Heldentod

Der Herr Stabsarzt hatte nicht verstanden. Er schüttelte ärgerlich den Kopf

und sah, über den Kneiferrand, fragend auf seinen Assistenten hinab.

Der blonde Oberarzt schwieg schüchtern und stramm, denn er hatte auch nicht

verstanden.

Nur der Bursche, am Fußende des Bettes, schien immer noch einigen Kontakt

zu haben mit den Wahnvorstellungen seines Herrn, denn auf den Spitzen

seines aufgewichsten Schnurrbartes glitzerten, wie aufgespießt, zwei

Tränentropfen. Aber der Bursche sprach nur ungarisch, und so ließ ihn der

Herr Stabsarzt mit einem halblauten »dummes Luder«, neben dem Bett stehen

und schob sich, gefolgt von der semmelblonden Schüchternheit, schwitzend

und pustend in der Richtung des Operationszimmers weiter.

Die ungeheuerliche Wattekugel, die, laut der Tafel über dem Bette, den Kopf

des Oberleutnants der Reserve Otto Kadar vom Feldartillerieregiment No

. . . . in ihrem Innern barg, sank, als die Ärzte gegangen waren, auf die

Kissen zurück. Miska setzte sich wieder auf seinen Rucksack, schnupfte die

Tränen hoch und dachte, den Kopf zwischen die großen, ungewaschenen Hände

gepreßt, verzweifelt über seine Zukunft nach. Denn, daß es mit dem Herrn

Oberleutnant nicht mehr lange dauern könne, darüber war er sich im klaren.

Er wußte ja, was unter der riesigen Wattekugel verborgen lag; hatte die

zertrümmerte Schädeldecke gesehen, und das fürchterliche graue Gekröse

unter den blutigen Splittern: das Gehirn des armen Herrn Oberleutnant, der

so ein gar guter Mensch und Vorgesetzter gewesen. Ein zweites Mal durfte er

auf so ein Mordsglück nicht hoffen. Ein zweites Mal gab es solch einen

seelenguten Herrn überhaupt nicht mehr! Die vielen, vielen Scheiben Salami,

die ihm der Herr Oberleutnant von seinem eigenen Vorrat immer geschenkt, --

die sanften, warmen Worte, die er ihn hatte jedem Verwundeten zuflüstern

hören, -- alle Erinnerungen der langen, blutigen Zeit, die er, fast als

Kamerad, an der Seite seines Herrn stumpfsinnig durchgelitten hatte,

stiegen jetzt in ihm auf. Er tat sich ganz furchtbar leid, der gute Miska,

in seiner grenzenlosen Wehrlosigkeit gegenüber der großen Kriegsmaschine,

in die er nun irgendwo von neuem hineingeworfen werden sollte, ohne der

sicheren Stütze des guten Herrn Oberleutnant an seiner Seite.

So kauerte er, den breiten Bauernschädel zwischen den Fäusten, wie ein

Hund, zu Füßen seines sterbenden Herrn, und auf den Spitzen seines, mit

Staub und Pomade festgekleisterten Schnurrbarts, spießten sich in sanfter

Folge die herabrollenden Tränen auf.

Ganz klar war es ja Miska auch nicht, warum der arme Herr Oberleutnant

immer wieder so furchtbar nach seinem Grammophon schrie. Er wußte nur, daß

die Herren im Unterstand gesessen, und sich vom Grammophon den

Rakoczymarsch hatten vorspielen lassen, als plötzlich die verdammte Granate

heranpfiff und dann alles in Rauch und Erde verschwand. Ihm selbst war ja

auch Hören und Sehen vergangen, denn ein losgerissenes Brett hatte ihn, wie

vom Himmel kommend, über den Rücken geschlagen, daß er hinfiel und eine

Ewigkeit nicht Atem holen konnte.

Dann . . . . dann, erinnerte sich Miska nur mehr, ganz unklar, an einen

unerhörten Haufen von zerhackten Brettern, eingestürzten Balken, an einen

Brei aus Sackfetzen, Beton, Erde, menschlichen Gliedern und viel Blut!

. . . . und . . . . an den Herrn Kadetten Meltzar, der immer noch aufrecht

dasaß, den Rücken gegen die Reste der Seitenwand gelehnt, mit der

Grammophonplatte, die eben noch den Rakoczymarsch gespielt hatte und die,

wie durch ein Wunder, ganz geblieben war, an der Stelle, wo eigentlich sein

Kopf hingehörte. Aber der Kopf war nicht da. Der Kopf war weg, ganz weg,

nur die schwarze Grammophonplatte stand, auch an die Wand gelehnt, direkt

auf dem blutigen Kragen. Das war schauderhaft gewesen! Kein Soldat hatte

Hand anlegen wollen an den sitzenden Körper, mit der Platte, die genau wie

ein Kopf auf dem Halse oben saß. Brr! . . . . Miska fühlte, wie's ihm kalt

über den Rücken lief bei der Erinnerung, und das Herz blieb ihm stehen vor

Schrecken, als just in diesem Augenblick der Herr Oberleutnant wieder zu

schreien anfing:

-- Grammophon! nur Grammophon! -- . . . .

Miska sprang auf, sah die große Wattekugel sich mühselig von den Kissen

lösen, sah das einzige Auge, das seinem Herrn geblieben war, gierig auf ein

unsichtbares Etwas geheftet, und stand beschämt da, wie ein Schuldiger, als

ihm aus allen benachbarten Betten unwillige Blicke zuflogen.

-- Das ist ja nicht zum aushalten! -- schrie ein schwerverwundeter Major

vom anderen Ende des langen Korridors, -- tragen Sie den Menschen doch weg!

--

Aber der Major sprach deutsch, und so stand Miska erst recht ratlos da,

wischte sich den Angstschweiß von der Stirne und meldete, -- da ihn sein

Herr ja doch nicht hören konnte, -- einem nebenan liegenden Leutnant, daß

das Grammophon kaput gegangen sei, in tausend Stücke kaput, sonst hätte er,

Miska, es gewiß nicht liegen lassen, sondern mitgebracht, wie alles, was

von den Sachen des Herrn Oberleutnant noch irgend aufzufinden gewesen.

Niemand gab ihm Antwort. Den ganzen langen Korridor entlang hatten die

Herren Offiziere, wie auf Kommando, die Köpfe unter die Kissen gesteckt,

die Decken über die Ohren gezogen; der alte Major wickelte sich sogar

seinen blutigen Mantel wie einen Turban um, bloß um das fürchterliche,

glucksende Lachen, das bald in Heulen, bald in wütende Schreie nach dem

Grammophon überging, nicht zu hören.

-- Herr Oberleutnant! . . . . Bitt' gehorsamst Herr Oberleutnant -- . . . .

bettelte Miska, und strich mit seinen großen, harten Pratzen ganz -- ganz

leise über die zuckenden Kniee seines Herrn.

Aber Herr Oberleutnant Kadar hörte ihn nicht. Fühlte auch die schwere Hand

nicht, die auf seinen Knieen lag. Denn ihm gegenüber saß immer noch der

Kadett Meltzar, auf dem Halse einen flachen, schwarzen, runden Kopf, in

welchen der Rakoczymarsch spiralförmig eingezeichnet war. Nun wurde es dem

Oberleutnant auf einmal sonnenklar, daß er dem armen Meltzar bitter Unrecht

getan hatte, sechs Monate lang! Was konnte denn der arme Teufel für seine

Dummheit, für die abgeschmackten patriotischen Floskeln? Wie hätte er mit

einer Grammophonplatte als Kopf vernünftig denken können? . . . . Der arme

Meltzar! . . . . Oberleutnant Kadar konnte einfach nicht begreifen, es

schien ihm unfaßbar, daß er nicht vor sechs Monaten schon, gleich als

Kadett Meltzar seine Einrückung zur Batterie meldete, dahinter gekommen

war, was man dem guten Jungen im Hinterlande angetan hatte! . . . .

Man hatte ihm den Kopf vertauscht! Den hübschen, blonden, achtzehnjährigen

Kopf abgeschraubt und mit einer zerkritzelten schwarzen Scheibe ersetzt,

die nichts konnte als den Rakoczymarsch krächzen, -- das war ja jetzt

erwiesen. Wie mußte der arme Junge gelitten haben, als ihm sein zwanzig

Jahre älterer Oberleutnant immer wieder lange Vorträge hielt über

Menschlichkeit! Mit der flachen, runden Scheibe, die man ihm aufgesetzt,

konnte er es natürlich nicht begreifen, daß die italienischen Soldaten, die

zerfetzt und blutig an der Batterie vorbei geführt wurden, auch viel lieber

zuhause geblieben wären, wenn nicht ein Plakat an einer Straßenecke sie

genau so gezwungen hätte alles stehen und liegen zu lassen, wie die

Mobilmachung in Ungarn die ungarischen Kanoniere.

Jetzt erst begriff Oberleutnant Kadar den unbändigen Trotz seines Kadetten.

Nun verstand er erst, warum der Junge, der ja sein Sohn hätte sein können,

die schönsten, klügsten Reden und Erklärungen stumm hatte über sich ergehen

lassen, um zum Schluß mit zusammengebissenen Zähnen den Rakoczymarsch zu

pfeifen, und immer wieder knirschend den stereotypen Satz zu murmeln:

»Totschlagen soll man die Hunde!«

Also nicht weil er so jung und dumm gewesen! Nicht weil er, vom Hofe der

Kadettenschule, schnurstracks ins Feld gekommen war. Die Grammophonplatte

hatte die Schuld. Die Grammophonplatte!

Oberleutnant Kadar fühlte die Adern wie Stricke anschwellen, das Blut wie

mit Hammerschlägen gegen die Schläfen pochen, so unbändig war seine Wut

gegen die Missetäter, die dem armen Meltzar den lieben Jungenkopf, den er

früher auf dem Halse getragen, heimtückischer Weise abgeschraubt hatten.

Und . . . . das war das gräßlichste an der Sache: er sah, wenn er jetzt an

seine Untergebenen und Offizierskameraden zurückdachte, alle genau wie den

armen Meltzar, ohne Kopf umherlaufen! Er preßte die Augen zusammen, wollte

sich die Gesichtszüge seiner Kanoniere wieder ins Gedächtnis rufen, . . . .

umsonst! Kein einziges Gesicht tauchte in seiner Erinnerung auf. Monate und

Monate hatte er im Kreise derselben Menschen verbracht, -- und kam jetzt

erst dahinter, daß keiner von allen einen Kopf auf dem Halse getragen!

Sonst hätte er sich doch entsinnen müssen, ob sein Feuerwerker einen

Schnurrbart gehabt hatte; ob der Geschützführer vom ersten Geschütz blond

oder brünett gewesen war. Aber nein! . . . . Nichts war ihm geblieben. Nur

Grammophonplatten sah er, schwarze, scheußliche, kreisrunde Scheiben auf

blutigen Blusen aufsitzend . . . . .

Die ganze Isonzogegend lag plötzlich, wie eine riesige topographische Karte

tief unter ihm, so wie er sie oft in illustrierten Zeitungen gesehen. Das

silberne Band des Flusses schlängelte sich durch Kappen und Hügel, und

Oberleutnant Kadar flog über das Gewimmel hinweg, ohne Motor und ohne

Flugzeug, nur von seinen ausgebreiteten Armen getragen. Und überall, wohin

seine Blicke fielen, auf jedem Hügel, jedem Berg, in jeder Mulde, sah er

die Schalltrichter von unzähligen Sprechapparaten in die Erde eingelassen.

Tausende und abertausende von jenen bekannten Füllhörnern aus himmelblauem

Blech, mit Goldkanten verziert, stierten mit geöffnetem Maul zu ihm empor.

Und um jeden solchen eingegrabenen Schalltrichter wimmelte ein

Ameisenhaufen von emsigen Kanonieren mit Patronen und Granaten.

Und nun sah es Oberleutnant Kadar ganz genau: alle trugen Grammophonplatten

auf dem Halse, wie der Kadett Meltzar. Nicht einer hatte seinen eigenen

Kopf auf! Wenn aber die Granaten heulend hinausflogen aus den himmelblauen

Trichtern, mitten hinein in einen Ameisenschwarm, dann brachen die flachen,

schwarzen Scheiben unter der Wucht der Sprengstücke krachend auseinander,

und verwandelten sich im selben Augenblick auch schon wieder in richtige

Menschenköpfe. Oberleutnant Kadar sah, aus der Höhe, das Gehirn aus den

zertrümmerten Platten quellen, sah die gleichmäßig gerippten Flächen sich

blitzschnell in fahle, leidende Menschenantlitze verwandeln.

Alle Geheimnisse des Krieges, alles, worüber der sterbende Oberleutnant

monatelang Nächte durchgrübelt hatte, schien jetzt mit einem Schlage

entschleiert. So war es also zu verstehen! Diese Leute bekamen offenbar

ihre Köpfe erst zurück, wenn es schon ans Sterben ging. Weit -- weit

rückwärts, irgendwo, wurden sie ihnen abgeschraubt, mit Platten ersetzt,

die nichts konnten, als den Rakoczymarsch spielen. So präpariert wurden sie

in die Züge gepfercht, kamen so erst an die Front, wie der arme Meltzar,

wie er selbst, wie alle . . . .

Von wütendem Zorn gepackt, schnellte die Wattekugel wieder in die Höhe.

Oberleutnant Kadar wollte aufspringen, den Leuten das Geheimnis verraten,

sie aneifern, ihre Köpfe zurück zu fordern. Jedem Einzelnen wollte er's ins

Ohr flüstern, auf der ganzen weiten Front: von Plava bis hinunter zum

Meere. Jedem einzelnen Kanonier und jedem einzelnen Infanteristen, und auch

den Italienern drüben! Auch denen wollte er es sagen. Auch denen hatte man

ja Platten auf die Hälse geschraubt. Auch die sollten zurück, zurück nach

Verona, nach Venedig, nach Neapel, wo ihre Köpfe aufgeschichtet lagen in

Magazinen, zur Aufbewahrung bis nach dem Kriege. Von Mann zu Mann wollte

Oberleutnant Kadar laufen, um jedem Einzelnen, Freund wie Feind, wieder zu

seinem Kopfe zu verhelfen!

Aber da merkte er auf einmal, daß er nicht gehen konnte. Auch mit dem

Fliegen war's vorbei! Mit dicken, eisernen Trossen waren seine Füße ans

Bett gefesselt worden, damit er das große Geheimnis nicht enthüllen könne.

Nun, dann wollte er es ausrufen, mit schmetternder, übermenschlich lauter

Stimme. Mit einer Stimme, die über das Heulen und Krachen der Granaten, von

Plava bis Triest, und hinüber nach Tirol, und bis ans Meer in Flandern, und

bis zum Persischen Golf hinunter, wie die Fanfare des jüngsten Gerichtes,

die Wahrheit verkünden sollte! Schreien wollte er, wie noch nie ein Mensch

geschrien hatte:

-- Grammophon . . . . . Holt die Köpfe! . . . . . Nur Grammophon! --

. . . . .

Da brach seine Stimme, mitten in seiner Heilsverkündung, mit einem

gurgelnden Schmerzenslaut plötzlich ab. Es tat zu weh! Er konnte nicht

schreien. Ihm war's, als bohrte sich bei jedem Worte, das er rief, eine

spitze Nadel tief in sein Gehirn ein.

Eine Nadel? . . .

Gewiß! Wie hatte er das vergessen können? Auch ihm war ja der Kopf

abgeschraubt worden. Auch er trug ja nur eine Grammophonplatte auf dem

Halse, wie alle andern. Wenn er sprechen wollte, grub die Nadel sich in

seinen Schädel und lief, erbarmungslos, über alle Windungen seines

Gehirnes.

Nein! Das konnte er nicht ertragen! Lieber wollte er schweigen. Das

Geheimnis für sich behalten. Nur nicht mehr diesen Schmerz, diesen

wahnsinnigen Schmerz im Kopfe! . . . .

Aber die Maschine lief weiter. Oberleutnant Kadar packte seinen Kopf mit

beiden Fäusten, krallte die Nägel tief in die Schläfen ein. Gelang es ihm

nicht, die verdammte Maschinerie rechtzeitig zum Halten zu bringen, dann

brach ihm sein eigener Kopf, immer weiter herumgedreht, unfehlbar das

Genick in kurzer Zeit!

Eisig perlte der Angstschweiß aus allen Poren.

-- Miska! -- schrie der Oberleutnant in höchster Not.

Aber Miska verstand nicht, was er tun sollte. Die Platte drehte sich weiter

und sang freudig schmetternd den Rakoczymarsch. Schon spannten sich alle

Sehnen, . . . . . immer wieder fühlte Oberleutnant Kadar den eigenen Kopf

seinen Händen entgleiten; . . . . . schon tauchte sein Rückgrat vor seinen

Augen auf! Mit einer letzten, rasenden Kraftanstrengung versuchte er noch

einmal in den Verband hinein zu greifen, den Kopf nach vorne zu pressen

. . . . . . Dann . . . . . dann noch ein fürchterliches Knirschen und

Stöhnen . . . . . und dann, dann ward es endlich mäuschenstill auf dem

langen Korridor.

Als der semmelblonde Assistenzarzt aus dem Operationszimmer zurückkam,

verriet ihm das Winseln Miskas von weitem schon, daß wieder ein Bett frei

geworden war auf der Offiziersabteilung. Der ungeduldige alte Major winkte

ihn, zum Überfluß, noch an sich heran, und verkündete mit respektvoll

vibrierender Stimme, laut, damit es alle Herren hören:

-- Der arme Teufel dort unten hat endlich ausgelitten. Als echter Ungar!

Mit dem Rakoczymarsch auf den Lippen. --

Menschen im Krieg · 第 8 / 9 题