Nach einigen Minuten hörten sie das Gerassel eines Pferdes, und sahen
Staub auf der Straße aufsteigen, die die Artillerie nicht gefahren war.
Bald erkannte man einen Reuter, der in vollem Carriere daher sprengte.
Als er näher kam, sah man, daß es der Rittmeister Holm von der
fürstlichen Leibgarde war, der ebenfalls zu den Verehrern der schönen
Henriette gehörte. Er parirte auf dem Punkt, wo die Straßen zusammen
kamen, und sein erstes Wort war: „Ist der Lord Monday schon hier?“
„Nein,“ war die Antwort. „So habe ich hundert Flaschen Champagner
gewonnen, und die hat mein Schimmel verdient, dafür soll er auf Ehre
das ganze Jahr reinen Hafer fressen! Aber zum Teufel, der Lord kommt
ja noch nicht? Zu sehn müßte er doch wenigstens seyn.“ „Was hats denn
gegeben, lieber Rittmeister?“ fragte der Obrist-Lieutenant. „Wir haben
gewettet, wer der Erste hier seyn würde. Vom A. Platz sind wir zugleich
ausgeritten. Ich durchs F-- Thor, er durch St-- Thor. Sein Weg ist
etwa hundert Schritt länger als der meinige, aber die hat er auf seine
braune Stute gerechnet. Hier war das Ziel der Wette. Wer zuerst ankäme,
sollte den andern hier erwarten. Ich kann mir nicht anders denken,
als daß er gestürzt seyn muß, denn ich hoffte auf meine Ehre nicht
die Wette zu gewinnen, weil die Stute ein kapitales Pferd ist. Mein
Schimmel ist auch keine Kuh, im Gegentheil ein äußerst braves Pferd,
aber die Stute!“ Hier unterbrach ihn Werner: „Da es wahrscheinlich ist,
daß der Lord gestürzt sey, so dächt ich, machten wir uns auf den Weg
ihm entgegen!“
„Ja, auf Ehre, Sie haben Recht, mein Liebster,“ sprach der Rittmeister,
„der arme Kerl hat vielleicht ein Unglück gehabt. Ich werde sacht
voraus traben, mein Pferd darf sich so nicht rasch abkühlen. Sie sind
doch meine Zeugen, daß ich zuerst hier gewesen bin?“ Damit trabte er
die Chaussee hinunter. Doch ehe er noch hundert Schritte geritten
war, sah man schon den Lord um die Ecke des Weges reiten. Sein Pferd
jagte ebenfalls _ventre à terre_. Als er den Rittmeister ansichtig
wurde, parirte er und ritt ihm im Schritt entgegen. Beide kehrten
zusammen um, und der Rittmeister schien vor Lachen bersten zu wollen.
Denn er saß auf dem Pferde und hielt sich beide Seiten, indem er den
Oberleib immer auf und nieder beugte. Endlich vereinigten sich die
Reuter mit der Gesellschaft, und nun erzählte der Lord sein Unglück.
„Goddam,“ rief er, „die verteufelte Artillerie. Ich kam wie ein Wetter
die Chaussee herunter geritten, da versperrte mir die Kolonne den Weg.
Ich schrie. Platz! Platz! Aber alle Kanonier sind taub wie Holz. Ich
wollt’ es wagen und an der Seite vorbei reiten, obwohl ich einen Fuß
dabei lassen konnte, allein meine verwünschte Stute scheute sich vor
den Kanonen, denn ich habe sie einmal beim Maneuvre zu nah in den Schuß
geritten, sie prallte zurück, bäumte sich, überschlug sich, und da
lag ich im Staube. Die Leute halfen mir dann wieder auf und klopften
mir den Staub ab. Aber die Wette ist verloren.“ Der Obrist-Lieutenant
äußerte sein Bedauren über dieses Mißgeschick, und fragte, woher denn
der Lord die rothen und blauen Streifen im Gesichte habe, die sogar an
einigen Stellen ein wenig mit Blut unterlaufen zu seyn schienen? „Ich
muß mit dem Gesicht durch die Pappelzweige gestreift seyn,“ erwiederte
der Lord und wurde etwas roth; Werner maß die Höhe, in der die Zweige
anfingen und schüttelte den Kopf. Der Rittmeister konnte nicht aufhören
zu lachen, und rief, einmal über das andere: „Die Artillerie soll
leben!“ Ein Reitknecht des Lords, der mittlerweile nachgekommen war,
nahm ihm und dem Rittmeister die Pferde ab. Darauf setzte die ganze
Gesellschaft sich wiederum auf die Bank an der Ecke, um die Theilnehmer
der Landparthie ankommen zu sehn. Zuerst rollte ein Whisky herbei,
auf welchem Regenbogen in der zierlichsten Sommerkleidung saß. Die
untere Hälfte seines eleganten Ichs war weiß, die obere hellgrün;
ein silbergrauer Pariser Strohhut schützte ihn vor der Sonne; eine
Badine spielte nachläßig in seiner Hand. Man konnte die Toilette nicht
geschmackvoller wählen. Dies Zeugniß hatte er sich, als er vor dem
Einsteigen noch einmal in den Spiegel schaute, selbst gegeben, indem
er ausrief: „Regenbogen, du siehst aus wie die Grazie der ländlichen
Gefilde!“ Hinter diesem rollten der Hanswurst und Hemmstoff, auf deren
neugierigen Gesichtern man die Frage nach dem Duell las. Die stolze
Miene des Siegers Hayfisch, denn dafür hielt er sich, bezeugte ihnen,
daß ihm kein Haar gekrümmt sey. Jetzt fuhr der Director Brückbauer
mit seiner Gemahlin und Augusten an den Herrn vorüber und ins Dorf
hinein. Wicke und Hemmstoff grüßten höflichst beflissen, doch Auguste
erwiederte das Kompliment sehr kalt. Nach einigen Minuten rollte
auch der Regisseur mit zwei Damen vom Theater herbei, und rasselte
vor das Wirthshaus. Mehrere uns unbekannte Familien mögen unbekannt
bleiben. Ganz zuletzt kam unser Freund, der Abbe, der ein Frühstück,
zu dem er bei einer alten Freundin, der Frau von W. geladen war, nicht
hatte im Stich lassen wollen. Als man ihn deshalb neckte, sprach er:
_que voulez vous? Est ce que le prêtre doit être le premier dans
l’eglise?_ -- Wir lassen nun die vereinigte Gesellschaft gemächlich
ins Wirthshaus gehn und sich an die Tafel setzen. Der Lord wollte
Henrietten zu Tisch führen, allein sie erwiederte ihm ausweichend:
„Ihro Herrlichkeit, ich darf nicht vergessen, daß ich Gäste habe,“ nahm
Werners Arm, der auch Wilhelminen führen mußte, und ließ zur Linken
ihre alte Pflegerin sitzen. Wicke hatte Augusten den Arm geboten, doch
sie entschuldigte sich damit, daß sie zu Brückbauer gehöre, und ließ
ihn stehn. Hemmstoff wußte, daß es ihm nicht besser gehen würde, daher
fürchtete er sich einen Versuch zu machen. Er hielt sich also zum
Abbe, der sich wieder an das Essen und die Flasche zu halten dachte.
Sie paßten überhaupt beide vortrefflich zusammen. Nicht allein wegen
ihrer ähnlichen Neigungen und gastronomischen Bestrebungen, sondern
auch weil von beider Haupt ein lichter Mondschein (der Heiligenschein
der Lebemänner) herabdämmerte. Da der Lord mit dem Gestirne seiner
Liebe nicht in Conjunktion kommen konnte, so hatte er die Stellung
im Gegenschein für die vortheilhafteste gehalten, und sich gerade
gegenüber gesetzt. Von diesem Platze bestrahlte er sie mit feurigem
Blicke und strömte eine Lavafluth von begeisterten Reden aus, die
das Herz seiner Göttin bei ihm erwärmen sollte. Doch Werner wußte
geschickt mitunter einen Eiszapfen in des Lords glühenden Busen zu
stecken, der ihn sichtlich fast erstarren machte. So fragte er ihn
z. B. einmal mitten in der Rede, ob nicht der Graf Klammheim aus W.
angekommen sey; er habe gestern eine Equipage mit der Livree desselben
fahren sehn. Der Lord, mochte er nun glauben, daß er angeführt
worden sey, oder daß ein Mißverständniß obgewaltet habe, mußte diese
Erinnerung höchst verdrießlich empfinden. Denn er hatte eine halbe
Ahnung, daß er doch vielleicht ein wichtiges Gespräch versäumt haben
möge, und fühlte sich nicht vorwurfsfrei, indem er weder, wohin er
geritten war, in seinem Hotel hinterlassen, noch sich näher erkundigt
hatte, ob der Graf wirklich angekommen sey. Deshalb stockte plötzlich
der Strom seiner Rede, und er antwortete nur kurz: „Ich habe auch
davon gehört, es mag aber ein Mißverständniß seyn; bei mir ist er noch
nicht gewesen.“ Nach einigen Minuten richtete er wieder eine starke
Apostrophe an Henrietten. Plötzlich fuhr Werner dazwischen. „Ach, Sie
wissen noch gar nichts von dem Unglück Ihrer Herrlichkeit! Sehen Sie,
Sie haben eine Wette verloren und sind noch dazu vom Pferde geworfen
worden, und was das schlimmste ist, in die Zweige der Pappeln hinein.
Sehn Sie nur die rothen Striche auf Ihrer Herrlichkeit Antlitz;
das sind die Spuren davon!“ „Das thut mir leid,“ sagte Henriette
aufrichtig, „nur begreife ich nicht,“ fügte sie unschuldig hinzu,
„wie sie in die Pappelzweige gerathen sind. Die scheinen mir doch
viel höher zu seyn als ein Reuter.“ „Ei,“ rief Werner, „das Pferd hat
ihre Herrlichkeit vermuthlich erst hoch in die Luft geworfen!“ „Das
muß ein schrecklicher Fall gewesen seyn,“ bedauerte Henriette. „Eine
Kleinigkeit, _passons la dessus_,“ erwiederte der Lord, „Sie sehn,
ich bin ganz wohl.“ Doch dies schien nicht wahr zu seyn, denn plötzlich
wurde er blaß und roth, und kam fast außer Faßung. Unmöglich konnte
die Ursach davon die seyn, daß der Artillerie-Hauptmann, der noch nach
Strahlheim zu kommen versprochen hatte, eben unvermuthet in den Saal
trat. Doch ließ sich nichts anders ersinnen, was Sr. Herrlichkeit so
in Unruhe hätte setzen können; es mußte daher wohl die Erinnerung an
den Fall, und den damit verknüpften Verlust und Aerger seyn, die durch
die Erscheinung des Artillerie-Offiziers aufs neue höchst lebhaft
erweckt wurde. Auch der Hauptmann war erstaunt, erwähnte indeß nichts
von dem Vorfall (vermuthlich aus Delikatesse) und nahm neben dem
Obrist-Lieutenant Platz. Die letzt erzählte Agitation hatte den Lord
ganz einsilbig gemacht, und es ist eben weiter nicht viel von ihm zu
erzählen. Die ganze Tafelzeit verstrich überdies unter unbedeutenden
Gesprächen, so daß wir sie kurz überspringen können. Den Kaffee nahm
die Gesellschaft auf dem Balkon ein.