Ein Kreis von Anbetern versammelte sich täglich bei unserer schönen
Sängerin. Einzelne derselben haben wir schon früher kennen gelernt. Ein
Blick in das Besuchzimmer kann unsere Kenntniß darin noch bedeutend
erweitern. Ich hoffe, wir thun ihn nicht unbelohnt. Denn welchen
Naturforscher sollte es nicht erfreuen, wenn man dabei Gelegenheit
fände, das Verzeichniß der ~Schaal~thiere auf eine leichte Art
um ein Bedeutendes vollständiger zu machen? So mischen wir uns denn
als schweigende Beobachter unter die Versammlung der Bewunderer
Henriettens. Daß unsere Bekannte, die Räthe Wicke und Hemmstoff, der
Abbe, der graue Jüngling von Obristlieutenant, der Regisseur des
Theaters, und viele Andere, die wir im Laufe der Geschichte schon
genannt haben, nicht fehlten, läßt sich denken. Weniger war es zu
vermuthen, daß auch jener junge Mann, den alle Obigen so wenig
kannten, als wir, sich zuweilen daselbst einstellte, und, obwohl er
wenig sprach, nie ein Geschenk machte, sondern nur häufig sarkastisch
lächelte, beständig von Henrietten gut, doch mit Verdruß von den Andern
aufgenommen wurde, die nur eine Art von Scheu vor seinen festen Wesen
hinderte, ihn grob zu behandeln, wozu sie nicht übel Lust hatten,
da man es nicht anders wußte, als daß er ein junger Musikus, Namens
Werner, sey, und sein Aeußeres, obwohl er sich anständig hielt, doch
keinen reichen Mann zu verrathen schien. Außerdem lernen wir aber auch
einen jungen Mann kennen, den wir nicht anders, als mit dem Namen des
muthwilligen Hanswurst bezeichnen können, denn in der That gab er
Narrenstreiche aller Art an, und schien ein Vorrecht dazu zu haben,
Jedermann zu necken, ohne daß es ihm übel genommen wurde. Selbst Werner
mußte manches von seiner geläufigen Zunge leiden, was er indeß lächelnd
hinnahm, obwohl er sonst entschlossen genug zu antworten pflegte. Man
unterhielt sich eben über die neuen Tagesblätter und die Kritiken, die
sie enthielten. Zu vermuthen ist es, daß die Anstalten der beiden
gekränkten Gegnerinnen Henriettens schon wirksam wurden, denn es
schien mancher Tadel, ja mancher Spott mit eingeflossen zu seyn. Jeder
Eintretende brachte ein Blatt mit, zog es hervor, und las und äußerte
seinen Unwillen oder seine Zufriedenheit mit den Recensenten. Der
Hanswurst hüpfte dabei im Zimmer umher, äußerte seine Empfindungen in
grotesker Manier und machte allerlei unsinnige Bemerkungen dazwischen.
Jetzt hatte auch Wicke ein sauber geheftetes Journal aus dem Busen
gezogen, und begann folgendermaßen: „O schönste Henriette, Sie sanfter
Strahl, der in die Nacht unserer Kunst gefallen ist, wie entzückt es
diese weiche, leicht gerührte Brust, daß die öffentliche Stimme auch
meine eigene ist!“ „Oder umgekehrt,“ schrie der Hanswurst dazwischen,
„Ihre eigene Stimme ist auch die öffentliche, denn ich wollte wetten,
Sie sind der Verfasser des Aufsatzes, den Sie lesen wollen. Gestehen
Sie nur, Rath! Sie sind es! Umarmen Sie mich, Edler! O welch köstlichen
Mann halte ich an meiner Brust!“ Wicke machte sich mühsam los, und
sprach etwas mit bedrängtem Athem, denn der Hanswurst hatte ihn fest
umschlossen: „Gütigster, Sie beschämen mich und zerdrücken mir die
Halskrause; aber ich bin nicht der Verfasser!“ „O leugnen Sie doch
nicht. Jedermann weiß ja, daß Sie an der Aurora arbeiten, daß die
rührenden, empfindungsvollen Sonette im Hesperus stets von Ihnen
sind, warum wollen Sie länger leugnen? Ja, meine Freunde, ich darf es
behaupten, denn ich weiß es aus sicherer Quelle, der Rath ist gewiß der
Verfasser! Er ist eben so großer Dichter, als Rath, und seine Talente
halten seinem Enthusiasmus die Waage. Lesen Sie also, ruhmwürdigster
Schriftsteller!“ Der Rath war nicht der Verfasser des Artikels; doch
da er ihn überlesen hatte, schien er ihm so schön geschrieben und so
schmeichelhaft für Henrietten, daß er es jetzt für eine gute Kriegslist
hielt, um in die Festung ihrer Gunst einzudringen, wenn er sich dem
Einfall des Hanswurst bequemte und sich für den Verfasser ausgab.
Er sprach also mit einem verblümten Lächeln: da unser scherzhafter
Freund mich denn verrathen hat, so wage ich es mit der schüchternen
Empfindung eines jungfräulichen Herzens, das die erste Liebe gesteht,
zu bekennen, -- „daß Sie selbst stets Ihre erste Liebe waren, sind und
seyn werden!“ fiel der Hanswurst ein. -- „Spottvogel!“ fuhr der Rath
fort, „wage, sag’ ich, zu bekennen, daß ich freilich im Drang meines
überfüllten Herzens mich nicht enthalten konnte, meine Empfindungen
öffentlich auszusprechen!“ „Lesen Sie, lesen Sie,“ unterbrach ihn die
Gesellschaft. Wicke zupfte sich den Hemdkragen zurecht, räusperte
sich und schob die Brille gerade. Dann begann er mit seiner sanften
schmachtenden Stimme:
„Meiner Pflicht als Correspondent zufolge berichte ich Ihnen,
theurer Freund, Folgendes über die neu erworbene Sängerin
Henriette. Wir haben das Palladium erobert. Das kostbarste Juwel
schmückt jetzt die Krone der Kunst in unserer Stadt; das theuerste
Kleinod, es ist gewonnen, es ist unser.“
„O lassen Sie es gut seyn, lieber Rath,“ unterbrach ihn Henriette. „Ich
ehre ihre dichterische Begeisterung, doch ich wünsche ihr einen bessern
Gegenstand!“
„Wie!“, schrie der Hanswurst, „Sie wollten, Theuerste, uns des
Entzückens berauben, Sie von dem begeisterten Wicke dithyrambisch,
hymnisch, feurig, sprudelnd besingen zu hören? Hier zu ihren Füßen
(dabei warf er sich auf’s Knie) schwöre ich, nicht eher Mittagbrod zu
essen, bis ich Wickes begeisterte Ode in Ihrer Gegenwart vernommen
habe. Wollen Sie mich Hungers sterben sehen? Ich schwöre Ihnen, gegen
die Festigkeit meines beharrlichen Willens ist der standhafte Prinz ein
gaukelnder Schmetterling.“ Henriette wollte lächelnd abwehren, doch die
Gesellschaft drang in sie, bestürmte den Rath, kurz ließ ihr nicht eher
Ruhe, bis Wicke also fortfuhr:
„Das innerste Geheimniß der Kunst ist nun entdeckt, die goldene
Zeit, die lang erwartete, ist da, und alle schwelgen wir in dem
seligen Gefühl des höchsten Kunstgenusses, ja des höchsten Glücks.
Was ist unsere Bühne, was unsere Oper seit wenigen Tagen geworden!
O wir Armen! Wußten wir denn, was Gesang, was Spiel, was Anmuth,
Reiz, Lieblichkeit, Seele war?“
„Nein, Rath, ich bitte Sie, hören Sie auf,“ sagte Henriette, sichtlich
verdrießlich; „ich muß das für Spott halten!“ „Göttlichste, es ist
die Stimme meines Herzens, die unbedingteste Wahrheit!“ „Wahrheit!
Wahrheit!“ schrie die Versammlung. „Bravo, Rath, wahrhaftig!“ „O
ungeheurer Frevel des Selbstmordes, den Sie an Ihren Verdiensten
begehen,“ schrie der Hanswurst, „wenn Sie das für Spott halten wollen.
Nein, der Rath ist das Organ der Welt. Weiter, Organ!“ „Weiter,
wir bitten,“ sagte der junge Unbekannte, und lächelte sarkastisch.
„Verschwören auch Sie sich gegen mich?“ sprach Henriette, „das hätte
ich nicht geglaubt!“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete der junge Mann, „jedes
Wort eines solchen Kunstrichters ist wichtig. Man lernt daraus, und
deßhalb bitte ich nochmals dringend, daß der Herr Rath fortfahren
möge.“ Henriette schwieg, wie es schien, verlegen. Der Rath, der sich
bisher lächelnd und wohlgefällig umgesehen hatte, und den glücklichen
Zufall im Stillen nicht genug preisen konnte, der ihn bewegte, sich für
den Kritiker auszugeben, nahm jetzt das Blatt wieder vor und begann von
neuem:
„Dieß ist die Stimme des ganzen Publikums, vom Ersten bis zum
Letzten, vom Minister und Gesandten bis zu der Kammerjungfer
hinunter, wenn nicht der Neid einen bittern Tropfen in das Urtheil
mischt. Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent
von der tollen Menge“ --
Hier stotterte der Rath und wurde blutroth. „Tolle Menge,“ half der
Unbekannte sarkastisch ein, und warf einen Blick auf Henrietten, die in
der That etwas verlegen schien. „Rath! Sind Sie wahnsinnig? Flimmerts
Ihnen vor den Augen?“ schrie der Hanswurst. „Tolle Menge! Unmöglich
steht das da!“ „In der That,“ stotterte Wicke, „es ist ein höchst
unangenehmer Druckfehler. Meine Handschrift ist etwas flüchtig.“ --
„Wie soll es denn heißen?“ fragte der Abbe. „Erlauben Sie, -- ja, ich
glaube -- richtig -- es soll heißen, ~volle~ Menge!“ erwiederte
Wicke. „_Aha c’est une autre chose, bitte, continuez!_“ Der Rath
las sichtlich zitternd:
„Sie können sich leicht vorstellen, daß Ihr Correspondent von der
vollen Menge nicht mit fortgerissen worden ist, sondern sich einige
Ruhe bewahrt hat.“
„Volle Menge!“ rief der Unbekannte, „das Beiwort ist in der That recht
passend. Aber weiter.“
Wicke, der indeß das Blatt durchlaufen hatte, erwiederte: „das
Wesentliche ist ja nun gesagt, ich fürchte, daß -- Sie möchten -- der
Aufsatz ist etwas lang --“ „Nein, guter Freund,“ rief der Hanswurst,
„so kommen Sie nicht los, jetzt müssen wir ihn ganz hören, lesen ~Sie~
weiter, oder ~ich~ fahre fort.“ „Ich bitte selbst darum,“ sprach
Henriette, „ich versöhne mich jetzt mit Ihnen, denn ich sehe, daß der
Eingang freilich nur eine kleine Persifflage auf eine gewisse Art
von Kunstrichtern enthält, die ich selbst nicht schätze. Aber jetzt,
da ihr Aufsatz wirklich die Wahrheit sagen will, wird er mir höchst
interessant.“ Wicke zitterte wie ein Espenlaub, das Blut stieg ihm bis
in die Stirn, er konnte kaum das Blatt halten. Zitternd fuhr er fort:
„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man --“
Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen,
„man würde sehr weise handeln, wenn man in die Urtheile eines
unverständigen, kenntnißlosen --“
„ich bekomme Nasenbluten, entschuldigen Sie“ -- damit hielt er sich
das Tuch vor’s Gesicht und stürzte hinaus. „Das Blatt,“ rief ihm der
Unbekannte nach, „wir bitten um das Blatt.“ Doch Wicke war zur Thür
hinaus, ehe Jemand sich entschließen konnte, ihm zu folgen. Die Herren
rieben sich verlegen die Hände; auch Henriette wußte nicht, was sie
thun sollte. Da brach der Unbekannte das Schweigen, und fragte: „Aus
welchem Blatt war der Aufsatz?“ „Aus dem ~Menschenscheuen~,“ erwiederte
der Hanswurst, „und es scheint, der Rath ist auch menschenscheu
geworden. Sehen Sie nur, wie er sich verlegen an den Häusern
hindrückt.“ „O, das Blatt hab’ ich zufällig bei mir, hatte es indeß
noch nicht gelesen,“ sprach der Unbekannte. „Erlauben Sie, so vollende
ich die Lektüre.“ Die Gesellschaft schwieg; doch Henriette versicherte,
sie werde es recht gern hören, und jener las darauf folgendermaßen:
„Man würde sehr thöricht handeln, wenn man in die Urtheile eines
unverständigen, kenntnißlosen Publikums so unbedingt einstimmen
wollte, und zum Glücke sagt das Sprichwort auch nur _vox populi,
vox dei_, aber nicht _vox plebis, vox dei_. Demnach erlaubt
sich Ihr Correspondent, wie schon erinnert, bei der allgemeinen
Trunkenheit ein wenig nüchtern zu bleiben, und urtheilt so:
Fräulein Henriette ist allerdings eine sehr angenehme und
liebenswürdige Erscheinung auf der Bühne, doch scheint sie mir noch
nicht den Rang unter den Künstlerinnen einzunehmen, den ein solcher
Beifall, eine solche Lobpreisung voraussetzen müßte. Ihr Gesang
hat manchen Fehler, zum Beispiel den, daß sie zu viel Passagen
mit unterdrückter Stimme macht. Dies heißt die Menschenstimme,
die eines höheren Ausdruckes fähig ist, zu einem Instrument
herabsetzen, das seine Effekte allerdings nur in einem dürftigen
Piano und Forte suchen kann. Warum läßt Fräulein Henriette ihre
bessern Gaben so unbenutzt? Wir sind überzeugt, sie könnte, da sie
ein liebenswürdiges Gemüth besitzen soll, mit einem tief ins Innere
dringenden Ausdruck singen. Warum hören wir das so selten? Weshalb
wählt sie so leer glänzende Flitterrollen, da sie lauteres Gold
haben könnte?“
„Ich begreife nicht,“ unterbrach Henriette, „warum der Rath sich so
gescheuet hat, seine Meinung zu sagen; ich theile sie wahrhaftig
mit ihm; er hat ganz Recht!“ „_Ah! vous êtez un nage de bonté_,“
exclamirte der Abbe. „~Edle Seele~“ rief Hemmstoff, „hätte mein Freund
das ahnen können!“ „Nein,“ schrie der Hanswurst, „der Recensent ist
ein Barbar, ein Seythe, ein Kannibale, ich traue das unserm Freund
Wicke gar nicht zu! Wer weiß wer ihm einen Streich gespielt hat.“ Der
Obrist-Lieutenant hatte indeß durch die Doppel-Lorgnette nach dem
Fenster gesehen, und rief: „Meine Herrschaften, der Lord Monday.“