Die Gesellschaft nahm ihren Weg nach verschiedenen Richtungen.
Hemmstoff und der Hanswurst fuhren zusammen zum Hof-Traiteur um dort
zu Mittag zu essen. Als sie ins Zimmer traten, erblickten sie in
einer Ecke desselben Wicken, der schwermüthig und düster vor sich hin
starrte, und das Beefsteck, welches vor ihm stand, kaum zu beachten
schien. „Nun Rath, wie gehts?“ fragte der Hanswurst. „Denken Sie über
eine neue Kritik nach?“ „Ha Sie Abscheulicher!“ fuhr Wicke auf. „Sie
sind die Ursach meines Unglücks; denn Sie haben zuerst behauptet, ich
sey der Verfasser dieses Pamphlets.“ „Nun sind Sie’s denn nicht?“
entgegnete der erstaunte Hanswurst. „Ei mag der Teufel! Heut früh
erhielt ich das Blatt und stieß auf den verwünschten Artikel, dessen
Anfang so höchst schmeichelhaft und geistreich verfaßt zu seyn schien.
Natürlich glaubt ich, das Ding geht auch so zu Ende, denn wer Henker
mag vermuthen, daß sich der Wind so dreht. Ich war froh über den Fund,
steckte das Blatt ein, und freute mich, es der Henriette vorzulesen.
Und nun stachelt Sie der lebendige Teufel, mich mit Gewalt zum
Verfasser des Aufsatzes zu machen, welches ich nur zugab, um nicht mit
Ihnen zu streiten. Jetzt steckt der Karren im Koth, wer zieht ihn nun
heraus?“
„Ha, ha, ha, ha! Göttlich, delicieus, unnachahmlich!“ rief der
Hanswurst. „Nicht mit Gold zu bezahlen! Also hat meine Tollheit Ihre
Eitelkeit verführt, und Sie sind in Teufels Küche gerathen? Das ist auf
Ehre eine sublime Geschichte!“ Und Sie wollen noch lachen? fragte Wicke
halb weinend. „Bis ich platze, ha, ha, ha, ha!“ „Das ist zu viel!“
rief Wicke entrüstet, „wäre ich nicht von der Justiz, ich würde Sie
fordern. So erlauben es mir die Gesetze nicht!“ „Aber beruhige Dich
doch Freund,“ sprach Hemmstoff, „dein Beefsteck wird kalt, und der
Aerger verdirbt Dir überdies den Appetit!“ „Was soll ich aber machen?
Ich bin lächerlich vor der halben Stadt,“ rief Wicke, „und er ist
Schuld!“ „Ich mag den Teufel Schuld seyn, ich glaubte wirklich, Sie
wären der Verfasser. Leugnen können Sie’s ja doch nicht, daß Sie oft
schriftstellern. Aber Sie nehmen die Sache auch zu schlimm. Nichts
ist leichter, als das Ding zu redressiren. Sie schreiben der schönen
Henriette ein zartes Billet, worin Sie erklären, daß ein boshafter
Feind die zweite Hälfte Ihres Aufsatzes zugesetzt habe, und schicken
ihr das Manuscript des Dinges, wozu Sie den Anfang so weit abschreiben,
als Sie ihn brauchen können. Das verbreiten wir weiter, und in 3 Tagen
hält man Sie sogar für einen Märtyrer! So gewinnen Sie noch bei der
Sache.“ „Das ist wahr,“ sprach Wicke und trocknete sich seine Thränen
ab; „Ihr Rath ist gut.“ „Bezahlen Sie ihn mit hundert Austern?“ „Mit
Vergnügen,“ rief Wicke, und bestellte sie. Hemmstoff lobte jetzt diese
Art, die Sache in’s Gleiche zu bringen, auch, und man setzte sich
beruhigt und guter Dinge zu Tische.
Indeß müssen wir auch Henrietten in ihrem bedenklichen Zustande wieder
besuchen.
Der heftige Schreck, den sie über den Lieutenant Maulbeere gehabt
hatte, den man ganz unvermuthet aus dem gegenüberstehenden Hause,
in welchem die Billets verkauft wurden, heraustrug, hatte sie in
Ohnmacht geworfen. Zum Glück dauerte indeß dieser Zustand nicht lange,
sondern sie erholte sich sehr bald, und ihre erste Frage war nach dem
Verwundeten. Man sagte ihr, Werner habe es schon übernommen, dafür zu
sorgen, daß der Kranke vorsichtig nach Hause gebracht und verpflegt
werde. Demnach erwartete sie mit ängstlicher Ungeduld die Rückkehr des
thätigen Freundes, weil der blutige Anblick sie zu heftig erschüttert
hatte, und sie sich den Verwundeten nicht anders, als in den heftigsten
Leiden und Schmerzen denken konnte.
Maulbeere, dieß müssen wir berichten, gehörte zu ihren großen
Verehrern, und war ihretwegen fast zum Theaterpfeiler geworden. Seine
Leidenschaft äußerte sich darin vorzüglich, daß er seine Göttin jedes
Mal, wenn sie öffentlich auftrat, sah, und ihr unablässig bravo
und da capo zurief. So war er der ganzen Stadt bekannt, und jeder
Theatergänger wußte schon, wo er ihn zu suchen habe, nämlich auf der
linken Seite der Sperrsitze. Die gütige Henriette litt seinetwegen
eine Stunde der Angst; doch nach Verlauf dieser kam Werner zurück,
bestellte dem Kammermädchen, daß es mit Maulbeeres Wunde nichts auf
sich habe, und fragte nach dem Gesundheitszustande Henriettens. Als er
erfuhr, daß sie ziemlich wohl, nur etwas matt und vorzüglich nur noch
durch die Besorgniß um den Verwundeten angegriffen sey, ließ er durch
das Kammermädchen anfragen, ob er gegen Abend wieder zu ihr kommen
dürfte, er habe ihr etwas, was ihr selbst nicht unwichtig seyn werde,
zu entdecken. Sie gewährte es ihm, und er ging sichtlich froh hinunter.
Um die Dämmerungsstunde stand er wieder vor ihrer Thür. Luise, die
auf sein Schellen öffnete, fragte halb heraussehend: „Sind Sie es,
Herr Werner?“ „Ja, Luise, ich bin’s.“ „Ach, lieber Herr Werner, mein
Fräulein ist nicht allein; der Lord ist bei ihr, und will nicht wanken
noch weichen. Schon zehnmal hat Fräulein Henriette ihm zu verstehen
gegeben, daß sie gern allein seyn möchte, doch Sie kennen ihn ja
selbst und werden sich’s denken, daß er nicht versteht, was er nicht
verstehen will.“ „Der Unverschämte!“ rief Werner, „aber dießmal soll er
fort, und wäre er angeschmiedet.“ „Um Gotteswillen, begehen Sie keine
Unbesonnenheit, lieber Herr Werner,“ bat das Mädchen, „mein Fräulein
würde sich auf den Tod ängstigen.“ „Sey ruhig, Luise, ich will ihn nur
durch List fortbringen. In einer halben Stunde bin ich wieder hier,
und werde zweimal schellen; öffne Du mir alsdann selbst, so wollen wir
ihn schon hinausschaffen.“ Damit ging er die Treppe wieder hinab. Zur
bezeichneten Zeit kam er zurück, und that, wie er gesagt hatte. Luise
öffnete ihm mit freudigem Gesicht, und erzählte, vor zwei Minuten sey
ein Diener in feiner Livree dort gewesen, habe nach dem Lord gefragt
und ihm ein Billet überbracht, worauf dieser schleunigst hinweggegangen
sey. „So ist meine Maaßregel zum Glück nicht nöthig,“ erwiederte
Werner, und steckte etwas in seine Tasche, was Luise nicht erkennen
konnte. Darauf trat er ein.