9. Pläne für die Zukunft. Die Rechtfertigung.

Sie hielten sich lange stumm umfaßt. Die große heilige Wallung ihrer

Herzen vermochte nicht Worte zu finden. Nach einigen Minuten standen

sie auf, und gingen Arm in Arm, wobei sich Henriette dicht, fast

schüchtern sich verbergend, an den Freund schmiegte, im Zimmer auf

und nieder ohne zu sprechen. Werner hatte seinen Arm um ihren Nacken

gelegt, und hielt mit der Linken ihre zitternde Hand, die er von Zeit

zu Zeit an die heißen Lippen drückte. Endlich stand er still, stellte

sich vor sie und rief: „Ist es aber wahr, ist es möglich, bin ich denn

wirklich so überaus glücklich?“ Und sie sank ihm von neuem an das Herz

und lispelte schüchtern: „bist Du denn wohl so glücklich als

ich?“ -- --

Erst jetzt gewann nach und nach ihr Zustand die Sprache wieder.

Sie nahmen den vertraulichen Platz auf dem Sopha wieder ein, und

Werner, der ihr zuvor nur gegen über geseßen hatte, wurde jetzt ihr

Nachbar. Die glückliche Gegenwart genießt sich ohne eine Kunst von

selbst. Das Glück der Erinnerung wie der Zukunft wird erst durch eine

besondere Thätigkeit wieder vor die Seele der Menschen gebracht. So

gefielen sich denn unsere Liebenden auch darin, die holde Gestalt der

Gegenwart noch mit Blumen der Erinnerung und Zukunft zu schmücken.

Jeder Moment, den sie seit jenem ersten Begegnen auf der Reise mit

einander zugebracht hatten, die Zeit, wo sie getrennt gewesen waren,

bis zu der Wiedervereinigung in der Residenz, alles wurde auf das

genaueste besprochen. Endlich fragte Werner, als der besonnenere Mann

und der, dem hierbei die nächste Pflicht oblag, zuerst: „Wie aber

soll nun unsere Zukunft seyn? Wie wollen wir uns durch die äußern

Lebensverhältnisse mit Ehre, Glück und Zufriedenheit hindurch kämpfen?

Denn dem Theater kann ich dich, theure Henriette, nicht lassen.“ „Nein,

um des Himmels Willen nicht,“ sprach diese. „Laß uns weit von dem

Geräusch der Welt in heimlicher, lieber Stille leben, wo ich nur dir

gehöre.“ „Das möchte schwer, wo nicht unmöglich auszuführen seyn,“

antwortete er. „Nur in einer größern Stadt kann ich mein Talent und

meine Kenntnisse so geltend machen, daß sie die Früchte tragen deren es

bedarf, um Dich und die Deinen in einer sorgenlosen Unabhängigkeit zu

erhalten. Für den Anfang besitze ich zum Glück einiges Vermögen; wenn

es auch gleich nur gering ist, so reicht es doch hin, die Bedürfnisse

der nächsten Jahre zu decken. Und dann hoffe ich mit Gott so weit zu

seyn, daß ich diesen Stab wegwerfen kann.“ „Und glaubst Du denn,“

erwiederte Henriette erfreut, „ich sey so ganz hilflos? Nein, ich kann

Dich auch gewiß mit so manchem erfreuen, was ich bereits erworben

habe; denn ich dachte immer an einen Wechsel des Glücks, und an die

lieben Geschwister. Die werden doch alsdann mit uns seyn und leben?“

„Gewiß meine Liebe,“ sprach Werner, und küßte ihr die hold zur Frage

geöffneten Lippen, „wir werden ~eine~ glückliche Familie seyn! Ich

freue mich recht auf die Zeit, wo man im Erreichen vieler kleinen Ziele

ein Glück finden, und in dem geringsten Erwerb eine Freude sehen wird,

da er sich gleich zu Nutzen und Frommen lieber Angehörigen verwenden

läßt. Wer ohne alle Mühe vorfindet, was er braucht, genießt nicht halb

so, als der da mühsam arbeitend erwirbt. O, wie fühle ich mich stark,

für Dich, liebes Wesen, alles zu unternehmen, um Dich nur aus dieser

das Bessere erdrückenden Lage zu befreien.“ -- In dieser Art spann

sich das Gespräch fort. Pläne wurden entworfen und verworfen; andere

mit neuer Lust und neuem Muth angefangen und ebenso gemißbilligt, wo

sie sich unhaltbar zeigten. Wir wollen die nur den Liebenden wichtigen

Angelegenheiten übergehn und uns mit dem Hauptplan begnügen, der darin

bestand, daß Henriette, sobald ihre Verpflichtungen aufhörten, das

Theater verlassen solle. Zum Beschluß ihrer öffentlichen künstlerischen

Laufbahn, und um das Nöthige zu einer Einrichtung ihres Hauswesens,

das, auf die Geschwister berechnet, weiter ausgedehnt werden mußte, zu

erwerben, wollte sie ein Concert veranstalten, zu dem sie schon lang

aufgefordert worden war. Werner sollte indeß mit seinem Vater, dessen

Einwilligung er bedurfte, sich brieflich einigen, und verschiedene

Schritte thun, um eine Stelle als öffentlicher Lehrer der Tonkunst an

der Universität zu erhalten, die eben offen stand. -- Unter diesen

Gesprächen und Luftschlössern war der Abend fast verstrichen. Da

schallte es unvermuthet noch an Henriettens Thür. Louise trat mit einem

Briefe herein, den der Rath Wicke gesendet hatte. „Wir wollen ihn nicht

öffnen,“ sprach Henriette, „wer weiß, was er Unangenehmes enthält!“

Doch Werner war anderer Meinung, indem er sagte, es sey doch möglich,

daß der Brief etwas enthalte, welchem man vielleicht umso besser

ausweichen könne, falls man zeitig unterrichtet wäre. Er wurde daher

erbrochen, Henriette las ihn vor:

Hochverehrteste, holdeste, liebreizendste

Henriette!

„Das grausame Geschick, im Bunde mit schwarzen Verräthern, hatte

sich diesen Morgen gegen mich verschworen. Ich war allerdings der

Verfasser jenes Aufsatzes, aber nur seiner ersten Hälfte. Irgend

ein hämischer, boshafter Feind, dem ich auf die Spur zu kommen

denke, hatte meinen Schluß gestrichen und sein Pamphlet angefügt.

Das unterzeichnete W., der Anfangsbuchstabe meines Namens, sollte

den Verdacht auf mich wälzen, als sey ich der freche Beleidiger

Ihrer holden Anmuth und bezaubernden Kunst. Die Bereitwilligkeit,

die ich hatte, den Aufsatz vorzulesen, und mein Entsetzen, das

mich aller Faßung beraubte, als ich ihn so abscheulich verstümmelt

sah, mögen zuerst für die Wahrheit meiner Behauptung, für die

Treue meiner Gesinnung zeugen. Alsdann aber würdigen Sie auch das

beiliegende Blatt eines Blickes, und überzeugen Sie sich durch

die Mittheilung meiner Urschrift, wie ich von Ihnen denke. In der

Hoffnung, daß Sie jetzt mich wieder Ihrer würdig achten, und mich

nicht grausam verdammen werden,

Ihr ewig getreuer Verehrer

Wicke.“

Die Beilage enthielt eine Fortsetzung des Aufsatzes in den

übertriebensten und tollsten Ausdrücken, die wir dem Leser nicht

aufdringen wollen. Zu einer andern Zeit möchte diese vorgebliche

Rechtfertigung des Rathes höchst komisch erschienen seyn. Jetzt waren

die Liebenden zu glücklich, um die Sache einer längern Aufmerksamkeit

zu würdigen. Henriette warf das Blatt bei Seite, und der Inhalt, wie

der Schreiber desselben waren vergessen. -- Die Liebenden wurden jetzt

einig, daß ihr Plan noch geheim bleiben müsse, und ihr Verhältniß

ebenfalls der treuen Verschwiegenheit Luisens allein anvertraut

werden dürfe. So schieden sie spät in der Nacht mit vollem seligen

Herzen, denn kein anderer Wunsch blieb, als der eines recht baldigen

Wiedersehens.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 27 / 35 题