13. Die Wette. Die Ankommenden. Das Mittagsessen.

Nach einigen Minuten hörten sie das Gerassel eines Pferdes, und sahen

Staub auf der Straße aufsteigen, die die Artillerie nicht gefahren war.

Bald erkannte man einen Reuter, der in vollem Carriere daher sprengte.

Als er näher kam, sah man, daß es der Rittmeister Holm von der

fürstlichen Leibgarde war, der ebenfalls zu den Verehrern der schönen

Henriette gehörte. Er parirte auf dem Punkt, wo die Straßen zusammen

kamen, und sein erstes Wort war: „Ist der Lord Monday schon hier?“

„Nein,“ war die Antwort. „So habe ich hundert Flaschen Champagner

gewonnen, und die hat mein Schimmel verdient, dafür soll er auf Ehre

das ganze Jahr reinen Hafer fressen! Aber zum Teufel, der Lord kommt

ja noch nicht? Zu sehn müßte er doch wenigstens seyn.“ „Was hats denn

gegeben, lieber Rittmeister?“ fragte der Obrist-Lieutenant. „Wir haben

gewettet, wer der Erste hier seyn würde. Vom A. Platz sind wir zugleich

ausgeritten. Ich durchs F-- Thor, er durch St-- Thor. Sein Weg ist

etwa hundert Schritt länger als der meinige, aber die hat er auf seine

braune Stute gerechnet. Hier war das Ziel der Wette. Wer zuerst ankäme,

sollte den andern hier erwarten. Ich kann mir nicht anders denken,

als daß er gestürzt seyn muß, denn ich hoffte auf meine Ehre nicht

die Wette zu gewinnen, weil die Stute ein kapitales Pferd ist. Mein

Schimmel ist auch keine Kuh, im Gegentheil ein äußerst braves Pferd,

aber die Stute!“ Hier unterbrach ihn Werner: „Da es wahrscheinlich ist,

daß der Lord gestürzt sey, so dächt ich, machten wir uns auf den Weg

ihm entgegen!“

„Ja, auf Ehre, Sie haben Recht, mein Liebster,“ sprach der Rittmeister,

„der arme Kerl hat vielleicht ein Unglück gehabt. Ich werde sacht

voraus traben, mein Pferd darf sich so nicht rasch abkühlen. Sie sind

doch meine Zeugen, daß ich zuerst hier gewesen bin?“ Damit trabte er

die Chaussee hinunter. Doch ehe er noch hundert Schritte geritten

war, sah man schon den Lord um die Ecke des Weges reiten. Sein Pferd

jagte ebenfalls _ventre à terre_. Als er den Rittmeister ansichtig

wurde, parirte er und ritt ihm im Schritt entgegen. Beide kehrten

zusammen um, und der Rittmeister schien vor Lachen bersten zu wollen.

Denn er saß auf dem Pferde und hielt sich beide Seiten, indem er den

Oberleib immer auf und nieder beugte. Endlich vereinigten sich die

Reuter mit der Gesellschaft, und nun erzählte der Lord sein Unglück.

„Goddam,“ rief er, „die verteufelte Artillerie. Ich kam wie ein Wetter

die Chaussee herunter geritten, da versperrte mir die Kolonne den Weg.

Ich schrie. Platz! Platz! Aber alle Kanonier sind taub wie Holz. Ich

wollt’ es wagen und an der Seite vorbei reiten, obwohl ich einen Fuß

dabei lassen konnte, allein meine verwünschte Stute scheute sich vor

den Kanonen, denn ich habe sie einmal beim Maneuvre zu nah in den Schuß

geritten, sie prallte zurück, bäumte sich, überschlug sich, und da

lag ich im Staube. Die Leute halfen mir dann wieder auf und klopften

mir den Staub ab. Aber die Wette ist verloren.“ Der Obrist-Lieutenant

äußerte sein Bedauren über dieses Mißgeschick, und fragte, woher denn

der Lord die rothen und blauen Streifen im Gesichte habe, die sogar an

einigen Stellen ein wenig mit Blut unterlaufen zu seyn schienen? „Ich

muß mit dem Gesicht durch die Pappelzweige gestreift seyn,“ erwiederte

der Lord und wurde etwas roth; Werner maß die Höhe, in der die Zweige

anfingen und schüttelte den Kopf. Der Rittmeister konnte nicht aufhören

zu lachen, und rief, einmal über das andere: „Die Artillerie soll

leben!“ Ein Reitknecht des Lords, der mittlerweile nachgekommen war,

nahm ihm und dem Rittmeister die Pferde ab. Darauf setzte die ganze

Gesellschaft sich wiederum auf die Bank an der Ecke, um die Theilnehmer

der Landparthie ankommen zu sehn. Zuerst rollte ein Whisky herbei,

auf welchem Regenbogen in der zierlichsten Sommerkleidung saß. Die

untere Hälfte seines eleganten Ichs war weiß, die obere hellgrün;

ein silbergrauer Pariser Strohhut schützte ihn vor der Sonne; eine

Badine spielte nachläßig in seiner Hand. Man konnte die Toilette nicht

geschmackvoller wählen. Dies Zeugniß hatte er sich, als er vor dem

Einsteigen noch einmal in den Spiegel schaute, selbst gegeben, indem

er ausrief: „Regenbogen, du siehst aus wie die Grazie der ländlichen

Gefilde!“ Hinter diesem rollten der Hanswurst und Hemmstoff, auf deren

neugierigen Gesichtern man die Frage nach dem Duell las. Die stolze

Miene des Siegers Hayfisch, denn dafür hielt er sich, bezeugte ihnen,

daß ihm kein Haar gekrümmt sey. Jetzt fuhr der Director Brückbauer

mit seiner Gemahlin und Augusten an den Herrn vorüber und ins Dorf

hinein. Wicke und Hemmstoff grüßten höflichst beflissen, doch Auguste

erwiederte das Kompliment sehr kalt. Nach einigen Minuten rollte

auch der Regisseur mit zwei Damen vom Theater herbei, und rasselte

vor das Wirthshaus. Mehrere uns unbekannte Familien mögen unbekannt

bleiben. Ganz zuletzt kam unser Freund, der Abbe, der ein Frühstück,

zu dem er bei einer alten Freundin, der Frau von W. geladen war, nicht

hatte im Stich lassen wollen. Als man ihn deshalb neckte, sprach er:

_que voulez vous? Est ce que le prêtre doit être le premier dans

l’eglise?_ -- Wir lassen nun die vereinigte Gesellschaft gemächlich

ins Wirthshaus gehn und sich an die Tafel setzen. Der Lord wollte

Henrietten zu Tisch führen, allein sie erwiederte ihm ausweichend:

„Ihro Herrlichkeit, ich darf nicht vergessen, daß ich Gäste habe,“ nahm

Werners Arm, der auch Wilhelminen führen mußte, und ließ zur Linken

ihre alte Pflegerin sitzen. Wicke hatte Augusten den Arm geboten, doch

sie entschuldigte sich damit, daß sie zu Brückbauer gehöre, und ließ

ihn stehn. Hemmstoff wußte, daß es ihm nicht besser gehen würde, daher

fürchtete er sich einen Versuch zu machen. Er hielt sich also zum

Abbe, der sich wieder an das Essen und die Flasche zu halten dachte.

Sie paßten überhaupt beide vortrefflich zusammen. Nicht allein wegen

ihrer ähnlichen Neigungen und gastronomischen Bestrebungen, sondern

auch weil von beider Haupt ein lichter Mondschein (der Heiligenschein

der Lebemänner) herabdämmerte. Da der Lord mit dem Gestirne seiner

Liebe nicht in Conjunktion kommen konnte, so hatte er die Stellung

im Gegenschein für die vortheilhafteste gehalten, und sich gerade

gegenüber gesetzt. Von diesem Platze bestrahlte er sie mit feurigem

Blicke und strömte eine Lavafluth von begeisterten Reden aus, die

das Herz seiner Göttin bei ihm erwärmen sollte. Doch Werner wußte

geschickt mitunter einen Eiszapfen in des Lords glühenden Busen zu

stecken, der ihn sichtlich fast erstarren machte. So fragte er ihn

z. B. einmal mitten in der Rede, ob nicht der Graf Klammheim aus W.

angekommen sey; er habe gestern eine Equipage mit der Livree desselben

fahren sehn. Der Lord, mochte er nun glauben, daß er angeführt

worden sey, oder daß ein Mißverständniß obgewaltet habe, mußte diese

Erinnerung höchst verdrießlich empfinden. Denn er hatte eine halbe

Ahnung, daß er doch vielleicht ein wichtiges Gespräch versäumt haben

möge, und fühlte sich nicht vorwurfsfrei, indem er weder, wohin er

geritten war, in seinem Hotel hinterlassen, noch sich näher erkundigt

hatte, ob der Graf wirklich angekommen sey. Deshalb stockte plötzlich

der Strom seiner Rede, und er antwortete nur kurz: „Ich habe auch

davon gehört, es mag aber ein Mißverständniß seyn; bei mir ist er noch

nicht gewesen.“ Nach einigen Minuten richtete er wieder eine starke

Apostrophe an Henrietten. Plötzlich fuhr Werner dazwischen. „Ach, Sie

wissen noch gar nichts von dem Unglück Ihrer Herrlichkeit! Sehen Sie,

Sie haben eine Wette verloren und sind noch dazu vom Pferde geworfen

worden, und was das schlimmste ist, in die Zweige der Pappeln hinein.

Sehn Sie nur die rothen Striche auf Ihrer Herrlichkeit Antlitz;

das sind die Spuren davon!“ „Das thut mir leid,“ sagte Henriette

aufrichtig, „nur begreife ich nicht,“ fügte sie unschuldig hinzu,

„wie sie in die Pappelzweige gerathen sind. Die scheinen mir doch

viel höher zu seyn als ein Reuter.“ „Ei,“ rief Werner, „das Pferd hat

ihre Herrlichkeit vermuthlich erst hoch in die Luft geworfen!“ „Das

muß ein schrecklicher Fall gewesen seyn,“ bedauerte Henriette. „Eine

Kleinigkeit, _passons la dessus_,“ erwiederte der Lord, „Sie sehn,

ich bin ganz wohl.“ Doch dies schien nicht wahr zu seyn, denn plötzlich

wurde er blaß und roth, und kam fast außer Faßung. Unmöglich konnte

die Ursach davon die seyn, daß der Artillerie-Hauptmann, der noch nach

Strahlheim zu kommen versprochen hatte, eben unvermuthet in den Saal

trat. Doch ließ sich nichts anders ersinnen, was Sr. Herrlichkeit so

in Unruhe hätte setzen können; es mußte daher wohl die Erinnerung an

den Fall, und den damit verknüpften Verlust und Aerger seyn, die durch

die Erscheinung des Artillerie-Offiziers aufs neue höchst lebhaft

erweckt wurde. Auch der Hauptmann war erstaunt, erwähnte indeß nichts

von dem Vorfall (vermuthlich aus Delikatesse) und nahm neben dem

Obrist-Lieutenant Platz. Die letzt erzählte Agitation hatte den Lord

ganz einsilbig gemacht, und es ist eben weiter nicht viel von ihm zu

erzählen. Die ganze Tafelzeit verstrich überdies unter unbedeutenden

Gesprächen, so daß wir sie kurz überspringen können. Den Kaffee nahm

die Gesellschaft auf dem Balkon ein.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 31 / 35 题