eine Mutter hatten die Kinder nicht mehr. Sie war
gestorben, als das allerkleinste noch im Tragkissen lag, und seither
gab es keinen Menschen mehr, der den dummen Frieder lieb gehabt hätte.
Er konnte nichts recht behalten, er vergaß sehr oft, was man zu ihm
sagte; aber daran dachte er doch noch oft, wie ihm die Mutter allemal
mit der Hand über den Kopf gefahren war und gesagt hatte: »Sei du nur
brav und folgsam, Friederle, dann habe ich dich gerade so lieb wie die
andern! Und der liebe Gott auch!«
[Illustration]
So sagte jetzt niemand mehr. Der Vater sagte nur manchmal: »Wenn ich
nur wüßte, was man aus dem Buben machen soll, er ist zu allem zu dumm!«
Und die Brüder schoben ihn dahin und dorthin und ließen ihn nicht
mitspielen und nicht mitarbeiten, wenn sie Futter schnitten für die Kuh
oder Gras holten an den Rainen für die Geiß und für ihre braunen Hasen.
Nur der ganz kleine Hannes, der noch nicht recht allein gehen konnte,
hing sich immer an ihn und wollte getragen sein. Und das allerkleinste
Annele, das noch nichts sagen konnte als »adda«, zappelte aus
Leibeskräften, wenn es den Frieder sah, und rief so lange sein einziges
Wort, bis er seine Kappe nahm und mit ihm hinausfuhr, immer an das
gleiche Plätzchen. Dort saß er dann und trug den Kleinen Steinchen
zusammen zum Spielen und grüne Blätter. Sie konnten sich allein
vergnügen, denn der Frieder sprach nicht viel mit ihnen. Er sah nur
immerfort auf das Wägelchen, und wenn der Hannes nicht mehr darin
sitzen wollte, nahm er ihn heraus und auf den Arm.
Man konnte von hier aus hören, wenn die Kinder in der Schule sangen.
Das war dem dummen Frieder die größte Freude. Dann machte er den
Kleinen mit dem Finger ein Zeichen, daß sie still sein sollten, und
alle drei horchten mäuschenstill, bis der Gesang zu Ende war.
Weil aber nun die andern Dorfkinder wußten, daß der Frieder das
Kinderhüten verstehe und sonst nichts, so dachten sie, es sei dann
gleich, ob er noch ein paar mehr zu hüten habe oder nicht. Und weil
sie selber gern spielen wollten, so stellten sie nur eins ums andere
von ihren Kinderwägelchen samt den Kleinen darin unter die Linde:
»Da, Frieder, paß auf mein Rösle auf, aber laß es nicht 'rausfallen!«
»Frieder, guck auch nach meinem Georg, daß ihm niemand nichts tut.«
Und der Frieder lachte noch ganz vergnügt dazu. Dazu war er doch nicht
zu dumm! Und dann trug er seine glatten Kieselsteinchen der Reihe nach
zu allen Kleinen, und wenn eins aufstehen wollte oder auf dem Boden
nach den Brennesseln zurutschte, dann hob er den Zeigfinger auf und
sagte: »Bscht! Mußt auch brav sein und folgsam! Dann mag ich dich auch
so wie die andern und der liebe Gott auch!« Ich weiß nicht, ob das die
Kleinen recht verstanden haben, aber gefolgt haben sie dem Frieder
besser, als ihren klugen Brüdern und Schwestern.
An einem schönen Abend saß der Frieder auch an seinem Plätzchen und
hatte eine ganze Reihe von Wägelchen um sich her, und auf dem Boden
und an dem Mäuerchen umher spielten und krabbelten lauter kleine
Buben und Mädchen. Die großen spielten: »Als ich einst reiste aus dem
Savoyerland,« und Frieder konnte sich nicht satt hören und sehen. Auf
einmal hörte er ein lautes Wagengerassel und als er hinsah, kam den
Berg herunter ein Fuhrwerk ohne Fuhrmann. Die Pferde rasten, wie wenn
sie wild geworden wären, und der Fuhrmann kam erst weit hintendrein.
Und als der Frieder noch näher hinsah, merkte er erst, daß ein kleines
Büblein mitten im Weg saß und mit Steinen spielte. Sein Kindsmägdlein
aber sang mit den andern und hörte und sah nichts davon. Was sollte der
dumme Frieder machen? Er fürchtete sich vor Pferden und doch wußte er
wohl, daß der kleine Adam überfahren werde, wenn er ihn nicht weghole.
Und es fiel ihm auch noch ein, daß die Mutter immer gesagt hatte: »Wenn
der Frieder dabei ist, passiert den Kleinen nichts. Der läßt keinem
etwas geschehen.«
Jetzt lachte er vergnügt in der Erinnerung. Nein, er ließ keinem etwas
geschehen. Viel schneller, als schon jemand den dummen Frieder hatte
laufen sehen, war er auf der Straße, gerade vor den wilden Pferden,
und riß den kleinen Adam in die Höhe und auf die Seite. Aber ~so~
schnell konnte er's doch nicht tun, daß nicht der eine Schimmel
noch Zeit gehabt hätte, ihn mit dem Fuß zu schlagen! Das tat einen
Augenblick sehr weh, aber dann spürte er gar nichts mehr. -- Als der
Frieder wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Dahin hatte man ihn
getragen, weil er gar nichts mehr von sich gewußt hatte und wie tot
dagelegen war, als ihn das Pferd gestoßen hatte. Es fiel ihm nicht
gleich wieder ein, warum er im Bett sei, und überhaupt nichts von dem,
was geschehen war, da hörte er den Vater sagen: »Das ist noch gut
gegangen! Der dumme Bub' hätte ja zu tot gefahren werden können. Läuft
gar noch den Gäulen vor die Füße und unter die Wagenräder.«
Da fiel es dem Frieder wieder ein, was ihm begegnet war, und er wollte
gerade sagen: »Man darf den Kleinen nichts passieren lassen, die
Mutter hat's gesagt!« Da kam eine junge Frau in die Stube. »Wo ist der
Frieder?« fragte sie. Und dann kam sie an sein Bett und küßte ihn und
streichelte sein Haar, gerade wie die Mutter, und sagte: »Kein Mensch
soll dich mehr dummer Frieder heißen! Du hast mir mein Büblein vor
den wilden Gäulen errettet, und wenn du das nicht getan hättest, dann
hätte ich jetzt kein Kind mehr.« Der Frieder machte die Augen zu und
lachte still vor sich hin. Es war ihm, wie wenn seine Mutter wieder da
wäre. Aber die Bäuerin ging noch nicht. Sie sagte zum Vater: »Wenn der
Frieder wieder aufstehen kann, dann gebet ihn doch mir. Ich will ihn
ganz versorgen und er soll es gut haben bei mir. Mein Mann ist auch
damit einig. Euch ist er ja doch eine Last!«
Das wollte der Vater zuerst nicht, und auch die Base und die Brüder
nicht. Denn dann hatte man niemand mehr, der die Kleinen hüten konnte,
und das hatte der dumme Frieder am besten verstanden.
Aber die Bäuerin ließ nicht nach. Und als der Frieder wieder gesund
war, holte sie ihn auf ihren Hof. Da durfte er allerlei lernen, und der
Bauer sagte oft: »Der Frieder ist gar nicht so dumm, wie er aussieht.«
Er durfte im Stall und auf dem Feld und in den Obstgärten helfen und
konnte ganz tun, als ob er zu Hause wäre.
Aber am glücklichsten war er doch, wenn die Bäuerin nach der Stadt oder
aufs Feld wollte und dem Frieder vorher mit der Hand über das Haar
strich, wie seine Mutter getan hatte, und dann zu dem Bauern sagte: »Da
kann man ruhig sein. Dem Adam passiert nichts, wenn der Frieder dabei
ist. Der läßt keinem Kleinen etwas geschehen!«
3. Wer die Mutter am liebsten hatte.
[Illustration]
In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen,
immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen
vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen
aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten,
sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter
war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe
man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen
Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken.
Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die
wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von
meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes
wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich
doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre
alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen
Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb
dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die
Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie
wollten die Mutter auch am liebsten haben, und es hätte beinah' Streit
gegeben unter den Geschwistern.
Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still
und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich
am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav
mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!«
dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie
es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen
sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch
nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte
den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil
es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt
ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß
ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's
gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und
folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief
ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem
Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen
und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich -- --.« Da schlief
sie schon.
Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der
Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von
der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch
am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider
an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das
summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen.
Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote
beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für
ihn als Dreingabe. Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor.
Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel
auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am
liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm,
mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer
Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn
die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie
merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich
leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als
ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann
machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war
und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie
sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war
und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß
Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen;
weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!«
Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr
darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch
und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir!
Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen
neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein
rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen
hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu
verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die
Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen.
So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und
ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand
und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst
sehr oft heißen, weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als
mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein,
der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß
schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen
zusah.
[Illustration]
Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen
zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht
in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten
sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große
Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum
angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes
Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren
im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den
Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter
den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel
umgestoßen, ich nicht!«
Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig
Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig
waren. Gretchen mußte den kleinen Hans allein unterhalten, die Großen
saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten
gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater
und Mutter.
Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu
ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und
nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte
nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm
ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es
fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von
ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten
zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und
sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden
sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel.
Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und
sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch
Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil
haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder
die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht
mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht
nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter
keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das
Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu
Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,«
sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh
gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu
haben.
Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten!
4. Vom Jaköble, der nicht »Ja« sagen konnte.
Der Jaköble hätte eins von den vergnügtesten Kindern im ganzen Dorf
sein können, wenn er gewollt hätte.
Seinem Vater gehörte das große Bauernhaus am Weidenbach, den man so
nannte, weil er hüben und drüben von Weidenbüschen eingefaßt war. An
das Haus war eine große Scheuer angebaut und auf der andern Seite
ein Stall, der enthielt so viel Schönes, daß man sich wirklich daran
freuen konnte. Erstens zwei feste, starke Mohrenschimmel, dann fünf
Kühe und etliche Kälbchen, und außerdem noch in besonderen Verschlägen
allerlei, was dem Jaköble und seinen Geschwistern zu eigen gehörte.
Einen kohlschwarzen Geißbock, Namens Hannes, und ein weißes, wolliges
Schäflein mit einem Glöckchen am Hals, und dann noch viele, viele graue
und braune und weiße Stallhasen.
Es war auch sonst noch viel Erfreuliches um das Haus herum zu finden.
Da war der Garten vornen am Haus mit dem großen Nußbaum und der
Stachelbeerhecke und den Blumenrabatten voll Pfingstnelken und Levkoyen
oder Gelbveigelein, je nach der Jahreszeit. Und ging man hinten zur
Haustüre hinaus, so befand man sich schon auf der großen Wiese, durch
die der Bach floß und auf der nicht nur Schlüsselblumen wuchsen
und Vergißmeinnicht, sondern auch Äpfel und Birnen, Kirschen und
Zwetschgen. Wie gesagt, der Jaköble hätte gewiß vergnügt sein können.
Wenn man so eine schöne, behagliche Heimat hat und dazu liebe Eltern
und fröhliche Geschwister und einen alten Vetter Andres, der einen auf
dem Schimmel reiten läßt, so oft man ihn bittet, und der Geschichten
weiß, -- mehr als der Pelzmärtel Nüsse in seinem Sack hat. Und das sind
nicht wenig, hat der Andres selber gesagt.
[Illustration]
Aber der Jaköble war doch nicht vergnügt, wenigstens nicht oft. Wenn
die Liese, seine Schwester, den ganzen Tag lachte und sang, einerlei,
ob sie Strümpfe flickte oder ihr Schäfchen auf die Weide führte oder
der Mutter im Haus half, so stand er da, steckte die Hände in die
Hosentaschen und sah so nachdenklich aus, als ob er sich über ungeheuer
schwierige Dinge zu besinnen habe. Und wenn der dicke Ludwig, sein
Brüderlein, herangewackelt kam und sagte: »Komm, Jaköble, mach' mir
eine Peitsch' aus dem Stecken und der Schnur da, so tun wir dann
Gäules,« so schüttelte der Jaköble nur den Kopf und sagte nichts als:
»Hm -- m;« das sollte heißen: »Nein, das tu' ich nicht,« aber es war
leichter zu sagen, man mußte da den Mund nicht so weit aufmachen. Fuhr
der Knecht mit den Schimmeln auf die Au, um Heu zu holen, und sagte:
»Geh her, Jaköble, sitz auf, mein', das ist lustig!« so brummte der
nur: »Es holpert so,« und blieb am gleichen Fleck stehen. Manchmal
reute es ihn gleich nachher und er hätte gern noch »Ja« gesagt, aber
das brachte er dann nicht heraus, durchaus nicht.
Der Vater und die Mutter hatten es schon auf alle Weise probiert, den
mockigen Buben ein wenig zu ändern. Denn so konnte man keine rechte
Freude an ihm haben. Aber es half bis jetzt alles nichts. Sagte die
Mutter: »Jaköble, trag mir auch einen Arm voll Holz in die Küche,« so
sagte er zuerst trutzig: »Nein;« und wenn er es auch nach einer Weile
doch noch tat, so wies es die Mutter doch lieber die Luise an, die kein
so finsteres Gesicht dazu machte.
Der Vater ging manchmal in die Stadt, weil er da zu tun hatte. Dann
fragte er allemal vorher die Kinder: »Soll ich euch etwas mitbringen?«
Und Ludwig und Luise riefen laut und lustig: »Ja, ja, etwas Gutes und
Schönes,« und hatten allerlei Wünsche.
Der Jaköble hatte auch Wünsche, aber als er sie sagen wollte, fiel
ihm auf einmal ein, daß er gestern vom Vater Schläge bekommen hatte,
weil er nicht getan hatte, was er mußte. Und gleich biß er trotzig die
Zähne zusammen und sagte nichts, denn er dachte: »Es ist mir dann auch
gleich, wenn ich nichts bekomme.«
Es war ihm aber nicht gleich, sondern er konnte je länger, je weniger
vergnügt sein. Er mußte ja sehen, wie lustig alles um ihn her war,
die Geschwister und der kleine Stallbub und sogar die Gänse und Enten
im Bach. Nur er hatte immer etwas, warum er nicht vergnügt sein
konnte, und alle erzürnten ihn und taten, als ob er gar nicht dazu
gehöre, und niemand mochte ihn leiden. So dachte der Jaköble, und das
je länger, je mehr. Denn wenn man einmal anfängt, eigensinnige und
trotzige Gedanken in seinem Herzen zu haben, und jagt sie nicht davon,
so werden sie immer größer und machen einen immer unglücklicher. Der
Vetter Andres hatte den Jaköble einmal ein Verslein lehren wollen und
gesagt: »Paß auf, Jaköble, das ist etwas für dich, das mußt du lernen,«
aber er hatte nur gesagt: »Ich muß jetzt in den Stall und den Hannes
herauslassen,« und der Vetter Andres mußte sein Verslein auf spätere
Zeiten aufheben.
So war der Jaköble sechs Jahre alt geworden. An seinem Geburtstag war
ein schöner Schulranzen erschienen mit allem darin, was ein ABC-Schütze
in der Schule braucht. Denn aufs Frühjahr sollte er in die Schule
kommen, und die Eltern hofften, daß er da ein bißchen munterer und
fügsamer und auch fröhlicher werden würde. »Da schleift einer den
andern ab,« sagte der Vater. »Der eine hat da Ecken und der andere
dort, und wenn sie sich aneinander reiben, so werden sie glatt wie zwei
Mühlsteine.« Der Jaköble wollte aber nicht gern in die Schule, denn
nun dachte er auf einmal, es sei viel schöner im Garten und auf dem
Heuboden und im Stall, als in dem großen Schulhaus. Und darum hatte er
auch keine rechte Freude an dem schönen Ranzen mit dem Fellüberzug und
den goldenen Buchstaben drauf. Es war ihm ganz schwer ums Herz, und als
der kleine Ludwig schmeichelnd sagte: »Laß mich ein bißle beißen von
dei'm Herzlebkuchen,« stieß er ihn weg und sagte: »Wenn ich dumm wäre.«
Er hatte nicht bös gegen das Brüderlein sein wollen, er war nur sonst
schon widerwärtig aufgelegt.
Die Mutter sah es, aber sie sagte nichts, denn sie wollte heute nicht
zanken. Sie gab nur dem Kleinen eine Birne in die Hand und sagte:
»Komm, du darfst mir helfen Küchlein backen.«
Nachher erzählte sie es aber dem Vater, und beide Eltern beschlossen,
daß der Jaköble nun einmal mit Güte oder Strenge anders werden müsse.
So gehe das nicht fort.
Zuerst wollte es der Vater noch einmal mit einer rechten Freude
probieren, die er dem Buben machen wollte. Er mußte am Nachmittag in
die Stadt. Da dachte er, die Schimmel an das blaue Bernerwägelein
zu spannen, und die beiden größeren Kinder, Liese und Jaköble,
mitzunehmen. Das hätte nun den Jaköble freuen können, wie nicht leicht
etwas. Denn so fröhlich und liebevoll, wie der Vater immer war, wenn
er frei von Sorgen und Geschäften mit seinen Kindern zusammen sein
konnte, so konnte man nicht leicht wieder einen finden.
Liese hüpfte auch immerfort bald auf dem rechten, bald auf dem linken
Fuß ums Haus herum, nur um ihrer Freude Luft zu machen, und dann
rannte sie allemal wieder zu der Mutter in die Küche und fragte sie
immer wieder etwas Neues. Denn sie wollte sich gern die zu erwartenden
Freuden genau ausmalen.
Der Jaköble war gerade bei Hannes im Stall gewesen, als Liese
herangehüpft kam und ihm die große Neuigkeit erzählte. Er wollte sich
gerade anfangen zu freuen, da sagte Liese zum Unglück noch: »Gelt,
mir geht's gut! Wie mein Geburtstag gewesen ist, habe ich mit dem
Andresvetter zur Taufe nach Holzingen dürfen. Und heut' ist deiner, und
da darf ich mit in die Stadt!«
Dann hüpfte sie weiter. Sie hatte den Jaköble gewiß nicht ärgern
wollen, er ärgerte sich nur selbst darüber. »Dann kann der Vater auch
meinetwegen allein mit der Liese fahren, wenn sie doch überall mit
soll,« dachte er, und konnte sich kein bißchen freuen. Denn er mußte
nun bei allem Schönen, was er sich vorstellen wollte, die Liese vor
sich sehen, die sich so freute, als ob ~ihr~ Geburtstag sei. Und
es war doch seiner!
Nach einer Weile kam der Vater, der sich vorgenommen hatte, den Jaköble
recht liebreich anzufassen und ihm die große Freude recht anschaulich
zu machen, und der dann auch noch gedacht hatte, er könne sein Büblein
bei dieser Gelegenheit auch ein wenig ermahnen.
Aber der Jaköble drehte nur immerfort an dem Peitschenstiel, den er in
der Hand hielt, so, als ob er eine bestimmte Zahl mal zu drehen hätte,
und sah gar nicht in die Höhe. »Das weiß ich,« sagte er nur, »die Liese
hat's gesagt.« »So, aber gelt, das wird schön?« sagte der Vater immer
noch freundlich, obgleich es ihn verdroß, daß der Bub' gar nicht
erfreut tat.
»Ich darf auch nicht mit, wenn der Liese ihr Geburtstag ist,« brachte
der Jaköble endlich heraus. Das war nun dem Vater zu viel, daß der
Jaköble selbst an dieser erfreulichen Gelegenheit nur etwas zum Brummen
fand und nichts zum Freuen.
»Hör' einmal,« sagte er ein wenig streng, »ich muß dir jetzt etwas
sagen. Ich habe noch nie ein Kind gekannt, das es so gut gehabt hätte
wie du, und dabei so verdrießlich und undankbar gewesen wäre. Ich hätte
als kleiner Bub' einen Luftsprung gemacht, wenn mich mein Vater extra
zum Vergnügen an meinem Geburtstag spazieren geführt hätte. Und wenn
ich so ein nettes, liebes Schwesterlein gehabt hätte wie du, so hätte
ich dann so lang gebettelt, bis es der Vater auch mitgenommen hätte.«
»Die Liese bettelt auch nicht, daß ich mitdarf,« dachte Jaköble. Und
das sah man ihm an, denn er sah nun noch ein wenig trotziger aus als
vorher.
»So, nun merk auf,« sagte der Vater erzürnt, weil alles Zureden nichts
half; »so, mit diesem Gesicht nehme ich dich nicht mit. Sie könnten
sonst in der Stadt denken, man habe bei uns da draußen lauter solche
Starrköpfe. Wenn du willst, daß etwas aus der Sache wird, so kannst du
zu mir kommen und es sagen. Sonst fahre ich allein mit der Liese.«
Der Vater hielt ein wenig inne, denn er wollte sehen, was das, was er
gesagt hatte, für einen Eindruck gemacht habe. Er sah es dem Jaköble
wohl an, daß er sehr gern mitgefahren wäre. Und er wollte es ihm gern
erleichtern.
»Besinne dich ~jetzt~ gleich,« sagte er noch einmal. »Willst du
mit? Du darfst nur ›Ja‹ sagen, wenn du willst, sonst nichts.«
Der Jaköble drückte und würgte, aber es kam kein »Ja« heraus. Er sah
ganz deutlich die Herrlichkeiten der Stadt vor sich und den Weg durch
die Kornfelder und am Bach hin und das Wirtshaus unterwegs, wo der
Vater einzukehren pflegte.
Aber nachgeben? Freundlich sein und den Mund aufmachen und »Ja« sagen?
Das dünkte dem Jaköble das allerschwerste zu sein, das wollte er lieber
gar nicht probieren.
»Kannst du nicht ›Ja‹ sagen?« Eine solche Stimme, kam es dem Buben vor,
habe der Vater noch gar nie gehabt. Halb zornig und halb traurig klang
sie, und dann wandte er sich zum Gehen.
»Was wird der Bub' noch einmal durchzumachen haben,« sagte er vor sich
hin. Dann sah er noch einmal herum.
»Denk daran, wenn du einmal groß bist und vielleicht in der Fremde, und
hast niemand mehr, der es gut mit dir meint, denk dann daran, wie du
dir selber deine schönste Zeit verdorben hast. Und deinen Eltern und
Geschwistern auch die ihrige.«
Und dann ging der Vater langsam hinaus, denn er hoffte immer noch, daß
sich der Jaköble noch besinne und »Ja« sage.
Aber das geschah nicht. Als er schon lang allein war, stand er immer
noch auf demselben Fleck und starrte den Hannes an, und alle beiden
machten Bocksköpfe aneinander hin. Der kleine Stallbub' kam gerade mit
einem Korb voll Häckerling zur Türe herein. Er hatte alles mitangehört
und sagte nun: »So dumm sein aber auch! Wenn man nur darf ›Ja‹ sagen
und dann kann man die schönste Fahrt machen! Ich tät hunderttausendmal
ja sagen, wenn ich dann so etwas dürfte!« Der hatte aber gut reden,
dem bot es niemand an. Der hatte keine Eltern mehr und niemand auf
der ganzen Welt. Der mußte sein Essen verdienen und seine Kleider und
Schuhe.
»Dich geht es nichts an,« war die ganze Antwort des Jaköble. Dann nahm
er die lange Weidenrute, die er gerade zur Hand hatte, und zog dem
Hannes eins über den Rücken, daß der einen hohen Satz machte.
Als er allein war, schlich sich der Jaköble zum Stall hinaus und
durch die große Wiese hinunter an den Bach. Es stand ein ganz alter
Weidenbaum dort, der hatte einen stark ausgehöhlten Stamm, man konnte
ganz und gar hineinschlüpfen. Das tat der Jaköble jetzt auch. Er kam
sich so unglücklich vor und ganz verlassen, und darüber wollte er nun
ungestört nachdenken. Er setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf
an die Baumwand und seufzte. »Das soll dann ein Geburtstag sein! Zuerst
bekommt man einen Ranzen und will doch nicht in die Schule. Dann ist
die Mutter bös, weil ich dem Ludwig nicht gleich meinen Herzlebkuchen
gebe; dann ärgert einen die Liese! Der ihr Geburtstag ist doch nicht,
es ist doch meiner! Dann ist der Vater so -- so, ~auch~ bös ist
er, ich weiß schon! Was hat er nur auch gemeint? Wann ich in der Fremde
sei und habe gar niemand mehr, dann, was soll ich dann?«
[Illustration]
Der Jaköble hatte vor lauter Herzeleid und Nachdenken gar nicht
bemerkt, daß ein Handwerksbursche zu ihm herangekommen war. Er sah
etwas merkwürdig aus, seine Kleider waren ihm viel zu klein und eng
und auf dem Rücken trug er einen Schulranzen statt des Felleisens, das
sonst die Handwerksburschen haben. Der Handwerksbursche setzte sich
gerade vor Jaköble ins Gras, denn er war sehr müde und sein Gesicht sah
finster aus.
»Was willst du auf meiner Wiese?« fragte Jaköble. Er konnte nicht
leiden, daß sich so ein fremder Mensch da hersetze. Der Fremde fuhr
erschreckt zusammen. »So sagen alle Leute,« sagte er. »Niemand kann
mich leiden, niemand.« -- »So geht mir's auch,« sagte der Jaköble, da
konnte er gut mitreden. Der Handwerksbursche lachte. »Das weiß ich,«
sagte er; »gelt, du kannst auch nicht ›Ja‹ sagen? Ich auch nicht,
ich hab's gleich gar nicht probiert, es ist zu schwer! Und in die
Schule hätt' ich sollen, aber ich hab's nicht getan. Ich bin lieber
fortgegangen, weit fort. Es findet mich kein Mensch mehr. Und meinen
Herzlebkuchen ess' ich selber, siehst du, ich hab' ihn in der Tasche!«
Dem Jaköble grauste vor dem Handwerksburschen. Er sah ihn scheu an; da
sagte dieser: »Dir sag' ich's ganz allein; ich täte jetzt gern alles,
was man wollte, alles! Aber es ist niemand mehr da, der es gut mit mir
meint. Und wenn ich hundertmal sagen wollte: ›Ja, ja, ja, du kannst nur
befehlen, Vater, ich tu's gern, siehst du, ich mache ein freundliches
Gesicht dazu‹ -- so nützt das nichts. Denn der Vater ist tot und die
Mutter auch. Und die Liese ist weit fort. Sie hat mich gern gehabt;
alle haben mich gern gehabt, ich weiß wohl, aber das nützt nichts mehr,
ich habe eben nicht ›Ja‹ sagen können. Und auf dem Hof ist der Ludwig.
Der ist jetzt groß, er will aber nichts von mir. Ich gehe gar nicht
hinein, er sagt sonst: ›Wenn ich dumm wäre, dann gäbe ich dir etwas.‹
So habe ich auch immer zu ihm gesagt, wie er noch ganz klein war.«
Der Jaköble zitterte vor Angst. Der Handwerksbursche hatte ja
~seinen~ Schulranzen auf, er war nur arg verdorben, und im
Gesicht kam er ihm auch so bekannt vor. Er getraute sich kaum den Mund
aufzumachen, aber endlich brachte er doch heraus: »Wer bist du denn?«
»Das geht dich nichts an,« sagte der Handwerksbursche grob. Als er aber
sah, wie sehr der Jaköble sich fürchtete, wurde er ein wenig milder
und sagte: »Ich hab' einmal Jaköble geheißen, des reichen Weidenbauern
Jaköble haben mich auch die Leute geheißen. Jetzt hab' ich keinen Namen
mehr und keinen Vater und keine Heimat und nichts.«
Da tat der Jaköble einen lauten Schrei und rief: »Nein, ich bin der
Jaköble selber, du bist er nicht.« Aber der Handwerksbursche sagte:
»Nein, nein, ich bin's, ich weiß gewiß. Ich muß jetzt immer an meine
schöne Zeit denken und wie ich die verdorben habe. Nur weil ich den
Mund nicht aufmachen konnte und nicht ›Ja‹ sagen. Du kannst auch nicht,
ich seh' dir's an!«
Aber der Jaköble war von dem allem so entsetzt, daß er sich gar nicht
mehr besinnen konnte. Er rief nur laut hinaus:
»Doch, ich kann ›Ja‹ sagen! Alles kann ich sagen! Und ich bin der
Jaköble, du bist er nicht!« Und dann fing er an, ganz laut Ja zu rufen,
und immer noch lauter, damit er's ja nicht mehr verlerne.
Da sprang der Handwerksbursche auf vom Gras und Jaköble sah ihn auf
einmal nicht mehr. Und statt seiner sah er den Andresvetter, der vor
ihm stand und sagte: »Komm ins Haus, Büblein, komm! Du wirst mir nicht
krank werden wollen, du schreist ja ganz laut im Schlaf! Wer setzt sich
auch an den Bach zum Schlafen?«
Jaköble rieb sich verwundert die Augen. »Wo ist der Handwerksbursch?«
fragte er. »Es ist weit und breit kein Handwerksbursche,« beruhigte ihn
der Andresvetter und fühlte dem Buben an den Kopf, ob er Hitze habe.
»Ich bin nicht krank,« sagte der Jaköble, »und ich habe nur so laut
geschrien, weil der Handwerksbursche gesagt hat, ich könne nicht ›Ja‹
sagen und er sei selber der Jaköble.«
Und nun mußte der Andresvetter den ganzen Traum hören, denn der Jaköble
war in seinem Weidenbaum eingeschlafen gewesen und hatte das alles
geträumt.