15. Die Entdeckungen. Die Maskerade.

Angstgeschrei und Hülferuf tönte von allen Seiten. Werner hatte

Henrietten gefaßt, und ein rüstiger Schwimmer, wie er war, erreichte

er bald mit ihr das Ufer, wo er sie sogleich in ein Zimmer des

Wirthshauses bringen ließ und eiligst zurück kehrte, um zur Rettung

der Uebrigen behülflich zu seyn. Zum Glück war der Nachen mit den

Spielleuten gleich zur Hand gewesen, und auch ein andrer Kahn auf

das Geschrei um Hülfe schnell herbei gekommen. So fand Werner die

meisten Personen schon in Sicherheit; nach den andern wurde sogleich

gesucht. Henriettens alte Pflegerin und Wilhelmine hatten sich an dem

umgestürzten Fahrzeug fest gehalten, und wurden jetzt von Werner in

den Fischerkahn, auf dem er gekommen war, aufgenommen. Auch Wicke und

Hayfisch waren noch im Wasser und schrien jämmerlich um Hilfe. Werner

versuchte sie in den Kahn zu ziehen, allein es war unmöglich, weil

ihre siebenfache Garderobe so viel Wasser eingesogen hatte, daß sie

zu schwer wogen. Er bedeutete sie daher sich noch einige Minuten zu

gedulden, bis er mit Hilfe zurück gekehrt sey, und fuhr ab. Obgleich

sie sich in gar keiner Gefahr mehr befanden, und das laue Bad nicht

anders als angenehm seyn konnte, so schrien sie doch entsetzlich

nach Hilfe und Rettung. Werner beeilte sich daher aufs möglichste,

Wilhelminen und die Alte zu Henrietten zu bringen, um rasch zurück zu

kehren. Dies geschah auch sogleich, indem er noch zwei Schiffleute

annahm, die ihm halfen die Verunglückten in den Nachen zu heben. Als

sie endlich herein waren, betheuerte der Schiffer, zwei so schwere

Menschen seyen ihm noch niemals vorgekommen.

Am Ufer traf man jetzt die ganze Gesellschaft beisammen; ertrunken

war zwar niemand, doch einige Damen und der Lord lagen in Ohnmacht.

Die erste Sorge bestand jetzt darin, trockne Kleider anzuschaffen.

Der Wirth brachte herbei, was möglich war, und führte die Herrn in

einen großen Saal, wo sie sämmtlich Toilette machten und sich in

Bauer- und Schifferkleidung stecken mußten. Alle waren fertig bis

auf Wicke, Hayfisch und den Lord, der jetzt erst seine Besinnung

erhalten hatte. Diesen stand aber eine bittere Lektion bevor. Denn

als man sie entkleidete, fand sich zuerst, wie vielerlei Hülsen die

beiden Duellanten übereinander gezogen hatten. Wie Zwiebeln wurden

sie abgehäutet, und unter jeder Haut steckte eine neue. Der Hanswurst

rief endlich: „Hört auf, Kinder, ich bitte Euch, denn am Ende bleibt

nichts von den beiden Leuten übrig. Vier Paar wollene Beinkleider

habe ich dem Rath allein abgestreift!“ Vor allem aber lachten der

Sekundant, Agrippinus und der Arzt; Wicke und Hayfisch hätten vor

Aerger bersten mögen, doch sie mußten ihr Geschick nun einmal ertragen,

und entschuldigten sich durch Kränklichkeit. Bei der Enthäutung des

Lords that sich aber noch ein ganz anderes Schauspiel dar. Er würde

sich gewiß in einem besondern Zimmer umgekleidet haben, wenn er nicht

besinnungslos gewesen wäre. Doch jetzt war das zu spät, und so wurde,

was er verbergen wollte, Allen offenbar. Vergeblich suchte er einen

Vorwand, das Hemd anzubehalten, der Arzt drang darauf, daß er trockene

Wäsche anziehen müsse. Geschah es nun aus Bosheit oder Zufall, aber der

Wirth brachte ihm ein Hemd, welches durchaus nicht auf seinen Körper

passen wollte, und so mußte der Lord es endlich, nachdem er sich lange

damit herumgequält und es halb zerrissen hatte, zurückgeben, und war

nun, bis ein neues angeschafft wurde, aller Augen im adamitischen

Paradieskleide preisgegeben. Da entdeckten sich auf seinem Rücken noch

viel bedeutendere und zahlreichere Streifen, als auf seinem Gesichte.

„Sind das auch Pappelzweige?“ fragte Werner. „Was Teufel, Lord,“ schrie

der Hanswurst, „Sie sehen ja aus wie ein Zebra! Oder sind Sie ein

Obelisk, oder eine Pyramide? Denn Hieroglyphen ohne Zahl sind hier auf

Ihrem Rücken geschrieben.“ „Es muß von dem Fall seyn,“ stotterte der

Lord. Doch der Hauptmann von der Artillerie trat hinzu und sprach: „Ich

bin zwar kein Champollion, aber diese Hieroglyphen vermag ich zu lesen.

Ich würde geschwiegen haben, wenn Se. Herrlichkeit sich nicht mit ihrer

englischen Anmaßung so unverschämt gegen den Herrn Obristlieutenant

benommen hätten. So aber muß ich Ihnen sagen, daß die Streifen von

den Kantschuhhieben meiner Kanoniere herrühren, die der edle Lord

überreiten wollte, weil sie ihm nicht so schleunig Platz machen

konnten, als er befahl.“ Auf diese Nachricht zogen sich die Herren

von dem Lord zurück. Der Rittmeister sagte: „Zum Donnerwetter, so ist

meine Wette hin, denn von dem kann ich sie nicht mehr annehmen,“ und

der Obristlieutenant äußerte, er müsse jetzt einen andern Ausweg für

seine Ehrensache suchen. Man ließ nun den Lord allein, und bekümmerte

sich auch nicht sonderlich um Hayfisch und Wicke, die sich indeß bald

möglichst der andern Gesellschaft anzuschließen suchten. Der Lord

verschwand, und man sah ihn nicht wieder.

Da auch die Damen nunmehr ihre Toilette vollendet hatten, kam die

Gesellschaft in dem Saal, wo man zu Mittag gegessen hatte, wieder

zusammen. Von dem Schreck hatte man sich erholt, Niemand hatte Schaden

gelitten, und so freute man sich doppelt, sich nach dem Unfall

wiederzusehen. Ueberdies waren die drolligsten Figuren entstanden,

da der Zufall die Garderobe auf das Wunderlichste vertheilt hatte.

Henriette sah in dem Sonntagskleide eines Bauermädchens allerliebst

aus, auch Auguste schien die Tracht einer Gärtnerin, die ihr

zugefallen, gar nicht übel zu finden. Der Hanswurst war in des Küsters

schwarze Sonntagslivree gefahren, und ruhte nicht, bis er auch die

Perücke dazu hatte. Nur Regenbogen fühlte sich höchst unglücklich,

da er in einem grauen leinenen Kittel und weiten manschesternen

Beinkleidern allerdings kein eben elegantes Ansehen hatte, besonders

da sein sonst so sauber gekräuseltes Haar ihm in langen nassen Faden

herabhing. Man kam überein, nun noch eine Zeit lang fröhlich zusammen

zu bleiben, und dann gemeinschaftlich den Rückweg anzutreten. Nach

dem Lord fragte Niemand, denn im Grunde war Jeder froh, daß er

fehlte. Ein ländliches Abendmahl, wobei sich’s vorzüglich der Abbe

und Hemmstoff wohlschmecken ließen, beschloß diese an Begebenheiten

reiche Landparthie. Niemand war dabei lustiger, als Brückbauer, der da

schwur, er wolle in einer Nußschale über das Weltmeer schiffen, denn

ihm sei es nicht verhängt, zu ertrinken. Schon einmal sey er auf dem

nämlichen Flecke mit dem Kahne umgeschlagen, ohne zu verunglücken, und

auch heute habe der Himmel sich besonders gnädig gegen ihn gezeigt, da

er nicht einmal den Kopf unter Wasser gehabt habe, sondern nur etwas

eingetaucht worden sey. Der Hanswurst bemerkte, daß er demnach von

Glück sagen könne, daß er kein Zwieback sey, weil sonst seine untere

Hälfte abgeweicht seyn würde, und rieth ihm, eine Rede über das Thema

auszuarbeiten: „Was hängen soll, ersäuft nicht.“ In dieser lustigen

Stimmung brach die Gesellschaft endlich auf und fuhr nach Hause.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 33 / 35 题