Der Hanswurst wollte eben seiner spottenden Laune Luft machen, als
Lord Monday mit Geräusch eintrat, und sich im ganzen Zimmer suchend
umsah, darauf ging er ins anstoßende Gemach und so weiter bis an das
äußerste Kabinet. Von dort kehrte er zurück in das Zimmer, wo unsere
Freunde saßen, und fragte: „Meine Herrn, hat Einer von Ihnen vielleicht
den Grafen Klammheim aus W. gesehn?“ „Ei, lieber Lord,“ antwortete
der Obrist-Lieutenant, „der wird ja, wie ich höre, erst in sechs
Wochen erwartet. Sie meinen doch den, der als Geschäftsträger aus
W.... herkommen soll?“ „Freilich,“ rief der Lord. „Aber Goddam weiß,
wie es zugeht, vor einer halben Stunde erhalte ich bei unserer kleinen
Henriette, wo ich den Abend zubringen wollte, einen Brief, den mir
ein Bedienter des Grafen brachte, der auch die Livree trug, die ich
von W. aus genau kenne. Er war mit des Grafen Wappen gesiegelt, und
er schreibt mir darin, er sey so eben angekommen und habe sogleich
Affairen von der äußersten Wichtigkeit mit mir zu besprechen. Ich solle
ihn beim Hoftraiteur treffen, von dort wollten wir zusammen zum Fürsten
fahren. Natürlich mache ich mich spornstreichs auf, -- allein, wen ich
nicht treffe, ist mein Graf Klammheim, und von wem Niemand etwas wissen
will, ist, Goddam, wieder der Graf! So weiß ich zum Teufel nicht, was
ich machen soll.“
„Je nun, wenn er Ew. Herrlichkeit herbeschieden hat,“ entgegnete der
Hanswurst, „so dächte ich, Sie erwarteten ihn hier, und verschmähten
es nicht, solange an unserem Tische Platz zu nehmen.“ Der Lord nahm
die Einladung an setzte sich und begann: „Goddam, ich bin höchst
verdrießlich. Ich war so im Zuge bei der Kleinen! Ich wollte wetten,
daß ich heut zum Ziel gekommen wäre. So allein mit ihr im Kabinet,
bei Abend, die Lampe brannte nicht zu hell, ich der Lord, sie die
Sängerin, ich versichere Ihnen, meine Herren, daß ich schon im Begriff
war, Sturm zu laufen, als der Teufel den verwünschten Bedienten des
Grafen Klammheim herbeiführte. Indeß habe ich jetzt einen andern
Plan. Mit den Visiten kommt man zu nichts. Ich bin der Meinung,
man müsse Landparthien, Bälle und dergleichen arrangiren, da macht
die Gelegenheit sich immer besser.“ „Freilich, freilich,“ fiel der
Hanswurst ein, „es ist immer besser, daß Sie die Gelegenheit abwarten,
als Gewalt brauchen.“ Der Lord merkte, als Ausländer, die Anspielung
durch die sprichwörtliche Redensart nicht, doch die Andern lachten. Er
zog es auf das Verhältniß überhaupt und verzog seine Miene gleichfalls
zum Lachen, wobei er einem Satyr nicht unähnlich sah. „Doch wieder
auf die Landparthie zu kommen,“ lenkte er ein: „wie wäre es, wenn
die Herren auf Morgen meinen Vorschlag annähmen? Wir laden die
schöne Henriette ein, nach Strahlheim zu fahren. Dort machen wir eine
Wasserfahrt, vielleicht einen _bal champêtre_, dann natürlich
müssen noch mehrere Damen dazu eingeladen werden, wir spielen kleine
Spiele im Freien, z. B. Haschens, Versteckens, Anschlag, Reifen
u. s. w., und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man auf einer
solchen Parthie sich nicht eine ländliche Freiheit erlauben dürfte!
Was meinen Sie, meine Herren?“ Alle fanden den Vorschlag vortrefflich;
nur der Obristlieutenant äußerte, daß er vielleicht Geschäfte habe,
die ihn, den Rath Wicke und Herrn von Hayfisch abhalten könnten. Die
letztern Beiden schnitten dazu so sauere Gesichter, als hätten sie auf
Holzäpfel gebissen. Doch der Obristlieutenant schien die Ausforderung
des Römers so verdammt ernsthaft zu nehmen, daß sie nicht sahen,
wie sie geschickt davon kommen konnten. Es knüpften sich nun noch
manche Gespräche über die Art und Weise an, wie man das bevorstehende
Vergnügen recht aus dem Grunde genießen könne; man verabredete Dies und
Jenes, wie man fahren, reiten, zu Abend essen wollte, wer alles Theil
nehmen solle und dergl. mehr, so daß es zuletzt ziemlich spät darüber
wurde. Der Graf Klammheim war indeß nicht gekommen, und der Lord hielt
es endlich für das Gerathenste, nach Haus zu fahren, worin die andern
Herren seinem Beispiele folgten.
Wicke hatte eine schlaflose Nacht und der Hayfisch wäre gern in die
nächste See untergetaucht, wenn nur das verdammte Duell aus dem Lauf
der Dinge hätte gestrichen werden können. Doch die Sachen waren einmal
nicht zu ändern, und so mußte er in den sauern Apfel beißen. Mit dem
Schlage sieben Uhr pochte der Obristlieutenant an seine Thür. Er
hatte sich schon angekleidet, um es zu verbergen, daß er, trotz der
warmen Sommerzeit, drei Paar Unterbeinkleider, davon eins von dickem
Rehleder, und eine gleiche Anzahl wollener Nachtkamisole angezogen
hatte. Mit gleicher Vorsicht hatte er ein dichtes seidenes Tuch um den
Hals gewickelt und darüber eine Kravatte gebunden, die stärker war,
als ein homerischer Schild von neun Stierhäuten. Gern würde er auch
eine wattirte Perrücke aufgesetzt haben, wenn er eine gehabt hätte.
In diesem magen-wärmenden Anzuge folgte er dem Obristlieutenant,
der heute in Uniform erschien, wiewohl er sonst nie anders, als
im blauen Frack zu gehen pflegte. Sie riefen Wicke ab. Dieser trat
ihnen blaß entgegen, anscheinend ebenfalls mit Vorsicht gekleidet.
„Liebe Freunde,“ sprach er, „ich weiß wahrhaftig nicht, ob es recht
gehandelt ist, daß wir, Staatsdiener von Ansehen, unser Leben gegen
einen so jungen Menschen auf ein gewagtes Spiel setzen wollen, der in
der Verzweiflung unglücklicher Liebe der Teufel selbst im Fechten
seyn kann. Das Landrecht spricht sich deutlich gegen die Duellanten
aus. Ich bin wahrhaftig in einer ordentlichen Gewissensangst!“ „Sehr
wahr!“ bekräftigte Hayfisch, „auch ich bin mit meinem Gewissen nicht
einig, denn ich habe Religion, und diese verbietet mir, meinem
Nächsten feindselig gegenüber zu treten.“ „Donnerwetter,“ fuhr der
Obristlieutenant heraus, „ich schlage mich auch nicht zum Spas, denn
ich bin ein alter Kerl, aber Ausflüchte, meine Herren, gestatte ich
nicht. Entweder Siemmen mit, oder ich erkläre Sie öffentlich --“ „Ja,
mein Bester,“ fiel Wicke unterbrechend ein, „wir äußerten ja nur eine
Ansicht. Wir sind ja ganz bereit! Es denkt ja Niemand an Ausflüchte.
Ich analysirte nur die traurige Nothwendigkeit.“ -- „Hier wohnt
er,“ rief der Obristlieutenant, „lassen Sie uns hinauf.“ Sie stiegen
die Treppe hinauf und traten ein. Agrippinus saß auf dem Sopha und
hatte ein Miniaturgemälde in der Hand, das er seufzend betrachtete.
Vor ihm stand der Kaffee noch unberührt, links auf dem Tisch waren
Schreibmaterialien zu sehen, rechts lag ein Damenhandschuh. Einige
Aktenstücke auf einem Stuhl waren dicht bestäubt, ein Zeichen, daß sie
lange nicht berührt worden. Angefangene Sonette sah man wie Streusand
auf der Diele verbreitet. Alles verrieth den Liebenden und Dichter.
Als er die Fremden eintreten sah, erhob er sich langsam feierlich
von seinem Sitz und fragte nach ihrem Begehr. Der Obristlieutenant
that ihm Bescheid, er entgegnete, daß er erwartet habe, man würde
ihm Sekundanten schicken; er sey indeß zu jeder Zeit bereit. Darauf
erklärte der Obristlieutenant, daß er es keineswegs den Gesetzen der
Ehre gemäß finde, wenn drei gegen Einen aufträten, und schlug ihm
vor, durch das Loos zu wählen, wer sich mit ihm schlagen, schießen
oder stechen sollte. Dies geschah, das Loos fiel auf Hayfisch. Wicke
that einen Luftsprung und schwur, es thue ihm leid, daß er nicht der
Kämpfer seyn dürfe. Hayfisch glaubte davon so viel er wollte, fand
aber das Lotto fürchterlich. Man kam überein, daß es ein Duell auf
den Hieb geben solle. Es wurde nach einem Arzt, nach Wagen und nach
einem Sekundanten für Agrippinus geschickt. Die beiden Ersten kamen
in einer Viertelstunde, der Letztere bald darauf auch. Der Arzt war
ein großer Mann mit schwarzem Haar, dunkeln Augen, hoher Stirn und von
lebhafter, fast dunkelrother Gesichtsfarbe; er sprach langsam aber
entschlossen, und hatte in seinem dunkeloliven farbenen Ueberrock
etwas Imponirendes. Hayfisch freuete sich innigst, daß er es nicht mit
ihm zu thun habe. Der Sekundant unsers Agrippinus dagegen war fast
eben so blaß, als er, noch viel schmäler von Gesicht und länger von
Gestalt. Doch gab ihm etwas gekräuseltes braunes Haar und ein munterer
Blick ein zierliches Ansehen. Er schien sein Amt gern zu verwalten und
benahm sich genau und pünktlich. Beide waren Landsleute des Blassen.
In zwei Wagen fuhren die beiden Partheien nach Strahlheim, wo der
Zweikampf sogleich vor sich gehen sollte. Der Obristlieutenant und
Wicke waren Sekundanten des kleinmüthigen Gegners, der indeß alle
mögliche Fassung zu zeigen suchte. Strahlheim lag eine Stunde von der
Residenz an dem Ufer des dort breiteren schönen Stromes. Gegenüber
dem Dorfe befand sich ein anderer anmuthiger Flecken, hinter dem sich
ein dunkles Erlengebüsch ausbreitete. Dieses hatte man zum Kampfplatz
ausersehen, und setzte, nachdem man in Strahlheim abgestiegen war, mit
einem kleinen Nachen dahin über. Auf einem mit Rasen bedeckten Fleck,
der einen festen ebenen Boden für die Fechter bot, wurde die Mensur
genommen und Alles zum Kampf bereitet. Der Obristlieutenant hatte, das
muß ich noch bemerken, diesen Ort vorgeschlagen, weil er dadurch der
auf heute verabredeten Landparthie noch theilhaft zu werden hoffte;
sonst war es eben nicht der gebräuchlichste Platz zu Unternehmungen
dieser Art. Die Kämpfer legten nun die Röcke ab und traten auf die
Mensur. Hayfisch zupfte seine Halsbinde bis an die Unterlippe hinauf
und suchte seine Ohren in derselben zu verbergen. In den Hut, der
aufgesetzt wurde, legte er zur Vorsicht noch sein großes Taschentuch
und drückte sich dann den filzenen Helm tief ins Gesicht. Agrippinus,
der der Sache gewohnter seyn mochte, als der Mäcen aus dem Morgenlande,
stand kalt auf der Mensur, ohne weder Furcht noch Zorn zu vermuthen.
Die Sekundanten lächelten indeß, als sie den hohen Wall sahen, den
Hayfisch um seinen Hals gethürmt hatte, und der Arzt bemerkte: der
Herr scheine die Rose oder den Ziegenpeter zu haben, weil er sich
so warm halte. Jetzt legte man sich aus; der Mäcen zitterte wie die
Blätter der Erlen hinter ihm, mit denen der Wind spielte. Die Klingen
wurden gebunden, der erste Hieb geschah. Hayfisch, der sonst nicht
übel focht, suchte sich nur zu decken, und duckte mit dem Kopfe unter,
wie eine Ente beim Wetterleuchten. „Teufel, Herr! So hauen Sie doch!“
schrie sein Sekundant, der Obristlieutenant, „Sie lassen sich ja den
Filz Centner weise vom Deckel hauen, und Ihr Stulp wird auch nächstens
ein Hachee abgeben.“ Auf diese Rede wollte Hayfisch ausfallen, wie
Falstaff, und führte seine Klinge mit halb zugedrücktem Auge zu einem
mächtigen Streich, indem er mit dem rechten Fuß einen guten Schritt
vorwärts that. Doch diese blinde Begeisterung hatte die Folge, daß der
Mäcen etwas zu schräg zu stehen kam, und auf dem Rasen, der von einem
Morgenregen etwas schlüpfrig war, ausglitt und vorwärts auf seinen
Gegner stürzte. Dieser hatte a Tempo zum Hieb ausgeholt, und traf nun
den Hebräer gerade über den Rücken bis an den Ort, wo dieser seinen
ehrlichen Namen verliert, so, daß die Weste und das schenkelverhüllende
Gewand von einander platzten, und die Unterhaut, bestehend aus
einem wollenen Kamisol und gelben rehledernen Beinschalen, in einem
länglichen Ritz sichtbar wurde. Doch der Römer kam schlimmer dabei
weg, denn der ungeschickt Fallende streifte ihm beim Sturz den Oberarm
mit dem Schläger, und, halb Stich, halb Stoß, traf die Klinge die
Hüfte, und drang ziemlich tief ins Fleisch. Die Sekundanten schrien
Halt! Hayfisch brüllte Hülfe, Agrippinus fluchte: Verdammtes Pech.
Der Arzt sprang ein und untersuchte die Wunde des Römers; sie war
nicht gefährlich, hinderte ihn aber doch am Fechten, und daher mußte
der Kampf aufgehoben werden, wiewohl die Kampfrichter ihn nicht für
beendet erklären konnten. Nachdem Agrippinus verbunden war, trat der
aufgeschlitzte Mäcen zu ihm heran und sprach: „Herr Doktor, haben Sie
doch die Güte und sehen Sie zu, ob ich bin verwundet; es könnte doch
seyn, ich hätte eine Wunde und möchte mich verbluten.“ Alle lachten,
und der Mediziner erklärte: „Nein Herr, ~Ihre~ Wunden übersteigen
meine Kunst; die muß ein Schneider verbinden. Wir Chirurgen nähen
zwar auch, aber ein so langer Schlitz, wie der Ihrige, braucht eine
geschicktere Hand.“ Damit hatte das Duell ein Ende. Man setzte sich
wieder auf den Nachen und fuhr nach Strahlheim über. Hayfisch, der die
Wiederholung des Schauspiels eben nicht wünschte, ließ den Römer durch
Wicke fragen, ob er nicht Satisfaktion annehmen wolle. Dieser erklärte
sich bereit, falls Hayfisch schriftlich erklären wolle, daß er ihn
erstlich nicht verwundet habe, zweitens Alles zurücknehme, was er gegen
Carolinen gesagt hatte, und drittens gelobte, nie wieder einen Fuß über
Carolinens Schwelle zu setzen. Der Mäcen erklärte sich zu Allem bereit,
schrieb die Akte nieder, ließ sich die Wunde zunähen, und die Sache
war somit abgethan. Man versöhnte sich demnach, und ein Frühstück in
Strahlheim sollte das Siegel des neuen Bundes werden.