6. Lord Monday. Die Arche Noah. Der Regenbogen. Das Duell. Die Ohnmacht.

Diese Unterbrechung machte der Lektüre ein Ende. Lord Monday kam

lärmend die Treppe herauf. Man hörte ein Goddam nach dem andern, ohne

die Ursache zu errathen. Ungemeldet brach er ziemlich stürmisch durch

die Thür, und trat mit dem Staubmantel auf den Schultern ins Zimmer.

„Guten Morgen, Vortrefflichste, wie geschlafen?“ „Recht gut, Ew.

Herrlichkeit,“ entgegnete die etwas verlegene Henriette, „ich danke

Ihrer theilnehmenden Nachfrage. Einen Stuhl, Luise, sey so gütig.“

Die Kammerjungfer, die am andern Fenster mit Nähen beschäftigt war,

sprang auf. Doch Lord Monday rief: „Schon gut mein Kind, ich setze

mich aufs Kanapee,“ und wollte sich, indem er den Mantel noch immer

auf der Schulter hatte, eben darauf hinstrecken. Werner bemerkte

ziemlich accentuirt: „der Mantel wird Er. Herrlichkeit hinderlich

seyn.“ „Goddam,“ erwiederte der Lord, „das ist wahr,“ und warf den

Mantel unvorsichtig auf einen Stuhl, neben welchem eine Servante mit

Tassen stand. Durch den Schwung des Mantels wurde ein Theil derselben

herabgeschleudert, und zerbrach klirrend. „Goddam! der verteufelte

Mantel,“ rief der Lord, und stampfte mit dem Fuß. „Mein Gott,“ rief

die erschrockene Henriette, und eilte hinzu. Alles sprang auf, um die

Trümmer zu sammeln. Der Lord stampfte und fluchte. Werner schien höchst

aufgebracht, doch sagte er nichts. Henriette, die die zerbrochenen

Tassen mit aufnehmen half, ließ plötzlich ein halb verhaltenes: „o

weh!“ hören, und man sah, daß sie eine Thräne, die ihr ins Auge trat,

zu verbergen suchte. „Was ist Ihnen?“ fragte Werner. „O nichts,“

erwiederte sie, „die Tasse mit dem Bilde meiner jüngern verstorbenen

Schwester ist auch zerbrochen, und das thut mir nur leid,“ fügte sie

leiser hinzu. Der Lord, der es gehört haben mochte, rief: „Trösten Sie

sich, schöne Henriette, ich bezahle die Tassen dreifach, Sie sollen ein

Dutzend schönere dafür haben.“ Werner fuhr auf; doch Henriette, die

es sogleich bemerkte, wandte sich zu ihm, und sprach: „Herr Werner!

ein Wort! Ich bitte.“ Er folgte ihr einige Schritte bei Seite. „Thun

Sie mirs zu Gefallen,“ sprach sie dringend, „seyn Sie ruhig, es könnte

Ihnen übel zu stehen kommen, und das würde mir höchst traurig seyn;

ich bitte Sie, sagen Sie dem Lord nichts. Das Geschehene ist ja nun

doch geschehen.“ „Ich gehorche,“ entgegnete Werner, „allein seyn Sie

überzeugt, daß nur Rücksichten für Sie, keine für mich, mich abhalten,

diesem rohen Gesellen das zu sagen, wovor er sich durch seinen Stand

bei Ihnen geschützt glaubt.“

Die Scherben waren weggeräumt, man wollte sich so eben setzen, als

der Hanswurst überlaut rief: „die Arche Noah! die Arche Noah! Hahaha.

Wie die Thiere aus dem Kasten steigen!“ „Was giebts denn?“ fragte

der Obrist-Lieutenant, und sah, so wie die übrige Gesellschaft, ihn

mit fragenden Blicken an. „Kommen Sie nur her, und sehen Sie, so

bedarf es keiner Antwort mehr,“ rief der Hanswurst. Alle folgten

ihm ans Fenster bis auf den Lord, welcher auf dem Kanapee in der

bequemsten Stellung, die er finden konnte, zurück blieb, und _God

save the King_, trällerte. Die Ursache des Geschreies, welches der

Hanswurst gemacht hatte, waren einige Wagen, aus denen mehrere, uns

dem Namen nach schon bekannte Personen stiegen. Es waren jene Mäcene

der Bühne, Wolf, Hirsch, Bär, Gans, Eber, nebst den dazu gehörenden

_femininis_, Wölfin u. s. w. „Mein Gott, schrie der Hanswurst,

von jeder Gattung ein Paar, ein Männlein und ein Weiblein!“ „Nur

die Taube fehlt,“ bemerkt der Obrist-Lieutenant. „Nein, wahrhaftig

nicht,“ betheuerte Johannes Wurst, „sie ist auch dabei. Die Tochter

der Madam Gans heißt Täubchen! Sehn Sie, eben hüpft das Täubchen aus

dem Schlage. Tuck, tuck, tuck, tuck! Komm’, mein Täubchen, komm, komm!

So wahr ich lebe, da ist auch der Regenbogen!“ rief er aus. „Ja, ja,

dort unten! Schauen Sie nur gefälligst hin.“ Eben wölbt er sich über

den Rinnstein. Er kann gar nicht gelegener kommen! „Ach der Kammerherr

Graf von Regenbogen,“ sagte der Obrist-Lieutenant, nachdem er das

Perspectiv auf ihn gerichtet hatte. „Es konnte sich gar nicht besser

treffen! Goldnen Dank bin ich ihm schuldig,“ jubelte der Hanswurst

und sprang im Zimmer umher. -- Indeß waren die noachischen Herrn

heraufgekommen und wurden gemeldet. Henriette ging ihnen entgegen, und

empfing sie mit Freundlichkeit. Doch jetzt erhob sich im Zimmer ein

Geschnatter und Geschnarre, daß man hätte verzweifeln mögen. Das Männer

Quintett aus Jerusalem erschöpfte ein ganzes Lexicon von lobpreisenden

Beiwörtern über Henrietten, welche das weibliche Echopersonale sogleich

duplicirte, bis sie sich in ein brausendes Verhallen auflösten, wie

dies ja bei einem guten Echo immer der Fall ist. Ein neues Intermezzo

fuhr indeß rasch dazwischen. Graf Regenbogen trat ein. Er galt für den

feinsten Cavallier am Hofe. Niemand in der Residenz hatte sauberer

gekräuseltes Haar als er; seine Parfüms waren immer direct aus Paris

verschrieben; seine Schuhe ließ er in Wien, seine Fracks in Paris,

die Unterkleider und Ueberröcke in London machen. Schon an frühesten

Morgen, das heißt gegen zwölf Uhr, wenn er sich eben aus dem Bette

erhoben hatte, war er elegant. Ja es ging das nicht unwahrscheinliche

Gerücht, daß er stets in zwei Gilets und mit der feinsten Cravatte _à

l’ineroyable_ schlafe, und sich Nachts, da das Liegen die Coeffure

derangirte, selbst eigenhändig frisiere, wozu er der Bequemlichkeit

halber, einen großen Spiegel an der Decke seines Himmelbetts hatte

anbringen lassen. Auch wußte man von seinem Justiz-Commissarius, daß

er in seinem Testament eine Verordnung gemacht hatte, nach der er

_en habit habillé_ begraben seyn wollte, weil er es mit Recht

für unschicklich hielt, am Tage des jüngsten Gerichts unordentlich

angezogen zu seyn. Dieser geistvolle Mann war, wie gesagt, eingetreten.

Durch ~eine~ kunstreiche Verbeugung, die gleich der Sonne in Osten

begann, sich langsam westwärts bewegte, vor der schönen Henriette durch

den Meridian gieng, und sich denn endlich beim Lord Monday völlig

in Adent niedersenkte, begrüßte er mit erstaunenswerther Kunst die

ganze Gesellschaft zugleich, und hatte dabei noch die Feinheit gehabt,

jeden nach der Würde seines Standes zu behandeln. Denn bei Werner,

dem unbedeutenden Musikus, begann er und beugte den Kopf anderthalb

Pariser Zoll vorwärts (er rechnete immer nach französischem Maß, weil

dieses als ausländisches Fabrikat viel feiner und eleganter seyn

mußte als das deutsche), darauf senkte er sich in schräg absteigender

Linie durch die fünf Zeichen des Thierkreises, die zwischen Werner

und der schönen Henriette standen. Diese halbirte die Kurve seines

Bücklings. Dann gelangte er, immer tiefer sich verneigend über den

Hanswurst, den Abbe, den Rath Hemmstoff und den Obrist-Lieutenant,

endlich beim Lord als dem Vornehmsten an, und befand sich dort genau

in der (nach den ersten Ceremonienmeistern) schönsten Stellung der

Ehrfurcht, in welcher sich das Haupt und ein anderer Theil des Körpers

im Niveau befinden, oder gleichsam als die beiden Schaalen der Waage

an dem krummen Waagebalken des Rückens schweben. An diesem bildete

beim Grafen Regenbogen der Kammerherrn-Schlüssel, der sich durch die

veränderte Lage nach Newtons Gesetz der Schwere ganz richtig vertikal

mit dem Bart nach dem Himmel deutend, gestellt hatte, nicht ungeschickt

des Zünglein. In dieser Stellung also befand sich der Graf; doch zu

seinem Mißgeschick eine Sekunde zu lange. Denn urplötzlich öffnete

sich unvermuthet die Thür, und Brückbauer trat rasch ein. Das Unglück

wollte, daß die der Hirnschaale entgegengesetzte Schaale der Waage, in

welcher Graf Regenbogen stand, sich um einen Pariser Zoll zu nah an der

Thür befand, und so durch einen Stoß lädirt werden konnte, den man mit

vollem Rechte im eigentlichsten Sinne hinterrücks nennen mußte, denn

er traf wirklich eine Gegend, die sich in dem angenommenen _statu

quo_ noch hinter dem Rücken befand. Ein geschickter Mechaniker

wird die Folgen dieses Ereignisses leicht berechnen können; doch da

so gründliche Gelehrsamkeit nicht von allen Lesern zu fordern ist, so

muß ich es hier berichten. Der Graf wurde durch den Choc beträchtlich

aus dem schwebenden Gleichgewicht gebracht. Die vordere Schaale senkte

sich, die correspondirende stieg, das Zünglein schlug über, und das

Toupet, dieses achte Wunderwerk der Haarbaukunst, wurde zwischen den

Fußteppich des Zimmers und der Hirnschale des Kammerherrn entsetzlich

zermalmt. „Goddam,“ schrie Monday: „o weh,“ Henriette, „äh wai“ der

zehnstimmige Chor, (der, nach diesem Beispiele zu urtheilen, gleich

wie bei den Alten, sich anderer Dialektformen zu bedienen schien,)

„_ah mon dieu_“ der Abbe, „alle Teufel,“ der Obrist-Lieutenant.

-- Hemmstoff und Werner sprangen den Unglücklichen zu Hülfe. Am

erstauntesten schien Brückbauer; er stand mit offnem Munde in der

Thür, und konnte sich nicht entscheiden, ob er vorwärts schreiten,

um Verzeihung bitten, oder zurückspringen und verschwinden sollte.

Endlich vermochte ihn die zurufende Henriette, das erstere zu wählen.

Allein so wie man ihn ansichtig wurde, ertönte ein plötzlicher Schrei

des Entsetzens, und der eben aufgerichtete Graf prallte drei Schritte

zurück und rief: „blutbefleckter Mörder, hebe dich weg von mir!“ In

der That sah Brückbauer auch etwas blaß aus, und seine Kleider waren

mit Blut besprützt. „Um Gottes willen, was ist geschehen?“ fragte

Henriette, „woher dieses verstörte Ansehen?“ „Goddam! ein Duell!“

rief der Engländer. „Lassen Sie mich nur zu Athem kommen, meine

Allertheuerste,“ sprach Brückbauer mit sichtbarer Anstrengung; „Sie

sollen gleich erfahren, welches entsetzlichen Auftritts Zeuge ich

gewesen bin.“ Während dieser Unterredung war der gestürzte Graf vor den

Spiegel getreten, und erblickte die völlige Vernichtung seines Toupets.

Leichenblaß sank er zurück, und fiel dem Hanswurst in die Arme. Dieser

rief erschüttert: „Regenbogen, Sie verlieren die Farbe. Fassen Sie

sich! Theurer Regenbogen, soll ich Sie mit Wasser besprengen? O,

richten Sie sich auf, Vortrefflicher!“ Matt sagte endlich der Graf:

„Es ist nun vorüber! Fahren Sie fort Director Brückbauer, ich bin sehr

gespannt auf Ihre Neuigkeit, denn ich muß sogleich zu Sr. Durchlaucht,

der ich alle Mittag bei Tafel einiges Neue mitzutheilen suche.“

Regenbogen sprach den Wunsch der ganzen Versammlung aus, und Brückbauer

begann nun folgendermaßen.

„Nie ist ein Director zugleich freudiger und erschreckter gewesen

als ich. Stellen Sie sich vor! So eben war ich im Büreau bei meinem

Kassirer, und befragte ihn, wie es mit dem Verkauf der Billets zu der

morgenden Vorstellung, in der Sie, theure Henriette, zum ersten Male

in der Rolle der Amande auftreten werden, beschaffen sey. Ich erhalte

die freudige Antwort, daß nur noch ein einziges Billet zu haben ist.

In diesem Augenblick treten zwei Offiziere, der Lieutenant Spitzdegen,

ein gewandter Tänzer und Fechter, und der Lieutenant Maulbeer,

sein Busenfreund, zugleich ein. Beide fragen wie aus einem Munde,

ob sie noch Billets zu der Amande haben können. Der Kassirer zeigt

achselzuckend das letzte vorhandene. Wie Harpyen auf das Königsmahl

stürzen beide darauf los. Streit erhebt sich; wir wollen vermitteln;

vergeblich! die Degen blinken schon in der Hand beider gewandten

Fechter; umsonst springen wir dazwischen. Schnell wie der Blitz fallen

die Hiebe, wie Hagel so dicht; -- und ehe eine Minute verflossen war,

lag Maulbeer von einem furchtbaren Hiebe getroffen, blutend am Boden,

und Spitzdegen, der auch nicht ohne Wunde davon gekommen war, spießte

triumphirend das Billet auf den Degen, und schritt mit der theuren

Beute hinaus.“ Und der Verwundete? fragte Henriette zitternd und

fast in Thränen. „Wird sogleich nach seiner Kaserne gebracht werden,“

antwortete der Director. „Goddam!“ rief der Lord, „die Geschichte

verdiente in London passirt zu seyn!“ „Ja, in Bedlam!“ sprach Werner

stark betonend. „Eine delicieuse Neuigkeit!“ rief der Graf Regenbogen

entzückt, und schien über den Verlust seines Toupets ganz getröstet.

Der Lord war im sichtlichen Aerger, daß er keine Antwort für Werner

bereit hatte; doch sicher wäre er wenigstens mit einer Grobheit bei der

Hand gewesen, wenn nicht eine andere Begebenheit plötzlich alles aus

der Fassung gebracht hätte. Die schöne Sängerin, die, um ihre Unruhe

zu verbergen, sich gegen das Fenster gewandt hatte, sank nämlich mit

dem Rufe: „Ums Himmelswillen!“ ohnmächtig nieder. Alles sprang ihr zu

Hülfe; auch der Lord wollte sich auf eine dreiste Art thätig zeigen und

rief: „Man muß ihr das Corset öffnen!“ Doch Werner stieß ihn ziemlich

unsanft bei Seite, und brachte mit Luisens, des Kammermädchens, Hülfe,

die Ohnmächtige, in das Nebenzimmer. Nach einer Minute kam er zurück

und sprach zur Gesellschaft: Die Kranke ist der Obhut ihres Mädchens

und ihrer alten Pflegerin, einer erfahrnen Frau anvertraut. Auch ist

nach einem Arzt gesandt. Ihre Güte, meine Herrn, ist daher unnütz.

Für den guten Willen ist Fräulein Henriette gewiß dankbar. Da aber

Ruhe jetzt das erste ist, dessen sie bedarf, so hoffe ich, Sie werden

meinem Beispiele folgen und das Haus verlassen! Bei diesen Worten griff

er nach seinem Hut und ging. Der Lord fragte Regenbogen: „Sagen Sie

mir, wer ist der unverschämte Mensch, der hier thut, als sei er Herr

des Hauses?“ Wer kann alle _mauvais sujets_ kennen, antwortete

Regenbogen. Aber kommen Sie, mein Bester. Wir speisen wahrscheinlich

zusammen bei der Durchlaucht? -- „Versteht sich,“ erwiederte Monday.

Sie gingen, die übrige Gesellschaft folgte. Vor der Thür sahn sie die

Ursach von Henriettens Ohnmacht. Der verwundete, ganz mit Blut bedeckte

Offizier wurde die Straße hinab getragen. Man sah, daß Werner die Bahre

begleitete.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 24 / 35 题