Sie hielten sich lange stumm umfaßt. Die große heilige Wallung ihrer
Herzen vermochte nicht Worte zu finden. Nach einigen Minuten standen
sie auf, und gingen Arm in Arm, wobei sich Henriette dicht, fast
schüchtern sich verbergend, an den Freund schmiegte, im Zimmer auf
und nieder ohne zu sprechen. Werner hatte seinen Arm um ihren Nacken
gelegt, und hielt mit der Linken ihre zitternde Hand, die er von Zeit
zu Zeit an die heißen Lippen drückte. Endlich stand er still, stellte
sich vor sie und rief: „Ist es aber wahr, ist es möglich, bin ich denn
wirklich so überaus glücklich?“ Und sie sank ihm von neuem an das Herz
und lispelte schüchtern: „bist Du denn wohl so glücklich als
ich?“ -- --
Erst jetzt gewann nach und nach ihr Zustand die Sprache wieder.
Sie nahmen den vertraulichen Platz auf dem Sopha wieder ein, und
Werner, der ihr zuvor nur gegen über geseßen hatte, wurde jetzt ihr
Nachbar. Die glückliche Gegenwart genießt sich ohne eine Kunst von
selbst. Das Glück der Erinnerung wie der Zukunft wird erst durch eine
besondere Thätigkeit wieder vor die Seele der Menschen gebracht. So
gefielen sich denn unsere Liebenden auch darin, die holde Gestalt der
Gegenwart noch mit Blumen der Erinnerung und Zukunft zu schmücken.
Jeder Moment, den sie seit jenem ersten Begegnen auf der Reise mit
einander zugebracht hatten, die Zeit, wo sie getrennt gewesen waren,
bis zu der Wiedervereinigung in der Residenz, alles wurde auf das
genaueste besprochen. Endlich fragte Werner, als der besonnenere Mann
und der, dem hierbei die nächste Pflicht oblag, zuerst: „Wie aber
soll nun unsere Zukunft seyn? Wie wollen wir uns durch die äußern
Lebensverhältnisse mit Ehre, Glück und Zufriedenheit hindurch kämpfen?
Denn dem Theater kann ich dich, theure Henriette, nicht lassen.“ „Nein,
um des Himmels Willen nicht,“ sprach diese. „Laß uns weit von dem
Geräusch der Welt in heimlicher, lieber Stille leben, wo ich nur dir
gehöre.“ „Das möchte schwer, wo nicht unmöglich auszuführen seyn,“
antwortete er. „Nur in einer größern Stadt kann ich mein Talent und
meine Kenntnisse so geltend machen, daß sie die Früchte tragen deren es
bedarf, um Dich und die Deinen in einer sorgenlosen Unabhängigkeit zu
erhalten. Für den Anfang besitze ich zum Glück einiges Vermögen; wenn
es auch gleich nur gering ist, so reicht es doch hin, die Bedürfnisse
der nächsten Jahre zu decken. Und dann hoffe ich mit Gott so weit zu
seyn, daß ich diesen Stab wegwerfen kann.“ „Und glaubst Du denn,“
erwiederte Henriette erfreut, „ich sey so ganz hilflos? Nein, ich kann
Dich auch gewiß mit so manchem erfreuen, was ich bereits erworben
habe; denn ich dachte immer an einen Wechsel des Glücks, und an die
lieben Geschwister. Die werden doch alsdann mit uns seyn und leben?“
„Gewiß meine Liebe,“ sprach Werner, und küßte ihr die hold zur Frage
geöffneten Lippen, „wir werden ~eine~ glückliche Familie seyn! Ich
freue mich recht auf die Zeit, wo man im Erreichen vieler kleinen Ziele
ein Glück finden, und in dem geringsten Erwerb eine Freude sehen wird,
da er sich gleich zu Nutzen und Frommen lieber Angehörigen verwenden
läßt. Wer ohne alle Mühe vorfindet, was er braucht, genießt nicht halb
so, als der da mühsam arbeitend erwirbt. O, wie fühle ich mich stark,
für Dich, liebes Wesen, alles zu unternehmen, um Dich nur aus dieser
das Bessere erdrückenden Lage zu befreien.“ -- In dieser Art spann
sich das Gespräch fort. Pläne wurden entworfen und verworfen; andere
mit neuer Lust und neuem Muth angefangen und ebenso gemißbilligt, wo
sie sich unhaltbar zeigten. Wir wollen die nur den Liebenden wichtigen
Angelegenheiten übergehn und uns mit dem Hauptplan begnügen, der darin
bestand, daß Henriette, sobald ihre Verpflichtungen aufhörten, das
Theater verlassen solle. Zum Beschluß ihrer öffentlichen künstlerischen
Laufbahn, und um das Nöthige zu einer Einrichtung ihres Hauswesens,
das, auf die Geschwister berechnet, weiter ausgedehnt werden mußte, zu
erwerben, wollte sie ein Concert veranstalten, zu dem sie schon lang
aufgefordert worden war. Werner sollte indeß mit seinem Vater, dessen
Einwilligung er bedurfte, sich brieflich einigen, und verschiedene
Schritte thun, um eine Stelle als öffentlicher Lehrer der Tonkunst an
der Universität zu erhalten, die eben offen stand. -- Unter diesen
Gesprächen und Luftschlössern war der Abend fast verstrichen. Da
schallte es unvermuthet noch an Henriettens Thür. Louise trat mit einem
Briefe herein, den der Rath Wicke gesendet hatte. „Wir wollen ihn nicht
öffnen,“ sprach Henriette, „wer weiß, was er Unangenehmes enthält!“
Doch Werner war anderer Meinung, indem er sagte, es sey doch möglich,
daß der Brief etwas enthalte, welchem man vielleicht umso besser
ausweichen könne, falls man zeitig unterrichtet wäre. Er wurde daher
erbrochen, Henriette las ihn vor:
Hochverehrteste, holdeste, liebreizendste
Henriette!
„Das grausame Geschick, im Bunde mit schwarzen Verräthern, hatte
sich diesen Morgen gegen mich verschworen. Ich war allerdings der
Verfasser jenes Aufsatzes, aber nur seiner ersten Hälfte. Irgend
ein hämischer, boshafter Feind, dem ich auf die Spur zu kommen
denke, hatte meinen Schluß gestrichen und sein Pamphlet angefügt.
Das unterzeichnete W., der Anfangsbuchstabe meines Namens, sollte
den Verdacht auf mich wälzen, als sey ich der freche Beleidiger
Ihrer holden Anmuth und bezaubernden Kunst. Die Bereitwilligkeit,
die ich hatte, den Aufsatz vorzulesen, und mein Entsetzen, das
mich aller Faßung beraubte, als ich ihn so abscheulich verstümmelt
sah, mögen zuerst für die Wahrheit meiner Behauptung, für die
Treue meiner Gesinnung zeugen. Alsdann aber würdigen Sie auch das
beiliegende Blatt eines Blickes, und überzeugen Sie sich durch
die Mittheilung meiner Urschrift, wie ich von Ihnen denke. In der
Hoffnung, daß Sie jetzt mich wieder Ihrer würdig achten, und mich
nicht grausam verdammen werden,
Ihr ewig getreuer Verehrer
Wicke.“
Die Beilage enthielt eine Fortsetzung des Aufsatzes in den
übertriebensten und tollsten Ausdrücken, die wir dem Leser nicht
aufdringen wollen. Zu einer andern Zeit möchte diese vorgebliche
Rechtfertigung des Rathes höchst komisch erschienen seyn. Jetzt waren
die Liebenden zu glücklich, um die Sache einer längern Aufmerksamkeit
zu würdigen. Henriette warf das Blatt bei Seite, und der Inhalt, wie
der Schreiber desselben waren vergessen. -- Die Liebenden wurden jetzt
einig, daß ihr Plan noch geheim bleiben müsse, und ihr Verhältniß
ebenfalls der treuen Verschwiegenheit Luisens allein anvertraut
werden dürfe. So schieden sie spät in der Nacht mit vollem seligen
Herzen, denn kein anderer Wunsch blieb, als der eines recht baldigen
Wiedersehens.