so eifrig in ihr Musikstudium versenkt wie in dieser Zeit, aber auch
ihr übriges Wesen hatte sich auszudehnen und zu vertiefen gewußt mit
jener fieberhaften Hast, die in angestrengter Arbeit und Thätigkeit
-- Vergessenheit sucht. Henriette hatte eine Art Tagebuch für sie
angefangen, das sie allwöchentlich schickte. Diese Blätter erzählten
ihr, wie sich seit ihrer Abreise das Leben in der Villa weiterspann.
Sie las nur zwischen den Zeilen, daß die Präsidentin förmlich neu
auflebe, aber auch anmaßender und despotischer als je im Hause
herrsche; unumwundener dagegen sprach Henriette aus, daß die Großmama
Käthes plötzlichen Entschluß, »um des dabei an den Tag gelegten Taktes
willen«, geradezu in den Himmel hebe, während Flora die Achseln zucke
und von Backfischstreichen spreche. Der Kommerzienrat hatte mehrere
Tage mit ihr gegrollt, ihrer unbefugten Einmischung wegen. Er war an
jenem Abend, wo ihm Henriette in einer Ecke des Musiksalons leise
das Geschehene mitgeteilt, blaß geworden vor Schreck und Verdruß,
und nur die Anwesenheit der Gäste hatte eine heftige Familienszene
verhindert, die jedenfalls um so erbitterter ausgefallen wäre, als auch
Flora den ganzen Abend sehr verstimmt und pikiert gewesen war -- der
Bräutigam hatte sich mit Berufspflichten entschuldigt und war in der
Geburtstagssoiree nicht erschienen.
Der Kommerzienrat hatte gleich zu Anfang an Käthe und die Doktorin
geschrieben und »behufs einer Aussprechung« seinen Besuch in Dresden
für den Juni angekündigt, allein das Tagebuch teilte in jener Zeit
mit, daß häufiger als je Depeschen in der Villa einliefen, daß der
Kommerzienrat weit mehr in Berlin als daheim und mit Geschäften
vollständig überbürdet sei. Der Besuch unterblieb; nur selten kam
ein flüchtiger Geschäftsbrief von der Hand des Vormundes, und die
letzte Geldsendung hatte -- was bisher nie geschehen -- der Buchhalter
abgeschickt.
Käthe atmete auf; der gefürchtete Konflikt war ohne allen Zweifel
beseitigt. Der Herr Vormund hatte aus ihrem Antwortschreiben die
Ueberzeugung gewonnen, daß er niemals hoffen dürfe, und sich
vernünftigerweise beschieden. Das junge Mädchen hätte nun als Pflegerin
zurückkehren können, dem aber widersetzte sich die Doktorin energisch,
weil Käthe, wie sie oft tadelnd und bekümmert aussprach, so sehr
verändert, mit dem Verluste ihres jugendlichen Frohsinns und ihrer
frischblühenden Gesichtsfarbe heimgekommen sei. Zudem hatte die Baronin
Steiner in der That mit ihrem Gefolge für zwei Monate Einzug in der
Villa gehalten und sich dermaßen ausgebreitet, daß kein Winkelchen in
der Bel-Etage unbesetzt geblieben war.
Käthe selbst schauderte bei dem Gedanken an eine Rückkehr, solange
die Uebersiedelung nach L.....g nicht stattgefunden hatte. Sie wußte
nur zu gut, daß sie jetzt nicht mehr monatelang mit äußerer Ruhe
inmitten der dortigen Verhältnisse ausharren könne -- bedurfte es doch
selbst in Dresden all ihrer Kraft, nicht zu zeigen, daß sie ihren
inneren Frieden verloren habe, daß sie fast übermenschlich ringe mit
der süßen, zwingenden Gewalt, die sich ihrer Seele bemächtigt, und
welche die Menschen Sünde nannten. Henriette hatte ja auch noch nicht
»gerufen«, trotz ihrer leidenschaftlichen Klagen über die Sehnsucht
nach »der starken, besonnenen Schwester«; sie sprach im Gegenteil mit
enthusiastischem Danke von der Aufopferung, mit der sie von seiten
der Tante einstweilen gepflegt und verhätschelt werde. Ihr Tagebuch
war eigentlich auch nur eine fortlaufende Schilderung, in der zwei
Menschen die Hauptrolle spielten, der Doktor und die Tante. Alles,
was sich im Hause am Flusse ereignete, wurde getreulich mitgeteilt,
und war es auch nur der jähe Tod der gelben Henne, die endlich doch
ein tückisches Zuschnappen des grimmen Feindes vor der Hundehütte aus
der Welt befördert, oder der außergewöhnliche Traubenreichtum, der
in diesem Jahre am Weinspalier hing; selbst ein neu angeschafftes,
silberweißes Kätzchen, »das sich auf dem Sofa der Tante breit mache«,
wurde als Merkwürdigkeit aufgezählt -- das waren die harmlosen Momente,
sonst aber trug das Tagebuch eine düstere Färbung. Manche Stellen lasen
sich, als müßten die Briefblätter noch thränenfeucht sein, andere
wieder so leidenschaftlich fortreißend, als sei aus den schreibenden
Fingern Feuer in die Feder geströmt. Ueber das bräutliche Verhältnis
zwischen Flora und dem Doktor fiel auch hier kein Wort, wohl aber
wurde angstvoll geklagt, daß der letztere infolge seiner aufreibenden
ärztlichen Thätigkeit sich auffallend verändere; nur den Kranken
gegenüber sei er mild und geduldig, im geselligen Umgange dagegen
verfinstert, wortkarg wie nie und sichtlich reizbar; in seiner äußeren
Erscheinung verfalle er zum Befremden aller.
[Illustration]
So war allmählich der Zeitpunkt herangerückt, auf welchen man die
Hochzeit festgesetzt hatte. Flora hatte es unterlassen, die ferne
Stiefschwester einzuladen; sie habe den Kopf voll -- schrieb Henriette
-- eine Reihe von Feten, die ihr zu Ehren noch gegeben würden, lasse
sie kaum noch zu Atem kommen; dazu sei sie kapriziös wie immer, auch
bezüglich ihrer Aussteuer und der Vermählungsfeierlichkeiten -- es
werde fortwährend noch ausgewählt und geändert zur Verzweiflung der
Lieferanten. Henriette befand sich in unbeschreiblicher Aufregung;
sie betonte wiederholt, daß sie in dem Hochzeitstrubel um keinen
Preis allein bleiben wolle. Die Tante Diakonus werde ihr in »den
entsetzlichen Tagen« voraussichtlich keine Stütze sein, da sie selbst
schon jetzt unter dem Trennungsweh leide und oft auffällig verstimmt
und bewegt sei. Diese Klagen steigerten sich von Blatt zu Blatt, bis
eines Abends, wenige Tage vor der Hochzeit, ein Telegramm einlief,
welches lautete: »Komme sofort! Ich bin auch körperlich sehr elend!«
Da galt kein Zögern; auch die Doktorin war damit einverstanden, daß
Käthe gehe -- und das junge Mädchen selbst? Ein Nervenschauer um den
andern durchschüttelte sie aus Angst vor dem Kommenden, und dabei
jubelte sie auf in unbeschreiblicher Seligkeit, daß sie den noch einmal
sehen sollte, der -- ihr Schwager wurde.
Da stand sie nun an einem Septembermorgen wieder in der
Schloßmühlenstube. Sie war mit dem Nachtzuge gefahren und eben
angekommen. Bei ihrer Abfahrt hatte sie Franz telegraphisch ihre
Ankunft mitgeteilt und liebevoller hätten Mutterhände ihre Aufnahme
nicht vorbereiten können, als die alte Suse gethan. Die große, von
dem durch die Kastanienwipfel hereinfallenden grünen Dämmerlichte
angehauchte Stube war erfüllt von den Düften der Heliotropen, Rosen
und Reseden, die auf den Fenstersimsen standen; saubere Decken lagen
auf allen Tischen; im Alkoven lockte ein blütenweißes Bett, und auf
dem großen Eichentisch mit den plump ausgespreizten Füßen stand die
wohlbekannte kupferne Kohlenpfanne, mit ihrer Glut den Kaffee warm
erhaltend. Sogar der selbstgebackene Kuchen war noch fertig geworden
und stand, zuckerbestreut, in bräunlicher Schöne neben der vergoldeten
Tasse, dem Prachtstücke aus dem Glasschranke der seligen Schloßmüllerin.
Nun schütterten die schneeweiß gescheuerten Dielen wieder unter den
Füßen des jungen Mädchens, und durch die offenen Fenster kam das
Rucksen der Tauben und das Tosen des fernen Wehres -- sie war daheim.
Von hier aus wollte sie die kranke Schwester besuchen und um keinen
Preis die Gastfreundschaft im Hause des Kommerzienrats annehmen, mochte
auch die Frau Präsidentin die Nase rümpfen über den anstößigen Verkehr
zwischen Villa und Mühle.
Käthe war in einer seltsamen Stimmung. Furcht vor dem ersten
Wiedersehen in der Villa, schmerzliche Sehnsucht nach dem Hause am
Flusse, dessen Wetterfahnen sie mit hochklopfendem Herzen von dem
südlichen Eckfenster aus erblickte, und das sie doch nicht betreten
durfte, leidenschaftliche Ungeduld, der hohen Gestalt, wenn auch
nur noch ein einziges Mal, zu begegnen, die sie hier in der Mühle
zum erstenmal gesehen und -- das sagte sie sich ja täglich unter
tausend Schmerzen -- seit jenem Momente geliebt hatte; das alles
wogte in ihr, und daneben schlich eine unerklärliche Bangigkeit und
Beklemmung. Schon seit Monaten füllten die Sensationsnachrichten von
dem Zusammenbrechen des Gründungsschwindels in Wien und später in der
preußischen Hauptstadt die Spalten der Zeitungen. In allen öffentlichen
Lokalen, in allen Salons war der welterschütternde Einsturz dieses
modernen Turmes zu Babel das Tagesgespräch, und selbst in dem kleinen
ästhetischen Zirkel der Doktorin hatte man die Ereignisse wiederholt
erörtert. Während der Eisenbahnfahrt von Dresden nach M. waren sie auch
das ununterbrochene Gesprächsthema der Mitreisenden gewesen -- man
hatte haarsträubende Dinge erzählt und noch schrecklichere prophezeit,
und nun sah Käthe mit eigenen Augen eine der Folgen dieser Kalamität.
In das Gelärme der Tauben und das Rauschen des Wehres hinein klang
das laute Durcheinander von Menschenstimmen, und schräg hinter der
letzten Kastanie hervor konnte das junge Mädchen den großen Kiesplatz
vor der Spinnerei überblicken; er wimmelte, genau wie an jenem
Tage des Attentates, von Arbeitern, die bald mit allen Zeichen der
Niedergeschlagenheit, bald heftig streitend und drohend untereinander
verkehrten -- die Aktiengesellschaft, welche die Spinnerei von
dem Kommerzienrat gekauft, hatte Bankrott gemacht; eben war die
Gerichtskommission erschienen, und die Leute stoben im ersten Schrecken
wie Spreu auseinander.
[Illustration]
»Ja, ja, so geht's,« sagte Franz, der eben Käthes kleinen Koffer
herausgetragen hatte. »Den Leuten war's zu wohl und sie meinten, es
ginge ihnen noch lange nicht gut genug; nun gehen sie von einer Hand
in die andere und kommen mit der Zeit vom Pferde auf den Esel. 's ist
aber auch eine schlimme Zeit, eine heillose Zeit. Jeder will sein Geld
mit Sünden verdienen und womöglich die Dukaten von der Straße auflesen,
und man kann's den Kleinen kaum noch verdenken, die Großen machen's ja
nicht besser.«
»Wohl dem, der sein Schäfchen ins Trockene bringt,« fuhr Franz,
gemütlich auf die Tasche klopfend, fort. »Ehrlich verdient und fein
stet und redlich vermehrt, das ist _meine_ Parole; dabei kann man ruhig
schlafen. Wer sich auf das Spekulieren nicht versteht, der soll's
bleiben lassen. Da ist der Kommerzienrat drüben -- den ficht freilich
die ganze Geschichte nicht an; der sitzt bombenfest, weil er ein kluger
Kopf ist und eine feine Nase hat.« Er hob mit wichtiger Anerkennung den
Zeigefinger. »Kam gestern erst wieder von Berlin, stramm wie immer.
Ich hatte gerade Mehl an die Bahn gefahren -- hui, wie da seine zwei
Schwarzen, seine Prachtpferde, vorbeisausten. So versteht's keiner. Die
Leute meinten, er hätte gewiß wieder einmal gehörig eingestrichen, so
munter sah er aus und so recht wie einer, der Millionen kommandiert. Er
war diesmal lange fort und wär' wohl auch gestern abend nicht gekommen,
wenn sie heute nicht Polterabend drüben feierten.«
Polterabend! und übermorgen war die Hochzeit, und gleich nach der
Hochzeit sollte das junge Paar abreisen. Käthe wußte das ja; sie hatte
es oft genug in Henriettens Tagebuch gelesen, und doch durchfuhr
sie ein jähes, schmerzvolles Erschrecken, als es Menschenlippen so
selbstverständlich aussprachen.
»Es soll hoch hergehen heute abend,« sagte Suse, indem sie der jungen
Herrin eine Tasse Kaffee präsentierte. »Ich sprach gestern dem Herrn
Kommerzienrat seinen Anton, der sagte, es kämen so viele Gäste, daß sie
nicht Platz genug schaffen könnten. Ein Theater haben sie gebaut, und
eine Menge Fräulein aus der Stadt sollen verkleidet kommen, und das
Grüne zum Putzen wird wagenweise aus dem Walde geholt.«
Es schlug elf auf dem Turme der Spinnerei, als Käthe nach der Villa
ging. Noch klang das verworrene Stimmengeräusch von der Fabrik her an
ihr Ohr, als sie den Mühlenhof durchschritt, aber kaum war die kleine
Bohlenthüre in der Mauer, die das Mühlengrundstück von dem Parke
trennte, hinter ihr zugefallen, als auch schon tiefe, so recht vornehme
Parkstille sie umfing.
Franz hatte recht: hier überkam einen das Gefühl, daß der wüste Lärm
des Geldmarktes den reichen Mann und seine wohlgeborgenen Schätze
nicht anfechte, daß die alles verschlingenden Unglückswogen nicht
einmal bis zu seinen Sohlen hinauflecken durften. Ah, dort dehnte sich
ein herrlicher Wasserspiegel hin. Er fing den Azur des wolkenlosen
Morgenhimmels auf -- ein riesiger Saphir von fleckenloser Reinheit!
Der Teich war fertig, unglaublich rasch fertig geworden durch die
massenhaft auf diesen kleinen Fleck konzentrierte Menschenkraft und
riesige Geldopfer. Schwäne durchfurchten die blaufunkelnde Flut, und
dem Ufer nahe schwankte ein buntbewimpelter Nachen an der Kette.
Als Käthe gegangen war, hatte der Park in heller Maienblüte gelegen
-- jetzt schien alles Grün tief schattiert wie ein nachgedunkeltes
Gemälde; über das sanfte Farbengemisch der Frühlingsblumen waren die
Sonnenflammen sengend hingelaufen und hatten dafür die Blütenfackeln
der Cannas, die kerzenartig aufstrebenden Gladiolen auf jedem zwischen
der Bocage hervortretenden Rasenspiegel angezündet.
Wie viele Hände mußten bezahlt werden, um dem Parke das Gepräge
peinlicher Sauberkeit und Pflege zu bewahren! Kein abgefallenes
Blättchen lag auf den Wegen; kein Grashalm bog sich über die
vorgeschriebene Linie; keine verdorrte Blüte hing an den Zweigen. Und
dort zwischen den köstlich schattierten Gruppen von Laubholz trat
jetzt die imposante Fassade des neuen Marstalls hervor; auch an ihr
war ununterbrochen gearbeitet worden; ihr Emporwachsen war ein so
zauberhaft rasches, als habe eine Riesenkraft das Mauerwerk mit seinen
Stuckverzierungen aus der Erde getrieben. Und hier förderte in der
That die treibende Macht, das Geld, fort und fort; hier sprang der
Goldquell in unverminderter Stärke, ob auch auf der Börsenbühne die
großen Brunnen verschüttet waren -- nein, nicht einer der elektrischen
Schläge, welche die Geschäftswelt mörderisch durchzuckten, hatte seinen
Lauf hierher gelenkt.
Unter der kühlen Wölbung der Lindenallee hinschreitend, kam Käthe
der Villa näher und näher. Noch nie war ihr das kleine Feenschloß
so aristokratisch unnahbar erschienen als in dieser tiefgoldenen
Morgenbeleuchtung, mit der aufgezogenen farbenglänzenden Flagge auf
seiner Plattform -- das flatternde Willkommenzeichen wogte, festlich
einladend, hoch in den Lüften. Unwillkürlich legte das junge Mädchen
die Hand auf das ängstlich pochende Herz -- _sie_ war nicht eingeladen,
und doch kam sie. Es war ein schwerer Gang, es war ein großes Opfer
der Schwesterliebe, dieses Niederkämpfen der eigenen stolzen Natur.
Hinter dem Bronzegitter des unteren Balkons lief das Löwenhündchen der
Präsidentin auf und ab und kläffte die Kommende wie immer feindselig
an, und die Papageien im blauen Salon akkompagnierten kreischend durch
die weit offenen Glasthüren.
[Illustration]
Als Käthe unter das Portal trat, huschte eine Dame an ihr vorüber; sie
hielt das Taschentuch vor das Gesicht, aber über den Spitzenbesatz
hinweg streifte ein scheuer Blick aus furchtbar verweinten Augen das
junge Mädchen. Käthe erkannte sie -- es war die schöne, üppige, in
Luxus schwelgende Frau eines Majors; die Eleganz ihrer Toiletten war in
der Residenz sprichwörtlich geworden. Sie eilte um die Hausecke in das
Dunkel der Bocage, jedenfalls um erst die Thränenspuren zu beseitigen,
ehe sie die von Spaziergängern wimmelnde Promenade betrat.
»Dem Manne bleibt auch nichts anderes übrig, als ‚die Kugel vor den
Kopf‘ -- das Bett unter dem Leibe soll ihm genommen werden,« hörte
Käthe, unter der halb offenen Thür der Portierstube vorübergehend,
einen Bedienten sagen. »Geschieht ihm ganz recht -- was braucht denn
solch ein Offizier in Papieren zu spekulieren, von denen er nicht den
Pfifferling versteht! Nun kommt die Frau und heult unserem Herrn was
vor, und der soll nun den Karren aus dem Moraste holen -- das könnte
ihm fehlen! Wenn er allen denen helfen wollte, die in den letzten Tagen
dagewesen sind, da könnte er nur den Ziegenhainer in die Hand nehmen
und den Staub von den Schuhen schütteln -- da blieb' ihm nichts.«
Abermals ein Opfer der entsetzlichen Katastrophe! Käthe schauerte in
sich zusammen und stieg unbemerkt die Treppe hinauf. In der Bel-Etage
war es feierlich still -- mechanisch schritt sie zuerst nach dem
kleinen Salon, den sie bewohnt, und öffnete die Thür. Die Baronin
Steiner herrschte allerdings hier nicht mehr, aber das Zimmer war
auch nicht angethan, einen anderen Gast wieder aufzunehmen. Sämtliche
Möbel waren ausgeräumt -- dafür standen große, schöndrapierte Tafeln
die Wände entlang und trugen auf ihren Flächen einen förmlichen Bazar
von Ausstattungsgegenständen, den mit großer Ostentation aufgebauten,
wahrhaft fürstlichen »Trousseau« der Professorin ~in spe~; in der Mitte
des Salons aber wogte von einem Kleiderständer nieder milchweißer
Atlas, umhaucht von Spitzenduft und mit Orangenblüten besteckt, und
so hoch auch das Postament war, der schwere Stoff schleppte doch noch
weit über das Parkett hin -- Floras Brautanzug! Käthe drückte mit
weggewandten Augen die Thür wieder zu -- einige Sekunden später lag
sie tief erschüttert in Henriettens Armen, die in einen so exaltierten
Jubel ausbrach, als werde sie durch diese Ankunft aus namenloser Pein
erlöst.
Die kranke Schwester war allein. Man habe heute im Hause keine Zeit für
sie, klagte sie; der Kommerzienrat richte Flora die Hochzeit aus, und
zwar mit einem beispiellosen Aufwand. Er wolle bei dieser Gelegenheit
der Residenz wieder einmal zeigen, wie hoch er alle überrage, wenn er
auf seinen Geldsäcken stehe -- das sei nun einmal seine Schwäche ....
Ganz ihrer unabhängigen Art und Weise gemäß hatte sie es unterlassen,
den Verwandten anzuzeigen, daß sie Käthe telegraphisch berufen habe.
Das sei doch völlig überflüssig, meinte sie mit großen, erstaunten
Augen auf Käthes betroffenes Kopfschütteln hin; sie habe es doch
stets betont, daß die Schwester eines Tages zurückkommen werde, um
sie zu pflegen -- man wisse das im Hause gar nicht anders, und was
ein mögliches unvorbereitetes Zusammentreffen mit dem Kommerzienrat
betreffe, so möge sie ganz ruhig sein, er habe jedenfalls »eine neue
Flamme« in Berlin; er sei die beiden letzten Male -- vorzüglich aber
gestern -- ziemlich zerstreut zurückgekehrt, und habe auf Floras
Neckereien hin nur schlau gelächelt und durchaus nicht geleugnet.
Käthe schwieg auf alle diese Mitteilungen; sie hatte zuletzt nur den
einen Gedanken, daß es allerdings die höchste Zeit für sie gewesen
sei, zurückzukehren. Sie fand die Kranke maßlos aufgeregt; der hohle,
erstickende Husten schüttelte den schattenhaft abgezehrten Körper
viel häufiger als früher; die Hände brannten wie Kohlen und der Atem
ging so schwer, so mühsam aus und ein. Henriette hatte es bisher auch
bei den heftigsten Leiden nie »zu Thränen kommen lassen« -- sie hatte
einen unglaublich starken Willen, heute aber waren ihre schönen Augen
verweint bis zur Unkenntlichkeit. Sie verzehre sich in Angst, daß Bruck
bei all seiner Liebe für Flora doch vielleicht sehr unglücklich werden
würde, klagte sie, ihr Gesicht an Käthes Brust verbergend, und obgleich
nie ein unvorsichtiges Wort darüber gefallen, sei sie dennoch fest
überzeugt, daß die Tante genau so denke und sich gräme .... Käthe wies
sie mit der schneidenden Antwort zurecht, daß das einzig und allein
Brucks Sorge sei und bleiben müsse; niemand habe mehr Anlaß gehabt,
tiefe Einblicke in Floras selbstsüchtiges Wesen zu thun, als gerade
er; wenn er trotz alledem darauf bestehe, sie zu besitzen, so werde
er sich auch mit seinem Schicksal abzufinden wissen, möge es fallen,
wie es wolle .... Henriette fuhr erschrocken empor, so rauh klang das
Gesagte; es lag überhaupt etwas so bestürzend Fremdes, eine Art starrer
Zurückhaltung und Abgeschlossenheit in der Erscheinung der jungen
Schwester, als sei auch sie mit ihrem Schicksal fertig -- nach schweren
Kämpfen ....
[Illustration]
23.
Kurze Zeit nachher stieg Käthe, die kranke Schwester vorsichtig
stützend, auf der kleinen Treppe in das untere Stockwerk hinab, »um
sich zu melden«. Sie kamen durch den schmalen Korridor, in welchen
Käthe bei ihrer Abreise für einen Moment geflüchtet war. Er lief den
großen Saal entlang, der fast den ganzen Raum des einen Seitenflügels
der Villa nahezu beanspruchte -- in ihm wurden die berühmten Hausbälle
des reichen Mannes abgehalten.
»Es ist Probe für heute abend, und dabei wird noch fortdekoriert und
geschmückt,« sagte Henriette aufhorchend und heiser und höhnisch
vor sich hinlachend -- pathetische Deklamation, hier und da durch
intensives Pochen und Hämmern unterbrochen, scholl durch die Thüren.
-- »Wie ekeln mich diese Mädchen da drinnen an! Sie möchten sämtlich,
wie sie auch auf der Bühne stehen, der Braut die Augen auskratzen, und
doch faseln sie in grenzenlosem Schwulst von der schönsten Blume, die
ihrem Kranz entrissen werde, von dem Dichtergenius, der ihre Stirn
geküßt habe, und was dergleichen poetische Aderlässe mehr besagen.
Und Moritz mit seiner maßlosen Verschwendung benimmt sich dabei wie
ein Narr. Gestern abend, unmittelbar nach seiner Rückkehr von Berlin,
hat er die Handwerker Buben gescholten. Die Dekoration mußte als
‚trödelhafter Plunder‘ sofort von den Wänden gerissen werden, weil die
Leute an zwei dunkeln Ecken Wollstoffe statt Seidendamast verwendet
hatten; er wird nachgerade abstoßend mit seinem ewig herausgekehrten
Millionärbewußtsein. Da sieh her!«
Sie schob unhörbar eine der Thüren etwas weiter auf. Durch den nur
schmalen Spalt sah man die Bühne nicht, auf der die Probe abgehalten
wurde; dagegen präsentierte sich schräg seitwärts ein prachtvoller
Baldachin von goldbefranstem Purpursamt -- er sollte sich heute abend
über dem Brautpaar wölben.
»Wie wird _er_ mit seinem blassen, finsterbrütenden Gesicht sich
ausnehmen unter dem komödienhaften Firlefanz dort!« flüsterte Henriette
und drückte den Kopf wie in ausbrechender Verzweiflung tief bewegt
an die Gestalt der Schwester. »Und sie wird wieder neben ihm stehen,
siegend, triumphierend wie immer, in der wohlstudierten Toilette
von weißem Mull und kindlich naiven Margaretenblümchen, wie sie der
unschuldsvollen Braut am Polterabend zukommt. Ach Käthe, es ist etwas
so Seltsames, Unbegreifliches um die ganze Geschichte; ich habe jetzt
so oft das Gefühl, als lauere ein unglückliches Geheimnis dahinter, so
etwas wie ein heimlich glimmender Feuerbrand unter grauer Asche.«
Im Eßzimmer saß die Präsidentin mit Flora und dem Kommerzienrat beim
Frühstück. Die Braut war im eleganten, rosabordierten Schlafrock und
ein Morgenhäubchen bedeckte die aufgewickelten Locken. Käthe erschrak
fast, so grau und scharf erschien das Römergesicht der schönen
Schwester ohne die goldene Glorie der Stirnlöckchen; heute sah sie
zum erstenmal, daß Flora die Jugend hinter sich habe, daß endlich das
ruhelose Bestreben, sich hervorzuthun, die glühende Ehrsucht anfingen,
das herrliche Oval unerbittlich in harter, einwärtssinkender Linie zu
verlängern.
»Mein Gott, Käthe, wie kommst du denn auf die Idee, uns gerade heute
ins Haus zu fallen?« rief sie emporschreckend, im rückhaltslosen
Aerger. »In welche Verlegenheit bringst du mich! Nun muß ich dich wohl
oder übel ins Gefolge stecken. Ich habe schon zwölf Brautjungfern --
eine dreizehnte kann ich nicht brauchen, wie du dir wohl selbst sagen
wirst --« Sie unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und fuhr
zurück.
[Illustration]
Der Kommerzienrat hatte mit dem Rücken nach der Thür zu gesessen und
eben ein Glas Burgunder zum Munde geführt, als Floras Ausruf den
Eintritt der Schwester signalisierte. War ihm das Glas infolge der
Ueberraschung entglitten, oder hatte er es unsicher, mit abgewendeten
Augen auf den Tisch gestellt -- genug, der volle, dunkelpurpurne Inhalt
ergoß sich über das weiße Damasttuch und benetzte auch Floras Kleider.
Der reiche Mann stand einen Augenblick starr, verwirrt, mit völlig
entfärbtem Gesichte und stierte erschreckten Auges nach der Thür, als
trete dort ein wesenloses Phantom, nicht aber das imposante Mädchen mit
den ernsten Zügen und der ruhigen, festen Haltung herein. Aber er faßte
sich rasch. Mit einer lebhaften Entschuldigung gegen Flora drückte er
auf die Tischglocke, um helfende und säubernde Hände herbeizurufen,
dann eilte er auf Käthe zu und zog sie in das Zimmer herein. Und da
ließ sich auch nicht eine Spur vom verschmähten Liebhaber in seinem
ganzen Wesen entdecken, er war in jedem Worte, in seinem kühlen
Händedrucke ganz und gar der väterlich gesinnte Vormund von ehedem,
der sich freute, seine Mündel wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Er
klopfte sie wohlwollend auf die Schulter und hieß sie willkommen.
»Ich habe nicht gewagt, dich einzuladen,« sagte er; »auch war ich in
der letzten Zeit geschäftlich zu sehr überbürdet, um viel an Dresden
denken zu können -- du wirst das verzeihen --«
»Ich bin einzig und allein als Henriettens Pflegerin gekommen,«
unterbrach ihn Käthe rasch, aber ohne den leisesten Anklang von
Gekränktsein über Floras ungezogene Begrüßung.
»Das ist lieb und gut gemeint, mein Kind,« sagte die Präsidentin mit
aufgehelltem Gesichte; jede, auch die letzte Befürchtung erlosch in
ihr angesichts dieser unbefangenen Begegnung. »Aber wohin mit dir? In
deinem ehemaligen Zimmer ist Floras Trousseau aufgestellt und --«
»Sie werden mir deshalb nun doch erlauben müssen, mich in meinem
eigenen Daheim einzuquartieren, wie ich auch bereits gethan habe,« fiel
Käthe höflich mit bescheidener Zurückhaltung ein.
»Es wird mir vorläufig nichts anderes übrig bleiben,« versetzte die
alte Dame lächelnd und sehr gut gelaunt. »Heute wird unser Haus zum
Bersten überfüllt sein -- dazu leben wir in einem Trubel, wie ich ihn
noch nicht gesehen; mit Mühe haben wir uns an den Frühstückstisch
gerettet. Vom Morgengrauen an wird gehämmert, probiert --«
»Ja, sie deklamieren drüben, daß die Balken zittern,« sagte Henriette
boshaft und legte sich müde in einen Lehnstuhl zurück, den ihr der
Kommerzienrat hingerollt hatte. »Im Vorübergehen hörten wir ‚Pallas
Athene‘, die ‚Rosen von Kaschmir‘ und die ‚Neue Professur‘ in
lieblichem Versegemengsel --«
»Hu!« stieß Flora heraus und legte zornig beide Hände auf die Ohren.
»Es ist geradezu unverschämt, _mir_ ein solches Dilettantenprodukt
vorzuleiern, mir, die ich mit meinen reizenden Festspielen stets und
immer, vorzüglich bei Hofe, exzelliert habe. Und da soll man nun
stillsitzen und keine Miene verziehen, während man sich vor Spott und
Lachen die Zunge abbeißen möchte --«
Die Präsidentin unterbrach sie mit einer hastigen Handbewegung; eben
traten die darstellenden Damen, die vor der Probe Schokolade im
Eßzimmer getrunken hatten, herein, um ihre zurückgelassenen Hüte und
Sonnenschirme zu holen.
Flora schlüpfte in das anstoßende Boudoir der Großmama.
Mit affektierter Freude eilte die Hofdame, Fräulein von Giese,
auf Käthe zu und begrüßte sie als eine »Langentbehrte«; auch dem
Kommerzienrate reichte sie die Hand zum Gruße. »Schön, daß wir Sie hier
treffen, mein bester Herr von Römer!« rief sie. »Da können wir Ihnen
doch vorläufig danken für die bewunderungswürdige Art und Weise, mit
der Sie unsern kleinen Polterabendscherz unterstützten. Wahrhaftig
süperbe, zauberhaft!« Sie küßte entzückt ihre Fingerspitzen. »Solche
Feerien aus ‚Tausendundeine Nacht‘ kann man allerdings auch nur in der
Villa Baumgarten arrangieren -- darüber ist die ganze Welt einig. --
Apropos, haben Sie schon von dem Unglücke des Major Bredow gehört? Er
ist fertig, total zu Grunde gerichtet -- alle Kreise sind alarmiert.
Mein Gott, in welcher entsetzlichen Zeit leben wir doch! Sturz folgt
auf Sturz, in so rapider Weise --«
»Major Bredow hat aber auch wahnsinnig genug in den Tag hinein
spekuliert,« sagte die Präsidentin gleichmütig und stützte behaglich
den Ellenbogen auf die gepolsterte Lehne ihres Fauteuils. »Wer wird
denn so toll, so ohne Sinn und Verstand vorgehen?«
»Die Frau, die schöne Julie, ist schuld -- sie hat zu viel gebraucht;
ihre Toiletten allein haben jährlich dreitausend Thaler gekostet.«
»Bah, das hätte sie auch fortsetzen können, wenn der Herr Gemahl mit
seinem Anlagekapital vorsichtiger gewesen wäre, aber er hat sich an
Unternehmungen beteiligt, die von vornherein den Schwindel an der Stirn
getragen haben.« -- Sie zuckte die Achseln. »In solchen Fällen muß
man mit einer Autorität gehen, wie ich zum Beispiel; gelt, Moritz, wir
können ruhig schlafen?«
»Ich mein' es,« versetzte er lächelnd mit der lakonischen Kürze
der Ueberlegenheit und füllte sein Glas mit Burgunder -- er leerte
es auf einen Zug. »Ganz ungerupft bleibt man bei einem solchen
eklatanten Zusammensturz selbstverständlich auch nicht; da und dort
entschlüpft ein kleines Kapital, das man ‚spaßeshalber‘ riskiert hat --
Nadelstiche, an denen sich bekanntlich niemand verblutet --«
»Ach, da fällt mir eben ein, daß ich ja heute die Börsenzeitung noch
nicht erhalten habe,« fiel ihm die Präsidentin ins Wort und richtete
sich lebhaft auf. »Sie kommt sonst pünktlich um neun Uhr in meine
Hände.«
Er zog gleichgültig die Schultern empor. »Wahrscheinlich ein Versehen
auf dem Postamte, oder das Blatt hat sich in _mein_ Brief- und
Zeitungspaket verirrt und ist mit hinüber in den Turm gewandert; ich
werde nachsehen.« Dabei stellte er sein Glas nieder.
»Pardon, meine Damen!« sagte er mit Hindeutung auf sein rasches
Trinken. »Ich fühlte plötzlich, daß mein gefürchteter Kopfschmerz im
Anzuge; er kommt blitzschnell, und ich pflege ihn mit einem schnell
genossenen Glase Wein aus dem Felde zu schlagen.« Vorhin hatte er in
der That ausgesehen, als dringe ihm die dunkle Glut des Rotweins bis
unter die Stirnhaut.
Er entkorkte rasch eine Flasche Sekt und füllte mehrere auf dem
Büffett stehende Gläser. »Ich bitte, mit mir auf das Gelingen unserer
heutigen Abendvorstellung zu trinken,« sagte er, ein Glas erhebend, zu
den Damen, welche die Kristallkelche ergriffen und seinem Beispiele
folgten. »Die Blumenfee mit ihrem reizenden Gefolge soll leben. Die
Jugend und die Schönheit, und das herrliche Leben selbst, das ja keinem
von uns feindlich ist, ja, auch der süßen Gewohnheit des Daseins ein
Hoch!«
Die Gläser klangen und die Präsidentin schüttelte leise lachend den
Kopf.
Käthe war unwillkürlich in die Fensternische zurückgewichen, in deren
Nähe Henriettens Lehnstuhl stand. Sie sah, wie sich bei dem taktlosen
Trinkspruche die Wimpern der Kranken feuchteten, wie sie sich im
schmerzlichen Zorne auf die Lippen biß -- die süße Gewohnheit des
Daseins war für sie ein Marterrost, und »das herrliche Leben« ließ
sich »feindlich« genug jeden Atemzug mit Schmerzen abkaufen. Die junge
Mündel hatte kein Glas genommen und der Herr Vormund hatte ihr auch
keines angeboten. Der Blick des Mädchens glitt dunkel und ernstspähend
über seine lebhaft erregten Züge. Sie hatte nie geahnt, daß auch hinter
diesem glatten, leidenschaftslosen Männerantlitze ein innerer Sturm
aufwogen könne -- und da war er in den unstät flackernden Augen, in dem
leisen, konvulsivischen Beben der Lippen, in der ungewöhnlich lustig
forcierten Stimme.
Es war, als fühle der reiche Mann den Blick -- er sah unwillkürlich
nach der Fensternische, dann stellte er rasch sein Glas auf den Tisch
und fuhr sich mit beiden Händen hastig über Stirn und Haar; zu dem
Kopfschmerze, der diesmal der Weinkur zu spotten schien, hatte sich für
einige Sekunden nun auch ein leichter Schwindelanfall gesellt.
[Illustration]
24.
Der Polterabendlärm in der unteren Etage steigerte sich nachmittags
bis zur Unerträglichkeit. Die adeligen Rittergutsbesitzer aus der
Umgegend fuhren vor und mußten einlogiert werden. Aus der Stadt wurden
Korbwannen voll »Theaterstaat« herbeigeschleppt -- die Darsteller
sollten sich in der Villa kostümieren. Friseure und Schneidermamsells
rannten aus und ein, und dazwischen trabten die Gärtnergehilfen
immer noch von den Treibhäusern her nach der Villa, keuchend und
schweißtriefend unter der Last mächtiger Palmen, Orangen- und
Gummibäume.
Bei all dem dumpfen Geräusche unter ihrem Zimmer war Henriette doch
in einen scheinbar erquickenden Nachmittagsschlummer gesunken. Im
anstoßenden Kabinette saß Nanni, die Kammerjungfer, und nähte mit
flinken Händen Silberflitter auf eine Gazewolke, deren die noch immer
fieberhaft arbeitenden Tapezierer drunten im Saale bedurften. Käthe
öffnete leise die Thür und empfahl dem Mädchen, wachsam zu sein und das
Zimmer nicht zu verlassen, bis sie zurückkehre -- dann ging sie hinab,
um in der Mühle verschiedene Anordnungen zu treffen.
Sie vermied es, den Hauptkorridor zu betreten -- er wimmelte von ab-
und zugehenden Menschen -- und bog in den neben dem Saale hinlaufenden
Gang ein. Er war weniger belebt, aber in der schmalen Thür, auf die
er mündete und welche ins Freie führte, stand der Kommerzienrat, den
Strohhut auf dem Kopfe und augenscheinlich im Begriff, nach dem Turme
zu gehen. Er gab dem Lakaien Anton, der ihn speziell bediente und
deshalb mit ihm die Ruine bewohnte, einige in der Stadt zu besorgende
Aufträge. »Lasse dir Zeit!« rief er dem Forteilenden nach. »Erst nach
sechs Uhr will ich mich umkleiden.«
Käthe schritt leise und langsam weiter; sie hoffte, er werde nun auch
die Schwelle verlassen und in den Garten hinaustreten, allein er schob
mechanisch die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers
und ging nicht. Zu seinen Füßen liefen einige Stufen hinab; er stand
ziemlich hoch und konnte von da aus ein bedeutendes Stück seines
herrlichen Parkes übersehen, und das fesselte ihn offenbar an seinen
Platz. Hatte er denn noch nie diesen Anblick in seiner überraschenden
Schönheit so empfunden wie jetzt, wo die Spätnachmittagsbeleuchtung,
in die sich bereits rosige Tinten des Abendlichtes stahlen, darüber
hinfloß? .... Immer wieder zeigte die Bewegung seines Kopfes, daß er
die Augen rundum schweifen lasse, aber das junge Mädchen sah auch,
daß sein Oberkörper unter fliegenden, gepreßten Atemzügen förmlich
bebte; sie sah, wie sich seine Hände in den Taschen krampfhaft ballten,
wie die Rechte plötzlich aufzuckend nach der Stirn fuhr und sich
über die Augen legte. Er kämpfte jedenfalls mit dem Unwohlsein, über
welches er heute morgen geklagt und das er standhaft verbiß, um die
Abendfestlichkeit nicht zu stören.
Sie trat jetzt geflissentlich fester auf und bei dem Geräusche fuhr er
herum.
»Dein Kopfweh hat sich verschlimmert?« fragte sie teilnehmend.
»Ja -- und ich habe in diesem Augenblicke wieder einen beängstigenden
Anfall von Schwindel gehabt,« antwortete er mit unsicherer Stimme
und drückte sich den Hut tiefer in die Stirn. »Kein Wunder! Hätte
ich eine Ahnung gehabt von den tausend Widerwärtigkeiten, die mit
dieser Polterabendfeier verknüpft sind, ich hätte ganz gewiß davon
abgesehen,« setzte er gefaßter, aber auch mit einer ihm sonst fremden
Art von Poltern hinzu. »Diese bornierten Handwerkerköpfe haben in
meiner Abwesenheit alles verkehrt gemacht; sie haben mich und meine
Intentionen nicht begriffen, und was sie in einer vollen Woche
zusammengekleistert und -genagelt haben, das mußte heruntergerissen und
in Zeit von zwölf Stunden neu hergestellt werden. Nun haben wir den
Lärm und die beispiellose Hetzerei bis auf den letzten Moment, wo die
Gardine in die Höhe gehen soll.«
Er stieg die Stufen herab, langsam und zögernd, als schwimme bereits
alles wieder vor seinen Augen.
»Soll ich zurückgehen und dir ein Glas Selterswasser holen?« fragte
sie, auf der Schwelle stehenbleibend. »Oder wäre es nicht besser, den
Arzt zu holen?«
»Nein -- ich danke dir, Käthe,« versetzte er in seltsam weichem Tone,
und sein feuchter Blick überflog schimmernd, wie messend, das schlanke
Mädchen, das seiner Besorgnis so ungekünstelt Ausdruck gab. »Uebrigens
irrst du sehr, wenn du meinst, Bruck sei so leicht erreichbar. Der läßt
sich von seiner Praxis hetzen bis zum letzten Augenblick; ich glaube,
man wird ihn übermorgen vom Krankenbette zur Trauung holen müssen.« Ein
sarkastisches Lächeln, als mache er sich innerlich über die ganze Welt
lustig, flog über seine Lippen. »Das beste Mittel habe ich selber« --
sagte er gleich darauf -- »meinen kühlen Turmkeller. Ich bin eben im
Begriffe, hinüberzugehen und die Weine für heute abend herauszugeben;
die frische Kellerluft wird wirken wie eine kühlende Kompresse.«
Käthe knüpfte die Hutbänder unter dem Kinne fester und trat heraus auf
die Thürstufen.
»Und du gehst noch in die Mühle? Hoffentlich nicht weiter?« meinte
er, nach seiner Uhr sehend; diese einfache Frage klang so nachlässig
hingeworfen, und doch kam es Käthe vor, als stocke ihm der Atem dabei.
Die Stufen herabsteigend, sagte sie ihm, was sie nach der Mühle führe,
dann ging sie mit einem freundlichen Kopfneigen über den Kiesplatz,
während der Kommerzienrat die Richtung nach dem Turme einschlug.
Hinter dem ersten Strauche des nächsten Bosketts sah sie noch einmal
unwillkürlich nach ihm hinüber; er war unverkennbar leidender, als er
eingestehen mochte. Schon wieder ging er zögernd, wie mit einknickenden
Knieen; er hatte den Hut in den Nacken geschoben, als stürme ihm die
Fieberglut abermals nach dem Kopfe, und seine Augen irrten ziellos über
den Park hin.
Jetzt brauste es auch ihr durch das Gehirn; ein dunkles Angstgefühl
überkam sie. Der kranke Mann mit dem unsicheren Gebaren allein im
Turmkeller! Wie ein Fiebergespenst jagte der grauenhafte Gedanke,
der sie einst angesichts der Ruine gepackt, an ihr vorüber. »Ich
bitte dich, Moritz, sei vorsichtig mit dem Kellerlicht!« rief sie ihm
angstvoll zu.
War er zu tief im Nachgrübeln versunken gewesen, oder hatte sich
bereits jene nervöse Reizbarkeit seiner bemächtigt, die vor jeder
lauten Menschenstimme erschrickt! Er fuhr wild empor, als habe ihn ein
Schuß getroffen.
»Was willst du damit sagen?« rief er heiser zurück. »Wie? Siehst du
Gespenster am hellen Tage, Käthe?« setzte er gleich darauf hinzu; er
brach in ein schallendes Gelächter aus, das etwas tief Beschämendes
für die jugendliche Warnerin hatte, und verschwand mit einem spöttisch
grüßenden Handwinken und sehr stramm gewordener Haltung im nächsten
Laubgange.
Kaum eine halbe Stunde später ging Käthe am Flusse hin. Die Geschäfte
waren erledigt, und so viel Zeit blieb ihr noch, verstohlen das alte
liebe Doktorhaus wiederzusehen. Wie schlug ihr das Herz, als sie
durch das bewegliche Laub der Uferbirken die in der Sonne glühenden
Wetterfahnen flimmern sah! Wie erschrak sie bei jedem verräterischen
Knirschen des Sandgerölles unter ihren Füßen! Sie kam wie eine
Vertriebene, die einen letzten Blick in das gelobte Land werfen will.
Und nun lehnte sie an der Pappel, die den Holzbogen flankierte --
an dieser Stelle hatte sie das letzte unverwischliche Bild in ihre
Seele aufgenommen; wie auf Goldgrund hatten sich die lauschenden
Kinderköpfchen neben der Hausecke draußen von der strahlenden
Landschaft abgehoben, und dort an dem Gartentische war der kraftvolle,
strenge Mann in unbegreiflicher Gemütserschütterung zusammengebrochen.
Jetzt war es still auf dem tiefbeschatteten Rasengrunde. Die Obstbäume,
die sie in prangender Maienfrische gesehen, bogen sich unter der
Last ihrer Früchte, die gelb und rotbackig das unscheinbar gewordene
Laub überstrahlten und die Lüfte mit dem köstlichen Aroma der Reife
erfüllten, und am Weinspalier des Hauses hing der vielgerühmte
Traubenreichtum in tiefer Bläue. Nur einen einzigen schüchternen
Blick nach dem Eckfenster, wo der Schreibtisch stand! Der Doktor war
ja nicht daheim; er eilte von einem Krankenbette zum andern »bis zum
letzten Augenblicke«. Und in dem Zimmer wohnte er auch nicht mehr.
Weiße, spitzenbesetzte Gardinen hingen hinter den Scheiben; auf dem
Sims, zwischen den Töpfen mit vollblühenden Alpenveilchen, lag ein
schneeweißes Kätzchen, und jetzt hoben sich zwei strickende Hände und
ein Frauenkopf mit silberweißem Scheitel unter dem sauberen Mullstrich
bog sich darüber her -- die alte Freundin der Tante Diakonus war
bereits eingezogen. Er hatte auch diese Brücke hinter sich gebrochen;
er war reisefertig, und übermorgen kam »der letzte Augenblick«, wo die
stolze, herzlose Schwester neben ihm stand im weißen Atlaskleide, um
-- »die Salonrepräsentantin des berühmten Mannes« zu werden. Hatte sie
einst schwerer gekämpft, die schöne, blonde Edelfrau, als das Mädchen,
das jetzt, bitterlich weinend, die Arme um den schlanken Stamm legte
und an die rauhe Rinde die Stirn preßte, bis sie ihr schmerzte? Jene
war geliebt worden, und wenn auch verlassen, traf _sie_ keine Schuld,
hier aber nagte an dem Herzen einer Ungeliebten sündhafte Eifersucht,
und die sie beneidete, war -- die eigene Schwester.
Starke Männerschritte hinter ihr machten sie aufschrecken. Der Müller
Franz ging mit einer über die Schulter gelegten Eisenstange vorüber, um
nach dem oberen Wehre zu sehen, wie er sagte. Diese Begegnung, die ihr
das Blut in das Gesicht trieb, scheuchte sie von ihrem Lauscherposten,
und während Franz rasch weiter eilte, ging sie langsam am Ufer hin. Sie
konnte sich noch nicht entschließen, in die Villa zurückzukehren -- mit
ihrer Toilette für heute abend war sie ja längst fertig, ehe Henriette,
die trotz ihrer Hinfälligkeit um jeden Preis dem Festspiel beiwohnen
wollte, ihren armen, elenden Körper so geschmückt hatte, daß die Spuren
der verheerenden Krankheit weniger hervortraten.
Hier war es so köstlich einsam. Niemand sah ihre geröteten Augen,
und wie sie zornig mit ihrem widerspenstigen Herzen rang, mit
ihrer sündigen Sehnsucht, die sie hierher getrieben hatte -- ja,
sie allein -- Schande über sie, wenn sie sich selbst anlog und ihr
leidenschaftliches Verlangen beschönigte! Nicht das traute Haus, nicht
die liebenswürdige alte Frau drinnen hatte sie wiedersehen wollen, und
es war nicht ihre feste Ueberzeugung gewesen, daß er nicht daheim sein
könne -- sie hatte es _doch_ gehofft, und nun, wo sich ein anderes
Gesicht als das seine am Eckfenster gezeigt hatte, war ihr das traute
Fleckchen Erde öde und sonnenverlassen erschienen.
Der voranschreitende Müller war ihren Blicken entschwunden -- sie
kam der Ruine näher. Der Wasserring glitzerte von ferne und das
auseinandertretende Gebüsch ließ sie den eleganten Brückenbogen
übersehen, der sich über den Graben schwang .... In diesem Augenblicke
beschritt ihn vom Turme her ein Mann mit großem, rotblondem, tief auf
die Brust herabreichendem Vollbarte. Er trug eine blaue Arbeiterbluse
unter dem lässig übergeworfenen Rocke und jagte mit seinem Stocke die
zwei Rehe vor sich her. Sie stoben förmlich über die Brücke und flohen
in den Park hinein.
[Illustration]
Käthe würde den Mann nicht weiter beachtet haben -- Handwerker
verkehrten ja oft im Turme -- wenn sein Gebaren sie nicht stutzig
gemacht hätte. Der Kommerzienrat liebte die Rehe zärtlich; er konnte
sehr böse werden, wenn er eines im Parke umherirrend fand -- und nun
jagte der Fremde die scheuen Tiere geflissentlich über das Wasser!
War er einer jener Erbitterten, die dem beneideten Reichtume Schaden
zufügen und Schabernack anthun, wo sie können? ... Er schlug den Weg
ein, der nach dem großen Parkthore und auf die Landstraße hinausführte;
sie verfolgte ihn mit den Augen, bis ihn das Dickicht aufnahm --
welche Aehnlichkeit! Seiner Haltung und Größe, seinem ganzen Körperbau
nach hätte der Mann im Arbeiterrocke ein blonder Zwillingsbruder des
Kommerzienrates sein können.
Sie blieb wider Willen gefesselt stehen und sah nach dem Turme, von wo
er gekommen war -- wie herrlich gruppierte sich hier die Landschaft
um die Ruine, und mit welch künstlerischem Takte und Gefühle hatte
der aus der Ferne herbeigerufene Baumeister das Vorhandene zu
benutzen verstanden, um die Mauerreste mit einem so ergreifenden
romantischen Zauber zu umspinnen! Es war wieder still geworden; nur
das Flügelklatschen der Tauben, die über dem Turme kreisten, klang
schwach herüber -- wie kleine Silberkähne durchschifften die graziösen
Luftsegler den klaren, rot angehauchten Abendhimmel und schlüpften
durch die Lücken der Mauerkrone, die scharfzackig in das Aetherblau
hineinschnitt -- nein, nicht die Mauerkrone! Ein urplötzlich speiender
Krater war es, der unter donnerndem Krachen eine Garbe schwarzen
Schwalles riesenhoch in den Himmel hinaufschleuderte. Der Boden wurde
dem Mädchen buchstäblich unter den Füßen weggerissen -- sie stürzte,
wie hingeschmettert -- dann schwemmten kühle Wassermassen an sie heran.
Was war das? ... Alles, was laufen konnte, stürzte aus der Villa
und rettete sich hinaus in den Garten -- das Haus hatte in seinen
Grundfesten bis zum Einsturze gewankt. -- Ein Erdbeben! Wie
entgeistert, atemlos standen die Menschen draußen, jeden Augenblick
erwartend, daß sich die Erde zu ihren Füßen aufthun werde. Schon spie
sie Wasserbäche dort über die niedriger gelegenen Rasenspiegel hin;
die Lüfte atmeten Brandgeruch und streuten Atome zu Zunder gebrannter
Stoffe auf den Kies ... Die mächtigen Scheiben des stolzen Hauses
waren zersprungen, und im großen Saale lagen die deckenhohen Spiegel
zerschmettert auf dem Parkett, und von dem luftigen Bau der Bühne waren
die Samt- und Seidendraperien abgeschüttelt, und die Arbeiter hatten
sich nur mit Mühe vor den schwer niederstürzenden Bronzeverzierungen
und Stangen gerettet.
Von der Promenade her stürmten jetzt die Spaziergänger herein, unter
ihnen Anton, der aus der Stadt zurückkehrte. »Dort, dort!« schrieen
die Leute der Präsidentin zu, die sich halb ohnmächtig auf Floras
Schulter stützte, und zeigten über den Park hin. Dort brannte es --
dicke schwarze Rauchwolken quollen auf, so intensiv, daß man besonders
brennbare Stoffe wie Raketen einzeln in dunkler Nacht emporschießen sah.
»Das Pulver im Turme hat explodiert!« rief jemand aus der Mitte des
Menschenknäuels.
»Unsinn!« antwortete Anton, nahezu lachend, obgleich ihm die Zähne vor
Schrecken und Entsetzen zusammenschlugen. »Das taube Zeug explodiert
längst nicht mehr, und die paar frischen Prisen, die der gnädige Herr
aus Jux drüber hergestreut hat, heben keinen Ziegelstein von seinem
Platze.«
Trotzdem rannte er wie toll parkeinwärts, quer über die schwimmenden
Rasenflächen -- er wußte ja seinen Herrn dort drüben, wo es brannte.
Der ganze Menschenschwarm brauste hinter ihm drein, während auf dem
nahegelegenen Stadtturm die Feuerglocke zu läuten begann.
[Illustration]
Welche Verwüstung! Was war in einer flüchtigen Sekunde, die kaum
zu einem Atemzuge genügte, aus dem paradiesischen Gefilde geworden,
zu welchem ein verschwenderischer Aufwand von Gold und Arbeit den
ehemaligen Lustgarten eines erloschenen Rittergeschlechts umgewandelt
hatte! Wie ein Springquell, der spielend Kiesel in die Lüfte wirft,
so hatte dort, wo der schwarze Qualm den Himmel verfinsterte, ein
Höllensprudel die Mauerquadern gepackt und in weitem Bogen verstreut,
hier einen Granitwürfel tief in den weichen Rasenboden einwühlend,
dort starke Baumwipfel wie Rohr unter der Steinwucht einknickend, und
drüben nach Süden hin stand das Palmenhaus wie ein gläsernes Sieb,
doppelt flimmernd und glitzernd mit seinen Scherbenzacken; ein wahrer
Steinhagel mußte sich, wie aus boshafter Knabenhand geschleudert,
gerade auf »das Glaswunder« der Residenz gelenkt haben.
Es war ein Anblick, wohl geeignet, das Haar sträuben und die
atemlos Herbeieilenden zurücktaumeln zu machen, als das letzte
hohe, verbergende Buschwerk hinter ihnen lag. Hatte die Ahnfrau der
Baumgarten in der That die Lunte angelegt, um dem komödienhaften Spiel,
das der Parvenü mit den ehrwürdigen Ueberresten ihrer Stammburg trieb,
ein Ende zu machen? Aber sie mußten Eisen in die Mauerfugen gegossen
haben, die Alten. Wohl war das obere Gelaß mit der Zackenkrone auf dem
Scheitel zerstückelt und nach allen vier Wänden hingeschleudert worden;
von dem unteren Teil des Gemäuers dagegen hatte die Riesengewalt nur
eine kleinere Hälfte abzusprengen vermocht; sie lag, herabgestürzt,
aber noch festgefügt und unzerstörbar zusammenhaltend, nahe dem Graben,
während die andere trutzig und dräuend wie vorher in die Lüfte ragte;
aus ihrem Schlund loderten die bleichgelben Flammen empor, jeden
Balkensplitter, jeden Zeugfetzen gierig von den Innenwänden leckend.
»Mein armer Herr!« stöhnte Anton und streckte die Arme
verzweiflungsvoll über den Graben hin. Da drunten gurgelten und
brodelten die Wasser, die der furchtbare Stoß aus ihren Ufern gehoben
und weithin über den Park verschüttet hatte; nun stürzten sie sich
zurück in ihr niedriger gelegenes Gebiet, Sand- und Rasenstücke und
blutige zerrissene Tauben- und Dohlenleichen mit sich schleppend. Der
zierliche Brückenbogen war spurlos verschwunden, der schönberaste,
eiförmige Hügelrücken in klaffende Spalten geborsten, und die alten
Nußbäume, die er genährt und die sein Schmuck gewesen, hatte er
ausgestoßen; sie lagen hingestreckt, die Aeste wie die Geweihe zweier
im erbitterten Kampfe verendeter Hirsche ineinander verrannt.
Was half es, daß immer neue Menschenscharen zuströmten, daß die
Feuerspritzen heranjagten? Da war nichts zu retten. Wer suchte noch
dort in dem lodernden Krater die kostbaren Möbelstücke, die berühmte
Humpensammlung, die Bild- und Skulpturwerke und Elfenbeinschnitzereien,
die reichen Teppiche? Wie in entsetzlichem Hohne war eine der purpurnen
Seidengardinen, unversehrt aus dem Fenster fliegend, am Sims hängen
geblieben und fiel grauenhaft unbeweglich über die Außenseite des
Turmrestes, wie wenn das Blut unmerklich rinnend einer breiten Wunde
entströmt.
Und die Menschen raunten sich von aufgehäuften Gold- und Silberschätzen
zu -- oder nein, es waren ja Papiere gewesen, Papiere, die den
Besitz von Fabriken, Grubenwerken, Landstrecken und dergleichen in
unermeßlichem Werte verbürgten und welche der alte, feste Turm mit
seinen Mauern, seinen unbesieglichen Schlössern und seinem Wassergürtel
wie ein Drache gehütet hatte. Wo waren sie? Wo die Eisenplatten, die
sie umschlossen? Waren die Geldspinde unzersprengt hinabgestürzt in das
Kellergewölbe, inmitten der Flammenglut eine Auferstehung ertrotzend?
Und was war aus ihm geworden, aus dem reichen Manne, von welchem
Anton bestimmt wissen wollte, daß er sich vor einer Stunde nach dem
Turme begeben habe, um Weine aus dem Keller zu holen? Alles starrte
mit stockendem Atem in das Flammengewoge, während der treue Diener
händeringend den Graben umkreiste und den Namen seines Herrn immer
wieder über das Wasser hinüberrief. Es war doch eine unverzeihliche
Marotte gewesen, Schießpulver da aufzubewahren, wo man mit dem offenen
Kellerlicht hantierte.
»Die verkommene historische Merkwürdigkeit hat das nicht gethan; dazu
ist ein ganz anderer Sprengstoff nötig gewesen,« sagte einer der zuerst
herbeigeeilten Spaziergänger, ein Ingenieur, laut und sehr bestimmt in
das Stimmengewirr hinein.
»Aber wie wäre denn der in den Keller gekommen?« stammelte Anton
stehenbleibend, indem er den Sprecher blöde und verständnislos mit
seinen angstverschwollenen Augen ansah.
Der Herr zuckte schweigend, mit einer zweideutigen Miene die Achseln
und wich mit den anderen zurück -- die Spritzen begannen ihre Arbeit.
Und nun zischten die Wasserstrahlen empor und die Glocke auf dem
Stadtturm läutete unermüdlich, solange sich das Feuer ungebärdig
gegen seinen Erzfeind aufbäumte; von der Villa her schleppte die
Feuerwehr Bretter und Stangen, um eine improvisierte Brücke über den
Graben zu schlagen, und der Lärm und das Menschengetümmel wuchs und
schwoll von Sekunde zu Sekunde. Da scholl mitten in das Getöse hinein
ein markdurchschütternder Schrei -- dort drüben, der Ruine ziemlich
nahe, auf dem Wege vom oberen Wehre her, hatten sie den Müller Franz
gefunden; ein schwerer Stein hatte ihn zu Boden gerissen und ihm die
Brust zerquetscht -- der Mann war tot.
Es war, als pflanze sich der Schrei, den die Frau des Müllers im
Hinstürzen über den Entseelten ausgestoßen, von Kehle zu Kehle fort --
ein solch unbeschreiblicher Stimmenaufruhr wogte über den Park hin.
»Moritz -- sie haben ihn gewiß gefunden!« murmelte die Präsidentin
aufschreckend. Sie war unweit des Hauses auf einer Gartenbank
zusammengesunken; weiter hatten sie ihre Füße nicht getragen, jetzt
machte sie abermals eine krampfhafte Anstrengung, sich zu erheben --
vergebens! Die bisher so standhaft ignorierte Altersschwäche machte
sich angesichts einer wirklichen Gemütserschütterung in bestürzender
Weise geltend. »Haben sie ihn? Ist er tot? Tot?« lallte sie, und die
sonst so fest, so vornehm und kühl blickenden Augen irrten, weit
aufgerissen, in wilder Angst den Weg entlang, der in der Richtung der
Ruine den Rasenplatz durchschnitt; dabei umklammerte sie Floras Arm,
die neben ihr stand.
Die schöne Braut war die einzige, die ihre Fassung behauptete. Welch
ein Kontrast! Dort über den Bäumen zog schwelend und träge der dicke
Qualm und färbte weithin den Himmel mit einem schmutzigen Schiefergrau,
und hier, vor dem Hause mit seinen zertrümmerten Spiegelscheiben,
seinen umgestürzten Orangeriekübeln unterhalb des Balkons, verliefen
und versickerten nur langsam die angeschwemmten Wasser und sammelten
sich zu rinnenden Bächen in den tiefen Furchen, welche die Räder der
Feuerspritzen in die Kies- und Rasenflächen gerissen -- dazu das
wahnwitzige Geschrei, das durch die Lüfte gellte, das geräuschvolle
Vorüberstürzen immer neuer Menschenmassen von der Stadt her, und
inmitten dieser Verwüstung, dieses Tumultes eine schneeweiße Braut,
weiße Maßliebchen an der Brust und in den blonden Locken, bleich bis
in die Lippen, aber zuversichtlich und überlegen in der äußeren Haltung
wie immer -- eine gegen jedes _persönliche_ Unglück Gefeite.
[Illustration]
»Wenn du meinen Arm nur einmal loslassen wolltest, Großmama!« sagte
sie ungeduldig. »Ich könnte dich möglicherweise überführen, daß
du Gespenster siehst. Weshalb soll und muß denn Moritz durchaus
verunglückt sein? Bah -- Moritz mit seinem fabelhaften Glück? Ich
bin überzeugt, er ist heil und ganz drüben mitten im Getümmel, und
unsere kopflose Dienerschaft, die es, nebenbei gesagt, nicht der Mühe
wert hält, nach uns zu sehen, und nur dann und wann im Vorüberrennen
albernes Gewäsch in den Himmel hineinschreit, diese bornierten
Menschen, sage ich, sehen ihren Herrn mit offenen Augen nicht.« --
Ihr Blick streifte das nasse Terrain, dann sah sie auf ihren Fuß, der
sich im weißen Stiefelchen unter den Garnierungen des Tarlatankleides
verschob. »Man wird denken, ich sei _auch_ ein wenig verrückt
geworden,« meinte sie achselzuckend, »aber ich muß hinüber --«
»Nein, nein, du bleibst,« rief die Präsidentin und grub ihre Finger in
die Falten des weißen Kleides. »Du wirst mich nicht allein lassen mit
Henriette, die noch hilfloser ist als ich und mir nicht beistehen kann.
O mein Gott, ich sterbe. Wenn er tot wäre, wenn -- was dann?« Ihr Kopf
fiel tief auf die Brust, die in Brillanten flimmerte -- wie entsetzlich
alt sah die Frau aus! Ihre gelbe Moireeschleppe umbauschte wie in
grellem Hohn die gebeugte Greisengestalt.
Henriette kauerte auf der andern Seite der Bank, aschfarben vor
Erregung und mit entsetzten Kinderaugen in das Weite starrend. »Käthe!
Wo nur Käthe bleibt?« sagte sie mit bebenden Lippen wieder vor sich
hin, als sei ihr der Satz eingelernt worden.
»Gott im Himmel, schenke mir Geduld!« murmelte Flora zwischen den
Zähnen. »Es ist doch etwas Schreckliches um solche Frauenzimmer ... Ich
bitte dich, Henriette, warum schreist du denn immer nach deiner Käthe?
Die wird dir doch niemand nehmen!«
Mit verzehrender Ungeduld überflog ihr Blick das Haus, aber da war
kein lebendes Wesen zu sehen, das sie von dem ihr aufgezwungenen
Beschützerposten hätte erlösen können -- sie waren alle nach der
Ruine gerannt, die bereits angekommenen Gäste aus der Umgegend, die
Lakaien, die dienstbaren Geister der Küche; selbst die feinbeschuhten
Kammerjungfern waren durch die tiefen Wasserlachen mitgelaufen. Aber
von der Stadt her nahte jetzt Beistand -- die darstellenden Damen des
Festspiels kamen atemlos um die Hausecke.
»Um Gottes willen, was geht bei euch vor?« rief Fräulein von Giese und
stürzte auf die verlassene Frauengruppe zu.
Flora zog die Schultern empor. »Im Turm hat eine Explosion
stattgefunden -- mehr wissen wir auch nicht. Alles rennt vorüber,
niemand steht uns Rede, und ich kann nicht von der Stelle, weil die
Großmama den Kopf verloren hat und mir in ihrer bodenlosen Angst
buchstäblich die Kleider vom Leibe reißt. Sie bildet sich ein, Moritz
sei umgekommen.«
Die jungen Mädchen standen wie zu Stein erstarrt vor dieser gräßlichen
Vermutung -- der blühend schöne Mann, der vor wenigen Stunden noch »dem
herrlichen Leben« ein Hoch gebracht, dort in den Flammen umgekommen
oder in Atome zerstückelt! Das war nicht auszudenken. »Unmöglich!«
stieß Fräulein von Giese heraus.
»Unmöglich?« wiederholte die Präsidentin unter einem Gemisch
von Schluchzen und wahnwitzigem Auflachen; jetzt stand sie wie
emporgerissen auf ihren Füßen, aber sie schwankte wie eine Betrunkene
und deutete mit einer unsicheren Armbewegung nach dem nächsten Boskett.
»Da -- da bringen sie ihn! Gerechter Gott! Moritz, Moritz!«
Dort wurde unter feierlichem Schweigen ein Gegenstand hergetragen, und
in dem Kreise neugierig mitlaufender Menschen schritt Doktor Bruck; er
war ohne Hut und seine hohe Gestalt überragte alle.
Flora flog hinüber, während die Präsidentin in ein lautes krampfhaftes
Weinen ausbrach. Beim Anblick der herbeieilenden, gebieterisch schönen
Braut trat die Begleitung unwillkürlich auseinander; nach einem raschen
Blicke über die hingestreckte Gestalt, die man auf einem Ruhebette
trug, wandte sich Flora sofort zurück und rief beschwichtigend:
»Beruhige dich doch nur, Großmama! Es ist ja nicht Moritz --«
»Käthe ist's -- ich wußte es,« murmelte Henriette halb schluchzend,
halb gespenstisch flüsternd mit ihrer heiseren Stimme und wankte
hinüber, wo die Träger, Atem schöpfend, für einen Augenblick ihre Last
niedergesetzt hatten.
Die Verunglückte lag auf einem altmodischen Ruhebette aus des Doktors
Arbeitszimmer -- ihre seitwärts niederhängenden Kleider troffen von
Nässe. Weiche Bettkissen unterstützten Kopf und Rücken; sie hätte mit
ihren sanft geschlossenen Lidern und den zwanglos im Schoße ruhenden
Händen ausgesehen wie eine friedlich Schlummernde, wäre nicht das
Blutgerinnsel an der linken Wange nieder und die Binde über der Stirn
gewesen, die von einer Kopfwunde zeugten.
»Was ist's mit Käthe, Leo? Was in aller Welt hat sie an der
Unglücksstätte zu suchen gehabt?« fragte Flora, an das Ruhebett
herantretend -- Ton und Blick zeigten mehr Aerger über den
vermeintlichen Vorwitz der Stiefschwester als eigentlichen Schrecken.
Der Doktor war vorhin bei ihrer beschwichtigenden Versicherung wie in
jäh aufloderndem Zorne emporgefahren; jetzt schien es, als höre er gar
nicht, daß sie spreche -- so fest lagen seine Lippen aufeinander und so
leer war der Blick, der neben ihr hinstreifte und dann auf Henriette
niedersank.
Die arme Kranke stand, nach Atem ringend, vor ihm und ihre
thränenumflorten Augen sahen in Todesangst zu ihm auf. »Nur ein
einziges Wort, Leo -- lebt sie?« stammelte sie mit bittend gehobenen
Händen.
»Ja, die Lufterschütterung und der Blutverlust haben sie betäubt,
gefahrbringend sind augenblicklich nur die nassen Kleider; die
Stirnwunde ist ungefährlich, Gott sei Dank!« antwortete er wie aus
tiefster Brust in vibrierenden Tönen, und liebreich wie ein Bruder
legte er den linken Arm um ihre schwache Gestalt, die sich kaum auf den
Füßen zu erhalten vermochte. »Vorwärts!« befahl er den ruhenden Trägern
mit hörbarer innerer Angst und Ungeduld.
Der begleitende Menschenschwarm verlief sich enttäuscht; es war ja
keine Gefahr vorhanden; die meisten kehrten nach der Brandstätte
zurück. Das Ruhebett wurde über den Kiesweg getragen, an der
Präsidentin vorüber, die völlig geistesabwesend auf die Ohnmächtige
stierte und nichts mehr zu begreifen, zu fassen schien. Die entsetzte
Mädchenschar drängte sich wie gescheucht aneinander und blickte
ratlos zu dem jungen Arzte empor, der, ohne sie zu beachten, neben
dem Ruhebette schritt. Noch hielt er mit dem linken Arme Henriette
umschlungen; die Rechte aber hatte er auf Käthes Stirn gelegt, um
jeder schmerzenden Erschütterung vorzubeugen. Der sonst so scheu
sein Inneres verbergende Mann, den man in der letzten Zeit nur noch
mit tiefverfinsterten Augen und gezwungenem Wesen gekannt hatte, sah
unverwandt behütend, mit unverhohlener Zärtlichkeit auf das erblaßte
Mädchengesicht nieder, als existiere nichts anderes mehr für ihn, als
habe er unter Todesqualen sein Liebstes und Heiligstes auf dieses
Ruhebett gerettet.
[Illustration]
Flora ging der schweigenden Gruppe nach, isoliert, wie wenn nicht das
geringste Band sie mit den drei Menschen verkette, die das Unglück
plötzlich vor aller Augen in so innige Beziehung brachte. Dort, wo die
Träger gerastet hatten, standen noch tiefe Wasserlachen; sie war mit
ihren zierlichen weißen Stiefeln in das trübe Naß getreten und die
lange Tarlatanschleppe schleifte durchfeuchtet und beschmutzt über
den Kies. Mit einem raschen Griff nahm die schöne Braut den weißen
Margueritenkranz aus dem Haar; er war zur bitteren Ironie geworden
inmitten der entsetzlichen Ereignisse; sie zerdrückte und zerriß ihn
mechanisch mit den Fingern, und wo sie gegangen war, lagen die kleinen
schneeigen Sterne verstreut.
Aber auch sie schritt an der Großmama und den Freundinnen vorüber, ohne
sie anzusehen. Ihr funkelnder Blick maß unausgesetzt die imposante
Gestalt des Bräutigams -- man sah, sie erwartete von Sekunde zu
Sekunde, daß er sich nach ihr umwende, und so folgte sie ihm Schritt
für Schritt über den weiten Platz, über die Schwelle des Hauses. Die
Präsidentin rief nach ihr; ein abermaliges, erderschütterndes Gerassel,
dem ein emporbrausendes Toben von Menschenstimmen folgte, dröhnte von
der Ruine herüber -- sie sah nicht zurück; mochte auch hinter ihr die
Welt zusammenbrechen -- sie ging in unerbittlicher Entschlossenheit
»ihren Rechten« nach.
[Illustration]
25.
Auf diesen grauenvollen Tag folgte eine dumpfschweigende Nacht voll
todesbanger, atemloser Spannung. Niemand ging zu Bette; alle Gasflammen
im Hause brannten; die Dienerschaft schlich ruhelos auf den Zehen umher
oder hockte flüsternd in den Ecken zusammen, und nur wenn drüben vom
Turme her die Schritte eines Feuerwächters näher klangen oder eine
der nach außen führenden Thüren leise geöffnet wurde, fuhren alle wie
elektrisch empor und rannten hinaus in die Korridore, denn der Herr des
Hauses sollte und mußte noch kommen, aber die Nacht verging und das
Frührot brach durch die Fenster -- und er kam nie, nie wieder.
Es war ein rosiger, den klarsten Tag verkündender Strahl, der über
die Villa Baumgarten hinglitt und die zersprungenen Spiegelscheiben
glitzern und flimmern machte. Er lief durch den Festsaal und ließ
den Purpursamt des herabgestürzten Brautbaldachins aufleuchten; er
küßte das welkende Laub der Festons und das zerknickte Geäst der
umgeworfenen Treibhausbäume -- welch ein Chaos! Ein einziger Stoß hatte
die kostbare, aber leicht gefügte Feerie aus »Tausendundeine Nacht« in
ein schauerliches Gemengsel von zahllosen Scherben und Trümmerresten
zusammengeschüttet. Und alle die zierlichen, die bräutliche Freundin
verherrlichenden Verse waren ungesprochen geblieben, und da, wo die
goldbeflitterten Genien im Rosengewölk hatten herabschweben sollen,
spielte der scharf hereinziehende Morgenwind gespenstisch mit rosa und
weißen Kreppfetzen.
Vielleicht heute zum erstenmal durfte das Frühlicht in die vornehmen
Räume schimmern; kein Laden war vorgelegt, kein Rouleau niedergelassen
worden; selbst das prächtige Schlafzimmer auf der nordöstlichen Ecke
des Erdgeschosses mit seinen korinthroten Seidendraperien und seinem
kostbar geschnitzten, von Spitzen überdeckten Bette auf hoher Estrade
war ihm preisgegeben und es durfte sich in den Brillanten spiegeln, die
noch in den Lockenpuffen der Präsidentin verstreut lagen. Die Hand der
Kammerjungfer hatte die alte Dame nicht berühren dürfen; noch schleppte
ihr das gelbe Stoffkleid schwer nach, wie sie immer wieder durch die
lange Zimmerreihe wankte, in welcher die umgeworfenen Möbel, die von
den Simsen gestürzten Statuen umherlagen.
Die Schleierwolke um Hals und Kinn der alten Dame hatte sich gelöst,
und der sonst so sorgfältig verhüllte, fleischlose Unterkiefer hob sich
scharf, in hippokratischer Linie von dem vertrockneten Halse. Ja, sie
war hochbetagt und für den ausgedörrten Körper stand die Lebenssonne
tief, tief im Niedergehen -- und dennoch wälzte diese wankende Greisin
in fieberhafter Angst den Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer
wird Moritz beerben?« Sie selbst hatte nicht den leisesten Anspruch
auf die Hinterlassenschaft des so jäh Hingerafften -- nicht einmal
auf das Bett, in welchem sie schlief, nicht auf das Geschirr, aus
welchem sie aß. Der Kommerzienrat war früh verwaist; so viel sie wußte,
existierten keine Verwandten seines Namens mehr, aber hatte er nicht
öfter Unterstützung an eine arme Schwester seiner verstorbenen Mutter
an den Rhein geschickt? Sollte sie die Erbin sein? Der Gedanke war
zum Rasendwerden. Die Frau eines obskuren Schreibers, eine bedürftige
Weißnäherin, nahm Besitz von den kolossalen Reichtümern, und die Frau
Präsidentin Urach, die sich schon lange gar nicht mehr vorstellen
konnte, wie man ohne seidengepolsterte Equipage von einem Ort zum
andern kommen, wie man ohne Koch und servierende Lakaien anständig
essen und in einem Bette ohne Brokatbaldachin schlafen könne, sie
mußte ihre alten, auf den Dachboden gestellten Möbel wieder ausklopfen
und in eine enge Mietwohnung schaffen lassen, wo es keinen Marstall
voll dienstbereiter Pferde, keine Livreebedienung und keine fürstlich
splendide Küche mehr gab -- denn sie und ihre beiden Enkelinnen waren
ja nicht blutsverwandt mit dem Millionär, der ohne Testament aus der
Welt gegangen.
[Illustration: -- und dennoch wälzte sie in fieberhafter Angst den
einen Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer wird Moritz beerben?«
(S. 318.)]
Die aus der Umgegend eingeladenen Herren waren bis nach Mitternacht
um die alte Dame versammelt geblieben, und wenn man auch diesen Punkt
nicht berührt hatte, so war doch schon in die hochgehenden Wogen der
schreckensvollen Bestürzung da und dort ein scheues Wort gefallen
über die entsetzliche Verwirrung, die der Katastrophe bezüglich der
Vermögensverhältnisse des Verunglückten auf dem Fuße folgen müsse,
da der Kommerzienrat seine Dokumentenschränke und seine Bücher in
dem Turme verwahrt gehabt habe, und von alledem nicht ein einziges
versprengtes Papierblatt gefunden worden sei.
Aber mochten auch da drüben Unsummen in die Luft geflogen sein --
stand sie, die alte Frau, nicht hier auf einem Grund und Boden, der
nach vielen Tausenden geschätzt wurde? War nicht unter ihren Füßen, in
dem festen Steingewölbe, die Silberkammer? Standen nicht Pferde der
edelsten Rassen drüben in den Ställen? Und welcher unermeßliche Wert
steckte in der Gemäldesammlung berühmter Meister! Das alles genügte,
um der Frau Präsidentin das schöne, luxuriöse Leben einer reichen Frau
bis an ihr Ende zu sichern, wenn die hochgeborene Dame den Beweis zu
erbringen vermochte, daß das Blut des Seilersohnes auch in ihren Adern
fließe.
Und auch von der, die über ihr in Henriettens Wohnzimmer lag, von der
Enkelin des Schloßmüllers, war gesprochen worden -- man wußte, daß ihr
ganzes großes Vermögen in dem Turme eingeschlossen war. Die Präsidentin
in ihrer nervösen Angst und Unruhe hatte nur mit halbem Ohre hingehört
-- was ging sie das Wuchergeld des ehemaligen Müllerknechtes an! Flora
dagegen war bei ihrer merkwürdigen Sammlung und objektiven Ruhe, die
sie angesichts des grauenhaften Ereignisses behauptete, den möglichen
Eventualitäten gefolgt, welche die völlige Vernichtung der Dokumente
für ihre Stiefschwester herbeiführen konnte.
Es hatte etwas Zornmütiges, Verbissenes in ihrem schönen, bleichen
Römergesichte gelegen, als sie gegen zehn Uhr aus der Bel-Etage
herabgekommen war. Sie, der gefeierte Mittelpunkt der geselligen
Kreise, das schöne Mädchen, dessen geistiges Uebergewicht, dessen
scharfes Urteil für alle Bekannten maßgebend war, sie hatte zu ihrer
tiefsten Indignation die klägliche Rolle einer Ueberflüssigen droben in
dem »sogenannten« Krankenzimmer spielen müssen. Außer Henriette, die,
auf einem Sofa kampierend, um keinen Preis Käthe verlassen wollte, war
auch die Tante Diakonus als Pflegerin erschienen. Sie hatte zugleich
ein Asyl in der Villa suchen müssen, denn auf dem Hause am Flusse, das
ja der Unglücksstätte am nächsten lag, waren die Schlöte eingestürzt;
an der südlichen Hausmauer zeigten sich bedenkliche Risse und Sprünge;
die Fenster lagen in Trümmern und keine der Thüren paßte mehr in
Schloß und Angel. -- Die neueingezogene Dame war mit der Köchin in der
Schloßmühle bei Suse einquartiert worden, und für die Nacht hatte der
Doktor zwei Wächter an das verlassene Haus postiert.
Am Bette der Verletzten war kein Platz für Flora gewesen. Zu Häupten
hatte die Tante, entsetzlich verweint, in einem Lehnstuhl gesessen,
und ihr gegenüber der Doktor. »Die Alte« hatte sich gebärdet, als
sei Käthes ungefährliche Stirnwunde, ihre anhaltende Betäubung, das
Allerbeklagenswerteste, was der unheilvolle Tag überhaupt gebracht, und
der Doktor war nicht von seinem Platze gewichen -- er hatte Käthes Hand
nur aus der seinen gelassen, wenn der Umschlag auf ihrer Stirn erneuert
werden mußte. Ein solch besorgnisvolles Gebaren um »das robuste, lange
Mädchen mit den Nerven und Gliedern der ehemaligen Holzhackerstochter«
widerspruchslos mit anzusehen, dazu hatte denn doch für Flora ein
vollgerütteltes Maß Geduld und Selbstüberwindung gehört.
Des ewigen bangen Geflüsters müde, und einsehend, daß sich heute mit
all den konsternierten Menschen kein vernünftiges Wort reden lasse,
war die schöne Braut endlich hinabgestiegen, allein und tief ergrimmt
-- der Doktor hatte sie nicht einmal bis zur Zimmerthür, geschweige
denn die Treppe hinab geleitet. Zu Bette war sie selbstverständlich
auch nicht gegangen; sie hatte die verunglückte Polterabendtoilette
abgestreift, ihre schmiegsamen Glieder in den weißen Kaschmirschlafrock
von griechischem Zuschnitte gehüllt und sich gegen Morgen ein wenig auf
das rote Ruhebett hingestreckt.
Das ehemalige Studierzimmer ließ an Oede und Unwohnlichkeit nichts
mehr zu wünschen übrig. Der schwarze Schreibtisch stand abgeräumt
und verstaubt in seiner Fensterecke; von den Regalen waren sämtliche
Bücher genommen und lagen verpackt in großen Kisten inmitten des
großen Zimmers. Die Säulenstücke samt Büsten rollten umgestürzt auf
der Erde; darüber her warf die qualmende, von unsicherer Dienerhand
angezündete Hängelampe einen häßlich ungewissen Schein, und nun, als
die Morgenluft kräftig durch die Fensterscheiben zog und der Tag mit
seinem energischen Lichte hereinbrach, schaukelte sie leise droben an
ihrer Kette in bläßlichem Rot, als glimme der Ruinenbrand in ihrer
weißen Schale nach.
Jetzt, mit Tagesanbruch, hatte Flora hinaufgeschickt und den Doktor
zu sich bitten lassen -- sie hörte ihn sicheren, militärisch
festen Schrittes durch den Korridor kommen. Mit eiligen Händen die
derangierten Stirnlöckchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens noch
einmal zurechtzupfend, drückte sie das weiße Marmorgesicht tiefer
in die roten Polster und sah blinzelnd nach der Thür, durch die er
eintreten mußte.
Er schritt über die Schwelle. Sie hatte ihn noch nie so gesehen, und
deshalb erhob sie sich, unwillkürlich, mechanisch, als trete ein
fremder Mann herein.
»Ich fühle mich unwohl, Leo,« sagte sie unsicher und ohne den Blick
des Erstaunens von dem Gesichte wegzuwenden, das bleich, überwacht
und dennoch wie von einem inneren Lichte belebt und durchleuchtet,
plötzlich einen so völlig veränderten Charakter angenommen hatte. »Mein
Kopf brennt -- der Schrecken und durchnäßte Füße haben mir jedenfalls
ein Fieber zugezogen.« Sie setzte das stockend hinzu, während seine
Augen kalt prüfend mit der beobachtenden Ruhe des Arztes über ihre Züge
hinstreiften. Dieser eine Blick machte ihr das Blut sieden.
»Nimm dich in acht, Bruck!« sagte sie mit völlig beherrschter
Stimme, aber ihr Busen wogte unter gepreßten Atemzügen und die
schöngeschwungenen Brauen hoben sich, so daß zwei strenge, tiefe
Querfalten die weiße Stirn durchschnitten. »Ich ertrage es nun
schon monatelang geduldig, daß deine Praxis die Geliebte ist, der
ich mich unterordnen muß.« Sie zuckte die Achseln. »Ich sehe ein,
daß das mein Schicksal bleiben wird, und denke groß genug, um mich
darüber hinwegzusetzen; denn diese Hingabe an seinen Beruf macht den
Mann bedeutend, dessen Namen ich tragen werde.« Bei diesen Worten
wandte sie den hochgehobenen Kopf weg, als überfliege ihr geistiger
Blick die weite Welt, die sein berühmter Name erfüllte. So entging
ihr die jäh emporlodernde Flammenglut auf seinen Wangen. »Aber ich
protestiere entschieden gegen jede Zurücksetzung, sobald ich selbst
deinen ärztlichen Rat brauche,« fuhr sie fort. »Wir alle haben unter
der furchtbaren Katastrophe zu leiden gehabt -- ich armes Opfer mußte
bei allem Schrecken noch die halb wahnwitzige Großmama und Henriette
in ihrem trostlosen Zustande unter die Flügel nehmen -- eine nicht
zu beschreibende Aufgabe. Und doch ist es dir bis zu dieser Stunde
nicht eingefallen, auch nur einmal zu fragen: ‚Wie trägst denn du das
Unglück?‘«
[Illustration]
»Ich habe nicht gefragt, weil ich weiß, daß bei dir dergleichen
seelische Eindrücke durch den Verstand kontrolliert werden und weil ich
auf den ersten Blick hin sehe, wie wenig dein körperliches Befinden in
Wahrheit beeinträchtigt ist.«
Sie horchte befremdet auf den Ton seiner Stimme -- er sollte gelassen
wie immer klingen, und doch bebte er hörbar, wie infolge ungestümer
Herzschläge.
»Was deine zweite Behauptung betrifft, so irrst du,« sagte sie nach
einem augenblicklichen Schweigen; »ich habe in der That nervöses
Klopfen an den Schläfen; bezüglich der ersten aber magst du recht
haben. Ich suche mich jedem Ereignisse gegenüber -- gleichviel welchem
-- stets so rasch wie möglich zu sammeln, um es mit klarem Blicke
übersehen zu können. Du scheinst diese meine Taktik zu mißbilligen, wie
ich aus deinem seltsamen Tone entnehme, und doch hast du gerade heute
alle Ursache, sie zu preisen. Ich habe mich nie überreden lassen, mit
meinen vom Papa geerbten soliden Obligationen zu spekulieren -- hätte
ich mithin nicht auch bei überschwenglichen Glücksfällen den Kopf oben
behalten, dann stände ich heute hier vor dir mit leeren Händen -- meine
Mitgift wäre verpufft, wie das unermeßliche Papiervermögen, das gestern
in alle Lüfte geflogen ist. Ja, sieh mich nur scheu an, Bruck!« sie
dämpfte ihre Stimme. »Ich lasse mich nicht düpieren und nenne die Dinge
beim Namen. Die Großmama rennt drüben auf und ab und ringt die Hände,
daß der kolossale Besitz Fremden zufalle; unsere lieben Gäste haben
die halbe Nacht hindurch den reichen Mann beklagt und beweint, der ein
Schoßkind des Glückes gewesen, den die boshafte Ironie des Schicksals
in so tragischer Weise mitten aus seinem Erdenhimmel gerissen habe
-- ich aber sage: Der theatralische Abgang war mittelmäßig in Szene
gesetzt; in den Kulissen ist eine Lücke geblieben, durch die man der
Wirklichkeit auf den Leib gehen wird. In der Kürze, vielleicht in den
nächsten Tagen schon, werden die Gerichte festgestellt haben, daß Römer
anfangs vielleicht nur ein sehr leichtsinniger Spekulant, schließlich
aber -- ein Schurke gewesen ist.«
Eine einschneidendere Wandlung der Dinge ließ sich nicht denken, als
die schöne Dame in diesem Augenblicke zur Geltung brachte. Sie stand in
ihrem weißen Iphigeniagewande, den roten Teppich unter den Füßen, die
schwebende Hängelampe über der Stirn, genau auf derselben Stelle, wo
sie im Dezember gegenüber dem Kommerzienrate die ärztliche Wirksamkeit
ihres Verlobten gebrandmarkt und gesagt hatte: »Ich dulde nichts
Totgeschwiegenes in meiner Seele.«
Flora hatte recht; sie nannte allerdings die Dinge beim Namen --
sie sprach das aus, was der Mann da vor ihr in seinem Innern nicht
leugnete, was ihn seit gestern in eine namenlose Seelenpein versetzt
hatte, aber daß der fein geschnittene, zarte Frauenmund sich vor den
nacktesten Ausdrücken nicht scheute, um den Scharfsinn, »der sich nicht
düpieren lassen«, an den Tag zu legen -- das war wohl geeignet, einen
Sturm von Unwillen in einer feinfühlenden Menschenseele hervorzurufen.
»Ach, wie ich sehe, habe ich heute das Unglück, dir in allem, was ich
sage, zu mißfallen,« hob sie nach einem sekundenlangen Verstummen halb
sarkastisch, halb schmollend wieder an und ging ihm um einige Schritte
nach -- er hatte sich mit unverhohlener Entrüstung abgewendet und war
schweigend in die Fensterecke getreten. »Möglich, daß mein gerechtes
Urteil ein wenig zu drastisch ausgesprochen war; vielleicht hätte ich
auch, dankbar für manche kleine Annehmlichkeit, die mir Römer hier und
da verschafft hat, weniger wahr und aufrichtig sein sollen;« -- sie zog
die Schultern und die Brauen empor -- »aber ich bin nun einmal eine
geschworene Feindin aller schwächlichen Bemäntelung und habe dabei auch
alle Ursache, empört zu sein. Meine Schwester Henriette, mit deren
Erbteil Römer spekuliert hat, wird mit dem Zusammensturze bettelarm,
und Käthe? -- Sei versichert, daß ihr von ihrem ganzen immensen
Vermögen nicht ein Papierschnitzel bleibt!«
»Desto besser!« kam es wie ein Hauch von den Männerlippen, die so
jünglingshaft rot und keusch unter dem vollen Barte schimmerten und in
diesem Momente sanft zu lächeln schienen.
So schwach die zwei Worte auch geklungen, Floras Ohr hatte sie doch
aufgefangen. »Desto besser?« fragte sie erstaunt und schlug, halb und
halb lachend, die Hände zusammen. »Sehr sympathisch ist mir unsere
Jüngste allerdings auch nicht, aber was hat sie denn verbrochen, daß du
ihr Unglück in so befremdlicher Weise aufnimmst?«
Er biß sich wie in innerem Kampfe heftig auf die Unterlippen und preßte
die Stirn an das Fensterkreuz; sie sah nachsinnend neben ihm weg,
hinaus in den Garten, wo eben der goldene Morgenstrahl das weiße Haupt
der steinernen Brunnennymphe erreichte.
»So schlimm wie Henriette ergeht es Käthe allerdings nicht -- die
Schloßmühle bleibt ihr, und die mag schon ein hübsches Stück Geldes
wert sein,« setzte sie nach einer Pause hinzu. »Dorthin kann sie
sich retten, wenn hier alles zusammenbricht, und auch für unsere
arme Brustkranke wüßte ich kein besseres Asyl; beide Schwestern
lieben sich ja und würden sich gewiß vertragen. Es wird uns auch kein
anderes Arrangement übrig bleiben; die Großmama mit ihrem schmalen
Einkommen kann unmöglich für Henriette sorgen, und dir werde ich
selbstverständlich nie zumuten, die kranke Schwester in unsere junge
Häuslichkeit mitzunehmen.« Sie schlang plötzlich ihren Arm in den
seinigen und sah verführerisch zärtlich zu ihm auf. »Ach Leo, wie
will ich Gott danken, wenn wir morgen im Wagen sitzen werden, all das
Schreckliche, was nun hier erfolgen muß, im Rücken --«
Mit einer leidenschaftlichen Gebärde, mit einem Ingrimm, wie sie ihn
noch nie in diesem stillen, ernsten Männerantlitze gesehen, riß er sich
von ihr los. »Möchtest du wirklich alle im Stiche lassen, die Armen,
die in den nächsten Tagen rat- und hilflos inmitten der schrecklichen
Schicksalsschläge dastehen werden?« rief er wie außer sich. »Gehe,
wohin du willst -- ich bleibe!«
»Leo!« schrie sie auf -- dann stand sie momentan sprachlos und rang
mit einer unbeschreiblichen Erbitterung. Sie legte die geballte Faust
auf das Herz, als habe sie einen Dolchstoß erhalten. »Du hast sicher
die Tragweite deiner allzu raschen Worte selbst nicht ermessen,« sagte
sie endlich klanglos und gepreßt; »ich will sie deshalb nur insoweit
gehört haben, als sie eine Bemerkung meinerseits nötig machen: Wenn
wir nicht morgen, bevor der Ausbruch erfolgt, unsere Reise antreten --
und niemand wird es uns verargen, daß wir das nun einmal Vorbereitete
in aller Stille ausführen --, dann muß unsere Verbindung überhaupt
hinausgeschoben werden.«
Er schwieg und verharrte, wie zu Stein geworden, in seiner abgewendeten
Stellung, und diese wortlose Unbeweglichkeit reizte sie sichtlich; ihr
ganzes leidenschaftliches Naturell funkelte in den großen grauen Augen.
»Ich habe dir vorhin erklärt, daß ich zeitlebens gutwillig deiner
Praxis, der Liebe zu deinem Berufe nachstehen will,« setzte sie
dringender hinzu. »Nie aber werde ich mit meinen Interessen anderen
Frauen weichen -- das merke dir, Leo! Ich kann nun und nimmer einsehen,
weshalb ich der Großmama und meiner Schwestern wegen den furchtbaren
Zusammensturz hier mit durchkämpfen soll, da mir doch das Recht
zusteht, mich in die ruhige schützende Häuslichkeit zu flüchten, die du
mir zu geben gelobt hast; ein solches Opfer solltest du mir gar nicht
zumuten. Liegt es in meiner Macht, etwas an der Sachlage zu ändern?
Ganz und gar nicht -- wozu dann die nutzlose Aufregung, in die du
mich geflissentlich stürzest? Soll ich durchaus das Vergnügen haben,
_auch_ ein Gegenstand des öffentlichen Mitleids zu sein? Eher gehe ich
stehenden Fußes von hier fort -- ich _will_ nicht, daß man mit den
Fingern auf mich zeige.«
Sie durchmaß aufgeregt das Zimmer. »Du hast mir gegenüber für dein
Bleiben hier nicht die leiseste Entschuldigung,« hob sie, fern von
ihm stehen bleibend, mit finster zusammengezogenen Brauen wieder an,
nachdem sie vergeblich auf einen Laut von seinen Lippen gewartet hatte.
»Nicht einmal auf die Kranken in der Bel-Etage kannst du dich berufen.
Henriette hättest du so wie so ihrem Schicksale überlassen müssen,
und was Käthe betrifft, so wirst du mich nicht überzeugen, daß die
Stirnschramme, die du selbst für vollkommen ungefährlich erklärt hast,
deine ganze ärztliche Kunst und Hilfe erheische. Ehrlich gestanden,
ich habe in dieser Nacht das Lachen verbeißen müssen über dein und der
Tante Gebaren. Wenn Henriette über die paar vergossenen Blutstropfen
kindische Thränen weint, so mag das hingehen -- sie ist krank und
nervengereizt --, aber daß du dich gebärdetest, als sei unsere
Jüngste, dieser derbe, urgesunde Holzhackersproß, aus Duft und Schnee
zusammengesetzt --« Unwillkürlich verstummte sie vor Leos Aussehen. Er
hatte sich ihr zugewendet mit drohend gehobenem Finger, mit einer nicht
mehr zu bezwingenden Aufregung in den Zügen.
Sie lachte zornig auf. »Glaubst du, ich fürchte mich? Ich habe deiner
sehr unpassenden Handbewegung eine ganz andere entgegenzusetzen! Hüte
dich -- noch ist das ‚Ja‘ am Altare nicht gesprochen; noch liegt
es in meiner Hand, eine Wendung herbeizuführen, die dir schwerlich
gefallen dürfte. Und nun gerade wiederhole ich, daß mich dein gestriges
ärztliches Thun und Treiben um Käthe schließlich angewidert hat. Soll
ich nicht spöttisch werden, wenn du sie pflegst und verziehst wie eine
Prinzessin --«
»Nein, nicht wie eine Prinzessin -- wie eine Geliebte des Herzens,
wie eine erste und einzige Liebe, Flora,« fiel er mit seiner tiefen,
klangvollen Stimme in sichtlicher Bewegung ein.
Ein Schrecken durchfuhr sie, als habe ein Blitzschlag die Erde vor
ihren Füßen gespalten; unwillkürlich hoben sich ihre Arme gen Himmel
und so stürzte sie auf den Sprechenden zu.
Er streckte ihr abwehrend die Hände entgegen; sonst stand er in
unerschütterter Haltung. »Was ich bisher, unter unbeschreiblichen
Kämpfen mit mir selbst, in meiner Brust verschlossen habe -- aus Scham
und von einem Grundsatze ausgehend, der sich als falsch, ja, als
unmoralisch erwiesen hat --, ich muß es dir jetzt bekennen. Ich sehe ab
von jeder Verteidigung, von jedem beschönigenden Worte;« -- die Stimme
sank ihm -- »ich bin treulos gewesen von dem Augenblicke an, wo ich
Käthe zum erstenmal gesehen habe.«
Flora ließ langsam ihre Hände sinken. So unumwunden und zweifellos
auch das Geständnis lautete, es war dennoch das Unglaubwürdigste, das
sie je gehört. Bah, wie hatte sie sich hinreißen lassen können, ein
so kopfloses Erschrecken zu zeigen! Es war wohl oft genug geschehen,
daß die gefeierte Flora Mangold Männerherzen unwiderstehlich an sich
gezogen und sie dann in Momenten, wo es am wenigsten erwartet wurde,
launenhaft und unbarmherzig von sich gestoßen hatte -- ach ja, das war
zu ihrer innersten Genugthuung so oft geschehen, wie sie Ballsaisons
mitgemacht, aber daß ein Mann _ihr_ die Treue brechen könne --
lächerlich! Das war zu absurd; das glaubte niemand in der Residenz,
und sie selbst am wenigsten. Da lag es doch weit näher, zu denken, daß
Doktor Bruck endlich auch einmal den Mut finde, sich zu revanchieren.
Sie hatte eben »ihre Feuerprobe« bis an die äußerste Grenze geführt;
sie hatte in ihrem wohlbegründeten Verdrusse gedroht, noch wenige
Schritte vom Altar ihr »Ja« zurückzuhalten, und das hatte ihn gereizt,
hatte seine Langmut erschöpft; er wollte sie strafen, indem er sie
eifersüchtig machte. Ihre bodenlose Eitelkeit und Frivolität halfen ihr
noch für wenige Augenblicke über die bitterste Täuschung ihres ganzen
Lebens hinweg.
Sie verzog ironisch die Lippen und schlug die Arme unter. »Ah, also
gleich beim ersten Erblicken!« sagte sie. »War das gleich draußen im
Korridor, wo sie nach Handwerksbrauch, den Reisestaub auf den Schuhen,
mit dem poetischen Taschentuchbündelchen in der Hand hier ankam?«
Man sah, wie ihr spielender Hohn jeden Blutstropfen in dem Manne
empörte; angesichts der furchtbaren Entscheidung, die endlich nach
namenlosen Leiden und Kämpfen, durch seine wahre »erste und einzige«
Liebe herbeigeführt worden, wurde er lächelnd und frivol ins Gebet
genommen wie ein Schulknabe. Er bezwang sich mühsam; die Lösung dieser
Lebensfrage _mußte_ noch in dieser Stunde erfolgen, aber daß es nicht
in würdeloser Weise geschehe, das war seine Aufgabe.
»Da war ich schon ihr Führer und Begleiter gewesen; in der Mühle habe
ich Käthe zuerst gesehen,« versetzte er, nach einem momentanen Ringen
mit sich selbst, ziemlich gelassen.
Eine dunkle Röte der Ueberraschung überflog Floras Wangen. Es begann in
ihren Augen zu glimmen; sie biß sich auf die Lippen. »Ei, davon erfährt
man ja das erste Wort. Und auch die Duckmäuserin mit dem ‚reinen‘
Herzen hat Grund gehabt, diese interessante Begegnung zu verschweigen.«
Sie lachte kurz und hart auf. »Nun, und weiter, Bruck?« Die Arme
noch fester unter dem Busen kreuzend, stemmte sie den Fuß sichtlich
herausfordernd auf den Teppich.
»Wenn du in dem Tone verharrst, dann bleibt mir kein Weg zur
Verständigung als der schriftliche.« Er wollte mit allen Zeichen der
Entrüstung vor ihr vorübergehen.
Sie vertrat ihm den Weg. »Mein Gott, wie du das tragisch nimmst! Ich
bemühe mich ja nur, auf deine kleine Komödie einzugehen. Also in einen
Federkrieg willst du dich mit mir einlassen? Lieber Leo, da ziehst du
den kürzeren -- darauf verlasse dich! -- magst du auch noch so viel
epochemachende medizinische Broschüren in die Welt geschickt haben.«
Das übermütige Lächeln, das ihre Versicherung begleitete, erstarb ihr
auf den Lippen, ein so eisig finsterer Blick begegnete dem ihren. Jetzt
dämmerte allmählich die Ahnung in ihr auf, es könne ihm doch wohl
Ernst, bitterer Ernst sein -- nicht mit seiner fingierten Liebe für
»die Jüngste« -- die war nun einmal nicht denkbar -- wohl aber mit dem
Entschlusse, bei aller Leidenschaft für sie, doch lieber in der letzten
Stunde noch mit der kapriziösen Braut zu brechen, als sich zeitlebens
der »Feuerprobe« zu unterwerfen. Sie bereute ihr Vorgehen, und dennoch
siegte der wilde Trotz, der beispiellose Uebermut in ihr.
»So gehe!« sagte sie rasch zur Seite tretend. »Solche Blicke, wie
du mir eben zugeworfen hast, vertrage ich nicht. Gehe -- ich rühre
nicht einen Finger, dich zu halten.« Sie brach in ein schneidendes
Hohngelächter aus. »O Männercharakter, viel berühmter und besungener!
Es hat eine Zeit gegeben, wo ich fast auf den Knieen um meine Freiheit
gebettelt habe; man war würdelos genug, die widerstrebende Braut um so
fester in Ketten zu legen. Da sieh und lerne von mir, was in solchen
Momenten selbst für ‚die schwache, eitle Frauenseele‘ einzig und allein
maßgebend ist: der Stolz --«
»Es war _auch_ Stolz, der mich damals unerbittlich bleiben ließ,
unbändiger Stolz, wenn auch ein ganz anderer, als das Gemisch von Trotz
und Grimm, das du als solchen bezeichnest,« unterbrach er sie mit
maßvoller Ruhe, obgleich die letzte Spur von Farbe aus seinen Wangen
gewichen war. »Ich bekenne mich ja dazu, schwer gefehlt zu haben; ich
werde dich, wie bereits gesagt, mit keiner Verteidigung behelligen,
die andere auch nur entfernt der Mitschuld bezichtigen könnte. ... Der
Impuls meiner damaligen Handlungsweise war das Pochen auf die eigene
Kraft, auf den Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen der
Seele fertig werden _müsse_, wie ich wähnte. Ich gab dir dein Wort
nicht zurück, weil ich gewohnt war, das meine, einmal gegeben, in
_allen_ Lebenslagen als unverbrüchlich bis in alle Ewigkeit anzusehen;
von dem Standpunkte aus erschien mir unser Verlöbnis so unlösbar
wie dem Katholiken die Ehe ... Ich leugne nicht, daß auch der Rest
studentischer Ehrbegriffe in mir nachwirkte. An jenem Abende habe ich
dir diesen einen Beweggrund ausgesprochen, und ich muß ihn auch jetzt
noch einmal betonen: Ich wollte nicht in die Schar derer zurücktreten,
die an deinem Siegeswagen gezogen und dann mit Eklat entlassen worden
waren; ich wiederhole, daß ich diese Anschauung jetzt als jugendlich
unreif verwerfe, weil in solchen Fällen nicht die Ehre des Mannes,
sondern die der Frau kompromittiert ist.«
Sie wandte ihm mit einem zornflammenden Blicke den Rücken und ließ ihre
Finger in leisem, unregelmäßigem Getrommel auf der Tischplatte spielen.
»Ich habe dir nie verschwiegen, daß meine Hand unzähligemal begehrt und
erstrebt worden ist, ehe ich mich mit dir verlobte,« sagte sie stolz
nachlässig, ohne auch nur den Kopf in der Richtung nach ihm zu bewegen.
»Du so wenig wie alle meine Bekannten,« fiel er ein. »Du darfst aber
nicht vergessen, daß du das unnahbare Ideal meiner Jugend gewesen bist.
Auf der Universität und noch im letzten Feldzuge hat mich der Gedanke
angespornt, daß das stolze Herz der Vielumworbenen sich noch keinem
zugeneigt, daß es den hoch beglücken müsse, der es erringe --« Er
unterbrach sich -- er durfte und wollte sich nicht auf ihre Koketterie
beziehen; er verschmähte alle, auch die begründetsten Vorwürfe als
Hilfstruppen.
»Und möchtest du dem entgegen behaupten, ich hätte auch nur einen aus
dem Troß dieser unvermeidlichen Anbeter geliebt?« brauste sie auf.
»_Geliebt?_ Nein, Flora, keinen von allen -- auch mich nicht,« rief
er, doch wieder fortgerissen. »_Geliebt_ hast du stets nur die
unvergleichliche Schönheit, die gesellschaftliche Tournüre, den
vielbewunderten Esprit, den künftigen Ruhm der gefeierten Flora
Mangold.«
»Sieh, sieh -- die Schmeichelei des Liebenden habe ich stets auf deinen
Lippen schmerzlich vermißt; selbst beim bräutlichen Kosen hast du nie
einen bezeichnenden Schmeichelnamen für mich gefunden -- und jetzt, in
der Erbitterung, zeigst du mir ein Spiegelbild, mit welchem ich wohl
zufrieden sein kann.«
Er errötete wie ein Mädchen. Es war lange her, daß er den schönen
Mund dort nicht mehr geküßt, und doch meinte er, daß es überhaupt
geschehen, sei eine Versündigung an der andern, die, rein und unberührt
an Leib und Seele, sein Frauenideal erst jetzt verwirklichte. Er entzog
unwillkürlich sein Gesicht den Augen, die ihn mit einem heimlich
lachenden Ausdrucke fixierten, und sah in den Garten.
Ah, sie hatte ihn im richtigen Moment an schöne Zeiten erinnert --
jetzt hatte sie gewonnenes Spiel. »Leo, bist du wirklich zu mir
gekommen, um hart mit mir zu verfahren, um mich anzuklagen?« fragte
sie, rasch zu ihm tretend -- sie legte ihre Hand auf seinen Arm.
»Du vergissest, daß du mich zu dir beschieden hast, Flora,« entgegnete
er ernst. »Ich wäre nicht aus eigenem Antriebe gekommen -- ich habe
oben _zwei_ Kranke; Henriettens Zustand ist gegen Morgen bedenklich
geworden; ohne deinen ausdrücklichen Wunsch würde ich sie nicht
verlassen haben, so wenig, wie ich in diesen unseligen Tagen voll
Angst und namenloser Verwirrung daran gedacht hätte, eine Entscheidung
herbeizuführen, wie du sie vorhin provoziert hast.«
»Eine Entscheidung? Weil ich dich in kindischem Trotz und Aerger gehen
hieß? ... Geh, wie magst du Mädchenzorn so bitter ernst nehmen!« Das
sagte sie, die sonst jede mädchenhafte Regung, als ihres männlich
gearteten Geistes unwürdig, verleugnete -- mit dieser aalglatt
entschlüpfenden Frauenseele war schwer zu rechten.
Dem Doktor stieg das Blut in das Gesicht; sie hatte ihn durch
ihre unberechenbaren Einwürfe einen Kreislauf machen lassen -- er
stand wieder am Ausgangspunkte. »Ich messe dir auch _darin_ die
Schuld nicht bei,« antwortete er mit unverkennbar hervorbrechender
leidenschaftlicher Ungeduld. »_Ich_ habe mich hinreißen lassen, dir zu
gestehen --«
»Ach ja, du sprachst von deinem Manneswillen, der mit allen
Gefühlsausschreitungen fertig werden _müsse_ -- ist er dir dennoch
treulos geworden?«
»Nein, treulos nicht; er hat sich nur einer besseren Ueberzeugung
unterwerfen müssen. Flora, ich habe dir gleich zu Anfang gesagt, daß
ich bei meiner Weigerung, unser Verlöbnis zu lösen, von einem falschen
Grundsatze ausgegangen sei. Ich wußte damals längst, daß nicht eine
Spur wahrer, hingebender Liebe für mich in deinem Herzen lebte, und
auch ich hatte mit meinem Gefühle für dich vollkommen abgeschlossen,
das enthusiastische Bewunderung von der Ferne aus, niemals aber
warme, innige Herzensneigung gewesen war -- wir hatten beide geirrt.
Zwar litt ich schwer unter dem Bewußtsein, einer liebeleeren Zukunft
entgegenzugehen, ich, dem die Natur ein liebeheischendes Herz gegeben,
der ich mir den eigenen Herd nicht ohne die verklärende Familienliebe
denken kann, aber ich fügte mich, und du hast dich noch rascher mit
deiner vermeintlichen Nebenbuhlerin, meiner Praxis, abgefunden; du hast
die Entfremdung willig sanktioniert, weil sie dir kein inneres Opfer
auferlegte.«
Sie schwieg und ihre Augen irrten unwillkürlich über den bestaubten
Teppich hin -- es war ihr unmöglich, dem Sprechenden in das ernste, von
tiefer Erregung beseelte Gesicht hinein zu lügen.
»Und ich klammerte mich um so angstvoller an die Unverletzlichkeit
meines Wortes, je treuloser meine Gedanken von dir abirrten --«
»Ah -- also doch?«
»Ja, Flora. Ich habe gerungen mit meiner Neigung, wie mit einem
erbitterten Todfeinde.« Ein schwerer, gepreßter Atemzug hob seine
Brust. »Ich bin vom ersten Augenblick an hart, grausam mit mir selbst
und mit dem Mädchen verfahren, das mir diese unbesiegbare Neigung
einflößte. Ich habe jede, auch die unschuldigste Annäherung streng
von mir gewiesen -- nicht einmal die Blumen, die sie in der Hand
gehalten und achtlos vergessen hatte, litt ich in meinem Zimmer. Sie
war gern in meinem Hause, und ich wehrte diesem Verkehre, als ob sie
mir einen Feuerbrand unter das Dach trage; ich war kalt, unhöflich
ihr in das Gesicht hinein, das mich doch entzückte wie noch nie ein
Menschenantlitz --«
»Mein Gott, ja -- man begreift das! Entzückend für das Auge des Arztes,
gesund und rund und weiß und rot, als habe die Natur den Tüncherpinsel
dazu genommen.« Mit diesen Worten wich die Erstarrung, die über die
atemlos horchende Frauengestalt gekommen war -- sie preßte die geballte
Rechte heftig gegen die Brust. »Und ein solches Bekenntnis wagst du
mir gegenüber? Wie, Blumen wirft diese naive Jugend in das Zimmer der
Männer, die sie kirren will --«
»Still!« er hob die Hand mit jenem gebieterisch zwingenden Blicke,
der stets selbst diesen Mund verstummen machte. »Mich überschütte mit
Vorwürfen -- ich will sie widerstandslos über mich ergehen lassen,
vor Käthe aber stehe ich in Wehr und Waffen. Sie hat meine Liebe für
sich niemals angefacht; sie ist nach Dresden zurückgekehrt und hat
nicht gewußt, wie es um mich, wie es um -- sie selbst steht. Weshalb
sie damals gegangen, das weißt du am besten. Während man sie von einer
Seite drängte, eine Ehe ohne Liebe einzugehen, wurde ihr von der andern
erschreckend deutlich nahegelegt, daß sie ihr Zimmer zu räumen und
einem hochgeborenen Besuche Platz zu machen habe. Ich war Zeuge dieser
unverblümten Ausweisung; um ein Haar hätte ich mich damals vergessen
und der Frau Präsidentin Worte der Erbitterung gesagt, und doch, als
die indirekte Aufforderung an mich erging, die Ueberzählige in mein
Heim aufzunehmen, da hatte auch ich keinen Raum für sie; ja, sie mußte
eine Stunde später vor meinem Hause, wenn auch ohne mein Wissen, mit
anhören, wie ich meine Tante ersuchte, den Verkehr mit ihr abzubrechen,
solange ich noch aus- und eingehe. Und da ist sie gegangen,
tiefverletzt in ihrem stolzen, festen und doch so weichen Gemüte,
und ich war barbarisch, nein, unmoralisch genug, um eines falschen
Prinzips, um eines thönernen Götzen willen, der gewisse Ehrbegriffe
repräsentiert, in der großen Lüge zu beharren, die ich ihr, mir selbst
und der ganzen Welt glaubwürdig zu machen suchte.«
Wie überwältigt von seiner eigenen Schilderung schwieg er sekundenlang;
Flora warf sich über das Ruhebett hin und preßte den Kopf zwischen ihre
schmalen Hände, als wolle sie nichts mehr hören, aber er fuhr fort:
»Ich ließ sie erbarmungslos gehen; ich atmete auf -- nun sollte es
besser gehen mit mir und meiner inneren Qual -- thöricht, thöricht! Ich
sah nicht, wie in demselben Augenblicke, wo sie hinter dem Ufergebüsche
verschwand, ein Dämon an mich herankroch, der sich festklammerte --
es war nicht die Ueberbürdung meiner Praxis, was mich hohlwangig
und der Geselligkeit gegenüber finster und feindselig machte -- in
der angestrengten Arbeit und Thätigkeit bin ich stets freudig und
thatkräftig geblieben -- es war die Sehnsucht, die sich von Tag zu Tag
steigerte.«
Er hatte den Fensterbogen verlassen und durchmaß das Zimmer in
sichtlichem inneren Aufruhre, und jetzt erhob sich Flora wieder wie
mit einem gewaltsamen Rucke und schüttelte das nach vorn gefallene
Lockengeringel wild aus der Stirn.
»Um _Käthes_ willen?« rief sie bitter auflachend. »Möchte doch der Papa
jetzt sehen, welch richtiger Instinkt seine Erstgeborene geleitet hat,
als sie sich weigerte, die Schloßmüllerstochter Mama zu nennen, als
sie seiner neugeborenen Jüngsten den Rücken wandte, weil sie ja schon
zwei _richtige_ Schwestern habe und kein Stiefschwesterchen wolle! Und
es ist kein falscher Grundsatz gewesen, der dir bisher zur Richtschnur
gedient hat -- nein. Wie viel tausend ‚große Lügen‘ um dieses Prinzipes
willen beseelen und regieren das Menschengetriebe, und die sie
siegreich durchführen, wird man bis in alle Ewigkeit respektabel und
ehrenhaft nennen --«
»Ich habe mir gelobt, das Vergangene bei dieser Entscheidung nicht
zu berühren,« unterbrach er sie, stehen bleibend, mit bebender
Stimme, aber offenbar entschlossen, der Sache ein Ende zu machen,
»und doch zwingst du mich, auf jenen Auftritt zwischen dir und mir
zurückzukommen, der nach dem Attentate im Walde erfolgte. Ich habe mir
damals von meiner Braut in das Gesicht sagen lassen, daß sie mich hasse
oder vielmehr verachte, weil mich ein Mißgeschick zu verhindern schien,
die Berühmtheit zu werden, mit der sie sich zu verloben geglaubt hatte.
Ich habe tags darauf die beispiellose Thatsache erlebt, daß sich dieser
Haß mittels meiner Ernennung zum fürstlichen Hofrate sofort in die
innigste Zuneigung verwandelte, und habe schweigend, mit verbissener
Verachtung mein Joch weiter geschleppt, weil ich eben ‚respektabel und
ehrenhaft‘ bleiben wollte. Und ich hätte auch diese abscheuliche Lüge
zu Ende geführt, wären wir zwei allein die Betreffenden geblieben, wäre
nur mir die Marter eines verödeten Lebens aufgebürdet gewesen. Ich
möchte die drei Menschenherzen, um die es sich handelt, vor die große
Schiedsrichterin, die Moral, hinstellen: das eine, das sich zu dem ‚Ja‘
am Altare nur herbeiläßt, weil es ihm zu einer lebhaft gewünschten
äußeren Lebensstellung verhilft, und die beiden anderen, die sich der
heiligen Mission plötzlich bewußt werden, in wahrer, inniger Liebe sich
zu ergänzen, die in gleichem Schlage zu einander gehören, ob sie auch
bis nach den entgegengesetzten Polen auseinander gedrängt würden --«
Ein halberstickter Schrei unterbrach ihn. »Hat sie es wirklich gewagt,
das heuchlerische Geschöpf, ihre Augen zu dem Verlobten ihrer Schwester
zu erheben? Sie hat dir ihre verbrecherische Liebe eingestanden?«
Er maß sie einen Moment mit flammenden Augen, in sprachlosem
Zorne. »Und wenn du auch vor den schlimmsten Bezeichnungen nicht
zurückschrickst, du kannst diesen fleckenlosen Mädchencharakter doch
nicht verunglimpfen,« sagte er gepreßt. »Ich habe seit jenem Abschied
kein Wort wieder von ihren Lippen gehört; auch in dieser Nacht
nicht, wo sie endlich die Augen mit zurückkehrendem Bewußtsein wieder
aufschlug. Sie ist gestern zurückgekommen und ich habe es nicht gewußt.
Ich war vor dem Polterabendlärm, der selbst an jedem Krankenbett
erwähnt und erörtert wurde, in meinen einsamen Garten geflüchtet --
und da sah ich sie plötzlich an der Brücke stehen, eine Verbannte,
die sich nicht über den Holzbogen wagte, weil mein hartes Wort sie
hinausgestoßen hatte.« Er verstummte und eine dunkle Glut überströmte
sein Gesicht; nun und nimmer sprach er es vor diesen Ohren aus, wie ihm
mit jenem Anblick die »himmelhochjauchzende« Ueberzeugung gekommen sei,
daß das weinende Mädchen dort ihn liebe.
»Ich habe sie dann, nach dem furchtbaren Ereignis, im Parke gesucht,«
fuhr er fort, sich gewaltsam in eine ruhigere Redeweise zwingend;
»und als ich sie vom Boden aufnahm, da sagte ich mir, daß der Tod an
diesem schwachatmenden Leben nur vorübergegangen sei, damit ich doch
noch glücklich werden solle. Da riß ich mich los von allen Banden des
Herkommens und einer zweifelhaften Ehrenverpflichtung; ich stellte mich
über das Basengeschwätz der medisierenden Welt und verzichtete auf den
Ehrentitel eines ‚respektabeln‘ Heuchlers.«
Schon während seiner ganzen letzten Schilderung hatte sich Floras
Haltung verändert; sie hatte verspielt -- es war alles aus, und sie
wäre nicht das intrigante Weib mit dem scharfen Blick und dem kalt
berechnenden Geist gewesen, wenn sie sich nicht auch sofort dieser
Situation zu bemächtigen gewußt hätte. Das trotzig Gespannte in ihrer
Gestalt wandelte sich unter den Augen des sprechenden Mannes in die
weiche Gliedergeschmeidigkeit der Katze. Mit fliegenden Händen zog sie
das verschobene Morgenhäubchen über die Locke, und während sie die
Spitzenbarben unter dem Kinn ineinander schlang, sah sie mit einem
wahrhaft satanischen Lächeln unter den tiefgesenkten Brauen empor und
sagte, alle ihre scharfen, blitzenden Zähne zeigend, mit Bezug auf
seine letzten Worte: »Wie, ohne _mich_ zu fragen, mein Herr Doktor?
Nun, immerhin! Im Hinblick auf die eben gehörten naiven Geständnisse
fragte ich mich, nicht ohne ein befreites Aufatmen: ‚Was hätte aus
dir werden sollen an der Seite eines solchen Gefühlsschwärmers!‘
Und drum ist's gut so, ganz gut so für uns beide, wie es gekommen.
Ich gebe dir dein Wort zurück, allerdings nur ungefähr so, wie man
einen Vogel am Faden fliegen läßt, dessen eines Ende man fest um --
den Finger wickelt.« Sie tippte, abermals scharf lächelnd, mit der
feinen Fingerspitze auf den Verlobungsring an ihrer Hand. »Freie um
die erste beste junge Dame der Residenz -- und sei es eine meiner
glühendsten Neiderinnen, wie ich ja deren genug habe -- und ich will
den Reifen in ihre Hand legen; nur Käthe nicht, absolut nicht! Hörst
du? Und wenn du mit ihr über das Meer flüchten oder an den entlegensten
Dorfkirchenaltar treten wolltest: ich würde im richtigen Moment da
sein, um Einspruch zu thun.«
»Gott sei Dank, dazu hast du nicht die Macht,« sagte er totenbleich und
tiefatmend.
»Meinst du? Daß du niemals nach deinem Wunsch und Sinn glücklich wirst,
dafür lasse mich sorgen, Treuloser, Erbärmlicher, der ein stolzes
Blumenbeet zertritt, um -- eine Gänseblume zu pflücken! Du wirst von
mir hören.«
Unter leisem Hohngelächter schritt sie rasch ihrem Schlafzimmer zu,
dessen Thür sie hinter sich verriegelte, und fast gleichzeitig klopfte
ein Lakai draußen und berief den Doktor in die Bel-Etage, weil Fräulein
Henriette eben wieder von einem sehr schlimmen Brustkrampf befallen
worden sei.
[Illustration]
26.
In der Residenz wußte man sich seit langen Jahren keines Ereignisses zu
erinnern, das alle Menschen so furchtbar aufgeregt und in peinlicher
Spannung erhalten hätte wie die Explosion im Turme, welcher, außer dem
Kommerzienrat, auch der Müller Franz zum Opfer gefallen war.
Zwei Tage waren seitdem verstrichen, und in diesen zweimal
vierundzwanzig Stunden wandelte sich allmählich die bestürzte Klage,
das Bejammern des verunglückten reichen Mannes in dumpfe, erschreckende
Gerüchte, die vorzüglich die Geschäftsleute, den Handwerkerstand
alarmierten -- da stand ja der Name des Millionärs noch mit vielen
Tausenden rückständig in den Büchern. Der Kommerzienrat hatte alle
die neuen Bauten und Verschönerungen auf seiner Besitzung Baumgarten
in Akkord gegeben, und demzufolge war von seiner Seite bis zu dem
Unglückstage nur ein Bruchteil der Forderungen berichtigt worden. Und
nun ging der Ausspruch, den der Ingenieur schon beim ersten Anblick
der entsetzlichen Zerstörung rückhaltslos gethan, bestätigt und
bekräftigt durch andere Sachverständige, von Mund zu Mund, und die
bisher vollkommen zuversichtlichen und vertrauensseligen Lieferanten
und Arbeiter mußten sich notwendig fragen, wie und wozu das Dynamit
in den Weinkeller des Kommerzienrates von Römer gekommen sei, just
unter die Räume, die alle seinen Besitzstand dokumentierenden Papiere
und Bücher umschlossen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Vertrauliche Briefe aus Berlin sprachen von immensen Verlusten, die der
Kommerzienrat, um dessen entsetzlichen Tod dort noch niemand wußte,
bei den neuesten, rasch aufeinander folgenden Konkursen erlitten habe
_müsse_. Zwar hatte er es, wie selten ein Spekulant, verstanden,
vertraute Mitwisser von seinen Unternehmungen fernzuhalten; nicht
einmal der frühere Buchhalter der Spinnerei, den er nach Verkauf
derselben als Sekretär beschäftigte, hatte einen Einblick in seine
Börsenmanipulationen gehabt. Der reiche Mann war ferner im Besitz jener
glücklichen Begabung gewesen, welche hinter einer stets aufgescheuchten
undurchdringlichen Wolke funkelnden Goldstaubes die dunkle Kehrseite
der Dinge und Verhältnisse unsichtbar zu machen weiß. Und so wäre es
ihm doch vielleicht trotz der Nachricht von seinen Verlusten geglückt,
auf immer als Opfer seiner Liebhaberei für das historisch merkwürdige
Pulver im Turmkeller der Burgruine beklagt zu werden, wenn er sich
nicht in der _Dosis_ des modernen Sprengstoffes vergriffen hätte --
das war die »in den Kulissen gebliebene Lücke, durch die man der
Wirklichkeit auf den Leib gehen würde«, wie Flora gesagt hatte.
Während sich somit in der Stadt noch eine unausbleibliche Katastrophe
lawinenartig vorbereitete, gingen auch im Trauerhause unheimliche
Wandlungen vor sich. Am ersten Tage waren alle Befreundeten des
Hauses herbeigeeilt und hatten bei aller Gedämpftheit der Stimmen
und Schritte dennoch eine Art von Tumult hervorgerufen; am zweiten
dagegen herrschte bereits eine tiefe, schwüle Stille in Erdgeschoß
und Bel-Etage, die um so drückender erschien, als die Läden vor den
meisten der zertrümmerten Scheiben lagen und nur ein ungewisses,
beklemmendes Halbdunkel zuließen. Noch ahnte die Frau Präsidentin
nicht, daß nach dem furchtbaren Ereignis ein zweiter Sturz erfolgen
werde; noch konzentrierte sich all ihr Sinnen und Denken auf das, was
nach dem unrettbar Zerstörten von dem großen Vermögen geblieben und wem
es zufallen würde. Mit der ganzen Selbstsucht des Alters gingen ihre
Gedanken bereits völlig über den Toten hinweg. Nie war überhaupt das
egoistische Element, das die Großmutter und ihre älteste Enkelin in
gleichem Grade beseelte, so kraß und nackt hervorgetreten wie in diesen
Tagen der Heimsuchung.
[Illustration]
Flora hatte der Präsidentin sofort nach der Entscheidung in kurzen
Worten angezeigt, daß sie ihr bräutliches Verhältnis zu Doktor
Bruck gelöst habe, ohne die Motive zu diesem Entschluß auch nur zu
berühren, und die alte Dame war nicht weniger als wißbegierig gewesen
-- sie hatte, für einen Moment aus ihrem fieberisch angestrengten
Grübeln und Brüten aufgeschreckt, halb blöde emporgesehen und sich
mit einem Achselzucken begnügt. Wie wenig bedeutend erschien diese
Schicksalswendung im Leben der Enkelin neben der Tragödie, die eine
hochgestellte, verwöhnte Frau plötzlich aus wahrhaft fürstlichem Luxus
in die beschränktesten pekuniären Verhältnisse zurückzuschleudern
drohte! Dann hatte sich Flora in ihre Zimmer zurückgezogen; unter
dem Vorwande heftigen Unwohlseins war sie allen Kondolenzbesuchen
ausgewichen und hatte den ganzen ersten Tag mit Ordnen und Umpacken
ihrer Effekten verbracht.
Im Souterrain aber, dem Aufenthalte der Lakaien und der
Küchenbedienung, herrschte an dem Tage, welcher der lange erwartete und
lange vorbereitete Hochzeitstag hatte sein sollen, eine Verwirrung,
eine Auflösung alles Bestehenden, wie sie nur ein Haufen fluchtbereiter
Menschen hervorbringen kann. Dort unten hatten die von der Stadt
herdringenden Gerüchte bombenartig eingeschlagen, um so mehr, als schon
am ersten Morgen nach dem Unglück einige Scharfsichtige unter den
Leuten scheu und versteckt darauf angespielt hatten, daß möglicherweise
»doch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei«. Nun erwartete
man jeden Augenblick die Gerichtskommission in das Haus treten zu
sehen -- ein jedes griff nach dem Seinigen, und dabei wurden in der
offenstehenden Speisekammer die langen Tafeln voll Kuchen und Torten
geplündert und die Bowlen ausgetrunken, die für den Polterabend
bestimmt gewesen waren.
Und von dieser Region aus kamen auch der Frau Präsidentin Urach die
ersten bestürzenden Anzeichen, daß ihr Regiment in der Villa Baumgarten
auch von anderen als beendet angesehen werde. Während sonst auf ihren
ersten Klingelzug die Betreffenden herbeigestürzt waren, mußte sie
wiederholt schellen, ja, sich zum Rufen bequemen; sie hörte, wie
draußen ihr Löwenhündchen, das die Dienerhände bisher als den Abgott
der Herrin kajoliert und gehätschelt hatten, unter einem Fußtritte
aufschrie -- und die Augen, die sie bis jetzt nur in scheuer Ehrfurcht
niedergeschlagen gekannt hatte, sahen wie herausfordernd in ihr
strenges Gesicht.
Von dieser Wandlung der äußeren Verhältnisse wurden die Bewohner
der Bel-Etage nicht berührt. Henriette hatte sich stets gütig und
nachsichtsvoll gezeigt -- für die Dienerschaft war die kleine,
gebrechliche Gestalt immer ein dem Tode geweihtes Kind gewesen; man war
gewöhnt, in ihrer Nähe lautlos auf den Zehenspitzen zu gehen und nur
mit sanft gedämpfter Stimme zu ihr zu reden, und in diesen Rücksichten
erschöpfte man sich heute doppelt, da ja »der Herr Hofrat« gesagt
hatte, daß es bedenklich um die Kranke stehe.
[Illustration]
Ja, sie lag droben im Wohnzimmer, fast nur noch kenntlich an den
wunderschönen blauen Augen -- wunschlos und willig den lebensmüden
Leib der dunkeln Gewalt endlich überlassend, die ihr seit Jahren,
Schritt für Schritt, auf den Fersen gefolgt. Sie war sich vollkommen
bewußt, daß sie sterben müsse; sie hatte alle schreienden Farben, mit
denen sie sich stets einen Schein von Gesundheit und Jugendblüte zu
erborgen gesucht, nunmehr mit Abscheu von sich gewiesen. Wie in Schnee
gebettet lag sie in den weißen Kissen und Decken, unter der weich
herabfließenden Mullgardine. Es blieb ihr erspart, den flüchtigen Fuß
von der heimischen Schwelle zu wenden und, Floras Programm gemäß, in
der Schloßmühle ein Asyl zu suchen. Sie ging, noch ehe das Gericht im
Namen der geängstigten Gläubiger seine Hand auf die Reste eines in
alle Lüfte zerstobenen märchenhaften Reichtums legte; sie ging, ohne
noch hören zu müssen, daß das Brandmal eines schweren Verbrechens
das Andenken ihres Schwagers verunehre, dessen fürchterliches Ende
auch zugleich die schwache Wurzel zerrissen hatte, mit welcher sich
das zarte, so lange angefeindete Mädchendasein noch an die Erde
festgeklammert .... Und was sie stets so heiß gewünscht, es erfüllte
sich nun doch noch: sie wurde bis zum letzten Atemzuge von den Augen
ihres Arztes behütet; er hatte ihr gesagt, daß er bei ihr bleiben
und nach L.....g nicht eher gehen werde, als bis es »besser um sie
stehe«. Nun war sie wieder so unaussprechlich glücklich, wie sie es im
Fremdenzimmer der Tante Diakonus gewesen: Doktor Bruck pflegte sie, und
ihm zur Seite stand Käthe -- die beiden Menschen, die sie auf Erden am
meisten geliebt hatte.
Käthe erholte sich rasch. Schon am Nachmittag des zweiten Tages war
sie aufgestanden. Die schmale, um den Kopf gelegte Binde und die über
den Rücken hinabhängenden Flechten, die ihrer Schwere wegen nicht über
der Stirn liegen durften, erinnerten daran, daß sie Rekonvaleszentin
sei, sonst aber hätte wohl niemand geahnt, daß der fürchterliche Stoß
der Explosion diese schlanke Mädchengestalt weithin geschleudert und
mit erstickenden Wassermassen überschüttet habe, daß sie verloren
gewesen wäre, wenn nicht das Auge der Liebe sie gesucht. Ihre Haltung
war kraftbewußt und energisch wie vorher, und die ihr eigene Sammlung
und Sicherheit in ihr ganzes äußeres Wesen zurückgekehrt, wenn es
auch stürmisch genug in ihrer Seele aussah. Neben dem tiefen Leid
um die sterbende Schwester, um Römers tragisches Ende, drängte sich
ihr die furchtbare Gewißheit auf, daß ihr Schwager und Vormund bei
dem grauenhaften Vorgang nicht ohne Schuld gewesen sei -- auf eine
derartige Andeutung, die sie angstvoll gegen Doktor Bruck gemacht,
hatte er nicht vermocht »nein« zu sagen. Er war still und schweigsam
wie immer. Das erheischte schon Henriettens Zustand, aber es lag etwas
eigentümlich Feierliches in dieser Verschlossenheit, von welcher auch
die Tante Diakonus angesteckt zu sein schien.
Die alte Frau war in den Nachmittagsstunden des ersten Tages, nach
einer leise geführten Unterredung mit dem Doktor, verweint und doch
unverkennbar freudig bestürzt aus dem Kabinett gekommen, das an
Henriettens Schlafzimmer stieß, und hatte sich dann verabschiedet,
um Betten und Möbel aus dem Hause am Flusse in die Stadtwohnung des
Doktors schaffen zu lassen, wohin sie einstweilen mit ihrer Freundin
übersiedeln sollte, bis die Reparaturen an dem verwüsteten Doktorhause
vollendet seien. Sie hatte mit keinem Laute verraten, was in ihr
vorgehe, aber sie hatte die Villa verlassen, um nur dann und wann,
Henriettens wegen, für einige flüchtige Augenblicke vorzusprechen,
wobei sie augenscheinlich bestrebt war, einer Begegnung mit Flora
auszuweichen.
Die schöne Braut war auch nur ein einziges Mal in der Bel-Etage
erschienen, um nach der Schwerkranken zu sehen, just zu der Zeit,
wo sich Doktor Bruck infolge einer dringenden Aufforderung zum
Fürsten begeben hatte. Es war zu sonderbar und verletzend, daß
sie, Henriettens Salon passierend, an Käthes Lager vorüberschritt,
als sei dort, wo sich die verwundete Schwester zu ihrer Begrüßung
aufrichtete, die leere Wand. Sie hatte keinen Blick, kein Wort für
»die Jüngste« und vermied es, durch den Salon zurückzukehren, indem
sie sich von der Kammerjungfer die direkt in den Korridor führende
Thür des Schlafzimmers aufschließen ließ. Zu alledem berichtete Nanni
mit zweideutiger Miene, daß das gnädige Fräulein drunten sich zur
schleunigen Abreise rüste.
Es war Käthe so schwer beängstigend zu Mute, als starrten sie aus
allen Zimmerecken dunkle Rätsel an; sie wähnte den Plafond, selbst den
Himmel über ihrem Haupte nicht mehr sicher, weil alles Bestehende der
stattgehabten entsetzlichen Erschütterung nachstürzen müsse.
Einigemal im Laufe des Tages kam auch die Präsidentin herauf, eine
schwarze Krepphaube über dem verstörten Gesichte, und treulos
verlassen von der kühlen, stolzen Ruhe eines wohlgeschulten Geistes,
der sich, wie sie stets behauptet, gerade in schlimmen Lebenslagen am
glänzendsten bewähren müsse. Sie hatte nur Thränen und ein krampfhaftes
Händeringen für die »fürchterliche Situation«, in welche mit einem
Schlage alle Bewohner der Villa geschleudert waren. Die erschöpfte
Kranke atmete stets auf, wenn der letzte Zipfel des schwarzen
Wollkleides der Großmama hinter der Thür verschwand.
Es war am Morgen des dritten Tages nach dem Ereignisse, als die alte
Dame plötzlich die Thür des roten Studierzimmers aufriß und, ein
Zeitungsblatt in der Hand, über die Schwelle wankte. Flora war eben
beschäftigt, Etiketten für ihre Effekten zu schreiben; sie erhob sich
und trat ahnungsvoll auf die Großmama zu, die in einen Armstuhl sank.
»Meine viertausend Thaler!« stöhnte sie. »Kind, Kind, ich bin von
Schurken betrogen um mein bißchen Hab und Gut, um das kärgliche Erbe,
das mir der Großpapa hinterlassen hat ... Meine viertausend Thaler, die
ich behütet habe wie meinen Augapfel --«
»Nein, Großmama, bleibe bei der Wahrheit, sage lieber, deine
viertausend Thaler, mit denen du allzu sanguinisch und leichtgläubig
spekuliert hast!« fiel Flora in unerbittlichem, hart strafendem Tone
ein. »Wie habe ich dich gewarnt! Aber da wurde ich ausgelacht und
verhöhnt, weil ich meine wohlgesicherten Staatspapiere nicht auch
‚mitarbeiten‘ ließ. Das Etablissement, bei welchem du dich beteiligt,
hat falliert?«
»Eklatant! Schurkisch! Da lies! Ich glaube, nicht fünfzig Thaler
bleiben mir,« rief die Präsidentin mit brechender Stimme und schlug die
Hände vor das Gesicht. »Nur eines fasse ich nicht,« fuhr sie, wieder
emporschreckend, fort, während Flora die bezügliche Nachricht überflog,
»das Blatt bezieht sich auf frühere Mitteilungen; der Sturz muß demnach
schon vor cirka vier bis fünf Tagen erfolgt sein -- und Moritz hat
nichts davon gewußt -- unbegreiflich.«
»Sollte das nicht mit dem ausgebliebenen Börsenblatte zusammenhängen?«
»Ah -- du meinst, unser armer Moritz hat mir während der Hochzeitsfeier
den Schreck ersparen wollen und das Blatt konfisziert? Ach, ja --
jedenfalls! Und er hätte mir auch den Schaden ersetzt, ich weiß es
-- war er es doch selbst, der mir die Sache eingeredet hat ... O
mein Gott, das ist ein Gedanke von oben. Nötigenfalls kann ich's
beschwören, daß Moritz mich zu dem Unternehmen verleitet hat. Wie --
sollte ich nicht daraufhin doch vielleicht Anspruch auf Ersatz aus der
Erbschaftsmasse haben?«
Flora warf die Zeitung auf den Tisch; sie, die in allen Fällen
rücksichtslos Vorgehende, war doch einen Augenblick in Verlegenheit,
wie sie ihre Worte, diesen unzerstörbaren Illusionen gegenüber, zu
wählen habe. Sie hatte bis zur Stunde geschwiegen, voraussetzend, daß
sehr bald einer der guten Freunde die Mission der Aufklärung übernehmen
werde, aber die guten Freunde waren ja schon gestern ausgeblieben;
es ließ sich keiner mehr blicken -- und und nun mußte sie es selbst
thun; sie durfte doch nicht zugeben, daß sich ihre Großmama mit dieser
beispiellosen Zuversicht und Harmlosigkeit vor aller Welt blamiere.
»Großmama,« sagte sie mit gedämpfter Stimme und legte die Hand auf den
Arm der alten Dame, »es fragt sich vor allen Dingen, wie hoch sich
diese Erbschaftsmasse beziffern wird.«
»O Kind, sieh dich um, sieh nur zum Fenster hinaus, und du wirst
wissen, daß man den Abzug meiner viertausend Thaler an dem Nachlasse
kaum merken wird. Mag auch das ungeheure Kapitalvermögen, mit welchem
Moritz operierte, unwiederbringlich verloren sein, weil alle darauf
bezüglichen Bücher und Dokumente vernichtet sind, die Liegenschaften
und anderen Wertobjekte, die er hinterlassen, repräsentieren immer
noch einen Besitz, den man reich, ja glänzend nennen darf.« -- Ein
tiefer, schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust. »Ich wollte Gott danken,
wenn ich den unbestrittenen Anspruch an diese Erbschaft hätte.«