3. Kabale und Liebe.

Wir machen einen Morgenbesuch bei der schönen Caroline, die als erste

Sängerin bisher der Liebling der Residenz gewesen war. Mein Gott, in

welchem Zustande treffen wir die Unglückliche an! In Thränen aufgelöst,

das schöne Gesicht in ihr Tuch verbergend liegt sie matt auf der

Chaiselongue und scheint mehr von ihrem Kummer zu träumen als darüber

zu denken. Ein reizender Anblick, wenn er nur nicht so schmerzlich

wäre. Wer pocht? Es ist Auguste, Carolinens Freundin, die erste

Liebhaberin des Theaters. „Guten Morgen, geliebteste Freundin,“ ruft

sie mit ihrer bezaubernden Stimme -- „aber ums Himmels willen, was ist

Dir? Was hast Du? Du bist ja ganz entstellt?“

~Caroline.~ Wie Auguste, du fragst noch? Du heuchelst selbst eine

ruhige heitere Miene? Geh, Geh! Was sollen wir uns gegen einander

verstellen. Glaubst Du, ich halte Deine Heiterkeit für natürlich?

~Auguste.~ Aber meine liebe Caroline, was sollte mir denn fehlen,

ich bin so vergnügt. --

~Caroline.~ „Ich bin ja so selig, so glücklich, so fröhlich!“ O

Du falsche Freundin! Man sieht, daß Du eine Schauspielerin bist. Ach

ich bin freilich nur eine Sängerin, die bringen es nicht so weit in der

Verstellungskunst.

~Auguste.~ Liebe, ich begreife Dich nicht.

~Caroline.~ Das ist mir zu arg. Nein für so falsch, so ohne

Zutrauen gegen deine beste Freundin, hatte ich Dich nicht gehalten. --

Riegle die Thür zu, daß uns niemand stören kann. -- Auguste, willst Du

mich wircklich glauben machen, der gestrige Abend brächte Dich nicht

aus Deinem Gleichmuth?

~Auguste.~ Ach Du meinst den Triumph der kleinen Sängerin, die,

wie heißt sie doch gleich, Henriette, glaub’ ich. Was thut das mir? Wir

haben so verschiedene Fächer --

~Caroline.~ Aber ihr habt nicht so verschiedene Liebhaber. Glaubst

Du, daß Dir die Deinigen treu sind? -- Ha, hab ich den reizbaren Fleck

getroffen? Sieh wie Du roth und blaß wirst. Auguste, komm an meine

Brust, sey offen gegen mich; wir wollen unsern Herzenskummer gegen

einander ausschütten. Ich bin in Verzweiflung! (Sie weint.)

~Auguste.~ Ja Caroline, ich muß gestehen, auch ich habe

Erfahrungen gemacht. O wir unglücklichen Frauen! O die falschen

leichtsinnigen Männer!

~Caroline.~ So gefällst Du mir, so bist Du meine Leidensgefährtin.

Laß uns gegenseitig alles erzählen, und dann überlegen, was zu thun

ist. Schon vorgestern, stell Dir vor, kam kein einziger meiner

täglichen Verehrer zu mir. Alle waren sie in die Probe gegangen, wo die

Henriette zum erstenmal sang.

~Auguste.~ Ach, mein Leiden fing schon einen Tag früher an. Denke

Dir, ich spiele die Julie. In den Sperrsitzen sehe ich meine alten

treuen Verehrer, die Räthe Wicke und Hemmstoff und den Abbe. Sie wenden

kein Auge von mir. Jede meiner Bewegungen, ich machte den stummen

Knaben, wurde beklatscht. Aber im zweiten Akt, was geschieht? Das

Gerücht verbreitet sich, die neue Sängerin sey angekommen, sie sitze

oben im ersten Rang. Von dem Augenblick an sind alle Perspective, die

bis dahin auf mich gezielt hatten, nach der Loge gerichtet. Kein Mensch

achtet mehr auf mich, und die größten Effecte meiner Rolle gingen

unbeachtet vorüber. Ich war außer mir!

~Caroline.~ Nun höre mein Schicksal. Vorgestern, wie gesagt, kam

niemand. Aber gestern! Schon um Eilf ließ sich der Major Longtrain bei

mir melden. Ich empfing ihn mit den Worten: Schon so früh Herr Major?

Ein recht willkommenes unverhofftes Ereigniß. Ich vermuthete Sie erst

um Zwölf! O meine schöne Caroline, erwiederte er, wer kann die Zeit

erwarten, zu Ihnen zu kommen. Apropos, werden Sie heut im Theater seyn?

Die neue Sängerin ist ganz bezaubernd.

~Auguste.~ Wie, das sprach er so rasch hinter einander fort?

~Caroline.~ Das war eben mein Aerger! Ich merkte ihm auch an,

daß er zerstreut war, und endlich bricht er gar schon nach einer

Viertelstunde auf, er den ich sonst nie los werden konnte!

~Auguste.~ Unerhört!

~Caroline.~ Sein Wagen hielt vor der Thür. Unter einem Vorwand

schicke ich meine Jungfer herunter, schärfe ihr aber ein, abzulauschen,

wohin der Major fahren will. Und denke Dir, er bestellt den Kutscher

nach der A.... Straße No. 70., wo sie wohnt.

~Auguste.~ Richtig! Als ich vorbeiging, sah ich den Wagen dort

halten.

~Caroline.~ Um welche Zeit war das?

~Auguste.~ Gegen zwei Uhr.

~Caroline.~ O ich Unglückliche, so ist er dritthalb Stunden bei

ihr gewesen, und bei mir eine Viertelstunde! Das überlebe ich nicht.

Und wenn er der einzige gewesen wäre! Aber gleich nach ihm fuhr der

Lord Monday vorbei, grüßte herauf, und fuhr weiter. Abends in der Loge

sagte er mir, er habe einen delicieusen Vormittag bei der allerliebsten

Henriette verlebt. Der Baurath Rahmer, der sonst gar kein Visitenmacher

ist, macht sich ebenfalls das abscheuliche Vergnügen, mir zu erzählen,

daß er anderthalb Stunden bei ihr zugebracht habe. Der trippelfüßige

Graf Sellin, der Justiz-Rath Udorf, der Banquier Rehlinger, sein langer

Sohn mit der Brille und dem Carbonari Mantel, alle diese sind auch dort

gewesen, denn mein Bedienter hat den ganzen Morgen vor ihrem Hause

stehen und mir rapportiren müssen, wer aus und ein ginge. Ach! Ich

könnte noch ein Dutzend nennen, wenn michs nicht so angriffe!

~Auguste.~ Glaubst Du denn, daß es mir um ein Haar besser gegangen

ist? Meinst Du, ein einziger meiner Anbeter habe sich bei mir sehen

lassen? Selbst Brückbauer, der sonst so ungemein zuvorkommend gegen

mich war, scheint mich beinahe nicht zu kennen. Aber was das Schlimmste

ist, heut Abend, wo ich im Opernhause auftrete, wird es leer seyn;

denn jetzt um 1 Uhr, als ich mich im Büreau erkundigte, war noch kein

Drittel der Sperrsitze verkauft. O wir Unglücklichen! Alles läuft nach

ihr.

~Caroline.~ Aber was zu thun? Was kann uns retten? Wie könnten wir

die Feindin bekämpfen?

~Auguste.~ Höre, mir fällt etwas ein. Mag sie uns auch hier in der

Stadt eine Zeitlang verdunkeln, denn ewig wird es hoffentlich nicht

dauern, so wollen wir ihr doch auswärts den Triumph schmälern, so viel

wir können. Es müssen Kritiken gegen sie erscheinen.

~Caroline~. Richtig, herrlich Auguste! Und Gedichte auf uns.

~Auguste~. Vortrefflich! Ich will meinen ganzen Einfluß dazu in

Bewegung setzen.

~Caroline.~ Laß uns einmal unsere Bekanntschaft mustern. An wen

können wir uns wohl wenden?

~Auguste.~ Da ist z. B. der Recensent Schillibold Avecça; der muß

mir eine Kritik gegen die Henriette schreiben. Er könnte z. B. sagen:

„Er würde sehr gern etwas an ihr loben, wenn er nur nicht bei ihrem

Spiel und Gesang eingeschlafen wäre.“

~Caroline.~ Recht so! Aber wir müssen sie recht gründlich und

musikalisch durchhecheln lassen; dazu paßt niemand besser als der

Redacteur Quark. Kennst Du ihn?

~Auguste.~ Nein, wer ist er?

~Caroline.~ Er giebt hier eine Zeitung heraus, und hat eine

verrückte Oper geschrieben, eigentlich ein Capriccio fürs Orchester.

~Auguste.~ Ach jetzt besinne ich mich. Geht er nicht immer in

Schuhen und weißen Strümpfen so hübsch einwärts vor sich hin?

~Caroline.~ Richtig, derselbe: in einem Coffesurrogatfarbenen

Ueberrock. Man muß ihm einige Artigkeiten sagen, so ist er in unserm

Dienst.

~Auguste.~ Das sind aber noch nicht genug Leute. Du mußt noch

mehrere vorschlagen, besonders auch Dichter, um Verse auf uns machen zu

lassen.

~Caroline.~ Da fällt mir eben einer ein; der ist wahrlich zu

brauchen, ein intimer Freund vom Redakteur Quark, der Critikus und Poet

Rennstein.

~Auguste.~ Den kenn ich ja gar nicht.

~Caroline.~ O besinne Dich nur, ein dicker Jüngling mit einem

Schnurrbart und einer großen Brille.

~Auguste.~ Ach ja, ich entsinne mich jetzt. Er thut etwas weise,

und rümpft über alles die Nase.

~Caroline.~ Derselbe; doch läßt sich mit der Nase eben nicht viel

rümpfen, da sie etwas breit gerathen ist. Das ist ein Mann, wie wir

ihn brauchen. Er und Quark sind vertraute Freunde; sie könnten in der

musikalischen Zeitung etwa eine Reihe von Critiken und Gegenkritiken

drucken lassen, in welcher einer zwar dem andern im Ganzen immer Recht

giebt, jedoch stets etwas hinzufügt, was der andere zu tadeln vergessen

hat.

~Auguste.~ Herrlich! Und solch ein Streit macht Aufsehen. Könnte

man nun noch außerdem die Person dieser Henriette, und einige unserer

ungetreuen Anbeter lächerlich machen, so nähme das Publikum den

lebhaftesten Antheil. Denn nichts hört man so gern mit an, als wenn

über andere gespöttelt wird, oder zwei sich heftig zanken.

~Caroline.~ Du bringst mich auf den rechten Gedanken. Rennstein

muß eine kritische Fehde mit irgend einem Lobhudler anfangen.

~Auguste.~ Wahrhaftig, ich weiß auch schon ein Blatt dazu, es

kommt jetzt eine neue Zeitschrift von Saffian heraus.

~Caroline.~ Wie? eine Zeitschrift von Saffian? Wie ist das zu

verstehen?

~Auguste.~ Je nun, der Redacteur heißt Saffian, ein äußerst

witziger, scharfsinniger Kopf. Das Blatt heißt, die Höllenpost. Diese

Post soll der übermüthigen Henriette schlechte Neuigkeiten bringen!

~Caroline.~ Mädchen, Du entzückst mich. O sie soll auch empfinden,

was es heißt, gekränkt werden. Doch liebe Auguste, trotz aller dieser

Anstalten geschieht noch nicht genug. Erstlich müssen noch mehrere

Schriftsteller von Gewicht für uns arbeiten, und zweitens muß man der

Uebermüthigen noch ernsthafte Händel erregen.

~Auguste.~ Freilich! Laß uns nur überlegen. Schriftsteller von

Gewicht! Hm, was meinst Du zu dem finstern Raupenbach? Wenn ich dem

verspreche, in einem seiner Werke aufzutreten, so thut er alles was ich

haben will.

~Caroline.~ Gut! Raupenbach soll einen ernsten Aufsatz verfassen,

in dem er die Geringfügigkeit ihrer Talente recht scharf und beißend

darstellen mag. Wen hätten wir denn sonst noch? Ja, nicht zu vergessen,

Puckbulz, Dein bester Freund, ist gewiß auf unsrer Seite; und seine

Critiken werden von den größten Männern, wenn auch nicht gelesen, doch

gelobt. Die werden gewiß Aufsehen erregen.

~Auguste.~ Ruhwitz muß in seinem Blatte der Menschenscheue ein

Sonnett auf uns drucken lassen.

~Caroline.~ Arion Sirius, dieser einzige wandelnde Fixstern,

muß ein Spottgedicht auf die Henriette in irgend einer Gesellschaft

improvisiren.

~Auguste.~ Und Quintus Curtius Rufus könnte eine neue parodirte

Lebensgeschichte des Alexander auf diesen Phönix des A. -- Platzes

schreiben.

~Caroline.~ Nun wüßte ich keinen bedeutenden Genius mehr in diesen

Mauern, den wir nicht zur Hülfe aufgeboten hätten. Das wären die

Geschäfte der Feder. Wenn man nun noch einen rüstigen Kämpfer mit dem

Degen auftreiben könnte, um die Anbeter dieser neuen Heiligen etwas in

Schrecken zu setzen! Aber ach, hier fühle ich wieder die ganze Tiefe

meines Unglücks; ich weiß keinen, der sich jetzt noch für mich schlagen

würde, und vor acht Tagen hätte ich eine Armee ins Feld stellen können.

~Auguste.~ Halt! mir fällt etwas ein. Sollte Dir auch Dein

zärtlichster Verehrer untreu geworden seyn? Wie? wäre auch jener

bleiche Jüngling, dessen schmachtendes, halb erloschenes Auge so

unverwandt, wenn gleich hoffnungslos, nach Deinen Fenstern blickt,

wäre auch er verschwunden, seit Henriettens Reiz alle Männer bezaubert?

~Caroline.~ Nein der ist treu! das ist wahr, den hatte ich

vergessen. O er wird nicht weit seyn. Laß uns einmal geschwind ans

Fenster. Siehst Du, dort geht er im blauen Ueberrock, gleich wird er

umdrehen, denn über 50 Schritte entfernt er sich nicht vom Hause.

Jetzt wendet er sich. Sieh nur, wie verstohlen sehnsüchtig er zu mir

aufblickt. Das ist ein Freund in der Noth, der soll für uns fechten.

~Auguste.~ Werden seine bleichen Wangen aber nicht ein Hinderniß

seyn, die Feinde in Schrecken zu setzen?

~Caroline.~ Gewiß nicht. Heut Abend, wenn ich nach Hause komme,

steht er gewiß im Dunkel unter der Laterne und sieht mich aus dem Wagen

steigen, dann will ich ihm einen so freundlichen Blick zuwerfen, daß

das glühendste Roth seine Wangen überdecken soll. Und wenn ich oben

bin, werde ich mit dem Licht noch einigemal ans Fenster kommen, als

sucht ich etwas, und so nach den Bäumen, unter denen er zuverlässig

steht, hinabwinken, daß ihm das Herz vor Freude schlagen soll. O lehre

mich nicht, wie ich diesen Jüngling in ein Bild der Gesundheit und

Kraft verwandle. In drei Tagen soll Mars selbst vor ihm davon laufen.

~Auguste.~ Herrlich! Wahrhaftig! Jetzt aber rasch ans Werk. Ich

will sogleich einen Schritt thun. Schillibold Avecça hat mit der

Direction zu sprechen, und dabei kann ich ihm gleich mein Anliegen

eröffnen.

~Caroline.~ Und ich will meinen blaßen Anbeter ein paarmal

freundlich anlächeln.

~Auguste.~ Leb also herzlich wohl, und sey treu und verschwiegen.

~Caroline.~ Bis in den Tod.

Auguste ging, Caroline setzte sich ans Fenster und sah mit ihren

schönen Augen die Promenade hinunter, um dem auserkornen Ritter einige

stärkende Blicke zu den bevorstehenden Kämpfen zuzuwerfen.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 21 / 35 题