Kleid schleppte über den Boden hin und die dunkeln Schleierfalten
wogten ihr nach wie gelöste, offen niederfließende Haarsträhnen.
Mit den bleichen Händen, die sich kinderklein und schmal aus dem
zurückfallenden schwarzen Spitzengekräusel streckten, mit dem
mattweißen Gesicht erschien sie wie eine jener gespenstischen schönen
Frauen, die der Volksglaube aus den Gräbern steigen und mordend über
junges Leben herstürzen läßt.
»Leo!« vibrierte es wie ein Hauch, und doch klingend durch die Flur.
Käthe horchte mit stockendem Atem hoch auf -- es ging ihr durch Mark
und Bein. War das wirklich Floras Stimme? Kam dieser köstliche, innige
Klang voll weicher Abbitte, voll bebender Sehnsucht wirklich von den
Lippen, die so schnöde verurteilende Worte sprechen, die so schneidend
verächtlich lächeln konnten? Das junge Mädchen wandte die Augen weg und
sah vor sich nieder; das Messer zitterte in ihrer Hand. Sie hätte so
gern die Thür ganz geschlossen, um nicht zu sehen und nicht gesehen zu
werden, aber sie fand, wunderlich genug, weder Mut noch Kraft, sich von
der Stelle zu bewegen. Draußen erfolgte keine Antwort, aber auch kein
Schritt wurde hörbar.
»Leo, sieh mich an!« sagte Flora lauter, flehend, halb gebieterisch.
»Wozu die Marter, die deinem eigenen Herzen widerstrebt? Ich weiß
es, du kämpfst mannhaft, aber unter Schmerzen dein heiligstes Gefühl
nieder, um hart zu erscheinen, um mich zu strafen. Und wofür? Weil ich
gestern halb wahnwitzig war vor Aufregung und nicht wußte, was ich that
und sagte. Leo, mein Leben, was dir gehört, war in Gefahr gewesen, noch
kocht das Blut in mir, und -- da reiztest du mich auch noch.«
Käthe sah unwillkürlich empor. Neben ihr stand die Magd mit einem
breiten Grinsen auf dem guten, dicken Gesicht; es war jedenfalls sehr
ergötzlich, daß die Dame da draußen ihrem jungen Herrn etwas abbitten
mußte. Dieser Anblick brachte augenblicklich Leben in das junge
Mädchen; sie ordnete rasch die Kuchenstücke auf dem Teller, nahm ihn
in die Hand und trat entschlossen in die Flur. Sie sah noch, wie der
Doktor mit fest verschränkten Armen, das Gesicht von der Bittenden
weggewendet, regungslos durch die offene Hausthür in die Gegend hinaus
starrte; wie fahl erschienen seine braunen Wangen und wie fest und
erbittert biß er die Zähne zusammen, während Floras unheimlich düstere
Gestalt an seinem Halse hing, so weich und geschmeidig und innig fest
sich anschmiegend wie der Vampir der Volkssage.
Bei dem ziemlich lauten Geräusch der aufgestoßenen Thür fuhr der Doktor
empor, und in demselben Moment traf ein scheu irrender Blick Käthes
Augen. Als sei er aus dem schlimmsten Verbrechen betroffen, so schrak
er zusammen -- Flora folgte erstaunt der Richtung seines Blickes, aber
die schönen Mädchenhände, die sich in seinem Nacken fest verschlungen
hatten, lösten sich darum nicht. »Ach, mein Gott, es ist ja nur Käthe,
Leo!« sagte sie und drückte den Kopf fester an seine Brust.
Käthe huschte wie auf der Flucht vorüber in das Krankenzimmer. Ihr Herz
schlug fast laut vor Schrecken und schamvoller Bestürzung; sie hatte
eine Liebesszene ~à la~ Romeo und Julie unterbrochen. Mit bebenden
Händen stellte sie den Teller auf den Tisch, lockte auf Henriettens
Verlangen, die ein Attentat ihrer Lieblinge auf Kuchen und Zucker
befürchtete, die umherschwirrenden Kanarienvögel in die kleine Voliere
und schloß hinter ihnen das Thürchen.
Da sah sie im Käfige auf dem sauberen weißen Sande den gesuchten
Goldreif liegen; er war seltsamerweise durch die Messingstäbe geflogen,
ohne das geringste Klirren zu verursachen, und ebenso unhörbar auf der
weichen Sandschicht niedergefallen. Käthe nahm ihn heraus und ließ ihn
in die Tasche gleiten -- und nun hätte sie wieder hinausgehen und den
Kaffee fertig machen sollen, aber sie schüttelte sich fast vor Angst
und Abneigung. Es war ihr, als solle sie in den Tod, in die Hölle
gestoßen werden. Sie entfernte sich nicht um einen Schritt vom Tische
und machte sich unnötig mit den Kanarienvögeln zu schaffen, während die
Präsidentin mit ihrer angenehmen, sanft gedämpften Stimme von Floras
»Trousseau« sprach und der Tante Diakonus an den Fingern herzählte,
was nun infolge der Ortsveränderung noch nachbestellt werden müsse;
die alte Frau durfte keinen Augenblick in Zweifel bleiben, daß ihr
berühmter Neffe in der schönen Bankierstochter eine Art Prinzessin
heimführe.
Käthe wurde rascher aus ihrer Pein erlöst, als sie dachte. Der Doktor
trat schon nach wenigen Minuten in das Zimmer, und nun schlüpfte
sie, ohne aufzusehen, an ihm vorüber. Die Flur war leer. Flora mußte
in den Garten gegangen sein. In der Küche knarrte die Kaffeemühle;
vielleicht hatte das mißtönende Geräusch und nicht, wie sie vermutet,
ihr Erscheinen die Versöhnungsszene so schnell zu Ende geführt.
[Illustration]
Das Küchengeschäft war bald beseitigt, und während die Magd eine
frische Schürze vorband, um das Kaffeebrett hineinzutragen, trat Käthe
in das Fenster und betrachtete den Ring, den sie unter Herzklopfen aus
der Tasche gezogen. ... »E. M. 1843« stand auf der Innenseite -- Ernst
Mangold -- es war also der Trauring von Floras Mutter, den sie in der
Hand hielt.
Sie stand wie gelähmt vor dem Uebermaß von Frivolität, mit welchem
Flora sich zu helfen und jedes Bedenken zu überwinden gewußt hatte.
Das war eine jener Frauennaturen, die sich stets der augenblicklichen
Situation zu bemächtigen verstehen, die bei jedem Umschwung elastisch
wieder auf die Füße zu stehen kommen und mit einem kecken Ignorieren
des unliebsamen Geschehenen, mit der Zuversicht des Uebermutes die
Fäden der Intrigue leise und glücklich auch an dem veränderten
Terrain wieder anheften. Und das war die Schwester, vor deren weit
überwiegenden Geistes- und Charaktereigenschaften ihr junges Herz
demütig gebangt hatte.
Das kleine unscheinbare Symbol der Gattentreue, das Floras sanfte
Mutter bis an den Tod getragen, war entweiht durch das Gaukelspiel der
Tochter. Es brannte Käthe zwischen den Fingerspitzen; sie hätte es am
liebsten so weit von sich schleudern mögen, daß es keine Menschenhand
wieder aufzufinden vermocht hätte, aber es war und blieb das ererbte
Eigentum der Schwester und mußte zurückgegeben werden.
Sie verließ sofort die Küche und trat hinaus auf die Thürstufen. Dort
stand Flora am Staket und sah hinaus in das Weite. Sie wandte dem Hause
den Rücken zu und hatte die Arme unter dem Busen gekreuzt, und durch
die Maschen des Spitzenschleiers entlockte die Sonne dem blonden Haar
ein goldenes Flimmern. Der Hofhund bellte unaufhörlich und erbost die
stumme, fremde Gestalt an, und die Hühner umschritten scheu die leise
rauschende Damenschleppe, die sich so lang und düster über den Rasen
hinbreitete.
Das Hundegebell übertönte Käthes Tritte; Flora bemerkte ihr Kommen
nicht eher, als bis die Schwester dicht neben ihr stand. Sie fuhr
herum; ihr zarter Teint war betupft mit roten Spuren der Aufregung; sie
war offenbar in der ärgerlichsten Stimmung, und nun falteten sich die
Brauen noch finsterer und ihre Augen sprühten in ausbrechendem Zorne.
»Bist du schon wieder da wie ein unvermeidlicher ~Deus ex machina~?
Ungeschicktes Ding, vorhin so hereinzupoltern!« fuhr sie Käthe in einem
Tone an, als stehe nicht die stolze Erscheinung einer erwachsenen
jungen Dame, sondern ein ungezogenes, boshaftes Schwesterlein vor ihr,
das zeitweilig noch mit der Rute Bekanntschaft machen müsse.
Eine gerechte Erbitterung quoll fast unbezwingbar in Käthe empor --
so fromm war ihr Naturell nicht, und so sanftmütig floß ihr frisches
Jugendblut auch nicht in den Adern, daß sie einer ungezogenen Bemerkung
auch noch die andere Wange hingehalten hätte, aber sie beherrschte
sich. »Ich bringe den Ring,« sagte sie kurz und kalt.
»Gib her!« Floras Züge glätteten sich; sie nahm hastig den kleinen
Reif von der hingehaltenen Handfläche und steckte ihn an den Finger.
»Ich bin sehr froh, daß er wieder da ist, der Ausreißer. Es ist ein so
fatales Anzeichen --«
»Du willst in dem Falle doch nicht von einem bösen Omen sprechen?« Dem
jungen Mädchen versagte fast die Stimme angesichts dieser bodenlosen
Dreistigkeit.
»Ei warum denn nicht? -- Glaubst du denn, Leute von Geist _müßten_
notwendig frei vom Aberglauben sein? Napoleon der Erste war
abergläubisch wie eine Spittelfrau, wenn du das noch nicht weißt, meine
Kleine -- und ich, ich leugne wenigstens das Omen nicht.« Sie sah
die Schwester so fest, so herausfordernd an, als wolle und werde sie
mit diesem einen durchdringenden und gebieterischen Blicke jedweden
selbständigen Gedanken, ja jede unbequeme Rückerinnerung an das
Vergangene in dem jugendlichen Mädchenkopfe niederzwingen. Aber sie
stand vor einer unerbittlich Wahrhaftigen, der die Empörung das Blut
heiß nach dem Kopfe trieb. »Du vergissest, daß du gestern abend nicht
allein dort gestanden hast,« sagte das junge Mädchen und deutete nach
der Brücke.
Flora lachte zornig auf. »Das hat unsereins davon, wenn es sich solch
ein Jüngstes nicht mindestens zehn Schritte vom Leibe hält. Das ist so
die echte Backfischmanier, wichtig und vertraulich zu thun, als ob man
um Gott weiß was alles wüßte, und täppisch und taktlos immer wieder
eine unangenehm klingende Saite im Menschenherzen zu berühren, die
man gern vergessen möchte. Habe ich nicht schon drinnen erklärt, daß
der gestrige Auftritt im Walde mein ganzes Blut- und Nervenleben so
wahnsinnig aufgestürmt hatte, daß ich für alles, was nachher geschehen
ist, nicht verantwortlich gemacht werden dürfe? Meine sehr liebe Käthe,
du willst mir in deiner unerschöpflichen Weisheit sagen, daß sich an
meinen Verlobungsring überhaupt kein Omen mehr knüpfen könne, weil
-- nun, weil er da drüben im Flusse liege, gelt, Schatz?« -- lachte
abermals kurz auf. -- »Wie, wenn ich nun bei aller Leidenschaftlichkeit
und Sinnesverwirrung, bei allem Grolle über eine ungerechte,
vorurteilsvolle Kritik, die mir schonungslos in das Gesicht gesagt
worden war, schließlich dennoch ein menschliches Rühren gespürt und
mein süßes Kleinod nicht von mir geworfen hätte? Hast du das Ringlein
fallen hören, Kind? Unmöglich! Denn -- hier sitzt es ja,« -- sie drehte
den Reif spielend am Finger -- »nachdem es vorhin wirklich Miene
gemacht hat, mich freiwillig zu verlassen --«
»Weil es dir zu weit ist. Du hast schlankere Finger als deine
verstorbene Mutter,« fiel Käthe unerbittlich ein; sie bebte am ganzen
Körper vor Entrüstung.
Flora aber fuhr mit einer Gebärde empor, als wolle sie mit den Händen
nach ihr stoßen. »Natter du!« murmelte sie ergrimmt. »Ich habe auf
den ersten Blick hin gewußt, daß deine bäuerisch plumpe Gestalt einen
widerwärtigen Schatten auf meinen Lebensweg werfen würde. Wie kannst
du dich unterstehen, mir nachzuspüren, meinem Thun und Lassen wie ein
Spion nachzuschleichen? Du mir? Sind das die ehrenhaften Grundsätze,
welche dir die vortreffliche Lukas einzupauken vorgegeben hat?«
»Meine Lukas lasse aus dem Spiele!« sagte Käthe, diesem maßlos
leidenschaftlichen Ausbruche plötzlich eine kühle, imponierende Ruhe
entgegensetzend. »Daß ich so denke und handle, das hat die Erziehung
nicht verschuldet; ich weiß, diese ‚ehrenhaften Grundsätze‘ stecken mir
von meinem braven Vater her im Blute; ich verabscheue die Komödie im
Menschenverkehre und will eher zeitlebens verstummen, als daß ich eine
Lüge gut heiße. Bist du gewohnt, deine Umgebung mit einem so kühnen
Vorgehen zu verblüffen und dermaßen einzuschüchtern, daß sie zu deinem
falschen Spiele stillschweigt, so glückt dir das bei mir nicht, so jung
und so wenig weltgewandt ich auch noch sein mag. Ich lasse mich nicht
verwirren -- ich habe gesunde Augen und ein starkes Gedächtnis --«
»Ei, das sind allerdings robuste Naturgaben, vor denen ein anderes
Menschenkind mit seinen fein nüancierten inneren Regungen und Antrieben
freilich nicht aufkommen kann,« rief Flora. Sie hatte, während Käthe
sprach, einigemal Miene gemacht, ironisch lachend zu gehen und den
»moralisierenden Backfisch« stehen zu lassen; sie hatte die Hände
geballt, sich auf die Lippen gebissen und erbarmungslos das spärliche
Grün von den saftstrotzenden Zweigen eines Busches gezupft -- aber
gegangen war sie doch nicht, und jetzt sprach sie so überlegen und
gefaßt, als habe sie nicht einen Augenblick das innere Gleichgewicht
verloren. »Ob du mich verstehen wirst, Kind?« -- sie zuckte die Achseln
-- »ich glaube es kaum. Du hältst deinen langweiligen Maßstab der
sogenannten Moral mit kindlicher Gläubigkeit fest und missest die
Seelen daran wie der Krämer die bestimmte Ellenzahl, gleichviel, ob das
Zeug grob oder fein, grün oder rot ist, aber ich will mich bemühen,
deutlich zu werden.«
[Illustration]
Sie trat einen Schritt näher, so daß die junge Schwester ihren
balsamischen Atem wehen fühlte. »Nun ja, du hast recht,« sagte sie
gedämpft, und ließ einen raschen Seitenblick über die Fensterreihe
des Hauses hinfliegen, »mein Verlobungsring liegt dort im Flusse. Ich
habe ihn von mir geworfen in einem Anfalle höchster Verzweiflung, mit
dem Gefühle unaussprechlichen Ekels vor dem Leben der Armseligkeit
an Brucks Seite. Mädchen deines Schlages werden das freilich nicht
begreifen. Ihr wählt euch den Mann, je nachdem er sein Auskommen, eine
einnehmende Gestalt und -- einen hübschen Bart hat, und ist das ‚Ja‘
einmal gesprochen, dann geht ihr mit ihm durch dick und dünn, und das
ist ja auch ganz brav; solche Mädchen werden rechtschaffene Mütter
wohlerzogener Söhne; sie hocken im heimischen Neste und schließen
furchtsam und demütig die Augen, wenn ein Adler vor ihnen in die
schwindelnde Höhe steigt. Zu einem solchen Adler aber geselle ich mich;
da, wohin er sich versteigt, weht meine Lebensluft; ich halte mich an
seiner Seite; ich jauchze ihm zu und ermutige ihn in seinem stolzen
Fluge --«
»Um ihn, wenn ein heimtückischer Schuß seine Flügel lähmt, für eine
Krähe zu erklären und ihn feige zu verlassen,« fiel Käthe ein. Dieser
Einwurf brandmarkte mit wenigen Worten den ganzen schamlosen Verrat
der selbstsüchtigen Schwester, und die ihn ausgesprochen, sie stand da
mit untergeschlagenen Armen, die verkörperte ernstzürnende, in ihren
Gefühlen tiefverletzte Weiblichkeit. »Und wenn du noch gegangen wärest,
verstohlen und schweigend, wie es doch sonst die Art der Treulosigkeit
ist, aber du hast erst noch dem bittersten Hasse Luft gemacht, hast
dich an dieser Stelle für die Verratene, Betrogene erklärt, und jetzt
stehst du wieder auf dem mißachteten Boden --«
»Als Brucks vergötterte Braut, die erst einem schweren Irrtume
verfallen mußte, bis sie die ganze Größe des ihr bestimmten Glückes
einzusehen vermochte,« ergänzte Flora mit triumphierendem Hohne. Sie
maß die Schwester von unten bis oben mit einem boshaft funkelnden
Blicke. »Schau, du kannst ja auch ganz allerliebst impertinent sein,
Kleine! Ich bin förmlich frappiert von der hübschen Wendung, die
du vorhin meinem Gleichnisse gegeben hast ... Ei nun ja, eine ganz
respektable Dosis bürgerlichen Hausverstandes ist dir ja nicht
abzusprechen, aber sie reicht gerade so weit, um die Ausbrüche einer
genialen Natur, einer Feuerseele mißzuverstehen -- was weißt du von
einem psychologischen Rätsel! Hätte ich gestern von abtrünniger
Freundschaft gesprochen, dann hättest du recht, dich über meine
plötzliche innere Wandlung zu skandalisieren und sie für Komödie zu
halten, denn aus Freundschaft wird niemals Liebesleidenschaft, wohl
aber liegen Haß und Liebe in der Menschenseele eng zusammen; sie
entzünden sich aneinander, und dem glühend gezeigten Hasse liegt oft
ein Uebermaß von Liebe zu Grunde. Ihr, mit eurem stumpfen Gefühle,
fasset das freilich nicht. Ihr kocht dem beleidigten Manne ein
Lieblingsessen, um ihn zu versöhnen, während eine Natur wie die meine
in eklatanter Sühne für ihn ein Verbrechen begehen, für ihn den Tod
erleiden kann.«
Sie legte ihre geballte Rechte unter den Busen, als drückte sie sich
bereits ein Stilett in das Herz. »Und nun lasse dir sagen: Nie habe
ich Bruck leidenschaftlicher, hingebender geliebt, als seit ich weiß,
daß er wie ein Märtyrer gelitten, wie ein Held geschwiegen hat, seit
ich mir sagen muß, daß ich ihn tödlich gekränkt habe, aber auch noch
nie« -- sie erfaßte plötzlich Käthes Hand und zog sie an sich, und die
schmalen Finger, die sich um das warme, blühende Fleisch des jungen
Mädchens klammerten, waren kühl wie der Zugwind, der jetzt vom Wasser
herkam -- »noch nie,« flüsterte sie Käthe ins Ohr, »war ich so glühend
eifersüchtig. Merke dir das, mein Kind! ... Hier ist _mein_ Revier.
Und wenn mir auch nichts ferner liegt, als dich für gefährlich zu
halten -- du bist ihm durchaus nicht sympathisch, das habe ich längst
gemerkt, auch hat er ja bis in alle Ewigkeit nur Auge und Ohr für mich
-- so bin ich doch nicht gewohnt, irgend ein Menschenkind neben mir zu
dulden, das so absichtlich die Angenehme spielt. Dein hausmütterliches
Schalten und Walten hier, dein ungeniertes Kommen und Gehen in diesem
Hause gefällt mir nicht. Du wirst das in Zukunft bleiben lassen --
verstanden, Schatz?«
Das hieß deutlich und energisch gesprochen, und nun faltete sie ihre
rauschende Schleppe zusammen und schritt so eilig dem Hause zu, als
wolle sie jede Erwiderung abschneiden -- ein ganz überflüssiges
Manöver, denn das junge Mädchen hatte die blaßgewordenen Lippen fest
geschlossen. Auf ein solch gerüttelt volles Maß des Uebermutes, der
Willkür und der beispiellosesten Doppelzüngigkeit hatte die ehrliche,
unverdorbene Jugend keine Antwort.
[Illustration]
18.
Es war im Mai. Die Bäume hatten bereits ihren Blütenschnee wieder von
sich geschüttelt und der prachtvolle krokusbesäumte Hyazinthenflor, der
sich, Aufsehen erregend, über das weite Rasenparterre vor der Villa
Baumgarten hingebreitet, war längst verblüht. Dafür färbten sich die
Dolden der Syringenbüsche weiß und lila; das glänzende Kettengeschmeide
des Goldregens schaukelte halbentfaltet an den Zweigen; aus den
Blätterbüscheln der Rosenbäume streckten sich die spitzen, grünen
Fühlfäden der ersten Knöspchen, und der Schatten auf den Zickzackwegen
der Bocage und in der alten Lindenallee wurde intensiver. Der
Fluß brauste wieder klarwellig durch die grünen Guirlanden seines
Ufergebüsches, und über das alte, liebe Haus hinter ihm flocht sich ein
maienduftiges Gewebe, das mit jedem neuen Morgen weniger von den weißen
Mauern sehen ließ -- die dicken, kräftigen Weinstöcke trieben ihre
safttropfenden Ranken bis unter das vorspringende Dach hinauf.
Das Fremdenzimmer stand wieder leer. Henriette war längst in die Villa
übergesiedelt; sie hatte sich scheinbar wieder erholt, ja, es schien
sogar ein momentaner Stillstand in ihrer Krankheit eingetreten zu
sein, und diese Wohlthat schrieb die Tante Diakonus einzig und allein
Käthes Pflege zu. Die beiden Schwestern führten in der Bel-Etage ein
reiches, isoliertes Zusammenleben, das einen wunderbaren Reiz erhalten
hatte, seit der neue Flügel in Käthes Zimmer stand. Aber nicht allein
die Pflege der Schwester, auch der intime Verkehr mit der Tante
hatte günstig auf Henriette eingewirkt; sie war in dem einfachen,
gemütlichen Fremdenzimmer anders geworden in ihren Lebensansichten
und Lebensgewohnheiten -- die Stille eines zurückgezogenen Lebens,
die sie früher wie ein Gespenst geflohen, heimelte sie jetzt an, und
sie blieb ruhig und wunschlos, mochte auch unter ihren Füßen der
Gesellschaftstrubel noch so geräuschvoll werden.
Das Haus des Kommerzienrates aber war nie geselliger gewesen als
gerade jetzt, nachdem sein Besitzer geadelt worden. Es fanden
sich manche neue, sehr willkommene Elemente ein, denen zu Ehren
verschiedene Festivitäten arrangiert werden mußten, und darin waren
die Erfindungsgabe der Präsidentin und die Börse des Kommerzienrates
unerschöpflich. Der Mann hatte ein wunderbares Glück. Nie hörte man
von einem Verluste, von einem Mißlingen; wo die Wünschelrute seines
Geschäftsgenies einschlug, da sprudelte die Goldquelle -- man schätzte
ihn nach Millionen. Und er verstand es, wie selten ein Glückskind, die
neue Glorie der Auszeichnung vor so vielen anderen Erdgeborenen zu
tragen, sie interessant und zum nie versiegenden Gesprächsthema für
hoch und niedrig zu machen. Die Promenade vor der Villa Baumgarten
war zur fashionabelsten geworden; man zeigte die herrliche Besitzung,
die sich Tag für Tag verschönerte, den Fremden; man sprach von den
kostbaren Gemälden und Skulpturwerken, von den seltenen Sammlungen,
die der Kommerzienrat unablässig hinter den marmorverzierten Wänden
aufspeicherte, von der Silberkammer, mit der sich die des fürstlichen
Hofes kaum messen könne; man blieb gefesselt stehen, wenn eine seiner
Equipagen vor dem Portale hielt, und wunderte sich, daß die leichten,
aufstiebenden Wölkchen, die der trockene Frühlingswind von den
Sandwegen über den Rasen hinstreute, nicht Goldstaub waren.
Es wurde fortwährend gebaut; ganze Strecken des Parkes waren deshalb
kaum mehr zu passieren. Man schritt an aufgetürmten Quadern und
schneeweißen Marmorblöcken hin, die beim Bau und der Einrichtung neuer
Pferdeställe verwendet wurden -- die alten, sehr geräumigen waren der
Passion des Kommerzienrates für schöne Pferde längst zu eng geworden.
Große Berge ausgegrabenen Erdreichs versperrten die Wege -- für den
sehr umfangreichen See, dem diese Massen Platz machen sollten, war
das Terrain nicht günstig; er und das Palmenhaus, eine beabsichtigte
Merkwürdigkeit für die Residenz, verschlangen Unsummen. Zu alledem
erschien eines Tages auch noch eine Anzahl Bauhandwerker und machte
sich an einem hübschen, großen Pavillon zu schaffen, der bis dahin
unbenutzt und verschlossen gestanden hatte. Er lag eine ziemliche
Strecke von der Villa entfernt, im Dickicht, aber von seinen oberen
Fenstern aus hatte man doch den Blick auf die Promenade und die
Stadt. Das zierliche Haus erhielt einen eleganten Anbau; es wurden
neue Fenster mit ungebrochenen Scheiben eingesetzt, und dann und wann
zog der Kommerzienrat Tapetenproben oder Zeichnungen für das Parkett
aus der Tasche und bat die Präsidentin, auszuwählen. Sie wurde zwar
jedesmal sehr spitz und ungnädig und Flora kicherte in das Taschentuch,
aber wählen mußte die alte Dame doch, und wenn sie auch dabei
versicherte, daß die Aufbesserung der alten Baracke sie ganz und gar
nicht interessiere, daß sie zeitlebens übergenug für die Instandhaltung
der Villa zu denken und zu sorgen habe, und sich nicht auch noch um das
»Logierhaus« fremder Geschäftsfreunde kümmern könne, welches sie doch
niemals mit einem Fuße betreten werde. Sie ignorierte denn auch den
Neubau, trotz des beharrlich fortgesetzten und stets herüberklingenden
Hämmerns und Pochens, wie nur je die herrschsüchtige Gemahlin eines
Regierenden ihren zukünftigen Witwensitz ignorieren kann.
Zwischen diesem Trubel, diesem hastigen Beginnen und Vollenden aber kam
und ging der Kommerzienrat wie ein Zugvogel. Er verreiste sehr oft in
Geschäften, aber nur noch für kurze Zeit, wie er manchmal sagte, dann
wollte er sich ein schönes Rittergut kaufen und Landedelmann werden.
Hatte er aber einmal »ein paar Erholungstage«, dann war er sehr viel in
der Bel-Etage; den Nachmittagskaffee trank er regelmäßig droben, zum
großen Aerger der Präsidentin, die dadurch ihr Lieblingsstündchen im
Wintergarten verlor -- sie war selbstverständlich viel zu aufmerksam,
um den »lieben Moritz« bei der verdrießlichen Kranken und dem jungen
Backfisch allein zu lassen, und brachte das Opfer, stets fast zugleich
mit ihm zu erscheinen.
Käthe war das sehr erwünscht; sie empfand nun einmal eine
unüberwindliche, beklemmende Scheu vor dem Schwager und Vormunde,
seit er sich so wunderlich zuvorkommend und zärtlich ihr gegenüber
und dabei so falsch, so heimtückisch bei äußerlich unveränderter
Liebenswürdigkeit gegen die Präsidentin zeigte. Sie nahm unwillkürlich
die befangene Zurückhaltung der erwachsenen Dame an, wo sie sich
früher harmlos kindlich gezeigt hatte. Aber gerade das schien ihn zu
belustigen und in seiner seltsamen Art zu bestärken. Er las ihr
ihre Wünsche von den Augen ab; er hatte längst seine Einwilligung
gegeben, daß der unbenutzte Teil des Mühlengartens an die Arbeiter
verkauft werde -- nie setzte er dem Wohlthätigkeitssinne des jungen
Mädchens irgendwie Schranken, und war ihre Börse auch noch so oft
leer, er füllte sie ohne Widerrede. »Du darfst dir den Spaß schon
erlauben, Käthe -- ich werde bald einen zweiten Eisenspind anschaffen
müssen,« sagte er dabei im Hinblick auf das staunenswerte Anwachsen des
Kapitals. Sie nahm eine solche Aeußerung stets mit finsterem Schweigen
auf -- er hatte auf ihre ernsten Fragen mit all seinen diplomatischen
Wendungen und Finessen die Anklage des Volkes, daß ihr Reichtum auf
erbarmungslose Weise erwuchert sei, nicht widerlegen können, auch ließ
die Präsidentin keine Gelegenheit vorübergehen, wo sie diesen Vorwurf
begründen konnte, -- das kindlich naive Ergötzen, mit welchem Käthe es
früher »so über alle Maßen hübsch« gefunden, reich zu sein, hatte sich
in eine Art von Furcht und Angst vor den Geldmassen verwandelt, die so
riesig, auf so dämonenhafte Weise anschwollen, als müßten sie eines
Tages in gerechter Vergeltung erdrückend über sie herstürzen.
Sie war überhaupt ernster geworden; das sonnige Lächeln, das ihr
erregbares, heiteres Temperament sonst so oft und rasch über ihre Züge
hinfliegen ließ, zeigte sich nur selten. So recht herzensfreudig war
sie nur noch im Hause am Flusse, und auch da nur in gewissen Stunden.
Die Tante Diakonus unterrichtete nämlich seit lange eine Anzahl
bedürftiger Kinder unentgeltlich im Nähen und Stricken -- das geschah
jahraus jahrein an den Mittwoch- und Sonnabendnachmittagen. In diesen
kleinen Kreis hatte sich Käthe mit der freundlichen Bewilligung der
alten Frau eingeschmuggelt. Der Umgang mit Kindern war ihr völlig neu
und machte Saiten in ihrer Seele erklingen, die sie bis dahin nicht
geahnt hatte -- es war die zärtlichste Hinneigung zu den kleinen
Geschöpfen und die plötzliche Erkenntnis, daß sie im Grunde ihres
Herzens den Beruf, die jungen Wesen an Leib und Seele zu stützen, sie
kräftig und gesund zu erhalten und bildend auf sie einzuwirken, jedem
anderen weit vorziehe.
Sie kleidete die Kinder, wo es not that -- in ihrem Nähkorb lag stets
ein angefangenes Röckchen oder Schürzchen; sie sorgte -- was die Tante
Diakonus nicht hätte ermöglichen können -- nun auch für ein reichliches
Vesperbrot während der Unterrichtsstunden, und eine wahre Augenweide
war es für die alte Frau, wenn das junge Mädchen mit dem Korb voll
Obst und Brötchen erschien und mit wahrhaft mütterlicher Würde an den
schönsten, rotbackigen Apfel eine Belohnung zu knüpfen wußte. Für den
Sommer verlegte die Tante den Unterricht in den Garten; die Kinder,
meist in den engsten und dumpfesten Straßen der Stadt wohnend, sollten
nun auch die Wohlthat genießen, sich in reiner, gesunder Luft auf dem
Rasen unter schattigen Obstbäumen tummeln zu dürfen. Käthe hatte zu dem
Zwecke hübsche, tragbare Bänke angeschafft, zugleich aber auch eine
Anzahl Bälle und Reifen für die Spiel- und Erholungsstunde, die sich
nunmehr an die Unterrichtszeit anschloß.
[Illustration: Eine wahre Augenweide war es für die alte Frau, wenn das
junge Mädchen mit dem Korb voll Obst und Brötchen erschien. (S. 236.)]
Flora war tief erbittert über diesen Verkehr, der sie, ihrer Meinung
nach, in ihren Rechten, ihrer Beziehung zu der Tante beeinträchtigte,
aber sie war klug genug, das im Hause am Flusse nicht verlauten zu
lassen -- man kam ja bei »der Alten« stets so schlecht an, wenn man
»das große Mädchen mit der Plebejerröte auf dem Sommerschen Gesicht
nicht für eine wahre Musterkarte aller erdenklichen Tugenden hielt«.
Die schöne Braut kam auch täglich in das Haus; sie hatte sich weiße,
mit Stickerei garnierte Latzschürzchen dutzendweise machen lassen und
erschien nie ohne diesen häuslichen Schmuck, der ihr allerliebst stand.
Den Vorwurf konnte man ihr nicht machen, daß sie nicht alles aufgeboten
hätte, den Beifall der Tante Diakonus zu erringen. Sie setzte ihr
zartes Gesicht der Glut des Küchenfeuers aus, um Pfannenkuchen backen
zu lernen; sie ließ sich über das Einmachen der Obstfrüchte und Gemüse,
über die Behandlung der Wäsche belehren und nahm wohl auch einmal der
Magd das Bügeleisen aus der Hand, um versuchsweise ein Stück Hauswäsche
zu plätten, allein so groß auch das Opfer war, das damit gebracht
wurde, es vermochte nicht die alte Frau aus der überaus höflichen,
aber doch sehr reservierten Haltung, die sie seit jenem unheilvollen
Abend angenommen, herauszulocken -- es war, als ob sie genau wisse,
daß Flora nach dergleichen Anstrengungen wie zu Tode erschöpft in ihr
Ankleidezimmer wankte, dort die Schürze mit einer halbunterdrückten
Verwünschung in die Ecke schleuderte und sich dann zur Erholung meist
in den Wagen warf, um die Runde bei den Freundinnen zu machen, deren
schwer zu verbergender Neid eine unerschöpfliche Quelle der Genugthuung
für sie war. Diese Freundinnen behaupteten einstimmig, die Frau
Universitäts-Professorin in spe liege mit ihren bauschenden Falbeln wie
ein radschlagender Pfau im Koupee, und ihr Uebermut sei kaum noch zu
ertragen.
[Illustration]
Der jähe Umschwung in Doktor Brucks Karriere wurde noch immer wie ein
Wunder angestaunt. Daß der zuvor kaum noch mitleidig über die Achsel
angesehene, so hart verurteilte und verfemte junge Arzt plötzlich als
fürstlicher Hofrat durch die Straßen der Residenz schritt, konnte
mancher nur schwer begreifen. Der Mann wuchs nun in den Augen des
Publikums und der gesamten Hofgesellschaft himmelhoch, und weil er
durch seine Uebersiedelung nach L.....g für die Zukunft unerreichbar
wurde, so wollte jeder Leidende womöglich noch von ihm hergestellt
sein. So kam es, daß Doktor Bruck auf einmal mit einer kaum zu
bewältigenden Praxis förmlich überbürdet war. Sein angefangenes
Manuskript blieb unberührt auf dem Schreibtisch liegen; er schlief in
der Stadtwohnung, aß meist eilig im Hotel, das angebotene Kouvert im
Hause des Kommerzienrates konsequent ablehnend, und mußte die flüchtige
Besuchszeit in der Villa und bei der Tante Diakonus, wie er sich
ausdrückte, seinen Patienten abstehlen.
Käthe sah ihn nicht oft, und deshalb fiel es ihr um so mehr auf, wie
sehr er sich verändert habe -- jedenfalls infolge der Anstrengung,
meinte sie. Er sah bleich und ermüdet aus, und sein früher wohl
zurückhaltendes, nachdenklich stilles, aber überaus mildes Wesen war
einer finsteren Verschlossenheit gewichen. Mit Käthe hatte er seit
jenem Moment, wo sie ihn, von Floras Armen umstrickt, in der Flur
überrascht hatte, kaum zwei Worte gewechselt, und zwar in so scheuer,
schnell abbrechender Weise, daß sie sich nicht verhehlen konnte, er
zürne ihres damaligen unwillkommenen Erscheinens wegen. Sie ging ihm
deshalb auch verletzt, mit einem Gemisch von Trotz und Verlegenheit aus
dem Wege, wo sie nur konnte.
In seinem Verhalten zu Flora dagegen war nicht die leiseste Wandlung
eingetreten; er war genau ein so ernster, würdevoller Bräutigam, wie
an dem Tage, wo Käthe die Verlobten zum erstenmal gesehen. Sie mußte
manchmal denken, der ganze entsetzliche Auftritt im Fremdenzimmer der
Tante Diakonus sei entweder ein toller Spuk ihrer eigenen Phantasie
gewesen oder Doktor Bruck müsse vergessen und unliebsame Erinnerungen
so spurlos auslöschen können wie selten ein Mensch. Flora mochte
freilich erwartet haben, daß mit ihrer Bitte um Verzeihung, mit
ihrer offen an den Tag gelegten Reue sofort wieder jenes schöne,
innige Verhältnis eintreten werde, wie es zu Anfang ihrer Brautschaft
bestanden. Mußte er nicht, bei seiner unzerstörbaren Leidenschaft
für sie, namenlos glücklich sein, sie nun unwiderruflich besitzen zu
dürfen? Vielleicht barg er tief innen dieses Glück, aber zeigte es
nur nicht, und seine schöne Braut tröstete sich mit dem Gedanken, daß
ein Mann wie Bruck allerdings nicht so rasch versöhnlich sein dürfe;
wußte sie doch, daß mit der Hochzeit, die nunmehr für den September
festgesetzt worden war, alles anders werden müsse.
Mittlerweile war der 20. Mai, Floras Geburtstag, herangekommen. Auf
allen Tischen des Zimmers dufteten Blumen, welche die guten Freundinnen
herkömmlicherweise gebracht hatten. Auch die Fürstin hatte der
Braut des Hofrats, welcher mit Gnadenbeweisen förmlich überschüttet
wurde, ein prachtvolles Boukett geschickt, und von den »stolzesten
Granden« des Hofes waren Glückwünsche in der schmeichelhaftesten Form
eingelaufen. Ja, es war ein Tag des Triumphes für die schöne Braut,
ein Tag, an welchem sie wieder einmal so recht bestärkt wurde in ihrer
felsenfesten Ueberzeugung, daß sie wirklich ein Liebling der Götter,
eine für einen auserwählten Lebensweg Geborene sei.
Und doch lag ein Schatten auf ihrer Stirn und sie runzelte öfter
ungeduldig und ärgerlich die Brauen. Auf dem Tische inmitten des
Zimmers, zwischen den Gaben der Großmama und der Schwester, stand eine
hübsche Tischuhr von schwarzem Marmor; Doktor Bruck hatte sie am frühen
Morgen mit einem begleitenden Glückwunschbillet geschickt und sich für
die Vormittagsstunden wegen seines Nichterscheinens entschuldigt, da er
einen Schwerkranken vorläufig nicht verlassen dürfe.
»Ich begreife Leo nicht, daß er nichts Hübscheres für mich zu finden
gewußt hat als das steinerne Unding da,« sagte sie, verdrießlich auf
die Uhr zeigend, zu der Präsidentin, die das Boukett der Fürstin aus
der Vase genommen hatte und unablässig daran roch, als müsse es einen
ganz besonderen Duft ausströmen. »Ein _schwarzes_ Geburtstagsgeschenk
gibt man doch nicht gern; ich für meinen Teil finde es zum mindesten
geschmacklos.«
»Die Uhr ist vollkommen passend, gerade in deinem Geschmacke gewählt,
Flora; sie soll jedenfalls das wunderbar tiefsinnige Arrangement
dieses Zimmers vervollständigen,« sagte Henriette. Sie lag auf dem
roten Ruhebette und streifte mit einem spöttischen Blick die schwarzen
Säulenstücke in den vier Zimmerecken.
»Unsinn! Du weißt so gut wie ich, daß ich diese Einrichtung nicht
mitnehmen kann. Moritz hat das Zimmer nach meiner speziellen Angabe
eingerichtet, wie es ist, aber _geschenkt_ hat er mir meines Wissens
weder Möbel noch Ausschmückung. Ich möchte den Kram auch um alles nicht
mitschleppen; man sieht sich ebenso satt und müde an einer stereotypen
Zimmereinrichtung wie an einer oft getragenen Toilette. Was in aller
Welt soll ich nun mit der schwarzen Figur da in meinem L.....ger
Boudoir anfangen, das lila dekoriert und mit Bronzegerät geschmückt
sein wird?«
»Ein frisches Boukett wäre mir auch lieber gewesen, aber du bist ja
nicht sentimental, Flora,« meinte Henriette, nicht ohne einen boshaften
Anflug in der Stimme. Käthe aber, heute zum erstenmal schneeweiß
gekleidet, stand neben einem herrlich entwickelten Myrtenbaume, welchen
die Tante Diakonus selbst gezogen und herübergeschickt hatte, und
ließ die Hand mit einem wehmütigen Lächeln wie schmeichelnd über die
feinblätterigen, biegsamen Zweige gleiten. Niemand beachtete das selten
schöne Geschenk, dessen Hingabe jedenfalls ein schweres inneres Opfer
gekostet hatte.
Nach Tische hielt man sich im Balkon- und Empfangszimmer auf, weil
immer noch Gratulanten kamen und gingen. Sämtliche Thüren der
Zimmerreihe waren zurückgeschlagen; es war ein herrlicher Aufenthalt,
dieses untere Stockwerk. Durch das vergoldete Bronzegitter des Balkons
zogen weiche Lüfte, die den Duft vom jungen Lindenlaube der Allee und
aus den halboffenen Blütenknospen der Bocage herübertrugen, und in die
hohen Fenster fiel das goldene Maienlicht; nur dem dunkelpurpurnen
Zimmer vermochte es keinen Reflex abzulocken, das sah grämlich und kalt
aus wie immer, und dem weichen Gefühle mußte der aufgehäufte Reichtum
lebender Blumen zwischen diesen vier Wänden geradezu grausam erscheinen.
Henriette lag in einem Schaukelstuhle, der offenen Balkonthür
gegenüber. Sie hatte auch gern »maienhaft wie Käthe« aussehen
wollen und ihr hageres Figürchen in eine ganze Wolke weißer
Mullgarnierungen gesteckt, aber fröstelnd hüllte sie den Oberkörper
in einen weichen Shawl von gesticktem Crêpe de Chine, und darüber her
wogte aufgelöst ihr reiches blondes Haar, das sie seit dem letzten
schweren Leidensanfalle nicht mehr aufnestelte. So stillliegend und
vom halbgedämpften Sonnenlichte überspielt, mit den weit offenen,
blauglänzenden und schwarzbewimperten Augen, der kalkweißen Haut,
die nur in der Nähe der zarten Schläfen ein fieberhaft roter Anhauch
betupfte, sah sie heute aus wie ein Wachspüppchen. Sie hatte Käthe an
den Flügel im Musiksalon geschickt und wartete nun mit in den Schoß
gefalteten Händen auf den Anfang des Schubertschen Liedes »Lob der
Thränen«. Da verdunkelten sich plötzlich die Fieberflecken auf dem
schmalen Gesichtchen zum tiefsten Karmin und die verschränkten Hände
fuhren unwillkürlich nach dem Herzen -- Doktor Bruck trat in den Salon.
Flora flog ihm entgegen und hing sich an seinen Arm und zog ihn in ihr
Zimmer, damit er ihre Geburtstagsgeschenke ansehe. Die schöne Dame, die
so lange ihrem ganzen Thun und Lassen den Stempel der Gelehrsamkeit,
der ernstgrübelnden Forschung aufzudrücken verstanden, zeigte heute,
an ihrem neunundzwanzigsten Geburtstage, die naive Grazie einer
Sechzehnjährigen, und in dieser Wandlung war sie mit ihrem lieblich
belebten Gesicht und dem weichen Spiel der schlanken, biegsamen
Glieder auch wirklich jugendlich reizend.
Käthe stand am Notenschrank und suchte nach dem begehrten Lied, als das
Brautpaar hinter ihr weg nach Floras Zimmer schritt; sie sah sich nur
flüchtig um, wobei sie einen halbverlegenen Gruß vom Doktor erhielt,
und suchte dann um so emsiger.
»Sieh, Leo, mit dem heutigen Tage schließe ich die Vergangenheit
ab, in der ich so schwer geirrt und mich nahezu um mein Lebensglück
gebracht hätte,« sagte Flora drüben mit unwiderstehlich süßer Stimme,
während Käthe einen dicken Notenstoß aus dem Schranke hob. »Ich will
die Erinnerung an jenen schlimmen Abend nicht wieder wachrufen, wo
ich alle Herrschaft über mich verloren und in der Aufregung und
Gereiztheit Aussprüche gethan habe, um die meine Seele, mein Herz
selbst nicht wußten, aber um der Wahrheit willen, und weil ich mir doch
das schuldig bin, muß ich dir sagen, daß auch du damals geirrt hast,
was dein absprechendes Urteil betrifft. Es war nicht der Trieb, mich
hervorzuthun, der mich der Schriftstellerei zugeführt hat, sondern in
der That die Begabung -- deutlich gesagt -- der Genius. Frage mich
nicht weiter! Ich kann dir nur versichern, daß ich meinen Weg gemacht
haben würde, und zwar durch mein Werk ‚Die Frauen‘, das du ja nicht
kennst. Es ist nach Aussprüchen von kompetenter Seite wohl geeignet,
meinen Namen rühmend in alle Welt hinauszutragen, aber wie könnte es
mir jetzt wohl noch einfallen, an _deiner_ Seite meinen eigenen Weg zu
gehen und meine speziellen Fähigkeiten geltend machen zu wollen? Nein,
Leo, ich werde mich einzig und allein in _deinem_ Ruhme sonnen, wie es
der Frau ziemt, und damit mir auch in Zukunft die Versuchung nie wieder
nahe tritt, müssen diese Blätter, das Resultat emsigen Studiums und des
poetischen Quells, der nun einmal in meiner Seele quillt und sprudelt,
aus der Welt verschwinden.«
Käthe umschritt in diesem Augenblick, das endlich gefundene Notenblatt
in der Hand, den Flügel. Sie sah, wie Flora das Manuskript mit einigen
Streichhölzern entzündet und es auflodernd in den Kamin warf. Die
schöne Braut wandte dabei den Kopf nach der Fensterseite zurück, wo
jedenfalls der Doktor stand; vielleicht wünschte sie, er möchte den
Versuch machen, sie in ihrem Beginnen zu hindern, allein kein Schritt
wurde hörbar; keine rettende Hand streckte sich aus, um das »kostbare«
Brennmaterial den Flammen zu entreißen. Der Brandgeruch, den der
Frühlingswind in das Zimmer zurücktrieb, wehte in den Musiksalon, und
während Flora mit fest eingeklemmter Unterlippe und seltsam glimmenden
Augen vom Kamin zurücktrat, nahm Käthe hastig den Platz am Flügel ein
und begann sofort die Lisztsche Phantasie über das »Lob der Thränen«.
Käthe wollte Brucks Antwort nicht hören; denn es war ihr schrecklich,
stets unfreiwillige Zeugin der Szenen zwischen den Verlobten zu sein --
Bruck mußte sie zuletzt hassen. Aber sie war namenlos empört über die
abermalige Komödie, die sich eben wieder vor ihren Augen abgespielt.
Das abgegriffene, wandermüde Manuskript, das auf seinen »Zickzackwegen
durch die Welt« von kompetenter Seite wiederholt als nicht brauchbar
zurückgeschickt worden war, es hatte die Rolle eines thränenwerten
Opfers spielen müssen, das die Seelengröße, die hehre Selbstüberwindung
eines hochbegabten, sich und ihren Genius verleugnenden Weibes dem
strengen Herrn und Gebieter brachte.
Es wurde drüben gesprochen. Käthe hörte durch die Melodie, welche
ihre Hände energischer als sonst den Tasten entlockten, die ernste,
unbewegte Stimme des Doktors, aber sie verstand zu ihrer eigenen
Beruhigung kein Wort, und als sie schloß, da kam auch Flora schon
wieder herüber, um in das Balkonzimmer zurückzukehren. Diesmal hing sie
nicht an Brucks Arm; sie hielt das Boukett der Fürstin in der Hand und
ging neben dem Doktor her, verdrossen wie ein gescholtenes Kind, das
aber nicht zu widersprechen wagt -- Flora hatte ihren Herrn und Meister
gefunden ... Ein zorniger Seitenblick streifte die am Flügel sitzende
Schwester, die eben die Hände von den Tasten sinken ließ. »Gott sei
Dank, daß du fertig bist, Käthe!« sagte sie stehen bleibend. »Du lärmst
ja auf dem Instrument, daß man sein eigenes Wort nicht versteht. Schau,
deine eigenen Sachen spielst du ja ganz nett -- das sind eben harmlose
Kindermelodien ohne alle Tiefe -- an Schubert und Liszt aber solltest
du dich nicht wagen; dazu fehlt dir das Verständnis und vor allem die
Fertigkeit.«
»Henriette hat die Piece zu hören gewünscht,« entgegnete Käthe gelassen
und schloß den Flügel. »Für eine fertige Klavierspielerin habe ich mich
nie ausgegeben --«
»Nein, Herzenskäthe, das hast du niemals gethan, bist auch keine
Virtuosin, die Bockssprünge mit ihren Fingern macht,« fiel Henriette
ein; sie stand plötzlich, wie hingeweht, auf der Schwelle des
Musiksalons, »aber das Mädchengemüt möchte ich kennen, das Schubert
inniger auffassen möchte als du -- oder meint Schwester Flora, die
Thränen, die einem dabei in die Augen treten, weine und heuchle man aus
purer Gefälligkeit?«
»Kranke Nerven, Kindchen -- weiter nichts!« lachte Flora und folgte dem
Doktor in den Salon, von wo die Präsidentin ihn gerufen hatte.
Die alte Dame saß drüben mit etwas echauffiertem Gesicht, in der einen
Hand die Lorgnette, in der andern einen Brief, den ein Diener eben
gebracht hatte. »Ach, liebster, bester Hofrat,« -- sie gebrauchte
diesen Titel, so oft er sich anbringen ließ, denn er schmeichelte ihrem
Ohre trotz alledem und alledem -- »da schreibt mir eben meine Freundin,
die Baronin Steiner, daß sie in den nächsten Tagen hierher kommen will,
um Rat und Hilfe bei Ihnen zu suchen. Sie ist ganz trostlos über ihren
Enkel, den Stammhalter der alten Familie von Brandau -- der Junge hinkt
seit einiger Zeit ein wenig, und die tüchtigsten Aerzte tappen im
Dunkeln über den Ursprung des Leidens. Wollen Sie das Kind untersuchen
und in Behandlung nehmen?«
»Sehr gern, vorausgesetzt, daß die Dame nicht allzu große Ansprüche
an meine Zeit macht.« Er kannte schon diese hocharistokratisch sich
gebärdenden Damen, die gar zu gern »warten lassen« und einen angehenden
Schnupfen wie eine Todeskrankheit respektiert sehen wollen.
Die Präsidentin war sichtlich verletzt durch die gleichgültige Art und
Weise, mit welcher ihre Bitte aufgenommen wurde; sie antwortete nicht.
»Die Baronin ist sehr pikiert über meinen neulichen Absagebrief,«
wandte sie sich an Flora; »der Zettel da« -- sie tippte mit der
Lorgnette auf das Briefblatt -- »strotzt von Anzüglichkeiten, und wenn
nicht Sorge und Angst an sie heranträten, würde sie mir wohl nie wieder
geschrieben haben; wie mich das schmerzt, kann ich kaum sagen. Sie will
nun im ersten besten Hotel wohnen, von wo aus unser Hofrat am ersten zu
erreichen ist, und bittet mich _wenigstens_ um _die_ Gefälligkeit, ihr
eine Wohnung von fünf Zimmern auszumachen.« Jetzt zuckte ein wahrhaft
vernichtender Blick unter den breiten Lidern hervor nach dem jungen
Mädchen im weißen Kleide, das ihr gegenüber hinter einem Stuhle stand
und, die Hände auf die Lehne desselben gelegt, mit niedergeschlagenen
Augen den Verhandlungen zuhörte, wobei abwechselnd Erröten und
Blaßwerden über das liebliche Gesicht hinflogen -- war doch jedes Wort
ein Vorwurf für sie.
»Mein Gott, es ließe sich ja schließlich in der Bel-Etage einrichten,
wenn die gute Steiner nicht ~à tout prix~ fünf Zimmer haben müßte,«
fuhr die Präsidentin fort. »Aber sie braucht doch notwendig einen Salon
für sich und ihre Tochter Marie, ein Wohnzimmer für den kleinen Job von
Brandau und seine Gouvernante, und allermindestens drei Schlafzimmer
-- die Jungfer kommt ja auch mit.« Sie stützte sorgenschwer und tief
verstimmt den Kopf in die Hand.
»Das will alles in allem sagen, daß Käthe für die Besuchszeit dieser
wildfremden und anmaßenden Frau Baronin im Wege ist,« fuhr Henriette
scharf und zornig heraus.
»Ich habe mich bereits erboten, in die Mühle zu gehen,« sagte die junge
Schwester ohne eine Spur von Empfindlichkeit und strich beschwichtigend
mit der Hand über Henriettens Haar.
»O nein, da weiß ich etwas Besseres, Käthe -- wenn du denn einmal
weichen mußt,« rief die Kranke mit aufleuchtenden Augen. »Wir bitten
die Tante Diakonus um das liebe traute Fremdenzimmer für dich; ich
weiß, sie wird ganz glücklich sein, dich drüben zu haben, denn du bist
ja ihr Augapfel ... Dein Flügel wird hinübergeschafft, und da darf ich
dann auch kommen, so oft ich will --« Sie verstummte plötzlich mit
einem Blicke auf den Doktor. Dieser hatte sich zuerst abgewendet und
durch das Fenster gesehen, und jetzt kehrte er ihr das tiefverfinsterte
Gesicht zu, und das, was sie aus seinen Augen ansprühte, war heftiger,
zürnender Widerspruch; sie traute ihren Sinnen kaum -- er war gar nicht
mehr er selbst.
»Ich finde es praktischer und schlage deshalb vor, daß der Knabe mit
seiner Erzieherin in meinem Hause einquartiert wird,« sagte er kalt und
gezwungen.
Die Präsidentin rückte und zupfte verlegen an der Schleierwolke unter
ihrem Kinn, auch konnte sie ein flüchtiges ironisches Lächeln kaum
unterdrücken. »Das wird sich schwerlich arrangieren lassen, bester
Hofrat,« versetzte sie. »Meine alte Freundin wird sich um keinen Preis
von Job trennen wollen, und dann -- Sie haben keinen Begriff davon,
wie entsetzlich verwöhnt der Junge ist. Unser kleiner, lieber Erbprinz
ist nicht so exquisit logiert wie dieser einzige und letzte Sproß der
Brandaus; das dürre, häßliche Kerlchen schläft unter Atlasdecken und
seidensamtenen Vorhängen. Mein Gott ja, die Familie kann das und findet
solch eine luxuriöse Umgebung selbstverständlich. Unsereins kommt aber
in Verlegenheit, wenn es gilt, sie zu logieren.«
»Und weshalb ziehst du es vor, das kleine Scheusälchen -- dieser
gefeierte letzte Sproß der Brandau ist nämlich der ungezogenste,
nichtsnutzigste Bengel, den die Welt hat -- der armen Tante Diakonus
ins Haus zu bringen, Leo?« fragte Henriette heftig und gereizt den
Doktor; sie war urplötzlich in jene krankhafte Aufregung verfallen,
welche sie öfter Dinge sagen ließ, die sie nachher bitter bereute.
»Was hat dir denn Käthe gethan? Ich sehe es längst mit Ingrimm, wie
ungerecht und vorurteilsvoll du gegen sie bist; ist sie dir nicht
vornehm genug, weil der Schloßmüller ihr Großvater war? Nie fällt es
dir ein, sie auch nur anzureden, und das ist doch geradezu lächerlich,
denn sie ist und bleibt Floras Schwester so gut wie ich. Unter uns
allen waltet das trauliche ‚Du‘ -- nur sie ist die Ausgestoßene.«
»Mein lieber Schatz, dieses ‚Du‘ ist mir längst ein Dorn im Auge, und
wenn es auf mich allein ankäme, dann dürftest du es so wenig gebrauchen
wie Käthe auch,« fiel Flora ein. »Aufrichtig gestanden, ich gönne
keiner anderen auch nur das Iota von einem Vorrechte, das mir allein
zusteht. In Bezug auf dich will ich Gnade für Recht ergehen lassen --
mag es dabei bleiben, von Käthes Seite aber würde ich mir eine solche
Vertraulichkeit zu Leo ganz ernstlich und energisch verbitten.« Sie
schlang ihren Arm um die Schulter des Doktors und schmiegte sich mit
einem zärtlichen Aufblicke eng an seine hohe Gestalt.
Machte es diese Berührung in Gegenwart der anderen, oder war er
innerlich so bestürzt und empört über Henriettens rücksichtslose
Vorwürfe -- der Doktor fuhr empor, als halte ihn eine Schlange und
nicht ein schöner, weicher Mädchenarm umschlungen, und sein Gesicht war
weiß und blutlos wie der Tod.
Käthe wandte sich ab und wollte das Zimmer verlassen -- sie hätte laut
aufweinen mögen, so entsetzlich wehe hatte man ihr gethan, aber sie
verbiß standhaft die Qual und bemühte sich, ihre äußere Haltung zu
behaupten; da wurde die Thür geöffnet, auf die sie zuschritt, und der
Kommerzienrat trat herein. Wunderlich, sie vergaß in diesem Augenblicke
völlig die Abneigung, die sich während der letzten Zeit in das Herz
geschlichen; sie dachte nur daran, daß er ihr Vormund sei, Vaterstelle
bei ihr vertreten und sie schützen müsse, und infolge dieses Antriebes
trat sie neben ihn Und legte die Hand auf seinen Arm.
Er sah sie überrascht, aber froh lächelnd an und drückte ihre Hand
unter schalkhaftem Augenblinzeln mit seinem Arme fest an das Herz.
Die Hände hatte er nicht frei; er trug eine kleine Kiste, die er auf
den Tisch stellte, hinter welchem die Präsidentin saß. Sein Eintreten
unterbrach eine unsäglich peinliche Szene, und Henriette, die sie
herbeigeführt, hätte ihm jetzt um den Hals fallen mögen für den
heiteren, frohmütigen Ton, den er in seiner Unbefangenheit anschlug.
»Nun bin ich getröstet, da ist endlich mein Angebinde für dich
eingetroffen, Flörchen,« sagte er. »Mein Berliner Agent entschuldigt
sein Zögern mit der Umständlichkeit der Fabrikanten.« Er lüftete den
Deckel. »Apropos, ich habe auch _noch_ eine Geburtstagsfreude für
dich,« unterbrach er sich in leichtfertig scherzendem Tone. »Eben
sagt man mir, daß du gerächt bist; heute morgen ist die Hauptheldin
des Attentates im Stadtforste, die mit den gefahrdrohenden Nägeln,
verurteilt und ihr eine ganz bedeutende Gefängnisstrafe zuerkannt
worden; die anderen, entweder noch sehr jung oder zu der Missethat von
der Anstifterin verführt, wie sich herausgestellt hat, sind meist mit
einem blauen Auge davongekommen.«
»Ich will nicht hoffen, daß Flora diese Nachricht wirklich als
Geburtstagsfreude aufnimmt,« rief Henriette. »Allerdings, Strafe muß
sein, und der großen, wilden Megäre kann es nicht schaden, wenn sie
durch Stillsitzen ein wenig zahm gemacht wird, allein für uns selbst
hat in jenem entsetzlichen Auftritt etwas so namenlos Beschämendes
gelegen -- es ist schrecklich, sich so verhaßt und verwünscht zu
wissen, und die Verhaßteste von uns allen ist Flora -- daß du besser
gethan hättest, Moritz, gerade heute darüber zu schweigen.«
»Meinst du?« lachte Flora. »Moritz kennt mich besser; er weiß, daß ich
hoch über der sogenannten Volkesstimme stehe und um populär zu werden,
nie einen Finger rühre. Und du hast früher nicht anders gedacht,
Henriette. Ich möchte wissen, was du noch vor acht Monaten gesagt haben
würdest, wenn irgend jemand die Volksinteressen in unseren Salons
betont und vertreten hätte -- das waren dir ‚böhmische Dörfer‘. Aber
seit Käthe da ist, sind diese Fragen in unserer Bel-Etage so über alle
Gebühr an der Tagesordnung, daß einem angst und bange wird vor so viel
spartanischer Tugend und unfehlbarer Mädchenweisheit. Es sollte mich
sehr wundern, wenn unsere Jüngste nicht bereits in ihrem Kochbuch
Braten und Suppen aufgeschlagen hätte, die notwendig sind, um die
Büßende bei Kräften zu erhalten.«
»Das nicht,« entgegnete Käthe mutig und ernsthaft in das vor Spott
und Sarkasmus zuckende schöne Gesicht der impertinenten Schwester
hinein; »aber nach ihren Familienverhältnissen habe ich mich erkundigt
-- sie hat vier kleine Kinder, und ihr unverheirateter Bruder, der
in Moritzens Spinnerei beschäftigt war und für die halbverwaisten
Kleinen mitgesorgt hat, liegt schon längere Zeit krank danieder. Es
versteht sich von selbst, daß diese fünf hilflosen Menschen unter der
notwendigen Strafe nicht mitleiden dürfen, und da will ich lieber
gleich sagen, daß ich die Verpflegung in die Hand genommen habe, bis
die zwei Versorger wieder arbeitsfähig sind.«
Der Kommerzienrat fuhr herum -- er schien denn doch einen Widerspruch
auf den Lippen zu haben. »Ja, Moritz,« sagte das junge Mädchen rasch
mit einem ausdrucksvollen Blick, »das sind so Momente, wo mir vor dem
Geldschrank meines Großvaters weniger graut.«
Die Präsidentin rückte ungeduldig auf ihrem Lehnstuhl hin und her --
diese _krasse_ Sentimentalität ging ihr über den Spaß. »Das sind ja
recht hübsche Eröffnungen! Wie wunderlich und verdreht sich doch solch
ein Kindskopf die Welt malt! In gefährlichere Hände kann der Reichtum
gar nicht kommen,« rief sie tiefgeärgert. »Ja, nicht wahr, bester
Bruck, da stehen Sie nun auch und sehen sich nachdenklich die Hand an,
die sich so hilfsbedürftig an Moritzens Arm anklammert und dabei doch
so willkürlich und eigenmächtig das Geld zum Fenster hinauswirft, das
er mit mehr Strenge verwalten sollte?«
Käthe zog augenblicklich die Hand zurück. Sie sah noch, wie die Augen
des Doktors unverwandt und finster auf ihren Fingerspitzen hafteten und
dann erschrocken über die gegenüberliegende Wand hinstreiften.
»Ach, Großmama, ein Blick der Mißbilligung ist das ganz sicher nicht
gewesen,« rief Flora scharf, sie trat mit einer ungestümen Gebärde ein
wenig zurück und beobachtete argwöhnisch den Farbenwechsel auf dem
schönen Gesichte des Verlobten. »Bruck war ja selbst immer so eine Art
Enthusiast für das sogenannte Volkswohl.«
»Aber jetzt doch nicht mehr, mein Kind -- jetzt, wo er bei Hofe
verkehrt und die Gnade des Fürsten besitzt wie kaum ein anderer?«
»Und weshalb sollte ich diesem Verkehre meine Grundsätze unterordnen?«
fragte der Doktor anscheinend ruhig, allein seine Stimme klang unsicher
und bewegt, als habe er noch mit inneren Stürmen zu kämpfen.
»Mein Gott, Sie werden doch nicht mit diesen Umsturzmenschen, diesen
Sozialdemokraten, gehen wollen?« rief die Präsidentin ganz bestürzt und
alteriert.
»Ich glaube, schon einigemal ausgesprochen zu haben, daß ich gar keiner
dieser heftig streitenden Parteien angehöre, eben aus Humanität. Ich
bemühe mich, den klaren Ueberblick zu behalten, den der Parteihaß
stets trübt und welcher doch so notwendig ist, wenn man zum _wahren_
Menschenwohle wirken will.«
[Illustration]
Währenddem hatte der Kommerzienrat geschäftig die Kiste ausgepackt.
Ihm war es stets höchst fatal, wenn das Gespräch auf ein Gebiet
hinüberspielte, wo die Meinungsdifferenzen ihm das häusliche Behagen,
wenn auch nur für einen Moment, störten. Er entfaltete maisgelben Atlas
und veilchenfarbenen Seidensamt. »Zwei Toiletten zu deinem ersten
Debüt als Frau Professorin auf dem Balle und in der Soiree,« sagte er
unmittelbar nach Brucks Ausspruche zu Flora.
Er hatte seinen Zweck erreicht -- der Glanz, den er hinbreitete, war zu
verführerisch für Damenaugen; selbst Henriette vergaß momentan ihren
Groll, als auch noch elegante Fächer und Kartons mit Pariser Blumen
und Federn das reiche Geburtstagsgeschenk vervollständigten. Aber noch
war der Inhalt der Kiste nicht erschöpft. »Die anderen Damen meines
Hauses dürfen nicht leer ausgehen, um so weniger, als ich einstweilen
eine Reise nicht in Aussicht und mithin für die nächste Zeit nicht die
Gelegenheit habe, etwas mitbringen zu dürfen,« fuhr der Kommerzienrat
fort.
Die Präsidentin nahm mit süßem Lächeln einen kostbaren Spitzenshawl
in Empfang und Henriette erhielt eine weiße Taftrobe, in Käthes
widerstrebende Hand aber drückte der Kommerzienrat mit einem
eigentümlich verständnisvollen, vielsagenden Blicke ein ziemlich
umfangreiches Etui.
Dieser eine Blick rief blitzschnell in der Seele des jungen Mädchens
einen wahren Sturm der widerwärtigen Empfindungen wach, die sie in der
letzten Zeit zu ihrem eigenen Befremden so sehr gegen den Schwager und
Vormund eingenommen. Nein, und abermals nein! So seltsam feurig und
so innig vertraut, als gelte es ein Geheimnis, um das nur sie beide
wüßten, durfte und sollte er sie nicht anblicken -- sie wollte sich das
ein für allemal verbitten. Scham, Abneigung und der fast unbezwingliche
Drang, ihren Widerwillen gleich jetzt, vor aller Ohren, unverhohlen
auszusprechen, das alles kämpfte in ihr und mochte sich wohl auf ihrem
Gesicht spiegeln, wenn es auch mißverstanden wurde.
»Nun, Käthe, ist es dir so etwas Neues, beschenkt zu werden?« fragte
Flora. »Was hat dir denn Moritz zugesteckt? -- Einmal müssen wir es
doch erfahren, das süße Geheimnis -- gib nur her, Kind!« -- Sie fing
das Etui auf, das eben im Begriff war, auf die Erde zu fallen, und
drückte auf die Feder. Ein blaßrotes Feuer entströmte den Steinen, die,
als Halsband aneinander gereiht, auf schwarzem Samt lagen.
Die Präsidentin nahm die Lorgnette vor die Augen. »Superbe gefaßt!
Eigentlich zu künstlerisch, zu antik für die Imitation, wenn sie auch
modern und selbst von hochgestellten Damen augenblicklich sanktioniert
wird ... Der Glasfluß ist merkwürdig rein und feurig.« Sie blinzelte
angestrengt hinüber und streckte nachlässig die Hand aus, um sich das
Etui zur näheren Besichtigung auszubitten.
»Glasfluß?« wiederholte der Kommerzienrat beleidigt. »Aber, Großmama,
wie können Sie mich denn für so entsetzlich unnobel halten? Ist denn
auch nur ein Faden hier unecht?« -- Er fuhr mit der Hand durch die
knisternden Stoffe. »Ich kaufe grundsätzlich nie Imitation -- das
sollten Sie doch aus Erfahrung wissen.«
Die Präsidentin biß sich auf die Lippen. »Das weiß ich, Moritz --
ich bin nur ganz konsterniert der Thatsache gegenüber; das sind
Rubinenexemplare, wie sie, meines Wissens, unsere liebe Fürstin nicht
einmal aufzuweisen hat.«
»Dann thut mir der Fürst leid, daß ihm die Mittel dazu fehlen,« rief
der Kommerzienrat unter übermütigem Lachen. »Uebrigens müßte ich mich
schämen, gerade Käthe etwas Wertloses zu schenken, Käthe, dem Goldkind,
das in zwei Jahren aus dem eigenen Besitze jedes beliebige Kapital
entnehmen und sich Juwelen anschaffen kann, so viel sie Lust hat. Wie
würde sie dann die Imitation als eine Beleidigung verächtlich in die
Ecke werfen!«
»Ich glaube das selbst,« fiel die Präsidentin mit kühler Ironie ein;
»Käthe hat eine merkwürdige Passion für alles Schwere, in welchem recht
viel Geld steckt -- das beweisen ihre ewigen Tafttoiletten. Aber,
mein Kind,« -- sie heftete die Augen scharf auf das junge Mädchen,
das die bebenden Hände wieder auf der Stuhllehne gefaltet und keine
Miene gemacht hatte, das Geschmeide zurückzunehmen -- »auch die Art,
sich zu kleiden, muß vom Taktgefühle, vom guten Ton ausgehen, wenn
man denn einmal gern zur feinen Welt gehören möchte. Achtzehn Jahre
und Brillanten passen nicht zusammen -- an einen Mädchenhals gehört
ein schlichtes Kreuz oder Medaillon am Samtbande, allerhöchstens eine
einfache Perlen- oder Korallenschnur.«
»Ich bitte dich, Großmama, Käthe bleibt doch nicht immer achtzehn Jahre
und auch nicht immer ein Mädchen,« rief Flora mit frivolem Mutwillen.
»Das weiß ich am besten, gelt, Käthe?«
Die Augen des Mädchens flammten auf vor beleidigter Scham und vor
Unwillen; sie wandte sich stolz ab, ohne auch nur mit einer Silbe zu
antworten.
»Schau, wie sie erhaben aussehen kann, die Kleine!« lachte Flora
gezwungen auf -- es gelang ihr nicht, ein Gemisch von Aerger und
Verlegenheit ganz zu verbergen. »Thut sie doch, als hätte ich an
das strengste Amtsgeheimnis mit meiner unschuldigen Ausplauderei
gerührt! Ist's denn ein Verbrechen, wenn man den Wunsch hat, sich
zu verheiraten? Geh, kleine Prüde! Was man in einem vertraulichen
Augenblicke bekennt, das muß man auch öffentlich nicht verleugnen.« Sie
schob die schneeweißen Finger spielend unter die funkelnden Rubinen und
sah schelmisch und vielsagend blinzelnd den Kommerzienrat von der Seite
an. »Wahr ist's, Moritz -- das ist in der That ein Kollier -- wie es
nur die Frau eines Millionärs tragen kann.«
Bei diesen Worten erhob sich die Präsidentin. Sie raffte mit
ungewohnter Hast und unsicheren Fingern Brief und Lorgnette auf und
zog die Mantille über die Schultern, um zu gehen. »Magst du auch immer
streng auf Echtheit halten, bester Moritz,« sagte sie vornehm gelassen;
»der Champagner, den wir mittags auf Floras Wohl getrunken haben, war
es nicht; er macht mir unerträgliches Kopfweh. Ich muß mich für einige
Stunden niederlegen.«
Inmitten des Salons wandte sie sich noch einmal zurück. »Wenn ich mich
erholt haben werde, möchte ich dich um eine Entscheidung bitten,«
setzte sie hinzu, indem sie dem Kommerzienrat den Brief hinhielt. »Lies
ihn -- du wirst finden müssen, daß die Baronin nicht zum zweitenmal
zurückgewiesen und beleidigt werden darf. Ich habe mich neulich gefügt
um des lieben Friedens willen, aber nun bin ich nicht mehr in der Lage,
so unverantwortlich nachzugeben. Leute unseres Standes lassen sich denn
doch nicht wie Marionetten, je nach Gefallen, dirigieren und wohl gar
als unbequem abschütteln. Das bedenke wohl, Moritz!«
Mit kalter Strenge in den Zügen und einem hochmütigen Kopfnicken ging
sie hinaus.
[Illustration]
19.
»Da wirst du einen schweren Stand haben, Moritz,« sagte Flora, nach der
Richtung zeigend, wo die Präsidentin verschwunden war. »Die Großmama
ist gerüstet und bewehrt bis an die Zähne --«
Der Kommerzienrat lachte hell auf.
»Nun, du sollst sehen, sie wird nicht einen Zoll breit von dem Terrain,
das du ihr allzu bereitwillig und unumschränkt eingeräumt hast, an
eine andere abtreten wollen. Ich habe dich oft genug gewarnt, sieh
du nun auch zu, wie du mit ihr fertig wirst!« Sie unterbrach sich
plötzlich und erfaßte besorgt Brucks Hand. »Sage mir nur um des
Himmels willen, was mit dir ist, Leo?« rief sie leidenschaftlich
erregt. »Du kämpfest mit einem inneren Schmerz, den du mir verbergen
möchtest. Magst du auch andere täuschen, das Auge der Liebe täuschest
du nicht. Hier und hier« -- sie fuhr mit ihren weißen Fingern über
seine Stirn, die bis an die Haarwurzeln errötete -- »sehe ich Linien,
die mich ängstigen. Du strengst dich offenbar zu sehr an. Weißt du,
daß ich mir die Freiheit nehmen und von heute an einen unserer Diener
in deine Stadtwohnung beordern werde, um diese lästigen Spießbürger
unerbittlich zurückzuweisen, die dein ärztliches Wirken kaum noch
mit Steinen beworfen haben und nun dich zu Grunde richten mit ihrer
Zudringlichkeit?«
Henriette starrte die zuversichtliche Sprecherin wie fassungslos an,
und der Kommerzienrat räusperte sich und strich wiederholt mit der Hand
über sein feines Bärtchen, um einen mokanten Ausdruck zu verbergen;
über das Gesicht des Doktors aber, das vorhin allerdings eine
unerklärliche, erschreckende Starrheit angenommen hatte, ging jetzt
schattenhaft ein schneidendes, bitterverächtliches Lächeln hin. »Das
wirst du nicht thun, Flora,« sagte er rauh und sehr gebieterisch. »Jede
unbefugte Einmischung in meine Praxis muß ich mir entschieden verbitten
-- heute und immer. Ich habe übrigens im Interesse eines Schwerkranken,
den heftige Gemütsbewegungen geistig und körperlich gebrochen, ein Wort
mit dir zu reden,« wandte er sich an den Kommerzienrat. »Möchtest du
mir wohl eine Besprechung unter vier Augen gestatten?«
»Eines Schwerkranken?« wiederholte der Kommerzienrat nachsinnend. Er
runzelte gleich darauf finster die Brauen und ein harter, widerwilliger
Zug entstellte seinen Mund. »Ach ja, ich weiß schon,« sagte er mit
einer wegwerfenden Handbewegung; »es ist der wagehalsige Mosje, der
Kaufmann Lenz. Der Mensch hat auf die unvernünftigste Weise ins Blaue
hinein spekuliert und möchte sich nun mit einem tiefen Griffe in meinen
Säckel retten; ich bedanke mich.«
»Willst du mir dergleichen nicht lieber drüben aussprechen?« fragte der
Doktor mit starkem Nachdrucke. »Wir beide sind heute noch die einzigen,
die der Mann in seine furchtbare Lage eingeweiht hat; nicht einmal
seine Frau weiß darum --«
»Nun meinetwegen; ich werde ja hören, inwiefern er dich zum Vermittler
gemacht hat, glaube aber schwerlich, daß ich ihm auch nur eine
Fingerspitze reichen werde. Es ist eine total verlorene Sache, sag' ich
dir.« Er zuckte kalt die Achseln; den einst wirklich gutherzigen Mann
hatten Glück und Geld unempfindlich gemacht -- er war völlig unfähig
geworden, sich in eine von qualvollen Sorgen hin und her gepeitschte
Menschenseele hineinzudenken. »Im übrigen hast du am allerwenigsten
Ursache, dich seiner anzunehmen, er hat _auch_ einen Stein aufgehoben,
um dich zu bewerfen.«
»Soll das wirklich maßgebend für mich sein?« fragte Bruck ernst über
die Schulter, während er sich anschickte, dem Kommerzienrate in das
anstoßende Zimmer voranzugehen. -- Der Mann der Wissenschaft erschien
in diesem Augenblicke hochherrlich und imponierend neben dem jäh
errötenden Geldmenschen.
Die drei Schwestern blieben allein. Flora schellte übelgelaunt nach
ihrer Jungfer, damit sie die Geschenke des Kommerzienrates hinwegräume,
und Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme.
»Willst du ins Freie, Käthe?« fragte Henriette, die sich wieder in
ihren Schaukelstuhl gekauert hatte.
»Es ist heute Arbeitsstunde bei der Tante Diakonus; ich habe mich schon
verspätet und muß eilen --« Das junge Mädchen verstummte unwillkürlich;
Schwester Flora warf einen Karton mit Blumen so heftig in die
Korbwanne, welche die Kammerjungfer herbeigeholt hatte, daß ein ganzer
Regen zarter, weißer Blütenglocken über die Stoffe hinflog.
»Wie mich dieses Thun und Treiben anekelt, kann ich gar nicht
sagen,« rief sie ergrimmt. »Diese Tante, dieses personifizierte
Pflichtgefühl, hat meine heutige Einladung zum Kaffee abgelehnt, weil
die kleinen Damen aus unserem verrufensten Stadtviertel beileibe nicht
unverrichteter Dinge fortgeschickt werden dürfen, und Fräulein Käthe
beeilt sich selbstverständlich aus demselben Grunde, zu der Farce eine
ernsthafte Miene voll Pflicht und Tugend zu machen.«
Sie biß sich auf die Lippen und wartete, bis sich die Jungfer entfernt
hatte, dann aber erfaßte sie Käthe, die eben schweigend das Zimmer
verlassen wollte, am Arm und hielt sie zurück. »Nur einen Augenblick
Geduld! Ich muß dir sagen, daß du mich durch dein Gebaren in eine Rolle
drängst, die ich auf die Dauer unmöglich durchführen kann -- bis zum
September ist eine lange Zeit. Was liegt näher, als daß die Tante von
der Braut ihres Neffen dieselbe heroische Selbstüberwindung verlangt,
wie sie das Muster von Schwester an den Tag legt? -- Ich soll die
ungewaschenen Kinderfinger zwischen die meinen nehmen und lammgeduldig
Masche um Masche von den Nadeln heben, bis solch ein vernagelter
Tagelöhnerkopf die Manipulation des Strickens begriffen hat. Ich soll
nötigenfalls schmutzige Gesichter waschen, wirre Zöpfe strählen und
stundenlang mit den unappetitlichen Menschenkindern Ringelreihe spielen
-- ich hab's versucht -- brr! Und wenn ich darauf hin mein Mitwirken
unterlasse, da geschieht es, daß ich durch die Ohrenbläsereien der
guten Tante in Brucks Augen zu einem wahren Ungeheuer gestempelt werde,
das -- unweiblich und herzlos -- die süße Kinderwelt nicht liebt. Aus
diesem Grunde verbiete ich dir nochmals, ein für allemal diese Art
Verkehr im Hause meines Bräutigams, kraft meines guten Rechtes -- hörst
du?«
»Ich höre, werde aber nichtsdestoweniger thun, was mir mein eigenes
Gewissen nicht verbietet,« versetzte Käthe fest und ruhig und schob mit
einer energischen Gebärde die Hand der Schwester von ihrem Arm. »Deinem
guten Recht, das du übrigens selbst mißachtet und in meiner Gegenwart
als überlästig ausgeboten hast --«
[Illustration]
»Ja wohl, ja wohl!« rief Henriette dazwischen -- sie stand plötzlich
neben Käthe und ihre Augen funkelten in unversöhnlichem Haß die
übermütige Schwester an.
»Also diesem Recht trete ich in keiner Weise nahe, dessen bin ich mir
bewußt,« fuhr Käthe fort. »Schlimm aber steht es um dich, wenn du in
jeder menschenwürdigen Handlung anderer ein feindliches Element siehst,
das deine Stellung gefährdet --«
»Gefährdet?« wiederholte Flora, unter spöttischem Gelächter die Hände
zusammenschlagend. »Liebste, weiseste aller Moralpredigerinnen, das ist
ein kleiner Irrtum. Eine Liebesleidenschaft, die sich das alles bieten
läßt, was ich mit gutem Vorbedacht als _Feuerprobe_ über Bruck verhängt
hatte, kann durch nichts mehr auf Erden gefährdet werden.«
»Traurig genug!« murmelte Henriette mit heiserer, fast erstickter
Stimme und zornig geballten Händen. »Ich muß mir immer wieder Brucks
männliche Festigkeit in seinem ganzen sonstigen Verhalten und Auftreten
ins Gedächtnis zurückrufen, um ihn nicht als -- Schwächling zu
verurteilen.«
»Es handelt sich eben nur um die Spanne Brautzeit bis zum September,«
fuhr Flora fort, Henriettens Einwurf mit spöttischem Achselzucken
einfach übergehend, »und es ist nichts anderes als ein höfliches
Zugeständnis meinerseits der Alten gegenüber; ich wünsche mich mit
ihr zu vertragen. In L.....g ändert sich freilich alles; da fallen
dergleichen Rücksichten von selbst weg, und was Bruck betrifft, so
wird er in den ersten Wochen unserer Ehe einsehen, daß eine Frau,
wie sie die Tante für ihn wünscht, nicht nur eine beschämende Last,
sondern geradezu eine Unmöglichkeit für ihn sein würde. Dann erst
kann er meinen Wert vollkommen erkennen, wenn der Salonverkehr seines
Hauses, dem ich präsidiere, den rechten Lüster über seine hervorragende
Stellung wirft; wenn er mich stets in gewohnter Eleganz und Sicherheit
auf meinem Posten findet, ohne daß mein Fernhalten von Hauswesen und
Kinderstube pekuniäre Opfer seinerseits fordert. Ich habe bereits alles
berechnet; nach Abzug meiner Toiletten- und Nadelgelder bleibt mir
von meinen Revenüen so viel übrig, daß ich den Gehalt einer perfekten
Köchin, der Wirtschaftsmamsell, der Kinderfrau und der Gouvernante aus
meiner eigenen Tasche bezahlen kann.«
Sie sah bei den letzten Worten auf ihre glänzenden, rosenfarbenen
Nägel, dann wandte sie mit einer langsamen, stolzen Bewegung den Kopf
seitwärts -- der deckenhohe Spiegel warf ihre Gestalt zurück, diese
blendende Erscheinung, bei deren Anblick man sich allerdings unmöglich
denken konnte, daß sie je in trauter Häuslichkeit einen kleinen
Liebling auf den Knieen wiegen, am Krankenbettchen Märchen erzählen und
in der Kinderstube das sein werde, was die treue Mutter sein soll, das
tröstende Licht, das keine Nacht aufkommen läßt, die höchste Instanz,
die mit einem Kusse jeden Streit schlichtet, die unermüdlich stützende
Hand, an der das Kind geistig und physisch laufen lernt.
Und ihr Blick irrte wie schönheitstrunken weiter und blieb vergleichend
an dem weißgekleideten Mädchen hängen, hinter welchem die blausamtene
Portiere niederfiel. Von diesem Grunde hoben sich die jugendlich
schwellenden Glieder, die unvergleichliche Schönheit der Gesichtsfarben
unter der dicken Flechtenkrone, die im reinsten Perlmutterweiß
schwimmenden dunkeln Augensterne herrlich ab, und wenn die schöne Flora
in ihrem Gesamtausdrucke das wissende Weib repräsentierte, das bereits
tief in das Leben geschaut hat, so stand da neben ihr ein jungfräulich
keuscher Schwan in naiver Unschuld und fleckenloser Seelenreinheit.
Vielleicht mißfiel ihr das. Sie lächelte das Spiegelbild spöttisch an
und nickte hinüber.
»Ja ja, meine Kleine, so veilchenhaft bescheiden wirst du nicht immer
bleiben, und die häuslichen Bestrebungen, zu denen dich die Lukas in
so unvernünftig übertriebener Weise erzogen, sind bei dir ebenso wenig
am Platze wie bei meiner künftigen Lebensstellung. Moritz wird dir nie
das unharmonische Geklingel mit dem wirtschaftlichen Schlüsselbunde
gestatten -- darauf verlasse dich, und wenn er dir galanterweise
sogar zehnmal einen Geflügelhof in Aussicht stellt! Gerade er mit
seinem neugebackenen Adel wird in Bezug auf die etikettengemäß
weißen, geschonten Hände seiner Frau penibel sein wie kaum unser
Allerdurchlauchtigster.«
Käthe war längst errötend aus dem Bereiche des Spiegels getreten. »Das
mag Moritz halten, wie er will. Was geht das mich an?« fragte sie in
halbabgewendeter Stellung, aber die Augen groß und verwundert auf das
Gesicht der Schwester richtend.
»Aber ich bitte dich, Flora, wie kannst du so taktlos sein, Moritz
in so unumwundener Weise vorzugreifen?« rief Henriette erschreckt;
sie fixierte mit einem besorgten, verlegenen Seitenblick Käthes
Gesichtsausdruck.
»Ach was, er kann mir nur dankbar sein, wenn ich ihm den Weg ein wenig
glatt und eben mache. Und glaubst du denn, ich spräche da etwas
aus, das Käthe nicht selbst längst wüßte? Es gibt kein Mädchen über
fünfzehn Jahre, das nicht mit den Fühlfäden des Sehnens und Wünschens
unausgesetzt sondierte und sofort wie durch einen elektrischen Schlag
fühlte, wenn ein Männerherz sich ihm zuneigt. Die das nicht zugeben,
sind entweder zu dumm oder raffinierte Koketten.« Sie maß wieder ihr
Spiegelbild vom Kopf bis zu den Fußspitzen und zog die Löckchen tiefer
in die Stirn. »Wer vorhin Augen gehabt hat, zu sehen, wie unsere Kleine
sich vertrauensvoll und hingebend anzuschmiegen weiß, der kann nicht
mehr fehlgehen -- gelt, Käthe, du verstehst mich?« Jetzt lächelte sie
mit frivol blinzelnden Augen unter dem hochgehobenen Arme weg die junge
Schwester an.
»Nein, ich verstehe dich nicht,« versetzte das junge Mädchen mit
stockendem Atem; ein undefinierbares Gemisch von heftigem Widerwillen
und böser Vorahnung stieg in ihr auf und machte sie ängstlich.
»Komm, Käthe, wir wollen gehen,« sagte Henriette und schlang ihren Arm
um die Hüften der großen, schlanken Schwester, um sie nach der Thür zu
ziehen. »Ich leide ein solch indiskretes Verhör nicht,« setzte sie,
zornig mit dem Fuße stampfend, hinzu.
»Bah, echauffiere dich nicht, Henriette!« lachte Flora. Sie reichte
Käthe das Etui mit dem Geschmeide hin. »Hier, Kleine, du wirst doch die
Steine nicht in dem offenen Salon liegen lassen, wo die Dienerschaft
aus und ein geht?«
Käthe legte unwillkürlich und naiv wie ein Kind die Rechte, in welche
der Schmuck gedrückt werden sollte, auf den Rücken. »Mag doch Moritz
sie wieder an sich nehmen,« sagte sie kurz und bestimmt. »Deine
Großmama hat darin ganz recht -- es ist ein unpassendes Geschenk; an
meinen Hals gehört ein solcher Schmuck nicht.«
»Und an diese gutgespielte Unbefangenheit soll ich glauben?« rief Flora
ärgerlich und wie gelangweilt. »Geh! Einem so großen, vierschrötigen
Mädchen steht die kindische Ziererei nun einmal nicht an. Da liegt er
noch, der Spitzenshawl, den Moritz der Großmama mitgebracht hat -- sie
verschmäht ihn; sie ist empfindlicher als deine Schwestern, die es
selbstverständlich finden, daß dein Geschenk alles, was er hier für
uns ausgebreitet hat, an innerem Werte mindestens vierfach aufwiegt --
und über das Warum dieser Auszeichnung wolltest du allein im unklaren
sein? Mache dich nicht lächerlich! Hörst Tag für Tag das Hantieren
drüben im Pavillon -- alle im Hause, bis auf die aus und ein gehenden
Handwerker hinab, wissen, daß die Wohnung für die Großmama hergerichtet
wird, damit die junge Frau Kommerzienrätin in diese brillanten Räume
einziehen kann -- nun, kleine Unschuld, soll ich noch deutlicher
werden?«
Bis dahin hatte das junge Mädchen regungslos gestanden und mit
zurückgehaltenem Atem und aufdämmerndem Verständnis die Redewendungen
der Schwester so erschreckten Auges verfolgt, als sehe sie eine
buntschillernde, gefährliche Schlange allmählich sich entringeln. Nun
aber irrte ein stolzes Lächeln um ihre blaßgewordenen Lippen. »Bemühe
dich nicht -- ich habe dich endlich verstanden,« sagte sie bitter --
dem Metallklang ihrer Stimme hörte man den inneren Schrecken an -- »du
hast es weit klüger angefangen als deine Großmama, mir den ferneren
Aufenthalt in diesem Hause unmöglich zu machen.«
»Käthe!« schrie Henriette auf. »Nein, darin irrst du. Flora ist wie
immer entsetzlich rücksichtslos gewesen, aber böse gemeint waren ihre
Anspielungen sicher nicht.« Sie schmiegte sich eng an die Schwester an
und sah ihr zärtlich in das Gesicht. »Und wenn auch, weshalb sollten
dich denn derartige Neckereien aus dem Hause treiben, Käthe?« fragte
sie halb ängstlich und zögernd in schmeichelndem Flüstertone. »Bist
du wirklich so ahnungslos der Liebe gegenüber geblieben, die dir so
unzweideutig gezeigt wird? Sieh, ich habe jetzt oft den heißen Wunsch
zu sterben, wenn es aber wahr würde, daß du als Herrin hier in unserem
väterlichen Heim einzögest, dann --«
Käthe wand sich ungestüm aus den zarten Armen, die sie umstrickten.
»Niemals!« rief sie, den Kopf heftig schüttelnd, zornig, erbittert,
wie es nur ein stolzes, plötzlich in allen seinen Tiefen unsanft und
schonungslos aufgerütteltes Mädchengemüt sein kann.
»So -- also niemals?« wiederholte Flora sarkastisch. »Vielleicht ist
dir die Partie nicht vornehm genug -- wie? Wartest wohl auf irgend
einen verschuldeten Grafen oder Prinzen, der modernerweise nicht das
Dornröschen selbst, sondern ihre Geldsäcke aus dem Zauberbanne erlöst?
Ei nun, die Jetztzeit ist ja nicht arm an solchen Ehen! Wie aber die
unglückliche Mitgabe, die Frau, dabei fährt, weiß man auch ... Willst
du immer wieder hören, daß dein Großvater hinter den Müllerpferden
hergegangen und deine Großmutter barfuß gelaufen ist, dann heirate
nur in eine solche adelsstolze Familie! Uebrigens möchte ich wirklich
wissen, was du an Moritz auszusetzen hast, oder vielmehr, was dich
berechtigt, seine Hand zurückzuweisen. Du bist allerdings sehr reich,
aber was es für einen bedenklichen Haken dabei hat, wissen wir. Du
hast viel Jugendfrische, allein schön bist du nicht, meine Kleine,
und was dein Talent betrifft, mit welchem du allerdings in günstigen
Momenten zu brillieren verstehst, so ist das ein von ehrgeizigen
Lehrern künstlich angefachtes Geistesfünkchen, das sehr schnell wieder
erlöschen wird, sobald das fette Honorar aufhört.«
»Flora!« unterbrach sie Henriette empört.
»Schweig! Ich rede jetzt in deinem Interesse,« sagte Flora, mit einer
kräftigen Handbewegung die schwache Gestalt der Kranken beiseite
schiebend. »Oder möchtest du Moritz leidenschaftlicher verliebt in dich
sehen, als er sich gibt, Käthe? Liebes Kind, er ist ein gereifter Mann,
der über das Heldenspielen in einem Backfischroman längst hinaus ist.
Es fragt sich überhaupt, ob du je um deiner selbst willen gewählt wirst
-- bei solchen kleinen Millionärinnen kann man das nie wissen .... Ich
begreife dich nicht. Du hast dich bis zu diesem Augenblicke auf die
Krankenpflegerin kapriziert, wie kaum eine aussichtslose alte Jungfer,
weil -- es eigentlich von keiner Seite gewünscht wurde, und nun, da
Henriette ihre ganze fernere Existenz an dein Bleiben im Hause knüpft,
willst du gehen? Ich für meine Person würde auch ruhiger in der Ferne
sein, wenn ich unsere Schwester unter deinen pflegenden Händen wüßte,
und was Bruck anbelangt -- nun, du hast dich allerdings eben wieder
überzeugen müssen, wie wenig sympathisch du ihm bist, armes Kind; er
will lieber den ungezogenen Schreihals, den Job Brandau, in seinen vier
Wänden dulden als dein häusliches Schalten und Walten, aber ich weiß
trotz alledem gewiß, daß er seine Patientin, die er schließlich doch
hier ihrem Schicksale überlassen muß, dir am liebsten übergibt, an der
sie mit Liebe hängt.«
Henriette lehnte mit kreideweißen Wangen an der Wand -- sie war
keines Wortes fähig, so tief erbitterten sie die unbeschreibliche
Nonchalance, der beispiellose Uebermut, mit welchem Flora alles, was
die Schwesterherzen demütigen mußte, an das Licht zerrte. Käthe jedoch
hatte ihre äußere Fassung vollkommen wiedergewonnen.
»Darüber werden wir zwei uns allein verständigen, Henriette,« sagte
sie ganz ruhig, aber die Lippen, welche die Stirn der Kranken küssend
berührten, die Finger, die sich mit innigem Druck um ihre Hand legten,
waren kalt wie Eis. »Du gehst doch wohl jetzt hinauf in dein Zimmer;«
sie sah nach ihrer Uhr, »es ist Zeit, daß du deine Tropfen nimmst. Ich
komme bald zurück.«
Sie ging hinaus, ohne noch einen Blick auf Flora zu werfen.
»Eingebildetes Ding! Ich glaube gar, sie nimmt es auch noch übel, daß
man sie nicht für die erste Schönheit erklärt und daß nicht auch Männer
wie Bruck an ihrem Siegeswagen ziehen,« sagte die schöne Dame mit
sarkastisch zuckenden Mundwinkeln, und während Henriette schweigend ihr
Geschenk und die Kapsel mit dem Rubinschmucke forttrug, schritt sie,
eine Melodie trällernd, nach dem Zimmer, in welches sich die beiden
Herren zurückgezogen, und klopfte ungeniert mit dem Finger an, weil
es, wie sie durch die Thürspalte hinüberrief, sehr ungalant sei, »das
Geburtstagskind« heute allein zu lassen.
[Illustration]
[Illustration]
20.
Käthe wanderte lange ziellos durch den Park, durch alle Laubgänge und
Alleen, in die entlegensten Partien hinein. So aufgeregt, wie sie war,
mochte sie der Tante Diakonus nicht unter die Augen treten; sie wußte,
die alte Frau würde teilnahmvoll fragen, und dann mußte sie beichten,
und wahrscheinlicherweise gehörte die alte Freundin auch zu denen, die
ihre Verbindung mit dem Kommerzienrat wünschten -- sie machten ja in
dem Punkte alle Front gegen sie, Flora, Henriette, der Doktor. Egoisten
waren sie alle, das wußte sie nun. Aber sie ließ sich nicht in den
glänzenden Käfig sperren; sie flog ihnen davon. Das dachte sie bitter,
mit finsterem Trotze, und blieb einen Augenblick mit müden Füßen vor
der Ruine stehen, bis wohin sie sich verirrt hatte. Die Sonne stand
schon tief -- es war Abendsonnenlicht, das die Lüfte, den dunkeln
Tannenwald im Hintergrunde und den flutenden Wasserring um die Ruine
von zwei Seiten her mit Purpur- und Goldtinten glühend tränkte und
färbte. Wie ein Gebild aus schwarzem Marmor hob sich die Hügelform
mit dem Turme von dem glitzernden Grunde, und die vollblätterige
Nußbaumgruppe stand vor ihr wie eine vielzackige dunkle Silhouette,
durch deren Geäst nur da und dort die Farbengluten tropften.
Mit einem feindseligen Blick starrte das junge Mädchen über das Wasser
hinüber. Dort oben, wo die schwere dunkelrote Seidengardine hinter der
mächtigen Spiegelscheibe wie ein unheimlicher Blutstrom niederrollte,
stand der vielberufene Geldschrank. Bis dahin hatte sie ihn gefürchtet;
heute haßte sie diese vier engen eisernen Wände, die ihr Ich, ihr
warmschlagendes Herz aus dem Dasein löschten und sich selbst an die
Stelle eines jungen Mädchens mit idealen Hoffnungen und Wünschen und
tiefer Sehnsucht nach wahrem, stillem Liebesglück drängten. Wer auch
kam und um ihre Hand freite, er liebäugelte mit dem eisernen Ungetüm,
das sich an ihre Fersen heftete; jeder Blick, der begehrend auf sie
fiel, galt der Millionärin, jeder warme Händedruck dem Papiergespenst,
»das immer neue Summen aus der Welt an sich zog«. Und das bedachte
der Herr Kommerzienrat von Römer auch -- der reiche Mann wollte noch
reicher werden. Wahrlich, heimtückischer war das Nagen des Wurmes auch
nicht, das allmählich von innen eine köstliche Frucht verzehrte, als
dieser ewig bohrende, das Selbstgefühl vernichtende Gedanke, den Flora
boshaft lachend in die Seele der jungen Schwester geschleudert.
Und dort unten, an der Basis des Turmes gähnte die dunkle Kellerluke,
wo die kostbaren Weine des reichen Mannes feurig gegen die
einzwängenden Faßdauben und Flaschen pochten. Der Kommerzienrat hatte
erst kürzlich wieder die Präsidentin und seine drei Schwägerinnen
hinuntergeführt. Die Eisenbahn hatte wieder einmal zahllose Fässer
und Körbe herangerollt, und sie alle fanden Platz in den mächtigen
Gewölben, die ihre Steinbögen weit und tief in den Leib des Hügels
hineintrieben.
Es wehte eine herrlich kühle, reine und trockene Luft da unten; die
Steinfliesen des Fußbodens blinkten wie poliert; kein Staubkörnchen,
nicht das dünnste Spinnwebfädchen hing an den Steinrippen, die sich
oben zur Kuppel kreuzten, und das Kellergerät, das Trinkgeschirr,
die grünen Römer, die Champagnergläser, alles funkelte und gleißte;
man sah, daß hier dienende Hände ohne Unterlaß fegten und spülten,
strenger und peinlicher als im glänzenden Salon. Und da, wo die
edelsten Sorten, Faß an Faß, lagerten, wo nur ein schwacher Schein des
Tageslichtes hoch oben an der Gewölbdecke dämmerte, da standen auch in
der dunkelsten Ecke die zwei Tonnen mit dem historischen Schießpulver,
so frisch und unversehrt, daß Käthe neulich lachend gemeint hatte, die
ehrwürdigen Reliquien würden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit erneuert
wie der berühmte Tintenfleck auf der Wartburg. Diese Ecke aber war und
blieb ihr unheimlich; sie begriff nicht, wie der reiche Mann sie Tag
und Nacht unter seinen Füßen dulden konnte; und wenn sie auch nur die
gespenstische Ahnfrau der Baumgarten mit umherleuchtender Fackel hin
und her irrend dachte, dann sträubte sich ihr das Haar.
Ihr Blick stieg an den geschwärzten Quadern empor -- ein einziger
Funke, der von dem Kellerlicht wegsprang -- und das alte, wie für
die Ewigkeit gekittete Turmgefüge barst auseinander, und alles, was
Menschenhände an Schätzen in dem Mauerviereck gierig zusammengerafft,
es stürmte, in Atome zerstückelt, gen Himmel. Auch die eisernen Wände
zersprangen, und die Papiere, an denen der Fluch der Bedürftigen hing,
zerstoben und zerflatterten nach allen Winden.
Dem jungen Mädchen graute vor der eigenen Seele, durch die der Gedanke
huschte, es möchte so sein, auf daß ihr Ich erlöst werde von der
goldenen Maske, nach der die Gelddurstigen strebten. Entsetzt vor
dem Bilde der Zerstörung, das die eigene Phantasie heraufbeschworen,
hatte sie die Augen bedeckt, und nun ließ sie die Hände sinken und sah
tiefaufatmend in die blaugoldigen Lüfte, in welchen, hoch über dem
Turme, Henriettens Taubenscharen kreisten, und dort vor dem Fenster
des scheinbar schiefhängenden Mauerstückes, das auf seinem Rücken
den letzten herrlichen Kolonnadenrest trug, hing der Amselbauer des
dort hausenden Dieners. Rosmarin und Goldlack standen auf dem Sims;
und darüber her fiel eine Gardine maiengrüner und maienduftender
Hopfenranken. Das Vögelchen sang aus allen Kräften in das Gelärm
der flügelklatschenden Tauben hinein, und den grasigen Abhang herab
waren geräuschlos die Rehe gekommen und äugten über das Wasser hinweg
nach dem großen, schlanken Menschenkind, das eben so häßlich, so
verzweiflungsvoll geträumt hatte.
Die Rehe und die Tauben kannten sehr gut das junge Mädchen, das
stets in den Taschen Brot und Körner mitbrachte, aber heute hatte
sie nur ein stummes Abschiedwinken mit der Hand für sie, ob auch das
Taubenvolk sich jetzt auf den Rasen niederstürzte und seine Kecksten
rekognoszierend und bettelnd auf die Brücke vorausschickte. Käthe ging
weiter am Flußufer hin, und bald mischte sich ferner Kinderjubel mit
dem Rauschen des Wassers. Die kleinen Schülerinnen der Tante Diakonus
spielten noch im Garten, und trotz der tiefen Niedergeschlagenheit,
trotz der Seelenschmerzen, deren Wesen und Ursprung sie zum Teil
nicht einmal begriff, weckten diese Laute ein warmes Freudengefühl in
Käthe. Ach nein, die kleinen Geschöpfe da drüben mit den unschuldigen
Augen und den jungen fröhlichen Herzen sahen nicht die Millionärin
in ihr; sie wußten noch nichts von dem eisernen Geldschranke; sie
nahmen unbefangen und dankbar das gereichte Vesperbrot und fragten
nicht, wer es bezahlt habe. In den jungen Seelen lebte sie als Tante
Käthe, um deren Liebesbeweise man sich stritt und zankte, welcher man
sehnsüchtig entgegenlief und in deren Ohr das ängstliche Bekenntnis
kleiner Vergehen oder die weinende Klage über ein erlittenes Unrecht
vertrauensvoll geflüstert wurden. Nein, dort wurde sie geliebt,
aufrichtig geliebt um ihrer selbst willen.
Sie verdoppelte ihre Schritte; je näher sie dem Hause kam, desto mehr
wurde ihr zu Sinne, als kehre sie heim aus der Irre. Dort trat die Magd
zwischen den zwei gewaltigen Pappeln hervor, die zu beiden Seiten der
Brücke standen, und wanderte, den Henkelkorb am Arme, nach der Stadt,
um die Abendeinkäufe zu machen -- das war auch eine treue Seele, die
nicht um des Geldes willen an der Herrschaft hing; ihr gutmütiges,
offenes Gesicht gehörte so recht in das gemütliche Heimwesen am Flusse.
Von den Kindern war nichts zu sehen, als Käthe über die Brücke kam
-- sie spielten hinter dem Hause; dafür machte sich der Haushahn um
so breiter auf dem Rasenplatze; er schlug mit den farbenglänzenden
Flügeln und krähte, daß es weit über das Feld hingellte; die Hühner
unterbrachen ihr Scharren und schielten mit schiefgehaltenem Kopfe
nach der Mädchenhand, die ihnen oft Futter hinstreute, und der Hofhund
begnügte sich mit einem begrüßenden Schwanzwedeln. Er war jetzt gut
Freund mit Käthe, bellte sie nie an und hatte sich mit der Zeit so viel
Bildung angeeignet, die gelbe Henne nunmehr auch unangefochten vor
seiner Nase hinspazieren zu lassen.
Die Hausthür stand weit offen und die Magd war ausgegangen, mithin
befand sich die Tante im Hause. Käthe stieg eben die Stufen hinauf, als
sie in der Flur den Doktor sprechen hörte. Wie festgewurzelt blieb sie
stehen.
»Nein, Tante, der Lärm belästigt mich. Meine Kopfnerven machen mir
augenblicklich zu schaffen,« sagte er. »Wenn ich mich für Momente in
den grünen Winkel hier flüchte, so will ich ausruhen; ich brauche Ruhe,
Ruhe.« -- War er es wirklich, der gelassene Mann, in dessen Stimme so
viel nervöse Ungeduld, so viel zitternde Pein mitsprach? »Es ist ein
Opfer, das ich von dir verlange, Tante, ich weiß es, aber trotz alledem
bitte ich dich dringend, diese Unterrichtsstunden für die wenigen
Monate, die ich noch hier sein werde, auszusetzen. Für diese Zeit will
ich herzlich gern ein Zimmer in der Stadt mieten und eine Lehrerin
bezahlen, damit deinen Schülerinnen kein Nachteil erwächst --«
»Um Gott, Leo, du brauchst ja nur zu wünschen,« unterbrach ihn die
Tante erschrocken. »Wie konnte ich denn ahnen, daß dir dieser Verkehr
plötzlich so unangenehm ist? Nicht ein Laut mehr soll dich stören --
dafür lasse mich sorgen! Mich dauert nur eins dabei -- Käthe --«
»Immer dieses Mädchen!« brauste der Doktor auf, als verliere er bei
dieser Klage den letzten Rest von Geduld und Selbstbeherrschung. »An
_mich_ denkst du nicht.«
»Aber ich bitte dich, Leo, was ficht dich an? Ich glaube gar, du bist
eifersüchtig auf die Liebe und Zuneigung deiner alten Tante,« rief die
alte Frau erstaunt und ungläubig lachend.
Er schwieg; das junge Mädchen draußen hörte, wie er einige Schritte
nach der Hausthür machte.
»Meine arme Käthe! Es ist völlig undenkbar, daß ihr geräuschlos
wohlthuendes Walten, ihre ganze Erscheinung irgend einem Menschen auf
Gottes Erde unangenehm sein könnte,« sagte die Tante, leisen Trittes
ihm nachgehend. »Ich habe noch kein Mädchen gesehen, das so prächtig
Kindesunschuld und Frauenwürde, Verständnisschärfe und Innigkeit des
Gemütes in sich vereinte. Das zieht mich unwiderstehlich zu ihr hin,
und ich meine, so ungerecht dürfte auch mein Leo nicht sein, daß er
neben seiner vergötterten Braut kein anderes weibliches Wesen gelten
ließe.«
Käthe schrak zusammen -- der Doktor brach in ein sardonisches
Gelächter aus, so laut und erschütternd, daß sie sich davor entsetzte.
Unwillkürlich hob sie den Fuß zur Flucht -- nein, sie blieb. Das
spöttische Lachen galt ihr -- sie wollte wissen, wie der Doktor die
gute Meinung der Tante, die ihr allerdings die Glut der Beschämung in
die Wangen trieb, widerlegen werde.
»Du bist sonst eine so kluge, klarsehende Frau, Tante, aber hier
läßt dich dein Scharfblick kläglich im Stich,« sagte er, das Lachen
in jäher, unheimlicher Weise abbrechend. »Immerhin! Ich werde
selbstverständlich deine Ansichten nicht anfechten -- wer vermag sich
denn selbst in das Gesicht zu schlagen? Ich habe dich nur um eins zu
bitten: daß unser Zusammenleben bis zu meiner Abreise sich genau wieder
so gestalte, wie es vordem war -- wir wollen _allein_ sein. Du hast
dich früher ohne die Gesellschaft junger Damen zufrieden gefühlt; suche
dich für die wenigen Monate meines Hierseins wieder in die ungestörte
Einsamkeit zu finden -- ich will niemand hier aus und ein gehen sehen.«
»Also auch Käthe nicht?«
Ein starkes Aufknirschen des über die Steinfliesen hingestreuten Sandes
drinnen ließ das junge Mädchen vermuten, daß der Doktor ungeduldig mit
dem Fuße auftrete. »Tante, soll ich denn durchaus gezwungen werden --«
rief er erbittert; seine Stimme war kaum zu erkennen.
»Behüte Gott -- alles wie du willst, Leo!« unterbrach ihn die alte Frau
erschrocken und doch ihr schmerzliches Bedauern nicht verbergend. »Ich
werde mich bemühen, die Verbannung so schonend wie möglich einzuleiten,
damit sie nicht allzu wehe thut ... Aber, mein Himmel, wie erregt du
bist, Leo, und wie fieberisch deine Hand brennt! Du bist krank. Du
opferst dich für deine Patienten. Nun, wenigstens hier in deinem Heim
werde ich dir Ruhe verschaffen -- darauf verlasse dich! Darf ich dir
ein Glas Limonade mischen?«
Er dankte mit beruhigter Stimme und verabschiedete sich. Käthe hörte,
wie die Tante nach der Küche ging, wahrscheinlich, um das verspätete
Vesperbrot herzurichten. Gleich darauf trat der Doktor unter die
Hausthür.
[Illustration: Er dankte mit beruhigter Stimme und verabschiedete sich.
(S. 269.)]
[Illustration]
21.
Da, dicht neben der Thüreinfassung, lehnte das junge Mädchen an der
Wand; mit blassem Gesicht, die Zähne fest zusammengebissen, starrte sie
neben dem herabsteigenden Manne weg in die leere Luft -- sie _wollte_
ihn nicht sehen.
Er schrak bei ihrem Anblick zusammen und blieb einen Moment wortlos
vor ihr stehen, die unbeweglich wie ein Wachsbild in ihrer Stellung
verharrte. »Käthe!« rief er leise, ängstlich zögernd wie jemand, der
einen in einem schweren Traum Befangenen zu erwecken sucht.
Sie richtete sich in ihrer ganzen Höhe und schlanken Schönheit auf
und stieg langsam die Stufen herab. »Was wünschen Sie, Herr Doktor?«
fragte sie, drunten auf dem Rasen stehend, über die Schulter nach ihm
zurück. Auch diese Bewegung hätte noch den Eindruck des Automatenhaften
gemacht, wäre nicht der empört flammende Blick gewesen, den sie jetzt
auf den Doktor richtete.
Er errötete heiß wie ein Mädchen und trat zu ihr. »Sie haben gehört --«
fragte er unsicher, aber gespannt in jeder Gesichtslinie.
»Ja,« unterbrach sie ihn bitter lächelnd, »jedes Wort, und habe damit
selbst schlagend bewiesen, wie recht Sie thun, Ihr Haus von fremden
Eindringlingen zu säubern -- die Wände haben Ohren.« -- Sie ging noch
einige Schritte vom Hause weg, als könne sie nicht entfernt genug von
der Schwelle stehen, die sie nicht mehr betreten sollte.
Er hatte sich währenddem gefaßt; er warf seinen Hut auf einen
Gartentisch in Käthes Nähe und richtete seine hohe Gestalt aus der
vorgeneigten Stellung empor, die er im ersten Zusammenschrecken
angenommen. Aus seinen Wangen war die Röte gewichen, aber es sah aus,
als atme er auf, als sei es ihm erwünscht, daß eine solche Wendung
eingetreten, daß ihm der Zufall zu Hilfe gekommen sei. »Die Furcht,
belauscht zu werden, hat keinen Teil an dem, was ich vorhin meiner
Tante ausgesprochen. Dieses stille Haus hat keine Geheimnisse, und das,
was man in seiner Brust verschließen muß, wird auch nicht laut zwischen
Wänden, die keine Ohren haben,« sagte er mit ruhigem Ernste. »Sie haben
jedes Wort gehört -- dann wissen Sie auch, daß mich nur der Wunsch nach
momentanem Ausruhen bestimmt, ungestörte Stille zu fordern. Ich muß es
leider gleich von vornherein aufgeben, diesen meinen rohen Egoismus
entschuldigend zu motivieren. Sie können sich selber nicht denken,
daß es Seelen gibt, die fortgesetzt gleichsam auf der Flucht sind vor
Gedanken und -- Gestalten, aber vielleicht wird es Ihnen leichter,
sich den schmerzvollen Zorn, die Qual eines Verfolgten vorzustellen,
der erschöpft dem schützenden Heim zueilt und gerade da sich vor denen
sieht, die er flieht.«
Sie sah mit ihren klugen Augen scheu prüfend zu ihm empor, der ihr
während des Sprechens näher getreten war. Ja, es war ihm tiefer Ernst
mit dem, was er sagte; er _schilderte_ nicht nur die Qual eines solchen
Verfolgten, er empfand sie auch in diesem Augenblicke wirklich und
leibhaftig, das sah sie an seinem seltsam verstörten Blicke, an dem
fahlen Erbleichen, das sein Gesicht seltsam überschauerte; allein --
vor seiner Braut floh er doch nicht, auch auf die unschuldigen Kinder
konnte sie das Gesagte unmöglich beziehen; sonst aber verkehrte niemand
hier -- außer ihr; mithin verhielt es sich in Wirklichkeit so, wie
sie sich bereits tiefverletzt eingestanden; sie war ihm als Zeugin
verschiedener Auftritte zwischen ihm und Flora lästig und unerträglich
geworden; er mochte ihr wenigstens in seinem Hause nicht mehr begegnen,
und die Unterrichtsstunden wurden nur sistiert, um ihr jeden Vorwand
zum ferneren Aus- und Eingehen abzuschneiden. Diese Ueberzeugung machte
ihre lieblichen Züge in dem Ausdrucke eisig lächelnden Unglaubens
förmlich erstarren.
»Sie haben gar keine Verpflichtung, Ihre strenge Maßregel zu motivieren
-- Sie sind Herr hier, und das genügt,« versetzte sie frostig. »Aber
welche unbegrenzte Verehrung müssen Sie für die Frau Baronin Steiner
hegen, daß Sie ihr die heißersehnte Ruhe opfern und ihren ungebärdigen
Enkel samt Gouvernante in das Haus nehmen wollen!« -- Das war eine
herbe Zurechtweisung aus dem Mädchenmunde, der allerdings stets fest
zu sprechen gewohnt war, noch nie aber gezeigt hatte, bis zu welcher
Schneidigkeit die weiche Glockenstimme sich schärfen konnte. »Ach
nein, thun Sie das nicht!« rief sie in plötzlicher leidenschaftlicher
Steigerung und streckte die Hand gegen ihn aus, als er überrascht und
betreten die Lippen zu einer Entgegnung öffnete; »ich möchte nicht, daß
Sie sich aus leidiger Höflichkeit zu einer Bemäntelung herbeiließen
und anders sprächen, als Sie denken. -- Weiß ich doch nur zu gut,
welche Beweggründe sie leiten!« Sie kämpfte sichtlich zornige Thränen
nieder. »Ich habe einigemal ungeschickterweise Ihren Weg gekreuzt und
begreife vollkommen die Erbitterung, mit welcher Sie vorhin sagten:
‚Immer dieses Mädchen!‘ ... Ich kann mir ja selbst dieses Ungeschick
nie verzeihen, obgleich ich in Wahrheit nur ein einzigesmal schuldig
gewesen bin, d. h. mit Vorbedacht mich eingemischt habe. Sie aber gehen
noch unerbittlicher mit mir ins Gericht -- Sie verfolgen mich dafür.«
Doktor Bruck widersprach mit keinem Worte, allein es war, als schließe
er gewaltsam die Lippen gegen die Versuchung, zu sprechen. Seine Augen
sahen seitwärts mit einem festen ausdrucksvollen Blick auf sie nieder,
und die Rechte, die er auf den Gartentisch gestützt hatte, zog sich
wie im Krampfe zusammen. In dieser Stellung, in allen Linien seines
schönen Gesichts lag das Grundgepräge dieses Männercharakters, die
Verschlossenheit, die Willenskraft, die sich nur im äußersten Falle
eine Erklärung abringen läßt.
»Ich bin mit innerem Widerstreben hierher zurückgekehrt,« hob sie
wieder an. »Die alte Dame da drüben« -- sie zeigte in der Richtung nach
der Villa Baumgarten -- »hat mit ihrem Präsidentenstolz meine Kindheit
vergiftet, wo es ihr irgend möglich war, und die bitteren Thränen,
die sie mit ihrer fortgesetzten Impertinenz meiner armen Lukas damals
erpreßt, kann ich ihr nie vergessen. Sie wissen, wie mir bei meiner
Ankunft vor dem Zusammentreffen mit meiner geistesstolzen Schwester
Flora bangte, und wie ich angesichts der Villa am liebsten kehrt
gemacht und zur selben Stunde die Rückreise in mein Dresdener Heim
angetreten hätte -- wäre ich doch gegangen! Neben dem Beamtenstolze
und der geistigen Ueberhebung macht sich nun auch der unerträgliche
Geldhochmut breit -- es weht eine von Goldstaub und Anmaßung erfüllte
Luft dort drüben, in der auch das lebensfrischeste Denken und
Empfinden verkümmern muß. Meiner ganzen Natur nach bin ich unfähig, in
einem solchen Boden Fuß zu fassen, aber hier« -- mit aufgehobenem Arme
deutete sie über Haus und Garten hin -- »hier war ich heimisch; hier
hätte ich selbst meine Dresdener Heimat vergessen können, warum -- ich
weiß es ja selbst nicht.«
Wie lieblich stand sie im schneeweißen Kleide da, den
flechtengeschmückten Kopf sinnend gesenkt! »Die alte prächtige Frau
hat mir's angethan, glaub' ich,« setzte sie mit einem hellen Aufblicke
hinzu, »ihre edle, einfache Erscheinung verhilft mir immer wieder zu
innerem Gleichgewicht; sie geht leise und geräuschlos ihren Weg, und
wenn man auch nie einen eigentlichen Widerspruch von ihren Lippen hört,
nie ein eigensinniges Beharren bemerkt, so weicht sie doch nicht um
eine Linie von dem, was sie für gut und recht hält, ab. Das thut wohl
im Hinblicke auf so viel inhaltslose Vornehmthuerei, auf so lügenhafte
Aufbauschung und Aufgeblasenheit und auch -- so manche beklagenswerte
Schwäche, in die leider selbst der männliche Geist verfallen kann.« Die
Brauen finster faltend, warf sie einen kleinen, blütenschweren Zweig,
den sie unterwegs gepflückt und bisher spielend zwischen den Fingern
gedreht hatte, verächtlich weit von sich.
Diese eine Bewegung reizte und empörte den vor ihr stehenden Mann
sichtlich. Ein düsteres Feuer glomm in seinen Augen auf -- er hatte
sie verstanden. »Sie haben vorhin eine Tugend der ‚alten, prächtigen
Frau‘ aufzuzählen vergessen: die Milde und Vorsicht im Richten,« sagte
er scharf und strafend. »Nie würde sie ein so unbedingt verdammendes
Urteil in der unfehlbaren Weise aussprechen, wie Sie eben gethan, weil
sie weiß, wie leicht man mißversteht, und daß gar manchmal -- wie
es sich denn auch in dem von Ihnen betonten Fall verhält -- gerade
hinter der vermeinten Schwäche sich ein Aufbieten aller inneren
Kraft verbirgt.« Er sprach in heftiger Steigerung; die schlichte
Gelassenheit, die er nicht einmal bei dem mächtigen Wechsel seiner
Lebensstellung auch nur momentan eingebüßt, war von ihm gewichen.
Wohl senkte Käthe in der ersten Bestürzung die Wimpern tief auf die
heißen Wangen, aber sie fühlte sich im Recht; er war namenlos schwach
gegen sich selbst, in seiner Liebesleidenschaft wie in seiner Abneigung
-- das letztere hatte sie ja eben an sich selbst erfahren müssen. Sie
warf trotzig den Kopf zurück.
In diesem Augenblicke kamen die kleinen Schülerinnen im Haschespiele um
die Hausecke gelaufen. Käthe erblicken und jubelnd auf sie losstürmen,
war eins. Daß der Doktor mit seinem tiefverfinsterten Gesicht neben
dem Mädchen stand und die Hände abwehrend ausstreckte, kümmerte die
fröhliche Schar nicht -- im Nu war die schlanke, weiße Gestalt umringt;
die kleinen Hände stießen und drängten sich gegenseitig weg. Jedes
wollte die Aermchen um »die schöne Tante« legen, oder mindestens eine
ihrer Hände erhaschen.
Trotz ihrer inneren Bewegung hätte Käthe beinahe hell aufgelacht;
denn so fest sie auch auf ihren Füßen stand, sie schwankte unter dem
Anpralle der elastischen Kinderleiber und konnte sich ihrer kaum
erwehren, der Doktor aber ergrimmte, wie sie ihn noch nie gesehen. Er
schalt die Kleinen zudringlich, schob sie unsanft weiter und gebot
ihnen mit harter Stimme, sich wieder hinter das Haus zu verfügen und
dort zu warten, bis man sie entlasse.
Die Kinder schlichen betrübt und eingeschüchtert davon.
Käthe biß sich auf die Unterlippe und ihr umflorter Blick verfolgte die
kleinen Mädchen, bis sie hinter der Hausecke verschwunden waren. »Wie
gern ginge ich mit ihnen, um sie zu beruhigen, aber ich werde natürlich
nicht um einen Schritt auf dem Terrain zurückgehen, das ich bereits
für immer verlassen habe,« sagte sie mit einem Gemisch von Schmerz und
heftigem Zürnen.
»Beruhigen!« wiederholte der Doktor in persiflierendem Tone. »Möchten
Sie mich nicht auch noch zum Unmenschen stempeln, wie ich vorhin
als Schwächling bezeichnet wurde? -- Trösten Sie sich -- solch ein
Kindergemüt trägt die Beruhigungsmittel in sich selber; Lachen und
Weinen wohnen eng zusammen. Hören Sie, wie dort drüben bereits wieder
gekichert wird?« -- Er zeigte mit einem flüchtig um seine Lippen
spielenden Lächeln über die Schulter zurück. »Ich wette, das gilt mir
und meiner Strenge. Ich habe um Ihretwillen die ausgelassene Schar in
die Schranken gewiesen -- ich konnte das nicht sehen; wie mögen Sie
es dulden, daß man Sie so heftig attackiert? Die Kinder sind schlecht
erzogen --«
»Weil sie mich lieb haben? Gott sei Dank, daß es so ist! Ja, Gott sei
Dank, daß ich wenigstens da noch glauben darf!« rief sie, die Hände auf
die Brust pressend. »Oder wollen Sie mich vielleicht auch angesichts
dieser Zuneigung glauben machen, daß der Zärtlichkeitsbeweis einzig und
allein meinem Geldschranke gelte? -- Ach nein, auf dieser trostvollen
Ueberzeugung stehe ich fest; da lasse ich mich nicht _auch_ weghetzen
-- darauf verlassen Sie sich!« Wie herzzerschneidend klang diese
bittere Verwahrung von den jungen Lippen.
Er trat erstaunt zurück.
»Welche seltsame Idee --«
»Ach, ist es Ihnen wirklich so verwunderlich, daß ich endlich
aufgerüttelt bin aus meiner mehr als kindlichen Vertrauensseligkeit,
die da gemeint hat, warmes Fühlen und braves, redliches Wollen gelten
auch etwas in der Welt? Nicht wahr, es hat lange genug gedauert,
bis der schwerfällige deutsche Michel in meiner Seele die Augen
aufgeschlagen hat, um zu sehen, daß er sich unsterblich lächerlich
mache mit seinen altmodischen Ansichten von gut und schlecht, von
Wahrheit und Lüge?« Sie wurde ganz blaß und schauerte zusammen. »Es ist
etwas Schreckliches um die plötzliche Erkenntnis, daß man eigentlich
gar nicht mehr existiert als das, was man sich eingebildet hat zu sein,
als ein junges Menschenkind mit der Berechtigung, dereinst auf seine
Art glücklich zu werden.«
Er wandte schweigend die Augen von ihr weg und sie fuhr nach einem
tiefen Atemholen fort: »Sie haben mich bei unserer ersten Begegnung
gefragt, wie ich mein plötzliches Reichwerden auffasse; ich bin erst in
diesem Augenblicke fähig, Ihnen darauf die richtige Antwort zu geben.
Ich komme mir vor wie verunglückt in diesem Geldmeere; es streckten
wohl viele die Hand aus, aber nicht, um mich meiner selbst wegen an
sich zu ziehen, sondern nur, weil die Goldwogen mir folgen.«
Der Doktor fuhr wie entsetzt empor. »Um Gott, wie kommen Sie zu dieser
grauenhaften Vorstellung?«
Sie lachte herzerschütternd auf. »Das fragen Sie noch? Zwingt man
mich nicht täglich, stündlich, diese grauenhafte Vorstellung mit der
Gottesluft zu atmen, mit jedem Trunke zu schlürfen? Da soll man mich in
meinem lieben Dresdener Heim nur kajolieren, weil ich der ‚Goldfisch‘
bin; meine Lehrer nähren das schwache Fünkchen des musikalischen
Talentes in mir nur um des reichen, sicheren Honorars willen, das ich
zahle, und der Vormund freit um die Mündel, weil er sie -- am besten zu
taxieren versteht.«
Sie hatte, indem sie vor sich hinsprach, den Blick ziellos über den
Abendhimmel schweifen lassen; jetzt sah sie den Doktor an -- er hatte
eine Bewegung gemacht, als gehe ein elektrischer Schlag durch seinen
Körper. »Ist das bereits Thatsache?« stammelte er und strich sich
wiederholt über die Augen, wie wenn ihn ein Schwindel überkomme. »Und
es macht Ihnen wohl tiefen Kummer, sich vorstellen zu müssen, daß auch
Moritz so denke?« setzte er nach einem augenblicklichen Schweigen
gepreßt hinzu.
Betroffen horchte sie auf -- seine Stimme klang so auffallend matt und
gebrochen. »Mehr noch verletzt es mich, daß sich jedes für berechtigt
hält, in dieser Angelegenheit mitzusprechen,« entgegnete sie, und ihre
schöne, kraftvolle Gestalt majestätisch aufrichtend, stand sie da, die
verkörperte Abwehr gegen fremde Anmaßung. Sie schüttelte den Kopf mit
einem bitteren Spottlächeln. »Solch ein armer Goldfisch, wie muß er
sich allen Ernstes wehren, wenn er nicht in den Händen der Egoisten
zum erbärmlichen Spielball werden will, und ich will nicht -- absolut
nicht! Sehen Sie sich vor, Herr Doktor! Sie gehören auch zu denen, die
meinen, ein verwaistes junges Mädchen müsse sich dirigieren lassen,
wie der Vorteil, das Behagen anderer sein Kommen und Gehen erheische.
Hier verbannen Sie mich, und dort möchten Sie mir eine Kette um den
Fuß legen, damit ich bleibe. Ich möchte wissen, was Sie zu dieser
Willkür berechtigt, oder nein,« -- ihre Lippen zuckten im Kampfe mit
aufquellenden Thränen -- »ich möchte mit Henriette fragen: ‚Was habe
ich Ihnen gethan?‘«
Das letzte dieser in leidenschaftlicher Klage herausgestoßenen Worte
erlosch ihr auf den Lippen -- der Doktor hatte ihr Handgelenk umfaßt.
Seine kalten Finger drückten wie Eisen.
»Kein Wort mehr, Käthe!« raunte er ihr in Lauten zu, die sie
erschreckten. »Ich weiß zum Glück, daß nicht eine Spur von
komödienhafter Falschheit in Ihnen lebt, sonst _müßte_ ich glauben,
Sie hätten die raffinierteste Folterqual ersonnen, um mir ein streng
behütetes Geheimnis zu entreißen;« er ließ ihre Hand fallen; »aber auch
_ich_ will nicht -- absolut nicht!«
Er schlug die Arme über der Brust zusammen und entfernte sich einige
Schritte, als wolle er rasch nach dem Hause gehen, aber plötzlich
wandte er sich dem wie erstarrt dastehenden Mädchen wieder zu. »Es
interessiert mich übrigens, zu erfahren, inwiefern ich Ihnen eine Kette
um den Fuß legen möchte, damit Sie bleiben,« sagte er ruhiger. Er kam
zurück und blieb vor ihr stehen.
Käthe errötete tief; einen Augenblick zögerte sie in mädchenhafter
Scheu, dann aber versetzte sie entschlossen: »Sie wünschen, daß ich die
-- Herrin in der Villa Baumgarten werde --«
»Ich -- ich?« Er drückte die geballten Hände gegen die Brust und
brach in jenes hohnvolle Lachen aus, das sie schon vorhin bei seiner
Unterredung mit der Tante erschreckt hatte. »Und wie begründen Sie
diese Beschuldigung? Warum soll ich wünschen, Sie als Herrin der Villa
Baumgarten zu sehen?« fragte er, sich mühsam bezwingend.
[Illustration]
»Weil Sie, wie Flora sagt, Henriette nicht so ohne weiteres ihrem
Schicksale überlassen wollen,« antwortete sie mit der ganzen
entschlossenen Aufrichtigkeit, die auf eine entschiedene Frage kein
Ausweichen zuläßt. »Sie finden, daß ich meine arme Schwester mit
hingebender Liebe pflege, und um ihr das Haus des Kommerzienrates,
unser ehemaliges Vaterhaus, auch als fernere Heimat zu sichern, soll
ich die schwesterliche Liebe und Hingebung noch weiter bethätigen,
indem ich -- die Frau des Kommerzienrates werde.«
»Und Sie glauben, daß ich an der Spitze einer derartigen
Familienintrigue stehe? Sie glauben das ernstlich? Haben Sie vergessen,
daß ich mich gleich zu Anfang dieser aufopfernden Pflege und Ihrem
längeren Bleiben in Römers Hause widersetzt habe?«
»Seitdem hat sich vieles geändert,« entgegnete sie rasch und bitter.
»Sie werden im September M. für immer verlassen; dann kann es Ihnen
gleichgültig sein, _wer_ in der Villa schaltet und waltet; Ihr Behagen
wird nicht mehr gestört durch eine unsympathische Persönlichkeit --«
»Käthe!« stieß er heraus.
»Herr Doktor?« Sie hielt, den Kopf stolz hebend, seinen flammenden
Blick ruhig aus. »Der Gedanke eines solchen Arrangements liegt
eigentlich sehr nahe, und nur einem so langsam kapierenden Wesen wie
mir konnte es passieren, so lange blind an alledem vorüberzugehen,«
setzte sie scheinbar gelassen hinzu. Es war etwas Ueberlegenes in
ihrem Tone und Wesen, als sei sie plötzlich um Jahre an Erfahrung
und Erkenntnis gereift. »Dann käme kein fremdes Element in den
Familienkreis; die ganzen häuslichen Einrichtungen könnten bleiben, wie
sie sind, Bequemlichkeiten und Gewohnheiten in der Villa wie drüben im
Turme würden nicht alteriert; nichts, nicht einmal ein eiserner Spind
in Moritzens ‚Schatzkammer‘ brauchte von seiner Stelle gerückt zu
werden; das ist so praktisch gedacht --«
»Und leuchtet Ihnen so sehr ein, daß Sie nicht einen Augenblick
schwanken, zu bleiben,« ergänzte er fliegenden Atems mit einem so
ungeduldig verzehrenden Blicke, als zürne er den Lippen, daß sie nicht
rasch genug bestätigten.
»Nein, Herr Doktor, Sie triumphieren zu früh,« rief sie mit einer Art
von wilder Schadenfreude. »Der obstinate Goldfisch durchbricht das
Netz. Ich gehe, ich gehe heute noch. Ich kam vorhin nur, um mich von
der Frau Diakonus zu verabschieden, und würde daher gelächelt haben
über das Verbannungsdekret, das Sie gegen mich richteten, wenn es mich
nicht so schmerzlich berührt hätte. Meine Schwestern haben mir vorhin
die blinden Augen geöffnet und mir in prächtiger Perspektive ‚das
Glück‘ gezeigt, das man für mich beabsichtigt. Ich hatte im Momente
der Eröffnung das Gefühl, als gäbe es aus dem blauen Salon der Frau
Präsidentin nur noch einen Weg für mich, den direkten, sofortigen nach
der Eisenbahn, die mich heim beförderte, und ich wäre auch gegangen,
wenn ich mich nicht meiner übernommenen Pflichten erinnert hätte. Ich
gehe nicht für lange, nur für die Zeit, in der ich Moritz von der Ferne
aus überzeugt haben werde, daß er mir nie und nimmer mit einer anderen
als seiner streng vormundschaftlichen Beziehung kommen darf, daß ich
ihm stets die entschiedenste Abneigung zeigen werde, sobald er Miene
macht, einen anderen Ton als den des väterlichen Beraters anzuschlagen.«
Ihr Busen hob sich in tiefen, befreienden Atemzügen, und die heiße
Glut, die ihr Gesicht bis an die Haarwurzeln überströmte, war das
hinreißende Erröten widerstrebender Scham, aber man sah, sie wollte
es um jeden Preis klar werden lassen zwischen sich und dem Manne, der
sich, während sie sprach, emporrichtete, hoch und elastisch, als werde
plötzlich eine niederdrückende Wucht von seinen Schultern genommen.
»Seit dem Tage, wo wir Henriette so schwer leidend in Ihr Haus
brachten, besteht ein schönes Verhältnis zwischen der Frau Diakonus und
meiner armen Schwester,« fuhr Käthe rascher fort; »ich kann ruhigen
Herzens gehen, wenn die Tante sich Henriettens annimmt. Um diesen
Liebesdienst wollte ich sie bitten; deshalb kam ich hierher. Ich werde
ihr nun von Dresden aus schreiben; denn Sie begreifen wohl, daß die von
Ihrem Grund und Boden Verbannte auch nicht einmal die kurze Strecke von
hier bis zu der Hausflur je wieder beschreiten wird.«
Mit diesen Worten ging sie an ihm vorüber. »Leben Sie wohl, Herr
Doktor!« sagte sie mit einer leichten Verbeugung und schritt nach der
Brücke. Jenseits des Holzbogens, beim Umschreiten der Pappel, wandte
sie den Kopf noch einmal nach dem lieben, alten Hause zurück. Dort
an der Ecke lugten die Kinderköpfchen neugierig und kichernd eines
über dem anderen, neben dem Gartentische aber stand der Doktor, beide
Hände sonderbar schwer auf die Tischplatte stützend, und aus seinem
aschfahlen Gesichte starrten die Augen mit einem fast wilden Blicke ihr
nach.
Seltsames Mädchenherz! Sie flog ohne Besinnung über die Brücke zurück,
über den verpönten Weg, den sie nie mehr beschreiten wollte -- sie wäre
noch weiter gelaufen, in die weite Welt hinein, ihm zu Hilfe.
»Ach, Sie sind krank?« stammelte sie, ihre warmen, geschmeidigen Hände
angstvoll auf die seinen legend.
»Nein, nicht krank, Käthe -- nur das, was Sie mir, wenn auch in einem
andern Sinne, schuld gegeben -- ein erbärmlicher Schwächling!« stöhnte
er und strich sich mit einer heftigen Gebärde das nach vorn gefallene
reiche Lockenhaar aus der Stirn zurück. »Gehen Sie, gehen Sie! Sehen
Sie denn nicht, daß ich in einem Seelenzustande bin, für den jedes Wort
der Teilnahme, jeder warme Blick zum Dolchstoß wird?« rief er rauh, und
doch bog er sich blitzschnell nieder und preßte seine Lippen fest und
heiß, wie in wahnsinnigem Schmerz, auf die Mädchenhand, die noch auf
seiner Linken lag.
Erschreckt fuhr das junge Mädchen zusammen, allein sie fühlte ihr Herz
von einem nie gekannten, beseligenden Zärtlichkeitsgefühl überströmen,
und es schwebte ihr auf den Lippen zu sagen: »Nein, ich gehe nicht --
du bedarfst meiner.« Da stand er jedoch schon wieder hochaufgerichtet
vor ihr und winkte mit schmerzentstelltem Gesicht stumm, aber
gebieterisch nach der Brücke -- und jetzt floh das Mädchen, als
schreite der Engel mit dem feurigen Schwerte hinter ihr ....
Einige Stunden später stieg sie in Hut und Schleier, eine Reisetasche
in der Hand, eine Seitentreppe der Villa geräuschlos herab -- sie
ging, wie sie gekommen war, plötzlich, unerwartet. Henriette hatte,
wenn auch tödlich bestürzt und unter heißen Thränen, dennoch in die
schleunige Abreise und mehrwöchentliche Abwesenheit der Schwester
gewilligt, da sie sich selbst sagen mußte, daß auf Floras unumwundene,
taktlose Mitteilungen hin nun eine Reihe peinlicher Auftritte für
alle Teile folgen würde. Sie war auch damit einverstanden, daß Käthe
stillschweigend gehe und von Dresden aus ihre Willensmeinung äußere,
während sie selbst es übernahm, die Verwandten von der Abreise in
Kenntnis zu setzen. Dafür stellte sie die Bedingung, daß Käthe sofort
zurückkehre, gleichviel wann, und möge sie auch sein, wo sie wolle,
sobald die kranke Schwester eine Stütze brauche und sie rufe.
Henriette blieb droben an der Treppe stehen und streckte der
Scheidenden die Hände nach, während Käthe den Schleier über die
verweinten Augen zog. Wie ein Lichtmeer wogte es durch das Haus;
alle Gasflammen loderten und am Portale fuhr donnernd eine Equipage
nach der andern vor. Für einen Moment war Käthe gezwungen, in einen
Seitenkorridor zu flüchten; dort, an die Wand gedrückt, sah sie Damen
in eleganter Abendtoilette vorüberrauschen. Die Lakaien schlugen
die Thüren des blauen Salons weit zurück und drinnen stand Flora
im spitzenbesetzten blaßroten Seidenkleide, strahlend schön und
vornehm lächelnd wie ein Fürstenkind, und begrüßte die Gäste, die um
ihretwillen kamen -- der Kommerzienrat gab ihrem Geburtstag zu Ehren
eine große Soiree.
Bei diesem Anblick war es der Lauschenden draußen, als gingen
schneidende Schwerter durch ihre Seele. Dort stand die Uebermütige,
umschwebt von Glück, das ihr förmlich bettelnd nachgelaufen war, ob sie
es auch verächtlich mit dem Fuß fortgestoßen hatte -- und hier verbarg
sich die Hoffnungslosigkeit, scheu wie die Sünde. Warum war aller
Glücksreichtum, die ganze Fülle von Liebesseligkeit auf dieses eine
Haupt gehäuft, das ihrer entbehren konnte, während die andere Schwester
inmitten ihrer Goldschätze hungernd und entsagend durch das Leben gehen
sollte?
Die Thürflügel fielen zu und Käthe eilte hinaus in den Park, von
einer Verzweiflung erfüllt, wie sie nur ein junges, heißes Herz zu
erschüttern vermag, und während die Kammerjungfer droben ahnungslos
ihrer harrte, um auch ihr beim Ankleiden für die Soiree behilflich zu
sein, pochte sie an das erleuchtete Mühlenfenster und berief Franz, sie
nach dem Bahnhof zu begleiten.
[Illustration]
[Illustration]
22.