Hofe und die Leute hatten der Edelfrau im Hause am Flusse hinterbracht,
daß er sich ein junges Ehegemahl aus hochgräflichem Geschlechte mit
heimbringen werde. Die schöne Witwe hatte nur gelächelt und desto
emsiger an ihrem Fenster nach ihm ausgeschaut -- sie hat an so viel
Falschheit nicht geglaubt, bis das Zinken- und Trompetengeschmetter vom
Schlosse herüber verkündigt hat, daß der eben zurückgekehrte Herr den
Einzug seines jungen Weibes mit einem üppigen Bankett feiere ...
Und tags darauf war er mit der neuen Schloßherrin über die Holzbrücke
geschritten, um sie im Hause am Flusse vorzustellen -- die bunten
Tulipanen auf ihrem schweren Brokatrock, den sie über den Boden
hinschleppte, hatten weithin geleuchtet, und auf dem breiten Fächer in
ihrer Hand hatte das hochgräfliche Wappen in Edelsteinen gefunkelt, und
das rehfarbene Windspiel, das früher immer vor dem Rosse hergelaufen,
war auch mitgekommen, aber diesmal lief es nicht nach dem Fenster, von
wo ihm einst die weißen Hände Zucker und Kuchenbrocken herabgeworfen;
es rannte ein Stückchen am Flußufer hin und bellte und winselte
kläglich -- und da schwamm ein schneeweißes Gewand, an dem die Wellen
rissen und zerrten, um es mitzunehmen, aber die langen, blonden
Flechten an dem blassen Frauenkopfe hatten sich im Wurzelgeflechte der
Uferbäume verschlungen und hielten die Tote fest, für ihn, auf daß er
noch einmal in die starren weitoffenen Augen blicken sollte.
Das Fenster, an welchem sie mit der ganzen Zuversicht treuer Liebe
gehofft, daß er wieder zu Roß über die Brücke kommen werde, war wohl
das dort gewesen, wo abends die Lampe des Doktors brannte. Dort hatte
sie wohl auch gestanden und in bitterer Verzweiflung die Wellen
vorbeirauschen sehen, die von dem lustigen Hochzeitshause daher kamen,
und das heiße Verlangen hatte sie überwältigt, den schönen Leib in das
brausende Gewässer zu stürzen, daß es ihn forttrage weit, weit weg
von der Stätte ihres ehemaligen Glückes. Und nun, nach langen, langen
Jahren wurde an derselben Stelle der gleiche Herzenskampf durchlitten
-- nein, nicht der gleiche! War er nicht ein Mann mit starkem Geiste?
Ein Mann, den schon sein hoher Beruf auf Erden festhalten und
allmählich über das nagende Leid hinwegheben mußte? Und wenn auch das
unglückliche Weib, das sich durch einen raschen Sprung aus all dem
Jammer in die Grabestiefe rettete, die weißen Arme aus dem Wasser hob,
um ihn zu locken -- er folgte ihr nicht ... Ein Schrecken durchfuhr
sie. Hatte Henriette nicht gesagt: »Wer Flora einmal Liebe gebend
gesehen, der begreift, daß ein Mann eher den Tod sucht, als daß er sie
aufgibt«? Und _mußte_ er sie nicht aufgeben, nachdem sie ihm erklärt,
daß sie ihn hasse?
Käthe lief angstvoll in den Garten zurück, als tauche dort am
dunkelnden Ufer die ertrunkene Edelfrau mit den blonden Flechten empor
und greife mit den Händen auch nach ihr.
Es dunkelte. Der Wald, der heute Zeuge eines beispiellos rohen
Auftrittes gewesen, breitete sich einförmig schwarz wie ein Sargtuch
über den niedrig gewölbten Hügelrücken, und das durchfurchte Ackerland
lag glatt und verschlossen da und ließ nicht ahnen, daß Milliarden
lebendiger Keime mit kleinen kräftigen Armen unter der Kruste wühlten
und drängten, um eine wogende Halmenwelt an das goldene Licht der
Sonne zu heben. Droben auf dem Dache knarrten die Wetterfahnen in
dem fauchenden Abendwinde, der sich allmählich aufblies, um in der
Nacht als brausender Frühlingssturm über die Erde hinzufahren. Das
Gezweig der Silberpappeln am Staket schwankte, und die noch losen
Fichtenäste der halbfertigen Laube knisterten unter seinem wilden Odem.
Durchsichtig wie ein Schemen stieg ihr Astgeflecht empor -- wenn einst
das schattige Grün voll und dicht über dem Holzgerippe hing, wie stand
es dann wohl um alles, was in diesem Augenblick unentwirrt unter der
gestaltenden Hand des Schicksals lag? Saß die Tante je dort in dem
heißgewünschten grünen Sommerasyl, stillbeglückt, frohen Gemütes, wie
einst im kleinen Pfarrgarten? Wenn ihr Liebling unglücklich wurde, wenn
sie ihn verlor, niemals!
Mit scheuem Blick bog Käthe um die westliche Hausecke. Der gedämpfte
Schein einer Nachtlampe fiel aus den Fenstern des Krankenzimmers. Noch
war der Kampf nicht zu Ende. In der einen Fensternische stand der
Doktor, den Rücken dem jungen Mädchen zugewandt, ungebeugt, aber den
rechten Arm gehoben, als fordere er Schweigen. Was mochte sie eben
gesagt haben, die im dunkeln Hintergrund stand, nicht so hoch von
Gestalt, daß man mehr hätte sehen können, als die trotzig schüttelnde
Bewegung der weißen Spitzenkante über dem goldblonden Schein der
Stirnlöckchen -- hatte sie wieder mit Impertinenz an seinen Beruf
gerührt?
Käthe fühlte in nervöser Aufregung ihre Zähne zusammenschlagen, aber es
kam auch ein Zorn, eine Erbitterung über sie, als müsse sie dazwischen
springen und die Treulose mit Gewalt auf ihre Pflicht zurückführen.
Sollte sie nicht doch hineingehen, an seine Seite treten und der
wortbrüchigen Schwester die ganze Empörung, die ganze Verachtung ihres
Mädchenherzens ins Gesicht schleudern? Welch ein Gedanke! Was würde er
zu dieser Einmischung einer dritten sagen? Und wenn er diese dritte
nur mit einem kühlen, befremdeten Blicke maß, wenn er sie schweigend
beiseite schob, wie er neulich mit den »aufdringlichen« kleinen blauen
Blumen gethan -- in die Erde müßte sie sinken vor Beschämung.
Käthe ging schleunigst weiter. Jetzt durchschüttelte Eiseskälte
ihren Körper, und das starke Mädchen mit dem sonnenhellen Geiste
und den kerngesunden Nerven überschlich ein wunderliches Grauen vor
der Einsamkeit, in der sie wandelte, vor dem kraftlosen Licht der
bleichgoldenen Sichel am Himmel und dem monoton gurgelnden Gemurmel
der vorbeischießenden Flußwellen. Hinter dem Küchenfenster sah sie die
Tante neben der blanken zinnernen Küchenlampe sitzen und Gemüse für den
morgenden Mittagstisch putzen -- ein milder Gegensatz zu der bewegten
Szene im Krankenzimmer. So friedlich und beschwichtigend das Bild auch
war, dahinein durfte sie sich mit der fieberhaften Spannung in Seele
und Körper, mit ihrer Angst vor dem Kommenden nicht wagen; sie hätte
ihren erregten Zustand nicht verbergen können vor den klaren Augen der
alten Frau.
Die Hausthür stand noch offen, die der Küche aber war geschlossen.
Käthe schlüpfte auf den Zehen durch die dunkle Flur und trat in das
Zimmer der Tante Diakonus. Hier wollte sie versuchen, ruhiger zu
werden, in diesem dunkelnden, köstlich stillen, anheimelnden Stübchen
voll Blumenatem und sanft durchwärmter, reiner Luft. Sie setzte sich in
den Lehnstuhl hinter dem Nähtisch. Die Lorbeerbäume wölbten sich zur
Laube über und neben ihr; die Narzissen, Veilchen und Maiblumen auf den
Fenstersimsen dufteten betäubend süß, und der Kanarienvogel, der sich's
eben im Dämmerdunkel zur Nachtruhe bequem gemacht, hüpfte piepend und
erregt in seinem Käfig von einem Stengel zum andern -- es war doch
Leben neben ihr, wenn auch nur das einer erschreckten Vogelseele. Aber
ruhiger wurde sie nicht. Durch diese Räume war die schöne Verlassene
im Witwenschleier gewandelt, und die lächelnden Genien, die noch
an der Stuckdecke schwebten, hatten auf ihre Schmerzensausbrüche,
ihre Todesnot niedergesehen. Käthe wehrte sich vergebens gegen die
Spukgestalt und den Gedanken, daß auch Bruck den Trennungsschmerz nicht
überleben werde. Henriette hatte das gesagt; sie hatte seine tiefe,
heiße Liebe in der ersten Verlobungszeit gesehen -- sie mußte es wissen.
Die Tante kam herein, um, wie jeden Abend, die brennende Lampe auf den
Arbeitstisch des Doktors zu stellen. Sie schloß die Läden, ließ die
Rouleaux herab und schürte das Feuer im Ofen; dann ging sie wieder
hinaus, ohne das junge Mädchen in ihrer kleinen Fensterlaube bemerkt
zu haben. Ihr leiser, schwebender Tritt erlosch schon hinter der Thür,
gleich darauf aber hallten feste Männerschritte durch die Flur, und der
Doktor trat in das Zimmer.
[Illustration]
Er blieb einen Moment an der Schwelle stehen und strich sich tief
aufseufzend mit der Hand über die Stirn; er ahnte so wenig wie die alte
Frau, daß dort hinter dem dunkeln Laub ein Menschenherz in tödlicher
Angst klopfe -- drückte sich doch die Mädchengestalt atemlos, wie zu
Stein erstarrt, an die Fensterwand. War alles vorüber? Kam er verarmt,
verzweifelnd, ein einsamer Mann für immer?
Rasch durchschritt er die beiden Zimmer und trat an seinen
Schreibtisch. Käthe erhob sich lautlos. Mitten im Stübchen der Tante
stehend, konnte sie ihn sehen. Der Lampenschein beleuchtete grell und
voll sein Profil, das noch alle Symptome aufgestürmter Leidenschaft
zeigte. Er war erhitzt, dunkelrot auf Stirn und Wangen, als habe
er einen weiten Weg in brennender Mittagsglut gemacht, selbst die
Augenlider erschienen gerötet. Es war auch ein heißer Weg gewesen,
ein Weg über Trümmer, zerstörte Illusionen und Hoffnungen -- war er
am Ende, am öden Ziel, wo die schöne Fata Morgana entschwebte und die
ganze schreckhafte Einsamkeit kommender Zeiten ihn anstierte?
Im Stehen schrieb er ein paar Zeilen auf einen Briefbogen und
steckte das Blatt in ein Kouvert. Das geschah mit hastigen Händen,
in fiebernder Erregung. Auch die Adresse wurde in flüchtigen Zügen
hingeworfen -- wessen Name war es, den er schrieb? Gab es in dieser
Stunde außer der furchtbaren Entscheidung noch etwas auf Erden, an das
er denken mochte? Der Brief konnte nur für Flora bestimmt sein -- ein
letztes Lebewohl, oder der zermalmende Richterspruch eines sterbenden
Mannes?
Und nun goß er aus einer Karaffe Wasser in das milchweiße Kelchglas,
in welches sie neulich ihren Frühlingsstrauß gesteckt hatte, dann
schloß er einen kleinen Schrank im Schreibtisch auf und nahm ein
winziges Medizinfläschchen heraus; er hielt es gegen das Licht -- fünf
silberhelle, farblose Tropfen fielen in das Glas.
Bis dahin hatte Käthe mit dem unheimlichen Gefühl, als stehe ihr das
Herz still, wie gelähmt an ihrem Platze verharrt, aber nun kam die
ganze, allmählich bis ins Maßlose gesteigerte Aufregung ihres Innern
stürmisch zum Ausbruch. Mit einigen raschen Schritten stand sie an
seiner Seite und legte die Linke auf seine Schulter; mit der Rechten
umfaßte sie krampfhaft seine Hand, die das Glas eben zum Munde führen
wollte, und zog sie langsam nieder.
Sie war keines Lautes fähig; ihre ganze Seelenangst, der innere Jammer,
das unsägliche Mitleiden, das ihr gleichsam das Herz umwendete, malten
sich in den braunen Augen, die in flehender Beredsamkeit die seinen
suchten. Sie fuhr zurück. Gott im Himmel, was hatte sie gethan! Unter
dem großen, erstaunt fragenden Blicke, der sie traf, sank sie vor Scham
fast in die Kniee. Einige unartikulierte Worte stammelnd, bedeckte sie
das Gesicht mit den Händen und brach in ein bitterliches Weinen aus.
Er begriff augenblicklich alles. Das verhängnisvolle Glas auf den
Tisch stellend, nahm er bestürzt ihre Hände und zog sie an sich.
»Käthe, liebe Käthe!« sagte er mit bebender Stimme und sah in das
thränenüberströmte Antlitz, das sie mit einem sanften Neigen des Kopfes
wegzuwenden suchte. In diesem Augenblicke erschien das prächtige,
imponierende Mädchen vollkommen als das, was sie an Jahren, an
Erfahrung, an fleckenloser Seele in Wirklichkeit war -- als die Jugend
in ihrem unangetasteten Glanze warmen rückhaltlosen Empfindens, aber
auch in dem hilflosen Schrecken über eine ungeahnte Wendung.
Sie entzog ihm leise die Hände und trocknete in Hast ihre Augen mit
dem Taschentuche. »Ich habe Sie schwer gekränkt, Herr Doktor,« sagte
sie, immer noch mit den Thränen kämpfend. »Ich habe eine Taktlosigkeit
begangen, die Sie mir ganz gewiß nie vergessen werden. Ach Gott, wie
konnte ich mich nur in diese wahnwitzige Vorstellung so verrennen,
daß --« Sie biß sich auf die Unterlippe, um das krampfhafte Zucken
ihres Mundes zu unterdrücken. »Gehen Sie nicht zu streng mit mir ins
Gericht!« setzte sie mit sinkender Stimme hinzu. »Das, was ich heute
schon durchleben mußte, genügt wohl, um auch einen stärkeren, als
meinen Mädchenverstand, zu verwirren.«
Er sah sie kaum an; nur von der Seite streifte sein Blick den schönen,
jugendlichen Mund, als wolle er nicht zeigen, wie leid ihm diese
bittere Selbstanklage thue und wie fassungslos er selbst sei. Nun aber
glitt das seelenvolle Lächeln, das sie schon kannte, leise durch seine
Zuge.
»Sie haben mich nicht gekränkt,« sagte er tröstend, »und wie sollte ich
es wohl anfangen, mit Ihrem lauteren Gemüte ins Gericht zu gehen? Was
Sie sich für eine Vorstellung von meinem Charakter, meiner Denkart,
meinem Temperament gemacht haben mögen, um zu einem solchen Schlusse
zu kommen -- ich weiß es nicht; ich will darüber auch gar nicht
grübeln, noch weniger aber widerlegen. Mir hat dieser Irrtum einen
Lebensmoment gebracht, den ich allerdings nicht vergessen werde. Und
nun beruhigen Sie sich, oder vielmehr, erlauben Sie mir, daß ich als
Arzt meine Pflicht thue!« Er ergriff das Glas und hielt es ihr hin.
»Nicht _die_ Ruhe, die Sie fürchteten, wollte ich in diesem Tranke
suchen --« Er brach ab und hielt einen Augenblick inne. »Ich habe mich
hinreißen lassen, heftig und leidenschaftlich zu werden, noch dazu am
Krankenbette,« hob er von neuem an; »das könnte ich mir nie verzeihen,
wenn ich nicht bedächte, daß ich doch auch, wie jeder andere, Blut und
Nerven habe, die mit dem guten Willen um die Herrschaft streiten. Ein
paar Tropfen davon« -- er zeigte auf das Medizinfläschchen -- »genügen,
um die nervöse Aufregung zu dämpfen.«
Sie nahm das Kelchglas, das er ihr bei diesen Worten nochmals bot, aus
seiner Hand und trank es folgsam bis zur Neige leer.
»Nun aber möchte ich Sie um Verzeihung bitten, daß Sie eine so
häßliche, aufregende Szene, wie die da drüben, mitansehen mußten,«
sagte er ernst und nachdrücklich. »Ich bin dafür verantwortlich;
denn es hätte in meiner Macht gelegen, sie mit einigen zur rechten
Zeit gesprochenen Worten zu verhindern.« Er lächelte so bitter, so
schneidend, daß es dem jungen Mädchen durch die Seele ging. »Mich plage
der leidige Bettelstolz, sagen einige meiner Herren Kollegen -- die
wenigen, die mich aus purer Gutmütigkeit noch nicht ganz haben fallen
lassen -- sie behaupten das, weil ich nicht zu den ‚lauten‘ Leuten
gehöre. Dieser Bettelstolz ist zu einer Art von Kassandrafluch für mich
geworden. Die Welt nimmt das Schweigen für Unfähigkeit, für Mangel an
Urteil, und so hält man es gar nicht für nötig, sich mir gegenüber
einen moralischen Zwang anzuthun. Ich sehe Menschen, die sich als
geniale, geistreiche Naturen äußerlich gerieren, plump und täppisch
vorgehen, und kann ihr Handeln und die damit verknüpften Ereignisse
mathematisch genau voraussagen -- o, dieser Ekel!« Er stieß leicht
mit dem Fuße auf den Boden und schüttelte sich, als gelte es, ein
verabscheutes Reptil von sich zu werfen.
Noch war er weit entfernt von der Herrschaft über sein empörtes Blut;
noch stürmte die Bewegung heftig in ihm, und das frivole Wesen, das
mit frevelnder Hand diese harmonische Natur aus den Fugen gerissen,
dort sah es von der Wand hernieder, im weißen Iphigeniagewande an
eine Säule gelehnt, mit gefalteten, lässig herabgesunkenen Händen und
einem lieblich gedankenvollen Aufblicke; fast fromm sah das dämonische
Mädchen aus. Damals hatte sie noch um seine Liebe, seinen Beifall
geworben; damals war sie noch entschlossen gewesen, sein Ideal zu
verwirklichen und dem künftigen »berühmten Universitätsprofessor«
die waltende gute Fee seines Daheims zu werden. Sie wäre es doch
nie geworden; gerade das wäre der Boden gewesen für ihre Sucht, als
schaffender Geist zu brillieren. Er hätte einen besuchten Salon, aber
kein Daheim, eine in unbefriedigtem Ehrgeize sich verzehrende Weltdame,
aber kein wahrhaft liebendes Weib, keine »mitringende, mitfühlende
Gehilfin« gehabt. Dagegen war er ja auch nicht mehr blind -- und doch
gab er sie nicht frei. Oder war nun doch das Band gelöst, nachdem Flora
ihm so unumwunden den Ausdruck ihres Hasses in das Gesicht geschleudert
hatte? Käthe wußte ja nicht, was sich nach ihrem Hinausgehen ereignete,
soviel aber sagte sie sich, daß ihr längeres Verweilen hier in seinem
Zimmer nicht statthaft sei, mochte der Würfel gefallen sein, wie er
wollte.
Der Doktor hatte den finsteren Blick aufgefangen, den sie auf das Bild
geworfen, und sah nun, daß sie sich zum Gehen anschickte.
»Ja, gehen Sie,« sagte er. »Henriettens Kammerjungfer ist gekommen
und hat bereits ihr Pflegeramt angetreten. Der Zustand der Kranken
ist derart, daß Sie getrost in die Villa zurückkehren können, um der
Frau Präsidentin, wie sie es lebhaft zu wünschen scheint, beim Thee
Gesellschaft zu leisten; sie fühle sich so sehr vereinsamt, ließ sie
herübersagen. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie können unbesorgt gehen; ich
wache treulich über Ihre teure Kranke,« wiederholte er nachdrücklich,
als sie lebhaft zu protestieren versuchte. »Aber geben Sie mir einmal
die Hand!« Er hielt ihr die seine hin, und sie legte rasch und willig
ihre schlanken Finger hinein. »Und nun, was man Ihnen auch heute
noch sagen mag, lassen Sie sich nicht verleiten, mich zu verurteilen!
Schon in den nächsten Tagen wird sie,« er nannte den Namen nicht und
neigte nur, ohne hinüberzublicken, bitter lächelnd den Kopf nach Floras
Bild, »ganz anders denken, und das ist's, was mich konsequent bleiben
heißt; ich darf nicht den Vorwurf auf mich nehmen, als hätte ich einen
günstigen Moment -- auszunutzen verstanden.«
Sie sah befremdet zu ihm auf, und er neigte bedeutsam und so sonderbar
resigniert den Kopf, als wollte er sagen: »Ja, so steht es,« aber über
beider Lippen kam kein Wort.
»Gute Nacht, gute Nacht!« sagte er gleich darauf -- er ließ mit leisem
Drucke ihre Hand fallen und trat an den Schreibtisch, während sie rasch
der Thür zuschritt. Unwillkürlich wandte sie sich noch einmal auf der
Schwelle um -- er führte eben seltsamerweise das leere Kelchglas an
seine Lippen; in demselben Augenblicke aber auch glitt es aus seiner
Hand und zersprang auf dem Boden in Scherben und Splitter. -- -- --
Drüben im Krankenzimmer stand Flora zum Fortgehen gerüstet, sie sah
aus, als bebe jede Fiber an ihr vor nervöser Ungeduld. »Wo steckst du
denn, Käthe?« schalt sie. »Die Großmama wartet; du bist schuld daran,
daß man uns den Thee mit Impertinenzen würzen wird.«
Käthe antwortete nicht. Sie warf den Baschlik über, den ihr die Jungfer
mitgebracht, und trat an das Bett. Henriette schlief sanft; die dunkle
Fieberröte auf ihren Wangen hatte bedeutend nachgelassen. Wiederholt
hauchte das junge Mädchen einen Kuß auf das bleiche, schmale Händchen,
das ruhig auf der Decke lag, dann folgte sie der hinausrauschenden
Schwester.
In der Flur brannte eine kleine Lampe und ein Lakai aus der Villa,
der mit der Kammerjungfer gekommen war und noch Verschiedenes
herübergetragen hatte, ging wartend auf und ab. Fast zugleich mit
den Schwestern trat der Doktor in die Flur, und jetzt fühlte Käthe
abermals die Glut tiefer Beschämung in ihre Wangen steigen; er reichte
dem Bedienten das Billet, den vermeintlichen Todesgruß an die treulose
Braut, zur Bestellung an einen in der Stadt wohnenden jungen Arzt.
Flora schritt an ihm vorüber, scheinbar als wolle sie seine
Instruktion für den Lakaien nicht unterbrechen, und verschwand rasch
draußen im Dunkel. Käthe aber ging noch einmal in die Küche und
verabschiedete sich von der Tante. Die alte Frau schüttelte mit
ernstem Gesichtsausdrucke den Kopf, als sie sich überzeugen mußte, daß
»die Braut« das Haus bereits verlassen habe, ohne sie auch nur eines
flüchtigen Gutenachtgrußes zu würdigen, aber sie schwieg und ging dem
Doktor nach in die Krankenstube, um noch einmal nach der Leidenden zu
sehen, ehe sie sich in ihr Zimmer zurückzog.
Draußen vor dem Hause blieb Flora stehen, nachdem die Schritte des
vorausgeschickten Bedienten auf der Brücke verhallt waren. Der durch
die offene Hausthür fallende Schimmer der Flurlampe streifte schwach
ihr Gesicht -- es sah so ergrimmt, so leidenschaftlich beredt aus,
als schwebe eine Verwünschung auf den halbgeöffneten Lippen. Mit
unaussprechlichem Hohne glitt ihr Blick über den roten Ziegelfußboden
und die weißen kahlen Wände drinnen, dann fuhr er die äußere Frontseite
entlang, als wolle er das Gesamtbild der kleinen Besitzung noch einmal
umfassen.
»Ja, ja, das wäre so etwas nach meinem Geschmacke gewesen -- eine
Hütte und ein Herz!« sagte sie mit einem steifen, drastisch ironischen
Kopfnicken. »Einen Mann ohne Amt und Einfluß, über dem Kopfe eine
spukhafte Spelunke, mitten im öden Felde, und ein isoliertes
Zusammenleben zu dreien, für welches die schmale Revenue meines
väterlichen Erbteils ausreichen müßte! Nie in meinem ganzen Leben
habe ich empfunden, was es heißt, gedemütigt zu werden -- heute zum
erstenmal kam mir in der bedrückend armseligen Umgebung das Gefühl, als
sei ich herabgezerrt worden von dem Piedestal, auf das mich makellos
gute Herkunft, vornehme Gestaltung der äußeren Verhältnisse und die
eigene geistige Begabung gestellt haben. Gott mag geben, daß sich
Henriettens Krankheit nicht zum Schlimmsten wendet! Ich könnte ihr
kein letztes Lebewohl sagen, denn mich sieht dieses Haus nicht wieder.
Wahrhaftig, schmachvoller ist nie ein Mädchen betrogen worden als ich.
-- Ich möchte mich selbst ins Gesicht schlagen, daß ich so blind, so
bodenlos unbefangen in diese Verhältnisse hineingetappt bin.«
Sie stürmte wie wahnwitzig der Brücke zu. Das Mondlicht, das sich wie
ein dünner Silberschleier über das glitzernde Flußbett hinbreitete,
floß schwach an ihr nieder, und der Wind, schon halb und halb zum
Sturme gesteigert, fiel sie heftig an; er zauste an ihren Kleidern und
blies ihr den atlasglänzenden Umhang vom Kopfe, und die gelösten Locken
hoben sich wehend und schlangenhaft züngelnd über der weißen Stirn.
»Er gibt mich _nicht_ frei, trotz meines Flehens und meiner Gegenwehr,«
sagte sie, mitten auf der Brücke stehen bleibend, zu der Schwester,
die ihr folgte und nun ohne weiteres an ihr vorüberschreiten wollte.
»Du bist dabei gewesen -- du hast gehört, was für entscheidende
Worte gefallen sind. Er handelt ehrlos, erbärmlich, wie eine kalte
Krämerseele, die den Untergang eines Betrogenen vollkommen ermißt und
doch auf der Erfüllung des unheilbringenden Kontraktes besteht. Mag
er -- mag er sich zeitlebens mit dem Gedanken sättigen, daß ihm ein
Schatten von Recht verblieben ist -- ich bin von diesem Moment an frei.«
Sie hatte bei den letzten Worten den Verlobungsring vom Finger
gestreift und schleuderte ihn weit hinüber in die rauschenden Fluten.
»Flora, was hast du gethan!« schrie Käthe auf und bog sich mit
ausgestreckten Händen über das Brückengeländer, als könne sie den Ring
noch erfangen. Er war versunken. Ob ihn die Wellen mit fortspülten,
oder ob er liegen blieb auf dem Grunde, nahe dem Hause, in welchem
das Unheil einzog, sobald warme, liebende Menschenherzen darin
schlugen? Das junge Mädchen meinte, das blonde, tote Weib müsse aus
dem glitzernden Wasserschwalle auftauchen und drohend das verächtlich
fortgeschleuderte Symbol der Treue emporhalten. Schaudernd legte sie
die Hand über die Augen.
»Närrchen, alteriere dich doch nicht, als sei ich selbst
hineingesprungen mit Haut und Haar!« sagte Flora mit kaltem Lächeln.
»Manche andere mit weniger Willens- und Widerstandskraft hätte es
vielleicht gethan -- ich werfe einfach den letzten Ring einer verhaßten
Kette von mir.« Sie hob die Linke und strich wie liebkosend über den
befreiten Ringfinger. »Es war nur ein schmaler, dünner Goldreif,
‚einfach‘, wie es der da drin« -- sie nickte mit dem Kopfe nach dem
Hause hin -- »in seiner erkünstelten Spartanermanier zu lieben vorgibt,
und doch drückte er grob wie Eisen. Nun mag er rosten da unten -- ich
fange ein neues Leben an.«
Ja, sie hatte die Last »abgeschüttelt, abgeschüttelt um jeden Preis«,
wie sie schon immer gesagt. Das Schreckbild einer verhaßten Ehe
versank, und dafür ging »die Sonne des Ruhmes« auf.
Flora flog davon, als brenne die Brücke unter ihren Sohlen. Käthe
folgte ihr schweigend. In der Seele der jungen Schwester stürmte es
erschütternd, sinnverwirrend; das klare, gesunde Urteil, mit welchem
sie an die Menschen und Dinge heranzutreten pflegte, war verdunkelt;
sie stand völlig steuerlos zwischen Recht und Unrecht, zwischen
Wahrheit und Lüge. Gebärdete sich nicht das schöne Wesen da neben ihr,
dieses personifizierte Gemisch von eklatantem Unrecht, von Uebermut und
grausamer Willkür, so zuversichtlich und taktfest, als könne und dürfe
es gar nicht anders handeln? Zertrat Flora nicht ihr gegebenes Wort,
ihre Pflichten mit gutem Fug und Recht gerade so, wie sie jetzt mit
ihren raschen Füßen über die Kiesel der Allee hinschritt? -- --
Im Korridor der Villa meldete der Bediente den beiden Schwestern, daß
die Frau Präsidentin Besuch habe; es seien zwei alte Damen zum Thee
gekommen.
»Desto besser!« sagte Flora zu Käthe. »Ich bin wahrhaftig nicht in der
Stimmung, heute noch die Scheherezade der Großmama zu spielen. Die alte
Generalin hat immer die Taschen voll Klatsch und Stadtneuigkeiten; da
ist man entbehrlich.«
Sie ging, wie sie sagte, für eine halbe Stunde hinein, um den Thee zu
besorgen und sich dann mit ihrem »übervollen Herzen« zurückzuziehen.
Käthe aber ließ sich mit Unwohlsein entschuldigen -- war es doch auch,
als woge ihr das fiebererregte Blut einer beginnenden Krankheit in Kopf
und Herzen.
[Illustration]
[Illustration]
14.
Am andern Morgen herrschte reges Leben in der Villa Baumgarten. Gegen
Mitternacht hatte eine telegraphische Depesche die Rückkehr des
Kommerzienrates aus Berlin gemeldet, und eine Stunde später war er
angekommen. Er hatte zwei Geschäftsfreunde mitgebracht, die in den
Fremdenzimmern logierten. Die Gäste waren Koryphäen der Handelswelt;
sie wollten nachmittags ihre Reise fortsetzen, und um ihnen Gelegenheit
zu geben, auf der Durchreise mehrere ihrer Bekannten in der Residenz
zu sprechen, hatte der Kommerzienrat in der Nacht noch ein großes
Herrenfrühstück für den andern Morgen angeordnet. Köchin und
Hausmamsell hatten vollauf zu thun, und die Bedienten liefen treppauf,
treppab.
[Illustration: Der Kommerzienrat hatte in der Nacht noch ein großes
Herrenfrühstück für den andern Morgen angeordnet. (S. 179.)]
Käthe hatte die ganze Nacht schlaflos verbracht. Die am Tage
empfangenen Eindrücke und die Sorgen um Henriette hatten sie nicht
ruhen lassen. An dem einen Eckfenster ihres Zimmers hatte sie
stundenlang gestanden und über die windgeschüttelten Parkbäume
hinweggeforscht, ob nicht wenigstens eine im Mondschein flimmernde
Spitze der Wetterfahnen auf dem Hause am Flusse zu sehen sei, aber es
war wie versunken gewesen, das niedrige Haus, und still geblieben war
es dort auch, obgleich Käthe jeden Augenblick gemeint hatte, es müsse
jemand die Allee heraufkommen, um mit einer schlimmen Nachricht die
Schlafenden in der Villa aufzurütteln.
Und vom andern Fenster aus hatte sie dann die Ankunft des
Kommerzienrates mitangesehen. Im Nu, wie aus der Erde gestampft, waren
die Dienstleute der Villa mit ihren Sturmlaternen um den Wagen postiert
gewesen; die hellen Lichtflammen hatten die weißen Säulen des Portikus
angestrahlt, hatten sich in dem silberfunkelnden Pferdegeschirre und
den glänzenden Leibern der Goldfüchse gespiegelt und waren kräftig
genug gewesen, auch das bronzierte, an der Promenade hinlaufende
Gitter und mehrere herrliche Marmorfiguren aus dem Dunkel hervortreten
zu lassen. Das alles hatte hocharistokratisch ausgesehen. Dann war
der Kommerzienrat aus dem Wagen gesprungen, die stattliche, noch
jugendlich elastische Gestalt in den eleganten Reisepelz gehüllt, in
jeder seiner gebieterisch sicheren Bewegungen der reiche Mann, der
eben noch reicher geworden, ein glänzender Komet, an dessen Fersen,
magnetisch angezogen, der glitzernde Goldstrom sich hing. Er hatte
seine Gäste in ihre Appartements geführt und erst gegen zwei Uhr das
Haus mit dem voranleuchtenden Bedienten verlassen, um sich im Turme zur
Ruhe zu begeben. Dann war es allmählich still geworden in der Villa,
aber der Wind hatte sein Pfeifen und Blasen um das Haus fortgesetzt
und den Schlaf von Käthes Augen verscheucht. Erst mit Tagesanbruch war
sie eingeschlummert, zu ihrem großen Verdruß; denn nun hatte sie sich
verspätet, und statt um sechs Uhr morgens, wie sie gewollt, das Haus am
Flusse zu betreten, kam sie erst in der neunten Stunde dort an.
Es war ein schöner klarer Morgen. Der ungestüme Nachtwind hatte sich
zu jenem südlich warmen Hauche gesänftigt, der den Duft der ersten
Frühlingsblumen im Atem behält und der spröde zögernden Knospe
schmeichelnd, aber beharrlich den braunen Schleier vom Gesichte zu
ziehen suchte ... Auf des Doktors Hause zwitscherten die Vögel; das
dunkle Geäst der Kirschbäume, das sich an die eine Hausecke schmiegte,
erschien mit unerschlossenen, winzigen Blütenköpfchen zartweiß
gesprenkelt, und vor der glanzvollen Morgenbeleuchtung konnten sich
die sprossenden Halme im Rasengrunde auch nicht mehr verstecken -- der
ehemalige Bleichplatz schimmerte in einem schwachen jungen Grün.
Als Käthe die Brücke passierte, floß das Wasser sonnendurchleuchtet
und klar bis auf den Grund unter dem morschen Holzbogen dahin, fast
sanftmütig und friedlich -- was Wunder! Die Wellen, die gestern den
fortgeschleuderten Ring empfangen, hatten unterdes ein weites Stück
Weges zurückgelegt und strömten dem Ozean zu -- nur sie konnten
erzählen von den verräterischen Frauenhänden, die so gewaltsam eine
drückende Kette gesprengt.
Das Haus am Flusse hatte heute etwas eigentümlich Feierliches. Das
rote Ziegelgetäfel in der Flur war mit feingesiebtem weißen Sande
bestreut; der Duft einer feinen Räucheressenz schlug dem Eintretenden
entgegen; auf dem kleinen Tische, nahe der Hausthür, lag eine frische
Serviette, und darauf stand ein mächtiger Strauß von Tannenzweigen,
Maikätzchen und Anemonen in einer altertümlichen großen Thonvase ...
Und die alte, getreue Köchin war auch angekommen; sie stand schon in
voller Thätigkeit, mit aufgestreiften Aermeln, die glänzend weiße
Schürze über die derben Hüften gebunden, als sei sie nie fort gewesen,
am Küchentische, und das gute, rotbackige Gesicht sah zufrieden und
glücklich aus ... Warum aber erschien die Tante Diakonus heute, am
frühen Morgen, im kaffeebraunen Seidenkleide, auf dem vollen Scheitel
eine weiße Spitzenbarbe, und auch an Hals und Handgelenk mit Spitzen
umkräuselt? Käthes Herz zog sich zusammen vor Weh und Angst -- geschah
das alles der Braut zu Ehren, die doch heute wiederkommen mußte, um die
kranke Schwester zu besuchen?
Die alte Frau sagte kein Wort darüber. Sie schien nur sehr bewegt zu
sein, und man sah es noch an den zartgeröteten Augenlidern, hörte es in
der weichen Stimme, daß Thränen der Rührung geflossen waren. Sie teilte
dem jungen Mädchen freudig mit, daß die Nacht für die Leidende gut
verlaufen und der Anfall nicht wiedergekehrt sei.
Für diese beruhigende Nachricht küßte ihr Käthe die Hand, und da
geschah das Seltsame, daß die sonst so zurückhaltende Frau plötzlich
die Arme um die schöne, jugendliche Mädchengestalt schlang und sie
wie eine Tochter zärtlich an das Herz zog. Dann führte sie die froh
Erstaunte schweigend in das Krankenzimmer.
Henriette saß aufrecht im Bette und die Jungfer ordnete ihr ein wenig
das reiche Haar unter dem Nachthäubchen, der Doktor aber hatte sich vor
einer Stunde zurückgezogen, um zu ruhen ... Das schmale, langgezogene
Gesicht der Kranken mit den fleischlos hervortretenden Backenknochen
und den verhängnisvollen schwarzen Ringen unter den Augen hatte in
der Nacht einen scharf hippokratischen Zug angenommen, der Käthe
erschreckte, aber der Ausdruck der Züge war ein glücklicher. Sie konnte
nicht genug beschreiben, wie aufopfernd der Doktor sie pflege, wie
unsäglich wohl sie sich in der gemütlichen Fremdenstube fühle, und
wie sie bei dem Gedanken schaudere, daß sie doch einmal wieder von da
fort müsse. Sie bat Käthe, in die Villa zurückzukehren und ein Buch zu
holen, das sie der Tante Diakonus versprochen habe -- es sei in Floras
Händen, die es ihr abgeborgt -- dabei flüsterte sie der Schwester in
das Ohr, sie möge dafür sorgen, daß Flora und die Großmama sie hier
nicht allzu oft belästigten. Nicht die leiseste Ahnung hatte sie von
dem, was sich gestern abend an ihrem Bette zugetragen, und daß durch
ihre Schuld das so lange schwebende Ungewitter zum furchtbaren Ausbruch
gekommen sei.
Käthe konnte ihr kaum in die Augen sehen; sie atmete auf, als die
Kranke schließlich die Bitte um das Herbeiholen des Buches erneute
und sie beauftragte, auch noch verschiedenes aus ihrem Schreibtische
mitzubringen, zu welchem Zweck sie ihr die Schlüssel einhändigte.
Nach einer Stunde kehrte das junge Mädchen in die Villa zurück. Sie
war ganz erfüllt von dem beängstigenden Eindruck, den ihr Henriette
gemacht hatte; das Krankengesicht mit der totenhaft wächsernen Blässe
und den eingesunkenen Zügen verfolgte sie und machte sie tief traurig.
Deshalb fuhr sie auch, im Innersten verletzt, zurück, als sie, die
Treppe zur Bel-Etage hinaufsteigend, schräg durch die offene Thür des
Wintergartens den brillant hergerichteten Frühstückstisch mit seinem
blinkenden Geschirr voll köstlicher Leckereien überblickte. Den ganzen
Marmorfußboden des maurischen Zimmers bedeckte ein ungeheurer dicker
Smyrnateppich, für warme Füße war gesorgt und für heiße Köpfe auch --
letzteres durch die auserwählten Flaschen aus dem Turmkeller.
Käthe suchte in Henriettens Zimmer alles zusammen, was die Kranke
zu haben wünschte, und ging wieder hinab, um der Präsidentin
pflichtschuldigst guten Morgen zu sagen. Ihre Tritte verhallten in dem
weichen Treppenläufer; sie wurde nicht gestört von den zwei Bedienten,
die unten im Korridor standen, und von denen der eine ein Paket in der
Hand hielt, welches der Briefträger eben gebracht hatte.
»Zum Kuckuck auch, da kommt das Paket zum drittenmal zurück!« fluchte
er und kratzte sich hinter den Ohren. »Ich hab' die Geschichte satt bis
an den Hals. Nun bin ich so freundlich und packe es morgen wieder und
schreibe eine neue Adresse. Unser Fräulein muß auch denken, man hat
auf der Gottes-Welt nichts weiter zu thun.« Er drehte das Päckchen
unschlüssig hin und her. »Am allerbesten wäre das Ding drunten im
Küchenfeuer aufgehoben --«
»Was ist denn darin?« fragte der andere.
»Ein Haufen Papier, und das Fräulein hat mit ihren langbeinigen
Krakelfüßen groß und breit draufgeschrieben: ‚Die Frauen‘, mag schon
was Rechtes sein!« Er verstummte erschrocken und nahm sofort eine
ehrerbietige Haltung an -- Käthe kam eben die letzten Stufen herab und
ging an ihm vorüber nach dem Schlafzimmer der Präsidentin.
Sie wurde nicht angenommen. Die herauskommende Jungfer berichtete,
es sei früher Morgenbesuch da, eine Dame vom Hofe. Daraufhin ging
Käthe in Floras Zimmer, um das besprochene Buch zu holen. Sie empfand
eine heftige Abneigung, die Schwelle zu betreten; ihr Herz klopfte
fast hörbar vor innerem Aufruhr und bestürzt erkannte sie in diesem
Augenblick, daß für diese Schwester auch nicht ein Funken von Sympathie
in ihr lebe. Der ganze Grimm, den sie in der schlaflosen Nacht zu
bewältigen gesucht, stieg wieder in ihr auf und nahm ihr fast den Atem.
Vielleicht fühlte Flora ähnlich. Sie stand mitten im Zimmer neben dem
großen, mit Büchern und Broschüren bedeckten Tische und sah mit einem
sprühenden Aufblick nach der Eintretenden. Ach nein, der Zorn galt
jedenfalls dem zurückgekommenen Paket. Dort lag es aufgerissen und die
schöne Empfängerin schleuderte einen eben gelesenen Brief mit einer
verächtlichen Handbewegung in den Papierkorb. Fräulein von Giese, das
mokante Hoffräulein, hätte das nicht sehen dürfen. Floras »kleiner
Finger« hatte sich bezüglich »der Frauen« doch vielleicht ein wenig
geirrt.
»Du kommst jedenfalls von Henriette,« sagte Flora und schlug hastig den
blauen Umschlag über dem ihr zurückgeschickten Manuskript zusammen.
»Es geht ihr ja recht gut, wie ich höre; ich habe schon um acht
Uhr hinübergeschickt und mich erkundigen lassen. Moritz ist nicht
recht klug; er jagt mich mit einem Billet, das er noch in der Nacht
geschrieben hat, in aller Frühe aus dem Bette, damit ich rechtzeitig
Toilette mache, weil er ~à tout prix~ der Großmama und mir vor dem
Frühstück seine Gäste vorstellen wolle. Als ob das Heil der Welt von
dieser Vorstellung abhinge! Die Großmama wird darüber gerade auch nicht
sehr erfreut sein.«
Sie sah reizend aus. Man sagt, daß der Mensch sich unbewußt nach seiner
Stimmung kleide, demnach mußte Floras Erwachen heute ein überaus frohes
und heiteres gewesen sein; denn die ganze schlanke, schöne Gestalt
erschien wie in ein leuchtendes Aetherblau getaucht. Selbst in den
zierlich gekräuselten Locken steckte eine glänzend blaue Atlasschleife.
Mit dem Arbeitszimmer harmonierte freilich diese Toilette schlecht;
es sah heute, wo der strahlend goldene Tag draußen lag, so düster und
unwohnlich wie möglich aus und war allerdings weit eher ein passender
Hintergrund für einen menschenscheuen Stockgelehrten als für diese
duftig blaue Fee. Aber auch der Gesichtsausdruck der schönen Dame
paßte nicht mehr zu den gewählten Farben: sehr üble Laune und eine
kaum zu verbergende Niedergeschlagenheit guckten aus allen Winkeln
und Linien ihrer Züge. Ueber die Ereignisse des gestrigen Abends fiel
kein Wort. Die waren versunken und scheinbar vergessen; selbst der
beraubte Goldfinger hatte Ersatz gefunden -- zwei kleine Brillantringe
schmückten ihn.
Auf Käthes Bitte trat Flora an ein Bücherregal und nahm das verlangte
Buch herab. »Henriette wird doch nicht selbst lesen wollen?« fragte sie
über die Schulter.
»Das würde Doktor Bruck schwerlich gestatten; die Frau Diakonus will
das Buch lesen,« sagte Käthe mit ruhiger, kalter Stimme und nahm das
Werk in Empfang.
Ein verächtliches Spötteln zuckte um Floras Mund; in ihren Augen
blitzten Verdruß und Aerger auf; sie hielt es jedenfalls für eine nicht
zu entschuldigende Taktlosigkeit von seiten der Schwester, daß sie
diese Namen vor ihren Ohren noch laut werden ließ.
Käthe ging. Aber in demselben Augenblicke, wo sie die Thür öffnete, um
das Zimmer zu verlassen, trat ihr der Kommerzienrat entgegen. Er sah
prächtig, fast strahlend frisch aus, wenn er auch in sichtlich großer
Aufregung kam.
»Dageblieben, Käthe!« rief er fast scherzhaft und breitete seine Arme
aus, um sie zurückzuhalten. »Ich muß mich erst überzeugen, ob du heil
und unverletzt bist.« Er schob sie in's Zimmer zurück, drückte die
Thür in das Schloß und warf seinen Hut auf den Tisch. »Nun sagt mir
um Gotteswillen, was ist Wahres an der haarsträubenden Geschichte,
die mir eben mein Anton beim Ankleiden mitgeteilt hat?« rief er. »Die
Leute haben einfältigerweise bei meiner Ankunft geschwiegen, um mir die
Nachtruhe nicht zu stören, und ich habe mir eben dergleichen unzeitige
Rücksichten für die Zukunft energisch verbeten.« Er fuhr sich mit
beiden Händen durch das reiche Haar. »Ich bin ganz außer mir. Was muß
die Welt von mir und meinem Taktgefühle denken! Henriette liegt auf
den Tod krank, und ich arrangiere sorgloserweise ein Herrenfrühstück in
meinem Hause. Ist's denn nur wahr, das Unglaubliche? Eine Schar Megären
soll euch attackiert haben?«
»Nicht ‚uns‘, sondern ganz speziell mich, Moritz,« sagte Flora.
»Henriette und Käthe haben eben nur mitleiden müssen, weil sie bei
mir waren. Ich kann mir nicht helfen -- den größten Teil der Schuld,
daß es so weit gekommen, muß ich dir beimessen. Du mußtest schon bei
den ersten feindseligen Kundgebungen ganz anders vorgehen; solch
einer Rotte gegenüber ist ein entschlossener Mann stets Herr, wenn
er's richtig anzufangen weiß. Aber bei deinen ewigen Rücksichten, um
Gotteswillen nie und nirgends anzustoßen, bist du schwach --«
»Ja, schwach gegen euch, gegen dich und die Großmama,« fiel der
Kommerzienrat ganz blaß vor Aerger ein. »Du vorzüglich hast nicht
geruht, bis ich mein Wort zurückgenommen und dadurch meine Arbeiter
unnötig gereizt habe. Bruck hat recht --«
»Ich bitte dich, verschone mich _damit_!« rief Flora dunkelrot vor
Zorn. »Wenn du keine andere Autorität zu nennen weißt, auf die du dich
berufst --«
Der Kommerzienrat trat ihr rasch näher und sah ihr erstaunt prüfend in
die funkelnden Augen. »Wie, noch immer so feindselig, Flora?«
»Hältst du mich für so jammervoll schwachköpfig, daß ich meine
Ansichten wechsele, wie man einen Rock aus- und anzieht?« fragte sie
herb zurück.
»Das nicht, aber ist es nicht verwegen, der gebildeten Welt zum Trotz
--«
»Was geht mich die Welt an?« Sie brach plötzlich in ein lautes
Gelächter aus. »Die ganze gebildete Welt!« wiederholte sie. »Willst du
mir sagen, wie du es möglich machst, sie mit deinem bedauernswürdigen
Protegé in Verbindung zu bringen?«
Der Kommerzienrat faßte kopfschüttelnd ihre Hand; er war fast atemlos
vor Ueberraschung. »Ja, wie ist denn das möglich? Weißt du denn noch
nicht --«
»Mein Gott, was soll ich denn wissen?« unterbrach sie ihn ungeduldig
mit ärgerlich gerunzelten Brauen und stampfte leicht mit dem Fuße den
Boden.
Da wurde sehr rasch die Thür geöffnet, und die Präsidentin trat herein.
Sie war einfach in penseefarbene Seide gekleidet. Ob die starke lila
Nüance ihr Gesicht so gelb und alt machte, oder ob sie infolge der
gestrigen Aufregung eine schlechte Nacht gehabt -- genug, sie sah sehr
verfallen und dabei unverkennbar tief alteriert aus.
Der Kommerzienrat eilte auf sie zu und küßte ihr ehrerbietig die
Hand. Er betonte, daß er ihr schon vor einer halben Stunde habe seine
Aufwartung machen wollen, aber zurückgewiesen worden sei, weil die
Großmama das Schlafzimmer noch nicht verlassen und dort den Besuch der
Hofdame von Berneck angenommen habe.
»Ja, die gute Berneck kam, um mir ihr Beileid auszusprechen über
Henriettens Erkranken und das abscheuliche Attentat, dem Flora
ausgesetzt gewesen ist,« sagte sie. »Wir werden heute einen
anstrengenden Tag haben; die ganze Stadt ist aufgeregt über den Vorfall
und die Freunde unseres Hauses sind empört; sie kommen sicher alle, um
nach uns zu sehen.«
Sie sank matt in einen Lehnstuhl; ihre Stimme klang angegriffen und den
Gebärden fehlte die Elastizität, die sie sonst noch so siegreich in
ihrem Alter behauptete. »Uebrigens hatte die Berneck auch noch einen
andern Grund, und der stand jedenfalls in erster Linie,« hob sie wieder
an. »Ich kenne sie schon; sie ist eine von denen, die gar zu gern die
ersten sein wollen, die eine sogenannte gute Nachricht hinterbringen,
und da fragen sie nicht viel danach, ob sie ein Hofgeheimnis verletzen
oder nicht. Denkt euch, sie kam, um mir insgeheim zu gratulieren, weil
unserem Hause Heil widerfahren werde.« Sie erhob sich und verschlang
die Hände ineinander. »Mein Gott, welches Dilemma! Ich weiß wirklich
nicht, ob ich weinen oder mich freuen soll. Es ist ja trostlos
niederschlagend, daß gerade bei Hof, der ein gutes Beispiel geben
sollte, das alte Sprichwort vom Undanke immer wieder zur Wahrheit wird.
Wie hat sich Bär zeitlebens aufgeopfert für die Herrschaften! Und jetzt
geht man plötzlich über ihn hinweg, als habe der alte, treue Diener
nicht existiert. Er ist noch so rüstig, so geistesfrisch, und doch --
will man ihn pensionieren.«
»Und dazu gratuliert dir die alte Person?« rief Flora ärgerlich.
»_Dazu_ selbstverständlich nicht, mein Kind,« entgegnete die
Präsidentin, ihre Stimme verstärkend, mit großem Nachdrucke. »Flora, es
geschehen wunderbare Dinge in der Welt. Hättest du das vor einer Stunde
noch für möglich gehalten? Bruck soll Hofrat und Leibarzt des Fürsten
werden.«
»Verrücktes Hofgeschwätz! Auf was alles werden wohl diese müßigen
Köpfe noch verfallen! Sie kombinieren wirklich das Blaue vom Himmel
herunter,« lachte Flora auf. »Hofrat und Leibarzt! Und solchen
Blödsinn hörst du ruhig mit an, Großmama, und lässest dich auch noch
beglückwünschen?« Sie brach abermals in ein schallendes Gelächter aus.
»Nun, das muß ich sagen, lebt man denn hier in der Residenz so
weltenfern von der Zivilisation, daß keine Zeitungen gelesen werden?«
rief der Kommerzienrat, die Hände zusammenschlagend. »Ihr wißt wirklich
nichts, rein gar nichts von dem, was geschehen ist, was uns so nahe
angeht? Und ich komme deshalb einen Tag früher zurück. Die Freude hat
mir keine Ruhe gelassen. Alle Zeitungen sind voll von der wunderbaren
Operation, die Bruck in L.....g ausgeführt hat! in allen Kreisen
Berlins wird augenblicklich davon gesprochen. Der Erbprinz von R.,
der gegenwärtig in L.....g studiert, ist mit dem Pferde gestürzt; er
ist so schwer und unglücklich am Kopfe verletzt gewesen, daß sich
kein Arzt zu der Operation hat verstehen wollen, selbst der tüchtige
Professor H. nicht. Dem aber ist es erinnerlich gewesen, daß Bruck im
letzten Feldzuge einen ähnlichen Fall behandelt und zum Erstaunen aller
glücklich durchgeführt hat. Darauf hin hat man ihn sofort telegraphisch
berufen --«
»Und das soll _dein_ Bruck, dein Protegé gewesen sein?« unterbrach ihn
Flora. Sie versuchte zu lächeln, aber diese weiß gewordenen Lippen
schienen versteinert, wie das ganze, plötzlich leichenhaft erblichene,
schöne, impertinente Gesicht.
»Es war allerdings _mein_ Bruck, wie ich ihn jetzt mit Stolz nenne,«
bestätigte der Kommerzienrat mit sichtlicher Genugthuung. Er war ja
so froh über diese glückliche Wendung. Zwar Skrupel hatte er sich
längst nicht mehr gemacht über sein Verschweigen -- der bereits halb
vergessene grauenhafte Vorfall hatte ihn ruhig schlafen lassen; denn
er war ein echtes Kind seiner Zeit, ein Egoist, der bei der Wahl: »Er«
oder »Ich« keinen Augenblick im unklaren war, daß das »Ich« betont
werden müsse. Aber nun war es doch gut, daß alles so gekommen, und
Bruck sich durch eigene Kraft, wie er, der Kommerzienrat, ja voraus
gewußt, wieder emporgerungen. »Uebrigens macht auch zu gleicher Zeit
eine Broschüre von ihm unglaubliches Aufsehen in den medizinischen
Kreisen,« fuhr er fort. »Er hat für die Operation im allgemeinen einen
völlig neuen Weg entdeckt, der von unberechenbarer Tragweite sein
soll. Es ist nicht mehr zu leugnen -- Bruck geht einer großen Zukunft
entgegen.«
»Wer's glaubt!« sagte Flora mit seltsam erloschener Stimme. Verzweifelt
gespannt in jedem Gesichtszuge, glich sie einem Spieler, der sein
Letztes auf _eine_ Karte setzt. »Mit deinem hohlen Pathos überzeugst du
mich nicht. Entweder liegt hier eine Namensverwechselung vor, oder --
die ganze Wundergeschichte ist erfunden.«
Bei dieser hartnäckigen, trotzigen Behauptung büßte auch der
Kommerzienrat seine sprichwörtlich gewordene Langmut ein, die er den
Damen seines Hauses gegenüber jederzeit an den Tag legte. Er stampfte
zornig mit dem Fuße auf und wandte sich ab.
Die Präsidentin stand am Tische und ließ ihre zwei weißen, welken
Finger in nervöser Erregung auf der Tischdecke spielen. Ihre Augen
fixierten unruhig die Enkelin. Sie begriff recht wohl, was in ihr
vorgehen mußte, die den nun so gefeierten Mann so schmählich verkannt
und verleumdet hatte. Es war eine jämmerliche Niederlage, aber gerade
in solchen Momenten mußte die gut erzogene Weltdame sich ohne weiteres
zurechtfinden können.
»Dein Sträuben wird dir wohl nichts helfen, Flora,« sagte sie gelassen.
»Du wirst schließlich doch glauben müssen. Ich für meinen Teil -- so
wunderlich mir auch dabei zu Mute ist -- zweifle nicht mehr. Der Herzog
von D. ist der Mutterbruder des Erbprinzen; er mag wohl sehr erfreut
und glücklich sein über die Rettung seines Neffen, denn gestern abend
sah ich den D.schen Hausorden auf Brucks Schreibtische liegen.«
»Und _das_ sagst du mir _jetzt erst_, Großmama?« schrie Flora wie
wahnwitzig auf. »Warum nicht gestern noch? Warum hast du mir das
verschwiegen?«
»Verschwiegen?« wiederholte die Präsidentin so geärgert, daß ihr Kopf
in jenes leise nervöse Schütteln verfiel, das alten Leuten bei zorniger
Erregung leicht eigen ist. »Wie impertinent! -- Ich möchte wissen,
was mich veranlassen könnte, dergleichen geheim zu halten, höchstens
der Umstand, daß man in den letzten Monaten Brucks Namen vor deinen
Ohren kaum noch nennen durfte. Ich habe das allerdings auch möglichst
vermieden --«
»Weil mein Verhalten vollkommen nach deinem Geschmacke war, ~chère
grand'mère~ --«
»Bitte recht sehr, nur weil es mir im Innersten widerstrebt, Zeugin
leidenschaftlicher Ausbrüche zu sein. Du bist ja seine erbittertste
Gegnerin, hast ihn schärfer gerichtet als die mißgünstigsten unter
seinen Kollegen; das leiseste Bemühen, ihn zu entschuldigen, ruft
stets heftige Szenen hervor. Der arme Moritz und Henriette wissen
ein Lied davon zu singen. Und hast du nicht eben gezeigt, in welcher
Weise du eine Nachricht aufnimmst, die zu seinen Gunsten spricht?« Wie
tief gereizt mußte sie sein, daß sie -- anstatt das fatale Vergangene
nunmehr totzuschweigen, wie es sonst ihre Art war -- noch einmal Floras
häßliches Benehmen vor den Augen der anderen vorüberführte!
Flora schwieg. Sie stand am Fenster, den Rücken den Anwesenden
zugekehrt; an ihren fliegenden Atemzügen sah man, daß sie heftig mit
sich kämpfte.
»Sage mir doch, _wann_ ich dir die Mitteilung hätte machen sollen!«
fuhr die Präsidentin fort. »Vielleicht gestern, wo du beim
Nachhausekommen kaum den Kopf zur Thür hereinstecktest, um meinem
Besuche guten Abend zu bieten? Oder im Hause des Doktors selbst, wo ich
keinen Augenblick mit dir allein war, und wo dich das pauvre Hauswesen
deines Bräutigams in die übelste Laune versetzte?«
»Das war _dein_ Kummer, liebe Großmama, wie du die Güte haben wirst,
dich zu erinnern; was mich betrifft, so übertreibst du.«
Käthe öffnete weit die ehrlichen, braunen Augen vor Erstaunen über
dieses kecke Verleugnen -- das gestern gegen die »spukhafte Spelunke«
geschleuderte Anathema klang noch in ihren Ohren.
»Mit dir ist schwer rechten; ich kenne dich schon. Bei aller bis zum
Ueberdrusse an den Tag gelegten derben Wahrhaftigkeit verschmähst
du doch die Schlupfwinkel des Leugnens nicht, wo es dir gerade
paßt,« zürnte die Präsidentin und schob mit einer ziemlich heftigen
Handbewegung das vor ihr auf dem Tische liegende Manuskriptenpaket
weiter. Der Umschlag löste sich wieder, und der mit den »langbeinigen
Krakelfüßen« geschriebene Titel kam zum Vorscheine.
»Ah, spricht das wieder einmal vor auf seinem Zickzackwege durch
die Welt?« fragte sie und zeigte mit dem Finger auf die Papiere.
Ihr Ton bewies, daß die Frau der weisen Mäßigung auch schneidend
maliziös werden konnte. »Ich dächte, du gönntest ihm endlich die Ruhe
im Papierkorb. Dieses fortgesetzte Angebot von seiten eines meiner
Angehörigen und die konsequente Zurückweisung der Buchhändler wird
mir nachgerade unerträglich. Ich möchte wissen, wie du es aufnehmen
würdest, wenn eines von uns deine ‚hervorragende geistige Begabung‘
auch nur mit einem Worte anzweifeln wollte, und da lässest du es dir
alle vier, fünf Wochen schwarz auf weiß sagen --«
»Echauffiere dich nicht unnötig, Großmama! Du könntest leicht irren,
wie gewisse andere Leute auch,« unterbrach Flora sie zornbebend; ihr
Blick streifte dabei entrüstet die junge Schwester. Der Backfisch hatte
ja schon gestern abend ein ähnlich absprechendes Urteil mit angehört.
»Du bist verstimmt, weil du an Bär eine einflußreiche Stimme bei Hofe
verlierst; je nun, ich verdenke dir das im Grunde nicht, liebste
Großmama, denn Bruck wird sich schwerlich dazu verstehen, deine kleinen
Interessen bei unseren Herrschaften zu vertreten, vielleicht nicht
einmal _mir_ zuliebe; das ist fatal für dich, aber ich sehe trotzdem
nicht ein, weshalb ich armes Opfer es nun ausbaden soll. Ich werde mir
erlauben, mich zurückzuziehen, bis das Wetter im Hause wieder klar
ist.« Sie raffte die auseinanderfallenden Blätter des Manuskriptes
zusammen und verschwand wie eine blaue Wolke hinter der Thür ihres
Ankleidezimmers.
»Die ist doch unberechenbar exzentrisch,« sagte die Präsidentin mit
einem Seufzer. »Von ihrer Mutter hat sie nicht eine Ader; die war die
Sanftmut und Fügsamkeit selbst ... Mangold hat sehr gefehlt darin, daß
er sie so frühe die Honneurs in seinem Hause machen ließ. Ich habe
genug dagegen geeifert, aber das war alles in den Wind gesprochen. Du
weißt ja am besten, Moritz, wie obstinat Mangold sein konnte.«
Käthe schritt nach der Thür, um das Zimmer zu verlassen. Die allzufrühe
Selbständigkeit war für Flora allerdings verderblich gewesen, das ließ
sich nicht mehr leugnen, aber das junge Mädchen konnte es doch nicht
mit anhören, daß ihrem verstorbenen Vater in so verletzender Weise der
Vorwurf gemacht wurde, daß -- er der Frau Schwiegermutter aus guten
Gründen das Herrscheramt in seinem Hause verweigert habe.
Der Kommerzienrat folgte ihr und ergriff ihre Hand. »Du bist so blaß,
Käthe, so schrecklich ernsthaft und still,« sagte er. »Ich fürchte, du
stehst noch unter dem Eindrucke des gestrigen Vorfalles und leidest,
armes Kind.« Das klang nichts weniger als vormundschaftlich.
»So verändert in der Gesichtsfarbe und so nachdenklich ist Käthe schon
seit einigen Tagen,« warf die Präsidentin rasch ein. »Ich weiß, was ihr
fehlt: sie hat Heimweh. Du darfst dich darüber nicht wundern, bester
Moritz. Käthe ist an das Stillleben in kleinbürgerlichen Verhältnissen
gewöhnt; dort wird sie vergöttert; um das reiche Pflegetöchterchen
dreht sich schließlich alles in dem kleinen Hauswesen. Wir können ihr
das mit dem besten Willen nicht bieten. Wir leben zu sehr in der Welt;
unsere gesellschaftlichen Formen, die Elemente unserer Kreise sind so
ganz andere, daß sie sich bei uns entschieden unbehaglich und bedrückt
fühlen muß.« Sie trat näher und streichelte mit linder Hand die Wange
des jungen Mädchens. »Hab' ich nicht recht, mein Kind?«
»Es thut mir leid, aber ich muß ‚nein‘ sagen, Frau Präsidentin,«
versetzte Käthe mit ihrer festen Stimme; dabei bog sie den Kopf
mit einer entschiedenen Bewegung zurück -- es nahm sich aus, wie
ein Protest gegen jegliche fernere Liebkosung. »Ich werde nicht
vergöttert, und es dreht sich auch nicht alles um ‚den Goldfisch‘;«
-- sie lachte leise und schalkhaft auf -- »der arme Goldfisch spürt
die Zügel einer konsequenten Erziehung mehr als je; ein Versehen im
Hauswesen wird mir weit schwerer verziehen, seit ich die reiche Erbin
bin. Und so bedrückend fremd, wie Sie meinen, sind mir die vornehmen
Elemente Ihrer Kreise auch nicht. Der Staatsminister von B. ist einer
der Auserwählten, die zu dem kleinen Abendzirkel meiner Pflegeeltern
gehören. Unser Salon ist freilich so eng, daß keine Spieltische
aufgestellt werden können, aber einige Professoren der Akademie,
Freunde des Doktors, halten interessante Vorträge; öfter kehren auch
musikalische Celebritäten bei uns ein, und dann wird unverdrossen, mit
wahrer Lust auf meinem schlechten Pianino musiziert.« Um ihre Lippen
schwebte wieder der ganze Liebreiz jugendlicher Heiterkeit, aber
auch ein Zug von Sarkasmus trat hervor -- sie hatte in der That eine
»streitbare Ader« in sich.
»Ich bin, Gott sei Dank, so erzogen, daß ich dem Heimweh nicht die
geringste Macht einräume, sobald ich weiß, daß ich irgendwo nötig
bin,« wandte sie sich an den Kommerzienrat. »Damit lasse dich nicht
schrecken, Moritz! Erlaube mir vielmehr, auf unbestimmte Zeit hier zu
bleiben -- Henriettens wegen!«
»Mein Gott, ich habe ja selbst keinen andern Wunsch, als dich hier
zu behalten,« rief er mit einem Feuer, das selbst dem jungen Mädchen
verwunderlich erschien.
Die Präsidentin stand wieder am Tische und ließ die Blätter eines vor
ihr liegenden Buches unter ihrem Daumen hinlaufen, und die gesenkten
Augen hingen so nachdenklich an diesem Spiel, als sehe und höre sie
nichts anderes. »Es versteht sich ja von selbst, daß du bleibst, so
lange es dir gefällt, meine liebe Käthe,« sagte sie gleichmütig, ohne
aufzusehen. »Nur darf dieses Bleiben beileibe nicht den Anstrich einer
Aufopferung erhalten; dagegen müssen wir uns entschieden verwahren.
Nanni pflegt unsere Kranke musterhaft, und auch meine Jungfer ist
angewiesen, nachts beizuspringen, wenn es nötig ist. Du könntest sie
ohne Sorge verlassen.«
»Mag doch das Motiv sein, welches es will, teuerste Großmama, es
genügt, daß Käthe in unserer Mitte zu bleiben wünscht,« fiel der
Kommerzienrat lebhaft ein -- er konnte den Blick nicht wegwenden von
dem Mädchen, das sich unverkennbar die eigene Ueberzeugung durch
beschwichtigende Worte nicht übertäuben ließ. »Sieh, im frohen
Vorgefühl, daß wir dich hier behalten werden, mein Kind, habe ich den
neuen Flügel --« Er unterbrach sich und küßte ekstatisch Daumen und
Zeigefinger der rechten Hand. »Du bekömmst ein Instrument, Käthe, gegen
welches das drüben im Musiksalon ein Klimperkasten ist; ich habe es,
sage ich, gleich direkt hierher dirigiert.«
»Aber, Moritz, so ist das nicht gemeint,« rief das junge Mädchen
rückhaltlos mit großen, erschrockenen Augen. »Gott bewahre mich!
Dresden ist und bleibt meine Heimat, und die Villa Baumgarten meine
Besuchsstation;« -- sie lachte mit ihrem ganzen Mutwillen auf -- »soll
ich den Flügel immer als Gepäckstück mitschleppen?«
»Ich bilde mir ein, daß du eines Tages in Bezug auf Dresden ganz anders
denkst,« versetzte er mit einem feinen, ausdrucksvollen Lächeln. »Der
Flügel wird morgen hier eintreffen und bis auf weiteres in deinem
Zimmer placiert werden.«
Die Präsidentin klappte den Deckel des Buches zu und legte die schmale,
weiße Hand darauf. »Du triffst andere Dispositionen, als ausgemacht
war,« sagte sie anscheinend gelassen. »Das bringt mich zwar sehr in
Verlegenheit, aber ich bescheide mich gern. Ich werde heute noch an
die Baronin Steiner schreiben, daß ihr für den Monat Mai angekündigter
Besuch unterbleiben muß.«
»Aber ich sehe nicht ein, weshalb --«
»Weil wir sie nicht unterbringen können, bester Freund. Käthes Zimmer
war für die Gouvernante bestimmt, die sie mitbringen wollte.«
Der Kommerzienrat zuckte die Achseln. »Dann thut es mir leid -- meine
Mündel bleibt selbstverständlich, wo sie ist.«
Er opponierte! Er wagte es, mit kühler Ruhe in das zornblitzende Auge
der empörten alten Dame zu sehen und es natürlich zu finden, daß
die Frau Baronin von Steiner Käthe weichen müsse -- er, der sonst
Himmel und Erde in Bewegung setzen mochte, der kein Opfer scheute,
wenn es galt, vornehme Gäste in sein Haus zu ziehen! Es wich von ihm
plötzlich der im Verkehr mit exklusiven Kreisen angeflogene feine Lack
der Außenseite, und die plumpe, gemeine Natur des Parvenü kam zum
Vorschein. Er war ja nun selbst von Adel, und dazu reicher als die
meisten seiner jetzigen Standesgenossen -- hatte er doch eben wieder
eine immense Goldernte eingeheimst -- er konnte herausfordernd auf
seine Tasche klopfen und -- er that es.
Die alte Dame biß sich auf die Lippe. »Ich werde unverzüglich die
nötigen Schritte thun,« sagte sie und nahm ihre Schleppe auf, um
zu gehen. »Beneidenswert ist die Situation, in die ich ohne mein
Verschulden gedrängt bin, durchaus nicht -- das muß ich sagen,« warf
sie mit hochgezogenen Brauen in bitterem Tone über die Schulter hin.
»Und das um meinetwillen?« rief Käthe und trat mit ausgestreckter Hand
einen Schritt näher, um das Hinausgehen der Präsidentin zu verhindern.
»Moritz, es kann doch dein Ernst nicht sein, daß ich junges Ding die
Freunde der Frau Präsidentin verdrängen soll? Das geschieht ganz gewiß
nicht. Habe ich denn nicht mein eigenes Heim? Ich quartiere mich sofort
in der Mühle ein, wenn Frau von Steiner kommt.«
»Das wirst du bleiben lassen, meine liebe Käthe; dagegen protestiere
ich selbst mit allen Kräften,« versetzte die Präsidentin mit vornehmer
Kälte, und jetzt brach aller Hochmut, der dieser stolzen Weltdame
innewohnte, aus ihren Augen. »Ich bin gewiß tolerant -- deine
verstorbene Mutter hat sich nie über Unfreundlichkeit meinerseits zu
beklagen gehabt, aber ein solch intimer Verkehr zwischen Villa und
Mühle, ein solch ungeniertes ‚Hinüber und Herüber‘ widersteht mir
denn doch in tiefster Seele, am allerwenigsten aber möchte ich diese
Beziehung der scharfen Kritik meiner sehr streng denkenden Freundin
ausgesetzt wissen.« Sie neigte steif grüßend den Kopf. »Ich bin im
blauen Salon zu finden, wenn du mir die Herren vorstellen willst,
Moritz.« Damit ging sie hinaus.
Der Kommerzienrat wartete mit spöttischer Miene, bis das Rauschen
der Seidenfalten draußen verklungen und die entgegengesetzte Thür im
Musikzimmer sehr hörbar zugefallen war, dann, indem sich seine Lippe
höhnisch hob, lachte er leise in sich hinein.
»Da hast du deine Lektion, Käthe!« sagte er. »Gelt, es stecken recht
scharfe Krallen in den Samtpfötchen. Ja, kratzen kann sie, die alte
Katze, daß es eine Art hat. Ich armer Tropf könnte Wundenmale genug
aufweisen, aber, Gott sei Dank, ihr Schicksal erfüllt sich endlich
auch. Sie erlebt das Schlimmste, das ihr passieren kann: sie wird
ungefährlich. Mit Bärs Pensionierung ist ihr Einfluß bei Hofe und in
der Gesellschaft gebrochen.« Er rieb sich die Hände in lächelnder,
unaussprechlicher Befriedigung. »Du weichst nicht um eine Linie, lieb'
Herz! Du hast mehr Rechte in meinem Hause als alle anderen zusammen --
merke dir das!«
Er wurde unterbrochen. Ein eintretender Diener meldete, daß die fremden
Herren in der Bel-Etage den Herrn Kommerzienrat erwarteten. Eiligst
griff Moritz nach seinem Hute; er wollte Käthe den Arm reichen, aber
diese schlüpfte verlegen an ihm vorüber, hinaus in den Korridor. Der
Herr Vormund mit der befremdenden Zärtlichkeit in Ton und Gebärden
gefiel ihr ganz und gar nicht; seine kühlen, geschäftsmäßigen Briefe
waren ihr lieber gewesen. Und welche merkwürdige Veränderung war sonst
noch mit ihm vorgegangen! Unwillkürlich dachte sie an ihren neulichen
Empfang in diesem Hause; noch hörte sie den ängstlichen Flüsterton,
mit welchem der Kommerzienrat sie auf den Respekt hingewiesen, den sie
der Präsidentin schulde, und jetzt machte er unehrerbietige Mienen
hinter ihrem Rücken und fing an, ihrer bisher wirklich unumschränkten
Machtvollkommenheit in seinem Hause unliebsame Grenzen zu ziehen.
Das alles erschreckte das junge Mädchen, war ihr unbegreiflich und
so unheimlich wie das dunkelpurpurne Zimmer voll dumpfer Luft und
Bücherstaub, dem sie jetzt tiefaufatmend den Rücken wandte, um in das
Haus am Flusse zurückzukehren.
[Illustration]
[Illustration]
15.
Das Krankenzimmer im Doktorhause sah am Nachmittag genau so aus wie
gestern, als man Henriette hineingetragen. Auf ihre leidenschaftlichen
Bitten hin hatte der Doktor die vornehmen Eindringlinge aus der
Villa wegschaffen lassen. Draußen in der weiten Flur, auf dem roten
Backsteingetäfel standen sie in Reih' und Glied, die apfelgrünen
Lehnstühle, der elegante Ofenschirm, und um die einfache Thonvase
mit dem Tannenstrauß gruppierte sich das vergoldete Waschgeschirr.
Das Steingut war wieder zu Ehren gekommen, und die altmodischen
Polsterstühle mit ihren schwarzen Serge-Bezügen standen an ihrem
ehemaligen Platze. Dagegen sprang das erfrischende Silbergefunkel
der kleinen, zerstäubenden Zimmerfontäne aus einem Kranz von grünen
Topfgewächsen, und auf einem Tische stand der große Käfig mit
Henriettens Kanarienvögeln, den man auf den sehnsüchtigen Wunsch der
Kranken aus der Villa herübergeschafft hatte. Die flinken, goldgelben
Geschöpfchen schlüpften, wie daheim, ungeniert aus und ein; sie
umschwirrten das Bett, holten Zuckerkrumen aus den wächsernen Fingern
der kranken Herrin und wiegten sich auf den schwebenden Blumenampeln
an der Zimmerdecke.
Nanni, die Kammerjungfer, war gegen Mittag entlassen worden, damit
sie in der Villa ausschlafen könne, und die Tante Diakonus hatte die
Pflege für die Tagesstunden übernommen. Die alte Frau war noch im
braunseidenen Kleide, aber sie hatte eine breite weiße Leinenschürze
darüber gebunden, um das Seidengeräusch zu dämpfen.
Henriette wußte bereits um die Wandlung, die sich so plötzlich
vollzogen. Die Jungfer war von draußen hereingekommen und hatte ihr
zugeflüstert, daß eben ein Herr vom Hofe in der Flur feierlich von der
Frau Diakonus empfangen und in das Zimmer des Doktors geführt worden
sei. Ein Herr vom Hofe bei Bruck, der zuletzt nur noch Armenarzt
gewesen war! Dazu hatten die festliche Toilette der Tante, ihr freudig
verklärtes Gesicht die Aufmerksamkeit der Kranken erregt; sie war
unruhig geworden und hatte mit Forschen und Fragen nicht nachgelassen,
bis sich der Doktor an ihr Bett gesetzt und ihr in seiner ruhigen,
einfachen Art und Weise Mitteilung von den Vorgängen gemacht hatte.
Das alles war geschehen, während Käthe in Floras Zimmer dem Auftritte
beiwohnte, den die Hofdame von Berneck und der Kommerzienrat mit ihrer
blitzartig einschlagenden Neuigkeit hervorgerufen hatten.
Nachmittags saß Käthe am Krankenbett. Der Doktor war zu einer Audienz
beim Fürsten befohlen und die Tante hatte sich für eine halbe Stunde
freigemacht, um einige häusliche Anordnungen zu treffen; die beiden
Schwestern waren zum erstenmal wieder allein. Auf Henriettens Gesicht
lag ein wahrer Glanz unausgesprochener Freude und Glückseligkeit; Ruhe
und Schweigen war ihr auferlegt worden. Der Doktor hatte ihr streng
verboten, nochmals den Jubel laut werden zu lassen, in welchen sie
bei seiner Mitteilung ausgebrochen war und der ihn tief erschreckt
hatte. Sie war auch folgsam gewesen und hatte weder ihn noch die
Tante im Laufe des Tages mit weiteren Fragen belästigt, aber jetzt,
wo die ernsten Augen des Arztes nicht warnten, wo die Thür hinter
der ängstlich besorgten Frau zugefallen war, jetzt richtete sie sich
plötzlich in den Kissen auf. »Wo bleibt Flora?« fragte sie gespannt und
hastig flüsternd.
»Du weißt, daß die Großmama von Stunde zu Stunde herübersagen läßt, der
Boden brenne ihr unter den Füßen, aber sie könne nicht fort, man sei
drüben von Beileidsvisiten dermaßen umringt, daß ein Losmachen sich
noch immer nicht bewerkstelligen lasse.«
»Mein Gott, die Großmama!« wiederholte die Kranke geärgert und sich
ungeduldig herumwerfend. »Wer verlangt denn nach _ihr_? Mag sie doch
drüben bleiben. Ich spreche von Flora!«
Henriette verschlang die Hände fest ineinander und hob sie mit einer
leidenschaftlichen Gebärde empor. »Käthe, ist _das_ eine glanzvolle
Rechtfertigung! Gott sei Dank, daß ich sie erleben durfte! Wenn nur
Bruck sich nicht hineinreißen läßt, auf seinem Rückwege vom Schlosse
in der Villa einzukehren! -- Hier, vor meinen Augen muß ihm Flora zum
erstenmal wieder gegenüber stehen, hier. Ich lechze danach, sie im
Staube vor ihm zu sehen.«
»Rege dich nicht auf, Henriette!« bat Käthe mit zitternder Stimme.
»Ach was -- laß mich reden!« entgegnete sie hastig. »Wenn Bruck nur
wüßte, zu welchen Qualen er mich verurteilt mit seinem Sprechverbot!
Die unterdrückte innere Aufregung beklemmt mir die Brust bis zum
Zerspringen, genau wie gestern der Sturm, der sich dann so erschreckend
Luft machte.« -- Sie stützte den Ellenbogen und vergrub die Hand in dem
reichen Blondhaar, von dem sie längst das Batisthäubchen weggeschüttelt
hatte. »Weißt du noch, wie Flora die Reise, von der Bruck berühmt
zurückgekehrt ist, höhnisch und verwegen ihm in das Gesicht hinein eine
Vergnügungstour nannte?« fragte sie und sah unter der gesenkten Stirne
hervor mit Augen voll Erbitterung zu der Schwester auf; sie verfiel in
denselben Ton wie gestern in ihren wilden Fieberphantasien, die eine so
furchtbare Entscheidung herbeigeführt hatten. Käthe schauerte in sich
zusammen. »Erinnerst du dich, wie sie Moritz schalt und verlachte, weil
er der Wahrheit nahe kam und vermutete, daß Bruck an ein Krankenbett
nach L.....g gerufen sein könne? Nein, und wenn sie auf den Knieen
Abbitte leistet, sie kann diesen Frevel, diesen beispiellosen Uebermut
kaum sühnen. Nur einen einzigen Blick möchte ich jetzt in ihre Seele
thun. Welche niederschmetternde Beschämung! Sie kann beim ersten
Begegnen die Augen weder zu ihm, noch zu uns aufschlagen.«
Käthe hatte die Hände im Schoß gefaltet und die Wimpern lagen tief auf
ihren Wangen, als sei sie die Schuldige. Das leidenschaftlich erregte
Mädchen da vor ihr ahnte nicht, daß diese erste Begegnung nicht mehr
stattfinden konnte, daß sich Floras Fuß nie wieder in »die spukhafte
Spelunke« verirren würde. Sie wußte so wenig wie alle anderen, daß
sich die Braut gewaltsam befreit, daß das Symbol des geschlossenen
Bundes, der »einfache« Goldreif, draußen im Flusse liege, wenn ihn
nicht die Wellen längst fortgespült hatten.
»So sprich doch auch ein Wort!« grollte Henriette. »Du mußt Fischblut
in den Adern haben, daß dich die Vorgänge so ruhig lassen. Freilich,
du hast noch keinen besonders tiefen Einblick in die Verhältnisse
thun können, und den Persönlichkeiten gegenüber magst du auch noch
nicht den richtigen Standpunkt einnehmen. Bruck z. B. kann dich kaum
interessieren; du siehst ihn zu selten und hast sicher noch keine
zehn Worte mit ihm gesprochen, aber du bist doch schon Zeuge von
Floras abscheulichen Rücktrittsmanövern gewesen, hast die herzlosesten
Aussprüche von ihren Lippen gehört -- ich sollte meinen, so viel
Gerechtigkeitsgefühl, so viel Verlangen -- ich möchte sagen ‚Durst‘
nach gerechter Strafe, nach einem rächenden Ausgleich müsse in jeder
gesunden Menschennatur liegen.«
Jetzt sah Käthe mit einem seltsam flimmernden Blick auf; das war
sicher kein Fischblut, das in so jäh emporschießender Welle Stirn und
Wangen, selbst den runden, schneeweißen Hals heiß und purpurn färbte;
es wallte unbezwinglich auf und ließ sie einen Augenblick völlig
vergessen, daß sie am Krankenbett sitze und als gewissenhafte Pflegerin
auf kein erregendes Thema eingehen dürfe. »Und wenn dieses Rachewerk
sich wirklich vollzieht, wenn Flora beschämt ihren Irrtum zugibt,
welchen Wert könnte diese Umkehr für den beleidigten Mann haben?«
fragte sie gepreßt. »Flora hat ihm, wie du selbst sagst, ihre Abneigung
unverhohlen gezeigt, und wenn er in den Fürstenstand erhoben würde, es
könnte doch unmöglich den Widerwillen in Liebe zurückverwandeln.«
»Bei einer so eitlen, ehrgeizigen Seele, wie Flora, ohne weiteres,«
versetzte Henriette in bitter verächtlichem Ton. »Und Bruck? Du
wirst sehen, er geht bei ihrer ersten Annäherung über das Geschehene
hinweg, als sei es nie gewesen.« -- Den Kopf zurücklehnend, schloß
sie einen Moment die Augen. -- »Ja, wenn die Liebe nicht wäre, dieses
ewig unlösliche Rätsel!« sagte sie halb flüsternd vor sich hin.
»Und er liebt sie wie vordem; wie ließe sich sonst sein Ausharren,
sein geduldiges Ertragen erklären?« Sie hob die Wimpern wieder, und
ein Gemisch von tiefem Schmerz und bitterer Ironie brannte in ihren
unirdisch glänzenden Augen. »Und wenn ihn aus ihrem schönen Gesicht
ein Teufel anblickte, und wenn ihre Hände nach ihm schlügen, er würde
sie doch lieben und diese Hände zärtlich küssen.« Das Lächeln,
das so scharfe Linien in ihre abgezehrten Wangen grub, hatte etwas
Herzzerreißendes; sie suchte es auch zu verbergen, indem sie das
Gesicht in die Kissen drückte. »Ihre Umkehr wird mithin hohen Wert
haben,« sagte sie nach einer momentanen Pause entschlossen, mit
gewaltsam beherrschter Stimme; »er wird glücklich werden, und deshalb
muß auch von unserer Seite alles geschehen, daß die Zeit der Verirrung
nie mehr berührt wird.«
Käthe sagte kein Wort mehr. Die Kranke erwartete mit kaum bezähmbarer
Ungeduld den Moment, wo sie den Mann, den sie als ihren Arzt
vergötterte, wieder glücklich sehen würde. Was sollte werden, wenn
Flora nicht kam, wenn Henriette endlich erfahren mußte, daß die
treulose Braut der langen Qual eigenmächtig ein rasches, gewaltsames
Ende gemacht hatte? »Dann wirst du unseren Namen nie mehr auf die
Lippen nehmen,« hatte Henriette gestern in ihren Fieberphantasien
gegen Bruck geklagt. In Käthes Seele dauerte der chaotische Zustand
fort, der sie schon gestern abend betroffen gemacht. Die Gesetze der
Moral hatten ein scharfes Gepräge für sie, und sie war noch unerfahren
genug, Lohn und Strafe stets als gerechte Folgen vorausgegangener
Handlungen zu denken -- und nun in diesem wunderlichen Weltgetriebe
wurde alles Ernstes gewünscht und gehofft, daß unerhörter Uebermut und
systematische Pflichtverletzung nicht nur straflos ausgehen, sondern
auch noch eines seltenen Glückes teilhaftig werden sollten. Man bemühte
sich, das Vergehen totzuschweigen; man hätschelte die Sünderin und
dankte ihr womöglich auf den Knieen für ihre Umkehr, die, wenn sie
wirklich erfolgte, nicht einmal wahre, innere Reue, sondern nur durch
den Umschwung der äußeren Verhältnisse hervorgerufen worden war.
Und er, den sie moralisch mit Füßen getreten, nahm er sie wirklich
augenblicklich wieder an sein Herz, wenn sie sich herabließ, zu ihm
zurückzukehren? Ganz sicher; hatte er sie doch nicht freigegeben,
selbst nachdem sie ihm erklärt, daß sie ihn hasse. Jetzt fühlte Käthe
einen mächtigen Zorn in sich aufglühen gegen die unselige Schwachheit,
die einen Mann so erbärmlich, so unmännlich handeln ließ. Sie hätte
so recht von Herzen ihren Groll ausweinen mögen über diese Erfahrung,
die ihr das Leben und sogar die schöne, strahlende Welt für einen
Augenblick verdunkelte, aber sie verbiß trotzig das wunderliche
Schmerzgefühl und saß äußerlich fast noch »fischblütiger« da als
vorher. Weinen? Was ging sie denn die ganze abstoßende Geschichte
weiter an? Sie hatte nun nichts, gar nichts mehr dabei zu bedenken als
das Hochzeitsgeschenk für die Schwester -- etwa einen Teppich oder ein
Sofakissen -- das sie nunmehr schleunigst anfangen müsse, wenn wirklich
die Hochzeit zu Pfingsten stattfinden sollte.
[Illustration]
Die Tante kam herein, legte einen frischgebrochenen Syringenzweig
voll junger Blätter auf die Bettdecke und brachte der Leidenden einen
Gruß vom Frühling, der gar so golden, so helltönig und würzig draußen
hinziehe und einen wahren Genesungsbalsam in seinem Atem trage. Sie
bestand darauf, ihren Platz am Bett wieder einzunehmen, und erklärte
Käthes Anwesenheit im Krankenzimmer für den Moment als vollkommen
überflüssig; draußen im Garten möge sie sich ein wenig Bewegung machen
und frische, sonnige Gottesluft atmen, das thue ihr sichtlich not; die
gestrige Alteration und Anstrengung sei noch auf ihrem Gesicht zu lesen.
Das junge Mädchen ging rasch hinaus. Ja, Luft und Sonnenschein, das
waren zwei gute Freunde, die ihr stets das Gefühl innerer Kraft und
des Jungseins wonnig zum Bewußtsein brachten, die den Blick klärten
und alles angekränkelte Empfinden über den Haufen bliesen. Und die
Tante hatte recht, die Welt war so maienhaft, so blütenverheißend, und
die schwach wehende, sonnentrunkene Luft hauchte »Genesungsbalsam«
in Leib und Seele. Käthe trat hinaus auf die Freitreppe; ihr schöner
Busen wogte in tiefen, zitternden Atemzügen. Sie hob und streckte
unwillkürlich die Arme, die fest und doch mädchenhaft gerundeten
mit den stählernen Muskeln. Und die Stufen hinabsteigend, ließ sie
den Blick in die blaue Ferne hinausfliegen, über das niedere Staket
hinweg, über die Wiesengründe draußen, über das sie durchschneidende,
rasch strömende Gewässer mit den Dorfhäusern und Kirchtürmen an seinen
fernen Ufern -- wunderliches Menschenherz, das angesichts dieser
Herrlichkeit doch so gepreßt blieb!
Und dort, vom Holzschuppen her, der am Gartenzaun stand, klang
liebliches Gezwitscher, und blauschwarzes Gevögel mit metallisch
funkelndem Rücken und rostbrauner Kehle tummelte sich um die offene
Bodenluke -- die ersten Schwalben waren da. Die Bodenluke war ihr
alter Nistplatz. Käthe hatte schon als Kind, im Grase liegend, ihr
Aus- und Einfliegen beobachtet, aber wie einsam und verloren hatte
damals das Zwitschern geklungen in das eintönige Wellengemurmel
und die um das verschlossene Haus webende, atemlose Stille hinein,
die hier und da das Fallen einer reifen Frucht von den Obstbäumen
unterbrach! Jetzt schmetterten auch vornehme, verzogene Stubenvögel
aus den offenen Fenstern; der Rauch des Herdfeuers zog hoch droben
als dünner, sonnenvergoldeter Schleier über den Rasenplatz hin; am
Schuppen stand auch das Hundehaus, und der ungebärdige, struppige
Köter riß an seiner Kette und schnappte nach einem schönen lichtgelben
Huhn, das sich dummdreist immer wieder in seine Nähe wagte, um einige
versprengte Getreidekörner aufzulesen. Die Köchin hatte auf Wunsch der
Tante Diakonus einen prächtigen Hahn und fünf Hennen aus ihrem Dorfe
mitgebracht -- es sollte alles werden wie im alten, lieben Pfarrhause.
Käthe scheuchte die krakelnde Henne aus dem Bereiche des zornig
knurrenden, gereizten Hundes und wandelte langsam unter den Obstbäumen
hin. Der vorjährige, dürre Graswuchs zu ihren Füßen erschien da und
dort gesprenkelt mit jener Bläue, die selbst das älteste, verdrossenste
Menschenauge noch aufleuchten macht -- die ersten Veilchen blühten,
und das große, stattliche Mädchen bückte sich so emsig danach, wie
es einst kaum der kleine Rücken des Müllermäuschens gethan ... Fast
verwundert dachte sie jetzt daran, daß sie ja eigentlich als einzige
Erbin ihres Großvaters vor wenigen Wochen noch Herrin hier gewesen
sei; das Kapital, das der Doktor für die kleine Besitzung hingegeben,
gehörte ihr -- es lag wohl auch in dem bewußten eisernen Schranke,
das mühsam ersparte, redlich erworbene Scherflein, vermischt mit dem
Reichtume, den der Kornwucher aufgehäuft. Sie schrak zusammen und
verschüttete unwillkürlich die gepflückten Veilchen auf den Rasen. Das
schneidende Gefühl namenloser Demütigung und erlebter Schande überkam
sie, wie gestern inmitten der erbitterten Weiberschar. Da hatte sie
noch im ersten Aufschrecken gegen die entsetzliche Beschuldigung
protestiert, aber nun, so oft das harte, mürrische, grobe Gesicht
ihres Großvaters vor ihr auftauchte, mußte sie sich eingestehen, daß
er recht wohl das grausame Wort von den »pfeifenden Mäusen« gesagt
haben konnte; sie ballte in stummer Qual krampfhaft die Hände. Daß sie
mütterlicherseits aus den untersten Schichten der Gesellschaft stamme,
wußte sie ja; nie war ihr auch nur der Wunsch gekommen, daß es anders
sein möchte -- sie leitete vielmehr ihre prächtige Mitgift, Kraft und
tadellose Gesundheit, dankbar von »dem Großmütterlein« her, das in
frischer Waldluft mit kräftigem Arme die Holzaxt geschwungen, aber die
Gemeinheit der Gesinnung, die Brutalität, mit welcher der ehemalige
Müllerknecht einen erbarmungslosen Druck auf die Armut ausgeübt, um
zu einem großen Vermögen zu gelangen, erfüllten sie mit Ekel und
Abneigung, und an den eisernen Spind mit seinen aufgespeicherten
Schätzen mochte sie gar nicht mehr denken.
Ohne es zu wissen, war sie, am Flusse hingehend, in einen förmlichen
Sturmschritt verfallen. Da, wo der Zaun das Grundstück begrenzte
und mit seinem Weißdorngeflecht noch ein Stück des abschüssigen
Ufers hinablief, blinkten weiße Glasscherben, die Splitter des
kleinen Glases, aus welchem sie gestern abend die nervenberuhigende
Mischung getrunken. Die Köchin hatte die Trümmer, an welche sich
eine beschämende Erinnerung für das junge Mädchen knüpfte, achtlos
hingeworfen, damit das Wasser sie mit fortnehme. Ein schmerzlicher
Stich durchfuhr Käthes Herz und brennende Thränen traten ihr in die
Augen, wie jedesmal, wenn sie an die gestrige Szene im Zimmer des
Doktors dachte. Sie hatte sich mit ihrem »tollen Kopf« entsetzlich
blamiert. Und wenn der milddenkende, feinfühlende Mann auch sofort ein
beschwichtigendes Wort, eine Entschuldigung für sie auf den Lippen
gehabt, innerlich hatte er doch jedenfalls verwundert lächeln müssen
über »die große, körperstarke Person« mit den kindisch schwächlichen,
sentimentalen Vorstellungen in ihrem Gehirn. Aber solch eine
Uebereilung ihres bis zur Schwachheit mitleidigen Herzens passierte ihr
auch gewiß nicht wieder! Lieber wollte sie für grausam, boshaft, ja,
für eine böse Sieben gelten. Und der Doktor sollte gewiß nicht wieder
über sie lächeln -- ah, dazu fand er auch bald genug keine Veranlassung
mehr. Wie lange noch, da wurde Henriette in die Villa zurückgebracht;
die Verbindung zwischen »hüben und drüben« wurde abgebrochen, und
der Doktor »nahm nicht einmal mehr die Namen derer in der Villa auf
die Lippen«. Nach allem, was gestern abend geschehen, was sie als
einziger Zeuge mit angehört, mit angesehen, war die gehoffte Umkehr
Floras unmöglich, mochte Doktor Bruck auch mit aller Energie auf seinem
Rechte bestehen -- heute noch mußte er die Ueberzeugung gewinnen, mußte
sich alles entscheiden, wenn die Braut ausblieb. Oder that er doch,
was Henriette befürchtete? Hatte er das Verlangen nicht unterdrücken
können, bei seiner Rückkehr vom fürstlichen Schlosse in der Villa
einzukehren, um Flora von der glücklichen Wandlung in seinem Leben
nunmehr persönlich in Kenntnis zu setzen? Dann sagten ihm die zwei
kleinen Brillantringe an ihrem Finger sofort, und zwar deutlicher als
jedes erklärende Wort, was er noch zu hoffen habe.
Käthe lief in diesem Augenblicke vom Ufer weg auf den Rasengrund zu;
ein abscheulicher Lärm, der möglicherweise bis ins Krankenzimmer
dringen und Henriette erschrecken konnte, erhob sich in der Nähe des
Schuppens; das Hühnervolk zerstob, entsetzt aufschreiend, nach allen
vier Winden, und der Hofhund stürzte sich mit nachschleifender Kette
wütend auf die gelbe Henne, die ihn geärgert hatte. Käthe war ihm
sofort auf den Fersen; sie packte sein schmutzig weißes, zottiges Fell
im Genicke, in demselben Momente, wo bereits die Schwanzfedern seines
unglücklichen Opfers umherflogen.
Sie lachte wie ein Kind über das zerzauste Huhn, das sich kläglich
krakelnd im Holzschuppen verkroch, und zog den Hund nach seiner Hütte
zurück. Das ungebärdige Tier sträubte und sperrte sich mit allen
Kräften; es versuchte, nach der kräftigen Mädchenhand zu schnappen, die
es unerbittlich wieder in die Gefangenschaft schleifte.
Für einen dritten mochte dieser Kampf um die Herrschaft etwas
Beängstigendes haben; denn der Hund war tückisch wild, groß, von
sehnigem, gedrungenem Gliederbau, und die rotfleckige Zeichnung auf
Rücken und Flanken gab ihm ein tigerartiges Ansehen, aber er wand
und stemmte sich vergeblich. Käthe stieß mit der freien Linken den
ausgehobenen Kettenhaken wieder in den eisernen Ring der Mauer und
sprang, den Hund plötzlich loslassend, weit zurück; er fuhr ihr wütend
nach und erwischte noch den Saum ihres Kleides, den er in Fetzen riß.
»Bösewicht!« drohte sie mit dem Finger und nahm das Kleid auf, um
den Schaden zu betrachten. Sie hörte eilige Schritte von der Brücke
her kommen; sie wußte auch, daß es der Doktor war, der von der Stadt
zurückkehrte, aber sie sah nicht auf. Sie hoffte, er werde in das
Haus gehen, ohne sie weiter zu beachten. Wer konnte denn wissen, ob
er nicht direkt aus der Villa und vielleicht in sehr trüber Stimmung
kam? Er war ohnehin so still und in sich gekehrt, so wortkarg heute;
fast wollte es ihr scheinen, als habe er gestern abend mit dem sanften,
unerklärlich weichklingenden »Gute Nacht, gute Nacht!« einen Abschluß
seines bisherigen Wesens und Verhaltens andeuten wollen.
[Illustration]
Er ging nicht in das Haus, sondern direkt auf Käthe zu. Drohend hob er
den Stock gegen den boshaft knurrenden, kläffenden Hund, der plötzlich
mäuschenstill wurde und sich demütig neben seiner Hütte hinstreckte.
Der Doktor nahm einen Stein und trieb den Kettenhaken noch tiefer in
den Ring. »Ich werde das Tier doch wohl abschaffen müssen; es ist
zu wild und ungebärdig,« sagte er, sich aufrichtend und den Stein
fortwerfend. »Seine scharfe Wachsamkeit wiegt den Schrecken nicht auf,
den er verursacht. _Sie_ sind freilich mit ihm fertig geworden; ich
glaube, im Bewußtsein Ihrer Kraft lassen Sie sich leicht verführen,
tollkühn zu sein.« Er sagte das in ernstem, nahezu tadelndem Tone,
jedenfalls hatte er den Vorgang im Näherkommen durch das Ufergebüsch
mit angesehen.
Sie lachte. »Glauben Sie das ja nicht! Ich habe meine wohlgemessene
Dosis Aengstlichkeit in der Seele, wie jedes andere Mädchen auch,«
entgegnete sie freimütig. »Vor fremden Hunden habe ich sogar eine ganz
besondere Scheu und gehe ihnen gern aus dem Wege. Aber in kritischen
Augenblicken muß man sich doch zu helfen wissen; angeborene Schwächen
dürfen nicht aufkommen; da beiße ich die Zähne zusammen und greife
unbedenklich zu, und das mag dann so furchtbar tapfer aussehen.«
Der Doktor hatte mit den Augen eine Schwalbe verfolgt, die vom Schuppen
wegflog, und jetzt lächelte er auch, aber ohne Käthe anzusehen. Es kam
ihr vor, als sei dieses Lächeln ein ungläubiges; jedenfalls blieb er
dabei, sie wollte sich heldenhaft hervorthun und poche unweiblich genug
auf ihre Kraft, und das entsprach durchaus nicht ihrem Geschmacke, am
wenigsten aber der Wahrheit.
»Sie zweifeln?« fragte sie mit einem halb ernsten, halb schelmischen
Aufblicke. »Wissen Sie auch, daß die Heldin da vor Ihnen erst seit
kurzem das letzte Restchen Furcht vor Nachtdunkel und Geisterspuk von
der Seele geschüttelt hat?« Ein köstlicher Humor umspielte ihre Lippen
und vertiefte die Wangengrübchen. »Sie können sich wohl denken, daß
in der alten Schloßmühle Kobolde und Heinzelmännchen in allen Ecken
hocken und rumoren; dem fürstlichen Erbauer fällt es auch bisweilen
ein, aus seinem wackeligen Rahmen zu steigen, um höchsteigenhändig
die Kornsäcke auszuschütten, und gespenstische Müller, die vor alten
Zeiten ihren Mahlkunden das Mehl verkürzt haben, fehlen auch nicht.
Suse hat mir selbstverständlich von diesen unumstößlichen Thatsachen
nicht ein Tüpfelchen vorenthalten, und ich war so festgläubig, als sei
ich in einer Thüringer Spinnstube aufgewachsen. Von diesem wundervollen
Gruseln durften aber der Papa und meine Lukas um alles nichts merken --
Suse wäre sehr gescholten worden, und ich schämte mich auch --, da galt
es denn, sich zu überwinden und zähneklappernd, aber ohne Widerrede,
in tiefster Dunkelheit bis auf den Hausboden hinaufzusteigen, wenn es
auf Grund der Erziehungskonsequenz befohlen wurde.«
»Sie haben sich also von jeher gewöhnt, an Ihre innere Kraft hohe
Anforderungen zu stellen. Wie mag es da kommen, daß es Ihnen so leicht
wird, beim Manne eine That der Feigheit und Schwäche vorauszusetzen?«
Sie stand plötzlich wie mit Blut übergossen. »Sie haben mir gestern
meine Uebereilung verziehen,« sagte sie sichtlich verletzt und nicht
ohne Trotz, und strich, sich abwendend, wiederholt die Löckchen aus der
Stirn, lediglich um die Flammenglut auf ihrem Gesichte mit der Hand zu
verdecken.
Er schüttelte den Kopf. »Diesen Ausdruck sollten Sie doch nicht wieder
gebrauchen, nachdem ich Ihnen versichert, daß Sie mir nichts zuleide
gethan haben,« versetzte er, unwillkürlich seine schöne, klangvolle
Stimme dämpfend, als berühre er eine geheime Beziehung zwischen sich
und dem Mädchen, um welche die ganze übrige Welt nicht wissen dürfe.
»Ich wollte vorhin nur sagen, daß ich umsonst der Wurzel nachspüre, aus
der Ihre gestrige Befürchtung entsprungen sein mag.«
Käthe ließ die Augen über das Haus hingleiten; sie sah wieder geklärt,
lieblich und rosig aus wie eine Apfelblüte und um ihre Lippen zuckte es
wie verhaltenes Lachen -- der flechtengekrönte Kopf mit dem kindlich
schelmischen Gesichte saß fast befremdend jung auf der junonischen
Gestalt. Sie zeigte nach dem verhängnisvollen Eckfenster. »Vor alten
Zeiten hat dort eine schöne Edelfrau gelebt --«
»Ach, die romantische Geschichte, die man sich _auch_ in den
Spinnstuben erzählt!« unterbrach er sie. »Also das tragische Ende der
Verlassenen ist's gewesen --«
»Das nicht allein. Henriette hauptsächlich hat mir bange gemacht --«
»Henriette ist krank; ihr tief erschüttertes Nervenleben drängt ihr
Denken und Empfinden aus der natürlichen Bahn. Sie aber sind gesund an
Leib und Seele.«
»Ja, gewiß, aber es gibt Dinge, für die man in seiner Jugend und
Unkenntnis keinen Maßstab, kein eigenes Urteil hat --«
»Für die Liebe, zum Beispiel,« fiel er ein, und ein rascher, scheuer
Seitenblick streifte das Mädchen.
»Ja,« bestätigte sie einfach.
Er senkte den Kopf und stieß, in tiefes Nachdenken verloren,
mechanisch mit der Stockspitze gegen einen mächtigen Würfel aus
Sandstein, welcher, der Hausthür gegenüber, mitten im Rasengrunde lag.
Früher war er für die kleine Käthe ein wunderlicher, aber hübscher
Tisch gewesen, lediglich zu dem Zwecke hingestellt, daß Kinderhände
gefallenes Obst, Blumen und gesammelte Steinchen darauf legen sollten.
Jetzt erkannte sie in ihm das ehemalige Postament einer Statue; noch
sah man den Trümmerrest eines kleinen Fußes mit zarten Zehen auf der
grünmoosigen oberen Fläche.
Käthe strich mit ihrer schlanken Hand schmeichelnd über die zierliche
Form. »Das ist eine Nymphe oder Muse gewesen,« sagte sie. »Das
schlanke Geschöpfchen hat schwebend, mit gehobenem Arm auf der einen
Fußspitze gestanden; ich kann mir die ganze Gestalt auf der einen
hochgeschwungenen Linie des Füßchens aufbauen. Vielleicht war ihr
schöner Kopf seitwärts der Brücke zugewendet, und sie hat auch den
Reiter über die Brücke kommen sehen, und dann die stolze Schloßfrau
in der bunten Brokatschleppe --« Sie verstummte unwillkürlich und sah
ihm in das Gesicht; er war offenbar weit fort mit seinen Gedanken; er
hörte nicht, was sie sagte, und das, was ihn beschäftigte, war sicher
sehr deprimierend; zum erstenmal sah sie in diesem edelschönen, ruhig
beherrschten Antlitz einen ausgesprochen gramvollen Zug. Flora! Sie
war der Fluch dieses Mannes; er ging an seiner Leidenschaft für sie zu
Grunde.
Das plötzliche Schweigen des jungen Mädchens machte ihn aufblicken.
»Ach ja,« sagte er, sich sichtlich zusammennehmend, »die
wirtschaftlichen Leute, die lange Zeit hier gehaust, haben sich das
Vergnügen gemacht, die Statuen herabzustürzen. Der ganze Garten
muß mit diesen Sandsteinfiguren bevölkert gewesen sein; rings im
Gebüsche finden sich noch viele Postamente. Ich werde dem Grundstücke
seine ehemalige Gestalt zurückzugeben suchen. Man sieht, trotz der
Verwilderung, noch deutlich den Plan, der dem Garten zu Grunde gelegen
hat.«
»Dann wird es sehr hübsch und sehr vornehm hier werden, aber der Blick
ins Grüne, in diese köstliche, verwachsene Wildnis geht verloren; Ihr
Arbeitszimmer --«
»Mein Arbeitszimmer wird vom nächsten Oktober an eine liebe Freundin
meiner Tante bewohnen,« unterbrach er sie gelassen. »Ich siedele im
Herbst nach L.....g über.«
Sie sah ihn bestürzt an und faltete unwillkürlich die Hände. »Nach
L.....g?« wiederholte sie. »Mein Gott, Sie wollen sich von ihr trennen?
Und was sagt sie dazu?«
»Flora? Sie geht selbstverständlich mit mir,« sagte er eiskalt, aber
in seinen Augen lohte es auf wie ein schmerzlicher Zorn. »Glauben Sie,
ich werde Ihre Schwester hier zurücklassen? Sie dürfen ruhig sein.« Wie
schneidend seine Stimme klang!
Käthe hatte von der Tante gesprochen, allein sie war nicht fähig, das
Mißverständnis zu berichtigen; so betroffen machte sie seine Antwort --
er schien seiner Sache so gewiß. »Sie waren eben in der Villa?« fragte
sie schüchtern und doch fieberhaft gespannt.
»Nein, ich war nicht in der Villa,« betonte er -- klang es doch, als
persifliere er sie, der feinfühlende Mann, der sonst nie seine Zunge zu
einer Geißel des Spottes machte. »Ich bin überhaupt heute noch nicht
so glücklich gewesen, jemand von drüben zu sehen. Moritz hätte ich
gern begrüßt, aber die Herren, die sich eben von ihm verabschiedeten,
als ich an der Villa vorüberging, kamen so laut und heiter vom
Frühstückstisch, daß ich es vorzog, unerkannt zu passieren.«
Er hatte demnach Flora heute noch nicht gesprochen, und dennoch diese
Zuversicht! Es war zum Verzweifeln! Käthe wünschte sich weit weg aus
diesem Dilemma -- sie kam sich vor wie des Priamos unglückselige
Tochter, die einzige Wissende unter den Verblendeten. Es war gut, daß
in diesem Augenblicke die gezüchtigte Henne abermals unvorsichtig auf
ihren erbitterten Feind losspazierte. Käthe fand dadurch einen Vorwand,
das Gespräch abzubrechen; sie scheuchte das Tier über den Rasen hin in
den Schuppen zurück, schloß die Thür und schob den Riegel vor.
[Illustration]
[Illustration]
16.
Als sie sich wieder umdrehte, sah sie den Doktor noch neben dem
Postamente stehen, aber sein Gesicht war in starrem Hinüberblicken
der Brücke zugewendet. Er war blaß geworden. Sein Profil mit den
hartgeschlossenen Lippen unter dem Barte erinnerte sie an jenen
Moment in der Schloßmühlenstube, wo sie ihn nach der Todesart ihres
Großvaters gefragt hatte; er rang mit einer heftigen inneren Bewegung.
Unwillkürlich folgte sie der Richtung seines Blickes, und wenn dort
der Schatten der ertrunkenen Edelfrau über den Fluß hingeschwebt wäre,
sie hätte nicht entsetzter aufschrecken können, als beim Anblicke der
schönen Schwester, die so graziös, so vollkommen unbefangen über den
Holzbogen daherkam, als sei sie gestern abend mit einem »fröhlichen
Wiedersehen« auf den Lippen von hier weggegangen. War es möglich?
Sie glitt schlangenhaft leicht über die Stelle, auf der sie sich für
frei und auf immer getrennt von dem mißachteten Manne erklärt hatte;
nur Stunden waren vergangen, seit sie seinem Heim, seinem Grund und
Boden mit den härtesten Ausdrücken der Verachtung für alle Zeiten den
Rücken gewendet, und jetzt kehrte sie das schöne, lächelnde Gesicht
der »spukhaften Spelunke« wieder zu; ihre Füße betraten flink und
zuversichtlich den Rasengrund; keine Welle zischte empor, kein Lüftchen
regte sich, um ihr von Schuld, Willkür und beispiellosem Wankelmut
vorzuflüstern, und der Sonnenschein umschmeichelte und vergoldete die
feingliedrige Gestalt, als sei sie ihm das liebste Erdenkind.
Sie war dunkel gekleidet. Schwarze reiche Spitzenkanten lagen auf den
blonden Locken; sie umwogten den schneeweißen Hals und fielen in langen
Enden tief über die Schultern hinab, wie die gesenkten dunkeln Flügel
eines Engels der Nacht. Hinter ihr ging der Kommerzienrat; er sah sehr
animiert aus; er führte die Präsidentin so respektvoll am Arme, daß
sich Käthe alles Ernstes besann, ob sie von seinem höhnischen Blicke
am heutigen Morgen und den Auslassungen über »die alte Katze mit den
Samtpfötchen« nicht etwa nur geträumt habe.
[Illustration]
Der Doktor ging jetzt langsam den Kommenden entgegen, während Käthe
starr, wie festgewurzelt, am Schuppen stehen blieb und unbewußt
den vorgeschobenen Riegel umklammert hielt. Sie sah, wie man sich
gegenseitig begrüßte, genau wie sonst auch. Nichts Außergewöhnliches
war geschehen, kein böses Wort gefallen. Der Kommerzienrat umarmte
beglückwünschend den Doktor; die Frau Präsidentin zeigte gütig und
verbindlich lächelnd ihre weißen Zahnspitzen -- und Flora? Ihre Wangen
erschienen allerdings momentan wie in eine lebhafte Rosenglut getaucht,
und der sonst so selbstbewußte Blick irrte vom Antlitze des Doktors weg
auf den Rasen nieder, aber sie streckte in gewohnter biderber Weise
die Hand aus, und die Fingerspitzen wurden erfaßt, wenn auch nicht
festgehalten, ganz wie neulich bei Käthes Ankunft, und als sich Doktor
Bruck umwandte, da waren seine Züge geradezu steinern ruhig.
Schon beim Betreten des Gartens hatte Flora die junge Schwester mit
einem spöttischen Kopfschütteln vom Scheitel bis zu den Fußspitzen
rasch gemustert und dann eine offenbar boshaft witzige Bemerkung über
die Schulter zurück dem Kommerzienrat hingeworfen, jetzt aber, als sie
näher getreten war, sah Käthe, daß auch etwas wie unterdrückter Aerger,
ja eine Art von Feindseligkeit in ihren blinzelnden Augen aufglomm.
»Nun, Käthe? Hast dich ja schon recht hübsch hier eingenistet,« rief
sie ihr zu. »Thust ja wirklich, als seiest du zu Hause und trügst den
Schlüsselbund zu allen Thüren und Kästen am Gürtel.«
Das junge Mädchen antwortete nicht. Sie ließ die Hand vom Riegel
gleiten und wandte das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen
langsam der Schwester zu. Ob die Uebermütige dort nicht erschrak, ob
sie sich nicht schämte vor dem Laute der eigenen Stimme, hier auf
dieser Stelle? »Mich sieht dieses Haus nie wieder,« hatte sie gestern
gerufen, und jetzt stand sie bereits auf der ersten Thürstufe, um
einzutreten, um zurückzukehren in »die bedrückend armselige Umgebung«.
»Nimmst du Floras Scherz übel, mein Liebling?« fragte der
Kommerzienrat, rasch zu Käthe tretend. Er legte ihren Arm in den
seinen. »Du kannst dir das getrost gefallen lassen, bist du doch auch
ein reizendes Hausmütterchen. Du sahst zum Malen hübsch aus unter dem
bunten Hühnervolke. Warte nur, du sollst einen Geflügelhof bekommen,
wie er sich prächtiger nicht denken läßt.«
Die Präsidentin, die eben majestätisch die Steinstufen hinaufstieg,
hielt einen Moment inne, als versage ihr der Atem -- sie drehte den
leicht nervös zitternden Kopf verächtlich nach dem zärtlichen Vormunde
zurück, dann beschleunigte sie ihre Schritte. »Hirnloser Schwätzer!
Er ist und bleibt sein Leben lang der abgeschmackte Commis Voyageur!«
murmelte sie erbittert Flora zu, die schnell das Taschentuch vor den
Mund hielt, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen.
Käthe ließ wie unbewußt ihre Hand auf dem Arme ihres Schwagers
liegen. Sie hörte kaum, was er sagte; sie bemerkte auch nicht die
seltsame Ueberraschung, mit welcher Doktor Bruck, stumm und starr
wie eine Bildsäule, das Paar an sich vorüberschreiten ließ; sie sah
nur, daß Flora an der schmalen Hand, die sie eben mit dem Taschentuch
zum Munde führte, einen schwarzen Halbhandschuh trug; das feine
durchbrochene Seidengewebe harmonierte mit den Spitzen, die über die
ganze Gestalt gleichsam hinrieselten; dies machte die weiße Haut wie
Elfenbein aufleuchten und ließ die Finger schlank hervortreten. Die
zwei kleinen Brillantringe funkelten nicht mehr am Ringfinger, »der
einfache Goldreifen, der grob wie Eisen drückte«, blinkte matt über dem
Handschuh. Unmöglich! Dort rauschten ja die Wellen über ihn hin. Käthe
hatte plötzlich die Empfindung, als sei sie der natürlichen Ordnung
entrückt, als dürfe sie ihren gesunden Augen und Ohren nicht mehr
trauen.
»Nun?« fragte die Präsidentin erstaunt in der Hausflur stehen bleibend;
sie zeigte pikiert mit finster zusammengezogenen Brauen auf das
umherstehende Gerät aus der Villa.
»Henriette hatte die Entfernung der Möbel so lebhaft gewünscht, daß
ich nachgeben mußte,« sagte Doktor Bruck mit tonloser Stimme kalt und
gleichmütig.
»Sie hat auch vollkommen recht. Es war eine wunderliche Idee --
nimm mir's nicht übel, Großmama! -- das Krankenzimmer dermaßen
vollzustopfen,« warf Flora achselzuckend hin. »Das arme Ding leidet
ohnehin schwer an Brustbeklemmung; es mag ihr zu Mute gewesen sein, als
sollte sie mit all dem dicken Polsterzeug erstickt werden.«
Die Großmama hatte eine herbe, schneidende Antwort auf den Lippen, das
sah man; allein sie schwieg in Rücksicht auf den Doktor und die in der
Küchenthür stehende Magd und rauschte nach dem Krankenzimmer. Beim
Eintreten fuhr sie ein wenig zurück -- Henriette hatte sich weit aus
dem Bette geneigt. Sie sah so erschüttert aus und ihre weitgeöffneten,
glänzenden Augen hingen mit einem so verzehrenden Ausdruck an der
sich öffnenden Thür, daß die Präsidentin befürchtete, mitten in einen
Fieberparoxysmus zu kommen. Sie beruhigte sich indes sofort, als die
Kranke sie in der gewohnten kühlen Weise begrüßte; sie sah auch,
daß der Blick voll unaussprechlicher Spannung Flora galt, welche
unmittelbar nach ihr auf die Schwelle getreten war.
Die schöne Schwester ging direkt auf die Tante Diakonus zu, die sich
beim Eintreten der Damen erhoben hatte, und reichte ihr so zuvorkommend
die Hand, als wolle sie den Händedruck nachholen, den sie gestern abend
vergessen hatte; dann wandte sie sich nach dem Bette. »Nun, Schatz,«
sagte sie zu der Kranken, »es geht dir ja vortrefflich, wie man hört --«
»Und dir, Flora?« unterbrach Henriette sie mit kaum bezähmbarer
Ungeduld, während sie dem hinzutretenden Kommerzienrat, ihn zerstreut
begrüßend, die Hand gab.
Flora verbiß mit Mühe ein mokantes Lächeln. »Mir? Ei nun, leidlich! Die
gestrige Alteration spukt mir allerdings noch in den Nerven, aber ich
habe ja Willen und Selbstbeherrschung genug, um sie niederzuhalten.
Gestern freilich sah es schlimm aus in mir; ich war krank; ich glaube,
ich bin halb wahnwitzig gewesen vor nervöser Aufregung; wenigstens
bin ich mir nicht ganz klar über mein nachheriges Thun und Lassen --
was Wunder! Daniel in seiner Löwengrube ist kaum übler daran gewesen
als ich in der ungeheuerlichen Situation. Unter solchen barbarischen
Fäusten --«
[Illustration]
»Nun, davor hat dich Käthe tapfer geschützt,« sagte Henriette
ergrimmt. »Wie ein Schild hat sie vor dir gestanden und den Streich
aufgefangen, die arme, brave Käthe! -- Moritz, sie haben ihr die
Kleider vom Leibe gezerrt, die Flechten von der Stirn niedergerissen --«
»Dieses wunderschöne Haar!« fiel die Tante mit sanftem Bedauern ein
und strich zärtlich über die glänzenden Wellen, die von der Stirn des
jungen Mädchens zurückfielen.
»Nun ja, sie haben ihr arg mitgespielt, die Furien!« gab Flora mit
einem ärgerlichen Stirnrunzeln zu, »aber ich muß mir's denn doch
ausbitten, daß ich dafür nicht allein verantwortlich gemacht werde.
Ihre Manie, ewig in starrer Seide zu gehen, trägt zumeist die Schuld.
Das Volk neidet uns nun einmal den Reichtum und die Eleganz; das
seidene Kleid reizte die Weiber, und da hat sie denn -- und leider auch
wir -- anhören müssen, daß ihre Großmutter barfuß gegangen und der
Schloßmüller vordem Knecht gewesen ist, daß der Kornwucher ihr ganzes
großes Vermögen zusammengescharrt hat, und was dergleichen liebliche
Dinge mehr waren. Käthes Erscheinen hat unsere peinliche Situation
verschlimmert; die Erbitterung gegen die reiche Erbin war grenzenlos --
habe ich nicht recht, Käthe?«
»Ja, Flora,« versetzte das junge Mädchen bitter lächelnd, mit bebender
Stimme. »Ich werde viel thun müssen, um einigermaßen gut zu machen, was
mein Großvater an der Menschheit gesündigt hat.«
Während Flora sprach, hatte sich die Gestalt der Präsidentin förmlich
gestreckt vor innerer Genugthuung. Die schonungslose Bloßlegung des
»skandalösen Stammbaumes« klang wie Musik in ihren Ohren; sie fixierte
lauernd den Kommerzienrat. Der neugebackene Edelmann _mußte_ vor dem
Gedanken zurückschrecken, daß das Volk mit den Fingern auf die Frau an
seiner Seite zeigen und ihr Herkommen, den Ursprung ihres Geldes auf
der Straße ausschreien würde. »Ach geh, Käthe, das klingt denn doch
gar zu kindisch naiv und empfindsam!« sagte sie den Kopf hin und her
wiegend. »Wie wolltest du denn das anfangen?«
Flora lachte. »Sie will ihren kostbaren Geldspind öffnen und die Aktien
unter das Volk streuen.«
»Wie Schwester Flora aus Angst um ihren tadellosen Teint gestern mit
ihrer Börse gethan,« warf Henriette beißend, in persiflierendem Tone
ein; der aufwallende Groll drängte selbst das fieberhafte Verlangen,
die Braut bereuend im Staube vor dem Doktor zu sehen, für einen
Augenblick in den Hintergrund.
»Einer solchen Gedankenlosigkeit werde ich mich wohl nicht schuldig
machen,« sagte Käthe gelassen, aber ernst abweisend zu Flora, die sich
ärgerlich über Henriettens anzügliche Bemerkung auf die Lippen biß.
»Ruht Fluch und Unsegen auf dem Gelde --«
Der Kommerzienrat unterbrach sie mit einem lauten Gelächter. »Kind,
lasse dir doch nicht bange machen! Unsegen! Ich sage dir, das Glück
hängt sich deinem Erbe förmlich an die Fersen; die Gewinnanteile, die
ich gegenwärtig durch ein neues glückliches Arrangement erziele, sind
geradezu riesig.«
Die breiten Lider der Präsidentin, die meist mit einer gewissen
vornehmen Müdigkeit die Augäpfel halb verschleierten, hoben sich bei
dieser Schilderung. Das eine Wort »Gewinnanteil« machte diese großen
Augensterne gierig flimmern, wie es vielleicht kaum in ihrer Jugend das
Verlangen nach Siegen ihrer Schönheit vermocht.
»Riesig?« wiederholte sie kurz mit fliegendem Atem. »Das sind die
meinen nicht. Ich will sofort verkaufen und mich an dem neuen
Unternehmen beteiligen.«
»Das läßt sich leicht arrangieren, teuerste Großmama; ich werde heute
noch die nötigen Schritte thun. Ja, ja, der gemeine Mann sagt ganz
richtig: wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu, und nie ist das Wort
wahrer gewesen als in unserer wunderbaren Zeit. Der Kapitalist ist ein
Fels, dem die Wogen von selbst ihre Schätze zuwerfen --«
»In den Augen der Ruhigdenkenden nicht, Moritz,« sagte Doktor Bruck. Er
war vorhin bei Henriettens lebhaftem Widerspruch an das Bett getreten
und hatte sanft beruhigend ihre Hand zwischen seine Hände genommen
-- so stand er noch. Er sah sehr vornehm aus; noch trug er den Frack
unter dem Ueberzieher und den Handschuh an der Linken, sein schönes,
bärtiges Gesicht aber, das er jetzt voll den Anwesenden zuwandte,
zeigte noch schärfer den eigentümlichen leidensvollen Zug, den Käthe
heute zum erstenmal bemerkt hatte. »Man ist schon seit längerer Zeit
mißtrauisch,« fuhr er fort, »und fängt an, diesen mühelosen Erwerb mit
einem sehr harten Wort zu bezeichnen --«
»Schwindel, willst du sagen,« unterbrach ihn der Kommerzienrat
belustigt. »Liebster Doktor, allen Respekt vor dir und deinem Wissen,
aber in kaufmännischen Dingen überlasse _mir_ die Beurteilung! Du bist
ein ausgezeichneter Arzt, hast eben deinen Namen zu einem weltberühmten
gemacht --«
In diesem Augenblicke richtete sich Henriette aus ihrer halb
zurückgesunkenen Stellung auf. »Weißt du das, Flora?« fragte sie
heftig, wie atemlos, wie halb erstickt von dem überwältigenden
Triumphgefühle.
»Freilich weiß ich's, du Närrchen, obgleich der Herr Doktor es
bis jetzt nicht der Mühe wert gefunden hat, mir in höchsteigener
Person Mitteilung von seiner glücklichen Kur in L.....g zu machen,«
antwortete Flora unbefangen und leichthin, und ihre Augen begegneten
in beispielloser Herausforderung denen der Schwester. »Ich weiß auch,
daß ihn plötzlich die fürstliche Gnadensonne bescheint wie selten
einen Sterblichen. Natürlich ist das noch Hof- und Staatsgeheimnis,
das vorderhand nicht einmal -- die Braut wissen darf.« Ein bezaubernd
schalkhaftes Lächeln ließ ihre leuchtenden scharfen Zähne sehen, und
der Rosenhauch, der bei den letzten Worten plötzlich ihre Wangen
anflog, stand ihr unvergleichlich.
Henriette ließ bitter enttäuscht den Kopf in die Kissen sinken --
selbst sie hatte sich in diesem chamäleonartigen Frauengeist verrechnet.
Die Präsidentin, die in der Nähe des Doktors stand, klopfte ihm mit
fast zärtlicher Zuthulichkeit auf die Schulter. Als so gleichberechtigt
in ihrem Verwandtenkreise hatte sie ihn bisher noch nicht behandelt.
»Dürfen wir noch nichts Näheres erfahren? Sind die Präliminarien noch
nicht beendet?« fragte sie schmeichelnd mit ihrer wohllautenden Stimme.
»Er kommt ja eben vom Fürsten,« sagte die Tante, ohne den stolz
strahlenden Blick von ihm wegzuwenden.
»Ah, also ist Herrn von Bärs Pensionierung wirklich Thatsache?« Die
alte Dame fragte das mit vornehm gleichgültiger Haltung, aber sie hielt
den Atem zurück.
»Das weiß ich nicht -- danach frage ich auch nicht,« versetzte der
Doktor ruhig abweisend. »Der Fürst wünscht, daß ich -- solange ich mich
hier noch aufhalte -- sein langjähriges Fußübel in Behandlung nehme --«
»Solange du dich hier noch aufhältst, Bruck?« unterbrach ihn Flora
stürmisch. »Willst du gehen?«
»Ich werde mich mit Anfang Oktober in L.....g habilitieren,« versetzte
er kalt; er sah sie nicht an. Sein Blick haftete auf dem knospenden
Apfelbaume vor dem Fenster.
»Wie, Sie haben Stellung und Titel bei unserem Hofe ausgeschlagen?«
rief die Präsidentin und schlug die Hände in bestürztem Erstaunen
zusammen.
»Der Titel ist mir nicht erlassen worden;« -- ein leises, ironisches
Lächeln stahl sich über sein Gesicht -- »es ist jedenfalls nicht
etikettegemäß in Serinissimus' Augen, sich von einem titellosen
Heilbeflissenen herstellen zu lassen. Er besteht darauf, mich zum
Hofrate zu ernennen.«
Bei seinen letzten Worten streckte ihm die Tante Diakonus, mit einer
tiefen Rührung kämpfend, die Hand entgegen, und er -- sonst die scheue
Zurückhaltung selbst -- umschlang mit beiden Armen die zarte Gestalt
der alten Frau und drückte sie fest und innig an seine Brust. Das
Leid, die bittere Heimsuchung, welche diese beiden standhaft zusammen
getragen, isolierte sie in diesem Augenblicke der Sühne vollkommen vom
Kreise der Umstehenden.
Flora wandte sich ab und trat geräuschvoll in das Fenster; sie
nagte sich die Unterlippe fast blutig; man sah, es zuckte ihr in
den Händen, die treue Frau wegzustoßen von dem Platze, den sie, die
pflichtvergessene Braut, verwirkt hatte.
»Er geht ja aber fort, Tantchen,« sagte Henriette mit ihrer heiseren,
tonlosen Stimme vom Bette herüber.
»Ja, seinem Ruhme, seinem Glücke entgegen,« antwortete die alte Frau
und hob unter Thränen lächelnd den Kopf von seiner Schulter. »Ich
will gern hier zurückbleiben in dem Heim, das seine Sohnesliebe mir
geschaffen hat, wenn ich ihn draußen geachtet, geehrt und befriedigt
durch seinen großen Beruf weiß. Meine Mission an seiner Seite ist
ohnehin bald zu Ende -- eine andere tritt an meine Stelle.« Die
Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme; sie sprach mit tiefem Ernste, und
die sonst so milden Augen hafteten fest, fast streng auf dem schönen
Mädchen im Fenster. »Sie mit ihrem reichen Geiste weiß jedenfalls die
Heiligkeit, aber auch die oft herben Anfechtungen seines Berufes weit
lebendiger zu erfassen als ich, und wird ihm deshalb gewiß ein Daheim
schaffen, das ihm, unabhängig von den äußeren Strömungen, _gleichmäßig_
ein harmonisch-inniges Familienleben bietet.« Das Betonen des einen
Wortes ließ Käthe deutlich erkennen, daß die Tante Floras gestriges
häßliches Gebaren sehr wohl bemerkt und als Launenhaftigkeit aufgefaßt
hatte.
»Das ist alles recht schön und gut, meine beste Frau Diakonus, und
ich zweifle auch keinen Augenblick, daß Flora eine ganz tüchtige Frau
Professorin werden wird,« sagte die Präsidentin kühl -- der indirekt
ermahnende Ton, welchen die simple Pastorswitwe ihrer Enkelin gegenüber
anzuschlagen wagte, verdroß sie sichtlich --; »allein zu einem
anmutenden Familienleben gehören heutzutage auch komfortable Räume,
und das Beschaffen derselben macht mir augenblicklich große Sorge. Ich
komme eben von einer erschöpfenden Beratung mit dem Möbelfabrikanten;
er behauptet, nunmehr -- Gott weiß aus welchem Grunde -- die längst
bestellten Boulle-Möbel für Floras Salon bis zu Pfingsten absolut nicht
liefern zu können. Flora hat sich währenddem mit der Wäschelieferantin
herumgezankt, die auch so fabelhaft langsam ist und die Vollendung der
Ausstattung erst bis Anfang Juli in Aussicht stellt. Was fangen wir an?«
»Wir warten,« sagte Doktor Bruck in seiner einsilbigen Weise und griff
nach Hut und Stock, um beides fortzutragen.
Die Präsidentin fuhr ein wenig zusammen; sie sah ziemlich perplex aus,
und eine gewisse Aengstlichkeit schlich durch ihre Züge, aber sie faßte
sich rasch und klopfte ihn leicht auf die Schulter. »Das ist brav,
liebster, bester Doktor! Sie helfen uns selbst aus der peinlichsten
Verlegenheit, während ich mich auf berechtigten Widerspruch Ihrerseits
gefaßt gemacht hatte. Diese Pfingsten waren mir fast zu einem drohenden
Gespenst geworden. Sie hielten so fest an dem einmal bestimmten Tage.«
»Gewiß, allein meine Uebersiedelung nach L.....g macht eine Abänderung
sogar notwendig,« entgegnete er gelassen und ging hinaus.
»Und was meint die Braut?« fragte die Tante Diakonus mit ungewisser
Stimme; sie war augenscheinlich sehr betreten über die geschäftsmäßige
kühle Ruhe des Doktors und das plötzliche verlegene Schweigen der
Anwesenden.
Flora wandte ihr ein heiter strahlendes Gesicht zu. »Mir ist
die gegönnte Frist insofern hochwillkommen, als meine künftige
Lebensstellung plötzlich eine so ganz andere werden wird. Da bedarf
es der Vorbereitung, der inneren Sammlung und Einkehr. Mein Gott,
es ist ja doch ein himmelweiter Unterschied! Von der Frau eines
Universitätsprofessors mit großem Namen verlangt die Welt ein ganz
anderes Auftreten, ganz andere Kapazitäten als von einer einfachen
Doktorsfrau, möge ihr Mann immerhin Hofrat und Leibarzt eines Fürsten
sein.« Ein unbeschreiblicher Hochmut sprühte förmlich aus der zarten,
hoch emporgerichteten Gestalt; in jedem Worte klang innerer Jubel,
mühsam unterdrücktes Frohlocken mit -- sie stand auf dem Gipfel ihrer
glühendsten Wünsche.
Der Kommerzienrat rieb sich vergnügt die Hände. Er hätte losplatzen und
ihr in das Gesicht lachen mögen; die Präsidentin aber kämpfte sichtlich
mit einer ärgerlichen Aufwallung. Jetzt maßte sich wohl gar die Enkelin
an, mit ihrer »Partie« noch um so viel Staffeln höher zu steigen als
selbst sie, die hochgestellte fürstliche Beamtenfrau.
»Wohin versteigst du dich, Flora!« rügte sie, in zorniger Mißbilligung
den Kopf schüttelnd.
»In meine glänzende Zukunft, Großmama,« antwortete sie mit einem
kleinen, übermütigen, boshaften Lächeln. Sie drehte der Präsidentin mit
einer so ausdrucksvollen Gebärde den Rücken, als sei sie nun mit einer
unerquicklichen Vergangenheit vollkommen fertig und wolle mit keinem
Worte mehr daran erinnert sein.
»Und nun ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade, lieb Tantchen,«
sagte sie zu der alten Frau, die jeder Bewegung der schönen Braut mit
klugem, prüfendem Blicke gefolgt war. »Machen Sie mit mir, was Sie
wollen! Ich unterwerfe mich allem; nur zeigen Sie mir den Weg, auf
welchem ich Leo glücklich machen kann! Ich will nähen, kochen --« Bei
den letzten Worten streifte sie flink die Handschuhe ab, als wolle
sie sofort Ernst machen und an den Kochherd treten. »Ah!« stieß sie
erschrocken heraus und fuhr mit der Hand, wie fangend, durch die leere
Luft -- der »einfache Goldreif« war ihr beim Abziehen des Handschuhs
vom Finger geglitten. Niemand hatte ihn zu Boden fallen hören; man
suchte, allein es war, als habe ihn die Luft aufgesogen.
»Er wird zwischen deine Kissen gefallen sein, Henriette,« klagte Flora.
Sie war ganz bleich geworden. »Erlaube, daß wir dich für einen Moment
emporheben und nachsehen --«
»Das kann ich nicht zugeben,« erklärte die Tante entschieden.
»Henriette darf nicht beunruhigt, nicht unnötig aus ihrer bequemen Lage
gebracht werden --«
»Unnötig!« wiederholte Flora vorwurfsvoll und schmollend wie ein Kind.
»Es ist ja mein Verlobungsring, Tantchen.«
Käthe schauderte in sich zusammen bei diesen Worten. War Flora wirklich
ein solches Kind des Glückes, daß eine Art Wunder ihr den Ring
wieder in die Hände zurückgespielt hatte, oder log und trog sie mit
dreister Stirn so entsetzlich? Sie suchte vergebens in den ängstlich
umherforschenden Augen dieser Sphinx zu lesen.
»Das ist ein fataler Zufall,« sagte die Tante Diakonus, »aber verloren
kann ja der Ring nicht sein. Wir werden ihn heute noch bei Henriettens
Umbetten finden, dann soll ihn mein Dienstmädchen sofort in die Villa
tragen.«
»Ich werde es ihr fürstlich vergelten; ich will ihr die Hand mit Gold
füllen, wenn sie ihn mir heute abend noch bringt,« versicherte Flora;
eine peinliche Unruhe war über sie gekommen; es kostete ihr offenbar
Mühe, sich geduldig zu fügen.
Die Präsidentin und der Kommerzienrat schoben sich jetzt Stühle an das
Bett und nahmen Platz neben der Kranken, die sich mit keinem Worte mehr
an den Verhandlungen beteiligt hatte. Nur einmal war der blonde Kopf
jäh emporgetaucht und ein bitter höhnischer Zug hatte die zum Sprechen
geöffneten Lippen umzuckt. Bei der Versicherung der Großmama, daß sie
nicht begreife, aus welchem Grunde der Möbelfabrikant die Ablieferung
der Möbel verzögere, hatte sie hinüberrufen wollen: »Weil sie bereits
halb und halb abbestellt gewesen sind.« Aber noch zur rechten Zeit
wurde sie sich bewußt, daß nun mit keinem Worte mehr an das Vergangene
gerührt werden dürfe.
[Illustration]
17.
Die Tante ging hinaus, um einige Erfrischungen zu besorgen, und Käthe
folgte ihr. Ekel und Widerwillen trieben sie aus dem Zimmer, in welchem
sich eben die empörendste Komödie abgespielt hatte. Sie bat die Tante,
ihr das kleine Geschäft der Bewirtung zu überlassen, und die alte Frau
legte willig den Schlüsselbund in ihre Hand. »Hier, mein liebes, liebes
Kind, meine treue, ehrliche Käthe,« sagte sie weich und in so bebenden
Lauten, als kämpfe sie mit einem tiefen Aufseufzen.
Sie legte den Arm um den Leib des jungen Mädchens und schmiegte sich
in zärtlicher Zuneigung an die schöne Gestalt. »Mich überkömmt es wie
süßes Ausruhen, wenn ich in Ihr offenes, frisches Gesicht sehen darf.
Ich muß immer an Luthers vielliebe Käthe denken, an diese tapfere Frau,
die stark und mutig an die Seite des streitbaren Mannes getreten ist.«
Jetzt schlüpfte in der That ein beklommener, sorgenvoller Seufzer über
ihre Lippen; sie entließ das hocherrötete Mädchen aus ihren Armen und
kehrte in das Krankenzimmer zurück.
Käthe holte die Kaffeebüchse und den zu Ehren des Tages gebackenen
Napfkuchen aus der Speisekammer, und während die dicke, freundliche
Magd frisches Holz unter den Wasserkessel legte, füllte sie die
hübsche, blaue Glasschale, die schon gestern beim Thee figuriert hatte,
mit Zucker und rieb den kristallenen Konfektteller blank. Sie schnitt
eben den Kuchen in Stücke, als sie jemand aus dem Krankenzimmer kommen
hörte. Die Küchenthür war so angelehnt, daß ein breiter Spalt blieb,
und durch diese Oeffnung sah sie Flora in die Hausflur treten.
Die schöne Braut sah sich ungewiß und ratlos um; die Zimmereinteilung
der »Spelunke« war ihr ja völlig fremd, aber es war, als ob der Strahl
dieser suchenden Augen den Doktor magnetisch berührt und angezogen
hätte. Er trat in diesem Augenblicke aus dem Zimmer der Tante.