4. Henriette.

So zerfiel die Bewegung, welche unsere Sängerin in der Residenz

hervorgebracht, in zwei Hauptempfindungen: Bewunderung und Neid. Mit

Vergnügen verlassen wir diese, theils seicht lobpreisende, theils

kleinlich, neidisch herabsetzende Klasse, und wenden uns zu einem

interessanteren Gegenstande. Wer könnte dieß anders seyn, als unsere

reizende Henriette selbst? Ihrem jungen, rein und schuldlos fühlenden

Herzen war eigentlich das Aufsehen, welches sie erregte, zuwider.

Sie empfand, daß etwas Unschickliches, jede zartere Weiblichkeit

Verletzendes darin liege, so der Oeffentlichkeit sich Preis zu geben.

Doch die Verhältnisse, eine längere Gewohnheit, und ein gewisser

unschuldiger Glaube, daß es nicht anders seyn könne, halfen ihr diese

Empfindung überwinden. Manches indeß, was ihr dennoch und immer lästig

fiel, stand in so naher Beziehung zu ihren Verhältnissen, daß es sie

täglich auf’s Neue höchst unangenehm daran erinnerte, daß ihr Loos

mehr den Schein eines neidenswerthen habe, als es in der That sey.

Dahin gehörten vorzüglich zweierlei Dinge. Erstlich die lästigen,

oft unverschämt lobpreisenden Kritiken, die nie bei der Sache stehen

blieben, sondern (weil die Recensenten davon am wenigsten zu verstehen

pflegen) sich meist an zufällige Nebendinge hielten, und oft in einem

unschicklichen Grade ihre eigene Persönlichkeit berührten. Denn nicht

allein, daß ihr Haar, ihre Augen, Wangen, Zähne, Hände gelobt oder

bekrittelt wurden; nein, man ging noch weiter und stellte förmliche

Untersuchungen über ihre Schönheit an, die eine so specielle Richtung

nahmen, daß das reine und sittlich fühlende Mädchen darüber erröthen

mußte. Das Zweite waren die zahllosen überlästigen Besuche, die sie

täglich erhielt und leider empfangen mußte. Alle Zeit wurde ihr dadurch

gewaltsam geraubt. Denn die jungen, reichen, schamlosen Roue’s der

Residenz hielten es nicht für nöthig, sich bei einer Sängerin an eine

bestimmte schickliche Stunde zu binden, sondern kamen ohne Unterschied

zu jeder Tageszeit, wo sie sich eben gestimmt fühlten, albern zu

schwatzen. Ein Mann kann sich leichter mit Stolz gegen beleidigende

Unverschämtheit mancher Personen aufrichten; einer Frau ist es fast

nur dann möglich, wo es ihr Pflicht wird, nämlich im Fall man ihrer

Ehre zu nahe tritt. So weit wagten jedoch selbst die Dreistesten dieses

Gelichters nicht zu gehen, denn die Gewalt der Unschuld hält selbst

die zügellosesten Wüstlinge eine Zeit lang im Zaum. So empfand also

die liebenswürdige Henriette mehr eine Unbequemlichkeit von diesen

Herren, als sie wirklich darunter gelitten hätte. Uebrigens empfing

sie alle freundlich und gütig, weil es ihr Herz so mit sich brachte,

offen und wohlwollend gegen Jeden zu seyn, der sich dessen nicht

bestimmt unwürdig gemacht hatte. Allein sie war es früher gewohnt

gewesen, einen großen Theil der Zeit, den die eifrige Uebung der

Kunst ihr ließ, zur Beschäftigung mit sich selbst zu verwenden, und

einsam im Genuß eines guten Buchs, oder in der stillen Behaglichkeit

einer angenehmen häuslichen Thätigkeit sich glücklich zu fühlen.

Dieß war aber jetzt fast ganz vorüber, denn die Theaterproben, die

Aufführungen, die sich drängenden Einladungen, welche sie erhielt,

verbunden mit den unaufhörlichen Besuchen, die sie täglich belagerten,

ließen ihr kaum einige wenige Morgenstunden, die sie dem Einüben ihrer

Rolle widmen mußte. Anfangs hoffte sie, aus der Mannigfaltigkeit der

Bekanntschaften, die sie machte, einigen Nutzen zu ziehen, indem

sie durch die Verschiedenheit und Uebereinstimmung, die sich in den

Urtheilen zeigte, auf das Richtige gewiesen zu werden hoffte. Allein

es zeigte sich bald, wie sehr sie sich darin geirrt hatte. Ein Theil

wollte in ihr gar nicht die Künstlerin, sondern nur das schöne Mädchen

bewundern. Die Mitglieder dieser Klasse wetteiferten mit einander in

jeden Artigkeiten und oft unschicklichen Bemerkungen, durch die sie

ihrer Bewunderung Luft zu machen suchten. Ja selbst die mancherlei

Geschenke, die diese Leute ihr zu überreichen sich glücklich schätzten,

waren ihr zuwider. Denn ihr feiner Blick entdeckte gar leicht die

eigentlichen Quellen einer solchen scheinbaren Freigebigkeit und Güte.

Ein Theil gab, um reicher wieder zu empfangen; gewissermaßen war dieß

der verächtlichste, denn er muthete ihr, streng genommen, ein gemeines

Verkaufen ihrer Gunst und Zuneigung zu. Ein anderer Theil schenkte

ihr aus Eitelkeit, theils um sich als reich oder freigebig zu zeigen,

theils um mit beiläufig scheinender Gleichgültigkeit am dritten Orte

zu äußern: heute habe ich der kleinen Sängerin ein Cadeau gemacht,

worüber das Kind entzückt war. Ich kann von dieser Gewohnheit gar

nicht lassen. Haben Sie schon die Zeitung gelesen? Ein dritter Theil

glaubte, durch Geschenke die Erlaubniß des Zutritts zu ihr bezahlen

zu müssen. Ein vierter gar meinte, die Künstlerin damit belohnen zu

dürfen, wenn sie aus gütiger Gefälligkeit vielleicht in seinem Hause

gesungen hatte. Aber nicht ein einziger fand sich, der aus wirklichem

Wohlwollen gegen das Bessere in Henrietten ihr seine Zuneigung zu

erkennen gegeben hätte. Dieß zeigte sich auch an der gedankenlosen

Wahl der Geschenke. Alle beschränkten sie sich darauf, den Putztisch

der schönen Sängerin durch tausend einfältige, gänzlich unnöthige

Kleinigkeiten zu meubliren, die leider heut zu Tage so in der Mode

sind, daß die ganze Raffinerie eines Mannes von Ton sich darauf

beschränkt, etwas neues Unsinniges in diesem Gebiete zu entdecken.

Hielte uns nicht der Verfolg der Geschichte unserer Sängerin ab,

wir hätten hier schöne Gelegenheit, ein Kapitel besonders darüber zu

schreiben, wie diese Thorheit auch ihre ernsthaft schlechte Seite habe,

und wie selbst die Entschuldigung vieler Frauen, die einen Tisch mit

diesen glänzenden Narrheiten überfüllen und behaupten, diese Sammlung

entstände ohne ihr Zuthun, ja gegen ihren Wunsch zufällig, ganz eitel

und nichtig ist. Hättet Ihr nicht Eure Freude darüber, so würde Euch

niemand damit belästigen; und warum stellt Ihr denn das lächerliche

Spielwerk so sorgfältig auf, und weidet Euch an den staunenden Blicken

weniger begünstigten Frauen, ja Freundinnen, wenn sie Euch besuchen,

oder Ihr sie gar zu einer eitlen Gesellschaft eingeladen habt? Warum

findet sich bei häuslichen, das Bessere in Herz und Geist pflegenden

Frauen nie ein solcher Markt von Thorheit zusammen? Was sollte man von

einem Weisen sagen, der täglich von Narren umlagert wäre? Er heuchle

Weisheit. So die Frauen, die solche Thorheiten um sich sammeln, sie

aufstellen und sie zu verachten scheinen wollen. Es sind Thörinnen,

die sich bestreben, Vernunft zu heucheln; sie werden aber nur ähnliche

Thoren täuschen.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 22 / 35 题