Die Präsidentin fuhr empor. »Bist du toll, Flora? So schwach ich auf
meinen Füßen bin, ich wollte stundenweit laufen, ich wollte wochenlang
hungern und dursten und kein Auge schließen, wenn ich mir dadurch die
Ansprüche der Universalerbin erringen könnte. -- Sollte man es glauben,
daß das Geschick so teuflisch, so grausam ironisch sein könnte? Ich,
ich in meiner Stellung, muß mich hinausstoßen lassen aus dem Hause, das
seinen Glanz, sein aristokratisches Air mir einzig und allein verdankt,
und sie, eine ganz obskure, alte Person, die jetzt noch ahnungslos
altes Leinen für Fremde flickt, die es ihr Leben lang nicht besser
gewußt und gehabt hat, sie wird sich hier breit machen.«
»Darüber brauchst du dich nicht zu alterieren, Großmama -- die alte
Tante am Rhein erbt so wenig wie du --«
»Ah, so treten doch noch andere Erben auf?«
»Ja -- die Gläubiger.«
Die Präsidentin taumelte unter einem scharfen Aufkreischen in den
Armstuhl zurück.
»Still! Ich bitte dich, mache keine Szene!« murmelte Flora. »Drunten
im Souterrain gibt es Leute, die das noch viel besser wissen als
ich; sie sind im Begriff, das Haus zu verlassen, wie die Ratten das
sinkende Schiff. Ich kann und darf es dir nicht länger verschweigen,
wie die Sachen stehen. Jetzt heißt es ~au fait~ sein, wenn wir uns,
als die Düpierten, nicht unsterblich lächerlich machen wollen.« --
Sie zog die schwarze Kreppwolke um Kinn und Hals der alten Dame in
die gehörige Faltenordnung und steckte die mit einer einzigen wilden
Handbewegung völlig zerstörten weißen Lockenpuffen wieder auf. »So
darf dich niemand sehen, Großmama,« sagte sie streng. »Wir müssen uns
so rasch wie möglich mit Haltung und Ruhe aus der Affaire ziehen --
sie ist zu gemein und entehrend; darüber waltet kein Zweifel mehr,
daß die Explosion ein Verzweiflungsakt -- auf deutsch gesagt: ein
Schurkenstreich -- von seiten Römers gewesen ist.«
»Der Elende! Der infame Betrüger!« schrie die Präsidentin aufspringend
-- die wahnsinnige Aufregung ließ sie plötzlich im Zimmer hin- und
herlaufen, als sei ihr ein Räderwerk in die schwachen Füße gekommen.
[Illustration]
Flora deutete nach dem einen Fenster, vor dessen zerschlagenen Scheiben
keine schützende Jalousie lag. »Bedenke, daß man dich draußen hört!«
warnte sie. »Seit dem Morgengrauen schleichen Geschäftsleute um
das Haus; die Aufregung in der Stadt soll grenzenlos sein; es sind
Leute, welche die Angst um ihr Geld aus den Federn getrieben hat. Was
wir während des letzten halben Jahres in unserer großen Wirtschaft
gebraucht haben, steht noch in den Büchern der Lieferanten. Der
Fleischer hat sich sogar in das Haus hereingewagt und in dreister
Weise gefordert, daß man dich wecken möchte, er habe mit dir zu
reden. Jedenfalls will er versuchen, von dir, weil du dem Haushalte
vorgestanden, die ihm schuldigen sechshundert Thaler zu erpressen, ehe
die Gerichte einschreiten. Er ist frech genug gewesen, meiner Jungfer
zu sagen, die Damen des Kommerzienrates hätten ja auch mitgegessen.«
»Pfui, in welchen Sumpf hat uns jener erbärmliche Wicht gelockt, um
sich dann feig aus dem Staube zu machen!« rief die Präsidentin, halb
erstickt vor Grimm und Erbitterung, und zog sich instinktmäßig von dem
offenen Fenster zurück. Sie rang die Hände. »Gott im Himmel, welche
entsetzliche Lage! Was nun thun?«
»Vor allen Dingen einpacken, was uns mit Fug und Recht gehört, und das
Haus räumen, wenn wir nicht wollen, daß unser Eigentum mit versiegelt
werde; da könnten wir wohl lange warten, bis es uns zurückgegeben
würde. Ich bin eben im Begriff, hinaufzugehen und meinen« -- sie
unterbrach sich mit einem schneidenden Lachen -- »meinen Trousseau
in Kisten und Koffer zu bringen. Dann will ich mit den Leuten das
Hausinventar aufnehmen, und wenn du nicht selbst die Uebergabe
vollziehen willst --«
»Nun und nimmermehr --«
»Dann mag es die Wirtschaftsmamsell thun; wir haben Grund genug,
krank zu sein.« Sie nahm den Schlüssel zu dem Zimmer, in welchem
der Trousseau aufgestellt war, aus ihrem Schreibtisch, während die
Präsidentin mit verzweifelnd gen Himmel gehobenen Armen davonstürzte,
um das Ihrige vor den Gerichtssiegeln in Sicherheit zu bringen.
[Illustration]
27.
Ueber den Baumwipfeln des Parkes wehte die Morgenluft und zog durch
das weit offene Fenster; sie trug ein traumhaftes, halbverlorenes
Wasserrauschen vom fernen Fluß her in die Kirchenstille des
Schlafzimmers und hauchte das weiße Gesicht der schlummernden Kranken
mit Reseda- und Levkojendüften an. Und das rote wilde Weinlaub, das
draußen den Fensterrahmen umkränzte, bebte im leisen, samtweichen
Zugwind; es sah aus, als habe er die dreifingerigen Purpurblätter im
Vorüberstreifen gepflückt und über die weiße Bettdecke und das gelöste
aschblonde Haar hin verstreut und die blassen Hände in das kühle Laub
wohlig vergraben. Henriette hatte sich die Blätter pflücken lassen,
»als letzte Grüße des Sommers, der sich nun _auch_ zur Wanderschaft
anschicke«.
Käthe saß am Bett und behütete den Schlaf der Schwester. Sie hatte
selbst das dreist herbeifliegende Rotschwänzchen, das gewohnt war,
Kuchenkrümchen auf dem Fenstersims zu finden, mit einer angstvollen
Handbewegung fortgescheucht; sein zartes Gezwitscher klang fast
erschreckend in das bange Schweigen, das dem Ohr jeden schwachen
Atemzug hörbar machte, unter welchem sich die schmale Brust der Kranken
in beängstigend langen Zwischenräumen hob. Doktor Bruck hatte seine
Patientin für eine halbe Stunde verlassen müssen; der Fürst bestand
darauf, den Arzt, der ihn nach so vielen fehlgeschlagenen Kuren in
kurzer Zeit vollkommen hergestellt hatte, bis zu dessen Abreise als
Berater täglich zu empfangen. Und so war Bruck gegangen, die günstige
Schlummerstunde benutzend, wo Henriette ihn nicht vermißte.
Die Kammerjungfer hatte sich mit einer Näharbeit hinter die Bettgardine
postiert, um nötigenfalls bei der Hand zu sein; sie sah dann und
wann verstohlen zu dem regungslosen jungen Mädchen dort im Armstuhl
hinüber. Drunten im Souterrain hatten sie vorhin davon gesprochen,
daß »das Fräulein aus der Mühle« bei »dem Streich des gnädigen Herrn«
am schlimmsten wegkomme, und sie meinte nun, ein Menschenkind, dem
eben eine halbe Million aus der Hand geschlüpft sei, müsse doch ganz
anders verzweifelt aussehen als die junge Dame, die, den Verband über
der Stirn und ihre schönen Glieder in ein weiches, weißes Morgenkleid
gehüllt, traurig ernst, aber still gefaßt, wie eine Statue in ihrer
aufmerksam beobachtenden Stellung verharrte. »So jung und so gesetzt,
so frischblühend und lebenstrotzend, und doch so wenig für die
Welt und alle ihre guten Dinge!« meinte die Beobachterin in ihren
Zofengedanken weiter -- da war die schöne Dame klüger, die jetzt drüben
ihren Trousseau einpackte; sie brachte vor allen Dingen ihre Sachen
in Sicherheit; sie hetzte ihre Jungfer treppauf, treppab nach jedem
Taschentuch, das sich in die Hauswäsche verirrt hatte und mit gepackt
werden sollte -- sie wollte nichts, auch gar nichts verlieren. Und so
schlau und energisch hatte sie immer für sich gesorgt, und drum war
sie auch die Reiche, »der kein Härchen gekrümmt wurde«, in der Familie
geblieben. Nun reiste sie mit ihren Koffern und Kisten dem Bräutigam
voraus nach L.....g und ging allen Schrecknissen, die jeden Augenblick
über die Villa hereinbrechen konnten, aus dem Wege. Man hätte sich
zu Tode ärgern mögen, daß ihr auch alles glückte, was sie durchsetzen
wollte; sie durfte sich alles erlauben, und die ganze Welt hieß es
gut und recht. Und jetzt wurde auch noch im Trousseauzimmer so laut
gepoltert, daß die Kranke aus dem Schlafe aufschreckte.
[Illustration]
»Das gnädige Fräulein kramt drüben und packt ihre Sachen,« sagte Nanni
mit erkünsteltem Gleichmute, als Käthe entsetzt emporfuhr und ihre
Hände beschwichtigend über die Halberwachte hinstreckte.
Henriettens Salon trennte allerdings die beiden Zimmer, und
Flora setzte deshalb jedenfalls voraus, daß man ihr Hantieren
im Krankenzimmer nicht hören könne; sonst hätte sie doch sicher
das anhaltende Schieben und Umherstoßen der Kisten und Koffer
rücksichtsvoller vermieden. Käthe erhob sich, und die nach dem Salon
führende Thür hinter sich schließend, ging sie hinüber in das Zimmer,
wo gepoltert wurde.
Flora stieß einen leisen Schrei aus -- es blieb unentschieden, ob vor
Schreck oder im Aerger über die Störung --, als die hohe, weiße Gestalt
auf der Schwelle erschien und mit sanft gedämpfter Stimme um Ruhe für
die Schlummernde bat.
Die schöne Schwester stand dicht neben dem Ständer, der die
Brauttoilette trug. Die weiße Atlasschleppe, von welcher das
Kammermädchen die Orangenblütenboukette absteckte, um sie in einen
Karton zu legen, hing neben ihrer Schulter nieder, und in den
Händen hielt sie den Brautschleier, offenbar in der Absicht, ihn
zusammenzufalten. Die zerstückte Hochzeitsfeier konnte allerdings
nicht schneidender illustriert werden als durch diese Gruppe.
»Es thut mir leid; ich habe nicht geglaubt, daß das Aufstellen der
Kisten bis zu Henriette hinüberschalle -- wir werden vorsichtiger
sein,« sagte sie kurz, aber doch mit hörbar alterierter Stimme. Ein
böses Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Du schleichst ja so weiß,
so lautlos durch das Haus, daß man denken könnte, die Ahnfrau der
Baumgarten habe, weil es in der Stammburg mit dem Wandeln aus und
vorbei ist, ihr Domizil in der Villa aufgeschlagen. Unheil genug heftet
sich an deine Fersen -- wo du eintrittst, sollte ein rechtschaffener
Christ drei Kreuze schlagen.«
Sie schickte die Kammerjungfer mittels einer Handbewegung aus dem
Zimmer. »Halt!« rief sie, den Brautschleier fortschleudernd, als Käthe
dem Mädchen schweigend folgen wollte. »Wenn ein Funken von Frauenehre
in dir lebt, so stehst du mir jetzt Rede.«
Käthe streifte gelassen die Hand ab, die ihr Kleid festhielt, und trat
in das Zimmer zurück. »Ich stelle mich dir zur Verfügung,« sagte sie
ruhig und heftete ihre ernsten Augen fest auf das leidenschaftlich
erregte Gesicht der Schwester. »Nur bitte ich dich, nicht so überlaut
zu sprechen, damit uns Henriette nicht hört.«
Flora antwortete nicht; sie ergriff Käthes Hand und zog sie in die Nähe
des Fensters. »Komm her! Lasse dich einmal ansehen! Ich muß wissen, wie
du aussiehst, nachdem du geküßt hast.«
Das junge Mädchen wich zurück vor dem frivol funkelnden Blick, der
ihr, im Verein mit der leichtfertigen Bemerkung, die tiefe Glut der
beleidigten Scham in das Gesicht trieb. »Als ältere Schwester solltest
du doch Anstand nehmen, einen solchen Ton anzuschlagen --«
»Ei, du heilige Unschuld! Und ich sage dir: Als jüngere Schwester
solltest du dich schämen, deine Augen auf einen Mann zu werfen, der mit
der älteren verlobt ist!«
Käthe stand wie vom Blitz getroffen. Wer hatte in die Tiefen ihres
Herzens geblickt und das Geheimnis, das sie angstvoll, mit Aufbietung
aller inneren Kraft hinabgedrängt, an das Licht gezogen? Sie fühlte,
wie sie sich entfärbte; sie wußte, daß sie in diesem Augenblicke wie
eine auf dem schwersten Verbrechen Ertappte dastand, und doch brachte
sie keinen Laut über ihre blassen Lippen.
»Schau, das böse Gewissen! Man könnte es nicht plastischer darstellen,«
lachte Flora scharf auf und berührte mit dem Finger die Brust des
Mädchens. »Ja, nicht wahr, Schatz, und wenn man es noch so schlau
einfädelt, die ältere Schwester läßt sich nicht düpieren? Sie sieht
solch einer ‚reinen‘ Mädchenseele bis auf den Grund; sie verfolgt
mit klugem Blick die verschiedenen zarten Regungen von der ersten
Blumenspende an, die man mit dem naiven Wunsche, Aufmerksamkeit zu
erregen, dem Mann in sein Zimmer legt --«
Jetzt kam Leben in die förmlich versteinerte Gestalt des jungen
Mädchens. Unwillkürlich schlug sie die Hände zusammen -- es kam ihr
vor, als sei, seit sie den Fuß auf den heimischen Boden gesetzt, ihre
ahnungslose Seele beschlichen worden wie das Wild vom Jäger. War es
möglich, daß man ihr aus dieser kleinen Nachlässigkeit, die ihr ja
selbst Thränen des Verdrusses erpreßt, einen solchen gehässigen Vorwurf
machen konnte? Jetzt wallte ein gerechter Zorn in ihr auf.
»Diese Vergeßlichkeit habe ich mir allerdings zu schulden kommen
lassen,« sagte sie, ihre hohe Gestalt stolz aufrichtend. »Wer dir aber
auch davon gesprochen haben mag --«
»Wer? Er selbst, Kleine.«
»Dann bist du es, die den Vorfall in ein total falsches Licht zieht --«
»Ah, Kind, nimm dich ein wenig zusammen! Die so lange verhaltene
Leidenschaft bricht dir aus den Augen!« rief Flora mit kaltem Lächeln,
aber ihre Fußspitze hämmerte in kaum zu bezähmendem Grimm auf dem
Parkett. »Also ich lüge? Nicht er, mein Fräulein, indem er sich der
Eroberung rühmt?«
Es war abermals, als fliehe jeder Blutstropfen aus dem Mädchengesicht,
während sie energisch den Kopf schüttelte. »Nein! Und wenn du mir das
zu tausend Malen wiederholst, ich glaube es nicht. Eher werde ich
irre an allem, was uns das Sittengesetz als gut und recht hinstellt.
Er sollte eine Unwahrheit auch nur denken? Er sollte sich, wie nur
irgend ein charakterloser Geck, einer Eroberung rühmen? Er, der --« Sie
unterbrach sich, als erschrecke sie vor ihrer eigenen leidenschaftlich
bewegten Stimme. »Du hast ihn häßlich verdächtigt, als ich hierher
kam,« setzte sie, sich bezwingend hinzu. »Damals durfte ich dir nicht
entgegentreten, obgleich ich instinktmäßig sofort für ihn Partei
ergriff, aber jetzt, wo ich ihn kenne, leide ich nicht, daß er auch nur
mit einem Worte verunglimpft wird. Geradezu unglaublich ist's, daß ich
_dir_ das sagen muß. Wie kannst du es übers Herz bringen, wie ist es
dir möglich, die Ehre dessen fortgesetzt anzufeinden, der dir in Kürze
seinen Namen geben wird?«
Flora fuhr bei den letzten Worten herum und maß die Sprechende
mit einem ungläubigen Blicke, als traue sie ihren Sinnen nicht.
»Entweder du bist eine Schauspielerin ~comme il faut~, oder -- eine
Liebeserklärung muß dir schwarz auf weiß überreicht werden, wenn du sie
verstehen sollst. Du wüßtest wirklich nichts?« Mit einem impertinenten
Lächeln, das alle ihre feingespitzten Zähne zeigte, legte sie beide
Hände auf Käthes Arm und schob sie, nach einem durchbohrend dämonischen
Aufblicke in die braunen Augen, zornig, heftig von sich. »Bah, was will
ich denn noch? Hast du nicht eben gekämpft und dich echauffiert, als
wolltest du den letzten Atemzug für ihn verhauchen?«
Käthe wandte ihr den Rücken und schritt nach der Thür. »Ich sehe nicht
ein, weshalb du mich vorhin zurückgehalten hast,« sagte sie unwillig.
»Ach, ich war zu verblümt! Muß ich durchaus gut deutsch sprechen? Nun
denn, meine Liebe, ich will nichts mehr und nichts weniger wissen, als
was Bruck gestern und heute mit dir verhandelt hat.«
»Was er mit mir verhandelt hat,« fuhr Käthe fort, »das darfst du
wissen, Wort für Wort. Er hat sich bemüht, und ich habe es ihm schwer
genug gemacht, mein blindes Hoffen auf eine abermalige Besserung der
Kranken zu zerstören -- er hat sich bemüht, mich darauf vorzubereiten,
daß« -- ihre Stimme brach und halb verhaltene Thränen glänzten in ihren
Augen -- »Henriette uns verlassen wird.«
Flora trat schweigend und sichtlich verwirrt in das Fenster; bei
aller Selbstvergötterung kam ihr doch vielleicht die Ahnung, daß sie
diesen beiden Menschen gegenüber in allen Fällen eine klägliche,
verlorene Rolle spiele. »Kind, weißt du das nicht längst?« sagte sie
in gedämpftem Tone. »Und hast du dir nicht selbst gesagt, daß wir alle
für die arme Kreuzträgerin um endliche Erlösung von der Schmerzenslast
bitten müssen?« Sie trat mit lautlosen Schritten wieder an das
Mädchen heran. »Und war das wirklich _Wort für Wort_ der Inhalt eurer
Gespräche?«
Das Gefühl unsäglicher Verachtung stieg in Käthe auf. Sie meinte,
das sei gemeine Eifersucht nicht des _liebenden_, sondern des eitlen
Weibes, das dem Manne nachschleiche und jedes seiner Worte zu
kontrollieren suche. »Glaubst du, Bruck habe in solchen Stunden, wo
er Trost und Stütze der armen Kämpfenden sein muß, für irgend etwas
anderes Sinn und Interesse,« antwortete sie mit ernster Zurückweisung,
»noch dazu an einem Schmerzenslager wie das da drüben, wo ihm die
treueste Freundin auf Erden stirbt?«
[Illustration]
»Ja, sie hat ihn geliebt,« sagte Flora kalt.
Eine Flamme schlug über Käthes Gesicht hin -- Flora weidete sich
förmlich an der mädchenhaften Unbeholfenheit, mit der die junge
Schwester ihr Erglühen zu verbergen suchte. »Ei ja, der Mann kann sich
gratulieren zu dem Zauber, der ihn, ihm selbst unbewußt, umgibt, der
die Mädchenherzen anzieht wie die Lichtflamme einen Mückenschwarm.
Und die Welt wird lachen, wenn sie erfährt, daß, so viele Töchter
Bankier Mangold hinterlassen hat, auch ebenso viele in den Lichtkreis
hineingetaumelt sind. -- Bleib!« Sie hatte in fast spielendem Tone
gesprochen bis zu dem Momente, wo Käthe sich abermals abwandte und nach
der Thür eilte -- jetzt kam der herrische Befehl wie ein wilder Schrei
von ihren Lippen. Das junge Mädchen blieb, als wäre sie festgewurzelt,
aus Furcht, daß der Aufschrei sich wiederholen und die Kranke
erschrecken könne. »Auch unsere Jüngste, die schöne Müllerin, derb von
Gliedern und tapfer von Gemüt, ist so schwach gewesen,« fuhr sie, in
den sarkastischen Ton zurückfallend, fort. »O, möchtest du protestieren
mit dieser trotzigen Miene, mit diesem kläglichen Versuche, stolz
und beleidigt auszusehen? Nun gut -- ich will dir glauben; du kannst
dich rein waschen, wenn du widerrufst, was du vorhin mit solch
unvergleichlicher Emphase zu Brucks Verherrlichung ausgesprochen hast
--«
»Nicht mit einem Jota widerrufe ich.«
»Siehst du wohl, du Sünderin, daß du deiner sträflichen Liebe mit
Haut und Haar verfallen bist? Sieh mir in die Augen! Kannst du deiner
verheirateten Schwester ins Gesicht hinein ‚nein‘ sagen?«
Käthe hob den gesenkten Kopf und sah über die Schulter zurück; sie
griff nach der Stirnwunde, die infolge der Nervenaufregung zu schmerzen
begann, aber das geschah mechanisch -- und wenn ihr Leben der Wunde
entströmt wäre, sie hätte es nicht beachtet in diesem Augenblicke, wo
sich ihr ganzes Denken und Fühlen auf einen Punkt konzentrierte. »Du
hast kein Recht, mir eine solche Beichte abzuverlangen,« sagte sie
fest und doch mit einer Stimme, aus der stürmisches Herzklopfen klang;
»ich bin nicht verpflichtet, dir zu antworten. Aber du hast mich eine
Sünderin genannt, du hast von Verrat gesprochen -- das sind dieselben
Worte, mit denen ich mich selbst beschuldigt und gestraft habe, bis ich
mir klar geworden bin über die Neigung, die du eine sträfliche nennst
--«
»Ah, ein Bekenntnis in bester Form!«
Ein weiches Lächeln spielte um den blaßroten Mund; ein verklärender
Schimmer legte sich über das erblichene Gesicht, das in diesem Moment
weiß erschien wie die Binde über der Stirn. »Ja, Flora, ich bekenne,
weil ich mich nicht zu schämen brauche, ich bekenne auch um unseres
verstorbenen Vaters willen; ich will die scheinbare Schuld, als
griffe ich nach den heiligen Rechten einer meiner Schwestern, seinem
Andenken gegenüber nicht auf meiner Seele haben. Für unsere Gefühle
können wir nicht -- verantwortlich sind wir nur für die Macht, die
wir ihnen einräumen; das weiß ich nun, nach dem erfolglosen Kampfe
mit einer rätselhaften Neigung, von der man sich plötzlich sagt, daß
sie mit einem geboren und immer dagewesen sein muß -- nur schlafend.
Ist es Sünde, wenn man verehrend an den Hausaltar eines andern tritt?
Ist es Sünde, wenn man freudig zu einem stolzen Baume aufblickt, der
im Garten eines andern steht? Ist es Sünde, wenn ich liebe, ohne zu
begehren? Ich will nichts von euch; ich werde nie deinen und Brucks Weg
kreuzen. Ihr sollt nie wieder von mir hören, sollt euch nicht einmal
meiner erinnern; was kann es eurem ehelichen Glücke schaden, wenn
ich ihn liebe, so lange ich atme, und ihm die Treue halte wie einem
Gestorbenen?«
Ein verletzendes Auflachen unterbrach sie. »Nimm dich in acht, Kleine!
Im nächsten Augenblicke wird dein dichterischer Schwung in Verse
verfallen.«
»Nein, Flora, die überlasse ich dir, wenn ich mir auch sagen muß, daß
ich gesteigert bin in meinem Empfinden und nicht mehr in den festen,
ruhigen Geleisen meiner Erziehung gehe, seit ich diese Neigung im
Herzen trage.« Sie schritt wieder tiefer in das Zimmer zurück, an dem
Ständer vorüber, der den Brautanzug trug. Ohne es zu wissen, streifte
sie die nur noch lose droben hängende Schleppe, und mit einem leisen
Gezisch sank der rauschende Seidenstoff zur Erde.
Käthe bückte sich erschrocken, aber Flora schleuderte den Atlas
verächtlich mit dem Fuße aus dem Wege. »Lasse den Plunder liegen!«
sagte sie schneidend. »Aber sieh, selbst der leblose Stoff wird
rebellisch und empört sich gegen die Schuldige.«
»Und sprichst du dich ganz frei von Schuld, Flora?« fragte Käthe
rasch mit fliegendem Atem -- sie hatte auch lebhaft wallendes Blut
in den Adern; sie hatte ein strenges Rechtsgefühl in der Seele --
dem ausgesprochenen Unrecht der eigensüchtigen Willkür beugte sie
sich nicht um des lieben Friedens willen. »Was war es, das mich zu
Anfang erfüllt hat? Mitleid, unsägliches, schmerzliches Mitleid für
den edlen Mann, den du nicht verstanden, den du vor unser aller Augen
gemißhandelt und um jeden Preis abzuschütteln gesucht hast. Wäre
es nicht eine schwere Schuld gewesen, wozu hättest du dann Abbitte
geleistet? Ich habe dich als Büßende gesehen ... Als du den Ring in den
Fluß warfst --«
»Gott im Himmel, Käthe? Wärme doch nicht immer die alte Vision auf, die
du einmal gehabt haben willst,« rief Flora und preßte sekundenlang die
Hände auf die Ohren; dann hielt sie dem jungen Mädchen den Goldfinger
unter die Augen, und ihre Oberlippe hob sich scharf einwärts gekrümmt
über den weißen Zähnen. »Da -- da sitzt er ja. Und ich kann dir
versichern, daß er echt ist -- die gravierten Buchstaben lassen nichts
zu wünschen übrig .... Um übrigens der Sache ein Ende zu machen, will
ich dir sagen, daß dieses Ding da in meinem Leben keine Rolle mehr
spielt, es sei denn die eines Drahtes, an dem man eine Marionette lenkt
-- mein bräutliches Verhältnis zu Bruck ist gelöst --«
Käthe fuhr bestürzt zurück. »Diese Lösung hast du ja schon früher
erfolglos versucht,« stammelte sie verwirrt, atemlos.
»Ja, damals hatte der Erbärmliche noch einen Rest von Kraft in der
Seele; jetzt ist er windelweich geworden.«
»Flora -- er gibt dich frei?«
»Mein Gott, ja, wenn du denn durchaus die Freudenbotschaft noch einmal
hören willst --«
»Dann hat er dich auch nie geliebt. Dann hat ihn damals ein anderer
Impuls getrieben, auf seinen Rechten zu beharren. Gott sei Dank, nun
kann er noch glücklich werden!«
»Meinst du? Wir sind auch noch da,« sagte Flora; sie legte ihre Hand
mit festem Druck auf den Arm des jungen Mädchens und ihr Blick tauchte
vielsagend und diabolisch tief in die verklärten braunen Augen. »Ich
werde ihm die Stunde nie vergessen, in der er mich vergebens um meine
Freiheit betteln ließ. Nun soll er auch fühlen, wie es thut, wenn man
den Becher zum ersehnten Trunk an die Lippen setzt und er wird einem
aus der Hand geschleudert. Ich gebe den Ring nicht heraus, und sollte
ich ihn mit den Zähnen festhalten --«
»Den gefälschten --«
»Willst du das beweisen, Kleine? Wo sind deine Zeugen? Mir gegenüber
bist du verloren mit einer Anklage, wenn sie nicht Hand und Fuß hat
-- man sagt mir nicht mit Unrecht nach, daß ein Juristengenie in mir
stecke ... Uebrigens magst du dich beruhigen. So unmenschlich grausam
bin ich nicht, meinem ehemaligen Verlobten das Heiraten überhaupt
zu verbieten; mag er sich doch vermählen -- morgen, wenn er Lust
hat, aber selbstverständlich nur mit einer Ungeliebten; gegen eine
Konvenienzehe erhebe ich keinen Einspruch ... Ich werde ihm nachspüren,
nachschleichen auf jeder inneren Regung, die er unvorsichtig an den Tag
legt -- wehe ihm, wenn ich ihn auf einem Wege betreffe, der mir nicht
konveniert!«
Sie hatte einen der rings verstreuten Orangenzweige ergriffen und
wiegte ihn zwischen den Fingerspitzen spielend hin und her; sie sah aus
wie ein schönes Raubtier, das ein Opfer mit geschmeidigen Windungen des
schlanken Körpers umkreist.
»Nun, Käthe, du liebst ihn ja; hast du nicht Lust, für ihn zu bitten
-- wie?« hob sie wieder an, die langsam gesprochenen Worte scharf
markierend. »Schau, ich habe sein Glück in der Hand; ich kann es
zerdrücken, ich kann es aufleben lassen, ganz nach Belieben. Diese
Machtvollkommenheit ist für mich allerdings unbezahlbar, und doch --
kann ich kaum der Versuchung widerstehen, sie hinzugeben, lediglich um
einmal zu erproben, inwieweit die hochgepriesene sogenannte wahre Liebe
feuerfest ist ... Gesetzt, ich legte diesen Ring mit der Befugnis in
deine Hand, ihn zu verwenden, wie es dir gut dünkt -- verstehe mich
recht: ich selbst hätte mich dann von diesem Augenblicke an jedes
Einspruchs, jedes Anrechtes begeben -- würdest du bereit sein, dich
jeder meiner Bedingungen zu unterwerfen, damit Bruck von dieser Stunde
an freie Wahl hätte?«
Käthe hatte unwillkürlich die Hände verschlungen und drückte sie fest
gegen die wogende Brust; man sah, ein unbeschreiblicher Kampf arbeitete
in dieser jungen Seele. »Ich unterwerfe mich jeder, auch der härtesten
Bedingung, sofort, wenn ich Bruck aus deinen Schlingen erlösen kann,«
rang es sich heiser, aber entschlossen von ihren Lippen.
»Nicht zu sanguinisch, meine Tochter! Du könntest mit diesem übereilten
Opfermute leicht dein eigenes Lebensglück hinwerfen.«
Das junge Mädchen schwieg und legte die Rechte an die schmerzende
Stirn. Man sah, der Starken brach eine Stütze nach der andern, der
Jugendmut, elastische Kraft, die auf sich selber pocht, der Glaube an
das schließliche innere Ueberwinden -- nur der Wille blieb stark. »Ich
weiß, was ich will -- da braucht es kein Besinnen,« sagte sie.
Flora hielt den Blütenzweig vor das Gesicht, als atme sie den Duft der
künstlichen Blumen ein. »Und wenn er nun -- vielleicht nur um mich
namenlos zu demütigen -- dich selbst begehrte?« fragte sie mit einem
blitzenden Seitenblick.
Der jungen Schwester stockte der Atem. »Das wird er nicht -- ich war
ihm nie sympathisch.«
»Das ist richtig. Ich will aber einmal annehmen, er sage dir, daß er
dich liebe, da wäre das Unterpfand seiner Freiheit denn doch sehr
schlecht aufgehoben in deinen Händen -- meinst du nicht? ... Er würde
eines Tages um die Geliebte freien, und sie könnte nicht widerstehen,
und ich mit meinen unbestrittenen Anrechten hätte das Nachsehen --
nein, ich behalte meinen Ring.«
»O Gott, darf es wirklich geschehen, daß eine Schwester die andere so
entsetzlich martert?« rief Käthe in schmerzlicher Entrüstung. »Aber
gerade in diesem Augenblick, der deinen ganzen beispiellosen Egoismus,
dein Herz ohne Erbarmen, deine unbezwingliche Neigung zur Intrigue
bloßlegt, wie noch nie, fühle ich mich doppelt berufen, Bruck um jeden
Preis von dem Vampir zu befreien, der nach seinem Herzblut trachtet
-- du _darfst_ keine Gewalt mehr über ihn haben ... Er soll ein neues
Leben anfangen; er wird sich eine Häuslichkeit schaffen, die ihn
beglückt und befriedigt; er wird nicht mehr verurteilt sein, an der
Seite einer herzlosen Gefallsüchtigen ein steifes Salonleben zu führen
--«
»Sehr verbunden für die schmeichelhafte Beurteilung! Du sprichst viel
zu warm für sein Glück, als daß ich dir mein Kleinod anvertrauen
möchte.«
»Gib es her -- du kannst es getrost.«
»Und wenn er dich nun wirklich und wahrhaftig liebte?«
Die Lippen des jungen Mädchens zuckten in unsäglicher Qual; sie
verschlang die Hände angstvoll ineinander, wie es die Verzweiflung
thut, aber sie blieb standhaft. »Wäre es auch -- ich bin nicht
unersetzlich. Wie leicht wird es ihm werden, eine Bessere zu finden!
Und daß er nicht wieder blindlings ein falsches Los zieht, dafür bürgt
seine schmerzliche Erfahrung. Gib mir den Ring, den gefälschten, von
dem ich weiß, daß in Wahrheit auch nicht die leiseste Spur von einem
Recht mehr an ihm hängt -- ich verspreche dir, ihn zu achten wie den,
der im Flusse liegt, weil er trotz alledem und alledem Brucks Befreiung
verbürgt.« Sie streckte die Hand aus.
»So wie ich dich kenne, bist du ehrenhaft genug, ihn nie zu _deinen_
Gunsten zu verwenden,« sagte Flora nachdrücklich und den Ring
abstreifend; ein leises Zittern durchlief Käthes Glieder, als das Gold
ihre Handfläche berührte -- dann schlossen sich die Finger wie im
Krampf über dem Reif; dabei stahl sich ein bitterverächtliches Lächeln
um den Mund des Mädchens -- sie war zu stolz, auch nur mit einer Silbe
ihre makellose Absicht zu beteuern.
»Nun?« rief Flora beunruhigt.
»Du hast mein Wort; jetzt bin ich die Marionette, die du an diesem
Drahte lenkst,« -- sie hob die geschlossene Hand mit dem Goldreif; --
»bist du zufrieden?« Damit ging sie.
In dem Moment, wo sie auf die Schwelle der geöffneten Thür trat, kam
Doktor Bruck die gegenüberliegende Treppe herauf. Sein Blick überflog
die zwei Gestalten, von denen die eine aufrecht, triumphierend inmitten
des Zimmers stand und ihn kalt anlächelte, während das fieberglühende
Mädchen bei seinem Anblick fast zusammenbrach.
Er eilte bestürzt herbei und legte rückhaltslos den Arm um die
Schwankende. Die Thür hinter ihnen fiel zu und in ihr Geknarr mischte
sich ein wohlbekanntes, gedämpftes Auflachen.
[Illustration]
28.
Nachmittags brach der Sturm los, den die wie die Möwen um das Haus
schwirrenden Gerüchte verkündigt hatten -- eine Gerichtskommission
erschien. Man hatte sich die feierliche Beschlagnahme seit den frühen
Morgenstunden vergegenwärtigt und doch ging es wie ein erschütternder
Schlag durch das ganze Haus, als die Herren unter das Portal traten.
Sie kamen für alle zu früh. Noch schleppten die Bedienten die
altmodischen, blinden Mahagonitische und Kommoden der Präsidentin,
die Sofas und Stühle mit den verstaubten und zerschlissenen Bezügen
vom Dachboden herab in den Hauptkorridor; noch standen Floras Kisten
mit dem eingepackten Trousseau droben und harrten auf den säumigen
Spediteurwagen; noch lag im kleinen Haus-, Wein- und Bierkeller
»Trinkbares«, das man nicht mehr beiseite bringen konnte.
Die Präsidentin hatte sich stolz und vornehm in ihr Schlafzimmer
zurückgezogen -- sie wollte die Herren nicht sehen, aber so höflich und
respektvoll dieselben auch waren, sie durften auf die Nervenzufälle
der gnädigen Frau keine Rücksicht nehmen; sie mußten fragen, ob
die Zimmereinrichtung ihr eigen sei, und auf das Verneinen der Dame
hin bitten, einstweilen in ein leerstehendes, heizbares Entree
überzusiedeln, weil das Zimmer versiegelt werden müsse. Nun wurden
die alten Möbel aus dem Korridore in das kleine, freundliche Zimmer
geschoben, die pensionierten Federbetten gelüftet und bezogen und
unter die verschossene, braunseidene Steppdecke gesteckt, die der
Präsidentin seit Jahren nicht vor die Augen gekommen war und bei
deren Erblicken ein Schauder des Abscheus durch ihre Glieder flog.
Die Jungfer richtete das Stübchen so wohnlich wie möglich ein; sie
hatte den kleinen Mahagoniblumentisch am Fenster mit einigen aus dem
Wintergarten eroberten Blattpflanzen gefüllt und manches aus dem
Schlafzimmer herübergerettet, was ihrer verwöhnten Herrin besonders
lieb und unentbehrlich war, aber die alte Dame sah die Bemühungen nicht
-- sie saß am Fenster und stierte nach dem Pavillon hinüber, dessen
neuglänzendes Dach hinter der Bocage auftauchte.
Dieser gefürchtete und namenlos verhaßte »Witwensitz« war ein wahres
Feenschlößchen geworden. Reiche Gardinen hinter den Spiegelscheiben;
sie sah eine köstliche Spitzenkante an einem Eckfenster, welches das
Ahorngeäst freiließ; es funkelte alles im Glanze der Neuheit, das
spiegelglatte Parkett, die eleganten Möbel, die Deckenmalereien, die
Lüsters in dem Salon; selbst die Küche war splendid und vorsorglich
ausgestattet, bis auf den einfachsten Blechlöffel hinab. Dieses »Bijou«
hatte ihr Eigentum sein sollen bis an ihr Ende, und sie hatte es
verächtlich mit dem Fuße fortgestoßen, aus Furcht, es werde sie von der
Geselligkeit im Hause des Kommerzienrates isolieren -- und nun, und
nun!!
Währenddem kämpfte Flora um ihre Effekten, aber alle erschöpfenden
Argumente, das schließliche Berufen selbst auf das Zeugnis der
Dienerschaft waren vergeblich. Fräulein Mangold möge später
reklamieren, augenblicklich müsse alles Vorgefundene in Bausch und
Bogen unter die Siegel -- lautete die höfliche, aber sehr bestimmte
Antwort. Und so ging es treppauf, treppab stundenlang. Alles, was an
lebenden Blumen das Haus schmückte, wurde in die Treibhäuser gestellt;
man hörte einen Zimmerschlüssel nach dem andern im Schlosse kreischen
und die noch offenen Fensterladen vorlegen -- es war schauerlich, wie
sich so nach und nach hinter den Vollstreckern des Gesetzes her die
Dunkelheit und das Schweigen in den verlassenen Ecken niederhockte.
Zwischen das Treiben hinein schimpfte und fluchte die Dienerschaft
nunmehr ganz offen und jammerte um den rückständigen Lohn, aber jedes
schnürte sein Bündel, um das Haus zu verlassen, dessen Komfort hinter
Schloß und Riegel lag, dessen Fleischtöpfe nicht mehr brodelten. Nur
der Gärtner blieb und wurde in der Domestikenstube einquartiert.
[Illustration]
Und inmitten dieser Verwirrung hob die Mädchenseele droben in der
Bel-Etage die Flügel, um nach jahrelangem Kampfe den kranken Leib leise
und klaglos abzustreifen.
Henriettens Zimmer blieben unberührt von dem Geräusche der
Beschlagnahme -- was die Sterbende umgab, war ihr Eigentum. Man
bemühte sich auch, in der Bel-Etage jeden Lärm, selbst den der lauten
Fußtritte, zu verhindern, und so drang nichts zu der scheidenden
Seele, was sie noch einmal aufschrecken und in die irdische Misere
zurückblicken machen konnte. Sie sah nur vor sich, durch das offene
Fenster, in einen wahren Rosenhimmel hinein; sie sah die Schwalben
mit ihren weißen Brust- und Flügelfedern wie silberne Kreuze unter
den hochziehenden, rotglänzenden Abendwolken hinschießen, hastig,
von dem erwachten Wandertrieb in der Brust beunruhigt. Noch gestern
waren feine Rauchstreifen von der Ruine her vorübergezogen und fernes
Geräusch hatte die Gedanken des kranken Mädchens immer wieder auf sich
gelenkt und schmerzbewegt um die Unglücksstätte kreisen lassen, wo die
berstenden Mauern zusammengestürzt waren über »dem Unvorsichtigen«,
an welchem sie, bei allen seinen Schwächen, doch mit schwesterlicher
Zuneigung gehangen hatte. In die jetzige feierliche Abendstunde aber,
in das stille Hingehen des Tages und eines kurzen Mädchenlebens
mischten sich keine Anzeichen jener Schrecknisse mehr.
Der Doktor saß an Henriettens Bett. Er sah, wie der Tod dieses Antlitz
voll Geist und Bewußtsein mit rapider Schnelligkeit, Strich um Strich,
schärfte und markierte; an die Fingerspitzen der Kranken klopfte der
entfliehende Lebensstrom in so vereinzelten Pulsschlägen, als kehre von
fern her hier und da eine Welle zurück und spüle noch einmal an das
verlassene Ufer.
»Flora!« flüsterte Henriette und sah ihn mit einem sprechenden Blicke
an.
»Soll sie kommen?« fragte er, sofort bereit nach ihr zu gehen.
Henriette schüttelte schwach den Kopf. »Du wirst mir nicht böse
sein, wenn ich mit dir und Käthe allein bleiben möchte, bis --« Sie
vollendete nicht und pflückte mit halbversagenden Fingern an dem
welken, roten Weinlaub auf der Bettdecke. »Ich will es ihr ersparen
und sie wird es mir Dank wissen;« -- noch einmal schwebte der Anflug
eines sarkastischen Lächelns schattenhaft um ihren Mund -- »sie kann
Rührszenen nicht leiden ... Du sollst ihr nur einen Gruß bringen, Leo.«
Der Doktor schwieg und neigte das Haupt. In seiner nächsten Nähe stand
Käthe. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen -- die Sterbende stützte
sich ahnungslos auf Beziehungen, die nicht mehr existierten; erfuhr sie
noch die Wahrheit? Ein angstvoller Seitenblick streifte das Gesicht des
Doktors; es blieb vollkommen ernst und gefaßt; die Scheidende durfte
durch eine unerwartet hereinbrechende Nachricht aus der schon halb und
halb verlassenen Welt herüber nicht mehr aufgeschreckt werden, und zu
einer Vorbereitung blieb -- keine Zeit.
Henriettens Augen schweiften über den Himmel hin. »Wie köstlich
klar und rosig! Ein Hineintauchen der befreiten Seele muß himmlisch
sein,« flüsterte sie innig. »Ob es ein Zurückblicken gibt? Ich will
ja nur Eines sehen ...« -- sie wandte mühsam den Kopf in den Kissen
und sah voll zum erstenmal mit dem ganzen, unverhehlten Ausdruck
unaussprechlicher Liebe zu Bruck auf -- »ob du glücklich wirst, Leo.
Dann mag es mich fort, in Sonnenfernen tragen.« -- Zu _sagen_: »ich muß
das wissen, um selig werden zu können, weil ich dich geliebt habe mit
allen Kräften, mit jeder Faser meines Herzens,« das konnte die scheu
verschlossene Mädchenseele selbst in der Todesstunde nicht über sich
gewinnen.
Es war, als überfliege ein verklärender Schein die gesenkte Stirn
des Doktors. »Es hat sich noch alles glücklich für mich gewendet,
Henriette,« sagte er bewegt. »Ich wage zu hoffen, daß ich nicht mehr
einsam und verbittert durchs Leben gehen werde, oder besser: ich
weiß, daß sich in der zwölften Stunde noch mein Traum von wahrer
Lebensbeglückung erfüllen wird -- genügt dir das, meine Schwester?« Er
zog die schmale, erkaltete Hand, die er noch in der seinen hielt, an
die Lippen. »Ich danke dir,« setzte er innig hinzu.
Ein Erröten, sanft rosig wie das Abendlicht draußen, kam und schwand
in jähem Wechsel auf den Wangen der Sterbenden; mit einem Ausdruck von
scheuem Glück streiften ihre Augen unwillkürlich die Schwester, welche,
die Rechte auf Brucks Armstuhl gelegt, sichtlich bemüht war, ihren
Schmerz, aber auch eine unverkennbare Bestürzung zu bemeistern. Bei
diesem Anblick schmolz Henriettens Herz in Weh und Mitleid.
»Sieh meine Käthe an, Bruck!« sagte sie bittend, aber mit erlöschender
Stimme und unaufhörlich von Atemnot unterbrochen. »Lasse mich's noch
aussprechen, was mich immer bedrückt und geschmerzt hat! Du bist immer
so kalt gegen sie gewesen -- einmal sogar hart bis zur Grausamkeit --
und ihr kommt doch keine gleich, keine! Leo, ich habe dein Vorurteil
nie begreifen können ... Sei gut gegen sie -- stehe an ihrer Seite --«
»Bis zum letzten Atemzug! Bis über den Tod hinaus!« unterbrach er sie,
kaum fähig, seiner stürmischen Bewegung Herr zu werden.
»Sieh, nun ist alles gelöst! Ich weiß es, hältst du sie in treuer Hut,
dann wird meine starke, meine mutige Käthe stets zwischen dir und allem
Ungemach stehen --«
»Wie eine treue _Schwester_, die ich ihm von dieser Stunde an sein
werde,« vollendete Käthe mit halberstickter Stimme.
Ein geisterhaftes Lächeln irrte um Henriettens Mund -- sie schloß
die Augen. Sie sah nicht, daß durch die Glieder der Starken, Mutigen
Schauer liefen, als schüttle sie das Fieber -- sie sah nicht, daß sie
Brucks dargebotene Rechte mit weggewendetem Gesicht von sich schob, als
sei selbst ein Händedruck nicht statthaft. Das Lächeln erlosch und aus
der Brust der Sterbenden rang sich ein röchelnder Laut. »Grüßet die
Großmama! -- Nun möchte ich Ruhe haben -- schaffe mir Ruhe um jeden
Preis, Leo!« hauchte sie angstvoll.
»In zehn Minuten wirst du schlafen, Henriette,« sagte er in tiefen,
beruhigenden Tönen. Er legte ihre Hand auf die Bettdecke zurück, und
sich erhebend, schob er seinen Arm sanft und unmerklich unter das
Kopfkissen -- so lag sie wie ein Kind an seiner Brust -- seliges
Sterben!
Und nach zehn Minuten schlief sie. Die hereinnickenden Weinblätter
wehten leise, als streife sanfte Berührung an ihnen hin, und
das Rosenlicht draußen, in das zu tauchen die Seele sich gesehnt
hatte, erglühte plötzlich wie angefacht zum tiefsten Purpur. Und
der kleine, kirre Vogel ließ sich wie immer zum Abendgruß auf dem
Fenstersims nieder; er zwitscherte leise herein, nach dem wachsweißen
Mädchengesicht hin -- zum letztenmal; denn nun wurde auch dieser
Fensterladen geschlossen, bis -- fremde Hände kamen und Besitz
ergriffen vom Hause des Kommerzienrates.
[Illustration]
Da kam die Präsidentin herein, gebeugt, als habe ihr das so lange
nachschleichende Alter nunmehr mit doppelter Wucht einen Stoß in
das Genick versetzt. Die weiße Schleierwolke lag wieder um Kinn und
Hals; sie hatte die schwarze Krepphaube fortgeschleudert -- um einen
Schurken trauere man nicht, hatte sie gesagt. Sie trat an das Bett, und
ein leichter Krampf machte ihre Lippen beben, als sie in das stille
Totengesicht sah. »Ihr ist wohl,« sagte sie mit brechender Stimme. »Sie
hat das bessere Teil erwählt; nun braucht sie nicht in die Verbannung
zu gehen -- der bittere, bittere Kampf mit der Armut ist ihr erspart
geblieben.«
Flora aber kam und ging wortlos. Die zwei treuen Wächter am Totenbette
existierten nicht für sie. Sie küßte die heimgegangene Schwester auf
die Stirn, dann schritt sie, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen,
wieder nach der Thür, durch die sie gekommen. Wohl wurzelte ihr Fuß
auf der Schwelle, aber sie wandte weder die Augen noch den Kopf nach
der Richtung, wo der Doktor stand und mit ernster, feierlicher Stimme
die Grüße der Toten bestellte. Sie neigte unmerklich das Haupt,
zum Zeichen, daß sie den Ausdruck des letzten Gedankens in Empfang
genommen, und ging mit rauschender Schleppe weiter, die Treppe hinab,
um drunten Hut und Regenmantel anzulegen und nach dem nächstgelegenen
Hotel zu gehen, in welchem sie Zimmer für sich und die Präsidentin
gemietet hatte; unter dem Dache des Verbrechers durfte kein Glied der
Familie Mangold mehr schlafen, selbst die Tote nicht.
Und als man auch sie nach hereingebrochener Dunkelheit fortgetragen
hatte in die große Halle, wo sie alle im letzten Schmuck und
blumenüberschüttet auf das Oeffnen der letzten Pforte warten, da wurde
auch in der Bel-Etage die letzte Zimmerthür verschlossen, und der
Doktor und Käthe stiegen die Treppe herab. Wie schollen ihre Schritte
durch das schweigende, verlassene Haus! Wie gespenstisch schlich der
Schein der Lampe, die der Gärtner vor ihnen hertrug, über die einsamen
Wände des Treppenhauses und der Korridore, an denen Tag für Tag die
Fluten des üppigsten Lebens, die übermütigen Zeugen der goldgleißenden
Schwindelepoche hinweggerauscht waren.
Die weiche Nachtluft, welche die Fortgehenden umfloß, legte sich wie
Balsam auf Käthes heiße, verweinte Augen. Ein sternfunkelnder Himmel
breitete sich über den schweigenden Park hin; man konnte die einzelnen
Baumgruppen unterscheiden und der Teichspiegel glomm schwach herüber
wie mattes Silber durch schwarzes Schleiergewebe. Das Sandgeröll wich
knirschend unter den Tritten und von fern her tosten die über das Wehr
stürzenden Wasser, aber kein Blatt an den Wipfeln und Büschen regte
sich -- es war so lautlos still wie droben im Sterbezimmer, wo man
während der letzten Stunden nur flüsternd das Notwendige beredet hatte.
Und deshalb schrak auch Käthe jetzt so zusammen und brach fast in die
Kniee, als der Doktor mit seiner tiefen, vollen Stimme das Schweigen
unterbrach. Sie hatten gerade das tiefdunkle Laubthor der Allee vor
sich, und da blieb er stehen.
»Ich verlasse in wenigen Tagen die Residenz, und so wie ich Sie kenne,
werden Sie bis dahin weder zu meiner Tante kommen, noch mir gestatten,
die Mühle zu betreten,« sagte er -- eine unsägliche Beklommenheit und
Spannung lag in diesen Tönen. »Ich muß mir also sagen, daß wir zum
letztenmal nebeneinander gehen -- das heißt für jetzt --«
»Für immer!« unterbrach sie ihn tonlos, aber fest.
»Nein, Käthe!« sagte er entschieden. »Eine Trennung für immer wäre es
allerdings, wenn ich das, was Sie vor wenigen Stunden ausgesprochen
haben, für unverbrüchlich halten müßte, denn -- eine _Schwester
will_ ich nicht ... Glauben Sie, ein Mann werde sich zeitlebens da
mit wohlgemeinten schwesterlichen Briefen begnügen, wo er nach dem
lebendigen Worte von geliebten Lippen dürstet? ... Aber nein, das
wollte ich ja heute nicht sagen. Die Selbstsucht reißt mich hin, Sie in
einem Augenblicke zu bestürmen, wo Sie eine so bittere Schmerzenslast
zu tragen haben. Nur über eines _muß_ ich mich noch aussprechen. Sie
haben heute nachmittag eine Begegnung in dem Zimmer gehabt, aus welchem
Sie mir in der heftigsten Gemütsbewegung entgegentraten. Man hat
Ihnen mitgeteilt, was geschehen ist, und dabei ist selbstverständlich
der ganze mißliche Anschein, den eine solche gewaltsame Lösung stets
gewinnt, auf mich allein gefallen -- ich sah das an Ihren Mienen, und
später, als Sie sich gegen eine innigere Beziehung verwahrten, indem
Sie Henriette zuliebe mir eine _Schwester_ sein wollten, da _hörte_ ich
auch, daß böse Einflüsterungen Macht über Sie gewonnen hatten! -- Gott
sei Dank, nicht für immer! Ich weiß es -- Ihr klarer, kluger Blick mag
sich vielleicht momentan trüben, aber er wird sich nicht hartnäckig
verschließen. Käthe, ich war neulich, an dem schreckensvollen
Nachmittage, in meinem Garten; ich stand hinter dem Ufergebüsche,
und drüben legte ein Mädchen die Stirn an einen Baumstamm und weinte
bitterlich.«
Käthe machte eine Bewegung, als wolle sie in die Allee hineinfliehen,
allein schon hatte Bruck ihre Hand gefaßt und hielt sie mit festem
Drucke. »Ich sah das Mädchen leibhaftig vor mir stehen, das ich eben
in Gedanken voll Sehnsucht in meinen Armen gehalten und an das Herz
gedrückt hatte; ich war eben in dem letzten der Kämpfe, die ich
monatelang durchlitten, Sieger geblieben, das heißt ich hatte falsche
Ansichten von mir geschüttelt und mir gesagt, daß ich ein Meineidiger
sei, wenn ich, die unbezwingliche Leidenschaft im Herzen, eine verhaßte
Ehe eingehe. Und da sah ich die Heimgekehrte stehen -- und ich
jauchzte, denn ihre weinenden Augen suchten nicht die Fenster der Tante
--« Er schwieg und zog ihre Hand an seine Lippen, und sie lehnte an der
nächsten Linde, unfähig, auch nur einen Laut herauszubringen.
»Ich darf der, die meine Braut gewesen ist, keinen Vorwurf machen; ich
trage die Schuld, daß es zu einem solchen Eklat kommen mußte, ich,
der ich, um der Welt willen, schwach genug war, nicht schon in dem
Augenblicke zurückzutreten, wo ich unter tödlicher Bestürzung erkannte,
daß ich eine hinreißend schöne Form gewählt habe, deren vermeintlich
reicher Inhalt unter den prüfenden Augen zu Nichtigkeiten zerbröckelte
-- und das geschah schon in den ersten Wochen nach meiner Verlobung.«
Nein, es waren keine Nichtigkeiten, was »die hinreißend schöne Form«
umschloß, es war ein Frauencharakter voll teuflischer Bosheit. Flora
hatte um Brucks Liebe für sie gewußt, jedenfalls durch sein eigenes
Geständnis -- welch eine niederträchtige Intrigue! Die Betrogene
hatte den Ring in der Tasche; sie hatte ihn _um jeden Preis_ erkauft;
sie _hatte_ selbst jeden listigen Einwurf der ränkevollen Schwester
bekämpft und ihr Wort verpfändet, sogar auf die Möglichkeit hin, daß
Bruck ihre Hand begehren könne. Die Augen des jungen Mädchens irrten
verzweiflungsvoll über den gestirnten Himmel. Sie wußte, Flora gab ihr
das Wort nicht zurück, und wenn sie sich in qualvoller Bitte zu ihren
Füßen die Kniee wund rieb; sie wußte, daß sie und Bruck in den Augen
aller verfemt sein würden; denn niemand hatte einen vorurteilslosen
Einblick in die Sachlage. Es bedurfte nicht einmal Floras glänzender
Beredsamkeit, die Welt zu überzeugen, daß _sie_ die Hintergangene
sei, der die jüngere Schwester den Verlobten weggelockt habe, und daß
Flora diese Beleuchtung wählen werde, das stand fest wie der Himmel da
droben. Wie sie flimmerten, die kreisenden Sternbilder! Auf welchen
dieser goldenen Himmelsfunken hatten die rosig durchhauchten Abendlüfte
den erlösten Geist der Schwester getragen? Sah sie jetzt zurück? Sah
sie, wie das Glück des geliebten Mannes in Trümmer ging?
»Sie sind so still, Käthe. In Ihrer Seelenhoheit weisen Sie mich
schweigend in die Schranken; ich hätte _heute_ nicht sprechen sollen,«
hob er wieder an. »So will ich auch jetzt nicht weiter in Sie dringen.
Ich verhehle mir nicht, daß meine Bitten und Wünsche mit schweren
Bedenken in Ihrer Seele kämpfen müssen; denn sonst wären Sie nicht die
peinlich gerechte, die ehrliche Käthe, die Sie sind, aber ich werde
mein ersehntes Ziel erreichen, ohne daß ich zur stürmischen Ueberredung
greifen muß -- das weiß ich auch. Ich lasse Ihnen Zeit zur Prüfung
und zur Ueberwindung des tiefen Schmerzes, der Sie jetzt erfüllt
und in allem, was Sie denken und fühlen, mitspricht. Ich gehe jetzt
unbeglückt, aber -- ich komme wieder. Und nun wollen wir nach der Mühle
gehen. Geben Sie mir getrost Ihren Arm! Ein Bruder kann seine Schwester
nicht selbstloser führen, als ich in diesem Augenblicke an Ihrer Seite
gehe. Sie könnten sich ebenso ruhig mir und meiner Tante anschließen,
wenn wir unsere Reise nach L.....g antreten.«
»Ich kehre nicht nach Sachsen zurück,« sagte sie. Sie hatte ihre Hand
auf seinen Arm gelegt, und nun durchschritten sie die Allee. Ein
Gefühl von tödlicher Erstarrung durchschlich die Glieder des Mädchens,
und es war, als krieche es auch lähmend an das wildklopfende Herz
und hauche die Stimme an, die so fremd, so hart und klanglos aus der
Brust kam. »Ich habe schon bei meiner letzten Anwesenheit in Dresden
gefühlt, daß mir, so wie es jetzt in meinem Innern aussieht, mit dem
ausschließlichen Versenken in das Sprachstudium und die Musik, mit
der Besorgung kleiner Hausgeschäfte und dergleichen nicht geholfen
ist -- ich muß einen Wirkungskreis haben, der tüchtige, anstrengende
Arbeit Tag für Tag von mir fordert. Bis vor wenigen Tagen noch zögerte
ich, dieses Vorhaben auszusprechen; denn ich wußte, daß das erste
Wort eine Reihe von Kämpfen mit meinem Vormunde einleiten würde --
der ‚Goldfisch‘ hatte ja bereits seinen Beruf, den, mit tadellosem
Schick seine Revenüen zu verbrauchen. Das ist nun alles aus. Der
gefürchtete Geldschrank existiert nicht mehr, oder eigentlich, sein
papierener Inhalt ist schon wertlos gewesen, ehe er zertrümmert in die
Luft geschleudert wurde -- das ist mir zur unumstößlichen Gewißheit
geworden, seit mir Nanni heute nachmittag zuflüsterte, daß man drunten
versiegele. Nicht wahr, meine vielen Hunderttausende existieren nicht
mehr?«
»Ich glaube schwerlich, daß sich etwas retten läßt --«
»Aber meine Mühle habe ich noch -- und da will ich bleiben. Vielleicht
erregt es Ihre ernstliche Mißbilligung, wenn ich Ihnen sage, daß ich
von nun an mein Eigentum selbst verwalten will; denn es sieht nach
Emanzipation aus, wenn ein junges Mädchen als Inhaberin einer Firma
selbständig hervortritt.«
»So falsch urteile ich nicht; ich befürworte sogar warm diese Art von
Selbständigkeit der Frauen; ich weiß auch, daß Sie mit Ihrer Kraft
und Energie sofort im richtigen Fahrwasser sein würden, aber das ist
nicht Ihre Bestimmung, Käthe. Sie sind berufen, ein Familienglück zu
begründen, nicht aber, den Kopf voll Zahlen und Berechnungen, ‚Tag für
Tag‘, einsam am Geschäftspulte zu stehen. Fangen Sie lieber gar nicht
an! Denn eines Tages wird man Sie wegholen und nicht danach fragen,
wo Sie in den Büchern gerade mit Ihrem Soll und Haben stehen, und das
könnte eine schlimme Verwirrung geben.«
Wäre nur ein einziger intensiv beleuchtender Strahl des Sternenlichtes
in das Dunkle der Allee gefallen, dann hätte der Sprechende schon
von diesem Augenblicke an das Mädchen nicht mehr von seiner Seite
gelassen -- eine so trostlose Verzweiflung malte sich in ihren Zügen
--, er würde sie in seine Hut genommen und nicht gezögert haben, der
eigentlichen Spur nachzugehen, die den Widerstand erklärte. So aber
deckte die Finsternis den entsetzlichen Seelenkampf, der da neben ihm,
ohne Laut, ohne auch nur einen verräterischen Seufzer, durchstritten
wurde, und er führte die Entmutigung und Niedergeschlagenheit, die ihre
Stimme so dumpf und eintönig machten, auf das Trennungsweh, auf die
tiefe Erschütterung zurück, die der Anblick eines Sterbenden hinterläßt.
Hier und da sprang ein Kiesel mit leichtem Rasseln unter den Füßen der
Weiterschreitenden auf und das Wellengeräusch des nahen Flusses scholl
stark in das augenblickliche Schweigen hinein, das auf die letzten
Worte des Doktors gefolgt war. Die Linden der Allee traten zurück; der
Nachthimmel breitete sich droben wieder hin und in sein Flimmern hinein
stiegen dort die zwei schlanken italienischen Pappeln, welche die
Holzbrücke flankierten.
Bei diesem Anblicke drückte der Doktor unwillkürlich den Arm des jungen
Mädchens an sich. »Dort, Käthe!« flüsterte er innig, »dort haben Sie
stets die ersten Veilchen gesucht; ich habe Ihnen versprochen, daß
Sie das immer dürften, und ich kann Wort halten -- ich werde meine
Osterferien stets hier verleben.«
Käthe preßte die geballte Rechte auf die Brust; sie glaubte ersticken
zu müssen an dem heftigen Schlagen ihres Herzens, und doch fragte sie
nach einer kurzen Pause anscheinend gelassen: »Die Frau Diakonus wird
Sie nach L.....g begleiten?«
»Ja, sie will meinem Hauswesen vorstehen, solange ich noch allein
sein werde. Sie bringt mir ein großes Opfer und wird Gott danken,
wenn sie den Staub der großen Stadt wieder von den Füßen schütteln
und in ihr geliebtes grünes Heim hierher zurückkehren darf. Ich weiß,
das edle, brave Herz, um das ich werbe, wird sie nicht allzu lange
auf die Ablösung von ihrem Posten warten lassen,« setzte er mit
weicher, bittender Stimme hinzu. Ein Licht in der Mühle tauchte vor
ihnen auf. Dort hatten sie heute den Müller Franz hinausgetragen. Der
Verunglückte hinterließ eine Witwe und drei Waisen. Das Dach, das sie
noch beschützte, gehörte ihnen nicht, und das, was der fleißige Mann
erarbeitet und gespart hatte, genügte nicht zu ihrem Unterhalte. Suse
war heute für einen Moment in der Villa gewesen, um nach ihrer Herrin
zu sehen. Sie hatte Käthe die Verzweiflung der Hinterlassenen als
herzzerreißend geschildert und dabei den Wirrwarr bejammert, in den
»das herrenlose Geschäft« mit jeder Stunde tiefer gerate.
Das Bogenfenster der Familienstube im Erdgeschoß, das nach dem Park
hinausging, war dunkel. Schwarz und ungestalt ragte der Gebäudekomplex
der Mühle in die Luft; sie lag so einsam, so weltverlassen da; das
Gebell der Hofhunde, die beim Geräusch der näherkommenden Schritte
anschlugen, klang verloren wie in eine öde, endlose Weite hinein. Die
Räderarbeit schwieg, und der Mühlenraum stand so leer, so feierlich
unbelebt, als hätte seit dem Erkalten der freudig hier schaffenden
Menschenhand ein geschäftiges Heinzelmännchen nach dem andern die Kappe
über das vergrämte Gesicht gezogen und sich davongeschlichen.
Der Doktor zog das junge Mädchen näher an sich, ehe er die Mauerpforte
öffnete. »Mir ist, als führte ich Sie in die Verbannung,« sagte er
zögernd und gepreßt, »Sie sollten mir den Schmerz nicht machen, Sie
gerade heute in diesen dunkeln schweren Stunden allein zu wissen.
Kommen Sie mit mir! Die Tante wäre überglücklich, Sie aufnehmen und
mütterlich verpflegen zu dürfen.«
»Nein, nein!« stieß sie hastig heraus. »Glauben Sie ja nicht, daß ich
mich nutzlosem Jammer leidenschaftlich hingebe, wenn ich allein bin --
ich habe nicht einmal Zeit dazu, und ich will auch nicht. Ich muß dort«
-- sie zeigte nach dem Bogenfenster, wo jetzt hinter dem Kattunvorhange
ein matter Lampenschein aufdämmerte -- »sofort als Trösterin eintreten.
Die vier armen Menschen sind auf meine Kraft, meinen Beistand
angewiesen.«
»Liebe, liebe Käthe!« sagte er und zog mit beiden Händen ihre Rechte
gegen seine Brust. »So gehen Sie denn in Gottes Namen! Ich würde es
für eine schwere Sünde halten, Sie zu beirren, die Sie so tapfer den
harten, aber unfehlbaren Weg zur Ueberwindung unfruchtbaren Schmerzes
wählen. Seien Sie aber in der ersten Zeit nicht ebenso streng gegen
sich als Rekonvaleszentin! Tragen Sie die schützende Binde noch einige
Tage auf der verheilenden Wunde, dann fort damit! Und nun: zu Ostern,
wenn die letzten Winternebel fliehen, wenn Schnee und Eis tauen, dann
gehen auch die Menschenherzen auf; zu Ostern, da komme ich wieder.
Bis dahin gedenken Sie eines Fernen, eines sehnsüchtig Harrenden, und
lassen Sie Verleumdung und Mißtrauen nicht zwischen uns treten!«
»Nie!« Dieses eine Wort brach fast wie ein Aufschrei aus ihrer Brust.
Sie entzog ihm die Hand, die er an seine Lippen preßte; dann rasselte
die Mauerthür hinter ihr zu. Sie that keinen Schritt vorwärts; an die
kalte, feuchte Mauer gedrückt und das Gesicht in den Händen vergraben,
horchte sie atemlos auf seine verhallenden Tritte. Was war Henriettens
Sterben gewesen gegen die Qualen ihres wildschlagenden Herzens, das
weiterleben mußte! Sie lauschte, bis die weiche Nachtluft lautlos an
ihr vorüberstrich; dann ging sie starren, thränenlosen Auges in das
Haus, um ihre Mission als Trösterin und Versorgerin zu beginnen.
Drei Tage später, sofort nach Henriettens Beerdigung, verließen Doktor
Bruck und die Tante Diakonus die Residenz. Ihn hatte Käthe nicht wieder
gesehen, aber die Tante war wiederholt stundenlang bei ihr gewesen. An
demselben Tage reiste auch Flora in Begleitung der Präsidentin ab. Die
alte Dame begab sich in ein stärkendes Bad und Flora ging nach Zürich,
wo sie, wie man sich in der Residenz erzählte, behufs medizinischer
Studien eine Zeitlang leben wollte.
[Illustration]
[Illustration]
29.
Mehr als ein Jahr war vergangen seit jenem Märztage, wo Käthe Mangold,
die Enkelin und einzige Erbin des reichen Schloßmüllers, auf dem
Fahrwege von der Stadt her geschritten war, um sich im Hause ihres
Vormundes in ihrer neuen Eigenschaft als »Goldfisch« vorzustellen.
Wer jetzt, von der mit eleganten Villen besetzten Chaussee
abbiegend, diesen Weg betrat, der sah rechts, und zwar ebenfalls an
der Chausseelinie hin, eine Reihe hübscher kleiner Häuser liegen;
sie gehörte den Arbeitern der Spinnerei und stand im ehemaligen
Mühlengarten, auf dem Grund und Boden, den Käthe ihrem Vormund für
die Leute abgetrotzt hatte. Und die Bewohner der Residenz gingen
so gern da vorüber. Früher hatte sich hier die alte, dicke, das
Mühlengrundstück begrenzende Mauer aufgetürmt -- in ihrem tiefen
Schatten war der Fußsteig selten trocken geworden; er war als grundlos
verrufen gewesen. Nun dehnte sich hier plötzlich eine anmutige, mit
Kugelakazien bepflanzte Promenade hin. Die kleinen Häuser sahen so nett
und holländisch sauber aus mit ihrem fleckenlosen Oelanstriche, der
luftigen Veranda neben der Hausthür und dem schmalen Vorgarten, der
schon im Herbst mit allerlei Reisern schönblühender Gebüsche besetzt
worden war.
Die Schloßmühle lag hinter ihnen, altersdunkel, stolz in ihrer
Ehrwürdigkeit, aber auch abgewendet mit ihren Fenstern, als zürne sie,
daß man ihrem grünen Gartenmantel diesen modernen Saum angeflickt
habe. Sie selbst hatte sich keiner Veränderung unterworfen; nur die
alte, halbverwischte Sonnenuhr war aufgefrischt und die kleine Thür
nach dem anstoßenden Parke zugemauert worden. Die Schloßmühle stand in
keiner Beziehung mehr zu dem ehemaligen Besitz der verblichenen Ritter
von Baumgarten, die ihr vorzeiten den herrschaftlich klingenden Titel
verliehen hatten. Aber der tosende Lärm, das klopfende Herz in dem
ehrwürdigen Bau des Mittelalters klang in verjüngter, erhöhter Kraft,
und der in den Mühlhof mündende Fuhrweg war befahrener als je; das
»herrenlose Geschäft« ruhte in starker, sicherer Hand und wurde mit
klugem Blicke geleitet. Käthe hatte Glück gehabt bei ihrem Unternehmen.
Sie hatte für die Mühle einen braven, sachkundigen Geschäftsführer
gefunden und in der Buchführung stand ihr der gänzlich verarmte
Kaufmann Lenz zur Seite.
Als Lehrling war sie in dem Comptoir eingetreten, das sie in der
Mühle geschaffen, aber bei ihren bedeutenden Schulkenntnissen, ihrem
scharfen, klaren Urteil und Ueberblick war sie ihrem Lehrer und Meister
binnen kurzem ebenbürtig geworden. Sie arbeitete in der That »Tag für
Tag« wie ein Mann -- das Geschäft wuchs und erweiterte sich in rapider
Weise und zeigte sehr bald Erfolge, wie sie selbst der Schloßmüller
nicht errungen hatte. Und das, was sie auf ihrem selbstgewählten rauhen
Lebenswege stärkte und ermutigte, waren die zufriedenen Gesichter
um sie her; es war jedes an seinem Platze. Sie hatte die Witwe des
verunglückten Franz mit ihren Kindern bei sich behalten und ihr ein
Asyl in einem neu hergerichteten, kleinen Seitengebäude der Mühle für
zeitlebens angewiesen. Die Frau besorgte mit Suse zusammen nach wie
vor die kleine zur Mühle gehörige Oekonomie und das Hauswesen, und die
Kinder erhielten eine Ausbildung, wie sie ihr verstorbener Vater, der
mehr auf die materiellen Errungenschaften bedacht gewesen war, sicher
nie bewerkstelligt hätte.
Von der großen Hinterlassenschaft des Schloßmüllers war Käthe in der
That nichts verblieben als die Mühle und einige tausend Thaler, die
sie mit dem Stück Gartenboden zugleich von ihrem Vormunde erbeten
und erpreßt und den Arbeitern zu ihrem Häuserbau geliehen hatte. Die
vielen Hunderttausende waren in den Flammen spurlos verschwunden, und
das wenige Gold und Silber, das man geschmolzen später unter Schutt
und Trümmern fand, rührte wohl eher von Eßgerät und Trinkbechern her
als von Münzen. Bei dem auf die Explosion folgenden geschäftlichen
Zusammensturze kamen viele Gläubiger, trotz der vorhandenen
Liegenschaften und Wertobjekte, um ihr Geld; der Konkurs erwies sich
als einer der schlimmsten, hoffnungslosesten, die der große Krach
hinter sich herschleppte. Villa und Park waren wieder in altadelige
Hände gekommen, und der neue Besitzer ließ schleunigst die Turmtrümmer
forträumen, das Wasser in den Fluß zurückleiten und den Graben
zufüllen; selbst der geborstene Hügel wurde der Erde gleichgemacht,
»auf daß der ehemals ritterliche Grund und Boden durch nichts mehr
an die Zeit erinnere, wo sich der Uebermut eines Parvenü hier breit
gemacht und ein schmachvolles Ende genommen habe«. Auch der alte,
ehrwürdige Holzbogen, der nach dem Hause am Flusse führte, war
abgebrochen worden. Man ging jetzt über die der Spinnerei nahe gelegene
Steinbrücke und einen hübschen Fußweg am jenseitigen Ufer entlang, wenn
man nach dem Doktorhaus kommen wollte.
Das Haus, welches im Spätherbste noch vollständig restauriert worden
war, stand unbewohnt; die alte Freundin der Tante Diakonus war den
Winter über in der ehemaligen Stadtwohnung des Doktors verblieben und
wollte erst mit Beginn der schönen Jahreszeit wieder herausziehen ....
Dorthin wanderte Käthe fast jeden Tag. Ob die Herbstnebel dampften und
Weg und Steg von Nässe triefen mochten, ob die Schneeflocken stöberten
oder der Wind eisig von Norden herblies: sowie die Abenddämmerung
hereinbrach, warf Käthe die Feder fort, hüllte sich warm ein und
huschte hinaus ins Freie ....
Da schüttelte sie die Zahlenlast, das starre, trockene Geschäftswesen,
unter welchem sie ihr heißes, klagendes Herz geflissentlich
vergrub, für eine halbe Stunde ab; dann war sie nicht die ernste,
geschäftspünktliche Herrin, deren achtsamem Auge nicht die kleinste
Unregelmäßigkeit entging, die an sich und ihre eigenen Leistungen die
höchste Forderung stellte und in weiser Verteilung von Lob und Rüge
dasselbe bei ihren Untergebenen zu erzielen wußte, ohne daß je ein
hartes Wort von ihren Lippen, ein heftig zürnender Blick aus ihrem
Auge kam -- sie war in diesen Dämmerstunden nur das junge Mädchen, das
seiner tiefen Sehnsucht Raum gab, das, bei aller Härte und Strenge
gegen seine unbezwingliche Neigung, sich doch Momente der wehmütigen
Träumerei, die Hingabe an den Schmerz zugestand.
Dann trat sie durch die schmale, knarrende Staketthür, die ins Feld
hinausführte und auf welche sie, Henriette auf den Armen, nach dem
Attentat im Walde todesermattet zugeschritten war. Im Vorübergehen
strich sie stets mit schmeichelnder Hand über das grünangelaufene
Steinpostament inmitten des Rasengrundes, neben welchem sie einmal mit
Bruck gestanden und suchte dann die Stelle auf, wo der Gartentisch
postiert gewesen war -- dort hatte Bruck um ihretwillen schwer
gelitten -- das wußte sie nun. Sie umging das einsame Haus mit seinen
verrammelten Fensterläden, seinen neuen, ungeheizten Schlöten und
schnarrenden Wetterfahnen und stieg die schlüpfrigen, winternassen
Stufen hinauf, um das Ohr an das Schlüsselloch der Hausthür zu legen.
Jenes schwache, scheinbare Seufzen, das der von dem geöffneten
Bodenraum herabkommende Zugwind verursachte, schlich durch die weite
Hausflur; neben und über der Thür rasselten dürre Weinranken, und
manchmal flog noch ein verspäteter Spatz unter den Dachvorsprung --
das war alles Leben, welches sich in der Verlassenheit regte, und
doch horchte das junge Mädchen begierig darauf; es war doch nicht
Grabesstille, und das Recht, diese Thür wieder zu öffnen, lag ja noch
in geliebten Händen, und eines Tages wurden auch wieder Schritte laut
da drinnen, und liebe Gesichter sahen zu den Fenstern heraus -- das war
ja alles festgestellt, wenn Käthe sich auch dabei sagen mußte, daß sie
selbst dann stets verreisen werde, bis -- Bruck einmal ein weibliches
Wesen am Arme führte, in dessen Hand sie den Ring legen durfte.
Er mochte wohl vielumworben sein in L.....g. Der Ruf seines Namens
wuchs von Tag zu Tag; eine große, auserwählte Zuhörerschaft drängte
sich zu seinen Vorlesungen, und die Nachricht von verschiedenen
glücklichen Kuren, denen er hervorragende Persönlichkeiten unterworfen
hatte, machte die Runde durch die Welt. Die Briefe der Tante Diakonus
an Käthe -- sie schrieb ihr sehr oft -- atmeten Glück und Seligkeit;
sie waren für das junge Mädchen eine Quelle des Genusses, aber auch
furchtbarer, neuaufgerüttelter Seelenkämpfe, und deshalb antwortete sie
ziemlich sparsam und zurückhaltend. Der Doktor selbst schrieb nicht
-- er hielt streng an seinem Versprechen fest, sie nie zu bestürmen
-- und begnügte sich stets mit einem Gruße, den sie freundlich und
pünktlich erwiderte.
So verlief ihr junges, einsames Leben Tag für Tag. Sie ahnte nicht, daß
man sich in der Stadt viel mit ihr beschäftigte, daß sie jetzt, nach
ihrer energisch durchgesetzten Mündigsprechung, wo sie sich so resolut
und willensstark an die Spitze ihres Etablissements gestellt, weit mehr
das Interesse und die Beachtung herausfordere als früher durch ihren
unliebsamen Goldfischtitel .... Dieser ausgezeichnete Leumund führte
denn auch sehr oft einen Besuch in die Schloßmühle, den sie das erste
Mal mit unverhohlenem Erstaunen begrüßte. Die Frau Präsidentin Urach
verschmähte es durchaus nicht mehr, auf ihren Spaziergängen mit der ihr
treu gebliebenen Jungfer in der Mühle einzukehren, um, »wie es ihre
Pflicht gegen ihren verstorbenen teuren Schwiegersohn erheische, nach
seiner Jüngsten zu sehen«.
Die alte Dame war schon einige Wochen nach ihrer Abreise in die
Residenz zurückgekehrt; sie hatte es draußen »nicht ausgehalten«. In
einer engen Straße ein paar kleine, hochgelegene Zimmer bewohnend,
lebte sie, ihren kargen Mitteln gemäß, zurückgezogen und halbvergessen
von der Welt. Der Medizinalrat von Bär hatte sich ein Landgut gekauft
und der Residenz grollend den Rücken gekehrt -- er war für sie
verschollen, und von den übrigen Freunden besuchten sie nur noch einige
Altersgenossinnen und der pensionierte Oberst von Giese, die manchmal
zu einem Spielchen bei ihr zusammenkamen.
Sie fühlte sich mit einemmal so wohl »in der großen, weiten
Schloßmühlenstube, in der man so recht aufatmen könne«; sie ließ sich,
ermüdet von dem zurückgelegten Weg und behaglich in das altmodische,
federngepolsterte Kanapee des seligen Schoßmüllers gedrückt, den
delikaten Kaffee vortrefflich schmecken, den Käthe stets sofort auf der
Maschine bereitete, und protestierte durchaus nicht, wenn Suse, auf den
Wink ihrer jungen Herrin hin, einen schweren Korb voll frischer Butter,
Eier und Schinken an den Arm der Jungfer hing.
Auf Flora war sie nicht gut zu sprechen. Die Enkelin, die im vollen
Besitze ihres Vermögens geblieben, bezahlte zwar die Mietwohnung für
ihre Großmama und trug auch die Kosten für die Bedienung; alles übrige
verbrauchte sie aber für sich selbst und konnte kaum auskommen, wie
sie wiederholt brieflich versicherte. Zürich hatte sie sehr bald
wieder verlassen -- das »grause« ärztliche Studium irritierte ihr die
Nerven »bis zum Wahnsinnigwerden«. Sie war eben eine jener geistigen
Koketten, die um jeden Preis eine Rolle spielen und Aufsehen machen
wollen, die sich gern den Anschein grübelnden Denkens und tiefgehender
Kenntnisse geben, vor nichts aber mehr zurückschrecken als vor der
ernsten, harten Geistesarbeit.
Nun war die Osterzeit herangekommen. Schon seit mehreren Wochen wurde
im Garten des Doktorhauses unermüdlich gearbeitet. Der Doktor hatte
einen Gärtner aus L.....g geschickt; der steckte neue Wege ab oder
suchte vielmehr die Spuren des alten, sehr hübschen Gartenplanes wieder
auf und gab den Anlagen die frühere Gestalt zurück. Viele Hände waren
beschäftigt, zu graben und zu pflanzen, und Plätze wurden vorgerichtet,
wo einige Statuen aufgestellt werden sollten, die aus L.....g gekommen
waren, und noch verpackt in der Hausflur standen. Am Hause waren schon
seit vierzehn Tagen alle Läden geöffnet; die Zimmer wurden tapeziert
und mit neuem Firnisanstriche versehen, und auf den First war sogar
eine Fahnenstange gekommen. Dann zog die Freundin der Tante wieder ein
und brachte eine Schar Tagelöhnerinnen mit, die das Haus vom Dachboden
bis zum Keller spiegelblank machten.
Käthe hatte ihre Spaziergänge nicht unterbrochen. Auch heute, am
heiligen Abend vor dem Osterfeste, war sie in der Mittagsstunde noch
einmal drüben gewesen. Im Garten wurde noch immer gepflanzt und
gesät, aber die alten Taxusgruppen, die früher als undurchdringliche,
buschige und struppige Wildnis das Terrain verunstaltet und
verdüstert hatten, standen gesäubert und in die ehemaligen Schranken
zurückgewiesen, und aus ihrem dunkeln Grün traten leuchtend und anmutig
die neuen Sandsteinfiguren. Auf den Wegwindungen, welche die Hecken
durchschnitten, lag in tadelloser Glätte heller Sand; an die Stelle
der knarrenden Holzthür im Zaune war ein feines schwarzes Eisengitter
getreten; die Laube der Tante Diakonus stand weiß angestrichen, und
hinter dem Hause umschloß ein Plankenzaun den neuen Hühnerhof.
Und auf dem wohlbekannten Steinpostamente vor dem Hause hob sich eine
Terpsichore, die Arme in graziösem Schwunge emporgestreckt, auf der
äußersten Spitze ihres zarten Füßchens, genau so, wie sich Käthe die
längst zertrümmerte Gestalt auf dem schmalen Fußreste wieder aufgebaut
hatte.
»Die Statue ist sehr hübsch,« sagte der fremde Gärtner achselzuckend;
»sie müßte nur auf einem eleganteren Grunde stehen. Der Rasen« -- er
zeigte über den Grasplatz hin -- »ist verwildert und nichts nutz, aber
der Herr Professor hat mir streng verboten, den Spaten da anzusetzen.«
-- Käthe bückte sich, helle Glut auf den Wangen, und pflückte die
ersten Veilchen, die sich im Schutze des Postamentes bereits voll und
köstlich duftend entfaltet hatten. »Ja, der Rasen starrt von Unkraut,«
setzte der Gärtner über die Schulter hinzu und ging weiter.
Und das Haus -- jetzt in der That ein Schlößchen -- stand heute
da, glänzend in Frische und Neuheit und so festlich und feierlich
geschmückt, »als ob eine Braut einziehen sollte«, sagte die alte
Freundin ahnungslos lächelnd zu Käthe. Das schneeweiße Kätzchen kam
über den neuen Mosaikfußboden der Flur leise gegangen; im Zimmer
der Tante Diakonus, hinter den Filetgardinen und umringt von den in
der Stadt überwinterten Lorbeer- und Gummibäumen, schmetterte der
Kanarienvogel aus voller, trillernder Kehle, und die Goldfischchen
schwammen munter in der Glasschale -- da war ja auch schon das gewohnte
Leben und Treiben wieder eingekehrt, und die Tante Diakonus selbst
sollte mit dem Nachmittagszuge eintreffen. Sie bringe auch einen Gast
mit, hatte die alte Freundin, geheimnisvoll mit den Augen blinzelnd,
gemeint; wen, das wisse sie nicht; sie habe nur den Auftrag erhalten,
das Fremdenzimmer mit hübschen, neuen Möbeln zu versehen. Und dabei
hatte sie stolz die breite, weißglänzende Flügelthür zurückgeschlagen,
und Käthe war in einen Thränenstrom ausgebrochen -- sie mußte an ihre
Henriette denken, die hier gelitten hatte und doch noch einmal in ihrem
armen Leben so glücklich, so stillselig gewesen war. Neben dieser
schmerzvollen Erinnerung rang sich aber auch noch eine nie gekannte,
heißaufquellende Eifersucht empor. Wer war sie, die sich an das Herz
der Tante gedrängt und die alte Frau so sehr für sich eingenommen
hatte, daß sie als Besuch mitkommen durfte?
Die rosenbestreuten Gardinen und die schaukelnden Blumenampeln waren
an den Fenstern verblieben; die altmodische, mühsam zusammengesuchte
Zimmereinrichtung dagegen hatte modernen, hübschen, wenn auch sehr
einfachen Kirschbaummöbeln weichen müssen, und statt der verblichenen
Bilder aus Voß' »Luise« hingen einige schöne Landschaften an den
helltapezierten Wänden. Der, ach, so wohlbekannte Raum war in ein
trauliches Wohnzimmer umgewandelt und ein anstoßendes, früher
vollkommen leerstehendes Kabinett als Schlafgemach eingerichtet worden.
Dies alles hatte Käthe noch einmal mit thränenverdunkelten Augen
überblickt, dann war sie heimgegangen, um an den Schreibtisch zu treten
und noch einige nötige Geschäftsbriefe zu schreiben. Kaufmann Lenz
sollte am Abende von seiner geschäftlichen Rundreise zurückkehren;
bis dahin hatte die junge Herrin noch manches zu erledigen, um dann,
abgelöst von ihrem Posten, auf vierzehn Tage nach Dresden zu ihren
Pflegeeltern zu reisen.
Ach, wie entsetzlich zerstreut war sie doch heute! Wie klopften ihre
Pulse, und wie abscheulich zerfahren kamen die sonst so sicheren
Gedanken und Buchstaben aus ihrer Feder! Und nun trat auch noch die
Jungfer der Präsidentin ein; sie hatte den großen, leeren Marktkorb am
Arme, »weil sie eben das bißchen Bedarf für die Festtage in der Stadt
einkaufen wollte«; es sei ja nur ein kleiner Umweg über die Mühle,
habe die gnädige Frau gemeint und ihr einen eben eingelaufenen Brief
von Fräulein Flora zum Durchlesen für das »liebe Fräulein Käthchen«
mitgegeben.
Suse wurde sofort beordert, den Korb bis an den Rand mit ihren
schön geratenen Napfkuchen und allen möglichen guten Dingen aus der
Speisekammer zu füllen, der Brief aber lag noch unberührt auf dem
Schreibtische, als die Jungfer längst in die Stadt zurückgekehrt war.
Die Präsidentin hatte dem jungen Mädchen schon einigemal die
Zuschriften der Stiefschwester mitgeteilt -- es war Käthe zwar stets
zu Mute gewesen, als glühe das Briefblatt zwischen ihren Fingern,
aber sie hatte pflichtschuldigst gelesen, um nicht feindselig zu
erscheinen. Auch jetzt überschlich sie das Gefühl, als müsse aus dem
starkparfümierten Kouvert da neben ihr eine Flamme züngeln, um sie zu
verletzen. Unwillig schob sie das widerwärtige kleine Viereck mit dem
Ellbogen weiter, so daß es unter einem Stoße von Rechnungsformularen
verschwand -- sie sah nicht ein, weshalb sie sich auch noch durch das
Lesen einer der meist sehr frivolen und von Anmaßung und Uebermut
strotzenden Episteln aufregen solle, wie es bisher stets der Fall
gewesen war.
Die Feder wurde wieder aufgenommen, aber nur für wenige Augenblicke.
Erregt griff das junge Mädchen wie nach einem schützenden Talisman nach
den mitgebrachten Veilchen, die vor ihr im Glase standen und atmete
den kühlen, süßen Duft ein; sie trat an ihren Flügel und spielte zur
inneren Beschwichtigung eine harmlose, sanfte Melodie; sie öffnete
eines der Fenster und streichelte die kirren Tauben, die draußen
auf dem Sims hockten, und dabei sagte sie sich wiederholt, daß die
Uebermittelung des Briefes im Grunde ja nur ein maskiertes Attentat
auf ihre Speisekammer gewesen sei -- aber es mußte ein böser Zauber in
dem unseligen Kouvert stecken. Das Blut stürmte ihr immer heißer nach
dem Kopfe, bis sie, glühend wie im Fieber, plötzlich die Formulare
wegstieß und mit hastigen Fingern den Brief ergriff.
Beim Entfalten des Papierbogens fiel ein versiegelter Zettel heraus
-- sie bemerkte es nicht -- ihre Augen irrten über den Anfang der
Zuschrift; sie wurden groß und weit, und unwillkürlich griff das starke
Mädchen nach einer Stütze, um sich eine festere Haltung zu geben. Flora
schrieb von Berlin aus:
»-- Du wirst wohl lachen und triumphieren, liebe Großmama, aber ich
sehe ein, es ist besser so -- ich habe mich vor einer Stunde mit deinem
ehemaligen Protegé, Karl von Stetten, verlobt. Er ist häßlicher und
körperlich verkommener als je und trägt in seinem Bullenbeißergesicht
jetzt auch noch eine blaue Brille -- ~fi donc~, ich werde mich
zeitlebens genieren, an seinem Arm zu gehen, aber seine hündisch treue,
wirklich närrische Leidenschaft für mich erweckte mir schließlich doch
ein menschliches Rühren, und weil er durch den unerwarteten Tod seines
jungen Vetters plötzlich Majoratsherr auf Lingen und Stromberg geworden
ist, hier zu Hofe geht und in der Gesellschaft gut angeschrieben zu
sein scheint, so hatte ich sonst nicht viel mehr gegen die Partie
einzuwenden --«
Der Brief flog auf den Schreibtisch -- Bruck war frei, dergestalt von
seiner Kette erlöst, daß er nun auch -- in die Schloßmühle kommen
durfte. War das denkbar? Eine so jähe, ungeahnte Wendung, nachdem man
sich sieben entsetzliche Monate hindurch gemartert, nachdem man alle
innere Kraft aufgeboten hatte, um das widerspenstige Herz, ja, jeden
abirrenden Gedanken zu knebeln, damit man endlich zu der stoischen,
toten Ruhe gelange, mit der man den verhaßten Ring in die Hand der
Auserwählten legen und dann seinen rauhen Lebensweg einsam, aber ohne
Schuld zu Ende gehen konnte!
Sie schlug die Hände vor das Gesicht, als sähe sie ein Gespenst
mitten in dem Jubelrausch emportauchen -- Gott im Himmel, wenn sie
falsch gelesen hätte! Es _war_ doch so? Flora, dieses unberechenbare
Wesen, hatte sich verlobt? Sie wollte sich nun doch, nach so vielen
fehlgeschlagenen Versuchen, berühmt zu werden, in der zwölften Stunde
in die Ehe retten? Käthe griff noch einmal nach dem dicken, duftenden
Briefblatt -- ja, ja, da stand es wirklich und wahrhaftig in den
»großen Krakelfüßen«. Und dann folgte eine genaue Instruktion, in
welcher Weise die Verlobungsanzeige für die Residenzbewohner zu
bewerkstelligen sei; es war die Rede von der Hochzeit, die man,
just um der Vergangenheit willen, auf _den zweiten Pfingstfeiertag_
festgesetzt habe -- und und dann kam die vorläufige Einladung zu
der Vermählungsfeierlichkeit für die Großmama selbst. Das war alles
sonnenklar und unumstößlich, aber nun flog eine tiefe Blässe über das
Gesicht der Lesenden, und sie meinte, an der Lähmung, die über sie
komme, müsse sie sterben. Flora schrieb weiter:
»Auf meiner Durchreise nach Berlin habe ich mich auch einige Tage in
L.....g aufgehalten. Es wird dir interessant sein, zu hören, daß einem
gewissen Hofrat und Professor Bruck bei seinem fabelhaften Glück nicht
nur die Berühmtheit in den Schoß, sondern auch eine schöne Gräfin zu
Füßen gefallen ist. Man versicherte mir allgemein, er sei im stillen
verlobt mit der reizenden Patientin, die er, nachdem alle anderen
Aerzte sie aufgegeben, durch eine kühne Operation dem Tode entrissen
habe. Das gräfliche Elternpaar soll mit der Verbindung durchaus
einverstanden sein, und die liebe, gottselige Tante Diakonus scheint
ihren Segen auch nicht zu verweigern. Ich sah sie neben dem Brautpaar
in der Theaterloge sitzen, fried- und tugendsam wie immer, und, wenn
ich nicht irre, Zwirnhandschuhe an den Händen. Das Mädchen ist sehr
hübsch, wenn auch ein Puppengesicht ohne Geist -- und Er? Nun, dir
kann ich's ja sagen, Großmama: ich habe mir die Lippen blutig gebissen
vor Grimm und Groll, weil das dumme Glück diesen Menschen zu einem
Gegenstand der allgemeinen Vergötterung macht, weil er hinter dem Stuhl
seiner Braut stand, so sicher, zuversichtlich und ruhig, als gebühre
ihm alle Auszeichnung von Rechts wegen, und als wisse er nichts von
Charakterschwäche -- der Ehrlose! ... Gib Käthe den inliegenden Zettel
--«
Ach ja, da lag er wohlversiegelt auf dem Schreibtisch und trug die
Adresse: »An Käthe Mangold.« -- Und die Welt kreiste vor ihren Augen,
und der schmale Papierstreifen flog in den wie von Fieberfrost
geschüttelten Händen auf und nieder. Er enthielt nur die Worte: »Habe
die Freundlichkeit, den dir anvertrauten Ring nunmehr der Gräfin Witte
zu übergeben -- oder wirf ihn auch meinetwegen in den Fluß zu dem
andern!