99 Das Landesrecht gewährt nunmehr auch Fremden Rechtsgüterschutz. In
Norwegen erfolgte ein landesrechtliches Verbot der Piraterie
scheinbar zum erstenmale im Gulathing von 940 (_Pardessus_ III,
S. 22). Doch kommen noch Raubzüge bis ins elfte Jahrhundert vor.
100 Die nachmalige Durchführung des Schutzes der Privatpersonen und
ihres Eigentums auch im Kriege ist nur für den Landkrieg vollständig
gewesen. Zur See blieben die Privatpersonen Subjekt, ihr Eigentum
Objekt der Kriegführung.
101 D. h. es wird eine spezielle und meist auch formelle (Kaperbrief)
Autorisation vorgeschrieben; _G. F. v. Martens_, Kaper, § 5 (die
dort zitierte französische Ordonnanz ist nicht von 1400, sondern vom
7. Dezember 1373, s. _Travers Twiss_, Black Book, Einl., S. LXXVI;
auch schon _Pardessus_ IV, S. 224). Weitere Bestimmung aus älterer
Zeit: Statut von Cataro, 14. Jahrhundert, Kap. 400. Teilweise noch
weiter zurückreichend findet sich die (seit dem 17. Jahrh. für Kaper
allgemein geltende) Vorschrift der Hinterlegung einer Bürgschaft
durch ausgehende Schiffe (cautio de non offendendis amicis), ohne
daß eine spezielle Erlaubnis zur Wegnahme feindlicher Schiffe schon
notwendig wäre; s. Pisanisches Breve curiae maris von 1298, Kap. 24,
Genuesische Statuten von 1313 und 1316 (_Pardessus_ IV, S. 440); nur
für auf Piraterie ausgehende Schiffe, Sizilisches Gesetz von 1399,
Art. 3 (_Pardessus_ V, S. 257), Aragonische Ordonnanzen von 1288,
1330, 1356. Art. 1 zit. sizilischen Gesetzes von 1399: „naues, quae
ad piraticam exercendam armantur“; „mos piraticus“ auch später noch
für die zum besonderen Rechtsinstitut gewordene Kaperei.
_ 102 G. F. v. Martens_, Kaper, § 4. Man hält die Repressalienbriefe
heute nicht mehr für zulässig; so _F. v. Martens_ II, S. 468 f; _v.
Liszt_, S. 301. Anders aber _Blackstone-Stephen_ II, S. 495 (1903).
103 Der Krieg gegen die Ungläubigen ist nach mohammedanischer Auffassung
durch Rechtsvorschrift divini juris geboten. Die Kirche betont
dagegen, daß der Unglaube kein Grund zum Kriege sei; ihre Forderung
des Friedens ist universell; aber die Eroberer vormals christlicher
Länder sind von ihr ausgeschlossen; vgl. die Darstellung bei
_Grotius_, mare liberum, Kap. 4.
Dauernder Krieg zwischen Spanien und Algier bis zum Vertrage vom 14.
Juni 1786; der Mehrzahl der italienischen Staaten und Algier, Tunis,
Tripolis bis ins 19. Jahrhundert (_Herrmann_, Über die Seeräuber im
Mittelmeer, 1815, S. 185 f.); und namentlich des Johanniterordens
gegen die ganze mohammedanische Welt, _Carsten Niebuhr_,
Reisebeschreibung nach Arabien, 1774, I, S. 18: „Man kann es daher
den Mohammedanern nicht verdenken, wenn sie eben das von den
Maltesern denken, was wir Marokkanern, den Algirern, Tunesern und
Tripolitanern Schuld geben. Diese Barbaren leben doch wenigstens mit
verschiedenen christlichen Nationen in Freundschaft; die Malteser
Ritter aber mit keiner Mohammedanischen.“
Im schwarzen Meere führen Christen, polnische Untertanen, noch im
17. Jahrhundert einen ständigen Raubkrieg zur See gegen die Türken
(_Dan_, Histoire de Barbarie, 2. Aufl. 1649, S. 10; dem Autor ist
die Rechtmäßigkeit ihrer Handlungen selbstverständlich, „ils ne les
font que contre les ennemis de la foy“). — Einige Angaben über die
Piraterie der Christen gegen die Mohammedaner auch bei _Boutin_,
Anciennes relations commerciales et diplomatiques de la France avec
la Barbarie 1550–1830, Paris 1902, S. 65 f.
104 Sie sind nicht Piraten nach _Bynkershoek_, Quaest. Jur. Publ. L. I,
C. XVII; zustimmend u. a. _Kent_, Int. Law, S. 406 f., _Pardessus_
I, S. 33. Für Piraten halten sie u. a. _Vattel_ II, VI, § 78;
_Ortolan_ I, S. 252; _Pradier-Fodéré_, § 2492.
105 So auch _Bynkershoek_ a. a. O.: „Piratae non sunt, sed Civitates,
quae certam sedem, atque ibi Imperium habent.“ Daraus folge die
Anwendung des jus postliminii. Wenn er sie daraufhin als rechtmäßige
Feinde ansieht, so erklärt sich dies aus seiner Anschauung, daß es
nach geltendem Rechte („quod contra quemlibet hostem recte
exercetur“, a. a. O.) noch zulässig sei, Kriegsfeinde zu Sklaven zu
machen, wenn eine solche Rechtsübung auch „moribus plerarumque
Gentium nunc exolevit“ (Quaest. Jur. Publ. L. I, C. III; vgl. auch
_Grotius_ III, VII, § 9). Die holländische Politik legte großen Wert
auf ein gutes Einvernehmen mit den Barbaresken.
106 Gefangene „Sarazenen“, „Mauren“, „Türken“ werden Sklaven,
_Bynkershoek_ a. a. O. C. XVII: „Solent et Belgae eos captos in
Hispaniam advehere et ibi, jure talionis, in servitutem vendere,“
ein solcher Verkauf in amtlichem Auftrage noch 1661 (C. III a. a.
O.); Art. 1 des französisch-algerischen Vertrages von 1628 sichert
den aus Algier feindlichen Ländern nach Frankreich geflüchteten
versklavten Algeriern freie Rückkehr in die Heimat zu; Kap. 32 der
dem Consolato del mare angehängten Regeln über die Kaperei (14.
Jahrhundert) gewährt dem Kapitän von jedem verkauften Sarazenen
einen Byzantiner (Goldsolidus), vgl. auch Art. VII sic. Gesetzes von
1399 (_Pardessus_ V, S. 257) und die Siete Partidas von 1266,
partida V, titulo IX, ley 13; auf den Galeeren der Malteser befinden
sich noch 1761 gefangene Mohammedaner als Sklaven, _Carsten Niebuhr_
a. a. O., S. 18. Das Vermögen der Ungläubigen unterliegt der
Wegnahme durch jedermann; gegen sie bleibt die Piraterie zulässig,
so die oben S. 38, Anm. 6 zit. Pisanischen, Genuesischen,
Sizilischen, Aragonischen Statuten, ferner Art. VII der Florenzer
Capitoli pel viaggio di Barberia etc. aus dem 16. Jahrhundert
(_Pardessus_ IV, S. 594 u. 564) und c. 3 X V, 17, die sämtlich nur
zum Schutze von „amici“ und „fideles“ bestimmt sind. Ihnen gehöriges
Gut ist dem Strandrecht verfallen, Const. Friedrichs II. vom 22.
Nov. 1220, § 8 = auth. Navigia Cod. 6, 2 const. 18 („nisi talia sint
navigia, que piraticam exerceant, aut sint nobis, vel Christiano
nomini inimica“, Text nach Mon. Germ. Hist. LL, Sect. IV, Bd. 2,
S. 109); c. 3 X V, 17; Portug. Gesetzbuch vom Ende des 15.
Jahrhunderts, Buch II, Tit. XXII a. E. (bei _Pardessus_ VI, S. 311):
Rôles d’Oléron, Art. 45, Abs. 2: „car alors, s’ilz sont pyrates,
pilleurs, ou escumeurs de mers, ou Turcs et autres contraires et
ennemis de nostredicte foy catholicque, chascun peut prendre sur
telles manieres de gens, comme sur chiens, et peut l’on les
desrobber et spolier de leurs biens sans pugnition;“ derselben
Ansicht _Schuback_ 1751, S. 203 f. Dieser ganze Rechtszustand ist in
Spanien und Portugal bis ins 19. Jahrhundert bestehen geblieben,
vgl. _Pardessus_ VI, S. 13 u. 310.
107 Selbst die Verbindung _Albrechts_ von Mecklenburg mit den
Viktualienbrüdern Ende des 14. Jahrhunderts, Frankreichs mit den
Bukanieren im 17. Jahrhundert geschah in rechtlich zulässiger Form;
s. auch _G. F. v. Martens_, Kaper, S. 23 u. § 8.
108 S. vor unter II. _Grotius_ L. II, C. XX, § 40 sieht in ihr einen
gerechten Kriegsgrund.