14. Spiele auf der Wiese. Die Wasserfahrt.

Die Sonne war jetzt allmählig tiefer gesunken, und man fand die

Zeit sehr passend, um auf der Wiese einige Spiele zu veranstalten.

Wicke und Hayfisch schlugen dagegen eine Wasserfahrt vor, allein der

Obrist-Lieutenant widersprach ihnen, und meinte die Wasserfahrt müsse

gemacht werden, wenn sich die Sonne fast zum Untergang neigte, weil

dann erstlich die Landschaft am schönsten beleuchtet sey, und zweitens

das Blenden und Stechen der Sonne, was auf dem Wasser unerträglich

sey, aufhöre. „Zudem,“ fügte er in einer bei ihm seltenen Begeisterung

hinzu, „was läßt sich reizenderes denken, als in der lieblichen

Abendkühle auf den purpurn sich brechenden Wellen zu treiben und

den Mond abzuwarten, der heut voll wird, und herrlich aufgehn muß?

Entscheiden Sie, schöne Henriette, habe ich nicht Recht?“ Henriette

erwiederte: „Ich habe hier nur ~eine~ Stimme zu geben, und die ist

mit Vergnügen die Ihrige, doch behaupte ich, daß die Damen einzeln

befragt werden müssen, ob sie die Kühle des Abends nicht fürchten. Wenn

das wäre, so müßten wir lieber jetzt fahren und die Spiele aufgeben.“

Dies geschah, doch alle entschieden sich für den Obrist-Lieutenant.

Man konnte eigentlich nicht recht begreifen, was Wicke und Hayfisch

gegen die Gesellschaftsspiele hatten, doch der Obrist-Lieutenant schien

es geahnt zu haben, und wußte sie nachher in die Enge zu treiben.

Es war nämlich nichts anders, als ihre vorsichtige Kleidung, in der

sie schon Hitze genug ausstanden, die sie nicht durch Springen und

Laufen vermehren mochten. Als man daher auf die Wiese gegangen war und

berathschlagte, was man spielen könnte, schlug er zuerst das Spiel:

~Katze~ und ~Maus~ vor, welches mit Beifall angenommen wurde. Unter den

Damen wurde durchs Loos die Maus, unter den Herrn die Katze bestimmt.

Der Obrist-Lieutenant, der alles anordnete, wußte es so einzurichten,

daß Wicke die Katze spielen mußte. Er machte tausend Entschuldigungen,

allein es half ihm nichts. Der Zufall wollte, daß Henrietten das

Loos der Maus zugefallen war. Es war jetzt Wickes Aufgabe, die

niedliche Maus zu haschen, und unter andern Umständen hätte ihm nichts

willkommener seyn können, auch ward der Lord förmlich eifersüchtig auf

ihn: doch jetzt, wo er vor Hitze schon fast umkommen wollte, schien

es ihm eine förmliche Pein. Er hätte sich gerne langsam und träge

benommen, allein das würde ihm solche Neckereien gebracht haben, daß

er dachte, „thue dein Möglichstes, sie rasch zu greifen, so ist der

Scherz bald vorbei.“ Der Kreis wurde jetzt geschlossen, und der Katze

ein Durchgang angewiesen, während die Maus überall den Freipaß des Aus-

und Einganges erhielt. Wicke stand außerhalb des Kreises, Henriette

inwendig. Das Signal wurde gegeben, und der Rath sprang, wie ein Löwe

auf die Beute, mit einem ungeheuren Satz auf Henrietten zu. Doch sie

bückte sich leicht und war außerhalb des Kreises. Jetzt versuchte Wicke

die Mauer zu durchbrechen. Er rannte sich dreimal als Mauerbrecher

gegen den Lord und den Obrist-Lieutenant, doch vergeblich. Jetzt wandte

er sich zur List. Durch verstellten Angriff suchte er Henrietten

in die Nähe der Stelle zu treiben, wo ihm der Ausgang offenstand.

Dies gelang ihm, doch floß der Schweiß schon in großen Tropfen von

seiner Stirn. Jetzt plötzlich wandte er sich und schoß hinaus. Die

überraschte Henriette, der nicht mehr Zeit genug blieb, sich in den

Kreis zu begeben, floh wie eine Taube rings um denselben herum, und

Wicke hinterdrein, wie Achill hinter Hektor. Da er aber schon fast

athemlos war, konnte er die leichtfüßige Grazie nicht einholen, und als

sie dies bemerkte, hüpfte sie ohne Anstrengung vor ihm her, dreimal

um den Kreis herum, während der Rath schwer keuchend nachsetzte. Ein

helles Gelächter brachte den armen Teufel noch mehr in Wuth, und er

beschloß nun alles daran zu setzen, um sich den Fang nicht entgehen zu

lassen. Allein die Jugend war auch eben nicht sein Fehler, und er fing

jetzt erst an, das erste Mal zu bemerken, daß er eigentlich schon das

sey, was der französische Lustspieldichter einen alten Jüngling nennt,

denn die Glieder wollten dem Willen nicht mehr gehorchen, und fast

brachen schon die Kniee unter ihm zusammen. Henriette schlüpfte jetzt

in den Kreis und verschaffte ihm dadurch Luft, indem er nun nicht mehr

nöthig hatte, sie zu verfolgen, sondern sie sich (man verzeihe den

Jagdausdruck) stellen konnte. Mit einem Male ging es ihm wie ein Blitz

auf. Daß Agrippinus seiner Wunde wegen nicht eben fest halten konnte,

war natürlich, zugleich stand neben diesem die schüchterne Wilhelmine.

Napoleon hat nie einen so glücklichen Operationsplan entworfen als

Wicke in dem Augenblick machte. Dort, nirgend anders, war der Schlüssel

zur Position. Durch Scheinangriffe trieb er Henrietten auf die morsche

Stelle in der Mauer. Kaum hatte er sie daselbst, so rannte er an wie

eine Schneelavine, brach glücklich durch, und -- plumpte lang auf den

Rasen nieder, während Henriette durch eine behende Bewegung entrann.

Durch den Chok waren ihm sämmtliche Westenbänder geplatzt, auch hatten

die Tragbänder einen starken Riß bekommen; daher mußte er nun die

Sache aufgeben, und bekannte mit verzweifelter Miene, er könne nicht

mehr. Der Oberst-Lieutenant, der Sekundant und der Arzt, die die Sache

ahnen mochten, lachten innerlichst vergnügt über das unwillkührliche

russische Bad, welches Wicke nehmen mußte. --

Man schlug jetzt ein anderes Spiel vor, nämlich: den dritten abzujagen.

Ich beschreibe das Spiel nicht weil es jedermann kennt. Werner war

zuerst der Führer des Plumpsacks; er schien durch eine glückliche

Divinationsgabe zu ahnen, daß Hayfisch eben so wenig zum Laufen

angekleidet seyn möchte als Wicke, daher lauerte er ihm auf und traf

ihn glücklich. Er hatte sich nicht geirrt, denn Hayfisch schien

in einer Art von Verzweiflung, daß das Unglück ihn so verfolgte.

Kleinmüthig nahm er das linnene Zepter seiner Würde, und setzte sich

in Lauf. Er kalkulirte richtig, daß Wicke der Erschöpfteste seyn

müßte, und glaubte ihn daher am leichtesten zu haschen; deshalb

richtete er sein Auge auf ihn. Dieser, der sich kaum erholt hatte,

sah sein Geschick nahen; die Furcht gab ihm Flügel zum Entweichen. Er

hüpfte wie ein Gemsbock und Hayfisch schoß hinterdrein. Wie Tantalus

nach der Frucht, strebte der Mäcen nach dem Rath. Die Hoffnung, sein

entsetzliches Amt los zu werden, gab ihm nach jedem mißlungenen Versuch

neue Kräfte, und Wicke strengte die seinigen bis aufs äußerste an, um

nur dem schrecklichen Verderben zu entrinnen. Wie zwei glühende Bolzen

sahen die beiden Duellanten aus. Doch ihre gegenseitige Hoffnung und

Furcht hielt sich so die Wage, daß sie sich gegen eine Viertelstunde

jagten, ohne dem Ziele näher zu kommen. Endlich keuchte Hayfisch: Ich

kann nicht mehr, ich muß bitten mich abzulösen, oder ein andres Spiel

anzufangen. Das letzte wurde angenommen, und der Obrist-Lieutenant

schlug das Wittwerspiel vor, wo hintereinander stehende Paare sich

trennen, eine Strecke laufen, und sich wieder vereinigen müssen, ohne

von einem heirathssüchtigen Wittwer, der sich eine Frau greifen will,

geschieden zu werden. Bei diesem Spiel, wo freilich nicht jede Bewegung

streng abgemessen werden kann, hoffte der Lord das gegen Henrietten

auszuüben, was er ländliche Freiheiten nannte. Er ließ es sich daher

gerne gefallen der erste Wittwer zu seyn. Henriette stand mit Werner

gepaart; ein Grund mehr für den Lord, dem verhaßten Musikus die

schöne Spiel-Verlobte abzunehmen. Er ließ daher alle Paare ziemlich

ruhig vorbeilaufen, ohne sich sehr anzustrengen, und merkte sich nur,

wenn Werner und Henriette kommen würden. Doch Werner brauchte die

erlaubte List, zu der der Hanswurst ihm behülflich war, seinen Platz

zu tauschen, und ließ diesen, der mit dem langen hagern Sekundanten

gepaart stand (denn es fehlte an Damen, um die bunte Reihe vollständig

zu machen) an seiner Stelle laufen. Der Lord, der sich nicht umsehen

durfte, glaubte gewiß Henrietten zu greifen, sprang daher wie ein Pfeil

nach der Seite herum, wo die Dame ankommen mußte, und hielt -- den

Hanswurst in seinen Armen, der ihn sogleich Mylady anredete und sich

seiner glücklichen Verbindung freuete, die zum Verdruß des Lords auch

glücklich bis ans Ende des Spiels fortdauerte. --

Jetzt war der Abend so weit vorgerückt, daß man die Wasserfahrt

beginnen wollte. Ein geschmückter Nachen, der die ganze Gesellschaft

aufnehmen konnte, lag bereit; in einem zweiten folgten mehrere

Spielleute mit Blasinstrumenten, die Werner bestellt hatte. Der Strom

lag licht und eben wie ein Spiegel; die Sonnenstrahlen fielen schon

röthlich in die Wellen und umzogen die Stadt, deren Thürme sich in der

Fluth spiegelten, mit einem goldnen wunderbaren Duft. Denn grade hinter

der Residenz ging die Sonne unter. Hatte man in dieses Prachtgemälde

eine Zeitlang hineingeschaut, so erquickte sich dagegen der Blick

nach der andern Seite durch die ruhige, tiefe dämmernde Bläue in der

der Horizont lag, und durch die frischgrünen Ufer und Inseln, die der

dunkelblaue Strom zierlich umschloß. Der Nachen wiegte sich sanft auf

den leise bewegten Wellen, die die angenehmste Kühlung aushauchten; der

Himmel spannte sich klar und blau über die Erde; die ganze wehmüthig

feierliche Stille des Abends herrschte auf der Flur und dem Gewässer.

Durchdrungen von der Schönheit des Anblicks, von dem wonnigen Hauch

der lauen Abendlüfte selig erquickt, überdrängt von den Gefühlen der

eigenen Brust traten die Thränen in Henriettens Auge, und wie von

einer höhern Macht begeistert, ergriff sie eine Guitarre und sang

dazu mit ihrer seelenvollen Stimme ein Lied, das in Aller Brust die

wunderbarsten Gefühle weckte.

Werner saß neben ihr, und drückte ihr, als sie geendigt hatte, in

tiefster Bewegung die Hand. Wie entzückt würde er ihr ans Herz gesunken

seyn, wenn er jetzt gedurft hätte! So trug er seine Wonne in sich,

und nur durch den leisen Druck der Hand und durch begegnende Blicke

verständigten sich die Liebenden. Der Lord hatte dies so halb und halb

gesehn, und ergrimmte innerlichst darüber. „Ich glaube wahrhaftig,“

sagte er leise zum Obrist-Lieutenant, „der unverschämte Musikant

wird dreist gegen den kleinen Engel. Wenn ich das wüßte, sollte ihn

der Teufel holen. Ich wäre im Stande und peitschte ihn aus.“ Diese

Worte hörte der Artillerie-Hauptmann, und fragte ziemlich laut: „Ew.

Herrlichkeit sprechen vom Auspeitschen? Wie kommen Sie darauf?“ Der

Lord schwieg, der Hauptmann lächelte ziemlich unverholen; dies fiel

allgemein auf. -- Man ruderte indeß den Strom hinauf, um sich bei

Mondenschein sanft von der Welle zurück treiben zu lassen. Es war

nicht zu verhindern, daß die rudernden Schiffsleute die Lustfahrenden

bisweilen etwas besprützten. Auch den Lord traf dies einige Mal. Roh,

wie er war, äußerte er sich laut darüber gegen die Ruderer. Diese, die

sich wenig um den Engländer kümmerten, trieben es jetzt absichtlich und

bespritzten ihn so, daß ihm der ganze Nacken naß wurde. Er suchte sein

Tuch, um sich abzuwischen, fand es aber nicht, weil er es vermuthlich

bei den Spielen verloren hatte. Ohne sich zu bedenken, griff er

nach dem Hut des Obrist-Lieutenants, der neben ihm lag, zog dessen

Federbusch heraus, und kehrte damit sowohl den Sitz als den Nacken ab.

Das durfte man dem Obrist-Lieutenant nicht bieten. Entrüstet stand er

auf und sprach: „Ew. Herrlichkeit, was thun Sie dort, das ist ja mein

Federbusch?“ „Bagatelle,“ erwiederte der Lord, „ich kaufe Ihnen morgen

einen bessern.“ „Höll und Teufel,“ fuhr der Obrist-Lieutenant auf,

„Herr, was erdreisten Sie sich? Glauben Sie, Ihre Lordschaft gebe Ihnen

das Recht, einen Offizier so zu beleidigen? Das soll Ihnen theuer zu

stehn kommen!“ Zugleich fuhr auch der Artillerie-Hauptmann auf. „Herr,“

rief dieser, „Sie wagen es einen Offizier auf diese Art zu beleidigen?

Sie, der Sie ihm gar keine Genugthuung geben können?“ Mit diesen

Worten sprang er auf den Lord zu; mehrere Herrn thaten ein gleiches,

dadurch kam der Nachen auf die Seite zu liegen, die Damen schrieen laut

auf, mußten aber doch unwillkührlich auf die tiefere Seite hinüber,

das Uebergewicht wurde zu groß, der Kahn schlug um, und die ganze

Gesellschaft lag im Wasser.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 32 / 35 题