1. Die Abendgesellschaft.

Die Oper war zu Ende. Doch der rauschende Beifall, der die Talente

der jungen Sängerin Henriette, die als neu engagirtes Mitglied zum

erstenmal aufgetreten war, anerkennend ehren sollte, schien kein Ende

nehmen zu wollen. Immer neu wiederholte sich das schallende Getöse

tausend bewegter Hände, und dazwischen tönte der unablässige Ruf

des Namens der Schönen. Endlich rollte der Vorhang wieder auf; die

Holdselige erschien in aller der Anmuth, durch die sie den ganzen Abend

über entzückt hatte. Gegen den Lärmen, der sich jetzt erhob, war das

vorige Getöse eine Todtenstille zu nennen. Jeder überließ sich dem

lautesten Ausbruch seines Entzückens. Die junge Sängerin allein kam

nicht zu Worte, und mußte mit stummen Verbeugungen zurücktreten; doch

ihre vor Freude glänzenden Blicke sagten deutlich, was sie empfand.

Allein fast noch deutlicher sprachen die Blicke sämmtlicher jungen

und alten Herren im Schauspiel; keiner, dem nicht der Liebesgott

spöttisch aus den Augen gesehen hätte. Sogar der alte Feldmarschall

von Rauwitsch, auf dessen unter Feldzügen ergrautem Haupt kaum noch

einiges Haar zu zählen war, sogar der schien noch im späten Alter von

einem Pfeil getroffen worden zu seyn, gegen den er sich vielleicht zu

sicher gepanzert glaubte. Denn nicht nur die Brust hatte er mit hartem

Erz gegen Amors Schüsse zu waffnen gesucht, nein, seine Vorsicht ging

weiter, sogar das Gesicht, die Nase nicht ausgeschlossen, hatte er mit

Bachus Hülfe, der in Kupfer besser zu arbeiten versteht, als Vulkan,

mit einem purpurartigen Ueberzug jenes röthlichen Metalles gedeckt.

Die Augen, um auch dort sicher zu seyn, hatte ihm derselbe gütige Gott

Bachus verglasen helfen. Doch Amor, der Alliance spottend, war dennoch

durchgedrungen; wie, das wissen die Götter; allein unbezweifelt war

es, denn der Adjutant hörte den Marschal im Heraustreten aus der Loge

sagen: „Drei Tage wollte ich keinen Pontac riechen, wenn ich einen Kuß

von dem kleinen Teufelskind dafür einhandeln könnte.“ Und einen höhern

Schwur that er nie. Aehnlich war es dem Major Kegelino ergangen, der,

auf dem Casino fast eingerostet, sich diesmal doch hatte überreden

lassen, die Parthie zu versäumen und die Oper zu verträumen. Denn

gehört hatte er wahrscheinlich nichts, so hatte die junge reizende

Sängerin ihn verblendet, ja betäubt. Als er in den Wagen stieg, rief er

dem Kutscher zu: „Nach dem K-- Theater“ aus dem er nämlich eben kam;

so beschäftigte ihn der Gedanke, die auf den folgenden Tag angesetzte

Wiederholung des Stücks ja nicht zu versäumen. Doch der Kutscher, der

wohl merkte, wie es mit dem Herrn stand, fuhr ihn in die L-- Straße vor

sein Haus, und hatte die Absicht des Majors richtig errathen.

Noch mehr als diese aber waren zwei Königliche Räthe, Hemmstoff

und Wicke, innige Freunde durch kunstverwandte Gesinnung und

theaternachbarliche Gewohnheit des Daseyns und des Klatschens, noch

mehr, sag ich, waren diese von der Wundererscheinung entzückt. Wicke

ließ sein schwärmerisches Auge noch einmal auf dem gefallenen Vorhang

weilen; dann sprach er: „Freund, was ist das Leben ohne Liebesglanz!

O wie versteh ich jetzt den zarten sinnigen Dichter!“ „Wahr, sehr

wahr!“ entgegnete Hemmstoff, und suchte vergeblich mit der Hand durch

das Scheitelhaar zu fahren; (denn die Sense der Zeit hatte ihm diese

stattliche Zierde abgemäht, und nur aus alter Gewohnheit machte er

noch diese Bewegung nachlässiger Eleganz) „wahr, sehr wahr spricht

der Dichter. O ich fühle einen verdammten Hunger. Essen wir unten in

der Restauration, oder wo anders?“ „Unten lieber,“ entgegnete Wicke

mit schmelzender Stimme, „denn es sind, wie ich höre, frische Austern

angekommen. Ach was ist die Liebe für ein süßes Ding!“ So schritten

die Freunde hinab in die Restauration. Nicht sie allein, sondern auch

viele andere junge Bewohner der Residenz fühlten sich durch die Oper

so angegriffen, daß sie der Hülfe des Restaurateurs bedurften. Alle

Tische besetzten sich schnell, und auch der, an welchem Hemmstoff

und Wicke Platz nahmen, füllte sich bald mit Bekannten verschiedenen

Alters und Standes. Neben unsren Freunden rechts saß ein schon

ältlicher französischer Abbe, der, ein wahrer Trost für Hemmstoff,

noch stärkeren Mondschein von seinem Scheitel herableuchten ließ,

als dieser. Der Abbe, nach Art der französischen Geistlichen, ein

jovialer freidenkender Mann, war durch die klösterliche Erziehung

den Freuden des Lebens keinesweges abgestorben, sondern liebte Wein,

Gesang und Austern über alles. Auch der dritte Artikel des Lutherischen

Katechismus schien ihm nicht unbekannt, viel weniger unangenehm zu

seyn. Das zeigte die Begeisterung, in die ihn die junge Sängerin

versetzt hatte. „_Ah mon Dieu qu’elle est belle_,“ rief er aus und

wandte sich zu Hemmstoff, „_conseiller, l’avez vous vu_?“ „_Quoi

donc, Monsieur L’abbé_,“ entgegnete der Rath. „_Quoi?_“ fuhr der Abbe

zurück, „_son porte bras delicieux, et quand elle se tourne--vous

m’entendez!--Garcon, une bouteille de Champagne_!“ „Mir auch,“ rief

der Rath. „Auf das Wohl der Sängerin!“ -- Indessen haben wir Muße,

den übrigen Theil der Gesellschaft zu betrachten. Der Nachbar des

Abbe war ein großer magerer Mann im blauen Frack mit einem Ordenkreuz

im Knopfloch. Sein graues, jedoch zierlich frisiertes Haar stach

wunderlich gegen das rothe, runzlige, in tausend Falten gekniffte

Gesicht ab, welches deutlich zeigte, daß der Inhaber schon über die

sechzig hinaus seyn müsse; allein er suchte sich noch immer wie ein

Elegant von fünfundzwanzigen zu betragen. Eine Doppel-Lorgnette

hatte er beständig um seinen Hals, ein Perspectiv in der Hand, und

die Crawatte saß ihm, wie einem Engländer, der aufs Continent reist,

und im Ausland für einen Gentlemann erster Classe gelten will. Man

titulirte ihn Obrist-Lieutenant. Er schien sich das Ansehen eines

sehr bedeutenden Mannes geben zu wollen, denn er sprach kurz und

undeutlich, als wenn er es eben nicht der Mühe werth halte, den

Fragenden verständlich zu antworten. Ein Glück war es daher, daß der

Regisseur des Theaters, ein junger liebenswürdiger Mann von gefälligem

Wesen, neben ihm saß. Denn natürlich ergingen alle Fragen in Betreff

der Sängerin an diesen, und der lange Ritter im blauen Frack konnte

schweigen so viel er wollte. Noch mehr aber schwieg ein junger Mann

von interessantem Aeussern, der am Ende des Tisches saß, seinen Wein

für sich trank, die übrigen Gäste nach der Reihe betrachtete, und

nicht unaufmerksam auf ihr Gespräch zu seyn schien, wiewohl er sich

nicht darein mischte. Er mußte nicht aus der Residenz gebürtig, und

wahrscheinlich auch erst seit kurzem anwesend seyn, denn kein einziger

der genannten Tischgäste, die sonst jedermann kannten, wußte, wer er

war. Und doch schien sein Aeußeres so viel zu versprechen, daß man es

der Mühe werth halten durfte, näher mit ihm bekannt zu werden.

Das Gespräch richtete sich natürlich auf den Gegenstand, der das

Entzücken des heutigen Abends gewesen war. Alle waren einstimmig

darin, daß die Sängerin unübertrefflich sey, doch ein jeder wich

darin von dem andern ab, daß man sich nicht einigen konnte, worin

eigentlich ihre höchste Vollkommenheit bestände. So waren diese im

Grunde gleichgesinnten Bewunderer fast in Streit gerathen, denn

alle zugleich suchten ihre Meinung durch die triftigsten Gründe,

vorzüglich aber durch möglichstes Schreien zu beweisen. Doch das

Getümmel unterbrach sich plötzlich, denn der junge Mensch am Ende des

Tisches, der der Thür gegenüber saß, und von seinem Platz auf den

Corridor hinaus sehen konnte, stand unvermuthet auf, und verbeugte

sich gegen die Thür. Die Gesellschaft wurde aufmerksam und sah nach

der Gegend, wohin der junge Mensch gegrüßt hatte. Und siehe da, die

schöne Sängerin ging eben vorüber, und schien den jungen Mann recht

freundlich wieder zu grüßen. Die Gesellschaft erstaunte. Einige machten

Miene, schnell hinauszugehen, um den Anblick der reizenden Gestalt

noch einige Augenblicke länger zu genießen; das hatten auch schon

viele junge Stutzer gethan, und drängten sich ziemlich unartig um das

lieblich erröthende Mädchen. Verlegen sah sie sich nach dem Direktor

~Brückbauer~, der ihr folgte, um; dieser sprang dienstbeflissen

vor, bot ihr seinen Arm, und sprach mit seiner etwas schnarrenden

Stimme: „Erlauben Sie, meine Allertheuerste, daß ich Sie an den Wagen

führe.“ Sie reichte ihm graciös die Hand und verschwand den Blicken

unsrer Gesellschaft.

Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage · 第 19 / 35 题