Diese durch den unvermutheten reizenden Anblick aufs neue lebhaft
aufgeregt, schrie jetzt noch toller durch einander als vorher. Da
pochte der Regisseur auf den Tisch und rief: „Meine Herrn, erlauben
Sie, daß ich meine Amtsrolle heut auch noch nach der Vorstellung
fortsetze. Wir machen uns heiser und hören einander doch nicht. Ich
kann betheuern, ich weiß eben so gut, was der große Mogul von unserer
Sängerin denkt, als was einer der Herrn gesagt hat. Vielleicht sind wir
alle aufs Haar derselben Meinung, und haben uns ganz umsonst erhitzt.
Wenn Sie erlauben, mache ich den Anfang, und gebe meine Ansicht; dann
folgt der Herr Obrist-Lieutenant und so fort der Reihe nach.“ Alle
waren es zufrieden, und der Regisseur begann:
„Ich muß etwas weit ausholen, um zum Resultat meiner Gedanken über
unsere himmlische Sängerin zu gelangen. Sie erinnern sich noch alle,
meine Herren, jener unruhigen, heftig bewegten Zeit, wo die Erwartung
in unserer Brust aufs höchste gespannt war, ob das theure Kleinod,
welches wir jetzt besitzen, das unsre werden würde, oder nicht. Ich
war, wie Sie wissen, endlich der Glückliche, dem es gelang, dieses
Palladium in die Mauern unsrer Stadt zu führen. Doch nicht ohne
Mühe. Denn erstlich fand ich schon bei meiner Abreise Hindernisse
von Wichtigkeit. Als ich einen Paß nach Sachsen forderte, wurde
er mir verweigert, denn es waren in diesen Tagen so viele unserer
bedeutendsten Banquiers und Geschäftsmänner nach L. gereist, daß
die Regierung, aufmerksam dadurch gemacht, eine staatsgefährliche
Verbindung fürchtete, und bis auf weiteres das Ertheilen der Päße
nach L. untersagt hatte. Nur mit Mühe gelang es mir endlich, die
Nützlichkeit meines Reisezwecks für den Staat zu erweisen. Ich reiste.
Doch ein neues Hinderniß find ich am Thor von L***. Dort nämlich
erblickte ich einen der thätigsten Beschützer unsers Theaters in
gefänglicher Haft; er schrie aus dem Fenster der Thorwache kläglich zu
mir um Hülfe. Was konnte die Ursache dieser Einkerkerung seyn? Ich
halte, bestürme den Stadtsoldaten, der vor Schrecken sein Strickzeug
fallen läßt und nach dem Gewehr greift, dringe in den Kerker, und
hasche nach der Ursach dieser empörenden Mißhandlung eines solchen
Kunstgönners. ‚O Freund,‘ sprach dieser, ‚ich würde mein Geschick für
unerträglich, ja hoffnungslos halten, wenn ich es nicht mit Vetter
Kukuk, jenem redlichen Brautwerber theilte. Denken Sie sich meinen
Unfall. Sie wissen, daß viele unserer Kaufgenossen hochtönende Namen,
entlehnt von den Thieren des Waldes, führen. Diese alle sind als
Bewerber um die göttliche Sängerin vor mir einpaßirt. Der Thorwächter
notirte zu erst lächelnd den Namen Gans, logirt im Hotel de Baviere;
dann folgte Hirsch mit gleicher Wohnung, worauf der Pförtner abermals
lächelte und sprach: „Die Tafel im Hotel de Baviere wird gut besetzt!“
Darauf kam unser edler Wolf an, und der Wächter zog ein bedenkliches
Gesicht, ließ ihn jedoch frei gleichfalls ins Hotel de Baviere
laufen. Jetzt fuhr unser großer ~Bär~ vor. Den schnaubte aber der
Thorwart grimmig an und rief: „Was? Wieviel Thiere wollen denn die
holde Sängerin zerreißen? Fort in den Käfig mit dir!“ Doch der Bär,
vermöge seiner Stärke, riß sich los. Als nun aber ich, der ~Eber~,
herannahe, faßt mich der Wächter roh und kalt, und bändigt mich durch
Kerkergewalt!‘“
Da, rief ich, wie Sie sich vorstellen können, meine Herren, begeistert
aus:
„Aus diesen Fesseln macht dich Gold frei,
So wahr ich heiße Carl von ***,“
gab dem Stadtsoldaten einen Species und befreite den gefangenen Mäcen.
Wenn man sich solcher Abentheuer und Gefahren erinnern kann, meine
Herren, so wird uns der dadurch erworbene Preis doppelt theuer.
Deshalb mußte ich, um zu meiner Schlußmeinung zu kommen, diesen
Eingang machen. Von Herzen stimme ich daher in das Wort unsers großen
Director Brückbauer mit ein, der die himmlische Sängerin soeben
seine Allertheuerste nannte. Ja, sie kostet Opfer jeglicher Art, und
doch macht ihr Anblick, ein Ton ihrer süßen Stimme, uns alles dies
vergessen. Darum rühme ich das als ihre höchste Eigenschaft, daß sie,
selbst in den Augen derer, die hier für nichts anders, als für das
schnöde Metall Sinn haben, das blanke Gold so verdunkelt hat, daß
sie es förmlich ausgestreuet haben, um in Besitz dieses Kleinods zu
kommen. Und so rufe ich: Es lebe die Sängerin, sollten auch unsere
Aktien auf 50 pro Cent fallen! -- „Bravo, Bravo!“ erscholl der laute
Beifall der Andern, und alle leerten die Gläser. Doch des Regisseurs
Nachbar, der Obrist-Lieutenant, schlug auf den Tisch und begann:
„Das heiß’ ich sprechen, wie ein Regisseur. Aber in der That, es ist
wahr, ihre Schönheit ist strahlender als Gold, und ihre Stimme tönt
heller als Silber. Wenn ich indeß meine Meinung sagen soll, so muß ich
erklären, daß mir das das reizendste an ihr scheint, daß sie sowohl
als ihre Stimme sich von allen Standpunkten des Hauses unvergleichlich
ausnehmen.“
„Waren Sie im Sperrsitz?“ fragte Wicke. „Allerdings,“ entgegnete
der Gefragte. „Mir deucht, ich hätte Sie im ersten Rang gesehen?“
bemerkte der Abbe, während er eine Auster präparirte. „Sie haben sich
nicht getäuscht,“ antwortete der Obrist-Lieutenant. „So habe ich
mich geirrt,“ sprach Hemmstoff, „denn mir schien’s, als hätte ich
Sie in einer Parkettloge entdeckt!“ „Mit nichten, Freund, ich bin
sowohl rechts als links in einer Parkettloge gewesen,“ berichtigte
der magere Ritter. „Aber ich habe Sie ja beständig auf dem Theater
bemerkt,“ sagte der Regisseur erstaunt, „Brückbauer hatte noch seinen
eifersüchtigen Aerger darüber.“ „Ich werde es doch nicht versäumen,“
erwiederte der Blaufrack piquirt, „auch von dieser Seite meine Ansicht
zu berichtigen?“ Jetzt fing auch der junge Mensch am Ende des Tisches
zu reden an, und sprach: „Nun kann ich mir einen seltsamen Irrthum,
in dem ich geschwebt habe, erklären. Ich hatte die Ehre, mein Herr,
Ihr Nachbar im Parterre zu seyn; da mir aber mein Platz unvortheilhaft
schien, ging ich in den zweiten Rang hinauf, und zu meiner Verwunderung
fand ich meinen Nachbar dort von so sprechender Aehnlichkeit mit Ihnen,
daß ich sogleich vermuthete, er müsse Ihr Zwillingsbruder seyn. Noch
höher aber stieg meine Verwunderung, als ich, da ich auch dort nicht
gut placirt war, mich in den dritten Rang begab, und im Oeffnen der
Loge einem dritten Exemplare von Ihnen begegne, das eben heraustrat,
und Ihnen so ähnlich sah, wie ein Ey dem andern. Wie herrlich, dachte
ich bei mir, könnte man hier die Drillinge aufführen! Auch fiel mir
die Erzählung von den drei bucklichten Schelmen ein; und als ich nun
vollends hier in die Restauration kam, und Sie am Tisch erblickte,
dachte ich schon, Sie möchten vielleicht den vierten abgeben. Jetzt
sehe ich aber, daß Sie gar die Kunst besitzen, sich beliebig zu
multipliciren, und bitte daher um Vergebung, daß ich so lange im
Irrthum gewesen bin.“ Die etwas sarkastische Miene, mit welcher der
junge Mann diese Abentheuer erzählte, hatte die Gesellschaft halb
belustigt halb in Verwunderung gesetzt. Der Abbe verbarg sein Lächeln
hinter einem Zuge aus dem Champagnerglase; der Blaurock sagte etwas
verdrießlich: „Mir scheint, mein Herr, Sie lieben die etwas grelle
Mahlerei _al Fresco_,“ und Wicke raunte seinem Freund Hemmstoff ins
Ohr: „der junge Mensch scheint nicht zu uns zu gehören; auf was für
unschicklichen Plätzen hat er sich umhergetrieben!“ -- Der Regisseur
faßte sich am besten, denn er klopfte auf den Tisch und rief wie der
Präsident in der Deputirtenkammer: „Zur Ordnung! Sie sind in ihrer
Rede unterbrochen worden, Herr Oberst-Lieutenant. Geben Sie uns
gefälligst den Schluß.“ „Bin schon fertig,“ sprach der alte Jüngling
kurz, und nahm eine Prise. „_Monsieur L’abbé_,“ erinnerte darauf der
Regisseur, „ist Ihnen gefällig, das Scepter des Redners zu ergreifen?“
„_Mon cher_,“ entgegnete der Abbe, „mich hindern die Austern am
Reden; übrigens habe ich mein Votum gegen den Rath Hemmstoff schon
abgegeben. _N’est ce pas mon cher? Et qu’en dites vous?_“ „Ich bin
ganz Ihrer Meinung, und eben so durch die Austern gehindert,“ sprach
Hemmstoff, und lächelte innerlichst vergnügt; „mein Freund Wicke mag
denn fortfahren.“ Dieser räusperte sich, zupfte sein Jabot zurecht,
und begann dann mit einer feierlich weichen Stimme: „O die süße,
unaussprechlich süße, holde, liebreizender Eigenschaften reichest
begabteste Sängerin! In welcher Sprache soll ich ihr Lob verkünden!
Sie sieht uns lächelnd an und lächelt wieder, und wir weinen, halb vor
Entzücken, halb vor Schmerz!“ Dabei zog er sein gesticktes Schnupftuch,
welches in _Eau de Cologne_ gekocht zu seyn schien, aus der Tasche,
und wischte sich -- die Nase. „Freunde! Sympathisirend, mitfühlend
übereinstimmende Theilnehmer, seyd Ihr denn nicht im Innersten bewegt?
O, Ihr seyd von den Steinen die nicht fühlen, die nicht weinen! Tönt
der Jungfrau zarte Kehle Euch nicht rührend in die Seele? Mir scheint,
Ihr lächelt mit höhnender Geberde?“ -- „Das ist das Loos des Schönen
auf der Erde;“ fiel der Abbe ernsthaft ein, und verschluckte eine
Auster. -- „Geberde“ wiederholt der etwas empfindliche Wicke. „Versteht
ihr denn so gar nicht was ich meine?“ -- „Einsam bin ich nicht
alleine,“ sang plötzlich eine Stimme am andern Tische. Wicke stampfte
verdrießlich mit dem Fuße und sprach: „Es ist nicht auszuhalten!
Entweder wird man absichtlich oder zufällig unterbrochen. Ich hoffe,
die Herren werden meine Ansicht jetzt gefaßt haben!“ „Wollten Sie
sich denn nicht noch etwas näher auslassen?“ fragte bescheiden der
Regisseur, „gewiß wird man Ihnen mit Vergnügen zuhören.“ „Ich bin
vielleicht schon zu deutlich gewesen,“ entgegnete Wicke, und verbeugte
sich verbindlich. „So stände denn die Reihe an Ihnen, mein Herr, wenn
Sie uns mit Ihrer Ansicht bekannt machen wollten,“ wandte sich der
Regisseur höflich zu dem Fremden. „Sehr gern,“ sagt dieser; „allein
ich fürchte, sie wird sich gegen die Aussprüche so erleuchteter Kenner
sehr schülerhaft ausnehmen. Meiner Meinung nach hat die schöne Sängerin
eine unwiderstehliche Anmuth, eine reine seelenvolle Stimme, und eine
sehr gute Natur des Vortrags. Doch sie ehrt ihr Talent wenig, indem
sie die schlechtesten Opern zu ihrem Auftreten wählt, und sich an ein
Theater versagt hat, das nur eine sehr niedrige Tendenz vor Augen, und
eigentlich keinen andern Zweck, als Geld zu verdienen hat, und deshalb
der gemeinen Ansicht der Menge auf eine unwürdige Art huldigt.“ Hier
schwieg der junge Mann und sah die Gesellschaft der Reihe nach fest
an. Der Obrist-Lieutenant stocherte sich die Zähne und murmelte einige
unverständliche Worte; der Regisseur sah bedenklich aus, und schien zu
fühlen, daß der Fremde Recht habe. Der Abbe trank sein Glas aus und
sprach: „Ein schöner Enthusiasmus. Ich liebe die Passion für edlere
Vergnügungen auch. Noch funfzig Austern, Kellner!“ Wicke sah glühend
roth aus, strich sich verstört das dunkle Haar und raunte endlich
furchtsam Hemmstoff die Worte ins Ohr: „Der Mensch ist ein roher
Barbar!“
Jedem pfiff der Nachtwächter die eilfte Stunde. Die Gesellschaft
brach auf trotz der Vorstellungen des Abbe, der seine Austern nicht
in Stich lassen wollte. Wicke und Hemmstoff gingen Arm in Arm. Der
Regisseur sprach noch mit einigen Bekannten an andern Tischen, und der
Obrist-Lieutenant bewegte sich mit steifen stolzen Schritten durch
den Saal nach der Thür. Auch der junge Mensch ließ den Abbe endlich
allein. Jedoch als der Kellner ihm die Austern brachte, trällerte er:
„Einsam bin ich nicht alleine!“ und beging die Inconsequenz, seine
guten Gesellschafter sämmtlich durch Verzehrung wieder zu entfernen.
Wir lassen ihn in seinem gemächlichen Vergnügen, und sehen uns um, ob
die Residenz überall auf dieselbe Art von der neuen Sängerin dachte und
sprach, als es in unserer Gesellschaft geschehen war.