Angstgeschrei und Hülferuf tönte von allen Seiten. Werner hatte
Henrietten gefaßt, und ein rüstiger Schwimmer, wie er war, erreichte
er bald mit ihr das Ufer, wo er sie sogleich in ein Zimmer des
Wirthshauses bringen ließ und eiligst zurück kehrte, um zur Rettung
der Uebrigen behülflich zu seyn. Zum Glück war der Nachen mit den
Spielleuten gleich zur Hand gewesen, und auch ein andrer Kahn auf
das Geschrei um Hülfe schnell herbei gekommen. So fand Werner die
meisten Personen schon in Sicherheit; nach den andern wurde sogleich
gesucht. Henriettens alte Pflegerin und Wilhelmine hatten sich an dem
umgestürzten Fahrzeug fest gehalten, und wurden jetzt von Werner in
den Fischerkahn, auf dem er gekommen war, aufgenommen. Auch Wicke und
Hayfisch waren noch im Wasser und schrien jämmerlich um Hilfe. Werner
versuchte sie in den Kahn zu ziehen, allein es war unmöglich, weil
ihre siebenfache Garderobe so viel Wasser eingesogen hatte, daß sie
zu schwer wogen. Er bedeutete sie daher sich noch einige Minuten zu
gedulden, bis er mit Hilfe zurück gekehrt sey, und fuhr ab. Obgleich
sie sich in gar keiner Gefahr mehr befanden, und das laue Bad nicht
anders als angenehm seyn konnte, so schrien sie doch entsetzlich
nach Hilfe und Rettung. Werner beeilte sich daher aufs möglichste,
Wilhelminen und die Alte zu Henrietten zu bringen, um rasch zurück zu
kehren. Dies geschah auch sogleich, indem er noch zwei Schiffleute
annahm, die ihm halfen die Verunglückten in den Nachen zu heben. Als
sie endlich herein waren, betheuerte der Schiffer, zwei so schwere
Menschen seyen ihm noch niemals vorgekommen.
Am Ufer traf man jetzt die ganze Gesellschaft beisammen; ertrunken
war zwar niemand, doch einige Damen und der Lord lagen in Ohnmacht.
Die erste Sorge bestand jetzt darin, trockne Kleider anzuschaffen.
Der Wirth brachte herbei, was möglich war, und führte die Herrn in
einen großen Saal, wo sie sämmtlich Toilette machten und sich in
Bauer- und Schifferkleidung stecken mußten. Alle waren fertig bis
auf Wicke, Hayfisch und den Lord, der jetzt erst seine Besinnung
erhalten hatte. Diesen stand aber eine bittere Lektion bevor. Denn
als man sie entkleidete, fand sich zuerst, wie vielerlei Hülsen die
beiden Duellanten übereinander gezogen hatten. Wie Zwiebeln wurden
sie abgehäutet, und unter jeder Haut steckte eine neue. Der Hanswurst
rief endlich: „Hört auf, Kinder, ich bitte Euch, denn am Ende bleibt
nichts von den beiden Leuten übrig. Vier Paar wollene Beinkleider
habe ich dem Rath allein abgestreift!“ Vor allem aber lachten der
Sekundant, Agrippinus und der Arzt; Wicke und Hayfisch hätten vor
Aerger bersten mögen, doch sie mußten ihr Geschick nun einmal ertragen,
und entschuldigten sich durch Kränklichkeit. Bei der Enthäutung des
Lords that sich aber noch ein ganz anderes Schauspiel dar. Er würde
sich gewiß in einem besondern Zimmer umgekleidet haben, wenn er nicht
besinnungslos gewesen wäre. Doch jetzt war das zu spät, und so wurde,
was er verbergen wollte, Allen offenbar. Vergeblich suchte er einen
Vorwand, das Hemd anzubehalten, der Arzt drang darauf, daß er trockene
Wäsche anziehen müsse. Geschah es nun aus Bosheit oder Zufall, aber der
Wirth brachte ihm ein Hemd, welches durchaus nicht auf seinen Körper
passen wollte, und so mußte der Lord es endlich, nachdem er sich lange
damit herumgequält und es halb zerrissen hatte, zurückgeben, und war
nun, bis ein neues angeschafft wurde, aller Augen im adamitischen
Paradieskleide preisgegeben. Da entdeckten sich auf seinem Rücken noch
viel bedeutendere und zahlreichere Streifen, als auf seinem Gesichte.
„Sind das auch Pappelzweige?“ fragte Werner. „Was Teufel, Lord,“ schrie
der Hanswurst, „Sie sehen ja aus wie ein Zebra! Oder sind Sie ein
Obelisk, oder eine Pyramide? Denn Hieroglyphen ohne Zahl sind hier auf
Ihrem Rücken geschrieben.“ „Es muß von dem Fall seyn,“ stotterte der
Lord. Doch der Hauptmann von der Artillerie trat hinzu und sprach: „Ich
bin zwar kein Champollion, aber diese Hieroglyphen vermag ich zu lesen.
Ich würde geschwiegen haben, wenn Se. Herrlichkeit sich nicht mit ihrer
englischen Anmaßung so unverschämt gegen den Herrn Obristlieutenant
benommen hätten. So aber muß ich Ihnen sagen, daß die Streifen von
den Kantschuhhieben meiner Kanoniere herrühren, die der edle Lord
überreiten wollte, weil sie ihm nicht so schleunig Platz machen
konnten, als er befahl.“ Auf diese Nachricht zogen sich die Herren
von dem Lord zurück. Der Rittmeister sagte: „Zum Donnerwetter, so ist
meine Wette hin, denn von dem kann ich sie nicht mehr annehmen,“ und
der Obristlieutenant äußerte, er müsse jetzt einen andern Ausweg für
seine Ehrensache suchen. Man ließ nun den Lord allein, und bekümmerte
sich auch nicht sonderlich um Hayfisch und Wicke, die sich indeß bald
möglichst der andern Gesellschaft anzuschließen suchten. Der Lord
verschwand, und man sah ihn nicht wieder.
Da auch die Damen nunmehr ihre Toilette vollendet hatten, kam die
Gesellschaft in dem Saal, wo man zu Mittag gegessen hatte, wieder
zusammen. Von dem Schreck hatte man sich erholt, Niemand hatte Schaden
gelitten, und so freute man sich doppelt, sich nach dem Unfall
wiederzusehen. Ueberdies waren die drolligsten Figuren entstanden,
da der Zufall die Garderobe auf das Wunderlichste vertheilt hatte.
Henriette sah in dem Sonntagskleide eines Bauermädchens allerliebst
aus, auch Auguste schien die Tracht einer Gärtnerin, die ihr
zugefallen, gar nicht übel zu finden. Der Hanswurst war in des Küsters
schwarze Sonntagslivree gefahren, und ruhte nicht, bis er auch die
Perücke dazu hatte. Nur Regenbogen fühlte sich höchst unglücklich,
da er in einem grauen leinenen Kittel und weiten manschesternen
Beinkleidern allerdings kein eben elegantes Ansehen hatte, besonders
da sein sonst so sauber gekräuseltes Haar ihm in langen nassen Faden
herabhing. Man kam überein, nun noch eine Zeit lang fröhlich zusammen
zu bleiben, und dann gemeinschaftlich den Rückweg anzutreten. Nach
dem Lord fragte Niemand, denn im Grunde war Jeder froh, daß er
fehlte. Ein ländliches Abendmahl, wobei sich’s vorzüglich der Abbe
und Hemmstoff wohlschmecken ließen, beschloß diese an Begebenheiten
reiche Landparthie. Niemand war dabei lustiger, als Brückbauer, der da
schwur, er wolle in einer Nußschale über das Weltmeer schiffen, denn
ihm sei es nicht verhängt, zu ertrinken. Schon einmal sey er auf dem
nämlichen Flecke mit dem Kahne umgeschlagen, ohne zu verunglücken, und
auch heute habe der Himmel sich besonders gnädig gegen ihn gezeigt, da
er nicht einmal den Kopf unter Wasser gehabt habe, sondern nur etwas
eingetaucht worden sey. Der Hanswurst bemerkte, daß er demnach von
Glück sagen könne, daß er kein Zwieback sey, weil sonst seine untere
Hälfte abgeweicht seyn würde, und rieth ihm, eine Rede über das Thema
auszuarbeiten: „Was hängen soll, ersäuft nicht.“ In dieser lustigen
Stimmung brach die Gesellschaft endlich auf und fuhr nach Hause.