So zerfiel die Bewegung, welche unsere Sängerin in der Residenz
hervorgebracht, in zwei Hauptempfindungen: Bewunderung und Neid. Mit
Vergnügen verlassen wir diese, theils seicht lobpreisende, theils
kleinlich, neidisch herabsetzende Klasse, und wenden uns zu einem
interessanteren Gegenstande. Wer könnte dieß anders seyn, als unsere
reizende Henriette selbst? Ihrem jungen, rein und schuldlos fühlenden
Herzen war eigentlich das Aufsehen, welches sie erregte, zuwider.
Sie empfand, daß etwas Unschickliches, jede zartere Weiblichkeit
Verletzendes darin liege, so der Oeffentlichkeit sich Preis zu geben.
Doch die Verhältnisse, eine längere Gewohnheit, und ein gewisser
unschuldiger Glaube, daß es nicht anders seyn könne, halfen ihr diese
Empfindung überwinden. Manches indeß, was ihr dennoch und immer lästig
fiel, stand in so naher Beziehung zu ihren Verhältnissen, daß es sie
täglich auf’s Neue höchst unangenehm daran erinnerte, daß ihr Loos
mehr den Schein eines neidenswerthen habe, als es in der That sey.
Dahin gehörten vorzüglich zweierlei Dinge. Erstlich die lästigen,
oft unverschämt lobpreisenden Kritiken, die nie bei der Sache stehen
blieben, sondern (weil die Recensenten davon am wenigsten zu verstehen
pflegen) sich meist an zufällige Nebendinge hielten, und oft in einem
unschicklichen Grade ihre eigene Persönlichkeit berührten. Denn nicht
allein, daß ihr Haar, ihre Augen, Wangen, Zähne, Hände gelobt oder
bekrittelt wurden; nein, man ging noch weiter und stellte förmliche
Untersuchungen über ihre Schönheit an, die eine so specielle Richtung
nahmen, daß das reine und sittlich fühlende Mädchen darüber erröthen
mußte. Das Zweite waren die zahllosen überlästigen Besuche, die sie
täglich erhielt und leider empfangen mußte. Alle Zeit wurde ihr dadurch
gewaltsam geraubt. Denn die jungen, reichen, schamlosen Roue’s der
Residenz hielten es nicht für nöthig, sich bei einer Sängerin an eine
bestimmte schickliche Stunde zu binden, sondern kamen ohne Unterschied
zu jeder Tageszeit, wo sie sich eben gestimmt fühlten, albern zu
schwatzen. Ein Mann kann sich leichter mit Stolz gegen beleidigende
Unverschämtheit mancher Personen aufrichten; einer Frau ist es fast
nur dann möglich, wo es ihr Pflicht wird, nämlich im Fall man ihrer
Ehre zu nahe tritt. So weit wagten jedoch selbst die Dreistesten dieses
Gelichters nicht zu gehen, denn die Gewalt der Unschuld hält selbst
die zügellosesten Wüstlinge eine Zeit lang im Zaum. So empfand also
die liebenswürdige Henriette mehr eine Unbequemlichkeit von diesen
Herren, als sie wirklich darunter gelitten hätte. Uebrigens empfing
sie alle freundlich und gütig, weil es ihr Herz so mit sich brachte,
offen und wohlwollend gegen Jeden zu seyn, der sich dessen nicht
bestimmt unwürdig gemacht hatte. Allein sie war es früher gewohnt
gewesen, einen großen Theil der Zeit, den die eifrige Uebung der
Kunst ihr ließ, zur Beschäftigung mit sich selbst zu verwenden, und
einsam im Genuß eines guten Buchs, oder in der stillen Behaglichkeit
einer angenehmen häuslichen Thätigkeit sich glücklich zu fühlen.
Dieß war aber jetzt fast ganz vorüber, denn die Theaterproben, die
Aufführungen, die sich drängenden Einladungen, welche sie erhielt,
verbunden mit den unaufhörlichen Besuchen, die sie täglich belagerten,
ließen ihr kaum einige wenige Morgenstunden, die sie dem Einüben ihrer
Rolle widmen mußte. Anfangs hoffte sie, aus der Mannigfaltigkeit der
Bekanntschaften, die sie machte, einigen Nutzen zu ziehen, indem
sie durch die Verschiedenheit und Uebereinstimmung, die sich in den
Urtheilen zeigte, auf das Richtige gewiesen zu werden hoffte. Allein
es zeigte sich bald, wie sehr sie sich darin geirrt hatte. Ein Theil
wollte in ihr gar nicht die Künstlerin, sondern nur das schöne Mädchen
bewundern. Die Mitglieder dieser Klasse wetteiferten mit einander in
jeden Artigkeiten und oft unschicklichen Bemerkungen, durch die sie
ihrer Bewunderung Luft zu machen suchten. Ja selbst die mancherlei
Geschenke, die diese Leute ihr zu überreichen sich glücklich schätzten,
waren ihr zuwider. Denn ihr feiner Blick entdeckte gar leicht die
eigentlichen Quellen einer solchen scheinbaren Freigebigkeit und Güte.
Ein Theil gab, um reicher wieder zu empfangen; gewissermaßen war dieß
der verächtlichste, denn er muthete ihr, streng genommen, ein gemeines
Verkaufen ihrer Gunst und Zuneigung zu. Ein anderer Theil schenkte
ihr aus Eitelkeit, theils um sich als reich oder freigebig zu zeigen,
theils um mit beiläufig scheinender Gleichgültigkeit am dritten Orte
zu äußern: heute habe ich der kleinen Sängerin ein Cadeau gemacht,
worüber das Kind entzückt war. Ich kann von dieser Gewohnheit gar
nicht lassen. Haben Sie schon die Zeitung gelesen? Ein dritter Theil
glaubte, durch Geschenke die Erlaubniß des Zutritts zu ihr bezahlen
zu müssen. Ein vierter gar meinte, die Künstlerin damit belohnen zu
dürfen, wenn sie aus gütiger Gefälligkeit vielleicht in seinem Hause
gesungen hatte. Aber nicht ein einziger fand sich, der aus wirklichem
Wohlwollen gegen das Bessere in Henrietten ihr seine Zuneigung zu
erkennen gegeben hätte. Dieß zeigte sich auch an der gedankenlosen
Wahl der Geschenke. Alle beschränkten sie sich darauf, den Putztisch
der schönen Sängerin durch tausend einfältige, gänzlich unnöthige
Kleinigkeiten zu meubliren, die leider heut zu Tage so in der Mode
sind, daß die ganze Raffinerie eines Mannes von Ton sich darauf
beschränkt, etwas neues Unsinniges in diesem Gebiete zu entdecken.
Hielte uns nicht der Verfolg der Geschichte unserer Sängerin ab,
wir hätten hier schöne Gelegenheit, ein Kapitel besonders darüber zu
schreiben, wie diese Thorheit auch ihre ernsthaft schlechte Seite habe,
und wie selbst die Entschuldigung vieler Frauen, die einen Tisch mit
diesen glänzenden Narrheiten überfüllen und behaupten, diese Sammlung
entstände ohne ihr Zuthun, ja gegen ihren Wunsch zufällig, ganz eitel
und nichtig ist. Hättet Ihr nicht Eure Freude darüber, so würde Euch
niemand damit belästigen; und warum stellt Ihr denn das lächerliche
Spielwerk so sorgfältig auf, und weidet Euch an den staunenden Blicken
weniger begünstigten Frauen, ja Freundinnen, wenn sie Euch besuchen,
oder Ihr sie gar zu einer eitlen Gesellschaft eingeladen habt? Warum
findet sich bei häuslichen, das Bessere in Herz und Geist pflegenden
Frauen nie ein solcher Markt von Thorheit zusammen? Was sollte man von
einem Weisen sagen, der täglich von Narren umlagert wäre? Er heuchle
Weisheit. So die Frauen, die solche Thorheiten um sich sammeln, sie
aufstellen und sie zu verachten scheinen wollen. Es sind Thörinnen,
die sich bestreben, Vernunft zu heucheln; sie werden aber nur ähnliche
Thoren täuschen.