Heimkehr

Durch die Blätter blinkte zum ersten Mal der See, und auch die

wohlbekannten grauen Kalkberge tauchten schon auf, griffen, wie drohende

Finger, über den Bahndamm tief ins Wasser hinein. Da, hinter dem

verrauchten, schwarzen Loch in der hellen Wand, gleich nach der Ausfahrt

aus dem kurzen Tunnel, guckte für einen Augenblick die Kirchturmspitze über

die Böschung, und ein Eckchen vom Schloß.

Johann Bogdán beugte sich weit zum Waggonfenster hinaus, mit gierigem

Blick, wie einer, der sein Inventar revidiert, gespannt und voller

Mißtrauen, ob ihm nichts abhanden gekommen, während seiner Abwesenheit. Bei

jeder erwarteten Baumgruppe nickte er befriedigt, die Richtigkeit der

Landschaft an dem Bilde messend, das er fest eingebrannt in der Erinnerung

trug. Alles klappte. Jeder Kilometerstein auf der großen Chaussee, die

jetzt neben dem Geleise einherlief, stand fest auf seinem Platze; eben

blitzte auch flammend die Rotbuche vorbei, an der die Racker immer

scheuten, und einmal auf's Haar den Wagen umgeworfen hätten.

Johann Bogdán tat einen tiefen, schweren Atemzug, fischte seinen winzigen

runden Spiegel aus der Tasche, und besah sich noch ein letztes Mal vor dem

Aussteigen sein Gesicht. Es schien ihm mit jeder Station häßlicher zu

werden. Die rechte Hälfte ging ja noch an: da war noch ein wenig von seinem

Schnurrbart übrig geblieben, und auch die Wange war leidlich glatt, bis auf

den schlecht verheilten Riß neben dem Mundwinkel. Links aber! . . . Über

die linke Seite hatte er sich was aufschwätzen lassen von der verdammten

Großstadtsippschaft, die im Krieg, genau wie in Friedenszeiten, doch nur

darauf aus war, arme Bauersleute zum Narren zu halten. Schurken waren sie

alle miteinander, der großartige Herr Professor sowohl wie die feinen

Damen, mit den schneeweißen Mänteln und den albernen, geschraubten

Redensarten. Es war, weiß Gott, kein Kunststück, einen einfältigen

Kutscher, der mit Ach und Krach das bischen Lesen und Schreiben erlernt

hatte, in eine Falle zu locken. Da haben sie ihn angegrinst und ihm schön

getan, und ihm das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und nun saß er

da, hilflos, sich selbst überlassen, -- ein verlorener Mann.

Mit einem wütenden Fluch riß er den Hut vom Kopfe und warf ihn neben sich

auf die Bank.

War das ein menschliches Gesicht? War es erlaubt, einen Menschen so

herzurichten? Die Nase wie aus kleinen, verschiedenfarbigen Würfeln

zusammengestückelt, der Mund verzogen, die ganze linke Wange aufgedunsen,

wie rohes Fleisch, so rot, und kreuz und quer von tiefen Narben durchzogen.

Abscheulich! Dazu an Stelle des Backenknochens eine langgestreckte Höhle,

so tief, daß ein Finger drin verschwand. Und dafür hatte er sich so quälen

lassen? Dafür hatte er sich siebzehnmal, wie ein geduldiges Schaf, in das

verfluchte Zimmer mit den Glaswänden, und den vielen, blitzenden Messern

hineinlocken lassen. Ein heißer Schauer lief ihm heute noch über den Rücken

bei der Erinnerung an die Qualen, die er zähneknirschend ertragen hatte,

nur um wieder ein menschliches Aussehen zu kriegen, und heimkehren zu

können zu seiner Braut.

Und nun war er da! Der Zug fuhr pfeifend aus dem Tunnel, die Kugelakazien

vor dem Häuschen des Stationsvorstehers grüßten zum Fenster herein. Grimmig

zerrte Johann Bogdán seinen schwerbepackten Rucksack durch den Korridor,

stieg zögernd die Treppen hinunter, und stand ratlos, hilfesuchend da, als

der Zug, der ihn gebracht hatte, hinter seinem Rücken davonfuhr.

Er zog sein großes, geblümtes Taschentuch hervor und trocknete den Schweiß,

der in dicken Perlen auf seiner Stirne stand. Was sollte er nun anfangen?

Warum war er überhaupt hergekommen? . . . . Nun, da er endlich den Fuß auf

den heißersehnten Heimatboden gesetzt, überfiel ihn mit einemmal rasendes

Heimweh nach dem Spital, das er am gleichen Morgen, vor wenigen Stunden

erst, jubelnd verlassen hatte. Er dachte an den langen Korridor mit den

vielen, in Verbände gewickelten Menschen, die alle humpelten, hinkten,

lahm, blind oder entstellt waren. Dort stieß sich längst niemand mehr an

seinem zerschundenen Gesicht. Im Gegenteil! Die meisten waren ihm neidisch,

weil er doch wenigstens arbeitsfähig geblieben war, seine gesunden Arme und

Beine behalten hatte, und das rechte Auge. Gar viele wären gerne bereit

gewesen mit ihm zu tauschen. So mancher hatte mißgönnische Bemerkungen

gemacht und es für ein Unrecht erklärt, daß der Staat ihm eine

Invalidenrente bewilligt, für das verlorene Auge. Ein Auge, und ein bisl

ein zerkratztes Gesicht, das war doch nichts gegen ein Holzbein, einen

lahmen Arm, oder eine durchschossene Lunge, die wie eine schlechte Maschine

pfiff und rasselte, bei jeder geringsten Anstrengung. Ein Glückspilz war er

im Kreise der vielen Krüppel gewesen. Eine Berühmtheit! Alle Welt kannte

dort seine Geschichte. Wer ins Spital kam, wollte vor allem den Johann

Bogdán sehen, der sich siebzehnmal operieren, die Haut sich in Streifen

hatte aus Rücken, Brust und Schenkeln schneiden lassen. Nach jeder neuen

Operation stand, -- wenn der Verband entfernt wurde, -- die Türe seines

Schlafsaales keinen Augenblick still, hundert Meinungen wurden abgegeben,

jedem Neuhinzugekommenen ausführlich erklärt, wie arg das Gesicht vorher

gewesen. Die wenigen, die von Anfang an mit Bogdán das Zimmer geteilt,

schilderten den früheren, grausigen Zustand mit einer Art Stolz, als hätten

sie Anteil an den wohlgelungenen Operationen. So war Johann Bogdán

allmählich fast eitel geworden auf seine fürchterliche Verwundung, auf die

Fortschritte, die seine Verschönerung machte, und hatte das Spital mit der

Erwartung verlassen, in seinem Dorf wie eine Sensation bewundert zu werden.

Und jetzt? . . .

Verwaist, allein mit seinem Rucksack und seinem Kofferl, überflutet vom

prallen Sonnenschein der ungarischen Tiefebene, vor sich das weitgestreckte

Dorf, fühlte Johann Bogdán sich jäh von Kleinmut überfallen, von einer

Angst, die er beim Heransausen der Granaten, vor Sturmangriffen auf Leben

und Tod, im grausamsten Handgemenge nicht gekannt. Tiefschürfende

Betrachtungen waren seinem trägen Bauernverstand, seiner, aus Trotz und

Eitelkeit roh zusammengezimmerten Natur, versagt. Aber ein instinktives

Unbehagen, das feindselige Mißtrauen, das ihn übermannte, sagten ihm

deutlich genug, daß er Enttäuschungen und Kränkungen entgegenging, von

welchen er sich im Spital nichts hatte träumen lassen. Kleinlaut lud er

sich sein Gepäck auf den Rücken und ging mit zögernden Schritten dem

Ausgange zu. Hier, im Schatten dieser verstaubten Akazien, die er, und die

ihn wachsen gesehen, fühlte er sich jäh mit seinem früheren Ich, mit dem

schönen Johann Bogdán, der hier als fescher Herrschaftskutscher bekannt

war, konfrontiert. Da waren alle Operationen und Flickereien den Teufel was

wert! Da gab es keinen anderen Vergleich, als den einen, schmerzlichen,

zwischen dem kecken, übermütigen Burschen, der hier am ersten

Mobilmachungstag mit heisergesungener Stimme seiner Marcsa ein letztes

Lebewohl zugerufen hatte, und dem Krüppel, der jetzt mit einem Auge,

zertrümmerter Kinnbacke, zerflicktem Gesicht und halbierter Nase vor

demselben Stationsgebäude stand, -- verbittert und niedergeschlagen, als

wäre ihm das Unglück an diesem Morgen erst zugestoßen.

Vor der kleinen Gittertüre schwatzte, mit der Lochzange in der Hand, die

Frau des Bahnwärters Kovacs, -- der seit Kriegsbeginn, irgendwo im

Russischen Dienst tat --, und wartete ungeduldig auf den letzten Passagier.

Johann Bogdán sah sie stehen, und sein Herz fing so heftig zu pochen an,

daß er unwillkürlich noch langsamer ging. Würde sie ihn erkennen, oder

nicht? Seine Knie knickten ein, wie plötzlich morsch geworden, und seine

Hand zitterte vor Erregung, als er ihr das Billet entgegenhielt.

Sie nahm es ihm ab und ließ ihn passieren; -- ohne ein Wort.

Dem armen Bogdán stockte der Atem. Er raffte seine ganze Kraft zusammen,

sah ihr mit seinem einzigen Auge fest ins Gesicht, und sagte, mühsam seine

Stimme festigend: -- Grüß Gott! --

-- Grüß Gott -- wiederholte die Frau. Er begegnete ihren Augen, sah sie

sich weiten, erstarren, über sein zerschundenes Gesicht tasten, und dann --

schnell über ihn hinwegschauen, als könnte sie den Anblick nicht ertragen.

Schon wollte er stehen bleiben, da merkte er, daß ihre Lippen bebend ein

lautloses »Jesus Maria« stammelten, als wäre er der leibhaftige

Gottseibeiuns. Und taumelnd, gekränkt, ging er weiter.

-- Nicht erkannt! -- hämmerte das Blut ihm in den Ohren, -- Nicht erkannt.

Nicht erkannt! -- Er schleppte sich bis zur Bank gegenüber dem

Stationshaus, warf sein Gepäck ab und sank nieder.

Nicht erkannt! Die Frau des Bahnwärters Kovacs, den Johann Bogdán nicht

erkannt. Das Haus ihrer Eltern grenzte an sein Elternhaus, sie waren

mitsammen zur Schule gegangen, mitsammen konfirmiert worden; er hatte sie

in den Armen gehalten, sie abgeküßt, weiß Gott, wie oft, ehe der Kovacs ins

Dorf kam und um sie warb. Und sie hatte ihn nicht erkannt. Auch nicht an

der Stimme, -- so verändert war er!

Unwillkürlich warf er noch einen Blick hinüber, sah sie eifrig auf den

Stationsvorsteher einsprechen, und erriet aus ihren Geberden, daß sie von

dem schauderhaften Anblick erzählte, von dem greulich entstellten, fremden

Soldaten, den sie eben gesehen. Er stieß einen kurzen, krächzenden Laut

aus, einen mißglückten Fluch, dann fiel sein Kopf vornüber, und er heulte

los, wie ein verlassenes Weibsbild.

Was sollte er nun anfangen? Hinaufgehen ins Schloß, die Tür aufstoßen zum

Gesindehaus, und der verblüfften Marcsa ein patziges »Grüß Gott« zurufen?

. . . Ja, so hatte er sich's gedacht. Hatte sich, weiß der Teufel wie oft,

-- das Bild ganz genau ausgemalt: das Aufkreischen der Mägde, den

Freudenschrei seiner Braut, ihren Sprung an seinen Hals, und die tausend

Fragen, die sich über ihn ergießen würden, während er, die Marcsa auf den

Knieen, nur so nebenher, dann und wann, eine Antwort gäbe der andächtig

lauschenden Gesellschaft.

Wo war das jetzt alles? . . . Zur Marcsa gehen? Er? . . . Mit diesem

Gesicht, vor dem die Bahnwärters Juli sich bekreuzigt? . . . War die Marcsa

nicht im ganzen Komitat berüchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer

Hochnäsigkeit? Schockweise hatte sie die Männer abblitzen lassen, alle

ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn

vergaffte.

Johann Bogdán stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zähne tief

ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen

überwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Händen und versuchte

nachzudenken.

Nie war ihm in seinem Leben irgend etwas schief gegangen, überall hatte man

ihn gut leiden können, in der Schule, bei der Herrschaft im Schloß, und

auch beim Militär. Als hübscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter

Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er,

vergnügt vor sich hin pfeifend durch's Leben gegangen, gewöhnt, die Weiber

geschmeichelt lächeln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen großmütig

eine Kußhand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas länger gedauert;

aber die war ja auch weit und breit als das schönste Mädel berühmt, und

selbst der gnädige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft,

als sie sich verlobten.

-- Ein schönes Paar! -- hatte der Herr Pfarrer gesagt.

Tastend fischte Johann Bogdán seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche

und sank zusammen, erdrückt von einer tiefen, wehmütigen Traurigkeit. Das

sollte nun der Bräutigam der schönen Marcsa sein? Was hatte dieses

Affengesicht, dieses zerflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte

Gauner, der Betrüger, der sich einen berühmten Professor schimpfen ließ, da

zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdán zu tun, mit _dem_ Johann

Bogdán, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben

hatte, als es losging. Für die Marcsa gab es nur _einen_ Johann Bogdán, der

war Herrschaftskutscher und der schönste Mann im Dorf. War er noch

Herrschaftskutscher? . . . Der gnädige Herr wird sich hüten, sein schönes

Zeugel mit so einer Vogelscheuche zu verschandeln und in die

Komitatshauptstadt hineinzufahren mit einer Fratze auf dem Bock! Zum Heuen

wird man ihn schicken, zum Ausmisten im Stall. Und die Marcsa, die schöne

Marcsa, um die sich alle Männer reißen, sollte die Frau eines elenden

Taglöhners werden?

Nein, das fühlte Johann Bogdán ganz genau, für die Marcsa war der Mensch,

der da auf der Bank saß, nicht der Johann Bogdán mehr. Sie wird ihn nicht

mehr haben wollen, so wenig die Herrschaft ihn wieder auf den Bock setzen

wird. Ein Krüppel bleibt ein Krüppel, und die Marcsa hat sich mit dem

Johann Bogdán verlobt, und nicht mit dem Kinderschreck, den er ihr jetzt

nach Hause brachte.

Seine Traurigkeit wich allmählich einer unbändigen Wut gegen das

Großstadtgesindel, das ihn beschwatzt, ihm weiß Gott was aufgebunden hatte.

Stolz sein sollte die Marcsa, weil er im Dienste des Vaterlandes entstellt

worden war? Stolz? Haha!

Er lachte höhnisch auf, und seine Finger krampften sich um den

vermaledeiten Spiegel, bis er in tausend Scherben brach, und ihm die Hand

zerschnitt. Das Blut tropfte langsam in den Ärmel, ohne daß er es merkte,

so groß war sein Grimm gegen das vornehme Weiberpack im Spital, das ihn mit

solchem Gewäsch ganz um seinen Verstand gebracht hatte. Die dachten wohl,

für eine Bauerndirne wäre auch ein Mann mit einem Auge und halber Nase noch

gut genug? Vaterland? . . . Ging sie denn mit dem Vaterland zum Altar?

Konnte sie mit dem Vaterland Staat machen, wenn ihr die Weiber mitleidig

nachschauten? Kutschierte das Vaterland mit fliegenden Bändern auf dem Hut

durch das Dorf? Lächerlich! . . .

Hier auf der Bank, mit dem Stationshaus und der Aufschrift vor Augen, die

in einem einzigen Wort, einem kurzen Namen, sein ganzes Leben, alle seine

Erinnerungen, Hoffnungen und Erlebnisse zusammenfaßte, fiel Johann Bogdán

ganz plötzlich der lahme Peter ein, der in dem verfallenen Häuschen hinter

der Mühle logiert hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind

gewesen. Er sah ihn ganz deutlich vor sich stehen, mit seinem klappernden

Stelzfuß und seinem verhungerten, traurigen Gesicht. Der hatte auch sein

Bein hingeopfert »für's Vaterland«, -- in Bosnien unten, während der

Okkupation, und mußte dann allein in der alten Hütte hausen, verspottet von

den Kindern, die seinen Gang nachmachten; übellaunig geduldet von den

Bauern, die es ihm nachtrugen, daß er der Gemeinde zur Last fiel, und von

ihrem Gelde lebte. »Im Dienste des Vaterlandes?« -- -- -- -- Nie hatte

jemand vom Vaterland gesprochen, wenn der lahme Peter vorbeikam. Man nannte

ihn verächtlich den Dorfarmen, und damit basta.

Johann Bogdán preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten, vor Ärger

darüber, daß ihm der Peter nicht im Spital schon eingefallen war. Dann

hätte er den Städtischen tüchtig seine Meinung gesagt über ihr dummes

Geschwätz vom Vaterland, und von der großen Ehre, wie ein Aff' heimzukehren

zur Marcsa. Wenn er jetzt den Professor hätte in die Krallen kriegen

können! Photographiert hatte ihn der Betrüger, -- und nicht _einmal_ nur,

-- ein dutzend Mal wenigstens, von allen Seiten; nach jeder Schinderei von

neuem; als wäre ihm weiß Gott was für ein Kunststück gelungen. Und nun

hatte ihn nicht einmal die Bahnwärter Juli erkannt -- die Bahnwärter Juli

-- -- ein Nachbarskind! . . . .

So tief versunken war Johann Bogdán in seinen Kummer, so verbissen in

grimmige Rachepläne, daß er den Mann, der seit einigen Minuten schon vor

ihm stand, und ihn neugierig prüfend von allen Seiten begaffte, gar nicht

sah. Eine Hitzwelle flog ihm ins Gesicht, und sein Herz blieb stehen vor

freudigem Schreck, als ihn plötzlich eine Stimme aus seinem Brüten weckte:

-- Bist du's, Bogdán?

Er fuhr auf, selig, doch noch erkannt zu werden, und runzelte tief

enttäuscht die Stirne, als er den buckligen Mihály vor sich stehen sah. Im

ganzen Dorf, im ganzen Komitat, gab es keinen zweiten Menschen, dem Johann

Bogdán nicht in aufquellender Dankbarkeit herzlich die Hand geschüttelt

hätte in diesem Augenblick. Mit dem Buckligen aber wollte er nichts zu tun

haben. Jetzt schon gar nicht! Der Kerl bildete sich am Ende ein, einen

Kameraden an ihm gewonnen zu haben, und war wohl froh, nicht mehr der

einzige Krüppel im Ort zu sein.

-- Nun ja, ich bin's. Was gibt's weiter? --

Der Bucklige wühlte mit seinen kleinen, stechenden Augen neugierig in

Bogdáns narbendurchfurchtem Gesicht und schüttelte mitleidig den Kopf:

-- Aa, dich hat der Russ' ja nett zugerichtet.

Wie ein kläffender Köter schnaubte ihn Bogdán an:

-- Geht dich nichts an! Hast was zu reden, du! Wär' ich aus 'm Mutterleib

schon so zugerichtet auf die Welt kommen, mit dem Bauch auf dem Rücken, wie

du, hätt' mir der Russ' nichts tun können.

Der Bucklige setzte sich ruhig neben ihn hin, ohne auch nur im geringsten

gekränkt zu sein.

-- Höflicher bist du nicht geworden im Krieg, Bogdán, -- das merke ich

schon, -- sagte er trocken. -- Bist nicht in rosiger Stimmung, kann's mir

denken. Ja, so geht's! Die armen Leut müssen ihre gesunden Knochen

hergeben, damit der Feind den Reichen nichts von ihrem Überfluß wegnimmt!

Kannst noch froh sein, daß du so davon gekommen bist.

-- Bin ich auch, -- knurrte Bogdán, mit einem gehässigen Seitenblick. -- Ob

arm oder reich fragt die Granate nicht. Da liegen Grafen und Barone draußen

und faulen in der Sonne, wie hingeworfenes Aas. Wen unser lieber Hergott

nicht schon in der Wiege geschlagen hat, daß er nicht zum Mann, und nicht

zum Frauenzimmer taugt, der ist jetzt im Feld, ob er nun arm ist wie eine

Kirchenmaus, oder gewohnt ist aus goldenen Schüsseln zu essen.

Der Bucklige räusperte sich, und zuckte die Achseln:

-- 's gibt Solche und Solche, -- meinte er; wollte noch was hinzufügen,

besann sich aber eines besseren, und schwieg. Dieser Bogdán war immer schon

eine elende Lakaiennatur gewesen, stolz darauf, den hohen Herren dienen zu

dürfen. Fühlte sich solidarisch mit seinen Unterdrückern, weil er in

verschnürten Joppen mit silbernen Knöpfen zu ihrem Glanze beitragen durfte.

Nun hatten sie ihn vor die Kanonen gehetzt, damit er ihren Reichtum

verteidigen half, und der Kerl saß da, entstellt, mit einem Auge nur, und

ließ noch immer nichts auf die gnädigen Herrschaften kommen. Gegen solche

Dummheit konnte man nichts ausrichten. Es war schade um jedes Wort.

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander. Bogdán stopfte umständlich

seine Pfeife, und der andere sah ihm interessiert zu.

-- Gehst ins Schloß hinauf? -- frug vorsichtig der Bucklige, als die Pfeife

endlich brannte.

Johann Bogdán wußte ganz genau, wohin der verhaßte Kerl hinaus wollte. Er

kannte ihn ja. Ein Sozi war der! So ein Hallunke, der die armen Leute um

ihr Brot bringt, mit seinem dummen Geschwätz. Genau wie ein schlechter

Hund, der die Hand beißt, die ihn füttert. Er hatte in der Ziegelei als

Aufseher sein schönes Auskommen gehabt, und zum Dank die ganze

Arbeiterschaft gegen die Herrschaft aufgehetzt, bis sie den doppelten Lohn

forderten, und das Schloß anzünden wollten an allen vier Ecken. Auch bei

ihm hatte er schon einmal sein Glück versucht, hatte den gnädigen Herrn

schlecht machen wollen. Aber da war er an den Richtigen gekommen! Ein paar

Ohrfeigen rechts und links und ein tüchtiger Fußtritt dazu war die Antwort

gewesen, damit er's nicht noch einmal versucht, den Johann Bogdán zu einem

Sozi zu machen, zu solch' einem Spitzbuben, der keinen Herrgott und kein

Vaterland kennt.

Der andere rutschte unruhig hin und her auf der Bank, warf ab und zu von

der Seite her einen prüfenden Blick auf seinen Nachbarn, faßte sich endlich

ein Herz und sagte ganz plötzlich:

-- Sie werden ja wohl froh sein um dich, da oben. Deine Arme sind doch ganz

geblieben, und sie können Leute brauchen in der Fabrik.

Bogdán rümpfte die Nase.

-- In der Ziegelei? -- -- frug er wegwerfend.

Der Bucklige lachte laut auf:

-- Ziegelei? warum nicht gar. Wer braucht denn Ziegel im Krieg? Ziegelei

gibt's längst nicht mehr, mein Lieber. Da werden jetzt Granathülsen

fabriziert. Siehst du die Waggons dort drüben? Das ist alles voll mit

Granathülsen. Jeden Samstag geht ein ganzer Zug von hier ab.

Interessiert hörte Bogdán zu. Das war was Neues. Eine Änderung auf dem Gut,

von der er noch nichts wußte.

-- Siehst du, das ist alles so hübsch eingeteilt, -- erzählte der andere

weiter, und lächelte spöttisch, -- der eine geht hinaus und läßt sich den

Schädel kaput schlagen, der andere bleibt schön daheim, fabriziert

Granathülsen, und tapeziert sein Schloß mit Tausendkronenscheinen. Mir

kann's ja recht sein. --

-- Sollen wir vielleicht mit Erbsen schießen, he, oder mit der Luft? Ohne

Granaten kannst keinen Krieg führen. Die sind genau so nötig wie die

Soldaten. --

-- Stimmt! Und weil die reichen Herren die Wahl haben, so lassen sie dich

deinen Kopf hinaustragen. Was kriegst denn für dein Aug? Hundert Kronen im

Jahr? Oder gar hundertfünfzig? Und die andern, die von den Raben gefressen

werden, haben nicht einmal so viel vom Krieg. Der gnädige Herr da droben

verdient aber jeden Tag seine paar Tausender, und riskiert nicht einmal

seinen kleinen Finger dabei. So wär ich auch gern Patriot. Kannst es mir

glauben! Anfangs hieß es ja natürlich, er ginge ins Feld. Ist auch

großartig abgefahren. Aber drei Wochen später war er schon wieder da, mit

Monteuren und Maschinen, und jetzt hält er schöne Reden, drinnen im

Komitatshaus, schickt die andern sterben und ist auch noch der Hahn im Korb

bei ihren Frauen. Stopft sich die Taschen voll, und tätschelt alle Mädel ab

in der Fabrik. Ist ja der einzige richtige Mann weit und breit.

Unwillig, mit gerunzelter Stirne ließ Bogdán die Rede über sich ergehen.

Nur der letzte Satz machte ihn stutzig. Er horchte auf, wurde unruhig, und

kämpfte eine Weile heldenhaft gegen die Frage, die ihm auf den Lippen

brannte. Dann konnte er endlich doch nicht mehr an sich halten und platzte

heraus:

-- Ist -- -- die Marcsa auch oben in der Fabrik?

In den Augen des Buckligen blitzte es auf:

-- Die schöne Marcsa! Das glaub' ich! Vorarbeiterin ist sie geworden. Man

sagt zwar, daß sie noch nie eine Hülse in der Hand gehabt hat, -- dafür

haben aber die Hände des gnädigen Herrn -- -- --

Mit einem kurzen, heiseren Krächzen fuhr ihm Johann Bogdán an die Gurgel,

preßte ihm den Adamsapfel in die Kehle hinein, hielt ihn fest in

unbarmherziger Umklammerung, bis er, um sich schlagend, mit angstvoll

hervorquellenden Augen, glucksend und blau im Gesicht hinschlug, und

röchelnd liegen blieb. Dann kramte Bogdán eilig sein Zeug zusammen und

marschierte los, weit ausgreifend, mit riesigen Schritten, als könnte er

was versäumen oben im Schloß.

Keinen Blick warf er mehr auf den buckligen Mihály, wandte sich kein

einzigesmal um, zog ruhig weiter, und fühlte noch lange die warme Kehle in

seiner Hand.

Was war ihm denn ein Mensch, der röchelnd auf der Straße lag? Ein Mensch

mehr oder weniger! -- An Tausenden war er so vorbeigezogen, in der

schaukelnden Gleichmäßigkeit der marschierenden Kolonne, stumpfsinnig vor

Müdigkeit, ohne daran zu denken, daß die dichtgesäten, grauen Flecke in den

Wiesen, die Klumpen, die, wie Dunghaufen im Frühjahr, auf Schritt und Tritt

die Straße säumten, Menschen waren, die der Tod hingelegt. Gewatet waren

sie in Toten, dort bei Kielce, als es über das Feld ging, wo aus jeder

Furche erdgraue Hände in die Luft krallten, blutgetränkte Hosenbeine und

verzerrte Gesichter aus dem Boden wuchsen, als krabbelten alle Toten aus

den Gräbern zum jüngsten Gericht. Gestolpert waren sie damals über Leichen;

dem dicken, kleinen Reserveleutnant war es sogar totenübel geworden, zur

großen Belustigung seines Zuges, weil ein schon halbverfaulter Russe, dem

er versehentlich auf die Brust getreten, unter ihm einbrach, so daß er den

Fuß kaum wieder frei bekam aus dem verpesteten Loch. Lächelnd erinnerte

sich Johann Bogdán an die boshaften Scherze der Kompagnie über den

leichenblassen Offizier, der, an einen Baum gelehnt, den heiligen Ulrich

anrief, wie einer, der tüchtig über den Durst getrunken hat.

Glühend leuchtete die Landstraße in der Mittagsonne. Im Dorf schlug die

Turmuhr zwölf; drüben vom Hügel ertönte, wie als Antwort, das tiefe Summen

der Fabrikspfeife, und ein weißes Wölkchen stieg über die Baumwipfel.

Bogdán beschleunigte seine Schritte, lief mehr, als er ging, ohne sich um

die Schweißtropfen zu scheren, die ihm kitzelnd über den Nacken perlten.

Fast ein volles Jahr lang hatte er Spitalsluft geatmet, nur Dächer und

Mauern gesehen und Lysol und Jodoform gerochen. Wollüstig zog seine Lunge

den Duft der blühenden Wiesen ein, und seine Sohlen klatschten kräftig auf

die Straße, als marschierte er wieder in Reih und Glied. Seit dem Tage

seiner Verwundung war dies sein erster Gang; die erste Landstraße seit den

wilden Gefechtsmärschen im Russischen. Zuweilen schien es ihm, als hörte er

die Kanonen rollen. Der kurze Kampf mit dem buckligen Lumpen hatte sein

Blut in Wallung gebracht; und seine Kriegserinnerungen, von der öden

Eintönigkeit des Lazarettlebens, wie von einer dichten Staubschichte

überdeckt, wirbelten jäh wieder auf.

Fast reute es ihn, den verdammten Hallunken zu früh freigegeben zu haben!

Eine Minute länger, -- und er hätte sein Lästermaul nie wieder aufgetan.

Hätte den Kopf erschöpft zur Seite gelegt, mit auseinandergespreizten

Fingern noch einmal sehnsüchtig die Luft umarmt, und wäre dann blitzschnell

zusammengeschrumpft, genau wie der struppige, dicke Russe, mit den großen,

blauen Augen, der als erster, mit einem schönen Gruß vom Johann Bogdán,

beim heiligen Petrus vorsprach. Dem hatte er die Kehle nicht mehr locker

gegeben, ehe er das Gezappel nicht ganz sein ließ! Mausetot hatte er den

gewürgt. Und war doch ein ganz possierlicher Kerl gewesen, lange nicht so

widerlich, wie dieser bucklige Schuft. Aber freilich, er war der erste

Feind, den er zu packen bekommen; sein allererster Ruß! Eine stattliche

Reihe war gefolgt, aber erwürgt hatte er nur diesen einen. Mit dem Kolben

niedergeschmettert, mit dem Bajonett erstochen, mit den Stiefeln

zertrampelt sogar, den Hallunken, der ihm seinen liebsten Kameraden vor den

Augen niederschlug. Aber erwürgt hatte er keinen mehr. Darum war ihm der

kleine Dicke so in der Erinnerung geblieben! Von den andern wußte er nichts

mehr. Sah nur einen Knäuel von graugrünen Uniformen, und das Knirschen,

Stampfen, Röcheln und Fluchen des Handgemenges klang ihm wirr ins Ohr, wenn

er an seine Heldentaten dachte. Wie viele er wohl so ins Jenseits

geschickt? Der liebe Gott mochte sie gezählt haben. Er selbst hatte genug

damit zu schaffen, sich die Kerle vom Leibe zu halten. Wer sich da erst

lange umschauen wollte, wäre die längste Zeit neugierig gewesen.

Und doch! Da war noch ein zweites Gesicht, das er sich auch genau gemerkt

hatte. So ein großer, hagerer Kerl, lang wie eine Hopfenstange, mit großen,

gelben Hauern im Mund, die er wie ein Eber fletschte. Ja, an den erinnerte

er sich noch, als wär's erst gestern gewesen. Er sah ihn stehen, halb schon

an die Wand gepreßt, das Gewehr über dem Kopfe schwingend. Noch ein

Augenblick, und der Kolben wäre niedergesaust! Aber um dem Bogdán

zuvorzukommen, dazu war so ein schläfriger Ruß noch lange nicht der rechte.

Ehe er noch zuschlagen konnte, hatte er das Bajonett schon zwischen den

Rippen, fiel hintenüber auf sein Gewehr. Durch und durch war ihm das

Bajonett gegangen, hinter ihm noch in die Wand gefahren, auf ein Haar wäre

es abgebrochen. Das passierte aber kein zweitesmal! Das war nur geschehen,

weil er zu stark zugestoßen hatte, mit zusammengebissenen Zähnen, die

Finger krampfig um den Schaft gekrallt, aus voller Kraft, als gälte es

Eisen zu zerschneiden. Er hatte eben noch nicht gewußt, daß es gar nicht so

schwer war, einen Menschen niederzumachen; war auf weiß Gott was für einen

Widerstand gefaßt gewesen, und entsann sich ganz genau, daß ihm der Mund

offen stehen geblieben war vor Erstaunen, wie das Bajonett so glatt

hineinfuhr in den langen Kerl, als hätte er in Butter gestochen. Wer das

noch nie probiert hat, denkt, der Mensch wäre ganz aus Knochen, holt weit

aus, und kann nachher schauen, wie er sein Gewehr wieder frei kriegt, ehe

einer von den struppigen Teufeln seine Wehrlosigkeit ausnützt. Ganz leicht

mußte man ansetzen, mit einem kurzen, ruckartigen Stoß, dann lief das Ding

ganz von selbst hinein, wie ein gutes Pferd, -- man hatte ordentlich Mühe,

es zurückzuhalten. Das wichtigste war: den Feind nicht aus dem Auge zu

lassen! Nicht aufs Bajonett durfte man starren, nicht dorthin, wohin man

stechen wollte. Immer dem Gegner ins Aug, um seine Parade rechtzeitig

erraten zu können. Aus den Gesichtszügen mußte man den richtigen Augenblick

zum Zurückweichen abpassen. Sie machten es ja alle ganz gleich: alle aufs

Haar so wie der Erste, der lange, wilde Kerl mit den gefletschten Zähnen.

Mit einemmal wurde ihr Gesicht ganz glatt, als hätte das kalte Eisen im

Leib ihre ganze Wut abgekühlt, rissen erstaunt die Augen auf und blickten

zum Feind hinüber, als wollten sie vorwurfsvoll die Frage an ihn richten:

»Was machst du denn?« Dann griffen sie gewöhnlich ins Bajonett hinein,

zerschnitten sich überflüssigerweise noch die Hände, ehe sie hinfielen. Wer

da nicht genau Bescheid wußte, die Waffe nicht rechtzeitig anhielt und

schnell aus der Wunde herauszog, in dem Moment, da er die Augen groß werden

sah, wurde mit umgerissen, oder bekam von irgendwoher einen Kolbenschlag

über den Kopf, lange ehe es ihm gelang loszukommen. Alles das hatte Johann

Bogdán gar oft besprochen mit den Kameraden, wenn nach harten Gefechten

Kritik geübt wurde an den Gefallenen, die sich dumm gestellt, und ihre

Ungeschicklichkeit mit dem Leben bezahlt hatten.

Mit Riesenschritten vorwärts eilend auf dem wohlbekannten Wege hügelan zum

Schloß, war er jetzt gleichsam untergetaucht in seinen Erinnerungen. Seine

Beine liefen von selbst, wie Pferde auf dem Heimweg. Er passierte das

offene Gittertor, und ging schon auf gekiesten Wegen, den Kopf auf der

Brust, ohne zu ahnen, daß er angekommen war.

Pferdewiehern riß ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr auf und blieb stehen,

von tiefer Rührung gepackt, als er, wenige Schritte weit, das Stallgebäude

erblickte, und drinnen, im Dämmerlicht, schimmernd hell die Krupp seines

geliebten Schimmels. Schon wollte er abschwenken, auf die Stalltüre zu; da

tauchte, weit unten, am anderen Ende des großen Platzes, ein Frauenzimmer

auf. Es kam von der Ziegelei her, ein rotgetupftes, seidenes Tuch auf dem

Kopfe, die pralle Büste hochaufgerichtet, mit einem herausfordernden Wiegen

in den Hüften, daß die weiten Röcke wie reife Halme wogten.

Johann Bogdán stand starr, als hätte ihn jemand vor die Brust gestoßen. Das

war die Marcsa! So ging kein zweites Mädel im ganzen Komitat. Er warf sein

Gepäck auf die Erde und stürmte los.

-- Marcsa! Marcsa! -- klang es schmetternd hell über den weiten Hof.

Das Mädel wandte sich um und ließ ihn herankommen, neugierig, mit

zusammengekniffenen Augen. Drei Schritt weit blieb Bogdán stehen.

-- Marcsa! -- wiederholte er flüsternd, den Blick angstvoll auf ihr Gesicht

geheftet. Er sah sie blaß werden, kreideweiß; sah ihre Augen unruhig hin

und her hüpfen, von seiner linken Wange zur rechten hinüber und wieder

zurück. Dann kam ein Grauen in ihre Augen, sie schlug die Hände vor's

Gesicht und lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen.

Tief traurig starrte ihr Bogdán nach. Genau so hatte er sich das

Wiedersehen vorgestellt; so, und nicht anders, seit die Bahnwärtersfrau,

das Nachbarskind, ihn nicht erkannt. Nur daß sie davonlief, wurmte ihn! Das

hatte sie nicht nötig. Johann Bogdán war nicht der Mann, der einem

Frauenzimmer Gewalt antat. Gefiel er ihr nicht mehr, so wie er geworden

war, nun dann konnte sie sich einen Anderen suchen, und er würde schon auch

noch Eine finden, darum war ihm nicht bange. Das wollte er ihr auch sagen.

In großen Sätzen sprang er ihr nach, erwischte sie bei der Hand, als sie

nur mehr wenige Schritte vom Maschinenhaus trennten.

-- Warum laufst du davon? -- knurrte er sie an, atemlos. -- Brauchst nur zu

sagen, wenn du mich nicht mehr willst. Meinst ich freß' dich auf? . . .

Sie starrte ihn an, forschend, -- unsicher. Fast tat sie ihm leid, so arg

zitterte ihr ganzer Körper.

-- Wie siehst du aus? -- hörte er sie stammeln, und wurde rot vor Zorn.

-- Hab's dir ja schreiben lassen, daß mich eine Granate erwischt hat, hast

gemeint ich bin schöner geworden? Sag's nur grad raus, wenn du mich nicht

mehr willst. Reinen Wein will ich haben! Ja, oder nein? Ich werde dich

nicht zwingen zum heiraten. Sag's nur gleich: ja oder nein!

Marcsa schwieg. Es war irgend etwas in seinem Gesicht, in seinem einzigen

Auge, das ihr den Atem nahm, wie mit kalten Fingern in ihren Eingeweiden

wühlte. Sie schlug die Augen nieder und stotterte:

-- Du hast ja noch gar keine Stellung. Wie können wir heiraten? . . . .

Mußt erst den gnädigen Herrn fragen ob er . . . .

Johann Bogdán war's, als fiele ein roter Vorhang, aus Feuer gewoben, vor

seine Augen. Der Herr? . . . . Was sprach sie vom Herrn? . . . . Er dachte

an den Buckligen, und fühlte mit einem Schlag, daß der Hallunke nicht

gelogen hatte. Wie eine glühende Zange umklammerten seine Finger ihr

Handgelenk, daß sie aufschrie vor Schmerz.

-- Der Herr? -- . . . . brüllte Bogdán, -- was hat der gnädige Herr

zwischen dir und mir zu suchen? Ja oder nein? Antwort will ich! Der Herr

hat da nichts zu schaffen, zwischen uns.

Marcsa richtete sich auf. Mit einemmal kam eine merkwürdige Sicherheit über

sie. Ihre Wangen bekamen wieder Farbe, ihre Augen funkelten stolz.

Hochmütig, wie er sie immer gekannt, stand sie da, den Kopf herausfordernd

in den Nacken geworfen.

Bogdán sah die Änderung, sah, daß ihr Blick über seine Schultern

hinwegging, ließ sie fahren, und wandte sich blitzschnell um. Es war so,

wie er sich's gedacht hatte: aus dem Maschinenhause trat soeben der gnädige

Herr, gefolgt vom alten Tóth, seinem Waldhüter. Wie eine Katze war die

Marcsa vorbeigehuscht, stürzte zum Herrn hin, beugte sich nieder und küßte

ihm die Hand.

Bogdán sah sie herankommen, zu dritt, senkte den Kopf, wie ein Widder zum

Angriff. Eine entschlossene, kalte Ruhe stieg langsam in ihm hoch, wie im

Schützengraben, wenn der Hornist zum Angriff blies. Er fühlte die Hand des

gnädigen Herrn seine Schulter berühren, und wich einen Schritt zurück. Was

sollte das alles? Der Herr sprach von Tapferkeit und Vaterland, lauter

überflüssiges Zeug, das nichts mit der Marcsa zu schaffen hatte! Er ließ

ihn sprechen, ließ die Worte auf sich niederprasseln, wie Regen, ohne sich

um ihren Sinn zu kümmern. Sein Blick irrte unruhig hin und her, vom Herrn

zur Marcsa und zum Waldhüter, bis er an etwas Glänzendem neugierig haften

blieb.

Es war der vernickelte Knauf am Hirschfänger, den der alte Waldhüter an

seiner Seite trug, der funkelnd die Sonne spiegelte.

-- Wie ein Bajonett, -- -- dachte Bogdán; und der Einfall durchzuckte ihn,

das Ding aus der Scheide zu reißen, und dem Luder, der Marcsa in den Leib

zu rennen, bis zum Heft. Aber ihre runden Hüften, die bauschigen, bunten

Röcke machten ihn irre. Mit Weibern hatte er im Krieg nie zu schaffen

gehabt. Er konnte sich's nicht recht vorstellen, wie das wäre, wenn man da

hineinstieße. Sein Blick glitt auf den Herrn zurück, und nun bemerkte er,

daß er ihn in Harnisch gebracht hatte, mit seinem verstockten, trotzigen

Schweigen.

-- Er fletscht die Zähne, -- fiel ihm ein, -- genau wie der lange Ruß! --

Und er lächelte fast bei der Vorstellung, wie auch der gnädige Herr gleich

ein glattes Gesicht bekäme, und erstaunt, fragende Augen. Sprach er da

nicht gerade von der Marcsa? Was ging ihn die an?

Trotzig richtete sich Bogdán auf.

-- Mit der Marcsa ordne ich mir meine Angelegenheit schon selbst, gnädiger

Herr. Das ist eine Sache zwischen ihr und mir, -- sagte er heiser, und sah

dem Herrn fest ins Gesicht. Der hatte noch seinen Schnurrbart! Rechts und

links ganz gleich, und fein hochgezwirbelt. Wie hatte der Bucklige gesagt?

»Der Eine geht hinaus und laßt sich den Kopf kaputschlagen.« -- Er war

eigentlich gar nicht so dumm, der Bucklige.

Nun wurde der Herr ganz zornig. Bogdán ließ ihn schreien, und starrte, wie

hypnotisiert, auf den glänzenden Knauf hinüber. Erst als immer wieder der

Name »Marcsa« an sein Ohr schlug, wurde er wieder aufmerksam.

-- Die Marcsa steht jetzt in meinem Dienst -- hörte er den Herrn sagen, --

Du weißt, ich kann dich gut leiden, Bogdán; ich will dich auch wieder bei

den Pferden beschäftigen, wenn dir darum zu tun ist. Aber die Marcsa läßt

du mir in Ruhe. Rauferein dulde ich nicht! Will sie dich noch heiraten, so

ist's mir sehr recht. Will sie aber nicht, dann läßt du sie zufrieden! Hör'

ich noch einmal, daß du ihr weh getan hast, dann jag' ich dich zum Teufel,

verstehst du mich?

Schäumend vor Wut legte Bogdán los:

-- Zum Teufel? -- schrie er biemend. -- Der gnädige Herr will mich zum

Teufel jagen? Gehen der gnädige Herr doch erst selber hinaus! Ich war schon

beim Teufel! Ich bin acht Monate draußen gelegen in der Hölle. Da ist mein

Gesicht, da können der gnädige Herr sehen, daß ich aus der Hölle komme.

Hier den Beschützer spielen, sich die Taschen vollpfropfen, und die anderen

sterben schicken, das ist bequem. Wer sich zu Hause herumdrückt, der sollte

nicht andere zum Teufel schicken, die schon für ihn in der Hölle gewesen

sind!

So maßlos war seine Wut, daß er wie der bucklige Sozi sprach, ohne sich zu

schämen. Sprungbereit stand er da, mit straff gespannten Muskeln, wie ein

wildes Tier. Er sah den Herrn mit verzerrtem Gesicht auf sich losstürzen,

den Reitstock durch die Lust flitzen, -- sah ihn auch niedersausen, aber

den Schlag, der hart und scharf seinen Rücken traf, fühlte er nicht mehr.

Mit einem Satz riß er den Hirschfänger aus der Scheide, und stieß ihn dem

Herrn zwischen die Rippen. Nicht etwa weit ausholend, daß ihm jemand noch

hätte in den Arm fallen können. Oh nein! Ganz leicht, von unten her, mit

einem kurzen Ruck, genau wie er es im Felde erlernt hatte. Der Hirschfänger

war nicht schlechter als sein Bajonett; er lief nur so ins Fleisch hinein.

Dann kam alles genau wie immer. Johann Bogdán stand mit vorgepralltem Kinn,

sah das zornentstellte Gesicht des gnädigen Herrn jäh sich glätten, ganz

weich und ruhig werden, wie ausgebügelt. Er sah seine Augen sich weiten, --

sah ihn erstaunt herüberschauen, genau wie ein getroffener Ruß, -- mit der

vorwurfsvollen Frage im Blick: »Was machst du denn?« Nur das Niedersinken

konnte er nicht mehr sehen, denn ein mächtiger Schlag traf ihn von

irgendwoher auf den Hinterkopf, krachend, als stürzte aus unendlicher Höhe

ein Wasserfall zermalmend auf ihn herab. Eine Sekunde lang sah er noch das

Gesicht der Marcsa, umrahmt von einem flammenden Rad, dann fiel er mit

gespaltenem Schädel auf seinen Herrn, der schon zuckend auf der Erde lag.

Menschen im Krieg · 第 9 / 9 题