2. Die Urtheile.

Diese durch den unvermutheten reizenden Anblick aufs neue lebhaft

aufgeregt, schrie jetzt noch toller durch einander als vorher. Da

pochte der Regisseur auf den Tisch und rief: „Meine Herrn, erlauben

Sie, daß ich meine Amtsrolle heut auch noch nach der Vorstellung

fortsetze. Wir machen uns heiser und hören einander doch nicht. Ich

kann betheuern, ich weiß eben so gut, was der große Mogul von unserer

Sängerin denkt, als was einer der Herrn gesagt hat. Vielleicht sind wir

alle aufs Haar derselben Meinung, und haben uns ganz umsonst erhitzt.

Wenn Sie erlauben, mache ich den Anfang, und gebe meine Ansicht; dann

folgt der Herr Obrist-Lieutenant und so fort der Reihe nach.“ Alle

waren es zufrieden, und der Regisseur begann:

„Ich muß etwas weit ausholen, um zum Resultat meiner Gedanken über

unsere himmlische Sängerin zu gelangen. Sie erinnern sich noch alle,

meine Herren, jener unruhigen, heftig bewegten Zeit, wo die Erwartung

in unserer Brust aufs höchste gespannt war, ob das theure Kleinod,

welches wir jetzt besitzen, das unsre werden würde, oder nicht. Ich

war, wie Sie wissen, endlich der Glückliche, dem es gelang, dieses

Palladium in die Mauern unsrer Stadt zu führen. Doch nicht ohne

Mühe. Denn erstlich fand ich schon bei meiner Abreise Hindernisse

von Wichtigkeit. Als ich einen Paß nach Sachsen forderte, wurde

er mir verweigert, denn es waren in diesen Tagen so viele unserer

bedeutendsten Banquiers und Geschäftsmänner nach L. gereist, daß

die Regierung, aufmerksam dadurch gemacht, eine staatsgefährliche

Verbindung fürchtete, und bis auf weiteres das Ertheilen der Päße

nach L. untersagt hatte. Nur mit Mühe gelang es mir endlich, die

Nützlichkeit meines Reisezwecks für den Staat zu erweisen. Ich reiste.

Doch ein neues Hinderniß find ich am Thor von L***. Dort nämlich

erblickte ich einen der thätigsten Beschützer unsers Theaters in

gefänglicher Haft; er schrie aus dem Fenster der Thorwache kläglich zu

mir um Hülfe. Was konnte die Ursache dieser Einkerkerung seyn? Ich

halte, bestürme den Stadtsoldaten, der vor Schrecken sein Strickzeug

fallen läßt und nach dem Gewehr greift, dringe in den Kerker, und

hasche nach der Ursach dieser empörenden Mißhandlung eines solchen

Kunstgönners. ‚O Freund,‘ sprach dieser, ‚ich würde mein Geschick für

unerträglich, ja hoffnungslos halten, wenn ich es nicht mit Vetter

Kukuk, jenem redlichen Brautwerber theilte. Denken Sie sich meinen

Unfall. Sie wissen, daß viele unserer Kaufgenossen hochtönende Namen,

entlehnt von den Thieren des Waldes, führen. Diese alle sind als

Bewerber um die göttliche Sängerin vor mir einpaßirt. Der Thorwächter

notirte zu erst lächelnd den Namen Gans, logirt im Hotel de Baviere;

dann folgte Hirsch mit gleicher Wohnung, worauf der Pförtner abermals

lächelte und sprach: „Die Tafel im Hotel de Baviere wird gut besetzt!“

Darauf kam unser edler Wolf an, und der Wächter zog ein bedenkliches

Gesicht, ließ ihn jedoch frei gleichfalls ins Hotel de Baviere

laufen. Jetzt fuhr unser großer ~Bär~ vor. Den schnaubte aber der

Thorwart grimmig an und rief: „Was? Wieviel Thiere wollen denn die

holde Sängerin zerreißen? Fort in den Käfig mit dir!“ Doch der Bär,

vermöge seiner Stärke, riß sich los. Als nun aber ich, der ~Eber~,

herannahe, faßt mich der Wächter roh und kalt, und bändigt mich durch

Kerkergewalt!‘“

Da, rief ich, wie Sie sich vorstellen können, meine Herren, begeistert

aus:

„Aus diesen Fesseln macht dich Gold frei,

So wahr ich heiße Carl von ***,“

gab dem Stadtsoldaten einen Species und befreite den gefangenen Mäcen.

Wenn man sich solcher Abentheuer und Gefahren erinnern kann, meine

Herren, so wird uns der dadurch erworbene Preis doppelt theuer.

Deshalb mußte ich, um zu meiner Schlußmeinung zu kommen, diesen

Eingang machen. Von Herzen stimme ich daher in das Wort unsers großen

Director Brückbauer mit ein, der die himmlische Sängerin soeben

seine Allertheuerste nannte. Ja, sie kostet Opfer jeglicher Art, und

doch macht ihr Anblick, ein Ton ihrer süßen Stimme, uns alles dies

vergessen. Darum rühme ich das als ihre höchste Eigenschaft, daß sie,

selbst in den Augen derer, die hier für nichts anders, als für das

schnöde Metall Sinn haben, das blanke Gold so verdunkelt hat, daß

sie es förmlich ausgestreuet haben, um in Besitz dieses Kleinods zu

kommen. Und so rufe ich: Es lebe die Sängerin, sollten auch unsere

Aktien auf 50 pro Cent fallen! -- „Bravo, Bravo!“ erscholl der laute

Beifall der Andern, und alle leerten die Gläser. Doch des Regisseurs

Nachbar, der Obrist-Lieutenant, schlug auf den Tisch und begann:

„Das heiß’ ich sprechen, wie ein Regisseur. Aber in der That, es ist

wahr, ihre Schönheit ist strahlender als Gold, und ihre Stimme tönt

heller als Silber. Wenn ich indeß meine Meinung sagen soll, so muß ich

erklären, daß mir das das reizendste an ihr scheint, daß sie sowohl

als ihre Stimme sich von allen Standpunkten des Hauses unvergleichlich

ausnehmen.“

„Waren Sie im Sperrsitz?“ fragte Wicke. „Allerdings,“ entgegnete

der Gefragte. „Mir deucht, ich hätte Sie im ersten Rang gesehen?“

bemerkte der Abbe, während er eine Auster präparirte. „Sie haben sich

nicht getäuscht,“ antwortete der Obrist-Lieutenant. „So habe ich

mich geirrt,“ sprach Hemmstoff, „denn mir schien’s, als hätte ich

Sie in einer Parkettloge entdeckt!“ „Mit nichten, Freund, ich bin

sowohl rechts als links in einer Parkettloge gewesen,“ berichtigte

der magere Ritter. „Aber ich habe Sie ja beständig auf dem Theater

bemerkt,“ sagte der Regisseur erstaunt, „Brückbauer hatte noch seinen

eifersüchtigen Aerger darüber.“ „Ich werde es doch nicht versäumen,“

erwiederte der Blaufrack piquirt, „auch von dieser Seite meine Ansicht

zu berichtigen?“ Jetzt fing auch der junge Mensch am Ende des Tisches

zu reden an, und sprach: „Nun kann ich mir einen seltsamen Irrthum,

in dem ich geschwebt habe, erklären. Ich hatte die Ehre, mein Herr,

Ihr Nachbar im Parterre zu seyn; da mir aber mein Platz unvortheilhaft

schien, ging ich in den zweiten Rang hinauf, und zu meiner Verwunderung

fand ich meinen Nachbar dort von so sprechender Aehnlichkeit mit Ihnen,

daß ich sogleich vermuthete, er müsse Ihr Zwillingsbruder seyn. Noch

höher aber stieg meine Verwunderung, als ich, da ich auch dort nicht

gut placirt war, mich in den dritten Rang begab, und im Oeffnen der

Loge einem dritten Exemplare von Ihnen begegne, das eben heraustrat,

und Ihnen so ähnlich sah, wie ein Ey dem andern. Wie herrlich, dachte

ich bei mir, könnte man hier die Drillinge aufführen! Auch fiel mir

die Erzählung von den drei bucklichten Schelmen ein; und als ich nun

vollends hier in die Restauration kam, und Sie am Tisch erblickte,

dachte ich schon, Sie möchten vielleicht den vierten abgeben. Jetzt

sehe ich aber, daß Sie gar die Kunst besitzen, sich beliebig zu

multipliciren, und bitte daher um Vergebung, daß ich so lange im

Irrthum gewesen bin.“ Die etwas sarkastische Miene, mit welcher der

junge Mann diese Abentheuer erzählte, hatte die Gesellschaft halb

belustigt halb in Verwunderung gesetzt. Der Abbe verbarg sein Lächeln

hinter einem Zuge aus dem Champagnerglase; der Blaurock sagte etwas

verdrießlich: „Mir scheint, mein Herr, Sie lieben die etwas grelle

Mahlerei _al Fresco_,“ und Wicke raunte seinem Freund Hemmstoff ins

Ohr: „der junge Mensch scheint nicht zu uns zu gehören; auf was für

unschicklichen Plätzen hat er sich umhergetrieben!“ -- Der Regisseur

faßte sich am besten, denn er klopfte auf den Tisch und rief wie der

Präsident in der Deputirtenkammer: „Zur Ordnung! Sie sind in ihrer

Rede unterbrochen worden, Herr Oberst-Lieutenant. Geben Sie uns

gefälligst den Schluß.“ „Bin schon fertig,“ sprach der alte Jüngling

kurz, und nahm eine Prise. „_Monsieur L’abbé_,“ erinnerte darauf der

Regisseur, „ist Ihnen gefällig, das Scepter des Redners zu ergreifen?“

„_Mon cher_,“ entgegnete der Abbe, „mich hindern die Austern am

Reden; übrigens habe ich mein Votum gegen den Rath Hemmstoff schon

abgegeben. _N’est ce pas mon cher? Et qu’en dites vous?_“ „Ich bin

ganz Ihrer Meinung, und eben so durch die Austern gehindert,“ sprach

Hemmstoff, und lächelte innerlichst vergnügt; „mein Freund Wicke mag

denn fortfahren.“ Dieser räusperte sich, zupfte sein Jabot zurecht,

und begann dann mit einer feierlich weichen Stimme: „O die süße,

unaussprechlich süße, holde, liebreizender Eigenschaften reichest

begabteste Sängerin! In welcher Sprache soll ich ihr Lob verkünden!

Sie sieht uns lächelnd an und lächelt wieder, und wir weinen, halb vor

Entzücken, halb vor Schmerz!“ Dabei zog er sein gesticktes Schnupftuch,

welches in _Eau de Cologne_ gekocht zu seyn schien, aus der Tasche,

und wischte sich -- die Nase. „Freunde! Sympathisirend, mitfühlend

übereinstimmende Theilnehmer, seyd Ihr denn nicht im Innersten bewegt?

O, Ihr seyd von den Steinen die nicht fühlen, die nicht weinen! Tönt

der Jungfrau zarte Kehle Euch nicht rührend in die Seele? Mir scheint,

Ihr lächelt mit höhnender Geberde?“ -- „Das ist das Loos des Schönen

auf der Erde;“ fiel der Abbe ernsthaft ein, und verschluckte eine

Auster. -- „Geberde“ wiederholt der etwas empfindliche Wicke. „Versteht

ihr denn so gar nicht was ich meine?“ -- „Einsam bin ich nicht

alleine,“ sang plötzlich eine Stimme am andern Tische. Wicke stampfte

verdrießlich mit dem Fuße und sprach: „Es ist nicht auszuhalten!

Entweder wird man absichtlich oder zufällig unterbrochen. Ich hoffe,

die Herren werden meine Ansicht jetzt gefaßt haben!“ „Wollten Sie

sich denn nicht noch etwas näher auslassen?“ fragte bescheiden der

Regisseur, „gewiß wird man Ihnen mit Vergnügen zuhören.“ „Ich bin

vielleicht schon zu deutlich gewesen,“ entgegnete Wicke, und verbeugte

sich verbindlich. „So stände denn die Reihe an Ihnen, mein Herr, wenn

Sie uns mit Ihrer Ansicht bekannt machen wollten,“ wandte sich der

Regisseur höflich zu dem Fremden. „Sehr gern,“ sagt dieser; „allein

ich fürchte, sie wird sich gegen die Aussprüche so erleuchteter Kenner

sehr schülerhaft ausnehmen. Meiner Meinung nach hat die schöne Sängerin

eine unwiderstehliche Anmuth, eine reine seelenvolle Stimme, und eine

sehr gute Natur des Vortrags. Doch sie ehrt ihr Talent wenig, indem

sie die schlechtesten Opern zu ihrem Auftreten wählt, und sich an ein

Theater versagt hat, das nur eine sehr niedrige Tendenz vor Augen, und

eigentlich keinen andern Zweck, als Geld zu verdienen hat, und deshalb

der gemeinen Ansicht der Menge auf eine unwürdige Art huldigt.“ Hier

schwieg der junge Mann und sah die Gesellschaft der Reihe nach fest

an. Der Obrist-Lieutenant stocherte sich die Zähne und murmelte einige

unverständliche Worte; der Regisseur sah bedenklich aus, und schien zu

fühlen, daß der Fremde Recht habe. Der Abbe trank sein Glas aus und

sprach: „Ein schöner Enthusiasmus. Ich liebe die Passion für edlere

Vergnügungen auch. Noch funfzig Austern, Kellner!“ Wicke sah glühend

roth aus, strich sich verstört das dunkle Haar und raunte endlich

furchtsam Hemmstoff die Worte ins Ohr: „Der Mensch ist ein roher

Barbar!“

Jedem pfiff der Nachtwächter die eilfte Stunde. Die Gesellschaft

brach auf trotz der Vorstellungen des Abbe, der seine Austern nicht

in Stich lassen wollte. Wicke und Hemmstoff gingen Arm in Arm. Der

Regisseur sprach noch mit einigen Bekannten an andern Tischen, und der

Obrist-Lieutenant bewegte sich mit steifen stolzen Schritten durch

den Saal nach der Thür. Auch der junge Mensch ließ den Abbe endlich

allein. Jedoch als der Kellner ihm die Austern brachte, trällerte er:

„Einsam bin ich nicht alleine!“ und beging die Inconsequenz, seine

guten Gesellschafter sämmtlich durch Verzehrung wieder zu entfernen.

Wir lassen ihn in seinem gemächlichen Vergnügen, und sehen uns um, ob

die Residenz überall auf dieselbe Art von der neuen Sängerin dachte und

sprach, als es in unserer Gesellschaft geschehen war.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 20 / 35 题