Der Kamerad

-- Ein Tagebuch --

Auch mir hat der Weltkrieg einen Kameraden beschert. Einen bessern findst

du nit.

Es sind nun genau vierzehn Monate her, daß ich in einem Wäldchen, hart an

der Görzer Straße, seine Bekanntschaft gemacht. Für keinen Augenblick ist

er seither von meiner Seite gewichen! Viele hundert Nächte haben wir schon

zusammen durchwacht und immer noch marschiert er unentwegt neben mir her,

wie's im Liede heißt: in gleichem Schritt und Tritt.

Nicht daß er etwa zudringlich wäre! Im Gegenteil. Die Distanz, die ihn, als

Gemeinen, von dem Offizier trennt, den er in mir verehren muß, hält er

gewissenhaft inne. Stets bleibt er mir drei Schritt vom Leibe, genau nach

dem Reglement. Respektvoll in eine Ecke, oder hinter eine Säule gepreßt,

ist es nur sein Blick, den er mir schüchtern nachzuschicken wagt.

Er will eben nur zugegen sein. Verlangt nicht mehr, als daß ich ihn in

meiner Nähe dulde; -- immer und überall! Wenn ich zuweilen die Augen

schließe, um wieder einmal allein zu sein, für einige Minuten nur ganz

allein mit mir selbst, wie früher, vor dem Kriege, dann fixiert er mich aus

seiner Ecke, mit einer zähen, vorwurfsvollen Beharrlichkeit so fest und

durchdringend, daß sein Blick mich im Rücken brennt, sich unter meinen

Augenlidern einnistet, mich so sehr mit seinem Bilde durchtränkt, daß ich

mich fragend nach ihm umschaue, wenn er mich eine Weile nicht an seine

Anwesenheit gemahnt.

Er hat sich in mich hineingefressen, sich häuslich in mir niedergelassen;

er sitzt in mir, wie der geheimnisvolle Zauberer der Lichtspieltheater in

dem schwarzen Kasten, über den Köpfen der Zuschauer an der Kurbel hockt,

und wirft sein Bild, durch meine Augen, auf jede Mauer, jeden Vorhang, jede

Fläche, die meine Blicke auffängt.

Aber auch wo kein Hintergrund für sein Bild sich findet, auch wenn ich aus

dem Fenster krampfhaft in die Ferne starre, um ihn los zu werden für kurze

Zeit, -- auch dann ist er da, schwebt vor mir her, als wäre sein Bild auf

die unsichtbare Stange meiner Blicke gespießt, wie eine Kirchenfahne,

schwankend vor der Prozession. Gäbe es X-Strahlen, die durch die

Schädeldecke dringen, man fände sein Bild, leicht verschwommen, -- wie die

Figuren alter Gobelins -- in mein Gehirn eingewoben.

Ich entsinne mich einer Reise in Friedenszeiten, von München nach Wien, im

Orient Expreß, an der herbstlichen Milde der bayerischen Seen vorbei, --

durch die goldene Glut des welkenden Wiener-Waldes. Und über all' die

Herrlichkeiten, die ich, bequem gelagert, in wollüstiger Zufriedenheit

eingesogen, lief unentwegt ein häßlicher, schwarzer Punkt: eine Luftblase

in der Fensterscheibe meines Abteils. So huscht auch mein hartnäckiger

Kriegskamerad über Wälder und Mauern, bleibt stehen, wenn ich stehen

bleibe, tanzt über das Gesicht eines Vorübergehenden, über den

regenfeuchten Asphalt, über alles was mein Auge streift; schiebt sich

zwischen mich und die Welt, wie jene Luftblase alles vor mir zu ihrem

eigenen Hintergrunde degradierte.

Die Ärzte, freilich, wissen es anders. Sie glauben nicht, daß _Er_ in mir

wohnt und mir die Treue hält. Wissenschaftlich betrachtet läge es nur an

mir, Ihn nicht länger hinter mir herzuziehen, Ihm die Kameradschaft zu

künden, so etwa, wie ich auf jener Reise, das Fenster mit der lästigen

Blase zornig in die Tiefe gefeuert. Die Ärzte glauben's nicht, daß ein

Mensch sich dem andern im Tode vermählen, sein Leben im andern mit zäher

Unerbittlichkeit weiter leben könne. Sie meinen: wer am Fenster steht,

müsse das gegenüberliegende Haus sehen; niemals aber die Zimmerwand, die

hinter seinem Rücken lauert.

Die Ärzte glauben nur an Dinge, die sind. Daß man Tote in sich tragen, vor

sich hinzustellen vermag, so daß sie ein Bild verdecken, das hinter ihnen

liegt, -- solcher Aberglauben reicht an die Herren Ärzte nicht heran. In

ihrem Leben spielt ja der Tod keine Rolle, denn ein Kranker, der stirbt,

hört eben auf krank zu sein. Und was weiß der Tag von der Nacht, die ihn

doch auch ewig ablöst?

Ich aber weiß, daß nicht ich den toten Kameraden gewaltsam durch mein Leben

schleife. Ich weiß, daß der Tote stärker in mir lebt als ich selbst! Mag

sein, daß Gestalten, die über Tapeten huschen, in Ecken kauern, vom

finsteren Balkon aus ins erleuchtete Zimmer stieren und ans Fenster pochen,

so laut, daß man die Scheibe klirren hört, -- nur Visionen sind, und nichts

weiter. Wo kommen sie her? . . . . . _Mein_ Hirn liefert das Bild, _meine_

Augen besorgen die Projektion, -- an der Kurbel aber sitzt der Tote! Er ist

der Filmarrangeur; die Vorstellung beginnt, wenn's Ihm so paßt und hört

nicht auf, so lange Er die Kurbel dreht. Wie könnte ich nicht sehen, was Er

mir zeigt? Schließe ich die Augen, so fällt das Bild eben auf die Innenwand

meiner Augenlider, und das Drama spielt in mir, statt weit weg über Türe

und Tapete zu tanzen.

Ich sollte der Stärkere sein, heißt es? Einen Toten kann man doch nicht

umbringen, das sollten die Herren Ärzte doch wissen!

Hängen nicht die Bilder Titians und Michel-Angelos immer noch in den

Museen, nach Jahrhunderten noch? Und die Bilder, die ein Sterbender mit der

ungeheuerlichen Kraft seines letzten Ringens, vor vierzehn Monaten in mein

Gehirn gemeißelt, sollten verschwinden, nur weil jener, der sie schuf, in

seinem Soldatengrabe liegt? . . . . Wer sieht denn nicht, wenn er das Wort

»Wald« liest oder hört, irgendeinen Wald, den er irgendmal, irgendwo

durchwandert, aus dem Kupeefenster oder auf der Bühne gesehen? Wem

erscheint nicht, wenn er von seinem verstorbenen Vater spricht, das längst

vermoderte Antlitz, bald streng, bald milde, bald in der steinernen

Starrheit des letzten Abschieds? Was wäre unser ganzes Sein, ohne die

Bilder, die -- jedes auf sein Stichwort --, wie im Lichtkegel des

Scheinwerfers, für Augenblicke aus der Vergessenheit steigen?

* * *

Krankheit? . . . . Gewiß! Die Welt ist wund, und duldet kein anderes

Stichwort, kein Bild, das nicht den Massengräbern gilt. Für keinen

Augenblick kann der Kamerad in mir zu den Toten sich legen, weil Alles, was

geschieht, ein Blitzlicht ist, das ihn streift. Das erste Zeitungsblatt am

Morgen: versenkte Schiffe, -- abgeschlagene Angriffe. Und schon wirbelt der

Film keuchende, ringende Menschen, -- gekrümmte Finger, die aus

Wellenbergen noch einmal nach dem Leben greifen, -- von Tollwut und

Schmerzen entstellte Gesichter durcheinander. Jedes Gespräch, das man

erhascht, jedes Schaufenster, jeder Atemzug: ein Stichwort! Ein Stichwort

auch der stille Frieden der Nacht! Oder tickt nicht jeder Sprung des

Sekundenzeigers das letzte Röcheln von Tausenden? Genügt nicht das Wissen

von abgerissenen Kinnbacken, durchschnittenen Kehlen, von ineinander

verbissenen Leichen, um die Hölle zu hören, die jenseits der dicken

Luftmauer tobt?

Wer da mit Sicherheit wüßte, daß im Nachbarhause eben einer gemordet wird,

während er behaglich in den Kissen liegt, -- und aufspränge mit fliegenden

Pulsen, wäre krank? Kann man denn anders als benachbart sein mit den Orten,

wo Tausende in rasender Not sich ducken, die Erde zerfetzte Glieder in den

Himmel speit und der Himmel mit eisernen Fäusten auf die Erde hämmert? Kann

man wirklich entfernt leben von seinem eigenen, gekreuzigten Ich, wenn die

ganze Welt von Stichworten widerhallt? . . . .

Nein!

Krank sind die andern. Krank sind jene, die mit strahlenden Augen

Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend über

Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre

Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu

wissen, was in dem Jenseits, das sie _»Die Front«_ nennen, an ihresgleichen

verbrochen wird. Krank ist jeder, der noch denken, sprechen, streiten,

schlafen kann, wissend daß andere, mit den eigenen Eingeweiden in den

Händen, wie halbzertretene Würmer über Ackerschollen kriechen, um auf

halbem Wege zum Verbandplatz, wie ein Tier zu verenden, während weit,

irgendwo, ein Weib mit heißem Leibe neben einem leeren Bette träumt. Krank

sind alle, die das Stöhnen, Knirschen, Heulen, Krachen, Bersten, -- das

Jammern, Fluchen und Verrecken überhören können, weil rings um sie der

Alltag murmelt, oder selige Nachtruhe liegt.

Krank sind die Tauben und Blinden, nicht ich!

Krank sind die Stumpfen, deren Seele nicht Mitleid und nicht den eigenen

Zorn singt; sind die vielen, die, wie ein saitenloser Geigenkasten, nur

Echo sind jedem Dröhnen. Oder ist etwa der Gedächtnisschwache, der wie eine

überlichtete Platte, kein Bild mehr aufnimmt, -- der _gesunde_ Mensch?

. . . . Ist nicht gerade Erinnerung der höchste Inhalt jedes

Menschendaseins? Der Reichtum, den nur Tiere nicht kennen, weil sie

Geschehenes nicht in sich weitertragen, nicht neu aus sich erstehen lassen

können.

Soll ich von meinem Gedächtnis geheilt werden, wie von einem Leiden? Und

wäre doch ohne mein Gedächtnis nicht mehr ich selbst, weil jeder Mensch aus

seinen Erinnerungen gebaut ist und nur lebt, solange er wie eine geladene

Kamera durchs Leben geht. Könnte ich nicht sagen: wo ich meine Jugend

verlebt, wie die Haarfarbe meines Vaters, die Augen meiner Mutter gewesen;

-- könnte ich nicht, um Rede zu stehen, jeden Augenblick mein Gedächtnis

durchblättern und das betreffende Bild aufschlagen, -- wie schnell wäre die

Diagnose: »senil« oder »schwachsinnig« bei der Hand! Ja, muß man denn, um

als »geistig normal« zu gelten, sein Gehirn wie Schwamm und Schiefertafel

handhaben, Bilder, die gräßlichste Not in die Seele gebrannt, auf Kommando

wegwerfen können, wie man Seiten aus einem Photographiealbum reißt? . . .

Einer ist vor meinen Augen gestorben; schwer und hart; nach grausamem

Kampfe entzweigerissen von den Titanen: Leben und Tod. Und weil ich alle

Phasen seines Ringens, -- wie Momentaufnahmen in meinem Gehirn aufbewahrt,

-- neu erleben muß, so lange alles Geschehen unerbittlich diese Serie

aufschlägt, wäre ich krank? . . . . Ich krank? -- Und die anderen, die über

das Zerfetzen, Zerfleischen, Zerstampfen ihrer Brüder, -- über das langsame

Verzappeln von Menschen im Stacheldrahte hinwegblättern können, wie über

weiße Seiten, _die_ sind gesund? . . . .

Ja, wo soll ich denn mit dem Vergessen anfangen, meine Herrn Doktoren?

Soll ich vergessen, daß ich im Kriege gewesen? Vergessen den Augenblick,

da, in der verrauchten Bahnhofshalle, käseweiß, mit zusammengekniffenen

Lippen, mein Junge neben seiner Mutter stand, und ich aus dem

Waggonfenster, mit schlecht gemimter Heiterkeit, von Wiedersehen schwätzte,

während meine Augen gierig die Gesichtszüge von Frau und Kind durchwühlten,

ich ihr Bild in meine Seele einsog, wie nach tagelangen Märschen die

brennende Kehle das rasend ersehnte Wasser schlürft? Vergessen das

gallenbittere Würgen, als der Bahnhofsrachen langsam zuschnappte und Kind,

Weib und Welt verschlang?

Soll ich die ganze Fahrt in den Tod, als Einzelreisender in einem Zuge,

überfüllt mit Familienvätern, die über Sonntag in die Sommerfrische fuhren,

mir aus der Erinnerung reißen, wie einen lästigen Wisch? Soll ich

vergessen, wie mir's war, als es mit jeder Station stiller um mich wurde,

gleichsam das Leben von mir abbröckelte; bis, gegen Mitternacht, nur mehr

ein -- zwei schlafende Soldaten im Abteil saßen und ein käseweißes,

schmerzverzerrtes Kindergesicht um das flackernde Öllicht schwebte? Muß man

wirklich krank sein, um diesen Abschied von Heim und Wärme, dieses

Losfahren, mit Haß und Gefahr als Reiseziel, wie einen unheilbaren Riß in

sich zu tragen? Was wäre schwerer zu fassen, wann hätten Menschen je

Rasenderes getan, als dieses: mit 6o Kilometer Geschwindigkeit durch die

Nacht fahren, allem Lieben, aller Sicherheit entfliehen, den Zug verlassen

und in einen andern steigen, weil dieser, und nur _dieser_, dorthin fährt,

wo unsichtbare Maschinen glühende Eisenstücke schleudern, der Tod ein

engmaschiges Netz aus Stahl und Blei zum Fang auswirft? Wer reißt mir das

Bild der kleinen, schmutzigen Station, der fröstelnden, schlaftrunkenen

Soldaten, die ohne Rausch, ohne Musik im Blute, dem Zivilistenzuge

nachblickten, wie er sich mit hellen Fenstern, fröhlich pfeifend, in die

Büsche schlug; wer reißt mir dieses Umsteigen in den Tod, im fahlen

Zwielicht, jemals wieder aus der Seele?

Und wenn ich diese erste, endlose Nacht auch durchstreichen könnte, wie

eine erledigte Angelegenheit; -- bliebe mir nicht doch der Morgen, da der

Zug, auf freier Strecke, mitten in einer weiten taufrischen Wiese, vor

einer Weiche hielt und den Neugierigen der Bescheid ward, daß wir

Lazarettzüge passieren lassen müßten? Wie soll ich sie je verscheuchen, die

Erinnerung an die Wolke von Lysol und Blutgeruch, von Drachennüstern auf

die fröhliche Wiese geblasen? Werde ich nicht ewig die endlosen Schlangen

sehen, wie sie so träge herankrochen, als wären sie übersättigt mit

zersetztem Menschenfleisch? Aus hundert Fenstern blitzten weiße Verbände,

stierten verglaste, stumpfe Augen; liegend, hockend, aufeinander gepfercht,

Leib an Leib, hingen sie, wie blutige Dolden, noch auf den Trittbrettern,

als überquellender Reichtum an Schmerz und Not. Und diese jämmerlichen

Reste von Kraft und Jugend, diese geschundenen, zertrümmerten Menschen

sahen _mitleidig_, jawohl: mitleidig! auf unseren Zug. Bin ich wirklich

krank, weil mir diese Blicke warmen Mitgefühls, von blutenden Krüppeln auf

gesunde, stramme Burschen geworfen, unauslöschlich auf der Seele brennen?

Und diese Ahnung, die damals fröstelnd den ganzen Zug durchlief, von einer

Hölle, der man lieber in blutige Tücher gehüllt entflieht, als ihr

unversehrt entgegen zu fahren, -- dieser Schauder sollte zum Wissen, zum

Erlebnis, zur Erinnerung geworden, einfach abzuschütteln sein, solange

immer noch, Tag für Tag, solche Züge sich begegnen? . . . Ein hingeworfenes

Wort über Truppenverschiebungen, jede Nachricht von neuen Kämpfen, läßt

unfehlbar, wie das Anschlagen einer Taste einen bestimmten Ton erklingen

macht, diese erste, leibhaftige Begegnung mit dem Kriege aus der Versenkung

auftauchen, und ich sehe: auf dem freigewordenen Geleise, auf Steinen und

Schwellen, die Blutstropfen im jungen Sommertag glitzern, als Wegweiser zur

Front.

»Zur Front!«

Bin wirklich ich der Kranke, weil ich dies Wort nicht aussprechen oder

niederschreiben kann, ohne daß inbrünstiger Haß mir die Zunge pelzig

machte? Sind nicht die andern toll, die mit einem Gemisch von Andacht,

romantischer Sehnsucht und scheuer Sympathie, wie hypnotisiert, auf diese

Krüppel- und Leichenfabrik mit Maschinenbetrieb starren? Wär's nicht

klüger, mal diese andern auf ihren Geisteszustand zu untersuchen? Muß ich

es den Herren Ärzten, die mich so mitleidig bewachen, verraten, daß ein

paar Worte, die man wie tolle Hunde auf die Menschheit losgelassen, das

ganze Unheil angerichtet haben?

»Front« -- »Feind« -- »Heldentod« -- »Sieg« -- mit hängender Zunge und

rollenden Augen rasen die Köter durch die Welt. Millionen, die man

vorsorglich gegen Typhus, Pocken und Cholera geimpft, hetzt ihr bis in

Raserei! Millionen werden in Züge gepfercht, -- hüben und drüben, -- fahren

singend einander entgegen, -- und hacken, stechen, schießen aufeinander

los, sprengen sich gegenseitig in die Luft, geben ihr Fleisch und ihre

Knochen her für den blutigen Brei, aus dem der Friedenskuchen gebacken

werden soll für jene Glücklichen, die ihre Kalbs- und Rindshäute gegen

hundert Prozent Nutzen dem Vaterlande opfern, statt die eigene Haut auf den

Markt zu tragen, für dreißig Heller täglich! . . . . . Man denke einmal:

das Wort »Krieg« wäre noch nicht erfunden; noch nicht durch tausendjährigen

Gebrauch geheiligt, wie eine ungeheure Attrappe in raschelnde Buntheit

gewickelt. Wer würde es wagen, das mangelnde Wort »Kriegserklärung« durch

folgende Rede zu ersetzen:

»Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen ist unser Vertreter beim

Nachbarstaate, heute von dort abgereist. Er hat aus dem Fenster seines

Salonwagens zum letztenmal den Zylinder gelüftet vor den Herren, die ihm

das Geleite gegeben, und wird ihnen nicht wieder freundlich lächelnd

entgegentreten, ehe _ihr_ nicht viele hunderttausend Männer des

Nachbarstaates zu Leichen gemacht. Auf also! Hinein in eure Güterwagen für

6 Pferde oder 28 Mann! Fahrt ihnen entgegen, diesen anderen! Schlagt sie

tot, sägt ihnen die Gurgeln ab, haust wie wilde Tiere in feuchten

Erdhöhlen, verkommt, verwildert, verlaust, -- bis wir den Zeitpunkt für

gekommen erachten, uns wieder in den Salonwagen zu setzen, wieder die

Zylinder zu lüften, um in prunkvollen Räumen, vornehm und manierlich über

den Nutzen zu streiten, der unseren Fabrikherrn und Großkaufleuten aus dem

Gemetzel zu erwachsen hat. Dann dürft ihr, soweit ihr noch nicht unter der

Erde fault, oder als Bettler von Türe zu Türe humpelt, wieder nach Hause,

zu euren halbverhungerten Familien, und dürft -- nein: müßt! -- mit

doppeltem Eifer an die Arbeit, unermüdlicher und doch anspruchsloser als

vorher, damit ihr die Schuhe, die ihr in hundert Todesmärschen zerfetzt,

die Kleider, die an eurem Leibe verschimmelt, mit Schweiß und Entbehrung

bezahlen könnt!« . . . .

Ein Narr, wer mit solchen Worten um Gefolgschaft buhlte! Und _keine_ Narren

die Opfer, die draußen frieren, hungern, töten, und sich töten lassen, nur

weil sie glauben gelernt: dies ginge nicht anders, wenn der tolle Köter

Krieg mal seine Ketten gesprengt und den Erdball gebissen?

Waren so die Kriege, die uns das Wort »Krieg« überliefert? Waren »Krieg«

und »Beute« nicht gegenseitig bedingt? Führte den Landsknecht nicht

Hoffnung auf zügelloses Leben, -- Hoffnung auf Weiber und Dukaten und

goldgezäumte Hengste? Ist dieses Kauern in eiserner Zucht, dieses

Kopfhinhalten, dieses passive Vabanque-spielen mit Ungeheuern, die aus

blauer Ferne ihre Höllenkessel schleudern, -- noch »Krieg«? Krieg war das

Aufeinanderprallen der überschüssigen Kräfte, -- der Raufbolde aller

Nationen. Jugend, der das Städtchen zu klein, das Wams zu eng wurde, zog

hinaus, vom Spiel der eigenen Muskeln berauscht. Und nun soll das gleiche

Wort herhalten, wenn Männer, schon in Haus und Heim verankert, losgerissen,

hinausgepeitscht, vor den Feind hingelegt werden, um in stumpfer

Resignation, wehrlos, als Statisten auszuharren in diesem Duell der

Munitionsindustrien? . . . .

Ist es erlaubt, das Wort »Krieg« als Standarte zu mißbrauchen, wenn statt

Mut und Kraft -- Streukegel und Tragweite kämpfen, und der Fleiß von

Weibern und Kindern im Granatendrehen? Wer wagt es: die Tyrannen finsterer

Zeiten, die ohnmächtige Menschen vor Löwen und Tiger warfen, heute noch

ohne Ehrfurcht zu nennen, wenn er sie an jenen mißt, die diesen Kampf

zwischen Mensch und Maschine, wie ein Marionettenspiel am Telegraphendraht

dirigieren, von der schönen Hoffnung beseelt, daß unser Vorrat an

Menschenfleisch den Stahl und Eisenbestand der Gegner überdauern werde? --

-- --

Nein! Alle Worte, die geprägt waren, ehe dieses Schlachten begann, sind zu

schön und zu ehrlich; wie das Wort »Front«, das ich hassen gelernt! Bietet

man Geschützen, die hinter Bergen verkrochen, den Tod tagereisenweit über

Land schicken, oder Sappen, die zehn Meter unter der Erde unsichtbar

herankriechen die »Stirne«? Eine Kopfstation ist eure »Front«; ein

zerschossenes Häuschen, hinter welchem die Schienen aufgerissen sind, weil

die Züge da kehrt machen, ihre Ladung an frischen, braungebrannten Männern

löschen, um sie nachher, wenn sie aus der Maschine kommen, mit blutigen

Gliedern und grünspanüberzogenem Gesicht wieder aufzunehmen.

Als ich, gegen Abend, ausstieg an dieser Kopfstation, saß auf der Erde,

gegen das Eisengitter der Perronsperre gelehnt, ein bärtiger Soldat, den

rechten Arm in der Binde. Und als er mich blitzblank vorbeigehen sah, da

streichelte er mit der linken Hand zärtlich seine zertrümmerte Rechte, warf

mir einen häßlichen, gehässigen Blick ins Gesicht, und rief mit

gefletschten Zähnen:

»Ja, ja, Herr Leutnant! Hier gibt's an Menschensalat!« . . . .

Sollt' ich's vergessen, dieses hämische Grinsen, das den schmerzumzuckten

Mund in die Breite zog? Bin ich krank, weil ich das Wort »Front« nicht mehr

hören kann, ohne daß mir ein unvermeidliches Echo »Menschensalat« in die

Ohren krächzte? Oder sind doch die andern krank, wenn sie, statt

»Menschensalat« zu hören, gierig das feige Gewäsch jener zeitgenössischen

Kriegsbarden verschlingen, die wie Weinreisende für die Marke »Weltkrieg«

emsig in Reklame machen, weil sie dafür, wie kommandierende Generäle, in

Autos herumgondeln dürfen, statt, von einem Gefreiten beherrscht, in

lehmigen Gräben dem Tode gegenüber zu liegen.

Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in

die Hand nehmen können, ohne daß ihnen der Schaum vor dem Mund stände? Kann

man wirklich das Bild von angeschossenen Zweifüßlern, die unter strömendem

Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im

Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien über lückenlosen

Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobel tapezierte Schützengräben

lesen, mit welchen diese Kerle sich militärfrei dichten?

Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich

noch spiegelt; gehen scheu, wie Traumwandler durch funkelnde Straßen. In

ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan

des Trommelfeuers hineingebrüllt, um nicht bersten zu müssen vor innerer

Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten

Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, -- und wagen den Mund

nicht zu öffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit

geschwätziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen

drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rückfahrt in den

Tod ist Erlösung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein

unter den Daheimgebliebenen, für die Sterben und Töten Gemeinplätze ohne

Schauer geworden.

So mag's denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der

Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Hallunken gegenüber, die um den Kopf

aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehärtet, das

Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebürgert haben,

statt, -- als einzige Mittler zwischen Not und Macht, -- das Gewissen der

Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten

Plätzen so lange _»Men-schen-sa-lat!«_ zu brüllen, bis allen, deren Väter,

Männer, Brüder, Söhne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen,

und alle Kehlen der Welt ein Echo werden! . . . . .

Jetzt, -- wenn Sie gerade in der Nähe wären, meine Herren Ärzte, -- könnte

ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen

von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und

Hinterlandsgleichmut. Ich fühle ihn hinter meinem Rücken stehen; sein

Gesicht aber liegt vor mir auf dem weißen Bogen, wie ein matter

Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens

die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.

Groß, -- auseinanderstrebend, -- grauenhaft verzerrt hebt sich sein

Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlösers

aus dem Schweißtuche der Veronika.

Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei

Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und -- wandten sich unwillig ab, mit

einem fast militärisch exakten »kurz kehrt euch«. Mir galt ja ihr Besuch!

Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit

Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse

auf der Görzer Straße lag.

Liebenswürdige Herren waren's, in märchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen,

mit Reisemützen, wie aus einem Sherlock-Holmes Film entwendet! Sie wollten

Briefe mitnehmen, und Grüße ausrichten, fanden es entzückend bei mir,

lachten aus voller Kehle über meine Matratze aus Weidenruten, -- und wurden

besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tägliche

Bombardement der Italiener einsetzte.

Als sie aus dem Walde fuhren, mußten sie doch wieder an dem Manne vorbei,

der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese

kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die

Köpfe herum, beäugten die Zerstörungen, die ein Fliegerangriff tags vorher

angerichtet, angeregt gestikulierend, als säßen sie bereits hinter den

Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.

Mein Atem ging kurz, als wäre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt.

Der Platz auf dem ich stand, kam mir plötzlich fremd und verändert vor. War

das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den

die großen Caproniapparate mit weit gespannten Flügeln, wie Geier

umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, während das Abwehrfeuer

der Maschinengewehre die Blätter wie Hagel peitschte? Aus _diesem_ Walde

fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit fröhlichem Mützenschwenken?

. . . . Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang

unter den knickenden Ästen? . . . . Gab es da nicht ein Tor, das sich nur

vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglänzenden Augen, oder blutigen

Gliedern auftat? . . . .

Glatt rollte der Wagen über die braungestampfte Wiese, und nur das

leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergnügungsreise

vollkommen zu machen.

Die fuhren heim!

Zu Frau und Kind vielleicht? . . . .

Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wäre der Blick an die Räder

gebunden; -- -- dann schnellte der Körper, -- wie losgerissen, -- ins Leere

zurück, und . . . . und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam

aufgepflügt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor

Sehnsucht, sprang jäh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, --

mit einem einzigen Biß, -- für's ganze restliche Leben, unheilbar!.

Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den

Rücken gekehrt hatten, als gehörte er nicht auch zu dem interessanten

Museum für Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben

dem schmutzigen, zerfetzten Fähnchen mit dem Rothenkreuz, den Kopf zwischen

die hochgezogenen Knie gepreßt, und hörte mich nicht, hinter ihm lag der

kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer

noch ein wenig grünschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tag-täglich

bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns

Munition brachten, und für den Rückweg Verwundete luden, ins Feldspital

gefahren zu werden, -- hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine

Lieblingsecke auf dem Familiensopha.

Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn -- zwölf Stunden lang

oft, wenn die Wagen zu früh abgefahren, oder überfüllt, oder -- nach

heftigen Gefechten --, rückwärts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden

waren. Fröhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das

Kriegswort _»Tausendguldenschuß«_ auf den fahlen und doch lachenden Lippen,

-- neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der

Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert

hätten, für die gleiche Gewißheit: nicht mehr wiederkehren zu müssen. Wie

viele hatte ich sich wälzen, in die Erde beißen sehen vor Schmerz; -- wie

viele bei strömendem Regen, -- halb schon begraben im aufgeweichten Lehm,

-- stöhnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora überbrüllen hören!

. . . .

Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den

flüchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot

ich ihm, außer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpäckchen an. Aber er

rührte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er

den Kopf, -- und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurück, wie ein

Faustschlag vor die Brust.

Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie überwuchernd krochen sie die

rechte Wange hinauf, -- die keine Wange mehr war. Ein Stück blaurotes

Fleisch blähte sich da, überzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von

Straffheit hell glänzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein

Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; während von links, aus fahler,

zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmütiges Auge zu mir emporblickte.

Wie ein Lasso schlang der jähe Schrecken sich mir um die Kehle!

Was war das? . . . . Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser

Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung

an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in

den wie schöpfend zusammengefügten Händen behutsam die eigenen Gedärme

gehalten hatte, -- versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz

Frieden, ganz milde Menschlichkeit; -- rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes,

geblähtes Haßgebilde schien.

-- Schrapnell? -- . . . . stammelte ich schüchtern die einleitende Frage.

Die Antwort klang verworren. Nur daß sein rechtes Schienbein ein

Dum-dumgeschoß zertrümmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte

er, so oft seine Hand bebend zur glühenden Backe griff, immer wieder von

einer _Angel_? . . . .

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in

seinen Adern, daß er wie von gegenwärtigem Geschehen, wie zu einem

Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn faßte es nicht, daß es Menschen

geben könne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts

gesehen und nichts gehört. So stieg, mehr erraten als erzählt, aus kurzen

Sätzen, derben Flüchen, und gurgelndem Stöhnen, allmählich sein Schicksal.

Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen

Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmächtig vor dem eigenen

Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm.

Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund

und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu können, ehe die Görzer

Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht,

hatte ihm ein Tölpel, -- Gott verdamm ihn! -- die Wange aufgerissen, ehe

einer geübteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er -- gehorsamst

bittend --, bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um --

sein Bein, und vor einem Bettlerdasein als Krüppel.

Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Sätzen, über Steine und Wurzeln

hüpfend, quer durch den Wald, zur nächsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen

Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten

Wagen den drei Kerlen gegeben! . . . . . . .

Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf

der Wiese lag, mitzunehmen, und im Vorbeifahren abzuliefern beim

Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre

Menschenpflicht zu tun? Warum?! . . . . . .

Meine Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut und ich ertappte mich bei

einem Griff nach der Revolvertasche, als könnte ich jene Fröhlichen noch

von ihrem Wagen schießen!

Atemlos, durchglüht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den

Weg zurück; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das

zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmäßig auf Menschenaas angeln.

Ein merkwürdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Würgen und Kratzen stieg mir

in die Kehle, als ich -- zu meinem Lagerplatz zurückgekehrt, -- dem leisen

Wimmern des Hülflosen lauschen mußte.

Er war nun nicht mehr allein. Ein Häuflein von Leichtverwundeten hatte

sich, -- während meiner Abwesenheit, -- zu ihm gesellt. Ich sah sie, --

zwischen den Baumstämmen hindurchspähend, -- im Kreise auf der Wiese

hocken, während der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke

Bein in der Hand, umherhüpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere

werfend.

Gegen Mittag schickte ich meine Unteroffiziere auf die Suche, versprach

ihnen fürstliche Belohnung für einen Wagen und lief, mit der Kognakflasche

unter dem Arm, wieder auf die Wiese hinaus.

Jetzt tanzte er nicht mehr. Mitten im Kreise der andern lag er auf den

Knien, den Leib vornüber gebeugt, und rollte den Kopf, wie einen fremden

Gegenstand, hin und her auf der Erde. Als er plötzlich wieder

hochschnellte, mit einem Wutgeheul, ging selbst durch die Reihe der

Verwundeten, die, versunken ins eigne Leid, gleichgültig dagesessen waren,

ein erschrockenes Murmeln.

Das war nichts Menschliches mehr! . . . . Die Haut, unfähig sich weiter zu

dehnen, war geplatzt. Wie die Strahlen auf einem Kompaß liefen die breiten

Spalten auseinander, und in der Mitte quoll glühend das rohe Fleisch

hervor.

Und er schrie! . . . . Er hämmerte mit der Faust auf den riesigen,

rötlich-blauen Klumpen los, bis er unter den Schlägen der eigenen Hand

wehklagend wieder in die Knie fiel.

Es war schon finster als man ihn -- endlich! auf einen Wagen lud. Und als

langsam der Nachtnebel sein Gewebe durch den Wald zog und ich, in einen

Berg von Decken gewickelt, als einziger noch wach lag im Gedränge der

schwarzen Stämme, die zusammenrückten in der Finsternis; -- da war er

wieder zurück, stand, starr aufgerichtet im Mondlicht, und seine

zermarterte, kürbisgroße Wange hob sich blauleuchtend aus dem schwarzen

Schatten der Bäume. Wie ein Irrlicht flammte sie bald da, bald dort; --

Nacht für Nacht; -- leuchtete in jeden Traum hinein, daß ich die Augenlider

mit den Fingern auseinanderspreizte, -- bis mein Körper, nach zehn

grauenvollen Nächten, zusammenbrach, und als ein heulender, zuckender

Haufen eingeliefert wurde in das gleiche Feldspital, in welchem Er seinem

verpesteten Blute erlegen war.

Und nun bin ich toll! Schwarz auf weiß steht es auf der Kopftafel meines

Bettes zu lesen. Man klopft mich besänftigend ab, wie ein scheues Pferd,

wenn ich aufbegehre und hinausverlange aus diesem Hause, das die _anderen_

einfangen sollte.

Aber die anderen sind frei! Aus meinem Fenster sehe ich über die

Gartenmauer auf die Straße hinab, und sehe sie eilen, die Hüte lüften, sich

die Hände schütteln, sich zusammenrotten vor dem Tagesbericht. Ich sehe

Frauen und Mädchen, kokett geputzt, stolz leuchtend neben Männern trippeln,

die ein Kreuz auf der Brust als Mörder zeichnet. Ich sehe Witwen, in

wallenden Schleiern, immer noch geduldig; sehe junge Burschen, mit Blumen

auf dem Helm, aufbruchbereit. Keiner muckt auf! Keiner sieht in finsteren

Ecken zerschundene, zersetzte, geangelte Menschen lauern, mit aufgerissenem

Leib, oder blauleuchtender Wange.

Sie laufen unter meinem Fenster vorbei, gestikulierend, begeistert; -- weil

die Worte der Begeisterung täglich frisch geprägt aus der Münze kommen, und

jeder einzelne sich geborgen und von Zustimmung umrauscht fühlt, wenn sie

ihm hell von den Lippen klingen. Ich weiß, daß sie schweigen, auch wenn sie

sprechen, schreien, aufheulen möchten; daß sie auf »Drückeberger« pirschen

und kein Schimpfwort haben für jene tausendmal ärgeren Feiglinge, die von

keinem Schlagworte berauscht, die ganze Sinnlosigkeit dieses Hinmordens von

Millionen klar erkannt im Bewußtsein tragen, und dennoch den Mund nicht

auftun, aus Angst vor einem Verweis der Gedankenlosen.

Ich sehe, von meinem Fenster aus, den ganzen Erdball wie einen

tollgewordenen Kreisel tanzen, von stolzen Herren in schlauer Berechnung,

von seilen Dienern in schleichender Ergebenheit gepeitscht.

Ich sehe die ganze Meute! Die Schreier, die zu hohl und zu träge um das

eigene Ich zu formen, sich blähen wollen im gleißenden Lob, das ihrer Herde

gilt. Die Schurken, die von der Menge geschirmt, getragen, genährt,

scheinheilig zu einem selbsterdachten Popanz emporblicken und ihn Millionen

Braven ins Gewissen hämmern, bis die Masse geschmiedet ist, die nicht Herz

noch Hirn, nur Wut und blinden Glauben noch hat. Ich sehe das ganze Spiel,

das in Blut und Schmerzen weiter rast, sehe die Zuschauer gleichgültig

vorbeiwandern und heiße ein Narr, wenn ich das Fenster aufreiße, um

hinunterzuschreien, daß die Kinder, die sie getragen und gehegt, -- die

Männer die sie geliebt haben, mit angstvoll rückwärts gewandten Augen wie

Vieh geschlachtet, wie Wild gejagt werden!

Diese Narren da unten, die für respektsvolle Kondolenzbesuche,

anerkennenden Augenaufschlag, Glanz und Wärme ihres Lebens opfern, -- ihr

Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, -- als Aas auf dem Felde

faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem »Feinde« das

Gleiche angetan zu haben; -- diese Narren bleiben frei, und dürfen mit

ihrer armseligen Eitelkeit und lästerlichen Geduld täglich neue Hekatomben

vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber muß ohnmächtig hier sitzen, --

allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen täglich neu

gebärt.

Ich stehe am Fenster -- und zwischen mir und der Straße liegen

hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos

stehe ich da, -- denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich

heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Muß in andersfarbige Uniformen

gesteckt, über den Haufen knalle, -- wurde mir hier abgenommen, aus Angst:

ich könnte einige Massenmörder aufstöbern in ihrer Sicherheit und als

warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.

So muß ich hier harren, als Seher über den Blinden, -- hinter meinen

Gitterstäben; und kann nichts weiter tun, als diese Blätter dem Winde

übergeben, -- Tag für Tag von neuem niederschreiben und immer wieder

hinausstreuen auf die Straße.

Unermüdlich will ich schreiben. Die ganze Welt übersäen! Bis in allen

Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben -- gespenstisch blau --

ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, -- endlich, als

herrliches Erlösungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei:

_»Men-schen-sa-lat!«_ unter meinem Fenster erklingt.

Menschen im Krieg · 第 7 / 9 题