Indeß waren mehrere Wochen verstrichen, während unsere Bekannte ihr
altes Treiben fortsetzten. Sie flogen bei Henrietten aus und ein,
nur der Lord erschien nicht; man erzählte, er sey ins Bad gereist.
Werner und Henriette blieben im stets vertrauten Einverständniß und
bereiteten im Stillen alles zu ihrer häuslichen Einrichtung vor;
denn nur noch wenige Wochen, und Henriettens Verpflichtungen waren
abgelaufen. Bisweilen schien Werner unruhig; doch wich er Henriettens
Nachforschungen aus. Eines Morgens kam er indeß ganz früh zu ihr, und
zeigte ihr an, daß er ihr etwas Wichtiges zu entdecken habe. Sie war
gespannt zu hören, und er erzählte ihr Folgendes: „Ich hegte bisher die
Hoffnung, theuere Henriette, Dir in Beziehung auf Deine äußere Lage
mehr erfüllen zu können, als ich Dir versprochen, denn mein Vater ist
ein sehr reicher Mann. Ich wollte Dir das nicht entdecken, weil ich Dir
nicht eitle Hoffnungen rege machen wollte, denn diese wären es, wie die
Erfahrung mir bestätigt hat, gewesen. Mein Vater hat eine entschiedene
Abneigung gegen den Stand, den Du selbst nicht liebst, und glaubt an
keine völlige Reinheit der Gesinnung unter den Mitgliedern desselben.
Daher hat er sich entschieden gegen unsere Verbindung erklärt. Seine
Worte lauten fest und unwiderruflich, denn ich kenne ihn, so:“ (Hier
nahm er einen Brief aus dem Busen und las Henriette folgende Stelle
vor.)
„Was Deine Verbindung anbetrifft, so bist Du mündig, und kannst
thun, was Du willst. Daß ich entschieden dagegen bin, konntest
Du wissen; ebenso aber weißt Du auch, daß nicht die gewöhnlichen
Vorurtheile vom Unterschied der Stände und des Vermögens mich
bestimmen. Meine Entscheidung gründet sich auf eine reife Ansicht
und auf feste Grundsätze der Sittlichkeit, besonders in Beziehung
auf den weiblichen Charakter. Willst Du, trotz meines väterlichen
Rathes, den Träumereien der unbesonnenen Jugend folgen, so thust
Du es auf eigene Gefahr; die Familie soll dadurch aber, dies ist
mein unabänderlicher Wille, nicht im mindesten gekränkt oder
beeinträchtigt werden. Ich ersuche Dich also, Dich mit Deiner
künftigen Frau fern von uns zu halten, auch keine Ansprüche an mein
Vermögen machen zu wollen, was ich Deinen Geschwistern, denen der
Wunsch und der Wille ihres Vaters theurer war, als Dir, zuwenden
will. Uebrigens zürne ich Dir nicht, sondern will nur, daß Du
auch alle Folgen Deines Schrittes zugleich mit tragen sollest.
Liebst Du wirklich, und ist Deine Erwählte das, wofür Du sie
hältst, so wirst Du reichlich entschädigt seyn. Sollte uns das
Geschick zusammenführen, so werde ich ~Dich allein~ nicht
mit Widerwillen sehen, denn ich schätze Vieles an Dir, selbst die
eigensinnige Festigkeit, die mirs gewiß macht, daß meine Antwort
Deinen Entschluß nicht ändern wird. Anbei erfolgen die Papiere, die
Dich in den unbeschränkten Besitz Deines mütterlichen Vermögens
setzen.“ --
„Dies schreibt mir mein Vater,“ fuhr Werner nach einem langen
Stillschweigen fort. Henriette sank ihm an das Herz und lispelte:
„Theurer, Du bringst mir ein großes Opfer, das Dich gereuen wird; laß
ab von mir, ich fühle mich nicht würdig genug, Dir das zu ersetzen,
was Du verläßt.“ „Meine Liebe,“ sprach Werner freundlich, „traust Du
selbst Dir nicht einmal das zu, was doch mein Vater Dir zutraut? Er
sagt, Du werdest mir eine reiche Entschädigung seyn, wenn Du so bist,
als ich Dich halte, unschuldig und liebevoll. Und das bist Du! -- Ich
war auf diesen Brief gefaßt; meine Hoffnung, daß er anders seyn würde,
war so schwach, daß ich ihre Zerstörung für nichts rechnen kann. Ich
bin so glücklich, wie zuvor, und hege allen Muth und alle Zuversicht,
die ich je gehabt habe, noch frisch und freudig im Herzen. Ja selbst
mein Vater, so hoffe ich, wird seinen starren Sinn beugen, wenn die
Folge ihn lehren wird, daß seine Grundsätze über Frauentugend und
die nothwendigen Eigenschaften einer Gattin durch Dich nicht leiden,
sondern strenger befolgt werden, als er in der Wirklichkeit jemals
gesehen hat.“ „Ich will Alles thun, was ich vermag, um mir seine
Achtung und Liebe zu gewinnen,“ erwiederte Henriette, und legte ihre
Hand versprechend in Werners. „Die Gelegenheit dazu, meine Liebe, wird
Dir früher werden, als Du denkst, denn wahrscheinlich trifft mein Vater
in einigen Wochen hier ein,“ erwiederte dieser, indem er sie zärtlich
umarmte. „Ich weiß, daß Geschäfte ihn hieher führen. Vielleicht, daß
seine Gegenwart Alles zum Besten wendet. Doch hoffe ich wenig davon,
weil ich ihn darin genau kenne, daß kein äußerer Reiz und kein fremdes
Urtheil ihn bestechen. Ob er aber selbst Gelegenheit haben wird,
redlich zu prüfen, ob es ihm darauf ankommen wird, sie zu suchen,
das will ich nicht entscheiden. Laß uns nun für jetzt annehmen, daß
nichts in unserer Lage sich ändern werde und darnach unsere Maßregeln
treffen.“ Sie besprachen sich jetzt näher über das, was zu thun sey, um
die Pläne, die wir im Allgemeinen kennen gelernt haben, auszuführen,
und setzten vieles Einzelne, was für uns von geringerem Interesse ist,
fest. Das Wesentlichste war, daß der Tag zu Henriettens Concert, in dem
sie Abschied vom Publikum nehmen wollte, in drei Wochen festgesetzt
wurde. Erst nach diesem wollte sie ihre Verbindung mit Werner
öffentlich bekannt machen; bis dahin gab sie nur an, daß dringende
Beweggründe sie nöthigten, das Theater zu verlassen.
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht durch die Stadt
und erregte die verschiedenartigsten Empfindungen. Der größte Theil
des Publikums bedauerte es, die treffliche anmuthreiche Künstlerin zu
verlieren; doch da auch ihre Persönlichkeit große Theilnahme erregt
hatte, so wünschte man von vielen Seiten, daß eine erfreuliche Ursache
sie bewegen möchte, der öffentlichen Ausübung der Kunst zu entsagen.
Daß es eine Verbindung sey, vermuthete man natürlich. Den angenehmsten
Eindruck machte die Nachricht aber auf Carolinen und Augusten, die
die verhaßte Nebenbuhlerin verloren. So ließen sie es auch gern
geschehen, daß Rennstein, der poetische Kritiker, ein Abschiedssonett
an Henrietten dichtete, welches Quark in Musik setzte und es ihr
dedicirte. Am seltsamsten wirkte die Nachricht auf zwei unserer
Bekannten, Hayfisch und Wicke. Beide hatten schon seit langer Zeit den
halben Entschluß mit sich getragen, um Henriettens Hand zu werben. Daß
sie vom Theater abging, traf sie wie ein Blitz, denn nun ließ sich
vermuthen, daß sie sich irgend einem Glücklichen verlobt habe. Sie
riethen hin und her, und kamen endlich auf die seltsame Idee, einander
in Verdacht zu haben. Hayfisch hielt Wicken für den Begünstigten, und
dieser ihn. Ein Jeder von ihnen glaubte aber, daß er dem Andern den
Rang streitig machen dürfe, deshalb kamen Beide auf den Entschluß, den
Versuch zu machen, ob sie vielleicht einander ausstechen könnten. Eines
Morgens erhielt Henriette daher folgende zwei Briefe, die sie, obwohl
sie ihr nicht angenehm seyn konnten, doch nicht ohne Lächeln las. Der
erste lautete so:
Angebetete Henriette!
Tausend Qualen hat dies Herz um Sie gelitten, doch die Angst, in
der es jetzt schlägt, übersteigt alles Vorige um so viel, als ihre
Schönheit alles überstrahlt, was man bisher schön genannt hat.
Sie wollen Abschied von uns nehmen? Sie wollen fliehen? Wohin?
Wohin? Glauben Sie mir, es giebt keinen sicherern Zufluchtsort für
Sie, als meine Brust. Für Sie habe ich das Herz dem mörderischen
Stahl Preis gegeben, an jenem Tage, wo das Geschick uns allen
mit Vernichtung drohte. So litt ich damals in Strahlheim zwei Mal
für Sie den Tod, und jetzt leide ich ihn zum dritten Male, wenn
Sie mich verstoßen und vielleicht ein Nebenbuhler mich durch ein
vorschnelles Wort überlistet hat. Schwieg ich bisher, so war es
meine Bescheidenheit. Daher verwerfen Sie jetzt mein Herz nicht,
da es noch nicht zu spät ist, und haben Sie gleich einem Andern
früher zugesagt, so ist meine Liebe doch älter, und ich hoffe auf
ihr beseligendes Jawort. Lassen Sie sich, dies füge ich noch hinzu,
nicht durch den Stand verführen. Was ist ein Rath! Oft weiß er sich
selbst nicht zu rathen. Ich aber bin reich und kann Sie glücklich
machen.
Ihr getreuester von Hayfisch.
Der zweite kürzere war von Wicke:
Himmlisch süße Henriette!
Ich lese Tod in Ihren Blicken. Sollte es wahr seyn, sollten Sie
Ihre Huld an ihn verschenkt haben, der nur Gold für Liebe bieten
kann? Ich biete Ihnen Blut und Leben. Fordern Sie, was Sie wollen,
nur seyn Sie die Meine. Ich bin Rath, doch ich weiß mir selbst
nicht zu rathen! Mein Kopf fiebert, mein Herz bebt, meine Augen
weinen, -- -- kurz, ich liebe Sie bis zur Verzweiflung. Retten
Sie mich, oder ich sterbe. Was wäre ein übereiltes Wort für eine
Fessel, wenn die Rücknahme desselben Sie in das wahre Paradies der
Liebe führen könnte? Geben Sie mir ihre Hand und Sie sollen in dies
Paradies kommen, denn nur dort blüht
Wicke, Ihr ewiger Anbeter.
Auf beide Briefe antwortete Henriette, daß sie den Freiern nicht
angehören könne, und aus Gründen das Theater verlasse, die sie erst
in künftiger Zeit enthüllen dürfe. -- Zufällig speisten den Mittag,
als sie die Antwort ertheilte, beide zusammen beim Hoftraiteur. Das
Unglück macht zu Vertrauten, sie gestanden einander ihr Schicksal,
und schwuren, die Sirene zu meiden und zu Carolinen und Augusten
zurückzukehren. Auf der Stelle wollten sie ihren Plan ausführen, und
fuhren bei Carolinen vor. Doch diese ließ ihnen, da sie sich melden
ließen, hinaussagen, sie nähme keinen Besuch an. Höchst betroffen
stiegen sie wieder in den Wagen und fuhren zu Augusten, die am
Fenster stand, als der Wagen vor der Thür hielt. Als sie die Treppe
hinaufkamen, hörten sie die erbitterte Schöne zu ihrem Mädchen sagen:
„Wenn der Rath Wicke und Herr von Hayfisch kommen, so bin ich nicht
zu Haus.“ Das war genug. Zum Schein gingen Beide eine Treppe höher,
fragten nach Jemand, der gar nicht im Hause wohnte, und setzten sich
dann wieder in den Wagen. Doch an Augustens satyrischem Lächeln, die,
während sie einstiegen, sich dreist wieder an’s Fenster gestellt hatte,
merkten sie wol, daß sie durchschaut waren. Voll Verdruß fuhren sie
nach Wickes Hause. Hier trat der Bediente dem Rath mit einem Billet,
das so eben angekommen seyn sollte, entgegen. Es war von Carolinen und
enthielt die lakonischen Zeilen: „Ich habe gehört, Herr Rath, wie Sie
und einige andere Herren sich öffentlich über mich geäußert. Meine
Würde verbietet mir, Besuche von Herren anzunehmen, die solche Urtheile
über mich ins Publikum bringen. Daher werden Sie mich nie mehr zu Haus
treffen!“ Wicke las voller Zorn und gab dann den Zettel seinem Freunde,
indem er sagte: „Es wird Ihnen die Mühe sparen, den Liebesbrief zu
Haus zu öffnen.“ Und er hatte Recht, denn eine wörtliche Kopie war bei
Hayfisch und beim Obristlieutenant abgegeben worden. Daß der Vorfall
beim Hoftraiteur Carolinen bekannt geworden seyn mußte, ging deutlich
daraus hervor. Noch mehr Folgen, deren wir später gedenken werden,
hatten sich zum Erstaunen der Residenz daran geknüpft, wurden jedoch
erst nach einiger Zeit bekannt.