Die Sonne war jetzt allmählig tiefer gesunken, und man fand die
Zeit sehr passend, um auf der Wiese einige Spiele zu veranstalten.
Wicke und Hayfisch schlugen dagegen eine Wasserfahrt vor, allein der
Obrist-Lieutenant widersprach ihnen, und meinte die Wasserfahrt müsse
gemacht werden, wenn sich die Sonne fast zum Untergang neigte, weil
dann erstlich die Landschaft am schönsten beleuchtet sey, und zweitens
das Blenden und Stechen der Sonne, was auf dem Wasser unerträglich
sey, aufhöre. „Zudem,“ fügte er in einer bei ihm seltenen Begeisterung
hinzu, „was läßt sich reizenderes denken, als in der lieblichen
Abendkühle auf den purpurn sich brechenden Wellen zu treiben und
den Mond abzuwarten, der heut voll wird, und herrlich aufgehn muß?
Entscheiden Sie, schöne Henriette, habe ich nicht Recht?“ Henriette
erwiederte: „Ich habe hier nur ~eine~ Stimme zu geben, und die ist
mit Vergnügen die Ihrige, doch behaupte ich, daß die Damen einzeln
befragt werden müssen, ob sie die Kühle des Abends nicht fürchten. Wenn
das wäre, so müßten wir lieber jetzt fahren und die Spiele aufgeben.“
Dies geschah, doch alle entschieden sich für den Obrist-Lieutenant.
Man konnte eigentlich nicht recht begreifen, was Wicke und Hayfisch
gegen die Gesellschaftsspiele hatten, doch der Obrist-Lieutenant schien
es geahnt zu haben, und wußte sie nachher in die Enge zu treiben.
Es war nämlich nichts anders, als ihre vorsichtige Kleidung, in der
sie schon Hitze genug ausstanden, die sie nicht durch Springen und
Laufen vermehren mochten. Als man daher auf die Wiese gegangen war und
berathschlagte, was man spielen könnte, schlug er zuerst das Spiel:
~Katze~ und ~Maus~ vor, welches mit Beifall angenommen wurde. Unter den
Damen wurde durchs Loos die Maus, unter den Herrn die Katze bestimmt.
Der Obrist-Lieutenant, der alles anordnete, wußte es so einzurichten,
daß Wicke die Katze spielen mußte. Er machte tausend Entschuldigungen,
allein es half ihm nichts. Der Zufall wollte, daß Henrietten das
Loos der Maus zugefallen war. Es war jetzt Wickes Aufgabe, die
niedliche Maus zu haschen, und unter andern Umständen hätte ihm nichts
willkommener seyn können, auch ward der Lord förmlich eifersüchtig auf
ihn: doch jetzt, wo er vor Hitze schon fast umkommen wollte, schien
es ihm eine förmliche Pein. Er hätte sich gerne langsam und träge
benommen, allein das würde ihm solche Neckereien gebracht haben, daß
er dachte, „thue dein Möglichstes, sie rasch zu greifen, so ist der
Scherz bald vorbei.“ Der Kreis wurde jetzt geschlossen, und der Katze
ein Durchgang angewiesen, während die Maus überall den Freipaß des Aus-
und Einganges erhielt. Wicke stand außerhalb des Kreises, Henriette
inwendig. Das Signal wurde gegeben, und der Rath sprang, wie ein Löwe
auf die Beute, mit einem ungeheuren Satz auf Henrietten zu. Doch sie
bückte sich leicht und war außerhalb des Kreises. Jetzt versuchte Wicke
die Mauer zu durchbrechen. Er rannte sich dreimal als Mauerbrecher
gegen den Lord und den Obrist-Lieutenant, doch vergeblich. Jetzt wandte
er sich zur List. Durch verstellten Angriff suchte er Henrietten
in die Nähe der Stelle zu treiben, wo ihm der Ausgang offenstand.
Dies gelang ihm, doch floß der Schweiß schon in großen Tropfen von
seiner Stirn. Jetzt plötzlich wandte er sich und schoß hinaus. Die
überraschte Henriette, der nicht mehr Zeit genug blieb, sich in den
Kreis zu begeben, floh wie eine Taube rings um denselben herum, und
Wicke hinterdrein, wie Achill hinter Hektor. Da er aber schon fast
athemlos war, konnte er die leichtfüßige Grazie nicht einholen, und als
sie dies bemerkte, hüpfte sie ohne Anstrengung vor ihm her, dreimal
um den Kreis herum, während der Rath schwer keuchend nachsetzte. Ein
helles Gelächter brachte den armen Teufel noch mehr in Wuth, und er
beschloß nun alles daran zu setzen, um sich den Fang nicht entgehen zu
lassen. Allein die Jugend war auch eben nicht sein Fehler, und er fing
jetzt erst an, das erste Mal zu bemerken, daß er eigentlich schon das
sey, was der französische Lustspieldichter einen alten Jüngling nennt,
denn die Glieder wollten dem Willen nicht mehr gehorchen, und fast
brachen schon die Kniee unter ihm zusammen. Henriette schlüpfte jetzt
in den Kreis und verschaffte ihm dadurch Luft, indem er nun nicht mehr
nöthig hatte, sie zu verfolgen, sondern sie sich (man verzeihe den
Jagdausdruck) stellen konnte. Mit einem Male ging es ihm wie ein Blitz
auf. Daß Agrippinus seiner Wunde wegen nicht eben fest halten konnte,
war natürlich, zugleich stand neben diesem die schüchterne Wilhelmine.
Napoleon hat nie einen so glücklichen Operationsplan entworfen als
Wicke in dem Augenblick machte. Dort, nirgend anders, war der Schlüssel
zur Position. Durch Scheinangriffe trieb er Henrietten auf die morsche
Stelle in der Mauer. Kaum hatte er sie daselbst, so rannte er an wie
eine Schneelavine, brach glücklich durch, und -- plumpte lang auf den
Rasen nieder, während Henriette durch eine behende Bewegung entrann.
Durch den Chok waren ihm sämmtliche Westenbänder geplatzt, auch hatten
die Tragbänder einen starken Riß bekommen; daher mußte er nun die
Sache aufgeben, und bekannte mit verzweifelter Miene, er könne nicht
mehr. Der Oberst-Lieutenant, der Sekundant und der Arzt, die die Sache
ahnen mochten, lachten innerlichst vergnügt über das unwillkührliche
russische Bad, welches Wicke nehmen mußte. --
Man schlug jetzt ein anderes Spiel vor, nämlich: den dritten abzujagen.
Ich beschreibe das Spiel nicht weil es jedermann kennt. Werner war
zuerst der Führer des Plumpsacks; er schien durch eine glückliche
Divinationsgabe zu ahnen, daß Hayfisch eben so wenig zum Laufen
angekleidet seyn möchte als Wicke, daher lauerte er ihm auf und traf
ihn glücklich. Er hatte sich nicht geirrt, denn Hayfisch schien
in einer Art von Verzweiflung, daß das Unglück ihn so verfolgte.
Kleinmüthig nahm er das linnene Zepter seiner Würde, und setzte sich
in Lauf. Er kalkulirte richtig, daß Wicke der Erschöpfteste seyn
müßte, und glaubte ihn daher am leichtesten zu haschen; deshalb
richtete er sein Auge auf ihn. Dieser, der sich kaum erholt hatte,
sah sein Geschick nahen; die Furcht gab ihm Flügel zum Entweichen. Er
hüpfte wie ein Gemsbock und Hayfisch schoß hinterdrein. Wie Tantalus
nach der Frucht, strebte der Mäcen nach dem Rath. Die Hoffnung, sein
entsetzliches Amt los zu werden, gab ihm nach jedem mißlungenen Versuch
neue Kräfte, und Wicke strengte die seinigen bis aufs äußerste an, um
nur dem schrecklichen Verderben zu entrinnen. Wie zwei glühende Bolzen
sahen die beiden Duellanten aus. Doch ihre gegenseitige Hoffnung und
Furcht hielt sich so die Wage, daß sie sich gegen eine Viertelstunde
jagten, ohne dem Ziele näher zu kommen. Endlich keuchte Hayfisch: Ich
kann nicht mehr, ich muß bitten mich abzulösen, oder ein andres Spiel
anzufangen. Das letzte wurde angenommen, und der Obrist-Lieutenant
schlug das Wittwerspiel vor, wo hintereinander stehende Paare sich
trennen, eine Strecke laufen, und sich wieder vereinigen müssen, ohne
von einem heirathssüchtigen Wittwer, der sich eine Frau greifen will,
geschieden zu werden. Bei diesem Spiel, wo freilich nicht jede Bewegung
streng abgemessen werden kann, hoffte der Lord das gegen Henrietten
auszuüben, was er ländliche Freiheiten nannte. Er ließ es sich daher
gerne gefallen der erste Wittwer zu seyn. Henriette stand mit Werner
gepaart; ein Grund mehr für den Lord, dem verhaßten Musikus die
schöne Spiel-Verlobte abzunehmen. Er ließ daher alle Paare ziemlich
ruhig vorbeilaufen, ohne sich sehr anzustrengen, und merkte sich nur,
wenn Werner und Henriette kommen würden. Doch Werner brauchte die
erlaubte List, zu der der Hanswurst ihm behülflich war, seinen Platz
zu tauschen, und ließ diesen, der mit dem langen hagern Sekundanten
gepaart stand (denn es fehlte an Damen, um die bunte Reihe vollständig
zu machen) an seiner Stelle laufen. Der Lord, der sich nicht umsehen
durfte, glaubte gewiß Henrietten zu greifen, sprang daher wie ein Pfeil
nach der Seite herum, wo die Dame ankommen mußte, und hielt -- den
Hanswurst in seinen Armen, der ihn sogleich Mylady anredete und sich
seiner glücklichen Verbindung freuete, die zum Verdruß des Lords auch
glücklich bis ans Ende des Spiels fortdauerte. --
Jetzt war der Abend so weit vorgerückt, daß man die Wasserfahrt
beginnen wollte. Ein geschmückter Nachen, der die ganze Gesellschaft
aufnehmen konnte, lag bereit; in einem zweiten folgten mehrere
Spielleute mit Blasinstrumenten, die Werner bestellt hatte. Der Strom
lag licht und eben wie ein Spiegel; die Sonnenstrahlen fielen schon
röthlich in die Wellen und umzogen die Stadt, deren Thürme sich in der
Fluth spiegelten, mit einem goldnen wunderbaren Duft. Denn grade hinter
der Residenz ging die Sonne unter. Hatte man in dieses Prachtgemälde
eine Zeitlang hineingeschaut, so erquickte sich dagegen der Blick
nach der andern Seite durch die ruhige, tiefe dämmernde Bläue in der
der Horizont lag, und durch die frischgrünen Ufer und Inseln, die der
dunkelblaue Strom zierlich umschloß. Der Nachen wiegte sich sanft auf
den leise bewegten Wellen, die die angenehmste Kühlung aushauchten; der
Himmel spannte sich klar und blau über die Erde; die ganze wehmüthig
feierliche Stille des Abends herrschte auf der Flur und dem Gewässer.
Durchdrungen von der Schönheit des Anblicks, von dem wonnigen Hauch
der lauen Abendlüfte selig erquickt, überdrängt von den Gefühlen der
eigenen Brust traten die Thränen in Henriettens Auge, und wie von
einer höhern Macht begeistert, ergriff sie eine Guitarre und sang
dazu mit ihrer seelenvollen Stimme ein Lied, das in Aller Brust die
wunderbarsten Gefühle weckte.
Werner saß neben ihr, und drückte ihr, als sie geendigt hatte, in
tiefster Bewegung die Hand. Wie entzückt würde er ihr ans Herz gesunken
seyn, wenn er jetzt gedurft hätte! So trug er seine Wonne in sich,
und nur durch den leisen Druck der Hand und durch begegnende Blicke
verständigten sich die Liebenden. Der Lord hatte dies so halb und halb
gesehn, und ergrimmte innerlichst darüber. „Ich glaube wahrhaftig,“
sagte er leise zum Obrist-Lieutenant, „der unverschämte Musikant
wird dreist gegen den kleinen Engel. Wenn ich das wüßte, sollte ihn
der Teufel holen. Ich wäre im Stande und peitschte ihn aus.“ Diese
Worte hörte der Artillerie-Hauptmann, und fragte ziemlich laut: „Ew.
Herrlichkeit sprechen vom Auspeitschen? Wie kommen Sie darauf?“ Der
Lord schwieg, der Hauptmann lächelte ziemlich unverholen; dies fiel
allgemein auf. -- Man ruderte indeß den Strom hinauf, um sich bei
Mondenschein sanft von der Welle zurück treiben zu lassen. Es war
nicht zu verhindern, daß die rudernden Schiffsleute die Lustfahrenden
bisweilen etwas besprützten. Auch den Lord traf dies einige Mal. Roh,
wie er war, äußerte er sich laut darüber gegen die Ruderer. Diese, die
sich wenig um den Engländer kümmerten, trieben es jetzt absichtlich und
bespritzten ihn so, daß ihm der ganze Nacken naß wurde. Er suchte sein
Tuch, um sich abzuwischen, fand es aber nicht, weil er es vermuthlich
bei den Spielen verloren hatte. Ohne sich zu bedenken, griff er
nach dem Hut des Obrist-Lieutenants, der neben ihm lag, zog dessen
Federbusch heraus, und kehrte damit sowohl den Sitz als den Nacken ab.
Das durfte man dem Obrist-Lieutenant nicht bieten. Entrüstet stand er
auf und sprach: „Ew. Herrlichkeit, was thun Sie dort, das ist ja mein
Federbusch?“ „Bagatelle,“ erwiederte der Lord, „ich kaufe Ihnen morgen
einen bessern.“ „Höll und Teufel,“ fuhr der Obrist-Lieutenant auf,
„Herr, was erdreisten Sie sich? Glauben Sie, Ihre Lordschaft gebe Ihnen
das Recht, einen Offizier so zu beleidigen? Das soll Ihnen theuer zu
stehn kommen!“ Zugleich fuhr auch der Artillerie-Hauptmann auf. „Herr,“
rief dieser, „Sie wagen es einen Offizier auf diese Art zu beleidigen?
Sie, der Sie ihm gar keine Genugthuung geben können?“ Mit diesen
Worten sprang er auf den Lord zu; mehrere Herrn thaten ein gleiches,
dadurch kam der Nachen auf die Seite zu liegen, die Damen schrieen laut
auf, mußten aber doch unwillkührlich auf die tiefere Seite hinüber,
das Uebergewicht wurde zu groß, der Kahn schlug um, und die ganze
Gesellschaft lag im Wasser.