Er zuckte die Achseln und lächelte; sein interessantes Gesicht erschien

durch dieses Gemisch von leisem Spott und nachsichtiger Milde ungemein

beseelt. »Das ist ja die höchste Potenz der modernen Ansprüche und

Forderungen, von der sich die Verständigen längst wieder abgewendet

haben, und welche die Freunde des Fortschrittes auf staatlichem und

religiösem Boden bekämpfen werden, solange die Frauenwelt Exzesse

begeht, wie die Bet-Orgien in den Straßen der amerikanischen Städte,

solange sie urteilslos und fanatisch mit dem schwarzen Heer der

Beichtväter zu gehen pflegt. Das hieße ein mörderisches Messer in eine

kleine, unvorsichtige Hand drücken.«

Flora erwiderte kein Wort. Sie war marmorweiß geworden. Anscheinend

gleichmütig nahm sie eine Stahlfeder, probierte sie auf dem Daumennagel

und steckte sie in den Federhalter. Dann zog sie einen Kasten auf und

ergriff mit etwas unsicher tappender Hand einen kleinen Gegenstand.

Henriette riß plötzlich mit einem gewaltsamen Ruck ihren Arm aus

dem der Schwester und trat einen Schritt vorwärts, während der

Kommerzienrat so rasch aus dem Zimmer ging, als habe er etwas zu

besorgen vergessen. Käthe erschrak -- sie sah, wie die edelgeformten

Finger dort leicht bebend nach dem Federmesser griffen und die Spitze

der aus dem Kasten genommenen Cigarre abschnitten.

[Illustration]

»Auch ein Messer, das wir nicht führen sollen, zu diesem Zweck

nämlich,« sagte Flora mit erzwungenem Scherz halb über die Schulter

nach dem Doktor hin, der während des Sprechens einmal im Zimmer auf

und ab gegangen war. »Aber merkwürdigerweise hat unser um acht Lot

ärmeres Frauengehirn doch das mit den Herren der Schöpfung gemein, daß

es schärfer denkt und angeregter arbeitet -- beim Rauchen.« Sie brannte

die Cigarre an und schob sie zwischen die nervös lächelnden Lippen.

Die Klavierspielerin im Nebenzimmer hatte längst ihre rauschende

Salonpiece geschlossen und trat in diesem Augenblick auf die Schwelle

des Salons. »Flora, du rauchst, du, die den Cigarrenqualm nie ausstehen

konnte!« rief sie und schlug lachend die Hände zusammen.

»Meine Braut scherzt,« sagte Doktor Bruck vollkommen ruhig. Er trat

wieder an den Schreibtisch. »Sie wird es bei diesem einen Versuch

bewenden lassen; ein Mehr könnte ihr teuer zu stehen kommen.«

»Willst du es mir verbieten, Bruck?« fragte sie in kaltem Tone, aber

in ihren Augen glomm ein unheimliches Feuer auf. Sie hatte die Cigarre

für einen Moment aus dem Munde genommen und hielt sie zierlich zwischen

den Fingern.

Der Doktor schien nur darauf gewartet zu haben. Mit unzerstörbarem

Gleichmut, ohne alle Hast nahm er ihr die Cigarre aus der Hand und

warf sie in den Kamin. »Verbieten, als dein Verlobter?« wiederholte er

achselzuckend. »_Noch_ steht mir das Recht nicht in dem Maße zu. Ich

könnte dich bitten, aber ich bin kein Freund von Wiederholungen und

unnützen Worten; du hast ja gewußt, daß ich die Cigarre im Frauenmunde

verabscheue. In diesem Falle verbiete ich sie einfach als Arzt -- du

hast alle Ursache, deine Lunge zu schonen.«

Flora stand einen Augenblick wie erstarrt vor seiner Kühnheit, und

jetzt, bei seinen letzten Worten, durchzuckte es sie sichtlich;

aber sie beherrschte sich sofort. »Das ist ja eine haarsträubende

Diagnose, Bruck,« rief sie spöttisch lächelnd. »Und davon hat mir der

abscheuliche Medizinalrat, der mich seit meiner Kindheit behandelt,

nicht ein Wort gesagt. Ach was, damit schreckt man Kinder! Uebrigens

habe ich keine Ursache, das Leben so zu lieben, daß ich mir zu seiner

Erhaltung irgend einen Genuß versagen möchte -- im Gegenteil! Ich werde

nach wie vor rauchen; es ist mir dies bei meinem schriftstellerischen

Beruf nötig, und dieser Beruf ist mein Glück, mein moralischer Halt; in

ihm lebe und atme ich --«

»Bis dich ein unvermeidlicher Wendepunkt deinem eigentlichen Beruf

zuführt,« warf der Doktor ein. Seine Stimme klang hart wie Stahl.

Ein erschreckendes Rot überflammte ihr Gesicht; sie öffnete die Lippen

zu einer schneidigen, rücksichtslosen Antwort, aber ihr Blick fiel auf

Fräulein Giese, die Klavierspielerin, das mokante Hoffräulein, das

mit spitzem Gesicht und spitzen Schultern vorgeneigt auf der Schwelle

stand, als sauge sie mit Ohren und Augen, ja mit allen Poren aus diesem

scharfen Wortwechsel und den verlegenen Gesichtern der Umstehenden

das Material zu einem vergnüglichen Hofklatsch, und der war nichts

weniger als erwünscht. Flora wandte sich plötzlich mit einer graziös

schmollenden Bewegung ab. »Ach, geh doch, Bruck!« schalt sie. »Wie

prosaisch! Kommst eben von einer Vergnügungsreise zurück, hast dich

amüsiert --«

Sie verstummte -- Bruck hatte mit festem Druck ihr Handgelenk umfaßt.

»Willst du die Freundlichkeit haben, _meinen_ Beruf aus dem Spiel zu

lassen, Flora?« fragte er, seine Worte scharf markierend.

»Ich sprach von Vergnügen,« antwortete sie impertinent und zog ihre

Hand aus der seinen.

Das Gesicht der Präsidentin mit seinem kühlen Ausdruck war Käthe zu

allen Zeiten unsympathisch und flößte ihr bei einem unerwarteten

Entgegentreten stets eine Art von scheuem Schrecken ein; in diesem

Augenblick aber atmete sie freier auf, als die alte Dame plötzlich in

das Zimmer trat. Sie kam ungewöhnlich rasch, sichtlich verdrießlich und

ärgerlich. »Ich werde wohl künftig meine Spieltische hierher stellen

müssen, wenn ich nicht will, daß meine Freunde vernachlässigt werden,«

sagte sie in sehr gereiztem Tone. »Wie kannst du zu so früher Stunde

schon die Theemaschine im Stiche lassen, Henriette? Es wird mir nichts

übrig bleiben, als meine Jungfer dahinter zu setzen. Und dich, Flora,

begreife ich nicht, wie du dich an den Schreibtisch zurückziehen

magst, wenn wir Gäste haben. Wirst du wirklich von deinem Verleger so

gedrängt, daß du abends arbeiten mußt, dann schließe deine Thür, wenn

die Sache nicht sehr nach Ostentation und gelehrter Koketterie aussehen

soll!« Sie mußte sehr aufgebracht sein, daß sie sich so unumwunden vor

einer Dame vom Hofe aussprach.

Flora legte ihr Manuskript zurecht und tauchte die Feder ein.

»Beurteile das, wie es dir beliebt, Großmama!« sagte sie kalt. »Ich

kann nicht dafür, daß man mich hier aufsucht, und säße längst mit

Aufopferung meiner selbst an einem deiner grünen Tische, wenn man mich

nicht gestört hätte.«

Henriette schlüpfte an der Präsidentin vorüber und winkte Käthe

verstohlen, ihr zu folgen. »Diese Aufregungen töten mich,« flüsterte

sie drüben im leeren Musikzimmer.

»Sei ruhig! Flora kämpft vergeblich; er zwingt sie doch zu seinen

Füßen,« sagte Käthe mit eigentümlich erregter Stimme. »Aber _ihn_

begreife ich nicht. Wäre ich ein Mann wie er --« Sie richtete sich mit

flammenden Augen hoch und stolz empor.

»Weißt du, wie die Liebe thut, Käthe? Richte nicht! Du mit deinem

kühlen Blicke und blumenfrischen Gesichte bist noch unberührt von dem

rasenden Rausche, der die Menschenseele erfaßt.« Sie unterbrach sich

und schöpfte tief und mühsam Atem. »Du weißt ja nicht, wie hinreißend

und verführerisch Flora sein kann, wenn sie _will_; du kennst sie nur

in ihrer jetzigen nichtswürdigen Rolle, diese feige, selbstsüchtige,

erbarmungslose Seele. Wer sie einmal Liebe gebend gesehen hat, der

begreift, daß ein Mann eher den Tod sucht, als daß er sie aufgibt.«

[Illustration]

9.

Sie ging, ihr vernachlässigtes Amt am Theetische wieder aufzunehmen,

Käthe aber blieb am Flügel stehen und blätterte in den Noten. Die

letzten Worte Henriettens hatten sie tief bewegt. War verschmähte Liebe

wirklich so seelenerschütternd, daß man um ihretwillen sterben möchte?

Und hatte sie diese tragische Gewalt auch über einen Mann wie Bruck?

Er verließ eben mit festen Schritten Floras Zimmer; auch die

Präsidentin rauschte eilig vorüber; es hatten sich noch zwei ältere

Damen im Salon eingefunden, welche sie begrüßen mußte. Die Thür nach

dem Arbeitszimmer blieb nach wie vor offen; jedenfalls wurde der

fragliche Artikel konsequentermaßen beendet, denn nachdem auch Fräulein

von Giese wieder herübergekommen war und sich abermals präludierend an

den Flügel gesetzt hatte, wurde es ganz still drüben.

Käthe verfolgte mit einem Seitenblick den Doktor, wie er den Salon

durchschritt. Er trat an den Theetisch, um mit Henriette zu sprechen;

allein eine der neu angekommenen Damen hielt ihn fest und verwickelte

ihn in ein Gespräch. Er war ritterlich verbindlich und sehr ruhig

in seinen Gebärden, aber Käthe hatte vorhin bei Floras maliziöser

Antwort eine Flamme in seinen Augen lodern sehen; er hatte jäh die

Farbe gewechselt, und auch jetzt noch brannte ein erhöhtes Rot auf

seinen Wangen -- er war nicht so ruhig heiter, wie er zu sein schien.

Und seine schöne Widersacherin drüben im roten Arbeitszimmer war es

ebensowenig; schon nach fünf Minuten stieß sie hörbar ungeduldig den

Stuhl zurück und kam herüber.

»Nun, Flora, schon fertig?« fragte das Hoffräulein und ließ die

unermüdlichen Finger in Terzen über die Tasten laufen.

»Bah, glaubst du, man schüttelt einen wirksamen Schluß nur so aus

dem Aermel? Ich bin eben nicht mehr aufgelegt, und ohne Inspiration

schreibe ich nun einmal nicht; dazu ist mir der Schriftstellerberuf zu

heilig.«

Fräulein von Giese zwinkerte eigentümlich boshaft mit den Augen; sie

hatte einen falschen Blick. »Ich bin sehr gespannt, wie die Kritik dein

großes Werk ‚Die Frauen‘ aufnehmen wird. Du hast uns so viel davon

erzählt. Hat der Verleger es angenommen?«

Flora hatte das Augenspiel wohl bemerkt. »Es wäre euch schon recht, ihr

treuen Seelen, wenn es Fiasko machte -- nicht wahr, Margarete?« sagte

sie beißend. »Aber _das_ Gaudium erlebt ihr nicht; das sagt mir mein --

nun, mein kleiner Finger.« Sie lachte leise und übermütig, schüttelte

die duftigen Löckchen aus der Stirn und schickte sich an, den Salon mit

jener vornehmen Nachlässigkeit zu betreten, welche sie wie eine stolze

Fürstin anzunehmen wußte.

»Kind, du stehst ja da, mit dem Notenhefte in der Hand, als wolltest

du _auch_ unsere Ohren in Anspruch nehmen,« sagte sie im Vorübergehen

zu Käthe mit spöttischem Tone und einem sprechenden Seitenblicke nach

der emsigen Klavierspielerin. »Singst du denn?« Käthe schüttelte den

Kopf. »Das müßte ein Sommerserbteil sein; unsere Familie hat keine

Singstimmen.«

»Ja, Flora, Käthe treibt Musik,« rief der Kommerzienrat herüber. Er

sprach mit einem Herrn in der Nähe der Thür und trat jetzt näher. »Ich

weiß es aus den Rechnungsbelegen der Doktorin. Viel Geld, Käthe! Ich

habe es dir schon sagen wollen: Du hast sehr teure Lehrer.«

Das junge Mädchen lachte. »Die besten, Moritz. Wir in Dresden sind

praktische Leute; das Beste ist das Billigste.«

»Nun, mir ist's schon recht. Hast du denn aber auch Talent?« fragte er

in zweifelhaftem Tone; »die musikalische Begabung lag allerdings nicht

in der Familie Mangold.«

»Den Trieb wenigstens,« versetzte sie einfach, »und die Neigung,

Melodien zu ersinnen.«

Flora, die eben auf die Schwelle des Salons trat, wandte sich

überrascht um. »Geh doch, Käthe!« sagte sie hastig. »Melodien

ersinnen! Du siehst mir danach aus mit deinen roten Backen und deiner

Hausfrauenerziehung. Eine Polka oder ein Walzer läuft wohl jedem, der

gerne tanzt, einmal durch den Kopf --«

»Und ich tanze leidenschaftlich gern, Flora,« unterbrach Käthe sie

heiter und aufrichtig bekennend.

»Siehst du? Wer wird sich da gleich den Anschein tiefsinniger

Produktivität geben! Und darauf hin nimmst du wohl gar Unterricht in

der Komposition?«

»Ja, seit drei Jahren.«

Flora schlug die Hände zusammen und kam ganz erregt in das Musikzimmer

zurück. »Ist denn deine Lukas« -- sie nannte die ehemalige Gouvernante

immer noch bei ihrem Mädchennamen -- »von Sinnen, daß sie das Geld _so_

zum Fenster hinauswirft?«

Es war ziemlich still im anstoßenden Salon. Die drei alten Herren am

Kamin und die Dame, welche mit dem Doktor gesprochen, hatten eben

auch einen Spieltisch besetzt; Doktor Bruck saß in leise geführter

Unterhaltung neben Henriette und Fräulein von Giese pausierte

aufhorchend für einen Moment; so konnte man jedes Wort dieses ziemlich

lauten Gespräches drüben hören.

Henriette sprang auf und kam herüber. »Du bist musikalisch, Käthe,«

fragte sie erstaunt, »und hast, solange du da bist, nicht eine Taste

berührt?«

»Der Flügel steht neben Floras Zimmer; wie konnte ich denn so anmaßend

sein, sie mit meinem Klavierspiel im Arbeiten zu stören?« antwortete

das junge Mädchen unbefangen und natürlich. »Ich habe freilich schon

den lebhaften Wunsch gehabt, und es hat mir in den Fingern gezuckt,

auch einmal auf dem Instrumente hier zu spielen, denn es ist herrlich

und mein Pianino daheim taugt nicht viel. Wir haben es vor fünf Jahren

alt gekauft. Die Doktorin will schon seit lange ein besseres von dir

fordern, aber ich war immer dagegen. Es war mir fatal, daß du von

dieser Forderung auf meine Leistungen schließen könntest. Nun aber,

nachdem ich heute den bewußten Schrank gesehen habe, bin ich durchaus

nicht mehr so blöde; ich wünsche mir ein Instrument wie dieses.«

»Es kostet tausend Thaler; tausend Thaler für eine kleine

Mädchenpassion! Das will überlegt sein, Käthe.«

»Und wer im Hause spielt denn auf eurem Instrumente?« fragte sie jetzt

mit fast harter Stimme und aufglühenden Augen; man sah, sie war im

Innersten verletzt. »Wem verschafft es einen Genuß in stillen Stunden?

Es steht nur für Gäste da. Muß denn das Kapital immer so angelegt sein,

daß es nur brilliert?«

Der Kommerzienrat trat ihr ganz betroffen näher und erfaßte ihre Hand;

er hatte diesen Ausdruck voll Energie und eigener fester Urteilskraft

noch nicht in dem blühenden Mädchenantlitze gesehen. »Ereifere dich

nicht, liebes Kind!« begütigte er. »Bin ich denn je ein harter und

knickeriger Vormund gewesen? Geh, spiele eine Piece und beweise uns,

daß dir die Beschäftigung mit der Musik wirklich _Herzenssache_ ist!

Mehr verlange ich gar nicht, und du sollst ein Instrument haben, wie du

es dir wünschest.«

»Nun, nach dem Vorhergegangenen thue ich's nicht gern,« sagte sie

aufrichtig und unumwunden und entzog ihm ihre Hand. »‚Erspielen‘ will

ich mir den Flügel keinenfalls, wer weiß denn, was für eine Leistung du

unter der ‚Herzenssache‘ verstehst! Aber ich werde meine Noten holen,

weil mir das ‚Sichnötigenlassen‘ verhaßt ist.«

Sie wollte sich entfernen.

»Wozu denn Musikalien? Spiele doch eine deiner ‚Kompositionen‘!« sagte

Flora, ein sardonisches Lächeln halb verbeißend.

»Ich kann auch meine eigenen Arbeiten nicht auswendig,« antwortete

Käthe hinausgehend.

Sie kam sehr rasch mit einem Notenhefte in der Hand zurück. Während

sie sich auf den Klavierstuhl setzte, den ihr Fräulein von Giese

bereitwillig einräumte, nahm Flora das Heft vom Notenpulte. »Von wem?«

fragte sie, das Titelblatt aufschlagend.

»Nun, hast du nicht eine Komposition von mir zu hören gewünscht?«

»Allerdings, aber du hast dich vergriffen -- das Tonstück da ist ja

gedruckt --«

»Ganz recht. Es ist gedruckt.«

»Mein Gott, wie kommt denn das?« fuhr Flora so rasch, so naiv erstaunt

und betreten heraus, daß sie auf einen Augenblick ihre selbstbewußte

Haltung einbüßte.

»Ja, Flörchen, wie kommt es denn, daß _deine_ Sachen gedruckt werden?«

fragte Käthe scherzend, mit Humor zurück und legte ihre schönen,

schlankgebauten Hände auf die Tasten. »Ich will dir sagen, wie ich zu

der Ehre gekommen bin,« setzte sie schnell und begütigend hinzu --

Flora hatte offenbar ihre Antwort sehr übel genommen; sie richtete sich

beleidigt empor und sah mit hochmütigem Blicke auf die junge Schwester

herab. »Meine Lehrer haben die ‚Phantasie‘ heimlich drucken lassen, um

mir eine Geburtstagsfreude zu machen.«

»Ah so -- das konnte man sich denken,« sagte Flora und legte die Noten

auf das Pult zurück.

Henriette war währenddem hinter ihr weggeschlüpft; sie bog sich über

Käthes Schulter und zeigte mit dem Finger auf das Titelblatt. »Lasse

dir doch nichts weismachen, Flora!« rief sie auflachend. »Sieh her! Da

steht der berühmte Verlag von Schott und Söhne -- _die_ Firma gibt sich

doch zu einem Geburtstagsspaße nicht her. Käthe, sage die Wahrheit!«

bat sie mit strahlenden Augen. »Man spielt deine Sachen draußen in der

Welt -- sie werden gekauft?«

Das junge Mädchen nickte errötend und bestätigend mit dem Kopfe.

»Die Wahrheit ist aber auch, daß ich um mein eigenes Hinaustreten

nicht gewußt und das erste Opus gedruckt auf meinem Geburtstagstische

gefunden habe,« sagte sie und begann ihren Vortrag.

[Illustration]

Es war eine ganz einfache Melodie, welche an das Ohr der Hörer schlug,

aber schon nach einigen Takten ließen die am Spieltische Sitzenden die

Whistkarten sinken, so samtweich quollen die Töne aus dem Instrumente,

und so durch und durch originell und herzergreifend klang die neue

Weise. Die junge Komponistin saß da, die Augen ernst sinnig auf die

Noten geheftet, in so ruhiger Haltung, daß man das schwarze Jettkreuz

auf ihrer Brust unter den Atemzügen beben sehen konnte. Da war kein

Brillieren mit Fingerfertigkeit, kein »Wühlen in den Tönen« -- man

fragte sich nicht, ob das Spiel korrekt sei; man dachte überhaupt

nicht an das Spiel, so wenig wie man bei einem erschütternden Gesange

an die Mundstellung des Sängers denkt, und als die Melodie schwieg,

die nicht einmal zum Schlusse in die rauschende Gangart eines modernen

Konzertstückes verfallen war, da blieb es noch einen Augenblick so

atemlos still, als dürfe die entfliehende Tonseele, die eben noch so

innig gesprochen, nicht durch lautes Geräusch erschreckt werden. Dann

aber wurde es lebendig drüben im Salon; die Herren riefen: »Bravo!«

-- »Scharmant!« -- »Superb!«, und die Damen bedauerten, daß der Papa

Mangold das nicht erlebt habe. Man war überrascht, gerührt und -- griff

wieder zu den Karten.

»Die reizende ‚Phantasie‘ müssen Sie mir geben, Fräulein. Ich werde sie

der Fürstin vorspielen,« sagte die Hofdame mit Protektormiene.

»Und den schönsten Konzertflügel, der je gebaut worden ist, sollst du

haben, Käthe!« setzte der Kommerzienrat enthusiastisch hinzu.

Henriette aber schmiegte liebkosend ihr blasses Gesicht an die blühende

Wange der Schwester und flüsterte mit feuchten Augen: »Du Auserwählte!«

Schon nach den ersten Tönen war Flora wie verscheucht vom Flügel

weggetreten und geräuschlos hinausgegangen. Langsam glitt sie drüben

im roten Zimmer hin und wieder, bei jeder herzerschütternden Wandlung

der Melodie einen förmlich erschreckten Blick nach dem genialen

Mädchen am Klavier werfend, und nun, als der letzte Ton verklungen,

war die ruhelos schwebende weiße Gestalt verschwunden; sie hatte sich

jedenfalls in die Schreibtischecke am Fenster zurückgezogen.

»Ah, mir scheint, Flora nimmt es übel, daß sie nun nicht mehr die

einzige ‚Berühmtheit‘ der Familie Mangold sein wird,« sagte Fräulein

von Giese halb für sich, halb zum Kommerzienrat gewendet mit boshaftem

Geflüster.

Der Kommerzienrat lächelte; er lächelte stets, wenn jemand vom Hofe

vertraulich zu ihm sprach, aber er vermied es, zu antworten.

»Auf deine Doktorin bin ich übrigens sehr böse, weil sie mir niemals

Näheres über deine musikalische Begabung mitgeteilt hat,« sagte er zu

Käthe, die eben ihren Platz am Flügel verließ.

Sie lachte.

»Bei uns daheim wird überhaupt kein Aufhebens davon gemacht,« versetzte

sie unbefangen. »Die Doktorin ist eine Frau, die mit ihrem endgültigen

Urteil kargt und zurückhält; sie weiß, daß ich noch sehr viel zu lernen

habe.«

»Ach, geh mir doch! Das ist schon mehr spartanische Erziehung --«

»Oder auch das ausgesuchteste Raffinement, mit welchem man einen großen

Erfolg in Szene zu setzen wünscht,« fiel Flora ein, die eben unter

die Thür trat; ihr Gesicht glühte wie im Fieber. »Mir machst du nicht

weis, Käthe, daß du so harmlos bescheiden über dein Talent denkst, daß

du wirklich so wenig Gewicht darauf legst, um bei einem fünftägigen

Aufenthalte in unserem Hause gar nicht zu thun, als könntest du auch

nur eine Note -- das ist falsch, hinterlistig gegen mich, gegen uns

alle.« Der aufquellende Groll erstickte fast ihre schöne, klangreiche

Stimme.

»So urteilst _du_, Flora?« brauste Henriette empört auf. »Du, die nie

müde wird, ihre schriftstellerischen Bestrebungen, ihre ‚gelehrten

Studien‘ in jedes Gespräch zu ziehen und breitzutreten, die sich

in ihrem Bekanntenkreise bereits auf Erfolge stützt, welche noch

abzuwarten sind --«

»Henriette, besorge den Thee!« rief die Präsidentin in scharfem,

strengem Tone herüber -- man war zu laut im Musikzimmer.

Die Angerufene ging grollend hinaus.

»Du irrst, Flora, wenn du denkst, ich lege kein Gewicht auf mein

Talent,« sagte Käthe vollkommen ruhig, während die geistesstolze

Schwester zornig an der Unterlippe nagte und die Hinausgehende mit

einem bitteren Blicke verfolgte. »Dann wäre ich unwahr gegen mich

selbst und auch namenlos undankbar, denn es verschafft mir himmlische

Stunden. Es ist Zufall, daß ich nicht gleich bei meiner Ankunft darüber

gesprochen habe; denn gerade die Musik ist schuld, daß ich einen Monat

früher hierher gekommen bin. Mein Lehrer in der Komposition mußte

auf vier Wochen verreisen, und weil ich dann volle zwei Monate den

Unterricht eingebüßt haben würde, entschloß ich mich rasch und verließ

Dresden mit ihm zugleich.«

Bei diesen letzten Worten des jungen Mädchens ging Fräulein von

Giese in den Salon, sichtlich widerwillig sich losreißend -- die

Erörterungen waren ja doch zu pikant -- aber ihr Vater, ein alter

pensionierter Oberst, war eben gekommen; er mußte begrüßt werden, auch

der Kommerzienrat ging hinaus.

Flora trat wieder an den Flügel und nahm das Notenheft vom Pult.

Käthe sah, wie sich der schöne Busen der Schwester unter fliegenden

Atemzügen hob, wie ihre Hand in nervöser Aufregung bebte; Käthe bereute

bitter die Arglosigkeit, mit der sie das kleine Werk in diesem Kreise

vorgeführt hatte.

»Man hat dir wohl viel Schmeichelhaftes darüber gesagt?« fragte Flora

und schlug mit der umgekehrten Rechten auf das Titelblatt -- ihre Augen

hingen verzehrend an den Lippen der Schwester.

»Wer denn?« entgegnete Käthe. »Meine Lehrer sind ebenso zurückhaltend

mit ihrem Lobe wie die Doktorin, und andere wissen nicht um meine

Autorschaft; du siehst doch, der Name des Komponisten fehlt.«

»Aber das Werkchen wird viel gekauft?«

Käthe schwieg.

»Sage nur die Wahrheit! Ist es schon mehr als einmal aufgelegt worden?«

»Nun ja.«

Flora warf das Heft auf den Flügel. »Zu solch einem Backfisch mit dem

dicken Posaunenengelgesicht und der unverkümmerten Seelenruhe kommt der

Ruhm im Schlafe, und andere müssen qualvoll kämpfen um jede Staffel;

sie sterben fast im glühenden Ringen und Streben, ehe sie auch nur

genannt werden,« stieß sie bitter heraus. Sie schlug die Arme unter und

ging auf und ab.

»Nun, was thut's im Grunde?« sagte sie plötzlich stehen bleibend,

wie erleichtert. »Die glänzendste Rakete verpufft spurlos droben in

der Luft; sie ist dagewesen, während der Feuerkern im Vesuv fort und

fort glüht; die Welt weiß um sein Dasein, und wenn er seine Flammen

ausstößt, dann jubelt oder zittert das Menschenherz. Ganz gut so, da

sind es eben _zwei_ aus der Familie Mangold, die hinaustreten in die

Arena. Wir wollen sehen, Käthe, wer von uns beiden die brillanteste

Karriere macht.«

»Ich ganz gewiß nicht,« rief Käthe heiter und strich sich ein

rebellisches Löckchen aus der Stirn. »Ich werde mich hüten, in die

Arena zu gehen. Denke ja nicht, daß ich unempfindlich bin gegen

Erfolge! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, zu sehen, daß man mit

seinen Schöpfungen die Herzen anderer rührt und bewegt, und das gäbe

ich nicht hin um alle Schätze der Welt. Aber bloß _dafür_ und _deshalb_

zu leben? Nein, ich sehe daheim zu viel Glück, zu viel beseligendes

Zusammensein und Zusammenwirken -- was hilft mir der Ruhm, wenn er mich

einsam läßt?«

»Aha, da haben wir ja die Bescherung, die ganze hausbackene Quintessenz

deiner Erziehung! Wie es dieses Fräulein Lukas selbst unablässig

erstrebt und schließlich durchgesetzt hat, so wirst du es auch machen

-- du willst dich verheiraten.« Sie lachte in verletzendem Spott hell

und schneidend auf.

Das köstliche Karminrot auf den Wangen des jungen Mädchens breitete

sich plötzlich bis an die Haarwurzeln der Stirn; es lief selbst über

den schneeweißen runden Hals hinab. »Du lachst und spottest, als sei es

dir nie eingefallen, dasselbe zu thun,« sagte sie entrüstet, aber mit

unwillkürlich gedämpfter Stimme, »und doch --«

Flora streckte so rasch die Hand aus, als wolle sie die schönen

Mädchenlippen zupressen. »Bitte, kein Wort weiter!« rief sie

gebieterisch. Sie verschränkte die Arme wieder unter dem Busen und

neigte langsam zustimmend den Kopf. »Ja, mein sehr weises Fräulein, ich

war allerdings für einen Moment so schwach und verblendet, mir ein Netz

überwerfen zu lassen, aber, Gott sei Dank, der Kopf ist wieder draußen;

er ist klar und stark genug, sich die Freiheit zurückzuerobern.«

»Und hast du gar kein Gewissen, Flora?«

»Ein sehr empfindliches sogar, mein Schatz; es sagt mir eben, daß

es ein unverantwortlicher Leichtsinn gewesen ist, mich selbst so

hinzuwerfen. Du wirst bibelfest genug sein, um zu wissen, daß jeder

dafür verantwortlich gemacht wird, wie er sein Pfund verwertet. Sieh

mich an, kannst du dir wirklich denken, ich würde zeitlebens als simple

Frau Doktorin am Herde stehen und Gemüse kochen? Und für wen?« Sie

neigte den Kopf bezeichnend nach dem Salon, aus welchem jetzt lebhaftes

Stimmengeräusch herüberscholl; mit dem Eintritte des alten Obersten

von Giese war Leben und Bewegung in die Gesellschaft gekommen, nur

Doktor Bruck saß allein am Theetische und las in einer Zeitung; er war

scheinbar sehr vertieft und hatte kaum aufgesehen, als Henriette an

seine Seite zurückgekehrt war.

[Illustration]

»Siehst du, daß auch nur einer der Herren mit ihm verkehrt?« fragte

Flora mit unterdrückter Stimme. »Er ist geächtet, und mit allem Recht.

Er hat mich und die Welt betrogen; sein ihm vorausgegangener brillanter

Ruf ist eitel Reklame gewesen.«

Sie brach ab und zog sich rasch in ihr Zimmer zurück, jedenfalls, um

dem alten redseligen Obersten aus dem Wege zu gehen, der jetzt in

Begleitung seiner Tochter und des Kommerzienrates in das Musikzimmer

trat und sich Käthe vorstellen ließ. Auf seine Bitte setzte sich das

junge Mädchen noch einmal an das Instrument und spielte. Wunderlich!

Mit was für Augen ihr Schwager und Vormund nach ihr hinsah, sobald sie

den Blick vom Notenblatte hob, so feurig, so unerklärlich, durchaus

nicht so brüderlich vertraut, wie er ihr als Kind die Bonbonstüten und

gestern noch ein schönes Boukett aus der Stadt mitgebracht hatte. Sie

ließ ihm stets willig die Hand, wenn er sie im Gespräche erfaßte, und

litt es, daß er ihr liebkosend die Locken aus der Stirn strich; er that

das so harmlos, wie es ihr Vater einst gethan, und jetzt, als sie die

Hände von den Tasten sinken ließ, trat er unter dem rauschenden Beifall

der andern rasch auf sie zu und legte seinen Arm um ihre Schultern.

»Käthe, was ist aus dir geworden!« flüsterte er, sich über sie

herabbeugend. »Wie erinnerst du mich an Klothilde, deine selige

Schwester! Aber du bist schöner, ungleich begabter.«

Sie griff mit der Linken nach dem Arm, um ihn abzustreifen, aber

Moritz erfaßte nun auch die Hand und hielt sie mit festem Drucke,

als sei es fürs ganze Leben. Für die Anwesenden war das ein hübsches

Bild, eine selbstverständliche, harmlose Gruppe. Der Vormund umarmte

stolz und hingerissen seine Mündel, das ihm anvertraute Kind seines

Schwiegervaters. Nur Henriettens bleiches Gesicht war sehr rot

geworden; sie lächelte so eigentümlich. Doktor Bruck neben ihr sah nach

seiner Uhr, dann reichte er Henriette verstohlen die Hand und benutzte

die allgemeine Aufregung, um sich unbemerkt zu entfernen.

[Illustration]

10.

Seit dem Gesellschaftsabend war eine Woche verstrichen; »eine

entsetzlich fatigierende Woche!« seufzte erschöpft die Präsidentin und

schalt gleich darauf nachdrücklich und energisch ihre Schneiderin, daß

sie die Toilette zu dem achten dieser ermüdenden Tage nicht elegant

genug arrangiert habe, daß die Schleppe absolut zu kurz, die Spitzen

nicht breit genug, die Stoffe allzu leicht seien. Es waren mehrere

große Damenthees und Kaffeegesellschaften in den höchsten Kreisen zu

bewältigen gewesen; außerdem hatte Flora zu lebenden Bildern, die bei

einem kleinen Hoffest gestellt wurden, die Verse machen und sprechen

müssen, »man war kaum zu Atem gekommen«.

Henriette mußte aus Rücksicht auf ihr verschlimmertes Kranksein dieses

aufregende Treiben streng meiden, und Käthe blieb, obgleich sie stets

sehr freundlich mit eingeladen wurde, konsequent bei ihr zu Hause.

Dann tranken sie den Thee allein im Musikzimmer, und Käthe erzählte

Schnurren und spielte Klavier, um Henriettens Trübsinn zu verscheuchen.

So scharf auch die Urteilskraft der Kranken war, so tief sie auch das

Oberflächliche, die wehende Kühle in dem gesellschaftlichen Leben und

Treiben empfand, sie war und blieb doch das Kind der vornehmen Welt;

sie war im Salon unter den aristokratischen Freunden der Großmama

aufgewachsen, und so sagte sie oft bitter lächelnd, wenn zur Thee-

oder Theaterstunde das Getöse der rollenden Wagen von der Stadt fern

herüberscholl, ihr sei zu Mute wie einem invaliden Streitroß, das, lahm

und schwach, beim Signal die Ohren spitze und um alles gern mitlaufen

möchte.

Blendend wie eine Fee schwebte Flora abschiednehmend durch das

Musikzimmer. Sie hatte meist eine Unmutsfalte zwischen den Brauen und

ein Spottlächeln auf den Lippen, das den jugendlich knappen Toiletten

der Großmama galt; sie beklagte die verlorene kostbare Zeit, aber sie

warf den schützenden Schleier über die blumengeschmückten Locken, nahm

die Schleppe auf und ging, um draußen den wartenden Wagen zu besteigen

und -- »sich zu opfern«.

Der Kommerzienrat war vor sechs Tagen in Geschäften nach Berlin

gereist. Er schrieb täglich an die Präsidentin »wahrhaft goldtrunkene

Briefe«, sagte sie bedeutungsvoll lächelnd. Vorgestern aber waren

prachtvolle Boukette an die drei Schwägerinnen gekommen, und da

hatte die Frau Präsidentin nicht gelacht. Für Flora und Henriette

hatte der galante Schwager Kamelien und Veilchen binden lassen,

Käthes Rosenstrauß dagegen strotzte von Orangenblüten und Myrten.

Der Präsidentin wäre wahrscheinlich die zarte Sprache aus der Ferne

entgangen; sie nahm achtlos die Boukette aus der Kiste und war eben im

Begriff, die zwei für Henriette und Käthe bestimmten hinaufzuschicken,

als Flora, sich schüttelnd vor Lachen, mit dem Finger auf das

ausdrucksvolle Blumenarrangement zeigte. Da wurde das Gesicht der alten

Dame lang und fahl wie noch nie in ihrem ganzen langen Leben. »Aber,

Großmama, hast du denn wirklich geglaubt, Moritz werde sich den Adel

mit solchen Unsummen erkaufen, um dann sein Geschlecht aussterben zu

lassen?« rief Flora in ihrer übermütigen, frivolen Scherzweise. »Du

hättest doch wissen müssen, daß ein Mann wie er, noch ziemlich jung,

reich und stattlich, nicht zeitlebens Witwer bleiben wird! Und er freit

nicht vergeblich um Käthe -- das weiß ich am besten.«

Mit diesem kleinen Zwischenfall trat plötzlich ein Spukwesen in der

Villa Baumgarten auf. Käthe ahnte sein Dasein nicht; sie hatte die aus

Draht gebundenen Blumen mit frischem Wasser bespritzt, um sie nicht so

rasch verschmachten zu lassen, und das Boukett auf das Fensterbrett

gestellt, ohne die bedeutungsvolle Blumenschrift verstanden zu

haben. Durch die Gemächer der Präsidentin aber wandelte die graue

dräuende Gestalt; sie verdüsterte den Glanz der vielfach beneideten

Seidensamt-Möbel, der Goldbronzen und der unschätzbaren Meißner

Porzellangarnitur; sie saß im Wintergarten auf dem Lieblingsplatz der

Präsidentin und vergällte ihr den Genuß an allem, was ihr das Leben

schmückte. Die alte Dame sorgte um ihre Zukunft, als habe sie erst die

Hälfte ihres Lebens hinter sich; der Kommerzienrat _durfte_ sich nicht

wieder verheiraten; er war ihr das schuldig. Sie hatte ihn durch ihre

Konnexionen, ihren gesellschaftlichen Einfluß erst zu dem gemacht, was

er geworden war; sie hatte mit ihrem unvergleichlichen Geschmack sein

Haus zu einem kleinen Schloß umgestaltet, das selbst den verwöhntesten

Hofleuten imponierte, und war es ihrerseits nicht ein bedeutendes

Opfer, ein Akt der Selbstüberwindung gewesen, mit welchem sie sich an

die Spitze seines damals noch ziemlich simplen, bürgerlichen Hauswesens

gestellt? Und nun, als sich alles so gefügt, wie sie gewünscht und

unablässig erstrebt hatte, nun sollte es plötzlich eine junge Frau von

Römer geben, die hier unten in den prachtvollen Räumen empfing -- und

wer die Frau Präsidentin Urach sehen wollte, der mußte hinaufsteigen in

»das Auszugsstübchen«, das man »der Großmama« eingeräumt. Nicht einmal

Flora, das Kind ihrer eigenen Tochter, hätte sie an dieser Stelle

sehen mögen, geschweige denn die Enkelin des Schloßmüllers. Die Frau

Präsidentin sprach mit einemmal sehr interessiert von Käthes Heim in

Dresden; sie zeigte sich so besorgt, daß das wundervolle musikalische

Talent vier Wochen lang brach liegen müsse, und ging mit der Idee um,

das junge Mädchen in höchsteigener Person nach Dresden zurückzubringen.

Käthe ließ alle diese ausgesuchten Höflichkeiten schweigend über sich

ergehen. Sie wollte abwarten, ob sich Henriette nicht doch durch Doktor

Bruck bestimmen ließe, die Schwester zu begleiten. Bis jetzt hatte er

noch keinen Versuch gemacht, wahrscheinlich weil er den Plan an der

Reizbarkeit der Kranken nicht scheitern sehen mochte, und aufgeregt

und gereizt war sie augenblicklich in hohem Grade. Er kam jeden

Morgen um die bestimmte Stunde. Die Wohnzimmer der beiden Schwestern

stießen aneinander, und die Thür stand stets offen. Käthe hörte dann

seine beschwichtigende Stimme, sein sanftes Zureden; er konnte aber

auch so herzlich auflachen, daß die Kranke unwillkürlich einstimmte.

Für Käthes Ohr hatte dieses metallreiche, frohmütige und doch so

angenehm beherrschte Lachen einen eigentümlichen Reiz -- es zeugte

so unwiderleglich von der unangetasteten Jugendfrische der Seele; es

bewies ihr, daß er seiner Sache, seiner Zukunft gewiß war, daß er

sich auch innerlich absolut nicht den tausend Widerwärtigkeiten und

Kränkungen beugte, die auf ihn einstürmten.

Sie selbst sprach ihn nicht. Um diese Zeit meist an ihrem Arbeitstische

sitzend, konnte sie ihn drüben auf und ab wandeln sehen, aber so

unzertrennlich auch sonst die beiden Schwestern waren, kurz vor der

Besuchsstunde des Arztes zog sich Henriette stets in ihr Zimmer

zurück, und Käthe hütete sich, mit einem hinübergerufenen Worte oder

auch nur einem verständnisvollen Blicke Teilnahme an dem Gespräche zu

verraten, die von der Kranken offenbar nicht gewünscht wurde .... Die

Tante Diakonus aber sprach sie sehr oft, und zwar in der Schloßmühle.

Die alte Frau sah täglich nach Suse, seit sie so nahe wohnte; sie

brachte ihr Suppen und eingemachte Früchte und saß stundenlang bei der

Haushälterin, die sich durchaus nicht darein fand und sehr unglücklich

war, daß es mit dem Spinnen, Stricken und Waschen »immer noch nicht

gehen wollte«.

Das waren trauliche Dämmerstündchen in der Schloßmühlenstube. Die

Tante erzählte aus ihrer Jugend, aus der Zeit, wo sie noch die »Frau

Seelsorgerin« im Dorfe gewesen war; sie beschrieb den schweren,

thränenreichen Moment, wo sie den Doktor als achtjährigen Knaben aus

dem Elternhause weggeholt hatte, weil ihm Vater und Mutter in Zeit

von wenigen Tagen gestorben waren, und mochte sie auch mit kleinen

Erlebnissen aus ihrer sonnigen Mädchenzeit oder aus ihrem glücklichen

Eheleben beginnen, stets und immer gipfelten ihre Schilderungen in dem

Zusammensein mit dem Doktor, der so recht der Sonnenschein ihres Lebens

geworden war, wie sie versicherte.

Beim Nachhausegehen begleitete Käthe die alte Frau den rauschenden Fluß

entlang bis an die Brücke. Die kleine Hand der Tante lag dann auf dem

Arme des jungen Mädchens, und sie wandelten dahin wie zusammengehörig,

als müßten sie auch miteinander über die Brücke schreiten und

hineingehen in »des Doktors Haus«, das so still und friedlich, so

weltverloren und vom Dämmerlichte eingesponnen hinter dem Ufergebüsche

lag. Die Abende waren noch sehr frisch, und von dem schwarzen,

starrenden Walde her zogen dünne Nebelschleier und feuchteten Haar und

Kleider -- da schlüpft man gern unter das gastliche Dach, auf welchem

der Schornstein raucht. Gewöhnlich brannte schon die grünverschleierte

Lampe in der Eckstube; durch das eine unverhüllte Fenster fiel ihr

Licht, breit und hell, schräg über die Brücke. Die heimkommende alte

Frau konnte nicht fehlgehen, wenn es auch schon tief dunkelte. Dann

ging sie hinein; der letzte Fensterladen wurde geschlossen, und dort in

der behaglichen Ofenecke -- Käthe konnte sie mit ihren scharfen Augen

vollkommen übersehen --, wo der grüne, verblichene Fußteppich lag und

hinter dem runden Tische ein hochlehniger, gepolsterter Armstuhl stand,

arrangierte sie geräuschlos den Abendtisch und wartete strickend, bis

der Doktor sein Pensum beendet hatte ...

Das hatte sie dem jungen Mädchen auf der Abendwanderung wiederholt

geschildert, und gar so gern blieb sie dann einen Augenblick auf der

Brücke stehen, überblickte ihr trautes Heim und deutete lächelnd

nach dem Manne, der arbeitend seinen dunkellockigen Kopf über den

Schreibtisch beugte. Aber er sprang dann gewöhnlich auf und öffnete

das Fenster, denn der neu angeschaffte Kettenhund fuhr mit wütendem

Gebell auf die Herankommenden los. »Bist du es, Tante?« rief der

Doktor herüber. Bei diesen Lauten floh Käthe aus dem Bereiche des

Lampenscheines. Mit einem flüchtigen »Gute Nacht!« stürmte sie die

einsame Allee hinauf; sie kam sich vor wie ausgestoßen, und so mußte

auch ihm später zu Mute sein -- falls er Flora wirklich noch an seine

Seite zu zwingen vermochte --, wenn er aus dem Hause am Flusse in

die Stadtwohnung zurückkehrte und von seinem Weibe, der Seele des

Hauses, mit kühlem Gruß am Schreibtische, oder geschmückt zu einer

Abendgesellschaft, im flüchtigen Vorübergehen empfangen wurde. --

Es war am siebenten Tage nach der Abreise des Kommerzienrates, als

die Nachricht aus Berlin eintraf, daß die Spinnerei verkauft sei. Die

Präsidentin war von dieser Neuigkeit so angenehm berührt, daß sie,

noch im Kaschmirschlafrocke, mit dem Briefe in der Hand, die Treppe

zur Bel-Etage hinaufstieg und in Henriettens Zimmer trat, wo sich auch

Flora kurz vorher eingefunden hatte.

Die alte Dame setzte sich in einen Lehnstuhl und erzählte. »Gott sei

Dank, daß Moritz ein Ende macht!« sagte sie heiter gestimmt. »Er hat

ein brillantes Geschäft abgeschlossen; das Etablissement wird ihm so

horrend bezahlt, daß er selbst ganz überrascht ist.« Sie legte die

feinen Hände gefaltet auf den Tisch und sah unendlich zufrieden aus.

»Er wird nun ganz und gar mit seiner kaufmännischen Vergangenheit

brechen. Damit fallen auch die fatalen Rücksichten für die sogenannten

Geschäftsfreunde weg; denkt nur zurück, wie oft wir ungehobelte Gäste

beim Diner gehabt haben, die besser am Domestikentische gesessen

hätten! Mein Gott, waren das peinliche, verlegene Momente! Ach ja, man

hat sich so manchmal stillschweigend überwinden müssen.«

Käthe stand währenddem am Fenster. Von dieser Stelle aus konnte man

das große Fabrikgebäude inmitten seiner unvollendeten neuen Anlagen

liegen sehen. Der weite Kiesplatz vor dem Hause wimmelte von Menschen,

von Männern, Weibern, Kindern, die aufgeregt durcheinander fuhren

und gestikulierten. Die Maschinen standen verlassen; es mochte kein

einziger Arbeiter in den Sälen verblieben sein.

Das junge Mädchen am Fenster deutete betroffen hinüber.

»Weiß schon,« sagte die Präsidentin lächelnd; sie erhob sich und

trat an das Fenster. »Der Kutscher hat mir eben im Korridore Meldung

gemacht, es solle sehr laut da drüben zugehen. Man ist außer sich, daß

die Spinnerei an eine Aktiengesellschaft verkauft worden ist, deren

Direktorium hauptsächlich aus Juden zusammengesetzt sein soll. Ja, ja,

so geht's, die guten Leute ernten nun, was sie gesäet haben. Moritz

hätte auf keinen Fall so überraschend schnell ~Tabula rasa~ gemacht;

sein Herz hing ja in für mich unbegreiflicher Weise an der Spinnerei,

aber die letzten Vorgänge haben ihm den Besitz gründlich verleidet, er

will mit der Sache nichts mehr zu thun haben.«

»Das sieht genau aus, als habe er sich gefürchtet, der gute Moritz,«

meinte Flora mit verächtlich sich wölbenden Lippen. »Ich für meinen

Teil hätte gerade in diesem Momente die Fabrik nicht für Millionen

hingegeben; erst mußten die Kläffer sich überzeugen, daß ihr Lärmen

umsonst gewesen sei, daß man ihre Schreckschüsse verlache. Der Grimm

schnürt mir den Hals zu, wenn ich mir denke, es könnte nun heißen, die

Drohbriefe an mich hätten uns eingeschüchtert.«

»Sei ruhig, Flora! Das glaubt niemand von dir; man sieht dir die

Soldatenkourage und Zuversicht auf hundert Schritte an,« spottete

Henriette.

Die schöne Schwester rauschte schweigend nach der Thür; sie ignorierte

ja derartige Bemerkungen der Kranken stets mit einem kalten Lächeln,

und auch die Großmama erhob sich, um Toilette zum Diner zu machen.

»Bruck hat dir für heute einen kleinen Spaziergang erlaubt, Henriette?«

fragte die alte Dame, sich an der Thür noch einmal zurückwendend.

»Ich soll mich ein wenig im Stadtforste ergehen, um Tannenharzluft zu

atmen.«

»Dann werde ich mich anschließen,« sagte Flora. »Ich brauche auch Luft,

Luft, um nicht zu ersticken unter der Last von Widerwärtigkeiten, die

mir das Schicksal aufbürdet.«

Sie reichte der Präsidentin den Arm, um sie die Treppe hinabzuführen.

Henriette stampfte zornig mit dem Fuße; sie hätte weinen mögen vor

Aerger, aber verhindern konnte sie es doch nicht, daß die schöne

Schwester nach Tische im weißen Filzhütchen, den Palmblattfächer in der

Hand, erschien, um sie auf dem Waldspaziergange zu begleiten.

Es war ein herrlicher Apriltag mit wolkenlos blauem Himmel, mit

glitzerndem Sonnengolde auf Weg und Steg und dem Dufte der ersten

Veilchen in seinen samtweichen Lüften. Noch war es hell in dem Streifen

Laubwald, der den schwarzgrünen Mantel des Tannenforstes gleichsam

verbrämte, so hell, als sei die Kuppel von diesen sonst so wonnig

dunkelnden Säulengängen genommen; noch lag das machtvolle Grün, das die

knorrigsten Aeste bewältigt und sie geschmeidig jung aussehen macht,

zu Milliarden weicher Flöckchen zusammengedrückt, im engen, braunen

Schrein der Knospen; nur das feinzweigige Unterholz umschleierte ein

bläßlich grüner Hauch, und aus den feuchten Moospolstern reckten sich

langstielige weiße Glöckchen. Diesen kleinen hellen Blumen ging Käthe

pflückend nach, während Flora und Henriette auf dem schmalen Wege

blieben, der nach dem Tannengrunde führte.

Still war es heute nicht im Walde -- es war der Tag, an welchem

sich die Armen der Stadt das dürre Holz holen durften. Man hörte

das Einknicken verdorrter Aeste, das gegenseitige Zurufen von

Menschenstimmen, und tief im Gestrüpp stand Käthe plötzlich vor einem

braunen Weibe, das eben einen abgesägten armstarken Buchenast zu

Boden riß. War es, weil sie grünes statt des erlaubten dürren Holzes

in den Händen hielt, oder machte ihr die unerwartet hervortretende

Erscheinung selbst einen zornerregenden Eindruck -- sie warf unter dem

lilafarbenen Tuch hervor, das sie um den Kopf gebunden hatte, einen

wilden Blick auf das junge Mädchen; in der Art und Weise aber, wie sie,

kerzengerade aufgerichtet, mit dem Ast gleichsam spielend über den

Boden hin- und herfegte, lag eine freche Herausforderung.

[Illustration]

Käthe fürchtete sich nicht im geringsten; sie bückte sich, um eine

ganze Familie Anemonen unter dem nächsten Strauche zu pflücken; in

diesem Augenblicke drang vom Wege her ein vereinzelter Ruf, ein

schwacher Laut, dem ein Tumult von geflissentlich gedämpften Stimmen

folgte.

Das Weib horchte auf, schleuderte den Ast fort und schlug sich in

der Richtung des Lärms quer durch das Untergesträuch. Und jetzt

zitterte der Aufschrei wieder herüber -- es war Henriettens krankhaft

verschleierte, dünne Stimme. Käthe folgte der Frau auf den Fersen; die

Dornen rissen ihr Fetzen vom Kleide und die Büsche, die das Weib mit

kräftigen Armen teilte, schlugen zurückschnellend und klatschend in ihr

Gesicht, aber sie kam rasch heraus auf den Weg.

Zuerst sah sie nur einen Knäuel von Weibern und zerlumpten Jungen, der

sich um den Stamm einer Kiefer drängte; bei den heftigen Bewegungen

der Versammelten aber teilte sich da und dort das Konglomerat von

struppigen Haaren und schmutzigen Kopftüchern und ließ Floras weißes

Hütchen mit der emporstehenden blauen Feder auftauchen.

»Laß den Zwerg los, Fritz!« rief ein bärenhaftes Weib.

»Aber sie schreit ja wie närrisch,« sagte eine Jungenstimme.

»Ach was, das Piepen hört kein Mensch.« Die Frau hatte eine breite

Stumpfnase und kleine, boshafte Augen und überragte in hünenhafter

Länge alle anderen.

Jetzt sprach Flora -- Käthe erkannte kaum ihre Stimme.

Ein vielstimmiges Hohngelächter antwortete ihr.

»Aus dem Wege gehen?« wiederholte das große Weib. »Das ist der

Stadtforst, Fräulein; da kann der ärmste Bürger spazieren gehen so gut

wie die großen Herren -- den will ich sehen, der mich da vertreibt.«

Sie stellte sich noch breitspuriger hin. »Da guckt her, ihr Leute!

Unsereins sieht das Gesicht sonst nur in der stolzen Kutsche, wenn die

Pferde um die Ecken rennen und den armen Leuten am liebsten die Beine

wegfahren möchten .... Ein schönes Frauenzimmer sind Sie, Fräulein --

das muß Ihnen der Neid lassen. Alles Natur, nichts angestrichen; eine

Haut wie Samt und Seide -- neinbeißen möchte man.« Sie bog den Kopf

dicht neben das weiße Hütchen.

Die Frau, die vor Käthe hergelaufen war, wühlte sich förmlich in den

Kreis. »Da kommt noch eine!« rief sie und zeigte mit dem Finger auf das

junge Mädchen zurück.

Die Nächststehenden fuhren herum und traten unwillkürlich auseinander.

Da stand Schwester Flora, weiß wie Schnee auf Wangen und Lippen; man

sah ihre Kniee wanken -- sie rang sichtlich nach der gewohnten stolzen

Haltung.

[Illustration]

»Die geht uns nichts an,« schrie ein Junge und wandte Käthe den Rücken;

der Kreis schloß sich wieder, noch enger, dichter als vorher.

»Käthe!« rief Henriette in hilfloser Angst hinter der Mauer von

Menschenleibern, aber der Ruf wurde sofort erstickt; man hörte

deutlich, daß ihr eine Hand auf den Mund gepreßt wurde. In demselben

Moment taumelten drei, vier Jungen rechts und links. Käthe stieß mit

kraftvollen Armen selbst das Hünenweib auf die Seite und trat vor ihre

Schwestern. »Was wollt ihr?« fragte sie mit lauter, fester Stimme.

Einen Augenblick standen die Angreifer bestürzt, aber auch nur einen

Augenblick -- es war ja nur ein Mädchen mit einem blutjungen Gesicht,

das da zu Hilfe kam. Nun wurde auch sie unter lautem Gelächter mit

eingeschlossen.

»Tausendsapperlot, die fragt ja so kurz und knapp wie die Herren auf

dem Gericht,« rief die Große und schlug sich klatschend auf die breite

Hüfte.

»Ja, und thut so stolz, als ob sie direktement von den heiligen drei

Königen abstammte,« fiel die Frau im violetten Kopftuch ein. »Hören

Sie, Ihre Großmutter war aus meinem Dorfe. Schuh und Strümpfe hab ich

dazumal nicht an ihren Füßen gesehen, und ich weiß auch noch recht gut,

wie Ihr Großvater Hü und Hott bei dem alten Müller Klaus seinen Pferden

machte --«

»Glaubt Ihr, ich weiß das nicht, oder ich schäme mich dessen?«

unterbrach sie Käthe ruhig und kalt, aber jeder Blutstropfen war ihr

aus dem ernsten Gesicht gewichen.

»Wär auch noch schöner -- ist Ihnen doch sein Geld gut gewesen, das

viele, viele Geld,« rief eine dritte, sich dicht an das junge Mädchen

hinandrängend. Sie griff nach Käthes seidenem Kleide und rieb den Stoff

prüfend zwischen den Fingern. »Ein schönes Kleid! Ein Staatskleid! Und

so mitten in der Woche und im Walde, wo die Fetzen an den Dornen hängen

bleiben! Na, was schadet's denn? Das Geld ist ja da. Spreukörbe voll

haben sie bei dem Alten gefunden. Aber wo es hergekommen ist? Gelt,

danach wird nicht gefragt? Ob der Schloßmüller den armen Leuten das

Korn vor der Nase weggekauft und auf seinen Böden eingeschlossen hat,

viel tausend scheffelweise -- das ist Ihnen sehr einerlei, Fräulein.

Und ob er gesagt hat, es müßte erst so und so hoch im Preise steigen,

ehe er auch nur eine Schaufel voll hergäbe, und wenn die Leute wie die

hungrigen Mäuse pfiffen --«

»Lüge!« rief Käthe außer sich.

»So -- Lüge? Es ist wohl auch nicht wahr, daß wir nun den Gründern in

die Krallen geworfen werden? Die nehmen uns die letzte Kartoffel aus

dem Topfe. Das gibt ein Unglück. Meine Tochter geht lieber ins Wasser,

als daß sie bei den Menschenschindern arbeitet.«

»Und mein Bruder schießt sie am ersten Tage über den Haufen,« prahlte

ein halbwüchsiger Bursche.

»Ja, wie dem Zwerg da seine Tauben,« sagte ein anderer anzüglich

und mit den Augen blinzelnd und zeigte auf Henriette, die sich mit

zuckendem Gesicht, in wahnsinniger Angst an Käthe anklammerte.

Da scholl in ziemlicher Nähe das Gekläff eines Hundes. Augenblicklich

richtete sich Flora auf, und der ganze kalte Hochmut, der ihr zu

Gebote stand, spiegelte sich auf ihrem Gesicht. »Was geht mich der

Verkauf der Spinnerei an?« fragte sie verächtlich. »Macht das mit dem

Kommerzienrate aus! Er wird euch schon zu antworten wissen. Und nun

marsch aus dem Wege! Eure Unverschämtheit soll euch sehr schlecht

bekommen -- darauf könnt ihr euch verlassen.«

Sie streckte den Arm mit einer herrischen Gebärde gegen die Umstehenden

aus, aber das große, starke Weib ergriff die feinbekleidete Hand, als

sei sie zu einem freundschaftlichen Druck geboten, und schüttelte sie

derb mit gutgespielter Treuherzigkeit; dabei lachte sie aus vollem

Halse und die anderen stimmten johlend ein. »Fräulein, Sie kriegen ja

Kourage wie ein Gendarm -- wohl, weil dort drüben« -- sie zeigte mit

dem Daumen über die Schulter zurück -- »ein Hund gebellt hat? Das ist

dem Kreiser Sonnemann sein Dachsel; ich kenn' ihn an der Stimme, und

der alte Sonnemann ist stocktaub und sein Dachsel geht nicht von ihm

weg. Die gehen miteinander nach Oberndorf in die Schenke, wie jeden

Nachmittag. Hierher kommen sie nicht -- da seien Sie ganz ruhig! Und

es geht Sie wirklich nichts an, Sie schönes Frauenzimmer Sie, daß

die Spinnerei verkauft worden ist? Wer's glaubt! Man braucht Sie nur

anzusehen, da weiß ein jeder gleich, wo Barthel Most holt. Sie und

die alte Madame regieren und kommandieren, und der Kommerzienrat hat

bloß zu gehorchen, und weil er nun reich genug ist, da sollen die

gemeinen Leute, die ihm das Geld verdient haben, abgeschüttelt werden

wie Ungeziefer. Na, ändern können wir's freilich nicht, aber bedanken

wollen wir uns doch bei Ihnen, Fräulein.«

Sie rückte näher, und der funkelnde Blick aus ihren kleinen, schiefen

Augen hatte etwas katzenartig Grausames.

Flora schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht. »Gott im Himmel, sie

wollen uns ermorden,« stöhnte sie tonlos mit bebenden Lippen.

Der ganze Chor lachte.

»Denken Sie nicht daran, Fräulein!« sagte die Frau. »So dumm sind wir

nicht. Da geht's uns ja selbst« -- sie strich sich bezeichnend mit der

Hand unter dem Kinne weg -- »an den Kragen; was haben wir _davon_? Nur

einen kleinen Denkzettel sollen Sie haben.«

Flora griff plötzlich, wie in Folge einer plötzlichen Eingebung, in die

Tasche ihres Kleides, öffnete ihr Portemonnaie und schüttete den ganzen

Inhalt, Gold und Silber, auf die Erde. Sofort erweiterte sich der

Kreis, und die Vordersten, meist Knaben, waren im Begriffe, sich über

das Geld herzustürzen. »Untersteht euch!« schrie die Große und stellte

sich mit ausgestreckten Armen zurückdrängend vor sie hin, daß sie wie

eingekeilt standen. »Dazu ist's nachher auch noch Zeit! _Nachher_,

Fräulein,« wandte sie sich bedachtsam und ironisch höflich an die

schöne Dame, »_erst_ den Denkzettel!«

»Hüten Sie sich, uns zu berühren!« sagte Käthe. Sie behielt vollkommen

ihre Fassung, während beide Schwestern dem Umsinken nahe waren.

»Ach Sie! Was mischen _Sie_ sich denn da hinein? -- Vor was soll ich

mich denn hüten? Ein paar Wochen brummen,« sie machte eine wegwerfende

Bewegung, »das läßt man sich schon einmal gefallen, und mehr geben sie

einem beim Gericht nicht für -- na, für eine Ohrfeige oder ein paar

Schrammen im Gesichte. Und die sollen Sie haben, Fräulein, so gewiß wie

ich dastehe,« wandte sie sich mit erhöhter Stimme an Flora. »Ich will

Ihre schneeweiße Haut malen, daß Sie zeitlebens an mich denken, Sie

sollen ein Gesichtchen kriegen so schön gestreift wie ein Tigertier in

der Menagerie.«

Blitzschnell hob sie die Hände, um mit den schmutzigen Nägeln Floras

Gesicht zu zerkratzen; allein ebenso rasch griff Käthe zu. Mit

einem einzigen Rucke packte sie die knochigen Fäuste und stieß das

Weib zurück, daß der wuchtige Körper taumelnd eine Bresche in die

Menschenmauer schlug. Und nun entstand ein unbeschreiblicher Tumult.

Wie ein wütend gereizter Bienenschwarm stürzte sich die Menge auf das

große, kraftvolle Mädchen, das leichenblaß, aber hochaufgerichtet

dastand, die Schwestern mit ihrem Leibe deckend. Flora war zu Boden

gesunken; sie umklammerte, halbtot vor Angst, den Kieferstamm und

drückte das bedrohte Gesicht an seine Rinde. Das herabfallende weiße

Hütchen wurde unter den Füßen der Angreifer zerstampft.

»Hilfe, Hilfe!« schrie Henriette mit übermenschlicher Anstrengung,

während alle Hände nach Käthe griffen; schon hing die schwarze

Seidenpelerine in Fetzen von ihren Schultern. Der Hut wurde ihr vom

Kopfe gerissen und die Flechten fielen gelöst über den Rücken hinab;

da kreischte der Junge, der abermals seine Hände auf Henriettens Mund

gepreßt hatte, wild auf. »Herr Jesus, was ist denn mit der da?« schrie

er und wühlte sich durch das Gemenge, um zu entfliehen.

Ein Blutstrom quoll über die Lippen der Kranken, die mit versagenden

Blicken und tastenden Händen nach einer Stütze griff, aber alles wich

scheu zurück. Blut! .... Im Nu zerstob die Menge nach allen Richtungen

hin. Im Gebüsche rauschte und knackte es, wie wenn ein Rudel Wild

durchbricht, dann war es still, als sei das wilde Heer, das sich eben

noch so wütend gebärdet hatte, im Waldboden versunken. Und wenn auch

da und dort der Kopf eines Jungen aus dem Gestrüpp lugte, um die

Stelle, wo das Geld auf der Erde verstreut lag, nicht aus den Augen zu

verlieren, so geschah das vorsichtig und vollkommen lautlos.

Käthe hatte die Schwester in den Armen aufgefangen und ließ sich mit

ihr zu Boden gleiten. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Kiefer und

bettete den Kopf der Kranken an ihrer Brust. In dieser Lage hörte das

Blut allmählich auf zu strömen.

»Hole Hilfe!« sagte sie, ohne die weinenden Augen von dem

totenähnlichen Gesichte der Kranken wegzuwenden, zu Flora, die in Angst

und Ungeduld auf die Gruppe niedersah und ihre krampfhaft verschränkten

Hände gegen den Busen drückte.

»Bist du wahnsinnig?« fuhr sie mit gedämpfter Stimme auf. »Soll ich der

Meute geradeswegs in die Hände laufen? Allein rühre ich mich nicht von

der Stelle. Wir müssen versuchen, Henriette fortzuschaffen.«

Käthe sagte kein Wort; sie sah, daß sie an diesen grenzenlosen Egoismus

vergebens appellierte. Nach verschiedenen vorsichtigen Manipulationen,

bei denen Flora behilflich war, stand sie endlich auf den Füßen und

trug Henriette wie ein Kind auf dem Arme; der Kopf der noch immer

Bewußtlosen ruhte auf ihrer Schulter. Sie glitt förmlich über den

Boden und wich dem kleinsten Steine aus, um jede gefahrbringende

Erschütterung zu vermeiden. Diese Bemühungen erschwerten ihr die Last

bedeutend, aber stehen bleiben und nur einmal tief Atem schöpfen durfte

sie nicht.

»Ruhe aus, so lange du Lust hast, wenn wir draußen im freien Felde sind

-- nur hier nicht, wenn du nicht willst, daß ich vor Angst sterben

soll!« sagte Flora in gebieterischem Tone. Sie ging dicht an Käthes

Seite, mit hochgehobenem Kopfe und ihrer gewohnten imposanten Haltung,

aber unausgesetzt das verräterische Gebüsch am Wege scheu beobachtend,

um bei dem geringsten verdächtigen Geräusche die Flucht zu ergreifen.

-- Wo war die »Soldatenkourage«, die Henriette heute ironisch betont

hatte? Wo die stets so geflissentlich zur Schau getragene Konsequenz

und Sicherheit, der schroff männliche Geist? Käthe sagte sich in dieser

schweren Stunde ernster Erfahrung, daß da, wo bei der Frau das edel

_weibliche_ Denken, Empfinden und Streben aufhört, die -- _Komödie_

beginnt.

[Illustration]

[Illustration]

11.

Endlich standen sie draußen auf dem weiten, sonnigen Felde. Käthe

stützte sich für einen Augenblick auf einen hohen Grenzstein, den

eine mächtige Eiche überwölbte, während Flora einige Schritte weiter

hinaustrat, um den »entsetzlichen« Wald möglichst weit hinter sich

zu haben. Die Gefahr war vorüber. Weit drüben auf dem Ackerlande

arbeiteten Leute. Sie hätten nötigenfalls einen Hilferuf hören können;

man sah die Türme der Stadt und dort lief der Weg nach dem Parkthore

der Besitzung Baumgarten.

Aber Käthes Augen hingen an einem Punkte, den Flora nicht sah, an dem

niedrigen Dache mit den hohen Schlöten und den vergoldeten Windfahnen,

das so friedlich aus dem Walde von Obstbäumen auftauchte. Sie konnte

deutlich das Staket erkennen, das den Garten umschloß; es lag weit

näher als das Parkthor, und dahin lenkte sie nach kurzem Ausruhen

schweigend ihre Schritte.

»Nun, wo hinaus?« rief Flora, die bereits auf dem Wege nach dem Parke

schritt.

»Nach Doktor Brucks Haus,« versetzte das junge Mädchen, ruhig und

unbeirrt weitergehend. »Es liegt am nächsten; dort finden wir vor

allen Dingen ein Bett, auf das ich Henriette niederlegen kann, und

möglicherweise auch sofortige Hilfe. Vielleicht ist der Doktor gerade

zu Hause.«

Flora runzelte die Brauen und zögerte, aber sei es, daß sie das

rachedürstende Weib mit den gekrümmten Fingern immer noch nahe auf

ihren Fersen wähnte, oder daß sie fürchtete, zwischen dem Parkthor und

dem Walde ohne Hut in ihrer derangierten Toilette Spaziergängern zu

begegnen -- sie kam schweigend herüber.

So ging es über das offene Feld hin. Für Käthe war die Aufgabe eine

namenlos anstrengende. Der selten betretene Weg durch den weichen

Ackerboden war voller Löcher und sehr steinig; bei jedem Fehltritte,

den sie machte, fühlte sie aus Furcht vor einer Wiederkehr des

schrecklichen Anfalls ihr Blut fast erstarren. Dabei brannte die Sonne,

sengend wie im August, auf ihren unbedeckten Scheitel; von Zeit zu Zeit

schwamm die Welt in einem unheimlich rotgelben Lichte vor ihren Augen,

und dann glaubte sie vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen, aber in

solchen Momenten heftete sich ihr Blick um so fester auf des Doktors

Haus; es rückte ja immer näher, das liebliche Bild des ländlichen

Friedens und der erquickenden Ruhe. Sie sah nun schon vollkommen klar

und deutlich, wie hinter dem Staket emsig hantiert wurde, und bei aller

Angst und Ermüdung kam ihr doch ein leises Gefühl der Freude. Der Mann

in Hemdärmeln nagelte dort aus Fichtenästen eine Laube zusammen, eine

Laube für die Tante Diakonus. Die alte Frau konnte die weinbewachsene

Hütte im kleinen Pfarrgarten nicht vergessen und hatte seitdem nie

wieder so im Grünen sitzen dürfen -- welche Freude nun für ihr

genügsames Herz!

Und jetzt kam sie selbst die Thürstufen herab, im weißen Häubchen, die

blauleinene Küchenschürze vorgebunden, und brachte auf einem Teller dem

Arbeiter sein Vesperbrot. Sie sprach eifrig mit dem Mann; beiden fiel

es nicht ein, über das Staket ins Feld hinaus zu sehen. Käthe überlegte

eben, ob sie nicht doch um helfende Hände hinüberrufen sollte -- in

demselben Augenblicke kam auch der Doktor vom Hause her.

»Bruck!« rief Flora mit dem ganzen frischen Silberklange ihrer Stimme

über das Feld hin.

Er blieb stehen und starrte einen Augenblick nach der seltsamen Gruppe,

die sich auf ihn zu bewegte; dann stieß er die Thür im Stakete auf und

stürmte herüber. »Mein Gott, was ist denn geschehen?« rief er schon von

weitem.

»Ich bin einem tollen Mänadenschwarme in die Hände gefallen,«

antwortete Flora bitter lächelnd, aber auch ganz wieder mit jener

Geringschätzung und stolzen Nachlässigkeit, die sich durch nichts in

der Welt aus der Fassung bringen lassen. »Das Gesindel hat mit seinen

Drohungen Ernst gemacht; ich war in Lebensgefahr, und das arme Ding

da« -- sie zeigte auf Henriette -- »hat vor Aufregung darüber einen

Blutsturz bekommen.«

Er sah nur von der Seite zu ihr hinüber -- sie stand ja heil und

unversehrt da -- und griff mit beiden Armen zu, um Käthe die Kranke

abzunehmen. »Sie haben sich übermenschlich angestrengt,« sagte er, und

seine Augen streiften besorgt ihre ganze Erscheinung. Man sah, wie ein

nervöses Schütteln durch ihren Körper ging; sie biß krampfhaft mit den

Zähnen die Unterlippe, und ihre Wangen glühten, als wollte das erhitzte

Blut die zarte Samthaut zersprengen .... Und daneben stand Flora ruhig

atmend, und auf ihrem schönen Gesicht lag nur die duftige, verklärende

Röte der seelischen Erregung.

»Du hättest deiner Schwester die Last nicht allein überlassen sollen,«

wandte er sich an seine Braut, indem er die bewußtlose Henriette

behutsam weiter trug.

»Bruck, wie kannst du das von mir verlangen?« rief sie beleidigt.

»Uebrigens bedurfte es dieser Zurechtweisung deinerseits durchaus

nicht, mein Freund,« setzte sie sehr scharf hinzu; »ich kenne meine

Pflicht und wäre sehr gern aus eigenem Antriebe bereit gewesen,

Henriette zu tragen, hätte ich mir nicht selbst sagen müssen, daß das

bei meinem schwachen Körperbau geradezu Wahnsinn sei, und wäre Käthe

nicht eine solche urgesunde, robuste Walkürennatur, die eine derartige

Anstrengung sicher nicht anficht.«

Er antwortete ihr mit keiner Silbe und rief der herbeieilenden Tante

zu, rasch ein Bett herzurichten. Diese lief, so schnell sie konnte, in

das Haus zurück, und als die Ankommenden die Flur betraten, da stand

sie schon an der geöffneten Thür eines nach Westen gelegenen Zimmers

und winkte stumm und mit bestürzter Miene, da einzutreten.

Es war ihre Fremdenstube, ein von glänzendem Tageslichte erfüllter,

ziemlich großer Raum mit ausgetretenen Dielen, verschabten, einst rosa

angestrichenen Wänden und einem Ofenungetüm von schwarzen Kacheln. Die

neuen, mit Rosen bedruckten Kattunvorhänge an den zwei Fenstern waren

vielleicht der Luxus, den sich die Tante Diakonus beim Umzuge gestattet

hatte. Am Kopfende des Bettes stand ein uralter, mit chinesischen

Figuren beklebter Bettschirm, und rings an den Wänden hingen schwarz

eingerahmte, nicht besonders künstlerisch ausgeführte Szenen aus

der lieblichen Idylle »Luise« von Voß. Eine köstlich reine, mit

Lavendelduft gemischte Luft wehte die Eintretenden an.

Auf der jugendlichen Stirn des Doktors lag ernste Besorgnis. Es dauerte

sehr lange, bis sich unter seinen Bemühungen Henriettens Augen zu

einem umschleierten Blicke öffneten. Sie erkannte ihn sofort, aber

ihre augenblickliche Schwäche war so groß, daß sie die Hand nicht von

der Bettdecke zu heben vermochte, um sie ihm zu reichen. Er hatte den

Gartenarbeiter in die Villa Baumgarten geschickt, um die Präsidentin

von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen -- sie kam sogleich. Bis dahin

war im Krankenzimmer kein Wort gefallen. Flora stand in dem einen

Fenster und starrte in die Gegend hinaus, und in dem andern saß Käthe,

die Hände in den Schoß gefaltet und den Blick auf das Bett geheftet,

während die Tante geräuschlos ab und zu ging, um dem Doktor alles

herbeizubringen, was er brauchte.

Die Präsidentin sah sehr verstört aus; sie erschrak sichtlich, als

sie Henriettens Gesicht so wachsbleich auf dem Kissen liegen sah,

und mochte wohl das Schlimmste befürchten, weil die Kranke bei ihrer

sanften Anrede die Wimpern nicht hob. Henriette hatte die Augen in

dem Moment wieder geschlossen, als ihre Großmutter auf die Schwelle

getreten war.

»Sagt mir ums Himmels willen, wie das gekommen ist!« rief die

alte Dame; ihre weiche, vornehm moderierte Stimme klang förmlich

erschreckend laut in die bisher beobachtete Stille hinein.

Nun trat Flora aus dem Fenster und erzählte. Sie schilderte ergrimmt,

mit drastischer Deutlichkeit die Szene im Walde; ihrer Darstellung

nach hatte sie selbstverständlich keinen Augenblick den Mut und die

Geistesgegenwart verloren, aber einer Schar von mindestens zwanzig

Furien gegenüber brauche der stärkste Geist alle seine Kraft, um nicht

vor Ekel und Abscheu zu erliegen, versicherte sie.

Die Präsidentin ging währenddem ganz außer sich auf und ab; sie

bemerkte in ihrer Erregung nicht einmal, daß ihre Seidenschleppe auf

dem faserigen Dielenboden jenes monoton schrille Geräusch machte,

das für leidende Nerven zur Tortur werden kann. »Was sagt der

Menschenfreund nun _dazu_?« fragte sie endlich stehen bleibend, und

aus ihren halbzugesunkenen Augen zuckte es wie ein mörderischer Blick

nach dem Doktor hin.

Er schwieg mit jener ruhigen Milde, die sein jugendlich schönes Gesicht

so geistig überlegen erscheinen ließ. Henriettens Hand in der seinen

haltend, schien er nur Augen für das schwach pulsierende Leben zu

haben, das jeden Augenblick in das Nichts zerrinnen konnte.

Die alte Dame trat wieder an das Bett und bog sich mit zurückgehaltenem

Atem über die Kranke.

»Herr Doktor,« sagte sie nach einem momentanen Zögern, »der Zustand

scheint mir sehr bedenklich -- wollen wir nicht doch endlich einmal

meinen alten, erfahrenen Freund und Hausarzt, den Medizinalrat von

Bär, zu einer Konsultation herbeiführen? -- Sie dürfen mir das nicht

verargen.«

»Nicht im geringsten, Frau Präsidentin,« sagte er, die aufzuckende Hand

der Kranken auf die Bettdecke legend. »Es ist sogar meine Pflicht,

alles zu thun, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann.« Er erhob sich

ruhig und verließ das Zimmer, um nach dem verlangten Arzte zu schicken.

»Mein Gott, was für einen Streich habt ihr gemacht, Henriette hierher

zu bringen!« schalt die Präsidentin hastig, mit gedämpfter Stimme,

sobald sich die Thür hinter dem Hinausgehenden geschlossen hatte.

»Daran ist Käthes Weisheit schuld,« versetzte Flora erbittert. »Ihr

mache den Vorwurf, daß wir nun möglicherweise gezwungen sind, in dem

verkommenen Neste hier wochenlang verkehren zu müssen.« Ihre Augen

streiften zornig das schweigende Mädchen im Fenster.

»Und welche Indolenz, das arme Geschöpf so zu betten, daß sie bei jedem

Augenaufschlag das schwarze Ungeheuer von Ofen vor sich hat! Dazu diese

Fratzen an den Wänden -- man könnte sich fürchten.« Die alte Tante

wandte ihr bei diesen naiven Darstellungen den Rücken und untersuchte

das Bett. »Das Lager scheint passabel zu sein; das Leinen wenigstens

ist weiß und weich, aber ich werde doch Henriettens seidene Steppdecke

herüberschicken; ebenso einen bequemen Fauteuil für den Medizinalrat,

vor allen Dingen aber anderes Waschzeug. -- Steingut!« sagte sie

verächtlich und schob das saubere Geschirr auf dem Waschtische

zusammen, um für das kommende gemalte und vergoldete Porzellan Platz zu

machen. »Gott, wie erbärmlich leben solche Leute! Und das fühlen sie

nicht einmal -- Wünschest du etwas, mein Engel?« unterbrach sie sich

mit sanfter Stimme und trat wieder an das Bett.

Henriette hatte langsam den Kopf aufgerichtet und einen sprühenden

Blick um sich geworfen; jetzt lag sie schon wieder mit geschlossenen

Augen da, aber ein Anschein von Kraft war insoweit zurückgekehrt,

als sie die Hand der Großmama, die streichelnd ihre Rechte berührte,

wegzuschieben vermochte.

»Eigensinnig, wie immer!« seufzte die Präsidentin, und setzte sich auf

den Stuhl neben dem Bette.

Der Medizinalrat ließ nicht lange auf sich warten, aber er kam ganz

konsterniert. Er konnte sich anfänglich durchaus nicht dreinfinden,

seine alte Freundin im Hause am Flusse zu sehen, bis man ihm in

flüchtigen Umrissen das Vorgefallene mitteilte. Er war ein hübscher

alter Herr, spiegelblank vom Kopfe bis zur Zehe und von hochmütig

zurückhaltenden Manieren. Er war Leibarzt des regierenden Fürsten,

hatte für seine Verdienste den Adel, eine hübsche Anzahl Orden,

Brillanten und goldene Schnupftabaksdosen erhalten, und draußen an der

Brücke hielt seine prächtige Equipage.

»Fatal, sehr fatal!« sagte er, mit bedenklicher Miene an das Bett

tretend. Er beobachtete die Kranke minutenlang, dann fing er an, die

kranke Brust zu beklopfen. Er that das zwar vorsichtig, aber die

Patientin stöhnte dennoch auf; die wiederholte Berührung verursachte

ihr offenbar Schmerz.

Doktor Bruck stand schweigend mit untergeschlagenen Armen neben ihm. Er

zuckte mit keiner Wimper; allein bei dem ersten Jammerlaute Henriettens

zogen sich seine Brauen unwillig zusammen; in diesem vorgerückten

Stadium der Krankheit war eine so anhaltende, gründliche Untersuchung

vollkommen überflüssig. »Darf ich Ihnen meine Beobachtungen

mitteilen, Herr Medizinalrat?« fragte er mit gelassener Stimme, aber

nachdrücklich, um ein Ende zu machen.

Der alte Herr schielte seitwärts empor. Für den bittersten, gehaßtesten

Feind gab es keinen giftigeren Blick, als der aus den tiefliegenden

Augen des vornehmen Arztes schoß. »Erlauben Sie, daß ich mich

persönlich überzeuge, Herr Kollege!« antwortete er kalt und setzte

seine Untersuchungen fort. »So, nun stehe ich zu Ihrer Verfügung,«

sagte er einige Augenblicke später. Er trat vom Bette zurück und folgte

dem Doktor, der die Thür öffnete, in das Eck- und Arbeitszimmer.

Gleich darauf hob Henriette die Wimpern. Auf ihren Wangen lag das

gefährliche Rot innerer Aufregung, und sie verlangte mit fast heftigen

Gebärden und Worten nach ihrem Arzte, dem Doktor Bruck.

Die Präsidentin vermochte kaum ihren Aerger über »den bodenlosen

Eigensinn« zu unterdrücken; allein sie ging ohne Widerrede, um den

Wunsch der Kranken zu erfüllen. Sie kam auch durchaus nicht zu früh,

wie sie gefürchtet. Der Herr Medizinalrat hatte jedenfalls von den

Beobachtungen des jungen Arztes keinen Gebrauch zu machen gewußt, und

noch weniger war er auf eine Beratung eingegangen -- er setzte sich

eben an den Arbeitstisch des Doktors, um ein Rezept zu verschreiben.

[Illustration]

Doktor Bruck verließ das Zimmer, und die Präsidentin trat zu ihrem

alten Freunde, um sein Urteil zu hören. Er war ziemlich spitz und

verstimmt, sprach von total verfehlter Behandlung des Leidens und warf

den Vorwurf hin, daß man immer erst in den gefährlichsten Momenten

»vor die rechte Schmiede gehe«. Die Großmama habe längst Henriettens

eigensinniges Köpfchen brechen und den alten Hausarzt, der sie doch

in ihrer Kindheit behandelt, zu Rate ziehen müssen. In solchen Fällen

sei eine Rücksicht wie die auf Floras Bräutigam genommene geradezu

gewissenlos. »Vor allen Dingen müssen wir jetzt sehen, daß wir das arme

Kind so schnell wie möglich in sein eigenes, bequemes und elegantes

Schlafzimmerchen bringen, meine Gnädigste,« setzte er hinzu. »Sie

wird sich in ihrer gewohnten Umgebung wohler fühlen; auch bin ich

dann sicher, daß meine Anordnungen strikte befolgt werden, was hier

voraussichtlich _nicht_ der Fall sein würde.«

Er tauchte die Feder ein -- da fiel sein Blick auf ein geöffnetes,

elegantes Kästchen, das mitten unter den Büchern und Schreibmateralien

stand; es mochte kaum erst ausgepackt worden sein, denn die Emballage

lag noch daneben.

Die Frau Präsidentin hatte das blühende Gesicht ihres »bewährten

Freundes« noch nie so lang, noch nie so unbeschreiblich, bis zur

Geistlosigkeit verdutzt gesehen, wie in diesem Augenblicke, wo ihm die

Feder aus der Hand fiel.

»Mein Gott, das ist ja der herzoglich D.sche Hausorden,« sagte er und

tippte mit scheuem Finger an das Kästchen. »Wie kommt denn der in

dieses Haus, an diese obskure Adresse?«

»Merkwürdig!« murmelte die Präsidentin betreten. Ueber ihre bleiche

Haut flog das schnelle Rot einer jähen unliebsamen Ueberraschung. Sie

hielt die Lorgnette vor die Augen und musterte eifrig den Inhalt des

Kästchens. »Ich kenne den Orden und seine Bedeutung nicht --«

»Das glaube ich gern, wird er doch selten genug verliehen!« fuhr der

Medizinalrat dazwischen.

»Sonst möchte ich behaupten, die Dekoration rühre noch vom letzten

Feldzuge her,« vollendete sie.

»Denken Sie nicht daran!« polterte er heraus -- er mußte in sehr

aufgeregter Stimmung sein, da er diesen Ton anschlug. »Erstens

ist der Orden nur gestiftet für Leistungen, die dem Fürstenhause

persönlich gelten, und dann möchte ich den Mann sehen, der eine solche

Auszeichnung jahrelang besäße, ohne daß die Welt es erführe .... Eh

-- wenn ich nur das Motiv wüßte, das Motiv!« Er rieb sich unablässig

wie geistesabwesend die Stirn mit der Rechten, an der mindestens drei

fürstliche Huldbeweise in Brillantenfeuer glänzten -- was galten

sie ihm in diesem Augenblick! Es waren Geschenke, die ihm _seine_

fürstlichen Herrschaften von den Reisen mitgebracht, keine Auszeichnung

fremder Höfe.

»Gerade dieser Orden ist das Ziel vieler Wünsche,« fügte er hinzu;

»manche hochgestellte Persönlichkeit hat sich schon vergeblich darum

beworben, und nun liegt er hier, wie achtlos aus der Hand geschoben,

auf diesem erbärmlichen, angestrichenen Arbeitstische. Und jenem

Menschen, jenem Ignoranten, der sich durch seine Mißerfolge so

gründlich blamiert hat -- Pardon, meine Gnädigste! aber das muß heraus

-- ihm wird er an den Hals geworfen, und man hat nicht die blasse

Ahnung, wofür.«

[Illustration]

Er war aufgesprungen und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer.

Die stolze Frau, die sich sonst durch nichts so leicht aus der Fassung

bringen ließ, verfolgte ihn jetzt mit ziemlich ängstlichen, ratlosen

Blicken. »Ich kann mir nicht denken, daß die Dekoration mit seinem

ärztlichen Wirken zusammenhängt,« warf sie unsicher hin; »wie käme er

denn auch an den D.schen Hof?«

Der Medizinalrat blieb stehen und lachte laut auf, aber es war ein

gewaltsam erzwungenes Lachen. »Nun, das muß ich sagen, Sie sprechen

da etwas aus, meine Gnädigste, was mir nun und nimmermehr in den Sinn

gekommen wäre, weil es einfach -- unmöglich ist. Es müßten sich denn

alle Dinge der Welt plötzlich auf den Kopf gestellt haben, so daß die

Stümperei und Unwissenheit bei unreifen Strebern ausgezeichnet und

das gediegene Wissen, die gereifte Erfahrung, das wahre Verdienst mit

Füßen getreten würde. Nein, daran denkt meine Seele nicht.« -- Er trat

an ein Fenster und trommelte mit den Fingern auf dem Sims. »Wer weiß

denn, welcher Mission er sich unterzogen hat! Er war ja für acht Tage

verschwunden, und niemand wußte wohin,« sagte er nach kurzem Verstummen

in gedämpftem Ton über die Schulter zurück. »Hm, wer kennt denn seine

Beziehungen außerhalb? Solche Duckmäuser, die nie von sich und ihrem

Berufe sprechen, haben stets ihre guten Gründe -- es kommen ja in

der ärztlichen Praxis genug Dinge vor, zu denen sich achtbare Leute

nicht hergeben. Nun, ich schweige. Es ist nie meine Sache gewesen,

von den dunkeln Umtrieben anderer den Schleier zu heben; es geht ja

schließlich doch alles seinen Weg, wie der da droben es will.« Er

zeigte himmelwärts mit so gutgespieltem Gottvertrauen, daß es ihm nur

seine intimste Freundin, die Frau Präsidentin, nicht glaubte; er wurde

stets fromm und weich, wenn er sich zurückgesetzt oder in irgend einem

Vorrechte verkürzt wähnte.

Er setzte sich wieder an den Tisch und schrieb das beabsichtigte

Rezept, aber so hastig und flüchtig, als sei in dem fatalen Kästchen

neben ihm ein Brennpunkt, der ihm die Finger versenge. »Um eines

bitte ich Sie, meine verehrte Freundin,« sagte er, einen Augenblick

innehaltend, »suchen Sie der Sache ein wenig auf den Grund zu kommen!

Ich möchte gern ~au fait~ sein, ehe Bruck Lärm schlägt mit seiner

zweifelhaften Auszeichnung -- man kann nötigenfalls parieren .... An

Ihre diplomatische Feinheit brauche ich selbstverständlich nicht zu

erinnern; die steht hoch über jedem Zweifel.«

Die alte Dame antwortete im ersten Augenblicke nicht; sie hatte

ihn, solange er seine zierlichen, mysteriösen Schriftzüge auf das

Papier warf, nachdenklich beobachtet und finden müssen, daß der

Freund plötzlich merkwürdig gealtert habe. Nicht etwa, daß Runzeln

seine blühenden Wangen durchfurcht hätten -- noch sah er wohlbeleibt

und glatt aus, aber ein undefinierbares Gemisch von Besorgnis, von

Niedergeschlagenheit und mürrischem Verdrossensein sprach in diesem

Moment des Sichgehenlassens aus allen seinen Gesichtslinien; er sah

aus wie ein Mensch, dem ein heimlich verstimmender Gedanke die Freuden

des Tages beeinträchtigt und den Schlaf stört. Und sie erinnerte sich

jetzt, daß er in der letzten Zeit hier und da ganz feine Andeutungen

über fürstliche Launen hingeworfen hatte. Himmel, wenn sie diesen

Freund verlor! Damit meinte sie durchaus nicht seinen Heimgang aus

diesem irdischen Leben -- sie dachte überhaupt nie ans Sterben -- sie

verlor ihn nur durch seine Pensionierung; er konnte ihr nichts, gar

nichts mehr sein bei Hofe, und wie sich dann alles ändern würde, das

mochte sie gar nicht ausdenken. Bah, warum denn auch? Der Medizinalrat

aß gar zu gern Trüffeln und andere gute, aber schwerverdauliche

Dinge, und starke Weine und schweres Bier liebte er auch -- er begann

hypochondrisch zu werden; er fing Grillen und sah Gespenster; sie mit

ihren feinen Fühlfäden spürte es stets lange vorher, wenn eine Macht

bei Hofe stürzen sollte, diesmal aber hatte auch nicht das leiseste

Wehen eines Lüftchens die Schwenkung der reizbaren Wetterfahne

angezeigt.

»Aber, bester Medizinalrat, wer sagt Ihnen denn, daß die Dekoration

überhaupt für den Doktor selbst bestimmt ist?« fragte sie mit der

ganzen Zuversicht der erfahrenen Weltdame. »Ich glaube nicht daran,

weil ich mit dem besten Willen den Zweck nicht einsehe. Uebrigens

mag die Sache zusammenhängen, wie sie will, _ihm_ wird sie in unserer

Residenz nichts nützen, denn da ist er ein für allemal so gut wie tot.

Ich will Ihnen gern den Gefallen thun und nachforschen, lediglich zu

_Ihrer_ Beruhigung --« Sie verstummte; im Nebenzimmer knarrte eine

Thür; die Frau Diakonus kam herein, um etwas aus ihrer Kommode zu holen.

Der Medizinalrat erhob sich und übergab der Präsidentin das Rezept;

dann gingen beide durch das Zimmer, wo die Tante eben den Kasten

wieder schloß. Am liebsten hätte der Medizinalrat seiner Unruhe jetzt

gleich ein Ende gemacht und im Vorübergehen mittels einer schalkhaften

Bemerkung eine aufklärende Antwort herausgelockt, allein die alte

Frau verneigte sich so kühl und würdevoll, mit so viel ernster

Zurückhaltung, daß er gar nicht wagte, sie anzureden.

Und drüben war noch weniger zu erfragen. Der Doktor hatte die große

Glasschale mit den Goldfischen aus dem Zimmer der Tante herübergebracht

und war eben bemüht, den dazu gehörigen Apparat eines Springbrunnens

in Gang zu bringen; die Aufwärterin schleppte frisches Wasser herbei

und goß es in verschiedene flache Schüsseln auf den Tischen und in

einen Kübel nicht weit vom Krankenbett, alles, um die Luft des Zimmers

möglichst zu durchfeuchten ... Wer hätte dem Manne, der in seiner

Fürsorge, seiner Pflichterfüllung aufzugehen schien, gerade jetzt

mit verfänglichen Andeutungen über Außendinge kommen mögen? Und der

Medizinalrat fand das auch plötzlich vollkommen überflüssig. Es wurde

ihm ganz leicht ums Herz; die Sache mußte anders zusammenhängen; denn

so schlicht und unbefangen, so anspruchslos wie der junge Arzt dort

gerierte sich kein Mann, der eben einer seltenen Auszeichnung gewürdigt

worden war.

Henriette saß jetzt, durch Kissen gestützt, im Bette aufrecht und sah

mit weit offenen, glänzenden Augen um sich; es war starkes Fieber

eingetreten. Von einem Uebersiedeln nach der Villa konnte keine Rede

sein, so lebhaft auch die Präsidentin es wünschte. Sie mußte sich

vorläufig damit begnügen, Henriettens Jungfer zur Pflege für die

Nacht, und alles, was das Krankenzimmer »komfortabel« machen konnte,

herüberzuschicken. Käthes Bitte, die Nachtwache übernehmen zu dürfen,

wurde weniger von ihr und dem Medizinalrat, als von seiten des Doktors

Bruck rundweg abgeschlagen. Die Thränen traten dem jungen Mädchen in

die Augen, als er so kühl und fest bei seinem Ausspruche beharrte, nach

welchem die pflegende Hand der Kammerjungfer unter seiner speziellen

Aufsicht und Leitung völlig genügte. Es wurde demnach beschlossen, daß

Flora und Käthe bis um zehn Uhr bleiben und dann durch Nanni abgelöst

werden sollten.

Flora hüllte sich bei diesen Verhandlungen in konsequentes Schweigen.

Sie fühlte so gut wie die Großmama, daß sie als leibliche Schwester

sich bei diesem Erkranken, welches im Verein mit dem Vorfalle im Walde

morgen voraussichtlich das Tagesgespräch der Residenz bilden werde,

durch Käthe sich nicht beschämen lassen dürfe, und deshalb ließ sie den

Beschluß wie eine Verurteilung über sich ergehen.

[Illustration]

[Illustration]

12.

Bald nach dem Weggang der Präsidentin und ihres Freundes kamen Lakaien

und Hausmädchen schwer beladen aus der Villa und schoben und trugen mit

geräuschloser Behendigkeit Polstermöbel und allerhand Gerätschaften

in das Krankenzimmer; die überaus einfache, aber dennoch anheimelnde

Fremdenstube wurde plötzlich so buntscheckig wie ein Auktionslokal. Der

gestickte Ofenschirm vor den halb erblindeten, schwarzen Kacheln, das

prachtvolle Waschgerät, die apfelgrünen, seidenglänzenden Lehnstühle

-- wie lächerlich unpassend, gleichsam wie von einem ungünstigen Wind

verschlagen, stand das alles inmitten der vier verblaßten getünchten

Wände!

Ohne eine Miene zu verziehen, ganz in ihrer sanften, gelassenen

Weise, räumte die Tante Diakonus ihr verstoßenes Eigentum fort. Ihre

Augen begegneten nicht ein einziges Mal denen des Doktors, der sich

mit verschränkten Armen in eines der Fenster zurückgezogen hatte und

schweigend den Veränderungen zusah; vielleicht fürchtete die alte Frau,

er könne in ihrem Blick eine leise Spur des Gekränktseins finden, und

das wollte sie um keinen Preis.

Mit der einziehenden gewohnten Eleganz kam sichtlich neue Spannkraft in

Floras bisherige apathische Haltung; sie dirigierte das Arrangement,

legte eigenhändig die grünseidene Decke auf Henriettens Bett und

versprühte eine ganze Flasche Eau de Cologne auf den Dielen. Dann ließ

sie einen schwellenden Teppich in die leere Fensternische breiten und

stellte einen Fauteuil darauf, und als die Dienstleute sich entfernt

hatten, warf sie sich in den Lehnstuhl und kreuzte die schmalen Füße

auf einem gestickten Fußkissen. Sah es doch aus, als habe sie sich aus

der Wüste auf eine kleine Oase gerettet -- so eng schmiegte sich ihre

Gestalt zusammen, und so fremd und kalt musternd blickte sie über alles

hin, was sich außerhalb ihrer teppichbelegten Ecke befand. Dort in dem

»lächerlich kleinen« Stückchen Spiegelglas, das ein brauner Holzrahmen

umschloß, hatte sie vorhin bemerkt, daß ihr dünnes Scheitelhaar

abscheulich derangiert sei. Sie hatte einen kleinen weißen Spitzenshawl

vom Halse genommen und ihn graziös über die losen Löckchen gesteckt;

dieses weiße klare Gewebe legte sich wie ein Heiligenschein um den

reizenden Kopf. Und die Tante Diakonus mußte immer wieder hinsehen;

es war und blieb doch eine wunderschöne Braut. Nun erst begriff sie

ganz, daß der Doktor dieses sylphenhafte Wesen weder im tollen Treiben

der Studienzeit, noch auf den Schlachtfeldern hatte vergessen können,

und ihr jetziges seltsames Benehmen, ihre finstere Schweigsamkeit,

so verletzend sie auch das warme Gefühl berührte, war ja doch nur

die augenblickliche natürliche Folge eben stattgehabter heftiger

Gemütserschütterungen.

Inzwischen ging der Nachmittag zu Ende. Im Westen flammten die

Abendgluten auf; die niedersinkenden kleinblätterigen Rankenfransen

der Blumenampeln in den Fensternischen erschienen goldbeflittert,

und die Purpurrosen auf den Kattungardinen wuchsen im Sonnenfeuer zu

Riesenpäonien, die das Krankenzimmer mit feurigem Glanze erfüllten.

Henriette lag still, mit geschlossenen Augen in den Kissen. Sie hatte

fast angstvoll gegen das Niederlassen der Rouleaux protestiert, »weil

sie nicht an dumpfer Dämmerung ersticken wollte«; ebenso war es ihr

Wunsch, daß man zwanglos aus und ein gehen und sich mit lauter Stimme

unterhalten möge; sie könne das Geflüster und das »Auf-den-Zehen-gehen«

nicht ausstehen, ja, sie fürchte sich davor und meine, man sehe eine

Todkranke oder gar Sterbende in ihr. Ihr Wunsch wurde erfüllt; man

bemühte sich, bei möglichster Geräuschlosigkeit vollkommen unbefangen

zu erscheinen.

Während der Doktor für einige Minuten das Zimmer verließ, um ein Buch

zu holen, kam die Tante Diakonus herein mit einem Präsentierteller in

den Händen, und sofort verbreitete sich ein köstliches Thee-Aroma, das

selbst den starken, scharfen Duft der Eau de Cologne niederkämpfte.

Auf dem Brett lag eine glänzend weiße Damastserviette vom feinsten

Gewebe; die Tassen waren von altem Porzellan und die silbernen Löffel

altväterisch massiv und dick, lauter Erbstücke einer respektabeln

Familie. Und das rote Sonnenlicht verklärte die alternde Frauengestalt,

wie sie so, in wahrhaft holländischer Sauberkeit leuchtend, mit dem

edlen, friedfertigen Gesicht unter dem aschblonden, ungelichteten

Scheitel vor die Braut in der Fensterecke trat und ihr freundlich die

Erfrischung bot.

[Illustration]

»Selbstgebackene Waffeln?« fuhr Flora aus ihrer halbliegenden Stellung

empor. »Ach ja, der Schmorduft kam vorhin von der Küche her bis zu mir

in diese Ecke. Wie appetitlich!« Sie schlug die Hände zusammen wie

in naiver Bewunderung. »Mein Gott, wer wie ich so völlig talentlos

für häusliches Wirken ist, der begreift absolut nicht, wie solch ein

kleines Kunstwerk zu stande kommen kann. Wie viel Geduld, aber auch wie

viel Zeit mag dazu gehören!«

»Ich geize mit meiner Zeit und habe mir deshalb ein wenig Flinkheit

angewöhnt,« sagte die Frau Diakonus lächelnd. »So werde ich ziemlich

rasch mit meinen Hauspflichten fertig. Ich habe über sehr viel

Mußestunden zu verfügen und bin so glücklich -- was viele andere

stark beschäftigte Hausfrauen nicht können, nicht dürfen -- an meiner

geistigen Fortbildung nach Kräften arbeiten zu können. Im vergangenen

Winter z. B. habe ich mir die Aufgabe gestellt, die Bibel vom ersten

bis zum letzten Worte, in der Reihenfolge, durchzulesen --«

»Um des geistigen Trostes willen?« fragte Flora.

»Deshalb nicht -- ich bin bibelfest genug, um die Stellen auswendig

zu wissen, an die ich mich im Leben zu halten pflege, aber der heiße

politisch-religiöse Streit, der jetzt die Welt bewegt, geht auch die

Frau an, und wenn man auch nicht zu den Waffen greifen kann, so gilt es

doch, sich aufrichtig bekennend einer der Phalangen einzureihen, die

hinter den Vorkämpfern stehen, und das kann man nur, wenn man einmal

von allem, was Schule und Predigt überliefern, absieht und möglichst

vorurteilslos an die heilige Schrift herantritt.«

Flora sah ihr mit grenzenlosem Erstaunen, weit offenen Auges in das

Gesicht. Die ganze Bibel durchlesen, um der Ueberzeugung willen!

Wie entsetzlich trocken und uninteressant! Dazu fehlte ihr, der

Poesiereichen, die Geduld. Daß sie sich selbst mit Vorliebe der Welt

gegenüber als den ernst grübelnden, forschenden Geist aufspielte,

vergaß sie vollständig in diesem Momente, wo sie sich über die

unvermutete geistige Beschäftigung »der strümpfestopfenden, unermüdlich

backenden und scheuernden Frau« gründlich ärgerte. Wie kam denn _die_

dazu, die Pfarrerswitwe, sich _auch_ um die Welthändel zu kümmern? Ah,

nun wußte man auch, wer den Doktor verdarb, wer ihm das lächerliche

Ideal aufstellte, nach welchem die Frau Köchin und »geistige Gehilfin«

zugleich sein konnte.

Käthe war längst hinzugetreten und hatte der Tante das Präsentierbrett

abgenommen. Mit klugem Blicke verfolgte sie die steigende Bewegung in

den schönen Zügen der Schwester -- sie wußte, daß sie sich zu irgend

einer rücksichtslosen Aeußerung hinreißen lassen würde; deshalb bot sie

ihr schleunigst den Thee an.

Flora pflückte ungeduldig mit ihren zarten Fingerspitzen an dem

Taschentuche auf ihrem Schoße und dankte sichtlich verstimmt, »weil

sie noch zu sehr alteriert sei, um etwas über die Lippen bringen zu

können«, wenige Minuten darauf aber sah das junge Mädchen, wie sie eine

Bonbonniere aus der Tasche zog und sich mit Eisbonbons erquickte; sie

vermied es geflissentlich, in diesem Hause etwas anzunehmen. Sie wollte

absolut keine Gemeinschaft mehr mit ihm. Käthe erkannte sehr wohl,

daß die treulose Braut mit dem Eintritte in das Haus, in die einfach

bürgerliche Fremdenstube, den letzten Rest von Selbstbeherrschung und

erkünstelter Ruhe verloren hatte; sie las in den großen, graublauen,

vor verzehrender Ungeduld funkelnden Augen, daß sie dem Momente nahe

gekommen sei, wo sie »endlich das Joch abschütteln wolle, abschütteln

um jeden Preis«. Durch die Seele der jungen Schwester zog es wie ein

inbrünstiges, angstvolles Gebet, daß nur hier, im eigenen Heim des

unglücklichen Mannes, die furchtbare Entscheidung nicht erfolgen möge.

Zum Glück bemerkte die alte Frau Floras häßliches Gebaren nicht; sie

trug, ahnungslos, daß über ihrem hellen friedlichen Stillleben eine

schwarze, unglückbringende Wolke hing, das Geschirr wieder hinaus,

nachdem Käthe eine Tasse Thee dankbar angenommen hatte.

Das glühende Abendlicht verblaßte allmählich. Alle Purpurfarbe zog sich

aus dem Krankenzimmer zurück und blieb zuletzt nur noch auf der schönen

Dame im Fenster liegen -- wie ein von dämonischem Feuer umzüngelter

böser Engel saß Flora dort.

Die Kranke wurde unruhiger. Sie zupfte und zerrte an der grünseidenen

Bettdecke und war sichtlich bemüht, sie fortzuwerfen. »Im Grün ist

Arsenik -- fort damit!« flüsterte sie mit der ganzen unheimlichen Hast

und Angst des Fiebers vor sich hin.

Käthe vertauschte sogleich die seidene Decke mit der kühlen,

weißleinenen des Gastbettes und glättete sie über dem armen hageren

Körper, den sie heute im Walde »den Zwerg« genannt hatten. In den

wunderschönen Augen der Kranken lag in diesem Augenblicke keine Spur

von Verständnis. Sie rollten wild und wirr unter den halb zugesunkenen

Lidern.

»Das thut gut,« sagte sie, sich unter der Decke streckend. »Und nun

lasset sie nicht wieder herein, wenn sie mich mit der vergifteten,

heißen Seide ersticken will! Die Großmama ist falsch, wie alle, die

sich im Salon anlügen -- sie und der alte Giftmischer, die große

Autorität. Ich werde nach ihm schlagen, wenn er seine abscheulichen

Finger auf meine Brust drückt,« zischte sie erbittert durch die Zähne.

Sie setzte sich plötzlich auf und ergriff Käthes Hand. »Nimm dich vor

ihm in acht, Bruck!« warnte sie mit aufgehobenem Finger, »und vor der

Großmama auch! Und sie -- du weißt schon, wen ich meine; sie raucht

Cigarren und fährt wie toll mit den neuen wilden Pferden, weil du es

verboten hast -- sie ist die Falscheste von allen.«

»Sehr verbunden!« flüsterte Flora halblaut mit einem bösen Lächeln und

schmiegte sich noch enger in den Polsterlehnen zusammen.

Eine unbeschreibliche Bangigkeit überschlich Käthe, deren Hand mit

so innigem Drucke festgehalten wurde. Sie vermied es, den Doktor

anzusehen, für den die Fiebernde sie hielt, und welcher, von dem

chinesischen Schirme halb verdeckt, am Kopfende des Bettes stand.

»Weißt du noch, wie es früher war, Doktor?« fuhr Henriette fort. »Weißt

du noch, wie sie die Lakaien durch Wind und Wetter jagte, dir nach,

mit Briefen, vier, fünf an einem Tage? -- Weißt du noch, wie sie, fast

toll vor Sehnsucht, dir entgegenlief, wenn du nicht zur versprochenen

Minute gekommen warst? Und wie sie dann draußen die Arme um deinen Hals

schlang, wild und stark, als wollte sie dich nie wieder lassen?«

Jetzt fuhr Flora jäh empor; ihre seidenen Gewänder rauschten und

zischelten, und sie war so rot im Gesicht, als breite sich noch einmal

das eben versunkene grelle Abendlicht über ihre weißen Wangen. »Gib

ihr Morphium!« rief sie herüber. »Das ist schon mehr Verrücktheit als

fieberhafte Aufregung; sie muß schlafen.«

Der Doktor hatte der Kranken kaum erst einen Löffel voll Medizin

gereicht; er beantwortete Floras Aufforderung nur mit jenem halben,

flüchtigen Lächeln, mit welchem man über ein thörichtes Verlangen

der Unwissenheit hinweggeht, und veränderte seine Stellung nicht im

geringsten; auch die Glut, die bei Henriettens letzten Worten über sein

braunes Gesicht hinflammte, erlosch rasch wieder; er sah ruhig und kalt

aus wie vorher.

Flora sank zornig in ihren Stuhl zurück, wandte sich ab und ließ ihre

Augen funkelnd und rastlos über die Gegend draußen hinschweifen.

»Hättest du damals gedacht, daß sich das ändern würde, Bruck? Daß sie

je sagen könnte, es sei ein schwerer Irrtum gewesen?« hob Henriette von

neuem an und umklammerte nun auch mit der anderen brennend heißen Hand

Käthes Rechte. Dem jungen Mädchen stockte fast der Herzschlag; aus den

Lippen der Kranken schwebte es, woran bis jetzt niemand, selbst die

Schuldige nicht, mit dem lauten, klaren Wort zu rühren gewagt hatte.

Sie bog sich rasch über die Fiebernde und legte ihr instinktmäßig die

kühlen Finger auf die Stirn, als könne sie damit den unheilvollen

Gedankengang in eine andere Bahn leiten.

»Ah, das kühlt!« seufzte Henriette auf. »Aber weißt du noch, wie Flora

damals deine Hand von meiner schmerzenden Stirn stieß? Sie war tödlich

eifersüchtig.«

Ein halb unterdrücktes höhnisches Auflachen klang aus der Fensterecke

herüber. Henriette hörte es nicht. Sie war der Außenwelt völlig

entrückt.

»Mich läßt der Schmerz über das, was kommen wird, nicht schlafen,«

klagte sie und schlang jetzt ihre Finger ineinander und drückte sie

leidenschaftlich gegen die kranke Brust. »Dann wirst du unser Haus

meiden und ein unglücklicher Mann sein, der nicht einmal unseren Namen

mehr auf die Lippen nimmt. Ach, Bruck, was fragt sie danach in ihrer

bodenlosen Eitelkeit, die sie Ehrgeiz nennt! Sie wird sich losreißen um

jeden Preis.«

[Illustration]

Käthe hob unwillkürlich die Arme und streckte sie in namenloser Angst

über die Kranke hin. Henriette schrie auf. »Nicht die Hand auf den Mund

legen, wie der schreckliche Junge im Walde!« stöhnte sie abwehrend.

In diesem Augenblick stand Flora neben der jungen Schwester und schob

sie vom Bett weg; in ihren Zügen, in allen Gebärden lag ein wilder

Entschluß. »Lasse sie ausreden!« sagte sie gebieterisch.

»Ja, ausreden lassen!« wiederholte Henriette halb lallend vor

Erschöpfung, aber doch befriedigt wie ein Kind, dem man den Willen

thut. »Wer soll dir's sonst sagen, Bruck, wenn nicht ich -- ich? Wer

soll dich warnen, damit du auf deiner Hut bist? Halte die Augen offen!

Sie fliegt dir davon wie die Taube vom Baum, die weiße Kokette; sie

will frei sein --«

»Was sie auch faseln mag, _eine_ Wahrheit ist darin,« sagte Flora

entschlossen dazwischen und trat dem Doktor um einen Schritt näher.

»Sie hat recht, ich kann dir das nicht sein, was ich versprochen

habe; gib mich frei, Bruck!« setzte sie flehend hinzu und hob die

verschlungenen Hände; zum erstenmal hörte Käthe, wie unwiderstehlich

und süß ihre Stimme klingen konnte, wenn sie weich wurde.

Da war das entscheidende Wort gefallen, um das sich monatelang die

abscheulichsten Intriguen gedreht hatten. Käthe hatte gemeint, es müsse

mit dem ersten Laute den Verratenen zu Boden schmettern, allein der

vernichtende Blitz zündete nicht sichtbar; für das junge Mädchen war

die unerschütterte Haltung des Doktors so rätselhaft, wie wenn nach

einem mörderischen Schuß der scheinbar Getroffene unversehrt aus dem

Pulverdampfe hervorgeht. Ernst und schweigend sah er auf die Bittende

nieder, nur blaß war er, blaß wie der Tod. Er verweigerte ihr die Hand,

die sie ergreifen wollte. »Zu einer solchen Auseinandersetzung ist hier

nicht der Ort --«

»Aber der richtige Augenblick. Ein anderer Mund spricht für mich das

aus, was ich seit Monaten auf den Lippen hatte und doch nicht in Worte

kleiden konnte --«

»Weil es ein notorischer Treubruch ist.«

Sie biß sich auf die Lippen. »Die Bezeichnung ist hart und nicht

zutreffend; so fest war unser Bund noch nicht geschlossen; auch bin ich

mir bewußt, daß kein anderes Bild das deine aus meinem Herzen verdrängt

hat. Lächle nicht so geringschätzend, Bruck! Bei Gott, ich denke an

keinen andern Mann,« rief sie leidenschaftlich beteuernd. »Aber ich

will den Vorwurf auf mich nehmen,« setzte sie ruhiger hinzu, »um den

Preis, daß wir beide nicht unglücklich werden.«

»_Mein_ Glück oder Unglück lasse dabei aus dem Spiele! Du kannst nicht

wissen, was ich darunter verstehe; allein so viel wirst du dir wohl

selbst sagen, daß sie beide nicht ins Gewicht fallen dürfen, wenn es

sich um die innere Ehre und Selbstachtung des Mannes handelt. Und nun

möchte ich dich um deiner kranken Schwester willen bitten, für jetzt zu

schweigen.« Er wandte sich ab und trat in das nächste Fenster.

Sie ging ihm nach. »Henriette hört uns nicht,« sagte sie. Die Kranke

war todesmatt in die Kissen zurückgesunken und flüsterte unaufhörlich

vor sich hin wie ein Kind, das sich selbst ein Märchen erzählt; ihr

Ohr war allerdings der Außenwelt verschlossen. »Das ist ja keine

Entscheidung,« fuhr Flora in traurigem, niedergeschlagenem Tone

fort. »Ich muß aber ein festes, klar bezeichnendes Wort haben. Warum

hinausschieben, was mit einem raschen Entschlusse festgestellt werden

kann?« Es war abscheulich anzusehen, wie sie mit Daumen und Zeigefinger

am Ringfinger der linken Hand spielend drehte.

Doktor Bruck sah über seine Schulter auf sie nieder. Es fiel Käthe

abermals auf, wie er bei aller Kraft und Männlichkeit seiner Gestalt

dennoch merkwürdig jung neben ihr erschien. Unter dem vollen Barte sah

man beim Sprechen fast mädchenhaft keusch geformte, zartrote Lippen,

und die Ausbiegung an den Schläfen verlief so jugendlich weich wie bei

einem Jüngling; dazu die schlichten anspruchslosen Gebärden und die

Augen, die so leicht in befremdender Scheu schmolzen und sich seelisch

gleichsam tief zurückziehen konnten vor einem anderen Blicke. Jetzt

aber ruhten sie fest auf der schönen Dame, die mit ihrem lockigen

Scheitel kaum seine Schulter erreichte.

»Was gedenkst du einzutauschen für das Leben an meiner Seite?« fragte

er so plötzlich, so scharf, daß sie unwillkürlich zusammenfuhr.

»Brauche ich dir das zu sagen, Bruck?« rief sie und strich sich tief

aufatmend, wie von einem Alp befreit, die Locken aus der Stirn.

»Siehst du nicht, wie meine ganze Seele danach dürstet, aufzugehen im

Schriftstellerberufe? Kann ich das aber in dem Umfange, wie es meine

Beanlagung, mein mit heißem Streben gepaartes Talent gebieterisch

verlangen, wenn ich die Pflichten einer Frau übernehme? Nun und

nimmermehr!«

»Wunderbar, daß dir dies stürmische Verlangen erst jetzt, erst in den

letztvergangenen Monaten gekommen ist, nachdem du --«

»Nachdem ich _neunundzwanzig_ Jahre lang ohne den Ruhm leben konnte,

willst du sagen,« ergänzte sie schneidend mit dunkel überflammtem

Gesicht. »Lege dir das zurecht, wie du willst, bringe es auf die

Rechnung der Frauennatur, die schwankt und fehlgreift, bis sie das

Rechte findet.«

»Weißt du so gewiß, daß es das Rechte ist?«

»So gewiß, wie die Magnetnadel nach dem Pole zeigen muß.«

Er ging schweigend an ihr vorüber, nahm die Medizin vom Tische und

trat an das Bett. Die Kranke mußte wieder einnehmen, aber sie war

eingeschlummert und hielt mit beiden Händen Käthes Rechte fest. Es

war dem jungen Mädchen, als bewege er sich automatenhaft, als sei der

innere Kampf so gewaltig, daß er ihn der Herrschaft über Hand und

Fuß und Auge beraube. Sie sah er nicht an; es mochte ihn wohl tief

demütigen, daß diese empörende Szene einen Zeugen hatte; aber litt sie

nicht selbst qualvoll durch ihr Bleiben? Sie hatte mehrmals versucht,

ihre Hand vorsichtig zurückzuziehen, um zu entfliehen, so weit sie ihre

Füße tragen mochten, allein bei der geringsten Bewegung fuhr die Kranke

in erschütterndem Schrecken empor.

Er versuchte, der Schlummernden den Puls zu fühlen. Käthe bemühte sich,

ihm zu helfen, indem sie die Linke unter Henriettens Armgelenk schob;

dabei ruhte ihre innere Handfläche einen Augenblick auf seinen Fingern.

Er zuckte zusammen und wechselte so jäh die Farbe, daß sie erschrocken

die Hand zurückzog. Was war das gewesen? Machte ihn der innere Aufruhr

so nervös, daß ihn jede äußere Berührung entsetzte und mit zornigem

Schrecken erfüllte? Sie sah seitwärts scheu zu ihm auf. Ein tiefer

Atemzug hob seine Brust, während er sich wegdrehte, um die Medizin auf

den Tisch zurückzustellen.

Flora hatte inzwischen unbeschreiblich erregt und ungeduldig einigemal

das Zimmer durchmessen. Jetzt trat sie wieder neben den Doktor an

den Tisch. »Es war unklug von mir, meine Gefühle so freimütig zu

bekennen,« sagte sie mit zornfunkelnden Augen. Sein Schweigen und die

Erfüllung seiner Berufspflicht, mit welcher er unbeirrt einen solchen

Entscheidungskampf unterbrach, hatten sie furchtbar gereizt. »Du bist

ein Verächter des Frauengeistes und gehörst zu den Tausenden von

unverbesserlichen Egoisten, welche die Frau um keinen Preis auf eigenen

Füßen sehen wollen --«

»Wenn sie nicht stehen _kann_, allerdings.«

Sie legte die kleine, krampfhaft zu einer Faust geballte Hand auf den

Tisch und sah dem Sprechenden einen Augenblick mit festgeschlossenen,

fast weiß gewordenen Lippen in das Gesicht. »Was willst du damit sagen,

Bruck?« stieß sie scharf heraus.

Ein Hauch von Röte ging ihm über Stirn und Wangen hin und seine Brauen

zogen sich leicht zusammen; er war offenbar eine jener sensitiven

Naturen, die ein scharf zugespitzter, auf gegenseitige Verletzung

ausgehender Wortwechsel geradezu auf die Folter legt. »Ich will

damit sagen,« entgegnete er gleichwohl fest und mit anscheinender

Gelassenheit, »daß zu diesem Auf-eigenen-Füßen-stehen, zu welchem die

strebende Frau vollkommen berechtigt ist, wenn sie damit nicht bereits

übernommene ältere Pflichten und das edle deutsche Familienleben

schädigt, daß zu diesem Auf-eigenen-Füßen-stehen ein starker, zäher

Wille, ein konsequentes Ausschließen der reizbaren weiblichen Eitelkeit

und vor allem wirkliche Begabung, wirkliches Talent erforderlich sind.«

»Und die letzteren Eigenschaften bestreitest du mir?«

»Ich habe deine Artikel über die Arbeiterbewegung und die

Frauenemanzipation gelesen.« -- Jetzt allerdings hatte die sonst so

sanft moderierte Stimme des Arztes etwas durchdringend Schneidendes.

Flora fuhr zurück, als sei ein blitzendes Messer auf sie gezückt

worden. »Wie willst du wissen, daß ich die Verfasserin derjenigen

Artikel bin, die du gelesen?« fragte sie unsicher, schwankend, dabei

aber seine Züge in fieberhafter Spannung fixierend. »Ich schreibe unter

Chiffern.«

»Aber die Chiffern zirkulierten bereits in deinem großen

Bekanntenkreise lange vorher, ehe die Aufsätze das Licht der

Oeffentlichkeit erblickten.«

Sie wandte einen Augenblick beschämt und verlegen die Augen weg. »Gut,

du hast sie gelesen,« sagte sie gleich darauf. »Was soll ich aber von

dir denken, daß du dieses Streben nie mit einer Silbe berührt, daß du

nicht einmal dein ungnädiges Mißfallen darüber ausgesprochen hast?«

»Würdest du darauf hin deine Feder niedergelegt haben?«

»Nein, und abermals nein.«

»Das wußte ich; deshalb ließ ich dich gewähren bis zu unserer

Vereinigung. Es versteht sich ja von selbst, daß die verständige Frau

mit dem Manne geht und sich nicht isoliert in Sonderbestrebungen,

es sei denn, daß sie bei starkem Pflichtbewußtsein, hochbegabt, ein

hervorragendes Talent --«

»Was ich selbstverständlich _nicht_ bin,« unterbrach sie ihn mit nicht

zu beschreibender Erbitterung.

»Nein, Flora, du hast Geist, Esprit, aber schöpferisch bist du nicht,«

versetzte er, ernst den Kopf schüttelnd und in seine gewohnte milde

Sprechweise einlenkend.

Sekundenlang stand sie wie erstarrt vor diesem unumwundenen Urteile,

das sich unverkennbar auf die festeste Ueberzeugung stützte, dann aber

hob sie in einem halbwahnwitzigen Gemisch von gemachtem Jubel und

ausbrechendem Grimme die Arme hoch empor. »Gott sei Dank, nun fällt

auch die letzte Rücksicht, das letzte Bedenken. Eine Sklavin wäre ich

geworden, ein armes, niedergetretenes Weib, dem man den göttlichen

Funken der Poesie aus der Seele gerissen hätte, um -- das Küchenfeuer

damit anzuzünden.«

Sie hatte überlaut gesprochen. Die Kranke, die vorhin der gleichmäßige

Wechsel der zwei Stimmen allmählich eingeschläfert hatte, fuhr empor

und blickte mit weit aufgerissenen Augen um sich. Besorgt eilte der

Doktor an das Bett; er reichte ihr die Medizin und legte sanft die Hand

auf ihre Stirn. Unter dieser Berührung sanken die erschreckten Augen

wieder zu. Hätte sie ahnen können, die arme Leidende, welchen Sturm sie

über den unglücklichen Mann heraufbeschworen, sie, die bis dahin alles

aufgeboten hatte, um den unheilvollen Bruch zu verhindern!

»Ich muß dich ernstlich bitten, die Kranke nicht mehr zu stören,« sagte

der Doktor, den Kopf in das Zimmer zurückwendend; noch beugte er sich

über das Bett und seine Hand lag auf Henriettens Stirn.

»Ich wüßte auch nichts mehr zu sagen,« versetzte Flora mit einem

mißlungenen Spottlächeln und zog die Handschuhe aus der Tasche. »Wir

sind zu Ende, wie du nach deinen verletzenden Aussprüchen selbst wissen

wirst -- ich bin frei --«

»Weil ich dir ein Talent abspreche, auf welches du dich kaprizierst?«

fragte er, mit äußerster Ueberwindung die Stimme dämpfend. Jetzt gewann

die Entrüstung die Oberhand in ihm; er stand plötzlich in seiner

ganzen imposanten Größe da. Alles, was ihn zuweilen so jünglingshaft

erscheinen ließ, der sanfte, treue Blick, die von edler Bescheidenheit

und Geduld zeugenden Gebärden -- alles war verschwunden; er war ein

zürnender, empörter Mann. »Ich frage dich, um wen ich geworben habe,

um die Schriftstellerin oder um Flora Mangold? Als diese letztere, und

nur als diese hast du damals deine Hand in die meine gelegt, recht

wohl wissend, daß ich zu denen gehöre, die ihre Frau einzig und allein

für sich und ein stillbeglücktes Familienleben, nicht aber als ein in

der Welt herumflackerndes Irrlicht haben wollen. Du hast das gewußt;

du hast dich damals befleißigt, mir das zu werden; du bist in deiner

sanguinischen Art weit darüber hinausgegangen -- denn daß du selbst

die rußigen Töpfe in die Hand nehmen solltest, wie du in übertriebenem

Eifer gethan, würde ich ja nie von derjenigen verlangen, die das

geistig belebende Element, mein Stolz, meine mitfühlende, mitringende

Gefährtin in meinem Daheim werden soll.«

Er schöpfte tief Atem; nicht ein einziges Mal wichen die strafenden

Augen von dem schönen Mädchen, das jetzt so klein und erbärmlich,

so unscheinbar vor ihm stand und sich vergebens abmühte, die kühne,

trotzig herausfordernde Haltung standhaft zu behaupten.

»Ich habe die Wandlung in dir vom ersten mißmutigen Zuge auf deiner

Stirn an bis zu deiner eben erfolgten Erklärung Schritt für Schritt

verfolgt,« hub er von neuem an. »Du bist so unsäglich schwach deinen

eigenen weiblichen Schwächen gegenüber, als da sind Hochmut, Eitelkeit,

Launenhaftigkeit -- und doch willst du die Starkgeistige spielen,

willst in Sachen der Frauenemanzipation das große Wort reden und für

dein Geschlecht die Urteilskraft, die Konsequenz, das feste Wollen

und deshalb auch die Vorrechte des Mannes in Anspruch nehmen? ... Wie

ich über dein ganzes Verhalten denke, was meine eigene Seele dabei

durchmacht, ob ich glücklich oder namenlos unglücklich werde, darauf

kommt es hier nicht an. Wir haben uns feierlich für das ganze Leben

verlobt, und dabei bleibt es. -- Man sagt dir nach, daß du oft genug

grausam mit Männerherzen gespielt und die Betrogenen schließlich dem

öffentlichen Spott und Mitleid preisgegeben hast -- _mich_ stellst du

_nicht_ an diesen Pranger -- darauf verlasse dich! Du bist nicht frei

-- ich gebe dich nicht los. Ob du eidbrüchig werden willst oder nicht

-- gleichviel. Ich will mein Wort halten.«

»Schande über dich!« rief sie außer sich. »Wirst du mich auch zum Altar

schleppen, wenn ich dir versichere, daß ich längst aufgehört habe dich

zu lieben? Daß ich in diesem Augenblicke, wie ich hier vor dir stehe,

nur mit Mühe den bittersten Haß gegen dich niederkämpfe?«

Bei diesem furchtbaren Ausbruche erhob sich Käthe; es war ihr

allmählich gelungen, ihre Hand zu befreien. Sie eilte mit weggewandten

Augen hinaus; sie konnte unmöglich in das Antlitz dessen sehen, der

eben eine Art Todesstreich empfangen hatte.

[Illustration]

[Illustration]

13.

In der Flur, deren Fenster nach Norden gingen, herrschte schon leichte

Dämmerung; nur von der Küche her, in welcher noch der letzte rötliche

Abendschein an den Wänden hinspielte, fiel es hell über den roten

Ziegelfußboden.

Die Tante Diakonus stand drinnen am Fenster und wusch das gebrauchte

Theegeschirr. Die zurückberufene Köchin sollte erst morgen eintreffen;

sie war krank geworden -- deshalb lagen die kleinen Hausgeschäfte

noch auf den Schultern der alten Frau. Sie nickte Käthe vertraulich

mit freundlichem Lächeln zu; nicht die leiseste Ahnung von dem, was

sich dort hinter der breiten Flügelthür zutrug, beunruhigte das still

friedliche, sanfte Frauengemüt. Das junge Mädchen schauerte in sich

zusammen und eilte vorüber, hinaus in den Garten.

Es war sehr kühl geworden. Ein starker Zugwind blies scharf und kältend

vom Flusse her über ihr Gesicht und die nur von dem Seidenkleide

bedeckten Schultern. Mit tiefatmender Brust stürmte sie ihm entgegen.

Sie war ein Mädchen mit starkem Empfinden, mit heißem, kräftig

kreisendem Jugendblute in den Adern; die Flammen der inneren Empörung

brannten auch auf ihren Wangen, in den trockenheißen Augen und

züngelten bis in die nervös klopfenden Fingerspitzen.

Sie hatte eben Schreckliches erlebt -- welch ein entsetzliches

Ringen zwischen zwei Menschenseelen! Und die Schuldige, die es

heraufbeschworen, war ihre Schwester -- dieser treulose, frivole

Frauencharakter, der spielend das ernste Band zwischen Mann und Weib

knüpfte, um es bei dem ersten Mißfallen, wie das Gespinst haltloser

Sommerfäden, zu zerreißen und in alle Lüfte hinausflattern zu lassen!

Wohl hatte Flora sich diesmal in ihrem Opfer gründlich verrechnet, sie

traf auf Stahl, wo sie ein durch die Verurteilung des Publikums und

ihr eigenes systematisch durchgeführtes, allmähliches Erkalten bereits

tiefdemütiges Herz leichten Spieles niederzutreten meinte, aber was

halfen ihm die Festigkeit und Energie, mit denen er ihr die Stirn bot?

Er war doch der Unterliegende ...

Käthe trat auf die Brücke, und die Hände auf das leicht erzitternde

schwanke Holzgeländer stützend, sah sie hinab. Die Wasser stürzten

und rauschten unter ihren Füßen hin; mit jedem Steinblock, der seinen

Platz im Flußbette behauptete, mit jeder starken Baumwurzel, die sich

aus der Ufererde zwängte, rangen und stritten sie, daß der Gischt hoch

aufspritzte, und doch schwebte dort, fern, die bleiche Mondsichel

inmitten der spiegelnden Flut, und es war, als stehe sie unverrückbar

still für alle Zeiten. Stand _so_ die Liebe im Menschenherzen?

Umstürmten sie vergebens die wildesten Kämpfe, und erblich sie nicht,

wo sie verachten mußte, wo ihr Ideal in Trümmer ging? Nein, sie hatte

das eben mitangesehen.

Wunderbare Leidenschaft! Schon einmal hatte sie unter dem Dache dort

eine Menschenseele durch alle Stadien des Jammers, der Verzweiflung

gehetzt. Wie die Tante dem jungen Mädchen neulich auf dem Heimgange

erzählte, hatte in dem Hause am Flusse die schöne, junge Witwe eines

Herrn von Baumgarten gelebt. Der Nachfolger ihres Gemahls, der Sproß

einer Seitenlinie und ein wunderschöner Kavalier, war täglich vom alten

Herrenhause herübergekommen, um in das liebliche Frauenantlitz zu

sehen, das sich, von Witwenschleier und Schnepphaube umrahmt, aus dem

Fenster bog. In das Haus durfte er nicht, denn sie war sehr sittsam.

Er war auch sehr hoch auf seinem schwarzen Roß über die schmale

Holzbrücke geritten und hatte das schnaubende, ungebärdige Tier dicht

an die Hauswand gedrängt, um den Atem des schönen Frauenmundes zu

spüren und ihre weiße Hand mit heißer Inbrunst zu küssen, und die das

mitangesehen, hatten geschworen, daß er nach Ablauf der Trauerzeit die

junge Witwe wiederum als Herrin in das Schloß Baumgarten zurückführen

werde.

[Illustration]

Im Hause des Kommerzienrates. · 第 3 / 9 题