7. Die ausgewetzte Scharte. Das Krankenzimmer.

Die Gesellschaft nahm ihren Weg nach verschiedenen Richtungen.

Hemmstoff und der Hanswurst fuhren zusammen zum Hof-Traiteur um dort

zu Mittag zu essen. Als sie ins Zimmer traten, erblickten sie in

einer Ecke desselben Wicken, der schwermüthig und düster vor sich hin

starrte, und das Beefsteck, welches vor ihm stand, kaum zu beachten

schien. „Nun Rath, wie gehts?“ fragte der Hanswurst. „Denken Sie über

eine neue Kritik nach?“ „Ha Sie Abscheulicher!“ fuhr Wicke auf. „Sie

sind die Ursach meines Unglücks; denn Sie haben zuerst behauptet, ich

sey der Verfasser dieses Pamphlets.“ „Nun sind Sie’s denn nicht?“

entgegnete der erstaunte Hanswurst. „Ei mag der Teufel! Heut früh

erhielt ich das Blatt und stieß auf den verwünschten Artikel, dessen

Anfang so höchst schmeichelhaft und geistreich verfaßt zu seyn schien.

Natürlich glaubt ich, das Ding geht auch so zu Ende, denn wer Henker

mag vermuthen, daß sich der Wind so dreht. Ich war froh über den Fund,

steckte das Blatt ein, und freute mich, es der Henriette vorzulesen.

Und nun stachelt Sie der lebendige Teufel, mich mit Gewalt zum

Verfasser des Aufsatzes zu machen, welches ich nur zugab, um nicht mit

Ihnen zu streiten. Jetzt steckt der Karren im Koth, wer zieht ihn nun

heraus?“

„Ha, ha, ha, ha! Göttlich, delicieus, unnachahmlich!“ rief der

Hanswurst. „Nicht mit Gold zu bezahlen! Also hat meine Tollheit Ihre

Eitelkeit verführt, und Sie sind in Teufels Küche gerathen? Das ist auf

Ehre eine sublime Geschichte!“ Und Sie wollen noch lachen? fragte Wicke

halb weinend. „Bis ich platze, ha, ha, ha, ha!“ „Das ist zu viel!“

rief Wicke entrüstet, „wäre ich nicht von der Justiz, ich würde Sie

fordern. So erlauben es mir die Gesetze nicht!“ „Aber beruhige Dich

doch Freund,“ sprach Hemmstoff, „dein Beefsteck wird kalt, und der

Aerger verdirbt Dir überdies den Appetit!“ „Was soll ich aber machen?

Ich bin lächerlich vor der halben Stadt,“ rief Wicke, „und er ist

Schuld!“ „Ich mag den Teufel Schuld seyn, ich glaubte wirklich, Sie

wären der Verfasser. Leugnen können Sie’s ja doch nicht, daß Sie oft

schriftstellern. Aber Sie nehmen die Sache auch zu schlimm. Nichts

ist leichter, als das Ding zu redressiren. Sie schreiben der schönen

Henriette ein zartes Billet, worin Sie erklären, daß ein boshafter

Feind die zweite Hälfte Ihres Aufsatzes zugesetzt habe, und schicken

ihr das Manuscript des Dinges, wozu Sie den Anfang so weit abschreiben,

als Sie ihn brauchen können. Das verbreiten wir weiter, und in 3 Tagen

hält man Sie sogar für einen Märtyrer! So gewinnen Sie noch bei der

Sache.“ „Das ist wahr,“ sprach Wicke und trocknete sich seine Thränen

ab; „Ihr Rath ist gut.“ „Bezahlen Sie ihn mit hundert Austern?“ „Mit

Vergnügen,“ rief Wicke, und bestellte sie. Hemmstoff lobte jetzt diese

Art, die Sache in’s Gleiche zu bringen, auch, und man setzte sich

beruhigt und guter Dinge zu Tische.

Indeß müssen wir auch Henrietten in ihrem bedenklichen Zustande wieder

besuchen.

Der heftige Schreck, den sie über den Lieutenant Maulbeere gehabt

hatte, den man ganz unvermuthet aus dem gegenüberstehenden Hause,

in welchem die Billets verkauft wurden, heraustrug, hatte sie in

Ohnmacht geworfen. Zum Glück dauerte indeß dieser Zustand nicht lange,

sondern sie erholte sich sehr bald, und ihre erste Frage war nach dem

Verwundeten. Man sagte ihr, Werner habe es schon übernommen, dafür zu

sorgen, daß der Kranke vorsichtig nach Hause gebracht und verpflegt

werde. Demnach erwartete sie mit ängstlicher Ungeduld die Rückkehr des

thätigen Freundes, weil der blutige Anblick sie zu heftig erschüttert

hatte, und sie sich den Verwundeten nicht anders, als in den heftigsten

Leiden und Schmerzen denken konnte.

Maulbeere, dieß müssen wir berichten, gehörte zu ihren großen

Verehrern, und war ihretwegen fast zum Theaterpfeiler geworden. Seine

Leidenschaft äußerte sich darin vorzüglich, daß er seine Göttin jedes

Mal, wenn sie öffentlich auftrat, sah, und ihr unablässig bravo

und da capo zurief. So war er der ganzen Stadt bekannt, und jeder

Theatergänger wußte schon, wo er ihn zu suchen habe, nämlich auf der

linken Seite der Sperrsitze. Die gütige Henriette litt seinetwegen

eine Stunde der Angst; doch nach Verlauf dieser kam Werner zurück,

bestellte dem Kammermädchen, daß es mit Maulbeeres Wunde nichts auf

sich habe, und fragte nach dem Gesundheitszustande Henriettens. Als er

erfuhr, daß sie ziemlich wohl, nur etwas matt und vorzüglich nur noch

durch die Besorgniß um den Verwundeten angegriffen sey, ließ er durch

das Kammermädchen anfragen, ob er gegen Abend wieder zu ihr kommen

dürfte, er habe ihr etwas, was ihr selbst nicht unwichtig seyn werde,

zu entdecken. Sie gewährte es ihm, und er ging sichtlich froh hinunter.

Um die Dämmerungsstunde stand er wieder vor ihrer Thür. Luise, die

auf sein Schellen öffnete, fragte halb heraussehend: „Sind Sie es,

Herr Werner?“ „Ja, Luise, ich bin’s.“ „Ach, lieber Herr Werner, mein

Fräulein ist nicht allein; der Lord ist bei ihr, und will nicht wanken

noch weichen. Schon zehnmal hat Fräulein Henriette ihm zu verstehen

gegeben, daß sie gern allein seyn möchte, doch Sie kennen ihn ja

selbst und werden sich’s denken, daß er nicht versteht, was er nicht

verstehen will.“ „Der Unverschämte!“ rief Werner, „aber dießmal soll er

fort, und wäre er angeschmiedet.“ „Um Gotteswillen, begehen Sie keine

Unbesonnenheit, lieber Herr Werner,“ bat das Mädchen, „mein Fräulein

würde sich auf den Tod ängstigen.“ „Sey ruhig, Luise, ich will ihn nur

durch List fortbringen. In einer halben Stunde bin ich wieder hier,

und werde zweimal schellen; öffne Du mir alsdann selbst, so wollen wir

ihn schon hinausschaffen.“ Damit ging er die Treppe wieder hinab. Zur

bezeichneten Zeit kam er zurück, und that, wie er gesagt hatte. Luise

öffnete ihm mit freudigem Gesicht, und erzählte, vor zwei Minuten sey

ein Diener in feiner Livree dort gewesen, habe nach dem Lord gefragt

und ihm ein Billet überbracht, worauf dieser schleunigst hinweggegangen

sey. „So ist meine Maaßregel zum Glück nicht nöthig,“ erwiederte

Werner, und steckte etwas in seine Tasche, was Luise nicht erkennen

konnte. Darauf trat er ein.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 25 / 35 题