11. Lord Mondays Vorschlag. Das Duell.

Der Hanswurst wollte eben seiner spottenden Laune Luft machen, als

Lord Monday mit Geräusch eintrat, und sich im ganzen Zimmer suchend

umsah, darauf ging er ins anstoßende Gemach und so weiter bis an das

äußerste Kabinet. Von dort kehrte er zurück in das Zimmer, wo unsere

Freunde saßen, und fragte: „Meine Herrn, hat Einer von Ihnen vielleicht

den Grafen Klammheim aus W. gesehn?“ „Ei, lieber Lord,“ antwortete

der Obrist-Lieutenant, „der wird ja, wie ich höre, erst in sechs

Wochen erwartet. Sie meinen doch den, der als Geschäftsträger aus

W.... herkommen soll?“ „Freilich,“ rief der Lord. „Aber Goddam weiß,

wie es zugeht, vor einer halben Stunde erhalte ich bei unserer kleinen

Henriette, wo ich den Abend zubringen wollte, einen Brief, den mir

ein Bedienter des Grafen brachte, der auch die Livree trug, die ich

von W. aus genau kenne. Er war mit des Grafen Wappen gesiegelt, und

er schreibt mir darin, er sey so eben angekommen und habe sogleich

Affairen von der äußersten Wichtigkeit mit mir zu besprechen. Ich solle

ihn beim Hoftraiteur treffen, von dort wollten wir zusammen zum Fürsten

fahren. Natürlich mache ich mich spornstreichs auf, -- allein, wen ich

nicht treffe, ist mein Graf Klammheim, und von wem Niemand etwas wissen

will, ist, Goddam, wieder der Graf! So weiß ich zum Teufel nicht, was

ich machen soll.“

„Je nun, wenn er Ew. Herrlichkeit herbeschieden hat,“ entgegnete der

Hanswurst, „so dächte ich, Sie erwarteten ihn hier, und verschmähten

es nicht, solange an unserem Tische Platz zu nehmen.“ Der Lord nahm

die Einladung an setzte sich und begann: „Goddam, ich bin höchst

verdrießlich. Ich war so im Zuge bei der Kleinen! Ich wollte wetten,

daß ich heut zum Ziel gekommen wäre. So allein mit ihr im Kabinet,

bei Abend, die Lampe brannte nicht zu hell, ich der Lord, sie die

Sängerin, ich versichere Ihnen, meine Herren, daß ich schon im Begriff

war, Sturm zu laufen, als der Teufel den verwünschten Bedienten des

Grafen Klammheim herbeiführte. Indeß habe ich jetzt einen andern

Plan. Mit den Visiten kommt man zu nichts. Ich bin der Meinung,

man müsse Landparthien, Bälle und dergleichen arrangiren, da macht

die Gelegenheit sich immer besser.“ „Freilich, freilich,“ fiel der

Hanswurst ein, „es ist immer besser, daß Sie die Gelegenheit abwarten,

als Gewalt brauchen.“ Der Lord merkte, als Ausländer, die Anspielung

durch die sprichwörtliche Redensart nicht, doch die Andern lachten. Er

zog es auf das Verhältniß überhaupt und verzog seine Miene gleichfalls

zum Lachen, wobei er einem Satyr nicht unähnlich sah. „Doch wieder

auf die Landparthie zu kommen,“ lenkte er ein: „wie wäre es, wenn

die Herren auf Morgen meinen Vorschlag annähmen? Wir laden die

schöne Henriette ein, nach Strahlheim zu fahren. Dort machen wir eine

Wasserfahrt, vielleicht einen _bal champêtre_, dann natürlich

müssen noch mehrere Damen dazu eingeladen werden, wir spielen kleine

Spiele im Freien, z. B. Haschens, Versteckens, Anschlag, Reifen

u. s. w., und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man auf einer

solchen Parthie sich nicht eine ländliche Freiheit erlauben dürfte!

Was meinen Sie, meine Herren?“ Alle fanden den Vorschlag vortrefflich;

nur der Obristlieutenant äußerte, daß er vielleicht Geschäfte habe,

die ihn, den Rath Wicke und Herrn von Hayfisch abhalten könnten. Die

letztern Beiden schnitten dazu so sauere Gesichter, als hätten sie auf

Holzäpfel gebissen. Doch der Obristlieutenant schien die Ausforderung

des Römers so verdammt ernsthaft zu nehmen, daß sie nicht sahen,

wie sie geschickt davon kommen konnten. Es knüpften sich nun noch

manche Gespräche über die Art und Weise an, wie man das bevorstehende

Vergnügen recht aus dem Grunde genießen könne; man verabredete Dies und

Jenes, wie man fahren, reiten, zu Abend essen wollte, wer alles Theil

nehmen solle und dergl. mehr, so daß es zuletzt ziemlich spät darüber

wurde. Der Graf Klammheim war indeß nicht gekommen, und der Lord hielt

es endlich für das Gerathenste, nach Haus zu fahren, worin die andern

Herren seinem Beispiele folgten.

Wicke hatte eine schlaflose Nacht und der Hayfisch wäre gern in die

nächste See untergetaucht, wenn nur das verdammte Duell aus dem Lauf

der Dinge hätte gestrichen werden können. Doch die Sachen waren einmal

nicht zu ändern, und so mußte er in den sauern Apfel beißen. Mit dem

Schlage sieben Uhr pochte der Obristlieutenant an seine Thür. Er

hatte sich schon angekleidet, um es zu verbergen, daß er, trotz der

warmen Sommerzeit, drei Paar Unterbeinkleider, davon eins von dickem

Rehleder, und eine gleiche Anzahl wollener Nachtkamisole angezogen

hatte. Mit gleicher Vorsicht hatte er ein dichtes seidenes Tuch um den

Hals gewickelt und darüber eine Kravatte gebunden, die stärker war,

als ein homerischer Schild von neun Stierhäuten. Gern würde er auch

eine wattirte Perrücke aufgesetzt haben, wenn er eine gehabt hätte.

In diesem magen-wärmenden Anzuge folgte er dem Obristlieutenant,

der heute in Uniform erschien, wiewohl er sonst nie anders, als

im blauen Frack zu gehen pflegte. Sie riefen Wicke ab. Dieser trat

ihnen blaß entgegen, anscheinend ebenfalls mit Vorsicht gekleidet.

„Liebe Freunde,“ sprach er, „ich weiß wahrhaftig nicht, ob es recht

gehandelt ist, daß wir, Staatsdiener von Ansehen, unser Leben gegen

einen so jungen Menschen auf ein gewagtes Spiel setzen wollen, der in

der Verzweiflung unglücklicher Liebe der Teufel selbst im Fechten

seyn kann. Das Landrecht spricht sich deutlich gegen die Duellanten

aus. Ich bin wahrhaftig in einer ordentlichen Gewissensangst!“ „Sehr

wahr!“ bekräftigte Hayfisch, „auch ich bin mit meinem Gewissen nicht

einig, denn ich habe Religion, und diese verbietet mir, meinem

Nächsten feindselig gegenüber zu treten.“ „Donnerwetter,“ fuhr der

Obristlieutenant heraus, „ich schlage mich auch nicht zum Spas, denn

ich bin ein alter Kerl, aber Ausflüchte, meine Herren, gestatte ich

nicht. Entweder Siemmen mit, oder ich erkläre Sie öffentlich --“ „Ja,

mein Bester,“ fiel Wicke unterbrechend ein, „wir äußerten ja nur eine

Ansicht. Wir sind ja ganz bereit! Es denkt ja Niemand an Ausflüchte.

Ich analysirte nur die traurige Nothwendigkeit.“ -- „Hier wohnt

er,“ rief der Obristlieutenant, „lassen Sie uns hinauf.“ Sie stiegen

die Treppe hinauf und traten ein. Agrippinus saß auf dem Sopha und

hatte ein Miniaturgemälde in der Hand, das er seufzend betrachtete.

Vor ihm stand der Kaffee noch unberührt, links auf dem Tisch waren

Schreibmaterialien zu sehen, rechts lag ein Damenhandschuh. Einige

Aktenstücke auf einem Stuhl waren dicht bestäubt, ein Zeichen, daß sie

lange nicht berührt worden. Angefangene Sonette sah man wie Streusand

auf der Diele verbreitet. Alles verrieth den Liebenden und Dichter.

Als er die Fremden eintreten sah, erhob er sich langsam feierlich

von seinem Sitz und fragte nach ihrem Begehr. Der Obristlieutenant

that ihm Bescheid, er entgegnete, daß er erwartet habe, man würde

ihm Sekundanten schicken; er sey indeß zu jeder Zeit bereit. Darauf

erklärte der Obristlieutenant, daß er es keineswegs den Gesetzen der

Ehre gemäß finde, wenn drei gegen Einen aufträten, und schlug ihm

vor, durch das Loos zu wählen, wer sich mit ihm schlagen, schießen

oder stechen sollte. Dies geschah, das Loos fiel auf Hayfisch. Wicke

that einen Luftsprung und schwur, es thue ihm leid, daß er nicht der

Kämpfer seyn dürfe. Hayfisch glaubte davon so viel er wollte, fand

aber das Lotto fürchterlich. Man kam überein, daß es ein Duell auf

den Hieb geben solle. Es wurde nach einem Arzt, nach Wagen und nach

einem Sekundanten für Agrippinus geschickt. Die beiden Ersten kamen

in einer Viertelstunde, der Letztere bald darauf auch. Der Arzt war

ein großer Mann mit schwarzem Haar, dunkeln Augen, hoher Stirn und von

lebhafter, fast dunkelrother Gesichtsfarbe; er sprach langsam aber

entschlossen, und hatte in seinem dunkeloliven farbenen Ueberrock

etwas Imponirendes. Hayfisch freuete sich innigst, daß er es nicht mit

ihm zu thun habe. Der Sekundant unsers Agrippinus dagegen war fast

eben so blaß, als er, noch viel schmäler von Gesicht und länger von

Gestalt. Doch gab ihm etwas gekräuseltes braunes Haar und ein munterer

Blick ein zierliches Ansehen. Er schien sein Amt gern zu verwalten und

benahm sich genau und pünktlich. Beide waren Landsleute des Blassen.

In zwei Wagen fuhren die beiden Partheien nach Strahlheim, wo der

Zweikampf sogleich vor sich gehen sollte. Der Obristlieutenant und

Wicke waren Sekundanten des kleinmüthigen Gegners, der indeß alle

mögliche Fassung zu zeigen suchte. Strahlheim lag eine Stunde von der

Residenz an dem Ufer des dort breiteren schönen Stromes. Gegenüber

dem Dorfe befand sich ein anderer anmuthiger Flecken, hinter dem sich

ein dunkles Erlengebüsch ausbreitete. Dieses hatte man zum Kampfplatz

ausersehen, und setzte, nachdem man in Strahlheim abgestiegen war, mit

einem kleinen Nachen dahin über. Auf einem mit Rasen bedeckten Fleck,

der einen festen ebenen Boden für die Fechter bot, wurde die Mensur

genommen und Alles zum Kampf bereitet. Der Obristlieutenant hatte, das

muß ich noch bemerken, diesen Ort vorgeschlagen, weil er dadurch der

auf heute verabredeten Landparthie noch theilhaft zu werden hoffte;

sonst war es eben nicht der gebräuchlichste Platz zu Unternehmungen

dieser Art. Die Kämpfer legten nun die Röcke ab und traten auf die

Mensur. Hayfisch zupfte seine Halsbinde bis an die Unterlippe hinauf

und suchte seine Ohren in derselben zu verbergen. In den Hut, der

aufgesetzt wurde, legte er zur Vorsicht noch sein großes Taschentuch

und drückte sich dann den filzenen Helm tief ins Gesicht. Agrippinus,

der der Sache gewohnter seyn mochte, als der Mäcen aus dem Morgenlande,

stand kalt auf der Mensur, ohne weder Furcht noch Zorn zu vermuthen.

Die Sekundanten lächelten indeß, als sie den hohen Wall sahen, den

Hayfisch um seinen Hals gethürmt hatte, und der Arzt bemerkte: der

Herr scheine die Rose oder den Ziegenpeter zu haben, weil er sich

so warm halte. Jetzt legte man sich aus; der Mäcen zitterte wie die

Blätter der Erlen hinter ihm, mit denen der Wind spielte. Die Klingen

wurden gebunden, der erste Hieb geschah. Hayfisch, der sonst nicht

übel focht, suchte sich nur zu decken, und duckte mit dem Kopfe unter,

wie eine Ente beim Wetterleuchten. „Teufel, Herr! So hauen Sie doch!“

schrie sein Sekundant, der Obristlieutenant, „Sie lassen sich ja den

Filz Centner weise vom Deckel hauen, und Ihr Stulp wird auch nächstens

ein Hachee abgeben.“ Auf diese Rede wollte Hayfisch ausfallen, wie

Falstaff, und führte seine Klinge mit halb zugedrücktem Auge zu einem

mächtigen Streich, indem er mit dem rechten Fuß einen guten Schritt

vorwärts that. Doch diese blinde Begeisterung hatte die Folge, daß der

Mäcen etwas zu schräg zu stehen kam, und auf dem Rasen, der von einem

Morgenregen etwas schlüpfrig war, ausglitt und vorwärts auf seinen

Gegner stürzte. Dieser hatte a Tempo zum Hieb ausgeholt, und traf nun

den Hebräer gerade über den Rücken bis an den Ort, wo dieser seinen

ehrlichen Namen verliert, so, daß die Weste und das schenkelverhüllende

Gewand von einander platzten, und die Unterhaut, bestehend aus

einem wollenen Kamisol und gelben rehledernen Beinschalen, in einem

länglichen Ritz sichtbar wurde. Doch der Römer kam schlimmer dabei

weg, denn der ungeschickt Fallende streifte ihm beim Sturz den Oberarm

mit dem Schläger, und, halb Stich, halb Stoß, traf die Klinge die

Hüfte, und drang ziemlich tief ins Fleisch. Die Sekundanten schrien

Halt! Hayfisch brüllte Hülfe, Agrippinus fluchte: Verdammtes Pech.

Der Arzt sprang ein und untersuchte die Wunde des Römers; sie war

nicht gefährlich, hinderte ihn aber doch am Fechten, und daher mußte

der Kampf aufgehoben werden, wiewohl die Kampfrichter ihn nicht für

beendet erklären konnten. Nachdem Agrippinus verbunden war, trat der

aufgeschlitzte Mäcen zu ihm heran und sprach: „Herr Doktor, haben Sie

doch die Güte und sehen Sie zu, ob ich bin verwundet; es könnte doch

seyn, ich hätte eine Wunde und möchte mich verbluten.“ Alle lachten,

und der Mediziner erklärte: „Nein Herr, ~Ihre~ Wunden übersteigen

meine Kunst; die muß ein Schneider verbinden. Wir Chirurgen nähen

zwar auch, aber ein so langer Schlitz, wie der Ihrige, braucht eine

geschicktere Hand.“ Damit hatte das Duell ein Ende. Man setzte sich

wieder auf den Nachen und fuhr nach Strahlheim über. Hayfisch, der die

Wiederholung des Schauspiels eben nicht wünschte, ließ den Römer durch

Wicke fragen, ob er nicht Satisfaktion annehmen wolle. Dieser erklärte

sich bereit, falls Hayfisch schriftlich erklären wolle, daß er ihn

erstlich nicht verwundet habe, zweitens Alles zurücknehme, was er gegen

Carolinen gesagt hatte, und drittens gelobte, nie wieder einen Fuß über

Carolinens Schwelle zu setzen. Der Mäcen erklärte sich zu Allem bereit,

schrieb die Akte nieder, ließ sich die Wunde zunähen, und die Sache

war somit abgethan. Man versöhnte sich demnach, und ein Frühstück in

Strahlheim sollte das Siegel des neuen Bundes werden.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 29 / 35 题