Diese Unterbrechung machte der Lektüre ein Ende. Lord Monday kam
lärmend die Treppe herauf. Man hörte ein Goddam nach dem andern, ohne
die Ursache zu errathen. Ungemeldet brach er ziemlich stürmisch durch
die Thür, und trat mit dem Staubmantel auf den Schultern ins Zimmer.
„Guten Morgen, Vortrefflichste, wie geschlafen?“ „Recht gut, Ew.
Herrlichkeit,“ entgegnete die etwas verlegene Henriette, „ich danke
Ihrer theilnehmenden Nachfrage. Einen Stuhl, Luise, sey so gütig.“
Die Kammerjungfer, die am andern Fenster mit Nähen beschäftigt war,
sprang auf. Doch Lord Monday rief: „Schon gut mein Kind, ich setze
mich aufs Kanapee,“ und wollte sich, indem er den Mantel noch immer
auf der Schulter hatte, eben darauf hinstrecken. Werner bemerkte
ziemlich accentuirt: „der Mantel wird Er. Herrlichkeit hinderlich
seyn.“ „Goddam,“ erwiederte der Lord, „das ist wahr,“ und warf den
Mantel unvorsichtig auf einen Stuhl, neben welchem eine Servante mit
Tassen stand. Durch den Schwung des Mantels wurde ein Theil derselben
herabgeschleudert, und zerbrach klirrend. „Goddam! der verteufelte
Mantel,“ rief der Lord, und stampfte mit dem Fuß. „Mein Gott,“ rief
die erschrockene Henriette, und eilte hinzu. Alles sprang auf, um die
Trümmer zu sammeln. Der Lord stampfte und fluchte. Werner schien höchst
aufgebracht, doch sagte er nichts. Henriette, die die zerbrochenen
Tassen mit aufnehmen half, ließ plötzlich ein halb verhaltenes: „o
weh!“ hören, und man sah, daß sie eine Thräne, die ihr ins Auge trat,
zu verbergen suchte. „Was ist Ihnen?“ fragte Werner. „O nichts,“
erwiederte sie, „die Tasse mit dem Bilde meiner jüngern verstorbenen
Schwester ist auch zerbrochen, und das thut mir nur leid,“ fügte sie
leiser hinzu. Der Lord, der es gehört haben mochte, rief: „Trösten Sie
sich, schöne Henriette, ich bezahle die Tassen dreifach, Sie sollen ein
Dutzend schönere dafür haben.“ Werner fuhr auf; doch Henriette, die
es sogleich bemerkte, wandte sich zu ihm, und sprach: „Herr Werner!
ein Wort! Ich bitte.“ Er folgte ihr einige Schritte bei Seite. „Thun
Sie mirs zu Gefallen,“ sprach sie dringend, „seyn Sie ruhig, es könnte
Ihnen übel zu stehen kommen, und das würde mir höchst traurig seyn;
ich bitte Sie, sagen Sie dem Lord nichts. Das Geschehene ist ja nun
doch geschehen.“ „Ich gehorche,“ entgegnete Werner, „allein seyn Sie
überzeugt, daß nur Rücksichten für Sie, keine für mich, mich abhalten,
diesem rohen Gesellen das zu sagen, wovor er sich durch seinen Stand
bei Ihnen geschützt glaubt.“
Die Scherben waren weggeräumt, man wollte sich so eben setzen, als
der Hanswurst überlaut rief: „die Arche Noah! die Arche Noah! Hahaha.
Wie die Thiere aus dem Kasten steigen!“ „Was giebts denn?“ fragte
der Obrist-Lieutenant, und sah, so wie die übrige Gesellschaft, ihn
mit fragenden Blicken an. „Kommen Sie nur her, und sehen Sie, so
bedarf es keiner Antwort mehr,“ rief der Hanswurst. Alle folgten
ihm ans Fenster bis auf den Lord, welcher auf dem Kanapee in der
bequemsten Stellung, die er finden konnte, zurück blieb, und _God
save the King_, trällerte. Die Ursache des Geschreies, welches der
Hanswurst gemacht hatte, waren einige Wagen, aus denen mehrere, uns
dem Namen nach schon bekannte Personen stiegen. Es waren jene Mäcene
der Bühne, Wolf, Hirsch, Bär, Gans, Eber, nebst den dazu gehörenden
_femininis_, Wölfin u. s. w. „Mein Gott, schrie der Hanswurst,
von jeder Gattung ein Paar, ein Männlein und ein Weiblein!“ „Nur
die Taube fehlt,“ bemerkt der Obrist-Lieutenant. „Nein, wahrhaftig
nicht,“ betheuerte Johannes Wurst, „sie ist auch dabei. Die Tochter
der Madam Gans heißt Täubchen! Sehn Sie, eben hüpft das Täubchen aus
dem Schlage. Tuck, tuck, tuck, tuck! Komm’, mein Täubchen, komm, komm!
So wahr ich lebe, da ist auch der Regenbogen!“ rief er aus. „Ja, ja,
dort unten! Schauen Sie nur gefälligst hin.“ Eben wölbt er sich über
den Rinnstein. Er kann gar nicht gelegener kommen! „Ach der Kammerherr
Graf von Regenbogen,“ sagte der Obrist-Lieutenant, nachdem er das
Perspectiv auf ihn gerichtet hatte. „Es konnte sich gar nicht besser
treffen! Goldnen Dank bin ich ihm schuldig,“ jubelte der Hanswurst
und sprang im Zimmer umher. -- Indeß waren die noachischen Herrn
heraufgekommen und wurden gemeldet. Henriette ging ihnen entgegen, und
empfing sie mit Freundlichkeit. Doch jetzt erhob sich im Zimmer ein
Geschnatter und Geschnarre, daß man hätte verzweifeln mögen. Das Männer
Quintett aus Jerusalem erschöpfte ein ganzes Lexicon von lobpreisenden
Beiwörtern über Henrietten, welche das weibliche Echopersonale sogleich
duplicirte, bis sie sich in ein brausendes Verhallen auflösten, wie
dies ja bei einem guten Echo immer der Fall ist. Ein neues Intermezzo
fuhr indeß rasch dazwischen. Graf Regenbogen trat ein. Er galt für den
feinsten Cavallier am Hofe. Niemand in der Residenz hatte sauberer
gekräuseltes Haar als er; seine Parfüms waren immer direct aus Paris
verschrieben; seine Schuhe ließ er in Wien, seine Fracks in Paris,
die Unterkleider und Ueberröcke in London machen. Schon an frühesten
Morgen, das heißt gegen zwölf Uhr, wenn er sich eben aus dem Bette
erhoben hatte, war er elegant. Ja es ging das nicht unwahrscheinliche
Gerücht, daß er stets in zwei Gilets und mit der feinsten Cravatte _à
l’ineroyable_ schlafe, und sich Nachts, da das Liegen die Coeffure
derangirte, selbst eigenhändig frisiere, wozu er der Bequemlichkeit
halber, einen großen Spiegel an der Decke seines Himmelbetts hatte
anbringen lassen. Auch wußte man von seinem Justiz-Commissarius, daß
er in seinem Testament eine Verordnung gemacht hatte, nach der er
_en habit habillé_ begraben seyn wollte, weil er es mit Recht
für unschicklich hielt, am Tage des jüngsten Gerichts unordentlich
angezogen zu seyn. Dieser geistvolle Mann war, wie gesagt, eingetreten.
Durch ~eine~ kunstreiche Verbeugung, die gleich der Sonne in Osten
begann, sich langsam westwärts bewegte, vor der schönen Henriette durch
den Meridian gieng, und sich denn endlich beim Lord Monday völlig
in Adent niedersenkte, begrüßte er mit erstaunenswerther Kunst die
ganze Gesellschaft zugleich, und hatte dabei noch die Feinheit gehabt,
jeden nach der Würde seines Standes zu behandeln. Denn bei Werner,
dem unbedeutenden Musikus, begann er und beugte den Kopf anderthalb
Pariser Zoll vorwärts (er rechnete immer nach französischem Maß, weil
dieses als ausländisches Fabrikat viel feiner und eleganter seyn
mußte als das deutsche), darauf senkte er sich in schräg absteigender
Linie durch die fünf Zeichen des Thierkreises, die zwischen Werner
und der schönen Henriette standen. Diese halbirte die Kurve seines
Bücklings. Dann gelangte er, immer tiefer sich verneigend über den
Hanswurst, den Abbe, den Rath Hemmstoff und den Obrist-Lieutenant,
endlich beim Lord als dem Vornehmsten an, und befand sich dort genau
in der (nach den ersten Ceremonienmeistern) schönsten Stellung der
Ehrfurcht, in welcher sich das Haupt und ein anderer Theil des Körpers
im Niveau befinden, oder gleichsam als die beiden Schaalen der Waage
an dem krummen Waagebalken des Rückens schweben. An diesem bildete
beim Grafen Regenbogen der Kammerherrn-Schlüssel, der sich durch die
veränderte Lage nach Newtons Gesetz der Schwere ganz richtig vertikal
mit dem Bart nach dem Himmel deutend, gestellt hatte, nicht ungeschickt
des Zünglein. In dieser Stellung also befand sich der Graf; doch zu
seinem Mißgeschick eine Sekunde zu lange. Denn urplötzlich öffnete
sich unvermuthet die Thür, und Brückbauer trat rasch ein. Das Unglück
wollte, daß die der Hirnschaale entgegengesetzte Schaale der Waage, in
welcher Graf Regenbogen stand, sich um einen Pariser Zoll zu nah an der
Thür befand, und so durch einen Stoß lädirt werden konnte, den man mit
vollem Rechte im eigentlichsten Sinne hinterrücks nennen mußte, denn
er traf wirklich eine Gegend, die sich in dem angenommenen _statu
quo_ noch hinter dem Rücken befand. Ein geschickter Mechaniker
wird die Folgen dieses Ereignisses leicht berechnen können; doch da
so gründliche Gelehrsamkeit nicht von allen Lesern zu fordern ist, so
muß ich es hier berichten. Der Graf wurde durch den Choc beträchtlich
aus dem schwebenden Gleichgewicht gebracht. Die vordere Schaale senkte
sich, die correspondirende stieg, das Zünglein schlug über, und das
Toupet, dieses achte Wunderwerk der Haarbaukunst, wurde zwischen den
Fußteppich des Zimmers und der Hirnschale des Kammerherrn entsetzlich
zermalmt. „Goddam,“ schrie Monday: „o weh,“ Henriette, „äh wai“ der
zehnstimmige Chor, (der, nach diesem Beispiele zu urtheilen, gleich
wie bei den Alten, sich anderer Dialektformen zu bedienen schien,)
„_ah mon dieu_“ der Abbe, „alle Teufel,“ der Obrist-Lieutenant.
-- Hemmstoff und Werner sprangen den Unglücklichen zu Hülfe. Am
erstauntesten schien Brückbauer; er stand mit offnem Munde in der
Thür, und konnte sich nicht entscheiden, ob er vorwärts schreiten,
um Verzeihung bitten, oder zurückspringen und verschwinden sollte.
Endlich vermochte ihn die zurufende Henriette, das erstere zu wählen.
Allein so wie man ihn ansichtig wurde, ertönte ein plötzlicher Schrei
des Entsetzens, und der eben aufgerichtete Graf prallte drei Schritte
zurück und rief: „blutbefleckter Mörder, hebe dich weg von mir!“ In
der That sah Brückbauer auch etwas blaß aus, und seine Kleider waren
mit Blut besprützt. „Um Gottes willen, was ist geschehen?“ fragte
Henriette, „woher dieses verstörte Ansehen?“ „Goddam! ein Duell!“
rief der Engländer. „Lassen Sie mich nur zu Athem kommen, meine
Allertheuerste,“ sprach Brückbauer mit sichtbarer Anstrengung; „Sie
sollen gleich erfahren, welches entsetzlichen Auftritts Zeuge ich
gewesen bin.“ Während dieser Unterredung war der gestürzte Graf vor den
Spiegel getreten, und erblickte die völlige Vernichtung seines Toupets.
Leichenblaß sank er zurück, und fiel dem Hanswurst in die Arme. Dieser
rief erschüttert: „Regenbogen, Sie verlieren die Farbe. Fassen Sie
sich! Theurer Regenbogen, soll ich Sie mit Wasser besprengen? O,
richten Sie sich auf, Vortrefflicher!“ Matt sagte endlich der Graf:
„Es ist nun vorüber! Fahren Sie fort Director Brückbauer, ich bin sehr
gespannt auf Ihre Neuigkeit, denn ich muß sogleich zu Sr. Durchlaucht,
der ich alle Mittag bei Tafel einiges Neue mitzutheilen suche.“
Regenbogen sprach den Wunsch der ganzen Versammlung aus, und Brückbauer
begann nun folgendermaßen.
„Nie ist ein Director zugleich freudiger und erschreckter gewesen
als ich. Stellen Sie sich vor! So eben war ich im Büreau bei meinem
Kassirer, und befragte ihn, wie es mit dem Verkauf der Billets zu der
morgenden Vorstellung, in der Sie, theure Henriette, zum ersten Male
in der Rolle der Amande auftreten werden, beschaffen sey. Ich erhalte
die freudige Antwort, daß nur noch ein einziges Billet zu haben ist.
In diesem Augenblick treten zwei Offiziere, der Lieutenant Spitzdegen,
ein gewandter Tänzer und Fechter, und der Lieutenant Maulbeer,
sein Busenfreund, zugleich ein. Beide fragen wie aus einem Munde,
ob sie noch Billets zu der Amande haben können. Der Kassirer zeigt
achselzuckend das letzte vorhandene. Wie Harpyen auf das Königsmahl
stürzen beide darauf los. Streit erhebt sich; wir wollen vermitteln;
vergeblich! die Degen blinken schon in der Hand beider gewandten
Fechter; umsonst springen wir dazwischen. Schnell wie der Blitz fallen
die Hiebe, wie Hagel so dicht; -- und ehe eine Minute verflossen war,
lag Maulbeer von einem furchtbaren Hiebe getroffen, blutend am Boden,
und Spitzdegen, der auch nicht ohne Wunde davon gekommen war, spießte
triumphirend das Billet auf den Degen, und schritt mit der theuren
Beute hinaus.“ Und der Verwundete? fragte Henriette zitternd und
fast in Thränen. „Wird sogleich nach seiner Kaserne gebracht werden,“
antwortete der Director. „Goddam!“ rief der Lord, „die Geschichte
verdiente in London passirt zu seyn!“ „Ja, in Bedlam!“ sprach Werner
stark betonend. „Eine delicieuse Neuigkeit!“ rief der Graf Regenbogen
entzückt, und schien über den Verlust seines Toupets ganz getröstet.
Der Lord war im sichtlichen Aerger, daß er keine Antwort für Werner
bereit hatte; doch sicher wäre er wenigstens mit einer Grobheit bei der
Hand gewesen, wenn nicht eine andere Begebenheit plötzlich alles aus
der Fassung gebracht hätte. Die schöne Sängerin, die, um ihre Unruhe
zu verbergen, sich gegen das Fenster gewandt hatte, sank nämlich mit
dem Rufe: „Ums Himmelswillen!“ ohnmächtig nieder. Alles sprang ihr zu
Hülfe; auch der Lord wollte sich auf eine dreiste Art thätig zeigen und
rief: „Man muß ihr das Corset öffnen!“ Doch Werner stieß ihn ziemlich
unsanft bei Seite, und brachte mit Luisens, des Kammermädchens, Hülfe,
die Ohnmächtige, in das Nebenzimmer. Nach einer Minute kam er zurück
und sprach zur Gesellschaft: Die Kranke ist der Obhut ihres Mädchens
und ihrer alten Pflegerin, einer erfahrnen Frau anvertraut. Auch ist
nach einem Arzt gesandt. Ihre Güte, meine Herrn, ist daher unnütz.
Für den guten Willen ist Fräulein Henriette gewiß dankbar. Da aber
Ruhe jetzt das erste ist, dessen sie bedarf, so hoffe ich, Sie werden
meinem Beispiele folgen und das Haus verlassen! Bei diesen Worten griff
er nach seinem Hut und ging. Der Lord fragte Regenbogen: „Sagen Sie
mir, wer ist der unverschämte Mensch, der hier thut, als sei er Herr
des Hauses?“ Wer kann alle _mauvais sujets_ kennen, antwortete
Regenbogen. Aber kommen Sie, mein Bester. Wir speisen wahrscheinlich
zusammen bei der Durchlaucht? -- „Versteht sich,“ erwiederte Monday.
Sie gingen, die übrige Gesellschaft folgte. Vor der Thür sahn sie die
Ursach von Henriettens Ohnmacht. Der verwundete, ganz mit Blut bedeckte
Offizier wurde die Straße hinab getragen. Man sah, daß Werner die Bahre
begleitete.