Er fand Henrietten in ihrem Kabinet auf dem Sopha sitzend, mit einem
Buche in der Hand. Neben ihr stand ein Tisch, den eine Astrallampe
freundlich, doch nicht zu hell erleuchtete. Die dunkelgrünen Vorhänge
der Fenster hatte sie dicht zugezogen. Das Zimmer war so still und
heimlich, die schöne Bewohnerin sah so gütig und vertraulich aus, die
ganze Umgebung machte einen so wohlthuenden Eindruck, daß Werner sich
einen Augenblick so befangen darin fühlte, daß er, der seines Thuns
sonst so gewiß war, fast die Fassung verloren hätte. „Zürnen Sie mir
nicht,“ begann er endlich, „daß ich störend in diese holde Stille,
in diese heimliche Umgebung trete?“ „Ich freue mich darauf, sie mit
Ihnen zu genießen,“ erwiederte sie, „denn ich hoffe, Sie bleiben den
Abend bei mir. Es ist der erste, seit ich in dieser Stadt bin, den ich
mein nennen kann.“ „Eben darum,“ entgegnete Werner, „fühle ich das
Unrecht, welches ich begehe, indem ich ihn Ihnen raube. Die Einsamkeit
ist ein schönes Gut!“ „Sie haben Recht, aber nur für Hoffnungslose und
Glückliche. Ich bin keines von beiden;“ antwortete sie ernst. „Nicht
glücklich, Henriette? Ist das Ihr Ernst?“ „Gewiß! Sie zweifeln auch
nicht daran, wenn Sie sich z. B. des heutigen Vormittags erinnern
wollen. Aus einer langen Reihe solcher Tage besteht mein Jahr, mein
Leben. Man sättigt mich ewig mit Schaugerichten und betäubendem
Weihrauch, der mich ermüdet und ermattet. Ach, und wie oft sehne ich
mich nach einem Tropfen reinen, klaren Bergwassers, aus dem Kelch
der reinen unverdorbenen Natur! Doch lassen wir das! -- Sie sprachen
von der Einsamkeit. Sie ist doch nur ein sehr bedingtes Glück. Mir
scheint es, sie wird nur dann unsere Freundin, wenn uns Freunde fehlen,
oder wenn wir von den Menschen so verwundet sind, das wir sie alle
unterschiedslos verbannen.“ „Doch Sie meinten,“ erwiederte Werner,
„daß auch der Glückliche die Einsamkeit liebe? Warum denn er?“ „Aus
demselben Grunde, wie mir scheint. Wer ein überseliges Herz hat, dem
müssen selbst liebe Freunde bisweilen zu wenig seyn, und daher zieht
man sich in die einsam vertraute Stille zurück, um in seinen Gedanken
zu schwelgen, die immer ein höher Glück gewähren, als die Wirklichkeit
giebt. Und dann noch eins; ich glaube, ein wahrhaft Glücklicher fühlt
bisweilen das Bedürfniß, dem Urheber alles Glücks so recht herzinnig
zu danken -- und dazu muß man einsam seyn. So auch jedes Herz, das
sich in der Angst seiner Schmerzen zum Himmel wendet.“ Werner schwieg
einen Augenblick. Dann fragte er: „Hat Sie Ihre Lektüre auf so ernste
Gedanken gebracht?“ „Kennen Sie das Buch nicht mehr?“ entgegnete sie,
„und doch waren Sie der Erste, durch den ich damit bekannt wurde, und
ich selbst durch das Buch Ihnen.“ „Also Jean Pauls Titan?“ fragte
Werner. „Ganz recht, und ich las mit tiefer Wehmuth darin. Das große
Herz, dem dies ewige Buch entquoll, schlägt nun auch nicht mehr! Mir
war bei der Nachricht, als habe ich einen meiner liebsten Freunde
verloren!“ Bei diesen Worten drang eine Thräne in Henriettens schönes
Auge, sie wollte indeß ihre Bewegung verbergen, und stand auf, um
zu schellen. „Den Thee, liebe Luise!“ sprach sie zu dem eintretenden
Mädchen. „Ich will heut einmal Ihre Wirthin seyn, und Ihnen den Beweis
geben, daß ich gern Ihren großen Dienst erwiedern möchte.“ „Die
Kleinigkeit,“ entgegnete Werner, „wie mögen Sie doch nur so lange daran
denken.“ „Ich werde es gewiß nie vergessen,“ erwiederte Henriette.
„Es ist mir eine sehr liebe Erinnerung. Noch sehe ich mich hinter dem
Wagen hergehen, der den steilen Berg leer hinabfahren mußte, weil ich
mich fürchtete. Die ganze reizende Gegend steht vor mir. Das grüne Thal
zu meinen Füßen, in welchem sich das freundliche Dorf ausbreitete,
die zackigen Felsen zur Linken, der reissende Bergstrom, der an ihrem
dunkel bewaldeten Fuß dahin brauste, und rechts der schöne dunkle
Buchenwald! -- Ja, ich könnte den Stein malen, auf dem Ihr Buch lag.
Ich sehe es noch, wie der Fuhrmann sich umwendete, mit der Peitsche
auf das Buch deutete, und mir zurief: „Fräulein, dort liegt Etwas
für Sie!“ Neugierig trat ich hinzu, sah das aufgeschlagene Buch, und
vermuthete sogleich, irgend ein Reisender werde es vergessen haben.
Lianens Tod war die erste kostbare Perle (denn Perlen deuten ja auf
Thränen), welche ich aus diesem reichen Schatz kennen lernte. Der
Himmel lag eben im Rauch der Abendröthe, wie er im Buch geschildert
wird. Die Natur war so überaus schön, und das Herz doch so schmerzlich
bewegt. Ich vertiefte mich im Lesen. Der Wagen kam mir bei der Wendung
des Weges aus dem Gesicht, und wie ich aufblickte, standen Sie vor
mir. Was müssen Sie doch gedacht haben?“ „Ich war innigst erfreut,“
entgegnete Werner, „daß mein Lieblingsschriftsteller Ihnen gleich bei
der ersten Bekanntschaft auch so theuer wurde. -- Auch ich bewahre das
Andenken jenes Tages als eines meiner glücklichsten. Wir gingen nur
den kurzen Weg bis ins Dorf hinunter zusammen; doch da ein seltsames
Begegnen auf einer bedeutenden Stelle näher rückt, als ein jahrlanges
Nebeneinanderstehen in gewöhnlichen Kreisen des Lebens, so waren auch
wir schnell vertrauter mit einander geworden. Ehe wir das Dorf erreicht
hatten, wußte ich, was Sie in der Welt, was Sie in ihrem Herzen waren;
und daß ich, ein armer Musiker, mit leidlichem Eifer für seinen Beruf
sey, war Ihnen auch nicht verborgen geblieben.“ „Doch noch schneller,
als wir bekannt wurden, waren Sie ~gütig~ gegen mich,“ entgegnete
Henriette. „Es ist wirklich kein geringes Opfer, wenn man, wie Sie,
einen Tag lang zu Fuß gewandert und ganz durchnäßt worden war, sein
behagliches Nachtlager einer Fremden abzutreten. Nun, Sie sollen dafür
gewiß immer freundlich aufgenommen seyn, so oft Sie sich bei mir
zeigen.“ Dabei bot sie ihm mit unschuldiger Freundlichkeit die Hand,
welche Werner lebhaft ergriff und mehr als artig küßte. Indem trat
Luise mit dem Thee ein. Jetzt wurde Henriette die sorgsame Wirthin. Mit
angeborner Zierlichkeit verwaltete sie alle jene kleinen Pflichten, die
einer Frau so gut stehen. Sie wußte in das Unbedeutendste den Ausdruck
der Freundlichkeit zu legen, die sich bei einer wohlwollenden Seele
selbst in den geringfügigsten Kleinigkeiten zeigt. Die Art, wie sie
eine Tasse füllte, halb seitwärts sehend, um dem Auge ihres Gastes
abzumerken, wenn er befriedigt seyn würde; die freundliche Miene, mit
der sie ihm den Zucker und das Gebackene reichte; ihr gutmüthiges
Zureden, wenn er dankte; der Ausdruck ihres Gesichts, der so bestimmt
sagte, daß es sie freue, wenn ihr Gast sich behaglich finde, alles
zusammen bildete eine höchst anmuthige Erscheinung. Es war zu sehen,
wie Werner dies alles empfand, denn ohne zu sprechen, begleitete er
jede Bewegung der freundlichen Gestalt mit seinen Blicken. Endlich
brach er das Schweigen. „Ich fühle mich innerlich beschämt,“ sagte
er, „so viel Güte von Ihnen zu genießen und dabei das Bewußtseyn zu
haben, daß ich sie so wenig, ja sogar nicht verdiene. Wenn Sie wüßten,
wie sehr ich heute zum Verräther an Ihnen geworden bin!“ „Wie so?“
fragte Henriette. „Sie sollen es hören, denn ich kam in der Absicht,
es selbst zu gestehen. Die strenge Beurtheilung, welche heute Morgen
der unglückliche Rath, wahrscheinlich durch den parodirenden Eingang
getäuscht, für die seinige ausgab, war von mir.“ „Und das,“ unterbrach
Henriette lebhaft, „nennen Sie Verrath? Ich versichere Ihnen, ich bin
ganz Ihrer Meinung. Sie thun mir nur darin Unrecht, daß Sie meiner
Neigung und Wahl das beimessen, was eigentlich nur die Schuld der
Umstände ist. Denn leider habe ich bei diesem unglücklichen Theater
gar keine Wahl. Doch, mein aufrichtiger Freund, haben Sie vollkommen
richtig geurtheilt, und dürfen diese Wahrheitsliebe nicht mit dem Namen
Verrath entehren.“ „Das thue ich auch nicht,“ entgegnete Werner; „ich
nenne nicht mein Urtheil einen Verrath. Allein ich habe Sie auf andere
Weise schwer gekränkt. So mühsam ich’s überwinde, muß ich es doch
aussprechen. Ich glaubte in der That, denn es schien mir unmöglich,
daß es nicht seyn sollte, die lobpreisende Stimme der Menge, und
die zum Theil völlig gerechten Huldigungen, die man Ihnen von allen
Seiten dargebracht hat, möchten Ihren richtigen Blick über sich selbst
geblendet, ja, Sie vielleicht als eine Art von geistigem Capua gegen
die rauhe Luft selbst gerechten Tadels so empfindlich gemacht haben,
daß Sie den Verfasser eines Aufsatzes, wie der meinige, für Ihren Feind
halten würden. Ich konnte an Ihnen eine solche Verirrung nicht ohne
Schmerz ertragen, deßhalb beschloß ich, auf die ausgeführte Art Sie auf
die Probe zu stellen. Hätte der Rath nicht vorwitzig selbst gelesen, so
würde ich einen Vorwand gefunden haben, mitten unter Ihren Bewunderern
diesen Aufsatz vorzutragen. Wie beschämt stand ich aber, als Sie so
ganz rein aus der dunklen Wolke des Verdachts traten, wie fühlte ich
mich gedrungen, Ihnen zu gestehen, wie klein ich von Ihnen gedacht!
Können Sie das Ihrem Freunde vergeben?“ Dabei faßte er ihre Hand und
sah ihr ins Auge. „Ich will ihn nur bitten,“ entgegnete sie mit sanfter
Freundlichkeit, „sich recht nahe mit mir bekannt zu machen, ja, mich
nie aus dem Auge zu lassen, damit er mich nicht wieder der Schwäche
fähig halte, wo ich ihr nicht unterworfen bin, und da recht aufrichtig
tadle und mir beistehe, wo er mich fehlen und irren sieht. Wollen
Sie das?“ „O, wie verdiene ich solche Güte!“ rief Werner. „Ich kann
meinen Fehler nur dadurch verbessern, daß ich mich dieses Vertrauens
ganz würdig mache. Und das will ich, so wahr ich lebe! So lassen Sie
mich gleich anfangen. Warum geben Sie dieß Leben nicht auf? Weßhalb
bleiben Sie in dieser lästigen Sklaverei des Theaters, die sogar Ihrer
zarten Weiblichkeit unwürdige Opfer auferlegt?“ Henriette seufzte.
„Genügt Ihnen,“ fuhr Werner fort, „nicht ein stilles, freilich aber
beschränkteres Loos? Würden Sie verzweifeln, das zu finden?“ „Mein
aufrichtiger junger Freund,“ sprach Henriette bewegt, „wären Sie doch
eben so besonnen, eben so unterrichtet! Betrachten Sie mein Leben von
Jugend auf. Am Theater wuchs ich auf. Ich mußte mich gewöhnen, trotz
allen Glanzes, der uns oft umgiebt, auch manche harte Demüthigung zu
dulden, der der Stand, den mir das Schicksal zuwies, unterworfen ist.
Ich weiß wohl, daß, wie gern man uns in Gesellschaften, selbst in der
vornehmsten, sieht, wie sehr man sich freut, wenn wir zuvorkommend
gegen die Verehrer sind, die uns umgeben, man uns dennoch nicht in
die ärmsten Familien gern als Mitglieder aufnehmen und es doch für
eine Mißheirath halten würde, wenn sich der seichteste Stutzer mit uns
verbinden wollte. Keinen Künstlerstand trifft dieses Loos so, als uns;
das weiß ich wohl, auch die Gründe sind mir bekannt, und ich kann sie
nicht ganz verwerfen. Und dennoch, was bleibt mir? Für diesen Stand
bestimmt, fehlt mir die Ausbildung, die ich als Erzieherin nöthig
hätte, und die Stelle einer bloßen Gesellschafterin scheint mir doch zu
geringfügig, da ich einer Kunst leben kann, die doch etwas Wesentliches
bedeutet, wenn gleich sie fast unter der Last des Unwesentlichen,
womit die Thorheit der Menge sie behängt, erdrückt wird. Welch’ andere
Zuflucht hätte ich nun noch? Die Arbeit meiner Hände! Aber die ist
nicht im Stande, meine jüngeren, unmündigen Geschwister zu ernähren,
für die ich mich opfere, um sie einem Stande zu entziehen, der freilich
einem Herzen, das am Edlen hängt, wenig Erfreuliches bietet. Ich
muß mich also damit begnügen, das Bewußtseyn in mir zu tragen: ich
bin besser, als mein Stand, selbst wenn meine besten Freunde daran
zweifeln.“ Hier brach ihr die Stimme, weil die lange zurückgehaltenen
Thränen jetzt mit Gewalt hervordrangen. Sie lehnte erschöpft das Haupt
auf die Kissen des Sophas und ließ Werner die Hand, der sie heftig
ergriffen hatte und mit Freundeswärme drückte.
Einige Augenblicke herrschte ein leises Schweigen. Werner stand auf und
ging im Zimmer auf und nieder, wie wenn er mit einem großen Entschluß
kämpfte. Endlich trat er wieder zu Henrietten. Sie trocknete mit ihrem
Tuch die Thränen, und sah ihn, so freundlich sie vermochte, an. „Nun
wissen Sie Alles; lassen wir das nun ruhen. Ist es nicht thöricht,
daß wir einen so seltenen, vertraulichen Abend so trüben Betrachtungen
widmen wollen? Sie hätten mir etwas vorlesen, oder mit mir Musik machen
sollen. Ich habe manches, was ich sehr liebe, vielleicht seit Jahren
nicht gesungen. Doch Sie sehen ja gar so ernst aus? Was ist Ihnen?“
„Henriette,“ sprach Werner mit tief bewegter Stimme, „ich könnte Ihnen
noch einen Ausweg zeigen, der Sie einem Stande entnähme, den Sie,
wie ich überzeugt bin, nicht um seinetwillen erwählt haben. Ich weiß
Jemand, der für Ihre Geschwister sorgen könnte, und Ihnen, wenn auch
nur einen eingeschränkten, doch sicheren, ruhigen, der Weiblichkeit
ganz angemessenen Wirkungskreis zu bieten vermöchte.“ Henriette sah ihn
ahnend an; sein Händedruck wurde stärker; sie neigte sich ihm sanft
entgegen; er rief heftig: „Wollen Sie die Meine seyn?“ und sie sank an
sein Herz.