5. Der Hanswurst. Der Recensent.

Ein Kreis von Anbetern versammelte sich täglich bei unserer schönen

Sängerin. Einzelne derselben haben wir schon früher kennen gelernt. Ein

Blick in das Besuchzimmer kann unsere Kenntniß darin noch bedeutend

erweitern. Ich hoffe, wir thun ihn nicht unbelohnt. Denn welchen

Naturforscher sollte es nicht erfreuen, wenn man dabei Gelegenheit

fände, das Verzeichniß der ~Schaal~thiere auf eine leichte Art

um ein Bedeutendes vollständiger zu machen? So mischen wir uns denn

als schweigende Beobachter unter die Versammlung der Bewunderer

Henriettens. Daß unsere Bekannte, die Räthe Wicke und Hemmstoff, der

Abbe, der graue Jüngling von Obristlieutenant, der Regisseur des

Theaters, und viele Andere, die wir im Laufe der Geschichte schon

genannt haben, nicht fehlten, läßt sich denken. Weniger war es zu

vermuthen, daß auch jener junge Mann, den alle Obigen so wenig

kannten, als wir, sich zuweilen daselbst einstellte, und, obwohl er

wenig sprach, nie ein Geschenk machte, sondern nur häufig sarkastisch

lächelte, beständig von Henrietten gut, doch mit Verdruß von den Andern

aufgenommen wurde, die nur eine Art von Scheu vor seinen festen Wesen

hinderte, ihn grob zu behandeln, wozu sie nicht übel Lust hatten,

da man es nicht anders wußte, als daß er ein junger Musikus, Namens

Werner, sey, und sein Aeußeres, obwohl er sich anständig hielt, doch

keinen reichen Mann zu verrathen schien. Außerdem lernen wir aber auch

einen jungen Mann kennen, den wir nicht anders, als mit dem Namen des

muthwilligen Hanswurst bezeichnen können, denn in der That gab er

Narrenstreiche aller Art an, und schien ein Vorrecht dazu zu haben,

Jedermann zu necken, ohne daß es ihm übel genommen wurde. Selbst Werner

mußte manches von seiner geläufigen Zunge leiden, was er indeß lächelnd

hinnahm, obwohl er sonst entschlossen genug zu antworten pflegte. Man

unterhielt sich eben über die neuen Tagesblätter und die Kritiken, die

sie enthielten. Zu vermuthen ist es, daß die Anstalten der beiden

gekränkten Gegnerinnen Henriettens schon wirksam wurden, denn es

schien mancher Tadel, ja mancher Spott mit eingeflossen zu seyn. Jeder

Eintretende brachte ein Blatt mit, zog es hervor, und las und äußerte

seinen Unwillen oder seine Zufriedenheit mit den Recensenten. Der

Hanswurst hüpfte dabei im Zimmer umher, äußerte seine Empfindungen in

grotesker Manier und machte allerlei unsinnige Bemerkungen dazwischen.

Jetzt hatte auch Wicke ein sauber geheftetes Journal aus dem Busen

gezogen, und begann folgendermaßen: „O schönste Henriette, Sie sanfter

Strahl, der in die Nacht unserer Kunst gefallen ist, wie entzückt es

diese weiche, leicht gerührte Brust, daß die öffentliche Stimme auch

meine eigene ist!“ „Oder umgekehrt,“ schrie der Hanswurst dazwischen,

„Ihre eigene Stimme ist auch die öffentliche, denn ich wollte wetten,

Sie sind der Verfasser des Aufsatzes, den Sie lesen wollen. Gestehen

Sie nur, Rath! Sie sind es! Umarmen Sie mich, Edler! O welch köstlichen

Mann halte ich an meiner Brust!“ Wicke machte sich mühsam los, und

sprach etwas mit bedrängtem Athem, denn der Hanswurst hatte ihn fest

umschlossen: „Gütigster, Sie beschämen mich und zerdrücken mir die

Halskrause; aber ich bin nicht der Verfasser!“ „O leugnen Sie doch

nicht. Jedermann weiß ja, daß Sie an der Aurora arbeiten, daß die

rührenden, empfindungsvollen Sonette im Hesperus stets von Ihnen

sind, warum wollen Sie länger leugnen? Ja, meine Freunde, ich darf es

behaupten, denn ich weiß es aus sicherer Quelle, der Rath ist gewiß der

Verfasser! Er ist eben so großer Dichter, als Rath, und seine Talente

halten seinem Enthusiasmus die Waage. Lesen Sie also, ruhmwürdigster

Schriftsteller!“ Der Rath war nicht der Verfasser des Artikels; doch

da er ihn überlesen hatte, schien er ihm so schön geschrieben und so

schmeichelhaft für Henrietten, daß er es jetzt für eine gute Kriegslist

hielt, um in die Festung ihrer Gunst einzudringen, wenn er sich dem

Einfall des Hanswurst bequemte und sich für den Verfasser ausgab.

Er sprach also mit einem verblümten Lächeln: da unser scherzhafter

Freund mich denn verrathen hat, so wage ich es mit der schüchternen

Empfindung eines jungfräulichen Herzens, das die erste Liebe gesteht,

zu bekennen, -- „daß Sie selbst stets Ihre erste Liebe waren, sind und

seyn werden!“ fiel der Hanswurst ein. -- „Spottvogel!“ fuhr der Rath

fort, „wage, sag’ ich, zu bekennen, daß ich freilich im Drang meines

überfüllten Herzens mich nicht enthalten konnte, meine Empfindungen

öffentlich auszusprechen!“ „Lesen Sie, lesen Sie,“ unterbrach ihn die

Gesellschaft. Wicke zupfte sich den Hemdkragen zurecht, räusperte

sich und schob die Brille gerade. Dann begann er mit seiner sanften

schmachtenden Stimme:

„Meiner Pflicht als Correspondent zufolge berichte ich Ihnen,

theurer Freund, Folgendes über die neu erworbene Sängerin

Henriette. Wir haben das Palladium erobert. Das kostbarste Juwel

schmückt jetzt die Krone der Kunst in unserer Stadt; das theuerste

Kleinod, es ist gewonnen, es ist unser.“

„O lassen Sie es gut seyn, lieber Rath,“ unterbrach ihn Henriette. „Ich

ehre ihre dichterische Begeisterung, doch ich wünsche ihr einen bessern

Gegenstand!“

„Wie!“, schrie der Hanswurst, „Sie wollten, Theuerste, uns des

Entzückens berauben, Sie von dem begeisterten Wicke dithyrambisch,

hymnisch, feurig, sprudelnd besingen zu hören? Hier zu ihren Füßen

(dabei warf er sich auf’s Knie) schwöre ich, nicht eher Mittagbrod zu

essen, bis ich Wickes begeisterte Ode in Ihrer Gegenwart vernommen

habe. Wollen Sie mich Hungers sterben sehen? Ich schwöre Ihnen, gegen

die Festigkeit meines beharrlichen Willens ist der standhafte Prinz ein

gaukelnder Schmetterling.“ Henriette wollte lächelnd abwehren, doch die

Gesellschaft drang in sie, bestürmte den Rath, kurz ließ ihr nicht eher

Ruhe, bis Wicke also fortfuhr:

„Das innerste Geheimniß der Kunst ist nun entdeckt, die goldene

Zeit, die lang erwartete, ist da, und alle schwelgen wir in dem

seligen Gefühl des höchsten Kunstgenusses, ja des höchsten Glücks.

Was ist unsere Bühne, was unsere Oper seit wenigen Tagen geworden!

O wir Armen! Wußten wir denn, was Gesang, was Spiel, was Anmuth,

Reiz, Lieblichkeit, Seele war?“

„Nein, Rath, ich bitte Sie, hören Sie auf,“ sagte Henriette, sichtlich

verdrießlich; „ich muß das für Spott halten!“ „Göttlichste, es ist

die Stimme meines Herzens, die unbedingteste Wahrheit!“ „Wahrheit!

Wahrheit!“ schrie die Versammlung. „Bravo, Rath, wahrhaftig!“ „O

ungeheurer Frevel des Selbstmordes, den Sie an Ihren Verdiensten

begehen,“ schrie der Hanswurst, „wenn Sie das für Spott halten wollen.

Nein, der Rath ist das Organ der Welt. Weiter, Organ!“ „Weiter,

wir bitten,“ sagte der junge Unbekannte, und lächelte sarkastisch.

„Verschwören auch Sie sich gegen mich?“ sprach Henriette, „das hätte

ich nicht geglaubt!“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete der junge Mann, „jedes

Wort eines solchen Kunstrichters ist wichtig. Man lernt daraus, und

deßhalb bitte ich nochmals dringend, daß der Herr Rath fortfahren

möge.“ Henriette schwieg, wie es schien, verlegen. Der Rath, der sich

bisher lächelnd und wohlgefällig umgesehen hatte, und den glücklichen

Zufall im Stillen nicht genug preisen konnte, der ihn bewegte, sich für

den Kritiker auszugeben, nahm jetzt das Blatt wieder vor und begann von

neuem:

„Dieß ist die Stimme des ganzen Publikums, vom Ersten bis zum

Letzten, vom Minister und Gesandten bis zu der Kammerjungfer

hinunter, wenn nicht der Neid einen bittern Tropfen in das Urtheil

mischt. Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent

von der tollen Menge“ --

Hier stotterte der Rath und wurde blutroth. „Tolle Menge,“ half der

Unbekannte sarkastisch ein, und warf einen Blick auf Henrietten, die in

der That etwas verlegen schien. „Rath! Sind Sie wahnsinnig? Flimmerts

Ihnen vor den Augen?“ schrie der Hanswurst. „Tolle Menge! Unmöglich

steht das da!“ „In der That,“ stotterte Wicke, „es ist ein höchst

unangenehmer Druckfehler. Meine Handschrift ist etwas flüchtig.“ --

„Wie soll es denn heißen?“ fragte der Abbe. „Erlauben Sie, -- ja, ich

glaube -- richtig -- es soll heißen, ~volle~ Menge!“ erwiederte

Wicke. „_Aha c’est une autre chose, bitte, continuez!_“ Der Rath

las sichtlich zitternd:

„Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der

vollen Menge nicht mit fortgerissen worden ist, sondern sich einige

Ruhe bewahrt hat.“

„Volle Menge!“ rief der Unbekannte, „das Beiwort ist in der That recht

passend. Aber weiter.“

Wicke, der indeß das Blatt durchlaufen hatte, erwiederte: „das

Wesentliche ist ja nun gesagt, ich fürchte, daß -- Sie möchten -- der

Aufsatz ist etwas lang --“ „Nein, guter Freund,“ rief der Hanswurst,

„so kommen Sie nicht los, jetzt müssen wir ihn ganz hören, lesen ~Sie~

weiter, oder ~ich~ fahre fort.“ „Ich bitte selbst darum,“ sprach

Henriette, „ich versöhne mich jetzt mit Ihnen, denn ich sehe, daß der

Eingang freilich nur eine kleine Persifflage auf eine gewisse Art

von Kunstrichtern enthält, die ich selbst nicht schätze. Aber jetzt,

da ihr Aufsatz wirklich die Wahrheit sagen will, wird er mir höchst

interessant.“ Wicke zitterte wie ein Espenlaub, das Blut stieg ihm bis

in die Stirn, er konnte kaum das Blatt halten. Zitternd fuhr er fort:

„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man --“

Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen,

„man würde sehr weise handeln, wenn man in die Urtheile eines

unverständigen, kenntnißlosen --“

„ich bekomme Nasenbluten, entschuldigen Sie“ -- damit hielt er sich

das Tuch vor’s Gesicht und stürzte hinaus. „Das Blatt,“ rief ihm der

Unbekannte nach, „wir bitten um das Blatt.“ Doch Wicke war zur Thür

hinaus, ehe Jemand sich entschließen konnte, ihm zu folgen. Die Herren

rieben sich verlegen die Hände; auch Henriette wußte nicht, was sie

thun sollte. Da brach der Unbekannte das Schweigen, und fragte: „Aus

welchem Blatt war der Aufsatz?“ „Aus dem ~Menschenscheuen~,“ erwiederte

der Hanswurst, „und es scheint, der Rath ist auch menschenscheu

geworden. Sehen Sie nur, wie er sich verlegen an den Häusern

hindrückt.“ „O, das Blatt hab’ ich zufällig bei mir, hatte es indeß

noch nicht gelesen,“ sprach der Unbekannte. „Erlauben Sie, so vollende

ich die Lektüre.“ Die Gesellschaft schwieg; doch Henriette versicherte,

sie werde es recht gern hören, und jener las darauf folgendermaßen:

„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man in die Urtheile eines

unverständigen, kenntnißlosen Publikums so unbedingt einstimmen

wollte, und zum Glücke sagt das Sprichwort auch nur _vox populi,

vox dei_, aber nicht _vox plebis, vox dei_. Demnach erlaubt

sich Ihr Correspondent, wie schon erinnert, bei der allgemeinen

Trunkenheit ein wenig nüchtern zu bleiben, und urtheilt so:

Fräulein Henriette ist allerdings eine sehr angenehme und

liebenswürdige Erscheinung auf der Bühne, doch scheint sie mir noch

nicht den Rang unter den Künstlerinnen einzunehmen, den ein solcher

Beifall, eine solche Lobpreisung voraussetzen müßte. Ihr Gesang

hat manchen Fehler, zum Beispiel den, daß sie zu viel Passagen

mit unterdrückter Stimme macht. Dies heißt die Menschenstimme,

die eines höheren Ausdruckes fähig ist, zu einem Instrument

herabsetzen, das seine Effekte allerdings nur in einem dürftigen

Piano und Forte suchen kann. Warum läßt Fräulein Henriette ihre

bessern Gaben so unbenutzt? Wir sind überzeugt, sie könnte, da sie

ein liebenswürdiges Gemüth besitzen soll, mit einem tief ins Innere

dringenden Ausdruck singen. Warum hören wir das so selten? Weshalb

wählt sie so leer glänzende Flitterrollen, da sie lauteres Gold

haben könnte?“

„Ich begreife nicht,“ unterbrach Henriette, „warum der Rath sich so

gescheuet hat, seine Meinung zu sagen; ich theile sie wahrhaftig

mit ihm; er hat ganz Recht!“ „_Ah! vous êtez un nage de bonté_,“

exclamirte der Abbe. „~Edle Seele~“ rief Hemmstoff, „hätte mein Freund

das ahnen können!“ „Nein,“ schrie der Hanswurst, „der Recensent ist

ein Barbar, ein Seythe, ein Kannibale, ich traue das unserm Freund

Wicke gar nicht zu! Wer weiß wer ihm einen Streich gespielt hat.“ Der

Obrist-Lieutenant hatte indeß durch die Doppel-Lorgnette nach dem

Fenster gesehen, und rief: „Meine Herrschaften, der Lord Monday.“

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 23 / 35 题