8. Bekenntnisse.

Er fand Henrietten in ihrem Kabinet auf dem Sopha sitzend, mit einem

Buche in der Hand. Neben ihr stand ein Tisch, den eine Astrallampe

freundlich, doch nicht zu hell erleuchtete. Die dunkelgrünen Vorhänge

der Fenster hatte sie dicht zugezogen. Das Zimmer war so still und

heimlich, die schöne Bewohnerin sah so gütig und vertraulich aus, die

ganze Umgebung machte einen so wohlthuenden Eindruck, daß Werner sich

einen Augenblick so befangen darin fühlte, daß er, der seines Thuns

sonst so gewiß war, fast die Fassung verloren hätte. „Zürnen Sie mir

nicht,“ begann er endlich, „daß ich störend in diese holde Stille,

in diese heimliche Umgebung trete?“ „Ich freue mich darauf, sie mit

Ihnen zu genießen,“ erwiederte sie, „denn ich hoffe, Sie bleiben den

Abend bei mir. Es ist der erste, seit ich in dieser Stadt bin, den ich

mein nennen kann.“ „Eben darum,“ entgegnete Werner, „fühle ich das

Unrecht, welches ich begehe, indem ich ihn Ihnen raube. Die Einsamkeit

ist ein schönes Gut!“ „Sie haben Recht, aber nur für Hoffnungslose und

Glückliche. Ich bin keines von beiden;“ antwortete sie ernst. „Nicht

glücklich, Henriette? Ist das Ihr Ernst?“ „Gewiß! Sie zweifeln auch

nicht daran, wenn Sie sich z. B. des heutigen Vormittags erinnern

wollen. Aus einer langen Reihe solcher Tage besteht mein Jahr, mein

Leben. Man sättigt mich ewig mit Schaugerichten und betäubendem

Weihrauch, der mich ermüdet und ermattet. Ach, und wie oft sehne ich

mich nach einem Tropfen reinen, klaren Bergwassers, aus dem Kelch

der reinen unverdorbenen Natur! Doch lassen wir das! -- Sie sprachen

von der Einsamkeit. Sie ist doch nur ein sehr bedingtes Glück. Mir

scheint es, sie wird nur dann unsere Freundin, wenn uns Freunde fehlen,

oder wenn wir von den Menschen so verwundet sind, das wir sie alle

unterschiedslos verbannen.“ „Doch Sie meinten,“ erwiederte Werner,

„daß auch der Glückliche die Einsamkeit liebe? Warum denn er?“ „Aus

demselben Grunde, wie mir scheint. Wer ein überseliges Herz hat, dem

müssen selbst liebe Freunde bisweilen zu wenig seyn, und daher zieht

man sich in die einsam vertraute Stille zurück, um in seinen Gedanken

zu schwelgen, die immer ein höher Glück gewähren, als die Wirklichkeit

giebt. Und dann noch eins; ich glaube, ein wahrhaft Glücklicher fühlt

bisweilen das Bedürfniß, dem Urheber alles Glücks so recht herzinnig

zu danken -- und dazu muß man einsam seyn. So auch jedes Herz, das

sich in der Angst seiner Schmerzen zum Himmel wendet.“ Werner schwieg

einen Augenblick. Dann fragte er: „Hat Sie Ihre Lektüre auf so ernste

Gedanken gebracht?“ „Kennen Sie das Buch nicht mehr?“ entgegnete sie,

„und doch waren Sie der Erste, durch den ich damit bekannt wurde, und

ich selbst durch das Buch Ihnen.“ „Also Jean Pauls Titan?“ fragte

Werner. „Ganz recht, und ich las mit tiefer Wehmuth darin. Das große

Herz, dem dies ewige Buch entquoll, schlägt nun auch nicht mehr! Mir

war bei der Nachricht, als habe ich einen meiner liebsten Freunde

verloren!“ Bei diesen Worten drang eine Thräne in Henriettens schönes

Auge, sie wollte indeß ihre Bewegung verbergen, und stand auf, um

zu schellen. „Den Thee, liebe Luise!“ sprach sie zu dem eintretenden

Mädchen. „Ich will heut einmal Ihre Wirthin seyn, und Ihnen den Beweis

geben, daß ich gern Ihren großen Dienst erwiedern möchte.“ „Die

Kleinigkeit,“ entgegnete Werner, „wie mögen Sie doch nur so lange daran

denken.“ „Ich werde es gewiß nie vergessen,“ erwiederte Henriette.

„Es ist mir eine sehr liebe Erinnerung. Noch sehe ich mich hinter dem

Wagen hergehen, der den steilen Berg leer hinabfahren mußte, weil ich

mich fürchtete. Die ganze reizende Gegend steht vor mir. Das grüne Thal

zu meinen Füßen, in welchem sich das freundliche Dorf ausbreitete,

die zackigen Felsen zur Linken, der reissende Bergstrom, der an ihrem

dunkel bewaldeten Fuß dahin brauste, und rechts der schöne dunkle

Buchenwald! -- Ja, ich könnte den Stein malen, auf dem Ihr Buch lag.

Ich sehe es noch, wie der Fuhrmann sich umwendete, mit der Peitsche

auf das Buch deutete, und mir zurief: „Fräulein, dort liegt Etwas

für Sie!“ Neugierig trat ich hinzu, sah das aufgeschlagene Buch, und

vermuthete sogleich, irgend ein Reisender werde es vergessen haben.

Lianens Tod war die erste kostbare Perle (denn Perlen deuten ja auf

Thränen), welche ich aus diesem reichen Schatz kennen lernte. Der

Himmel lag eben im Rauch der Abendröthe, wie er im Buch geschildert

wird. Die Natur war so überaus schön, und das Herz doch so schmerzlich

bewegt. Ich vertiefte mich im Lesen. Der Wagen kam mir bei der Wendung

des Weges aus dem Gesicht, und wie ich aufblickte, standen Sie vor

mir. Was müssen Sie doch gedacht haben?“ „Ich war innigst erfreut,“

entgegnete Werner, „daß mein Lieblingsschriftsteller Ihnen gleich bei

der ersten Bekanntschaft auch so theuer wurde. -- Auch ich bewahre das

Andenken jenes Tages als eines meiner glücklichsten. Wir gingen nur

den kurzen Weg bis ins Dorf hinunter zusammen; doch da ein seltsames

Begegnen auf einer bedeutenden Stelle näher rückt, als ein jahrlanges

Nebeneinanderstehen in gewöhnlichen Kreisen des Lebens, so waren auch

wir schnell vertrauter mit einander geworden. Ehe wir das Dorf erreicht

hatten, wußte ich, was Sie in der Welt, was Sie in ihrem Herzen waren;

und daß ich, ein armer Musiker, mit leidlichem Eifer für seinen Beruf

sey, war Ihnen auch nicht verborgen geblieben.“ „Doch noch schneller,

als wir bekannt wurden, waren Sie ~gütig~ gegen mich,“ entgegnete

Henriette. „Es ist wirklich kein geringes Opfer, wenn man, wie Sie,

einen Tag lang zu Fuß gewandert und ganz durchnäßt worden war, sein

behagliches Nachtlager einer Fremden abzutreten. Nun, Sie sollen dafür

gewiß immer freundlich aufgenommen seyn, so oft Sie sich bei mir

zeigen.“ Dabei bot sie ihm mit unschuldiger Freundlichkeit die Hand,

welche Werner lebhaft ergriff und mehr als artig küßte. Indem trat

Luise mit dem Thee ein. Jetzt wurde Henriette die sorgsame Wirthin. Mit

angeborner Zierlichkeit verwaltete sie alle jene kleinen Pflichten, die

einer Frau so gut stehen. Sie wußte in das Unbedeutendste den Ausdruck

der Freundlichkeit zu legen, die sich bei einer wohlwollenden Seele

selbst in den geringfügigsten Kleinigkeiten zeigt. Die Art, wie sie

eine Tasse füllte, halb seitwärts sehend, um dem Auge ihres Gastes

abzumerken, wenn er befriedigt seyn würde; die freundliche Miene, mit

der sie ihm den Zucker und das Gebackene reichte; ihr gutmüthiges

Zureden, wenn er dankte; der Ausdruck ihres Gesichts, der so bestimmt

sagte, daß es sie freue, wenn ihr Gast sich behaglich finde, alles

zusammen bildete eine höchst anmuthige Erscheinung. Es war zu sehen,

wie Werner dies alles empfand, denn ohne zu sprechen, begleitete er

jede Bewegung der freundlichen Gestalt mit seinen Blicken. Endlich

brach er das Schweigen. „Ich fühle mich innerlich beschämt,“ sagte

er, „so viel Güte von Ihnen zu genießen und dabei das Bewußtseyn zu

haben, daß ich sie so wenig, ja sogar nicht verdiene. Wenn Sie wüßten,

wie sehr ich heute zum Verräther an Ihnen geworden bin!“ „Wie so?“

fragte Henriette. „Sie sollen es hören, denn ich kam in der Absicht,

es selbst zu gestehen. Die strenge Beurtheilung, welche heute Morgen

der unglückliche Rath, wahrscheinlich durch den parodirenden Eingang

getäuscht, für die seinige ausgab, war von mir.“ „Und das,“ unterbrach

Henriette lebhaft, „nennen Sie Verrath? Ich versichere Ihnen, ich bin

ganz Ihrer Meinung. Sie thun mir nur darin Unrecht, daß Sie meiner

Neigung und Wahl das beimessen, was eigentlich nur die Schuld der

Umstände ist. Denn leider habe ich bei diesem unglücklichen Theater

gar keine Wahl. Doch, mein aufrichtiger Freund, haben Sie vollkommen

richtig geurtheilt, und dürfen diese Wahrheitsliebe nicht mit dem Namen

Verrath entehren.“ „Das thue ich auch nicht,“ entgegnete Werner; „ich

nenne nicht mein Urtheil einen Verrath. Allein ich habe Sie auf andere

Weise schwer gekränkt. So mühsam ich’s überwinde, muß ich es doch

aussprechen. Ich glaubte in der That, denn es schien mir unmöglich,

daß es nicht seyn sollte, die lobpreisende Stimme der Menge, und

die zum Theil völlig gerechten Huldigungen, die man Ihnen von allen

Seiten dargebracht hat, möchten Ihren richtigen Blick über sich selbst

geblendet, ja, Sie vielleicht als eine Art von geistigem Capua gegen

die rauhe Luft selbst gerechten Tadels so empfindlich gemacht haben,

daß Sie den Verfasser eines Aufsatzes, wie der meinige, für Ihren Feind

halten würden. Ich konnte an Ihnen eine solche Verirrung nicht ohne

Schmerz ertragen, deßhalb beschloß ich, auf die ausgeführte Art Sie auf

die Probe zu stellen. Hätte der Rath nicht vorwitzig selbst gelesen, so

würde ich einen Vorwand gefunden haben, mitten unter Ihren Bewunderern

diesen Aufsatz vorzutragen. Wie beschämt stand ich aber, als Sie so

ganz rein aus der dunklen Wolke des Verdachts traten, wie fühlte ich

mich gedrungen, Ihnen zu gestehen, wie klein ich von Ihnen gedacht!

Können Sie das Ihrem Freunde vergeben?“ Dabei faßte er ihre Hand und

sah ihr ins Auge. „Ich will ihn nur bitten,“ entgegnete sie mit sanfter

Freundlichkeit, „sich recht nahe mit mir bekannt zu machen, ja, mich

nie aus dem Auge zu lassen, damit er mich nicht wieder der Schwäche

fähig halte, wo ich ihr nicht unterworfen bin, und da recht aufrichtig

tadle und mir beistehe, wo er mich fehlen und irren sieht. Wollen

Sie das?“ „O, wie verdiene ich solche Güte!“ rief Werner. „Ich kann

meinen Fehler nur dadurch verbessern, daß ich mich dieses Vertrauens

ganz würdig mache. Und das will ich, so wahr ich lebe! So lassen Sie

mich gleich anfangen. Warum geben Sie dieß Leben nicht auf? Weßhalb

bleiben Sie in dieser lästigen Sklaverei des Theaters, die sogar Ihrer

zarten Weiblichkeit unwürdige Opfer auferlegt?“ Henriette seufzte.

„Genügt Ihnen,“ fuhr Werner fort, „nicht ein stilles, freilich aber

beschränkteres Loos? Würden Sie verzweifeln, das zu finden?“ „Mein

aufrichtiger junger Freund,“ sprach Henriette bewegt, „wären Sie doch

eben so besonnen, eben so unterrichtet! Betrachten Sie mein Leben von

Jugend auf. Am Theater wuchs ich auf. Ich mußte mich gewöhnen, trotz

allen Glanzes, der uns oft umgiebt, auch manche harte Demüthigung zu

dulden, der der Stand, den mir das Schicksal zuwies, unterworfen ist.

Ich weiß wohl, daß, wie gern man uns in Gesellschaften, selbst in der

vornehmsten, sieht, wie sehr man sich freut, wenn wir zuvorkommend

gegen die Verehrer sind, die uns umgeben, man uns dennoch nicht in

die ärmsten Familien gern als Mitglieder aufnehmen und es doch für

eine Mißheirath halten würde, wenn sich der seichteste Stutzer mit uns

verbinden wollte. Keinen Künstlerstand trifft dieses Loos so, als uns;

das weiß ich wohl, auch die Gründe sind mir bekannt, und ich kann sie

nicht ganz verwerfen. Und dennoch, was bleibt mir? Für diesen Stand

bestimmt, fehlt mir die Ausbildung, die ich als Erzieherin nöthig

hätte, und die Stelle einer bloßen Gesellschafterin scheint mir doch zu

geringfügig, da ich einer Kunst leben kann, die doch etwas Wesentliches

bedeutet, wenn gleich sie fast unter der Last des Unwesentlichen,

womit die Thorheit der Menge sie behängt, erdrückt wird. Welch’ andere

Zuflucht hätte ich nun noch? Die Arbeit meiner Hände! Aber die ist

nicht im Stande, meine jüngeren, unmündigen Geschwister zu ernähren,

für die ich mich opfere, um sie einem Stande zu entziehen, der freilich

einem Herzen, das am Edlen hängt, wenig Erfreuliches bietet. Ich

muß mich also damit begnügen, das Bewußtseyn in mir zu tragen: ich

bin besser, als mein Stand, selbst wenn meine besten Freunde daran

zweifeln.“ Hier brach ihr die Stimme, weil die lange zurückgehaltenen

Thränen jetzt mit Gewalt hervordrangen. Sie lehnte erschöpft das Haupt

auf die Kissen des Sophas und ließ Werner die Hand, der sie heftig

ergriffen hatte und mit Freundeswärme drückte.

Einige Augenblicke herrschte ein leises Schweigen. Werner stand auf und

ging im Zimmer auf und nieder, wie wenn er mit einem großen Entschluß

kämpfte. Endlich trat er wieder zu Henrietten. Sie trocknete mit ihrem

Tuch die Thränen, und sah ihn, so freundlich sie vermochte, an. „Nun

wissen Sie Alles; lassen wir das nun ruhen. Ist es nicht thöricht,

daß wir einen so seltenen, vertraulichen Abend so trüben Betrachtungen

widmen wollen? Sie hätten mir etwas vorlesen, oder mit mir Musik machen

sollen. Ich habe manches, was ich sehr liebe, vielleicht seit Jahren

nicht gesungen. Doch Sie sehen ja gar so ernst aus? Was ist Ihnen?“

„Henriette,“ sprach Werner mit tief bewegter Stimme, „ich könnte Ihnen

noch einen Ausweg zeigen, der Sie einem Stande entnähme, den Sie,

wie ich überzeugt bin, nicht um seinetwillen erwählt haben. Ich weiß

Jemand, der für Ihre Geschwister sorgen könnte, und Ihnen, wenn auch

nur einen eingeschränkten, doch sicheren, ruhigen, der Weiblichkeit

ganz angemessenen Wirkungskreis zu bieten vermöchte.“ Henriette sah ihn

ahnend an; sein Händedruck wurde stärker; sie neigte sich ihm sanft

entgegen; er rief heftig: „Wollen Sie die Meine seyn?“ und sie sank an

sein Herz.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 26 / 35 题