110 In den Anfängen der historischen Zeit verschwimmen die Grenzen ganz.
_Grotius_ III, III, §2 bezieht _Odyssee_ XIV, Vers 85–89 sicher zu
Unrecht nur auf staatliche Piraterie, die Unterscheidung ist der
Stelle fremd. Vgl. auch _Mommsens_ lebendige Schilderung des
Seeräubergemeinwesens im östlichen Mittelmeer, 1. Jahrh. v. Chr.,
Röm. Geschichte III, 8. Aufl., S. 43 f. („Wenn auf die Fahne dieses
Staates die Rache an der bürgerlichen Gesellschaft geschrieben war,
die, mit Recht oder mit Unrecht, seine Mitglieder von sich
ausgestoßen hatte, so ließ sich darüber streiten, ob diese Devise
viel schlechter war als die der italienischen Oligarchie und des
orientalischen Sultanismus, die im Zuge schienen, die Welt unter
sich zu teilen“). Über die straffe Organisation der Bukaniere s.
_Andree_, Geogr. d. Welthandels I, S. 358 f.
_ 111 Pomponius_ l. 118 D. de verborum sign. 50, 16; _Ulpianus_ l. 24 D.
de captivis 49, 15; _Paulus_ l. 19 § 2 D. eodem; _Grotius_ III, III,
§ 1 f., II, XVIII, § 2 (zu beachten seine Terminologie, bellum
justum sive solenne, wahrer Krieg, und bellum in einem weiteren
Sinne, II, I, § 2: „ubi judicia deficiunt, incipit bellum“). Von
neueren statt anderer _Th. S. Woolsey_, Right of search, S. 16:
„There is no more war than there is between a gang of ruffians in
Oklahoma and the United States. It is simply a detail of naval
policy duty.“
_ 112 Th. D. Woolsey_, Introduction, S. 366.
113 Beweis hierfür ist die Geschichte. Handeln der Staaten nach reiner
Zweckmäßigkeit ist eine auch dem modernen Rechte nicht fremde
Erscheinung; so fehlt es für die Beziehungen zu Naturvölkern in
vielen Fällen an jeder Regel völkerrechtlicher oder
landesrechtlicher Natur.
114 In Frage kommen: Actio vi bonorum raptorum, Privatstrafklage, D. 47,
8. Daneben kriminelle Bestrafung auf Grund der leges Juliae de vi;
_Mommsen_, Röm. Strafr., S. 661, Note 5 schließt aus mehreren
Angaben, daß als Ergebnis einer längeren Entwickelung die vis in dem
ganzen Umfange der actio vi bon. rapt. kriminell bestraft wurde;
Strafe s. _Mommsen_, S. 659, N. 4 und ferner D. 48, 19 l. 28 § 10.
In l. 3 § 6 D. ad legem Juliam de vi publica 48, 6 ist der Fall der
Dejektion von einem Schiffe besonders genannt. Eine
Spezialstrafbestimmung gegen Piraten überhaupt fehlt.
Es gibt spezielle Bestimmungen über Eigentumsverletzungen „bei
Gelegenheit einer allgemeinen Kalamität“, _Mommsen_, S. 662, und
zwar bestehen eine Privatstrafklage, D. 47, 9 (de incendio ruina
naufragio rate nave expugnata) und l. 4 D. 47, 8 (turba) und für
dieselben Tatbestände spezielle kriminelle Vorschriften, _Ulpianus_
l. 1 § 1 D. 47, 9 „et quamquam sint de his facinoribus etiam
criminum executiones ...“ Diese Stelle bezieht sich auf _Paulus_
Sent. V, 3, § 1 u. 3 (turba), _Marcianus_ l. 3 § 1 D. ad leg. Jul.
de vi publ. 48, 6 (incendium) und _Marcianus_ l. 1 § 1 D. ad leg.
Jul. de vi priv. 48, 7 (naufragium). Daß die beiden letzteren
Stellen nicht in die leges Juliae gehören, wohin sie in den Digesten
geraten sind, ist in der kurzen Note _Mommsens_ nur Behauptung. Es
folgt aus _Ulpianus_ l. 3 § 4 D. 47, 9 („non solum autem qui rapuit,
sed et qui abstulit vel amovit vel damnum dedit vel recepit, hac
actione tenetur“) in Verbindung mit _Ulpianus_ l. 1 § 1 D. 47, 9.
Denn die leges Juliae verlangen vis.
Dieser ganze Komplex von Bestimmungen trifft aber nicht die
Piraterie, sondern nur bei Gelegenheit derselben von dritter Seite
verübte Handlungen. So auch _Mommsen_, S. 662. Unrichtig
_Stypmannus_, Jus maritimum 1652, in dem „Scriptorum de jure nautico
fasciculus“ des Heineccius (Halle 1740), S. 577.
115 Diese angebliche Rechtlosigkeit entspräche weder der
„Friedlosigkeit“ noch der „Rechtlosigkeit“ im technischen Sinne. Die
Behauptung geht vielmehr dahin, daß der Pirat außerhalb des
schützenden Verbandes stehe, demnach das alte Fremdenrecht auf ihn
Anwendung finde.
In ältester Zeit bezeichnet „vargus“ den „Friedlosen“ und den
gewerbsmäßigen Räuber (_Brunner_, D. Rechtsg. I, S. 168, N. 13; dazu
II, S. 580, N. 30). Der Text bezieht sich auf Rechtssätze einer sehr
viel jüngeren Zeit.
116 Die französ. Ordonnanz vom 7. Dez. 1373 ordnet ein summarisches
Verfahren gegen Piraten an, Zuständigkeit des Admirals (Text bei
_Travers Twiss_, Black Book I, S. 432). In England ist der Admiral
zur Bestrafung der Piraten zuständig schon nach dem ersten
Zusatzartikel zu der „Inquisition taken at Quinborough“ von 1375
(selbst aus etwas späterer Zeit, vgl. _Travers Twiss_ Einl., S. 71.
Text ebenda I, S. 148) und nach den späteren Articuli magistri
Rowghton de officio Admiralitatis (_Travers Twiss_ I, S. 221, 222).
Ferner Strafbestimmungen gegen Piraterie in den Statuten von
_Cataro_, 14. Jahrhundert, und von _Sassari_ 1316, Teil III, Kap.
49. Das Consolato del mare Kap. 245 bestimmt (Text nach der
Übersetzung von _Pardessus_): „Mais, s’il est prouvé qu’il a armé
pour porter dommage à quelque personne nommément, ou à quiconque
seroit rencontré par lui, et dans la vue de commettre des
hostilités, de quelque manière qu’il amène un navire avec ou sans
marchandises, qu’il l’ait pris aux ennemis, ou qu’il l’ait trouvé
comme il a été dit, il ne doit rien en avoir, le tout doit être
rendu au légitime propriétaire. Ceux qui ont armé de cette manière
doivent être arrêtés et mis au pouvoir de la justice, afin qu’on
procède envers eux comme envers des voleurs, si les faits ci-dessus
sont prouvés;“ wenn auch der in Satz 1 beschriebene Tatbestand sich
nicht durchaus mit dem der Piraterie deckt, so ist doch zu erkennen,
dass dem Consolato die Rechtlosigkeit der Piraten fremd ist.
117 Vgl. _Schuback_, S. 203: „Piratam, tamquam hostem, quin occidere
liceat, nullum est dubium; an igitur contra naturam erit, spoliare
eum, quem honeste est necare?“ _Stypmannus_ a. a. O., S. 578.
118 Conc. Later. III, 1179; bedroht mit excommunicatio latae sententiae
Piraterie und Strandraub gegen Christen.
119 Der Kanon erklärt die Verletzung von Räubern für straflos, wenn sie
dadurch zu weiterer Begehung von Verbrechen unfähig gemacht werden.
120 So die Anm. 6, S. 38 zit. Pisanischen, Genuesischen, Sizilischen,
Aragonischen Bestimmungen. Ferner Statut von _Rimini_ von 1303 L.
III, 56 (_Pardessus_ V, S. 113): „Statutum et ordinatum est quod
nullus in districtu Arimanis navem aliquam expugnet, vel depredat
nisi fuerit piratae vel inimicorum Arimini.“ Weiteres s. u. IV, 1.
121 Französ. Ordonnanz von 1681, Buch III, Tit. IX; englische „Act to
prevent the delivering up of merchants shipps“ von 1664.