Wir hatten unsere Bekannten, die Räthe Wicke und Hemmstoff, so wie
den Hanswurst bei einer wohlbesetzten Tafel im eleganten Lokal des
Hoftraiteurs verlassen. Dort hatten sich noch mehrere Freunde zusammen
gefunden. Ihr Gespräch war, wie natürlich, Henriette. Wicke, der
den Namen nicht nennen hören konnte, ohne sich seines verdießlichen
Unfalls zu erinnern, schlich abseits, ließ sich von einem der Kellner
Feder, Tinte und Papier geben, und schrieb den Brief und Aufsatz, den
wir im vorigen Kapitel gelesen haben. Allein ehe er ihn absendete, las
er ihn noch in der Gesellschaft vor, indem er vorgab, er habe ihn so
eben aus seiner Wohnung geholt. Natürlich fand er allgemeinen Beifall,
so daß Wicke fast seinen Stern prieß, dessen Einfluß ihn auf diese
Art zum Schriftsteller gemacht hatte. Er wurde darauf dem Kellner
übergeben, der die Besorgung übernahm. Durch Wickes Vorlesung hatte
sich das Gespräch auf die Kritiken des Tages gewendet, und jedermann,
der die letzten Flugblätter verschiedener Art gelesen hatte, fand, daß
sie sich offenbar in zwei Partheien theilten, deren eine absichtlich
hämische Angriffe auf Henrietten that, die andere dagegen sie kräftig
beschirmte und vertheidigte. Der Redakteur des Menschenscheuen, der
Professor Ruhwitz, mußte nach der Meinung der Gesellschaft offenbar
bestochen worden seyn, um Wickes Kritik so schändlich zu Henriettens
Nachtheil zu verdrehen. „Doch wer könnte,“ fragte der Rath Hemmstoff,
„wohl dazu Anlaß gegeben haben?“ „Wie?“ fiel Wicke ein, „können Sie
noch zweifeln? Ich wette, es ist die neidische Caroline gewesen!“
„Sie haben Recht,“ rief der wohlbekannte Obrist-Lieutenant, der auch
dabei war, „ich bin diesen Morgen, ehe ich zu Henrietten ging, einen
Augenblick bei ihr gewesen, da konnte sie ihre Wuth kaum unterdrücken.
Ich neckte sie absichtlich ein wenig, indem ich Henrietten in den
Himmel erhob, und jedes Mal, daß sie selbst von sich und einer ihrer
Rollen anfing, sprang ich ab, und kam wieder auf Henriettens Vorzüge.
Sehn Sie, die kleine neidische hübsche Person hätte beinah geweint
vor Aerger.“ „Deliciös,“ rief ein uns noch nicht bekannter Mann,
Namens ~von Hayfisch~, (ebenfalls ein Mäcen des Theaters und
Jerusalemitischer Abkunft,) „auf Ehre, lieber Obrist-Lieutenant,
deliciös. Ich hätte mögen dabei seyn. Aber morgen will ich hin und
es eben so machen. Man muß den übermüthigen Sängerinnen zeigen, daß
man sie nach Gefallen absetzen kann. Sie ist lang genug meine Göttin
gewesen; morgen soll sie einmal statt des Weihrauchs bittre Pillen
schlucken!“ Ein junger blaßer Mann, der bisher einsam und ohne zu
sprechen an einem Tische gesessen hatte, stand jetzt auf und näherte
sich den etwas laut Sprechenden. Der Hanswurst erkannte ihn und
flüsterte: „Seht da die Leiche, die Carolinens Schatten bildet; es
ist ihr blaßer Verehrer. Nun, wenn er Eure Rede gehört hat, und er
wird nicht roth wie ein gesottener Krebs, so erlebe ich, daß ein Mohr
blaß wird, wie der steinerne Gast.“ Wirklich überzog eine leise Röthe
des Verdrußes die Wangen des bleichen hagern Jünglings. Er schien
zweifelhaft, ob er der Gesellschaft näher treten solle, oder nicht,
doch endlich machte er, wie einer der einen plötzlichen Entschluß
gefaßt hat, eine Wendung, schritt gerade auf den Tisch zu, und redete
folgender maßen:
„Meine Herrn! Ich höre hier so eben einige ganz unschickliche und
ungeziemende Reden, die eine Dame, welche sie alle kennen, beleidigen.
Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie ausgesprochen hat, doch ich erkläre
Ihnen hierdurch, daß ich die Redner, falls sie das nicht unleugbar
beweisen können, was sie gesagt haben, für Männer ohne Ehre halte.
Könnten sie es aber auch beweisen, so muß ich dennoch die Art, wie sie
über eine Dame hinter dem Rücken derselben sprechen, für niedrig und
unter der Würde eines Mannes von Stande erklären. Darnach haben Sie
sich zu richten. Ich bin ein Römer, heiße ~Agrippinus Coloniensis~,
meine Wohnung ist in der Roßmariengaße.“ Mit diesen Worten schritt er
stolz zur Thür hinaus. Die Gesellschaft saß mit offenem Munde, und
wußte nicht was sie sagen sollte. Endlich fing Hayfisch an furchtsam
zu fragen: „Hat denn jemand von uns etwas gesagt, was den Herrn
beleidigen könnte?“ „Daß ich nicht wüßte,“ erwiederte der Rath Wicke.
Der Obrist-Lieutenant sah höchst verdrießlich aus und sprach kein Wort.
Während dieser Pause traten mehrere Herren ein, die jedermann auf den
ersten Blick an ihren Gesichtern für Kritiker erkannte. Es waren unter
andern ~Raupenbach~, der Redacteur ~Quark~, der Poet und Kritikaster
~Schillibold Avecça~, desgleichen ~Rennstein~, ~Ruhwitz~, ~Puckbulz~,
~Huhn~ und andere; sie schienen im lebhaftesten Gespräch mit einander,
setzten sich an einen etwas entlegenen Tisch und forderten Wein.
Man hätte gewiß wenig von ihrem Wechselgespräch verstehen können,
wenn nicht in der ersten Gesellschaft gerade eine so tiefe Stille
eingetreten wäre. So hörte man ab und zu folgendes:
~Quark.~ Das wird Aufsehn machen, lieber Rennstein, glauben Sie
mir; besonders, wenn Sie, lieber Schillibold, und Sie, theurer Huhn,
uns Ihren Beistand nicht entziehen.
~Schillibold Avecça.~ Freilich! Wir halten uns zu keiner Parthei,
aber unserm Humor wollen wir Luft machen.
~Huhn.~ Mir braust es im Gehirn wie Champagner! Wenn ich nur Luft
für alle Gedanken hätte!
~Quark.~ Mir geht es eben so! Ha, wie wird das die Zeitung heben!
Ich widerlege mich zehn Mal selbst, und immer gröber. Ja ich wäre im
Stande und sagte mir selbst Injurien, und verklagte mich auch selbst
beim Kammergericht.
~Rennstein.~ Quark! der Gedanke ist kostbar. Wie, wenn ich dagegen
das Blatt umdrehte, mich selbst in einem halben Dutzend Antikritiken
immer mehr und unbegränzter lobte, nur stets meine Bescheidenheit
tadelte?
~Raupenbach.~ Auch gut! Nur nicht so vortheilhaft für den Absatz;
bittre Kritik lockt die Menge an. Nichts konnte mir daher lieber seyn,
als der Auftrag, den mir Caroline gegeben.
~Ruhwitz.~ Gut, wir dienen ihr, aber lassen uns doch das Recht
nicht nehmen, auch den andern dienstbar zu seyn. Hören Sie, mir fällt
etwas ein! Ich habe ein kleines Epigramm auf beide. Sie müssen ein
jeder eine Preisfrage thun, der sie ihren Namen unterzeichnen, und der
unterzeichnete Name könnte immer gleich eine scharf satyrische Antwort
enthalten, z. B. so: Henriette fragt und unterzeichnet sich.
~Preisfrage.~
Wer sänge eitel gern mit jedem in die Wette?
~Henriette.~
Darauf antwortet Caroline.
~Preisfrage.~
Wer zieht zu bösem Spiele gute Miene?
~Caroline.~
~Puckbulz.~ Schön; mir fällt auch eins ein.
~Preisfrage.~
Wer zahlet gut für lobende Sonette?
~Henriette.~
~Preisfrage.~
Wer wäre gerne die erste auf der Bühne?
~Caroline.~
~Preisfrage.~
~Huhn.~ Wer ist, frag ich, die listigste Kokette?
~Henriette.~
~Preisfrage.~
Kennt ihr die böse reizende Cocquine?
~Caroline.~
~Quark.~ Ha! Ha! Ha! Lassen sie uns nur nachsinnen, so bringen wir
ein Dutzend heraus! -- Aber still, ich glaube wir werden behorcht.
Sie sprachen jetzt leiser, denn der andere Tisch war wirklich
aufmerksam geworden. Rennstein strich sich den Schnurrbart und schob
die Brille zurecht, Raupenbach nahm eine Prise, Quark lächelte
und verdrehte die Augen, halb nach dem Himmel, Puckbulz hustete,
Schillibold stand auf und ging überzwerg auf dem Teppich umher.
Damit wollten sie den Schein geben, als hätten sie gar kein eifriges
Gespräch geführt. Die tiefe Stille, die seit der Ausforderung an
dem andern Tisch herrschte, wurde jetzt zuerst wieder einigermaßen
unterbrochen. Der Obrist-Lieutenant nämlich äußerte: „Meine Herrn,
ich habe mir die Sache überlegt. Wir können die Rede des blassen
Mannes nicht unbeachtet lassen. Offenbar war er über das ergrimmt,
was wir, nämlich ich, Herr Rath Wicke und unser Freund Hayfisch über
Carolinen gesagt haben. Wir müssen also alle drei zu ihm und uns näher
mit ihm besprechen.“ „Freilich,“ rief der Hanswurst! „Wicke, ich bin
Ihr Sekundant. Wir wollen den Blassen erblassen machen!“ Doch Wicke
saß stumm und ängstlich, und Hayfisch zitterte an allen Gliedern. Als
der Hanswurst dies bemerkte fuhr er fort: „Seht, das ist männlich,
Kinder, daß Euch der Grimm so blaß macht, und ihr vor Zorn kein Wort
hervor bringen könnt. Ja wir wollen sehen, was der Blasse sagen wird,
wenn ihn der Hayfisch angähnt! aber hört, schont des armen Menschen.
Die Liebe treibt ihn zu dem Wahnsinn. Bedenkt seine Angehörigen und
Verwandte, die sich schon über die Verirrung des Jünglings so betrüben;
wie würden sie nicht erst trauern, wenn er verstümmelt würde, oder
gar todt auf dem Platz bliebe.“ „Nun meine Herrn,“ unterbrach der
Obrist-Lieutenant, „wann gehen wir zu dem Ausforderer? Ich bin der
Meinung, daß es morgen in aller Frühe geschehen müsse, und zwar
gemeinschaftlich. Ich werde Sie um sieben Uhr abholen, da ich bei
ihnen vorbei muß, um nach der Roßmaringaße zu kommen. Sind sie dies
zufrieden?“ „Ja Bester,“ stammelten beide und sahen betrübt gen Himmel.