»Sein Glück?« wiederholte er betonend. »Es kommt darauf an, wie er
selbst diese Wechselfälle ansieht.«
»O, ganz gewiß als etwas Beseligendes,« antwortete sie entschieden.
»Ich weiß aus seinen Briefen, daß ihm die Erwerbung weltlicher
Güter Hauptlebenszweck ist. Seine letzte Zuschrift z. B. war eine
geradezu verzückte, weil -- mein Erbe sich über alles Erwarten reich
herausgestellt hat.«
Er ging schweigend neben ihr her; dann fragte er mit einem
Seitenblicke: »Und Sie -- bleiben denn _Sie_ kalt, diesem Reichtume
gegenüber?«
Käthe bog den Kopf mit graziösem Mutwillen vor und sah ihm unter das
Gesicht. »Sie erwarten wahrscheinlich eine sehr gesetzte Antwort von
mir großem Mädchen, so ein recht ernstes Ja, aber das kann ich mit dem
besten Willen nicht herausbringen. Ich finde es nämlich über die Maßen
hübsch, reich zu sein.«
Er lachte leise in sich hinein und fragte nicht weiter. Sie gingen
rasch vorwärts und erreichten bald die Lindenallee. Sie war verschont
geblieben; man hatte die lange Bahn bereits mit frischem Kies bestreut.
»Ach, dort die liebe, altmodische Bekannte steht auch noch,« rief
das junge Mädchen, nach einer fernen Holzbrücke zeigend, die ihren
schmucklosen morschen Bogen über den Fluß schlug.
»Sie führt zu dem Grundstücke am jenseitigen Ufer --«
»Ja, nach dem Gras- und Obstgarten. Ein hübsches altes Haus steht drin.
Es hat als Wirtschaftsgebäude zu dem ehemaligen Schlosse gehört, ist
ganz von Wein umsponnen und hat breite Steinstufen vor der Thür ...
Köstlich anheimelnd und still ist's dort. Suse hatte ihren Bleichplatz
im Garten; im Frühlinge war er ganz blau von Veilchen; dort habe ich
stets die ersten gesucht.«
[Illustration]
»Das dürfen Sie auch jetzt noch -- die kleine Besitzung ist seit heute
morgen mein Eigentum.« Er warf einen warmen Blick hinüber.
Käthe dankte ihm, sah aber sehr zerstreut und nachdenklich auf die
Kiesel nieder, über die sie hinschritten ... Sollte ihre schöne
Schwester als junge Frau in dem Hause wohnen? Flora mit ihren stolzen
Gebärden, ihren majestätisch nachfließenden Schleppen! Flora Mangold,
die Anspruchsvolle, der kein Salon hoch und weit, keine Ausschmückung
reich genug sein konnte, in dem einsamen Hause mit den großen grünen
Kachelöfen und den ausgetretenen Dielen? Wie mußte sie sich geändert
haben -- um seinetwillen!
Ein fernes Geräusch schreckte sie auf. Sie sah die Villa bereits so
nahe vor sich, daß sie die Prachtmuster der Spitzengardinen erkennen
konnte. Hinter den Scheiben rührte und regte sich nichts, aber von
der Promenade her, die sich vor der jenseitigen, der Hauptfassade
des eleganten Hauses hinzog, kam das Getöse einer heranrollenden
Equipage immer näher. Es waren zwei prächtige Pferde, die gleich darauf
um die nördliche Hausecke jagten. Geschirr und Wagen funkelten in
Silberschmuck und im Glanze der Neuheit. Eine Dame hielt die Zügel in
fester Hand; ihre Gestalt, um die sich dunkelfarbener, pelzverbrämter
Samt schmiegte, saß so leicht und sylphenhaft dort, als schwebe sie
über den Polstern. Von ihrer Stirn zurück wehten weiße Federn, und um
das klassische Gesicht, den unbedeckten Hals, der sich glänzend weiß
aus der dunkeln Pelzeinfassung hob, flatterten krause blonde Locken.
»Flora! Ach, wie wunderschön ist meine Schwester!« rief Käthe
enthusiastisch und streckte unwillkürlich die Rechte nach der
Vorüberfliegenden aus, aber weder Flora, noch der Kommerzienrat, der
mit verschränkten Armen neben ihr saß, hörten den Zuruf. Die Equipage
bog um die entgegengesetzte Ecke, dann hörte man sie drüben vor dem
Portale halten.
Ein kleiner Kiesel tanzte vorbei -- die Stockspitze des Doktors
hatte ihn wie im Spiele fortgeschleudert. Jetzt erst fiel es Käthe
auf, daß er nicht mehr an ihrer Seite ging; sie war freilich unter
dem hinreißenden Eindrucke vorwärts geeilt. Mit einer lebhaften
Gebärde wandte sie sich um. Er schritt unbeirrt, noch genau in dem
Tempo wie vorher auch, aber in seiner Haltung schien er noch stolzer
emporgereckt, noch strenger reserviert. Er mußte sie eben beobachtet
haben, denn er wandte rasch und fast verlegen seine Augen weg. Mit Mühe
verbiß sie ein satirisches Lächeln. Sie wußte, daß sie ihn bei einem
vergleichenden Gedanken ertappt hatte, der ungefähr so lauten mochte:
»Gott, was für eine vierschrötige Jungfrau neben meiner Elfe!«
»Ich bin erstaunt über den sicheren Mut, mit welchem Flora fährt,«
sagte sie, als er wieder neben ihr ging.
»Weit mehr zu bewundern ist die Todesverachtung ihres Begleiters.
Es war eine Probefahrt, und der Kommerzienrat hat die jungen Pferde
gestern erst gekauft.« Er war bitter gereizt. Sie hörte das plötzlich
in seiner Stimme und schwieg ganz erschrocken.
[Illustration]
5.
Es fiel kein Wort mehr von beiden Seiten. Sie erreichten bald das Haus
und traten durch eine Seitenthür ein, während drüben die Equipage vom
Portale wegfuhr. Ein Bedienter berichtete ihnen, daß die Damen und »der
gnädige Herr« im Wintergarten seien, also in den Appartements der Frau
Präsidentin.
Käthe hatte ihre ganze heitere Ruhe und Sicherheit wiedergefunden. Sie
nahm eine Visitenkarte aus der Brieftasche und reichte sie dem Manne
hin. »Für den Herrn Kommerzienrat,« sagte sie.
»So steif?« fragte Doktor Bruck lächelnd, während der Lakai geräuschlos
über den dicken persischen Korridorteppich hinschlüpfte und hinter
einer Thür verschwand.
»So steif!« bestätigte sie ernsthaft. »Da ist die weiteste Distanz die
beste. Ein biederes Hereinpoltern würde mir jedenfalls sehr schlecht
bekommen. Ich fürchte nun selbst, ‚den gnädigen Herrn‘ mit meiner
unzeremoniellen Ankunft sehr in Verlegenheit zu bringen.«
Sie hatte sich nicht geirrt. Der Kommerzienrat kam im förmlichen
Sturmschritte aus den Gemächern; mit dem bestürzten Ausrufe: »Mein
Gott, Käthe!« stolperte er über die Schwelle.
Die Richtung seines Blickes war geradezu lächerlich -- er suchte den
Kopf der wie vom Himmel fallenden Mündel offenbar um zwei Fuß zu tief
-- und nun trat sie so hochgewachsen und festen Schrittes auf ihn zu
und begrüßte ihn mit einem fast frauenhaft stolzen Kopfneigen:
»Lieber Moritz, sei nicht böse, daß ich der Abrede zuwider handle! Aber
um mich abholen zu lassen, dazu bin ich nun doch schon ein wenig zu
groß.«
Er stand wie versteinert vor ihr. »Recht hast du, Käthe. Die Zeit, wo
ich dich an der Hand führte, ist vorüber,« sagte er langsam, gleichsam
in dem Anblicke ihres mit Rosenglut überhauchten Gesichts verloren.
»Nun, sei mir tausendmal willkommen!« Jetzt erst reichte er auch Bruck
begrüßend die Hand. »Ein Zusammenfinden im Korridor -- da muß ich wohl
gleich hier vorstellen --«
»Bemühe dich nicht, Moritz! Das habe ich bereits selber besorgt,«
unterbrach ihn das junge Mädchen. »Der Herr Doktor machte gerade
Krankenbesuch bei Suse, als ich in die Mühle kam.«
Das Gesicht des Kommerzienrates verlängerte sich. »Die Mühle war dein
Absteigequartier?« fragte er betreten. »Aber liebes Kind, die Großmama
Urach hat mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit erklärt, sich
deiner anzunehmen; mithin verstand es sich von selbst, daß du dich ihr
sofort vorstelltest; statt dessen gehst du zu deiner alten Flamme, der
Jungfer Suse! Ich bitte dich, sage das drin lieber nicht!« setzte er
hastig flüsternd hinzu.
»Verlangst du das ernstlich von mir?« Die fest klingende Mädchenstimme
stach seltsam ab von seinem scheuen Flüstertone. »Ich kann doch
nicht leugnen, wenn die Sache zur Sprache kommen sollte ... Auf
das Verheimlichen verstehe ich mich wirklich nicht, Moritz --« Sie
verstummte für einen Moment, erschrocken über die Feuerglut, die ihm in
das Gesicht schoß, dann aber sagte sie resolut: »Habe ich einen Fehler
begangen, so will ich mich auch dazu bekennen; es wird ja nicht gleich
meinen Kopf kosten.«
»Wenn du einen gut gemeinten Wink so tragisch nehmen willst, dann
habe ich allerdings nichts mehr zu sagen,« entgegnete er verlegen und
ärgerlich zugleich. »Den Kopf wird es freilich nicht kosten, aber deine
Stellung in meinem Hause erschwerst du dir. Uebrigens ganz wie du
willst! Sieh du selbst, wie du dich mit diesem herben ‚Geradedurch‘ in
unseren hochfeinen Gesellschaftskreisen zurechtfindest!«
Schon bei den letzten Worten hatte sein Ton mehr scherzhaft als pikiert
geklungen. Er ließ sich nun einmal nicht gern die behagliche Stimmung
verderben. Er bot ihr galant den Arm und führte sie nach dem ehemaligen
Speisezimmer, das neben dem Wintergarten lag, und dessen Thür er
aufstieß.
Das war aber nicht mehr der traute Eßsalon mit seinen altmodischen,
behäbigen, roten Saffianmöbeln. Die Wand, die ihn einst vom
Wintergarten getrennt, war verschwunden; an ihrer Stelle trugen
schlanke, oben im Rundbogen auslaufende Säulen den Plafond, den der
köstlichste Farbenschmuck in maurischem Stil bedeckte. Drunten lief
ein niedriges, spitzenklares, vergoldetes Bronzegitter von einer Säule
zur anderen -- es schied den steingetäfelten Fußboden des maurischen
Zimmers von dem weißen Wegsand, dem grünen Flaum kleiner Rasenflecke
im Wintergarten. Hinter diesem Gitter grünte und blühte es wonnig; da
dufteten Maiblumen und köstliche Bouquets von Parmaveilchen zu Füßen
der mächtigen Drachenbäume, des dunkeln Lorbeers und der prachtvollen
Dekoration von silbergestreiften, metallisch glänzenden Blattpflanzen.
Dieses herrliche Pflanzenbild wurde umrahmt und gleichsam in einzelne
Felder geteilt durch eine Art von Blumenornamentik. Um die Säulen
rankte sich die Klematis und behing die schlanken Schäfte bis hinauf in
das feingebogene Rund mit weißen und lilablauen Blüten.
Zwischen den zwei Säulen, die einen Mittelweg in das Zimmer frei
ließen, stand Flora. Sie war noch in der Straßentoilette und
augenscheinlich im Begriff, das Zimmer zu verlassen. Hoch hinter ihrem
federgeschmückten Haupt wölbte der Springbrunnen des Wintergartens
seine glitzernde Kuppel. Mit der behandschuhten Rechten hob die
schöne Dame das schwere kastanienbraune Samtkleid, dem das schräg
hereinfallende Abendlicht schwachgoldige Reflexe entlockte, ein wenig
über den Fuß, die unbedeckte Linke aber legte sich anmutig stützend an
die Säule, weiß und zart wie die danebenhängende Klematisblüte.
Beim Eintreten des hochgewachsenen Mädchens öffnete sie zuerst ihre
graublauen Augen weit vor Erstaunen, aber auch ebenso rasch kniff
sie die Lider zu einem blinzelnd prüfenden Blick zusammen, wobei ein
sarkastisches Lächeln um ihre Lippen huschte.
»Nun rate, Flora, wen ich da bringe!« rief der Kommerzienrat.
»Da brauche ich mir nicht lange den Kopf zu zerbrechen -- das ist
Käthe, die sich allein auf den Weg gemacht hat,« versetzte sie in ihrer
eigentümlich nachlässigen und doch so überaus bestimmten Art und Weise.
»Wer die alte Sommer gekannt hat, der weiß, daß das stämmige Mädchen
da mit dem weiß und roten Aepfelgesicht ihre Enkelin sein muß, Augen
und Haare aber hat sie frappant wie Klothilde, deine verstorbene Frau,
Moritz.«
Mit einer geschmeidigen Bewegung löste sie sich gleichsam aus dem
Blumenrahmen, trat auf die Schwester zu, und den Kopf in den Nacken
zurückbiegend, bot sie ihr die Lippen zum Kuß. Ja, das war noch immer
die unvergleichlich schöne Flora, aber das langjährige Herrschertum
über die Herzen hatte die weibliche Grazie von ihrer Ausdrucksweise
genommen. Ebenso nachlässig wie bei dem kühlen Begrüßungskuß nach
sechsjähriger Trennung war ihr Wesen dem miteingetretenen Doktor
gegenüber. »Grüß Gott, Bruck!« sagte sie und reichte ihm die Rechte,
aber nicht wie eine Braut, sondern wie ein Kollege dem anderen. Er
erfaßte die Hand mit leichtem Drucke und ließ es ruhig geschehen, daß
sie sofort wieder zurückgezogen wurde.
Die äußere Zurückhaltung zwischen dem Brautpaar schien sich von selbst
zu verstehen. Flora wandte unbefangen den Kopf nach dem Wintergarten
zurück. »Großmama,« rief sie mit lächelndem Spott in ihren geistreichen
Zügen, »unser Goldfisch macht dir und deinen Bekannten die Freude, sich
vier Wochen früher anstaunen zu lassen.«
Die Präsidentin war bereits bei Floras ersten Worten hinter einer
Kameliengruppe hervorgetreten. Ohne daß sie es vielleicht selbst wußte,
hatte sie die Angekommene mit jener Spannung gemustert, welche die
meisten Menschen einem sogenannten Glückskind gegenüber an den Tag
legen. Floras boshaft übermütiger Zuruf machte diesen Ausdruck sofort
verschwinden. Die alte Dame zog unwillig die Brauen zusammen, und ein
feines Rot der Verlegenheit flog über ihr bleiches Gesicht hin. »Ich
erinnere mich nicht, ein so auffälliges Interesse gerade für jene
Eigenschaft deiner Schwester gezeigt zu haben,« sagte sie kühl und mit
einem streng verweisenden Blick. »Wenn ich mich über Käthes Kommen
freue und sie freundlich willkommen heiße, so geschieht das, weil sie
meines lieben verstorbenen Mangold Kind und eure Schwester ist.«
Sie ging mit gehobenen Händen auf Käthe zu, als beabsichtige sie eine
Umarmung; allein diese verbeugte sich so tief und zeremoniell, als
stehe sie zum erstenmal in ihrem Leben vor der stolzen Schwiegermutter
ihres Vaters. Ein scharfer Blick hätte in dieser einen Gebärde
leicht das scheue Zurückweichen vor jeglicher Berührung erkannt, die
Präsidentin aber sah darin offenbar nur das Anzeichen eines tiefen
Respektes. Sie zog die Hände zurück und hauchte einen Kuß auf die Stirn
des jungen Mädchens. »Bist du wirklich allein gekommen?« fragte sie;
ihre Augen suchten unruhig forschend die Thür, als müsse noch irgend
eine nicht gerade willkommene Reisebegleitung eintreten.
»Ganz allein. Ich wollte einmal selbständig meine Flügel probieren,
und das hat meine Doktorin gern erlaubt.« Sie strich noch einmal wie
unbewußt mit den schlanken Fingern über die Stelle, welche die alte
Dame mit ihren kalten Lippen berührt hatte.
[Illustration]
»Ei, das glaube ich dir gern; das ist ja ganz im Sinne der alten
Lukas,« sagte die Präsidentin mit einem leisen, ironischen Lächeln.
»Sie war ja _auch_ stets sehr selbständig ... Dein guter Papa hatte
sie ein ganz klein wenig verzogen, mein Kind. Sie that, was ihr gefiel;
selbstverständlich immer nur das Rechte --«
»Und das Verständige; aus dem Grunde mag ihr wohl auch der Papa seine
jüngste wilde Hummel anvertraut haben,« setzte Käthe mit jener heiteren
Unbefangenheit hinzu, die ihr ganzes Wesen charakterisierte. Aber
gerade dieser Freimut, diese Leichtigkeit und Sicherheit schienen
unangenehm zu berühren.
Die Präsidentin zog die Schultern leicht empor. »Dein Papa hat sicher
dein Bestes gewollt, liebe Käthe, und meine Sache ist es nie gewesen,
irgend eine seiner Maßregeln zu bemäkeln. Aber er war eine vornehme
Natur und hielt streng auf das Dekorum -- ob es ihn nun doch nicht
einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte, wenn ihm sein heiteres
Töchterchen plötzlich so ~sans gêne~, so frank und frei in das Haus
geflattert wäre?«
»Wer weiß?« versetzte Käthe. »Der Papa würde doch wissen, wes Geistes
Kind diese Tochter ist;« -- ein mutwilliger Strahl blitzte aus ihren
braunen Augen -- »Müllerblut, das schlägt sich tapfer und wohlgemut
durch die Welt, Frau Präsidentin.«
Der Kommerzienrat räusperte sich und strich eifrig seinen schönen
Lippenbart, während die Präsidentin so betreten aussah, als habe
unvermutet ein allzu kräftiger Luftzug ihr vornehmes Gesicht
angeblasen, Flora aber brach in ein helles Gelächter aus. »Kind
Gottes, du bist kostbar naiv,« rief sie, die Hände zusammenschlagend.
»Ja ja: ‚Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern,‘« recitierte
sie. »Mit einer solchen Aeußerung müßte unser Jüngstes nächstens in
Moritzens großer Soiree debütieren, Großmama; da würden sie die Ohren
spitzen!« Sie blinzelte die alte Dame schadenfroh an, die jedoch ihr
Gleichgewicht schon wieder gefunden hatte.
»Ich vertraue dem angeborenen Takt deiner Schwester, mein Kind,« sagte
sie, ihre Hand nebenbei nun auch dem Doktor zur Begrüßung hinstreckend.
Dazu lächelte sie mit jenem feinen Zusammenziehen der Lippen, das nur
einen Schein der Zahnspitzen sehen ließ, und von welchen man nie wußte,
ob es süß oder sauer war.
»Takt, Takt -- der wird viel helfen,« wiederholte Flora, den Kopf
spöttisch wiegend. »Die Müllerreminiszenz ist ihr genau ebenso
angeboren. Die gute Lukas hat es eben nicht verstanden, ihr ein wenig
Weltklugheit einzupauken -- da fehlt's. Uebrigens bin ich wirklich
froh, daß du allein gekommen bist, Käthe; ich hoffe, es wird sich
so besser mit dir leben lassen, als wenn du am Rock deiner alten
hausbackenen Gouvernante hingst.«
Käthe hatte das Barett abgenommen; die schwüle Blumenluft trieb ihr das
Blut heiß in die Wangen. Jetzt mit der dicken, goldbraunen Haarflechte
über der Stirn sah sie noch größer aus.
»Hausbacken? Meine Doktorin?« rief sie lebhaft. »Eine poesievollere
Frau läßt sich nicht denken.«
»Ei, was du sagst! Sie schwärmt wohl den Mond an, schreibt empfindsame
Verse ab und so weiter. Oder dichtet sie gar selbst? Wie?«
Das junge Mädchen richtete die glänzenden Augen mit klugem Blicke auf
das Gesicht der Spötterin. »Verse nicht, aber die Manuskripte ihres
Mannes schreibt sie ab, weil die Setzer der medizinischen Zeitschrift
seine wunderlichen Krakelfüße absolut nicht entziffern können,« sagte
sie nach einem kurzen Moment schweigender Prüfung. »Sie schreibt auch
keine eigenen Verse oder Novellen -- dazu fehlt ihr die Zeit, und doch
dichtet sie ... Ach, du lächelst noch genau so wie früher, Flora, so
tief und so scharf in den Mundwinkeln, aber das Spottlächeln scheucht
mich nicht mehr in die Ecken; ich habe eine streitbare Ader und
behaupte weiter: Sie dichtet _doch_ in der Art und Weise, wie sie das
Leben nimmt und ihm stets eine Seite abzugewinnen weiß, von der ein
verklärendes Licht ausgeht, wie sie ihr einfaches Heim ausschmückt --
aus jedem Eckchen guckt ein schöner Gedanke -- und wie sie es unsäglich
gemütlich und doch ästhetisch anregend für ihren braven Mann und mich
alten Kindskopf und die wenigen auserwählten Freunde des Hauses zu
erhalten versteht.«
In diesem Augenblicke flog ein ganzer Regen von frischen Veilchen gegen
die Brust des jungen Mädchens und rieselte auf den Fußboden nieder.
»Bravo, Käthe!« rief Henriette. Sie stand im Wintergarten, dicht am
Gitter, und preßte die bleichen Hände auf ihre heftig atmende Brust.
»Ich möchte dir gleich um den Hals fliegen, aber -- sieh mich doch an!
-- müßte das nicht zum Totlachen sein? Du, so kerngesund an Leib und
Seele, und ich --« Ihre Stimme versagte.
Käthe warf das Barett, das sie noch in der Linken hielt, von sich und
flog zu ihr. Sie umschlang zärtlich die schwache Gestalt, aber die
Thränen des Erbarmens und die Betroffenheit darüber, daß das Gesicht
der Schwester »so entsetzlich abgemagert«, wurden weislich unterdrückt.
Flora biß sich auf die Lippen. »Das Jüngste« war nicht nur imposant
an Leibesgestalt geworden, es hatte auch in den hellen Augen und auf
den Lippen den seltenen Freimut innerer Unabhängigkeit, der manchmal
so unbequem werden kann. Ihr kam plötzlich die kleine Ahnung, als
trete mit dem kraftvollen Mädchen dort eine schattenwerfende Gestalt
in ihr Leben ... Sie nahm hastig den Hut ab und fuhr mit beiden
Händen auflockernd durch die zerdrückten Scheitellöckchen. »Hast du
das poetische Reisebündelchen da wirklich von Dresden mitgebracht?«
fragte sie trocken, mit einem blinzelnden Seitenblicke nach dem
zusammengeknüpften weißen Tuche am Arme der Angekommenen.
Das junge Mädchen löste die verschlungenen Enden und reichte Henriette
die Taube hin. »Ein kleiner Patient, der dir gehört,« sagte sie. »Das
arme Ding ist flügellahm geschossen. Es fiel im Schloßmühlenhof auf das
Pflaster.«
Da war bereits die Einkehr in der Mühle verraten, allein die
Präsidentin schien die letzten Worte ganz zu überhören; sie zeigte tief
empört auf das verwundete Tierchen und sagte, nach dem Kommerzienrate
zurückgewendet, mit strafendem Vorwurfe: »Das ist nun die _vierte_,
Moritz.«
»Und noch dazu mein Liebling, mein Silberköpfchen!« rief Henriette und
wischte sich eine Thräne des Schmerzes und der Erbitterung von den
Wimpern.
Der Kommerzienrat war blaß vor Schreck und Aerger. »Liebe Großmama,
ich bitte Sie dringend, machen Sie _mir_ daraus keinen Vorwurf mehr!«
rief er fast heftig. »Ich thue, was möglich ist, um diesen bodenlosen
Nichtswürdigkeiten auf die Spur zu kommen und sie zu verhindern,
aber der Thäter versteckt sich hinter der Phalanx von zweihundert
erbitterten Menschen;« -- er zuckte die Achseln -- »da läßt sich gar
nichts thun. Ich habe deshalb auch Henriette wiederholt gebeten, ihre
Tauben einzuschließen, bis die Aufregung vorüber ist.«
»Also wir werden in der That die Nachgebenden sein müssen? Es wird
immer besser,« sagte die alte Dame sehr anzüglich; sie zog und rückte
an der Schleierwolke, die ihr um Gesicht und Hals lag, als ob ihr die
innere Aufregung unerträglich warm mache. »Sagst du dir nicht selbst,
Moritz, daß eine solche Gleichgültigkeit die Verwegenheit geradezu
herausfordert? Man wird das geduldete Taubenschießen nachgerade
langweilig finden und sich edleres Wild aussuchen.«
[Illustration]
»Warum denn so zartverblümt, Großmama? Die Partei selbst nennt das Ding
ziemlich unverfroren beim Namen,« warf Flora geflissentlich leicht und
nachlässig hin. »Meine Jungfer hat heute morgen beim Oeffnen der Läden
wieder einmal einen Drohbrief auf meinem Fenstersims gefunden; sie sah
sich gezwungen, ihn mit der Feuerzange anzufassen und mir zur Einsicht
hinzuhalten -- so unappetitlich war der Wisch; er liegt in ihrer
Stube, für den Fall, daß du ihn zu deinen Akten legen willst, Moritz.
Neues enthält er selbstverständlich nicht -- immer dieselben Phrasen!
Wissen möchte ich aber doch, weshalb die Menschen gerade mich so ganz
besonders mit ihrem Klassenhasse beehren.«
Käthe konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß es sich hier
wohl weniger um den Haß gegen die bevorzugte Klasse als gegen die
Persönlichkeit selbst handle. Sie begriff, daß diese herrische
Erscheinung in fürstlich reichen Gewändern, mit den verächtlichen
Linien um den Mund und der männlich schroffen Redeweise von
Fernstehenden leicht für alle vom Hause ausgehenden Maßregeln
verantwortlich gemacht wurde.
»Die gehässigen Angriffe sind doppelt lächerlich durch den Umstand, daß
gerade ich mich für die soziale Frage lebhaft interessiere,« fuhr Flora
unter kurzem Auflachen fort; »ich habe schon manchen zu gunsten der
Arbeiterklasse wirkenden Artikel in die Welt hinausgeschickt.«
»Mit dem Schreiben allein macht man das heute nicht mehr,« sagte Doktor
Bruck vom Fenster herüber. »Die besten Federn haben sich stumpf daran
geschrieben, und die Wogen der Bewegung gehen immer höher und schwemmen
die Theorien vom Papier.«
Aller Augen richteten sich auf ihn. »Ei, und was soll man thun?« fragte
Flora spitz.
»Sich die Leute und ihre Forderungen selbst ansehen. Was nützt es, wenn
du aus dem Heer von Denkschriften und Broschüren über dieses Problem
das ‚Für und Wider‘ an deinem Schreibtische mühsam zusammensuchst --«
»O, bitte --« In ihren Augen entzündete sich plötzlich ein grelles
Feuer.
»Und Totes zu dem vielen Toten wirfst?« fuhr er unbeirrt fort. »Deine
Artikel werden diesen Leuten schwerlich zu Gesicht kommen, und wenn
auch -- was helfen sie ihnen? Worte bauen ihnen keine Heimstätte.
Gerade den _Frauen_ in den Familien der Arbeitgeber fällt ein
bedeutender Teil der Lösung zu, ihrem milden Einfluß auf das härtere
Männergemüt, ihrer sanften hilfreichen Vermittelung, ihrer Klugheit.
Aber die wenigsten geben sich die Mühe, darüber nachzudenken oder,
was ich in erster Linie von ihnen verlange, ihr Herz zu befragen. Sie
nehmen die Mittel zur Bestreitung ihrer heutzutage fast schrankenlosen
Bedürfnisse aus den Händen der Männer, ohne zu erwägen, daß vor ihrer
Thür alle Elemente zu einem furchtbaren Konflikt stetig emporwachsen.«
Die Präsidentin strich mit ihren schlanken Händen langsam über die
atlasspiegelnde Fläche ihres Ueberkleides, und ohne auf den letzten
Ausspruch einzugehen, sagte sie gelassen: »Ich gebe sehr gern; nur bin
ich nicht gewöhnt, meine Almosen direkt in die Hand der Heischenden
zu legen, und so mag es kommen, daß man nicht weiß, wie viel und wie
oft ich gebe. Dieses Mißkennen läßt mich übrigens sehr ruhig, selbst
wenn es mich verantwortlich machen möchte für die Roheiten, denen wir
augenblicklich ausgesetzt sind.«
»Die Roheiten sind abscheulich. Niemand kann sie strenger verurteilen
als ich,« versetzte Doktor Bruck ebenso kalt; »aber --«
»Nun, ‚aber‘? Sie behaupten schließlich doch, wir Frauen im Hause des
Arbeitgebers hätten sie provoziert?«
»Ja, Frau Präsidentin, Sie haben den Arbeitgeber abgehalten, seinen
Leuten helfend entgegenzukommen, die Forderung der Arbeiter aber
war keine unbillige, keine jener häßlichen Ausschreitungen, welche
gegenwärtig die an sich vollkommen gerechte Sache der Partei verdunkeln
und anrüchig machen -- sie wollten auch kein Almosen, sondern mit
Hilfe des Fabrikherrn sich selbst emporarbeiten zu einer beglückteren
Existenz.«
Die alte Dame klopfte ihm leicht auf die Schulter und sagte freundlich,
aber doch in jenem bestimmten, kurz abfallenden Tone, mit welchem
sie das Gespräch abzubrechen wünschte: »Sie sind ein Idealist, Herr
Doktor.«
»Nur ein Menschenfreund,« versetzte er flüchtig lächelnd und griff nach
seinem Hute.
Seine Braut hatte ihm längst den Rücken gewendet und war in das andere
Fenster getreten. Kein Frauengesicht war mehr geeignet, den Ausdruck
der Feindseligkeit anzunehmen, als dieses Profil, das die Lippen so
fest über den Zähnen zu schließen vermochte ... Der Mann dort hatte
mit dürren Worten gesagt, sie suche an ihrem Schreibtische mühsam
fremde Ideen zusammen -- unerhört, bei _ihrer_ Begabung! Sie hatte
allerdings nie ihre feinen Sohlen mit dem Arbeitsstaub in des Schwagers
Spinnerei befleckt; sie wußte auch in der That nicht, wie es bei den
Leuten aussah, die das dringende Verlangen nach Reformen unter _eine_
Fahne rief und sie zu einer Macht anwachsen ließ, die sich wie ein Keil
zwischen die gesellschaftliche Ordnung schob und sie zu zersprengen
drohte. Aber wozu denn auch? Mußte man denn alles in Wirklichkeit
gesehen und erlebt haben, was man schilderte? Lächerlich! Wozu waren
denn Geist und Phantasie da? ... Bis heute hatte der Doktor ihre
litterarischen Bestrebungen mit keiner Silbe berührt -- »aus Scheu und
Respekt« hatte sie gedacht, und nun griff er dieses Wirken plötzlich
so plump, so verständnislos an -- _er_! Sie rang schwer mit sich. »Ich
begreife nicht, Großmama, wie du dich zu der Bezeichnung ‚Idealist‘
versteigen konntest,« rief sie mit funkelnden Augen herüber. »Ich
dächte, Bruck hätte vorhin das große Thema trocken genug beleuchtet.
Nach seinem Programme sollen wir schleunigst Komfort und Eleganz
abstreifen und in Sack und Asche gehen; wir sollen uns beileibe nicht
geistig beschäftigen, sondern Volkssuppen kochen. Daß wir die Stille
und Abgeschlossenheit unseres Parkes verteidigen, ist Todsünde -- es
versteht sich von selbst, daß wir die hoffnungsvolle Schuljugend direkt
unter unseren Fenstern turnen und lärmen lassen etc., und wenn wir
nicht brav sind und schön folgen, da stellt er uns ein Gespenst vor
die Thür.« -- Sie lachte kurz und hart auf. »Uebrigens verrechnet sich
solch ein Menschenfreund mit seinen Sympathien ganz gewaltig. Sollte
es wirklich zu dem geweissagten Zusammenstoß kommen, dann wird das
Gespenst mit ihm ebenso kurzen Prozeß machen wie mit uns auch.«
»Ich habe nicht viel zu verlieren,« sagte der Doktor mit einem halben
Lächeln.
Flora kam raschen Schrittes herüber. Ihre Löckchen flogen und die
schwere Samtschleppe fegte den Marmorfußboden.
»O, seit heute morgen darfst du das nicht mehr sagen, Bruck,«
entgegnete sie beißend. »Bist ja Hausbesitzer geworden, wie mir Moritz
mitteilte. Allen Ernstes -- hast du wirklich deine Drohung von gestern
wahr gemacht und die entsetzliche Baracke drüben am Flusse erstanden?«
»Meine _Drohung_?«
»Nun, anders kann ich's doch nicht nennen, wenn du mir ein solches
Schreckbild für die Zukunft hinstellst? Du hast, wie du es gestern
selbst bezeichnet, deine Ersparnisse in einem Grundstücke angelegt,
das für mich das Nonplusultra der Einöde, der Aermlichkeit und der
abstoßenden Häßlichkeit ist. Zur Augenweide allein hast du doch
das Kleinod unmöglich an dich gebracht, und deshalb frage ich dich
ernstlich: Wer soll darin wohnen?«
»Du brauchst es mit keinem Fuße zu betreten.«
»Das werde ich auch niemals -- darauf kannst du dich verlassen. Eher
--« Es war ein schwer zu enträtselnder Blick, mit welchem der Doktor
unterbrechend die Hand hob, aber dieser verdunkelte Blick hatte
etwas so gewaltig Zwingendes, daß der rote Mund des schönen Mädchens
unwillkürlich verstummte.
»Ich habe das Haus für meine Tante bestimmt und werde nur ein
Zimmer für mich reservieren, das mir für meine freien Stunden einen
ungestörten Arbeitswinkel im Grünen bietet,« sagte er gleich darauf
weit ruhiger, als man nach seinem vorherigen Gesichtsausdrucke hätte
erwarten können.
»Ah, viel Vergnügen dazu! Also ein spezielles Sommerasyl! -- Und im
Winter, Bruck?«
»Im Winter werde ich mich mit dem grün tapezierten Zimmer begnügen
müssen, das du in unserer zukünftigen Wohnung selbst für mich bestimmt
hast.«
»Aufrichtig gestanden -- ich mag die Wohnung nicht mehr. Gerade um
dieses Eckhaus tost der Straßenlärm unaufhörlich und wird mich stören,
wenn ich arbeiten will.«
»Nun, dann werde ich dem Hauswirte Abstandsgeld zahlen und eine andere
suchen,« entgegnete er mit unerschütterlichem Gleichmut.
Flora wandte sich achselzuckend von ihm weg und zwar so, daß Käthe
ihr voll ins Gesicht sehen konnte. Fast schien es, als stampfte die
Braut den Boden. Sie warf den Kopf in den Nacken und sah mit einem
Augenaufschlage nach der Zimmerdecke, als ob sie verzweifelt ausrufen
wollte: »Gott im Himmel, ist ihm denn gar nicht beizukommen?«
[Illustration]
In diesem Augenblicke schellte die Präsidentin so stark, daß das
Geklingel scharf und anhaltend vom Ende des langen Korridors
hereindrang. Die alte Dame sah streng und beleidigt aus -- in _ihrem_
Beisein durfte es zu solchen taktlosen Auseinandersetzungen nicht
kommen. »Du magst nicht gerade vorteilhaft über die Gastfreundschaft
und den guten Ton im Hause deines Schwagers denken, Käthe,« sagte sie
zu dem jungen Mädchen. »Man hat dir weder die Reisejacke abgenommen,
noch einen Stuhl zum Niedersetzen angeboten; statt dessen mußt du,
gleichviel ob du Lust hast oder nicht, unnütze Erörterungen anhören
und auf dem kalten Steinfußboden stehen, während dort die dicken,
warmen Teppiche liegen.« Sie zeigte nach den zwei entgegengesetzten
Zimmerecken, welche Gruppen von Polstermöbeln und in der That kostbare,
schwellende Smyrnateppiche ausfüllten, dann gab sie dem eintretenden
Bedienten Befehle für die Hausmamsell hinsichtlich der schleunigen
Instandsetzung einiger Gastzimmer.
Damit war die atemlose, herzbeklemmende Spannung gelöst, welche sich
bei dem zugespitzten Wortwechsel der Zuhörenden bemächtigt hatte. Der
Kommerzienrat beeilte sich, der Angekommenen das Jackett abzunehmen,
und Henriette verließ mit einer tiefen Fieberglut auf den eingefallenen
Wangen den Wintergarten, um ihre Taube fortzutragen.
»Wollen Sie nicht zum Thee bleiben, Herr Doktor?« fragte die
Präsidentin den Arzt, der sich abschiednehmend vor ihr verbeugte.
Er entschuldigte sich mit einigen Krankenbesuchen, die er noch zu
machen habe -- Gründe, bei welchen es sarkastisch um Floras Lippen
zuckte, aber das schien er nicht zu bemerken; er reichte ihr die Hand,
ebenso dem Kommerzienrate, vor Käthe aber neigte er sich ritterlich
ehrerbietig, durchaus nicht wie vor einer jungen, neuen Schwägerin; für
ihn war und blieb sie vorderhand das Mädchen aus der Fremde und die
anderen schienen diese Auffassung ganz in der Ordnung zu finden ... Mit
ihm zugleich verließ Henriette das Zimmer.
»Hör' mal, Flora, für künftig verbitte ich mir dergleichen
unerquickliche Szenen, wie wir sie eben mit ansehen mußten,« sagte die
Präsidentin stirnrunzelnd mit sehr verschärfter Stimme, nachdem sich
die Thür hinter den Hinausgehenden geschlossen hatte. »Du hast dir die
vollkommene Freiheit gewahrt, auf dein Ziel loszusteuern, wie es dir
paßt und gefällt -- gut -- von meiner Seite ist dir bisher nicht das
geringste in den Weg gelegt worden, aber ich protestiere energisch,
sobald du Lust zeigst, die widerwärtige Sache vor _meinen_ Augen
auszufechten. Wie gesagt, ich verbitte mir das ernstlich! Soll ich dir
wiederholen --«
»Liebe Großmama,« unterbrach sie die junge Dame persiflierend und
verächtlich, »wiederhole nicht! ... Du willst doch nur sagen: ‚In
diesem Hause kann gemordet werden; es kann brennen -- gleichviel, wenn
nur die Frau Präsidentin Urach leuchtend wie ein Phönix aus der Asche
hervorgeht‘ ... Pardon, Großmama! Ich will es in meinem ganzen Leben
nicht wieder thun. Das Haus ist ja groß genug; man kann auch außer
deinem Gesichtskreise auf die Mensur gehen. Ach, wenn es mir nur nicht
so entsetzlich schwer gemacht würde! Ich fürchte, eines schönen Tages
verliere ich doch die Geduld --«
»Flora!« rief der Kommerzienrat mit einer Art von bittender Mahnung.
»Schon gut, mein Herr von Römer! Ich habe selbstverständlich jetzt auch
Rücksicht auf deine neue Standeswürde zu nehmen. Gott, was alles lastet
auf meinen armen Schultern! Und womit verdiene ich die Heimsuchung, daß
sich die Herzen wie die Kletten an mich hängen?«
Sie griff nach ihrem Hute und nahm die Samtschleppe auf, um zu gehen;
vor Käthe hielt sie den Schritt an.
»Siehst du, mein lieber Schatz,« sagte sie und legte der jungen
Schwester den Zeigefinger unter das Kinn, »so geht es dem armen
Frauenzimmer, wenn es sich für einen kurzen Moment mit der
Sentimentalität einläßt und zu lieben sich einbildet. Es hat plötzlich
den Fuß im Tellereisen und sieht wehklagend ein, daß die abgedroschene
gute Lehre: ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet!‘ eine abscheuliche neue
Wahrheit enthält -- denke an deine Schwester, und nimm dich in acht,
Kind!«
Damit ging sie hinaus, und Käthe sah ihr mit großoffenen Augen
nach. Was für eine seltsame, unbräutliche Braut war doch die schöne
Schwester! --
[Illustration]
6.
Nahe der westlichen Grenze des Parkes lagen die Ueberreste des
ehemaligen alten Herrenhauses Baumgarten. Von dem ganzen einst
wohlbefestigten und mit Wassergräben umgebenen Ritterschlosse stand
nur noch ein Zimmerturm von bedeutenden Dimensionen, an den sich der
geschwärzte Mauerrest eines Seitenflügels festklammerte. Vor sechzig
Jahren war der Bau niedergerissen worden. Der damalige Besitzer,
meist im Auslande lebend, hatte das Herrenhaus im modernen Stil als
Villa Baumgarten an das entgegengesetzte Ende des Grundstückes, an
die Promenade, verlegt, um bei seinem zeitweiligen Aufenthalt in der
Heimat »unter Menschen zu sein«, und die schön behauenen Granitblöcke
des alten Schlosses beim Neubau verwenden lassen. Den Turm mit seinem
Ruinenanhängsel hatte man als Schmuck der Parkanlagen respektiert. Er
erhob sich auf einem grün berasten künstlichen Hügel; um seine Basis
drängte sich verwildertes Buschwerk; auf dem anstoßenden Mauerstück
mit seinem mächtigen Fensterbogen hatten sich Stachelbeersträucher und
Heckenrosen eingenistet, und der wilde Hopfen kletterte ihnen nach und
streute grüne Ornamente über das dunkle Gestein.
Diese Ruine inmitten eines Wasserringes hatte jedenfalls ihren Zweck
als Dekoration erfüllt, aber nach dem damaligen Besitzer war eine
praktische nutzenheischende Generation gekommen -- sie hatte das Wasser
aus dem Graben abgeleitet und in den vortrefflichen Schlammboden Gemüse
gepflanzt. Das war nach dem Ausspruche des Schloßmüllers das einzige
Vernünftige gewesen, das er bei seinem Ankauf im Parke vorgefunden,
und als solches hatte er auch das einträgliche Stückchen Boden sofort
zur eigenen Benutzung reklamiert. Käthe war als Kind sehr gern in
dem kleinen Thale, wie sie den Graben nannte, umhergewandert. Das
himmelschreiende Attentat auf die Romantik und den historischen Nimbus
des ehemaligen Wasserschlosses war ihr selbstverständlich damals
nicht zum Bewußtsein gekommen; sie war mit Suse stundenlang pflückend
durch die Wildnis der Stangenbohnen und jungen Erbsen geschlüpft,
ahnungslos, daß bei einem plötzlichen Durchbruche vom Flusse her die
Fluten hereinströmen und sie und Suse und die ganze grüne Herrlichkeit
verschlingen könnten.
Heute nun, am fünften Tage nach ihrer Ankunft, betrat sie zum
erstenmal wieder diese entlegene Parkpartie und stand wie geblendet.
Noch hingen die Hopfenranken blätterlos wie ein fahles Netz um die
Mauern, und der Hügelrasen, winterdürr und zerwühlt, zeigte noch keine
grüne Halmspitze, aber die Aprilsonne lag breit und glänzend auf dem
ruinengekrönten Hügel und hob ihn malerisch von dem Tannenwalde, der
im Hintergrunde sich über eine lange Bergwand hindehnte. Nicht eine
Spur von frischem Mörtel zeigte die aufbessernde Menschenhand an den
Mauern; kein neuer Stein war eingefügt worden, aber es schien auch
keiner zu fehlen; nur die mächtigen Fensterhöhlen des Turmes, vor
denen früher vermorschte Holzläden gelegen, gähnten weit offen, und es
glitzerte so seltsam aus den Steinrahmen, als webe ein abgesperrter
Sonnenstrahl drin im tiefen Dunkel ein geheimnisvolles Goldgespinst.
Und neues liebliches Leben regte sich um den verfallenen Stammsitz
derer von Baumgarten; über der Mauerkrone des Turmes kreisten in
graziösem Fluge weiße und bunte Tauben, und aus dem Dickicht, unter der
uralten Nußbaumgruppe hervor, die den Turm nach Süden hin flankierte,
kamen lautlos zwei Rehe und wandelten langsam über den Rasenhang. Das
kleine Thal aber war verschwunden. Ein breiter funkelnder Wassergürtel
umflutete wieder wie vorzeiten den Hügel, alles, was drunten gegrünt
und geblüht und emporgestrebt, nivellierend, als habe die regsame
Menschenkraft nie seinen stillen Grund usurpiert gehabt.
Eine Brücke, in Ketten hängend, schwang sich über den Graben, und
drüben, vor ihren schmalen Ausgang quer hingestreckt, lag eine riesige
Bulldogge; den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, beobachtete sie mit
wachsamem Auge das jenseitige Ufer.
»Da siehst du nun Moritzens Tuskulum, Käthe,« sagte Henriette, die an
Käthens Arm hing. »Einst Burgverlies mit den üblichen Marterwerkzeugen
und Todesseufzern, vor noch vier Monaten unbestrittener Wohnsitz
verschiedener Eulen und Fledermäuse und meiner Tauben, und jetzt Salon,
Schlafgemach und sogar Schatzkammer des Herrn Kommerzienrats von Römer
... Gelt, schwarz genug sieht das Ding noch aus, und man meint, der
nächste Sturmwind müsse das Mauerstück über den Haufen blasen, aber das
alles ist niet- und nagelfest, und gerade dort unter den überhängenden
Steinen haust Moritzens Diener -- der Mensch wohnt beneidenswert.«
Flora war auch mitgekommen. »Wem's gefällt!« sagte sie trocken und
achselzuckend. »Uebrigens eine merkwürdig originelle Idee für einen
Krämerkopf -- meinst du nicht, Käthe?« Sie schritt an den Schwestern
vorbei über die Brücke. Ein Stoß ihres schönen Fußes scheuchte den
Hund aus dem Wege, dann stieg sie den Rasenhang hinauf. Schüchtern
flohen die Rehe vor der seidenrauschenden Erscheinung; die Tauben
flatterten geängstigt von den unteren Fenstersimsen, und der Hund
knurrte widerwillig und ging der herrischen Dame um einige Schritte
langsam nach ... Wie sie droben stand, die schlanken Hände auf das
Schloß der eisenbeschlagenen Turmpforte gelegt und den Kopf mit dem
metallisch funkelnden Blondhaar über die Schultern zurückwendend, im
hellgrauen, silberflüssig schimmernden Seidenkleid mit Puffärmeln und
seitwärts aufgenommener Schleppe, da war sie das leibhaftige Sagenbild
der schönen Kaisertochter im Kyffhäuser.
Unwillkürlich glitt Käthens Blick von ihr weg auf Henriette, die
sich dicht an ihre Seite schmiegte, und das Herz that ihr weh. Die
hinfällige Gestalt mit ihren eckigen Linien in dem knapp anliegenden
Ueberkleid von glänzenden Farben balancierte förmlich auf übermäßig
hohen Absätzen. Sie atmete so kurz und hastig und sah so grellbunt, so
kokett und dadurch fast lächerlich aus. Aber sie hatte in den letzten
zwei Tagen an häufig wiederkehrenden Erstickungsanfällen gelitten,
und sie _wollte_ doch nicht krank sein -- die Welt sollte nun einmal
nicht wissen, daß sie leide. Sie konnte mitleidigen Blicken oder
teilnehmenden Bemerkungen gegenüber so zornig und beißend werden,
und doch hatte sie schwerer als sonst gelitten; denn Doktor Bruck,
der sie behandelte und ihr stets Linderung zu verschaffen wußte, war
verreist, und zwar wenige Stunden nach seinem neulichen Weggange
aus der Villa; er sei von einem Freunde telegraphisch nach L.....g
berufen worden und werde mehrere Tage ausbleiben, hatte er seiner
Braut in einem kurzen Billet mitgeteilt. Der ärztliche Beistand des
Medizinalrats von Bär aber war von der Kranken energisch zurückgewiesen
worden -- »lieber sterben!« hatte sie, mit ihrer Erstickungsangst
kämpfend, geflüstert. Käthe hatte die Schwester fast allein gepflegt
und hütete sie seitdem mit zärtlicher Sorgfalt. Jetzt legte sie ihren
Arm sanft um die gebrechliche Gestalt und führte sie über die Brücke,
nach der Ruine.
Wie oft war sie als Kind den Rasenabhang hinaufgelaufen und durch das
Gestrüpp gekrochen! Wie oft hatte sie durch das weite Schlüsselloch
der Turmpforte gelugt! In den Kellern des Turmes sollte noch Pulver
aus dem Dreißigjährigen Kriege liegen, und an den Wänden herum hänge
»lauter grausiges Zeug«, hatten die Dienstleute gesagt. Aber es war
immer rabenschwarze Finsternis drin gewesen, und eine dicke, schwere
Luft hatte das lauschende Kindergesicht erschreckend angehaucht; hatten
nun gar ein Paar Eulenflügel sich von droben geregt, dann war sie,
wie von Furien gejagt, den Hügel hinabgesprungen und hatte sich mit
beiden Händen, von Grauen geschüttelt, an Suses Schürze angeklammert
... Jetzt stand sie drin, am Fuße einer teppichbelegten schmalen
Wendeltreppe, und bestaunte mit großen Augen die Wunder, die das Geld
des reichen Kaufmanns bewirkt. Draußen scheinbar zusammensinkendes
Trümmerwerk, und innen ein vollkommenes Ritterheimwesen. Der einst mit
den Augen nicht zu durchdringende Raum war ein weites Gewölbe, das
mit seinen starken Steinbögen die ganze Last der oberen Stockwerke
trug. An den Wänden hing noch »das grausige Zeug«, Helme und Waffen,
aber es war geschmackvoll geordnet, und die blanken Flächen sprühten
den Sonnenschein zurück, der blendend und ungehindert durch die
Fenster fiel. Man hatte, um dem Turme von außen den Charakter der
Ruine zu belassen, selbst das Fensterkreuz vermieden und ungebrochene
Spiegelscheiben in die dicken Mauern eingesetzt -- daher das
wunderliche Glitzern tief drinnen ... Der Bau war ein sogenannter
Bergfried, in Zeiten der höchsten Gefahr ein Zufluchtsort für die
Burgbewohner gewesen. Als solcher hatte er damals in seinen oberen
Gemächern jedenfalls nur die allerprimitivste Einrichtung enthalten,
jetzt aber durfte er sich an Prachtentfaltung getrost mit den
ehemaligen, nun längst von der Erde verschwundenen Bankettsälen im
Haupthause messen.
Als die beiden Schwestern in das erste Zimmer des oberen Stockwerkes
traten, da lehnte Flora bereits, eine glimmende Cigarette in der
Rechten, graziös nachlässig zwischen den purpurfarbenen Kissen eines
Ruhebettes und sah zu, wie der Kommerzienrat in der silbernen Maschine
den Nachmittagskaffee braute. Er hatte die drei Schwägerinnen dazu
eingeladen.
»Nun, Käthe?« rief er dem jungen Mädchen entgegen und deutete mit dem
ausgestreckten Arme bezeichnend rundum über das Neugeschaffene.
[Illustration: »Nun Käthe?« rief er dem jungen Mädchen entgegen und
deutete mit dem ausgestreckten Arme bezeichnend rundum über das
Neugeschaffene. (S. 75.)]
Sie stand auf der Schwelle, einen schwarzen Schleier lose über die
goldbraunen Flechten geworfen, hellen, lachenden Auges und so hoch und
kraftvoll, als entstamme sie selbst dem alten Reckengeschlecht derer
von Baumgarten.
»Hochromantisch, Moritz! Die Täuschung ist vollkommen,« antwortete sie
heiter. »Der da unten,« sie zeigte durch das nächste Fenster hinab auf
den flimmernden Wassergürtel, »könnte einen durch seine ernsthafte
Verteidigungsmiene erschrecken, wüßte man nicht, daß ein Kommerzienrat
des neunzehnten Jahrhunderts dahinter sitzt.«
Er zog die feinen Augenbrauen finster zusammen, und sein Blick streifte
unsicher ihr Gesicht -- sie bemerkte es nicht. »Hübsch und löblich
ist es ganz gewiß nicht gewesen, daß sich Kohl und Rüben früher aus
seinem Grunde breit machen durften,« fuhr sie fort; »das weiß ich nun,
wenn mich auch das kleine Thal in der Erinnerung anheimelt. Aber ist
es nicht ein interessantes, wunderliches Spiel des Wechsels, daß der
Kaufmann die Schranken erneut, die das alte Rittergeschlecht zuletzt
selbst mißachtet und als überflüssig entfernt hat?«
»Vergiß nicht, meine liebe Käthe, daß ich nunmehr der Ritterschaft
selbst angehöre!« versetzte er gereizt und in sehr pikiertem Tone.
»Traurig genug, daß sich die alten Geschlechter dem Zeitgeist anbequemt
und ehrwürdige Institutionen achtlos aufgegeben -- nicht ein Jota
durften sie fallen lassen. Es ist ein unverantwortlicher Raub an uns,
die wir die Nachfolgenden sind.«
»Schwachkopf! Er ist katholischer als der Papst,« murmelte Henriette
ergrimmt; sie schritt tiefer ins Zimmer, während Käthe mechanisch
die Thür hinter sich fester zuzog, ohne den halb erschrockenen, halb
nachdenklichen Blick von dem sichtlich erregten Manne am Kredenztische
wegzuwenden. Sie hatte ihn als Kind gern gehabt, wie alle Menschen, die
mit ihm verkehrten. Früh verwaist, aus einer braven Handwerkerfamilie
stammend, von bestechend schönem Aeußern und einschmeichelndem Wesen,
war er in das Geschäft des Bankier Mangold als Lehrling gekommen
und schließlich dessen Schwiegersohn geworden. Käthe wußte, daß er
ihre Schwester Klothilde bis zu deren frühem Tode auf den Händen
getragen; sie hatte ihn immer nur fügsam bis zur Unterwürfigkeit ihrem
Vater gegenüber gesehen, auch war er stets gleichmäßig freundlich
und hilfreich selbst gegen die untersten Dienstleute gewesen -- und
jetzt schwebte um den schön geschwungenen Männermund dort ein scharf
ausgeprägter Zug von widerwärtigem Hochmut. Der Seilersohn stieß
verächtlich die Leiter um, auf der er emporgeklommen; sein Glücksrausch
blendete ihn dergestalt, daß er in den Jargon der eingefleischtesten
Krautjunker verfiel.
Henriette hatte sich auf einen niedrigen, polsterbelegten Schemel
gekauert, und die Arme um die Kniee legend, sagte sie beißend:
»Liebster Moritz, ich bitte dich, thue nicht so entsetzlich
herausfordernd! Es könnte irgend eine alte Ahnfrau drüber aufwachen und
sehen, wie der tapfere Nachfolger und Burgherr Kaffee kocht, und das
züchtige Burgfräulein bequem dort liegt und Cigaretten raucht -- na,
die würde Augen machen!«
Flora veränderte ihre Stellung nicht um eine Linie; sie nahm nur
langsam die Cigarette aus dem spöttisch lächelnden Munde. »Geniert
es dich, Schätzchen?« fragte sie in verstellt phlegmatischem Ton und
stäubte mit dem Ringfinger die Asche ab.
»_Mich_?« -- Henriette lachte hart auf. »Du weißt, daß ich mich durch
dein geniales Thun und Treiben nicht genieren lasse -- die Welt ist
weit, Flora; man kann sich aus dem Wege gehen und --«
»Pst, nicht so bissig, Kleine! Ich fragte aus purem Mitleid, weil du
brustkrank bist.«
Ein fliegendes Rot erschien und verschwand in jähem Wechsel auf den
schmalen Wangen der Kranken, und in ihren Augen funkelten Thränen
-- sie bezwang sich mühsam. »Danke schön, aber sorge du zuerst für
dich selber, Flora! Ich weiß, es zuckt dir in allen Fingern, das
qualmende Ding da zum Fenster hinauszuwerfen, denn es beräuchert
deine Perlenzähne wie Meerschaum und jagt dir einen Schauder des
Abscheues nach dem anderen über die Haut -- trotz alledem diese
heroische Selbstüberwindung! Aus Emanzipationssucht? Bah, du hast
viel zu guten Geschmack, Flora, um zu den allerordinärsten Requisiten
des Blaustrumpfes zu greifen; auch bringst du dieser Neigung, die ja
schließlich doch nur auf öffentliche Verherrlichung ausgeht, kein
Opfer, das verhäßlicht --«
»Schau, was sie für eine hohe Meinung von mir hat, die liebe Seele!«
sagte Flora, unter ironischem Auflachen den Kopf schüttelnd, zu dem
Kommerzienrat.
»Du übst dich im Rauchen und wirst das vielleicht drei bis vier Wochen
konsequent durchführen,« fuhr Henriette unbeirrt, aber mit sichtlicher
Erbitterung fort, »weil es Leute gibt, die Tabaksrauch im Frauenmunde
verabscheuen wie Pesthauch. Du suchst Händel, willst erzürnen, es ist
der letzte Hebel, den du ansetzest --«
Flora richtete sich aus ihrer halb liegenden Stellung auf. »Nun, und
wenn, mein Fräulein?« fragte sie stolz zurückweisend. »Ist es nicht
_meine_ Sache, ob ich gefallen oder abstoßen will?«
»Weit entfernt! In deinem Falle bleibt dir nur noch die Aufgabe, zu
beglücken,« brauste Henriette empört auf.
»Lächerlich! Trage ich hier vielleicht den Ehering?« -- Sie zeigte auf
den elfenbeinweißen Goldfinger der Rechten. »Gott sei Dank, nein! ...
Uebrigens hast du am allerwenigsten Ursache, dich zu echauffieren und
eine Lanze einzulegen -- du bist krank, armes Ding, und mehr als je auf
deinen Arzt angewiesen, aber er zieht es vor, eine Vergnügungsreise zu
machen und auf die unmotivierteste Weise wochenlang fortzubleiben.«
Jetzt mischte sich auch der Kommerzienrat in den Wortwechsel der
erbitterten Schwestern. »Unmotiviert, Flora, weil er dir den Grund
seiner Reise nicht des langen und breiten mitgeteilt hat?« rief
er ärgerlich. »Bruck spricht nie über seinen Beruf und die damit
verknüpften Vorkommnisse, das weißt du. Er ist ohne Zweifel an ein
Krankenbett gerufen worden --«
»Nach L.....g, wo man berühmte Universitätsprofessoren haben kann?
Ha, ha, ha! Eine kostbare Idee! Mache dich doch nicht lächerlich mit
dergleichen Illusionen, Moritz! Uebrigens ist das ein Punkt, über den
ich grundsätzlich nicht mehr mit euch streite -- basta!« Sie streckte
ihre Rechte nach der Kaffeetasse aus und schlürfte den köstlich
duftenden Trank. Henriette aber schob grollend die gebotene Labung
zurück; sie stand auf und trat an die Glasthür, die auf die anstoßende
Ruine hinausführte. Das Mauerstück war der Rest einer Kolonnade, die
einst von dem ersten Stockwerk des Haupthauses in den Turm geführt
hatte; die zwei schön gewölbten, auf schlanken Säulchen ruhenden Bögen
bildeten jetzt eine Art Söller mit prachtvoller Fernsicht.
Henriette riß den Thürflügel auf, und die krampfhaft geballten Hände
gegen die Brust drückend, sog sie angstvoll gierig die frische Luft
ein, aber eine augenblickliche Erstickungsnot machte sich doch geltend.
Käthe und der Kommerzienrat eilten, die Leidende zu unterstützen; auch
Flora erhob sich. Sie warf unwillig die Cigarette in den Aschenbecher.
»Nun werden wohl die harmlosen Dampfwölkchen schuld sein müssen an dem
Anfall,« sagte sie geärgert, »aber ich weiß es besser. Du gehörtest
von Rechts wegen ins Bett, Henriette, und nicht in die trockene
Frühlingsluft hinaus, die für Leute deines Schlages wahres Gift ist
-- ich habe dich gleich gewarnt, aber du hast ja nie Ohren für einen
wohlgemeinten Rat und möchtest einem am liebsten weismachen, du
strotzest von Gesundheit wie ein Posaunenengel. Ebenso obstinat bist du
bezüglich der ärztlichen Hilfe --«
»Weil ich meine kranke Lunge nicht dem ersten besten Giftmischer
anvertraue,« ergänzte Henriette in mattem, aber sehr entschiedenem Tone.
»O weh, das geht meinem armen alten Medizinalrate an die Ehre,« rief
Flora lächelnd. Sie zog die Schulter empor. »Immerhin, Kind, wenn es
dir Vergnügen macht! Ich kann ja _auch_ nicht wissen, wie er seine
Mixturen mischt, so viel aber darf ich behaupten, daß er noch nie einem
Patienten ungeschickterweise nahezu -- den Hals abgeschnitten hat.«
Der Kommerzienrat fuhr mit bleichem Gesichte herum und hob
unwillkürlich die Hand, als wolle er sie auf den impertinenten,
lästernden Frauenmund pressen; er schien sprachlos -- sein Blick
streifte scheu Käthens Gesicht.
»Du Herzlose!« stieß Henriette hervor.
»Herzlos bin ich nicht, aber unerschrocken genug, böse Dinge beim
Namen zu nennen, selbst wenn die harten Worte auf eigene Wunden
zurückschlagen sollten. Wo bliebe dann auch das Verdienst der strengen
Wahrhaftigkeit? ... Denke an jenen schlimmen Abend und frage dich,
wer recht behalten hat! Ich wußte, daß ein tiefer Sturz aus den
Höhen fälschlich erträumter Berühmtheit erfolgen mußte -- er ist
erfolgt, zermalmender, rettungsloser als ich selbst gefürchtet,
oder wollt ihr auch die einstimmige Verurteilung von seiten des
Publikums wegdisputieren? Daß ich aber nicht mit stürzen will, wird
jeder begreifen, der mich kennt ... Ich kann nicht beschönigen und
vertuschen, wie es z. B. die Großmama aus dem Fundament versteht; ich
will es auch gar nicht. Keine Rolle ist lächerlicher als die jener
ahnungslosen Frauenseelen, die da noch öffentlich anbeten, wo, wie die
Welt sich zuzischelt, längst nichts mehr zu verehren ist.«
Sie schlug auch den anderen Thürflügel zurück und trat hinaus auf
den Söller. Sie hatte in leidenschaftlicher Steigerung gesprochen;
der bleiche Marmorton ihres vom blauen Frühlingshimmel sich scharf
abhebenden Römergesichts belebte sich unheimlich; mit den flimmernden
Augen voll abweisender Verachtung, mit den nervös bebenden Nasenflügeln
war sie die personifizierte brennende Ungeduld.
»Uebrigens hat es ja in seiner Hand gelegen, mich zu bekehren --
_wie_ hätte ich ihn dann verteidigen wollen mit Mund und Feder!« fuhr
sie fort, während sich ihre feinen Finger in das rasselnde Geflecht
verdorrter Schlingpflanzen verstrickten. »Aber er hat es vorgezogen,
auf meine erste und einzige dahin zielende Frage stolz wie ein Spanier
mit einem Eisesblicke zu antworten --«
»Diese Antwort sollte dir genug sein --«
»Ganz und gar nicht, mein lieber Moritz; ich finde sie sehr bequem
und wohlfeil, und in Bezug auf sprechende Blicke und Gesten bin ich
skeptisch -- ich verlange mehr ... Aber ich will dir zeigen, daß
mir der gute Wille nicht fehlt, indem ich dir hiermit noch einmal
wiederhole, was ich gleich zu Anfang verlangt habe: _Beweise_ mir und
der Welt, daß er seine Schuldigkeit gethan hat, denn du warst Zeuge!«
Er trat rasch von der Thürschwelle zurück und legte die Hand schützend
über die Augen -- das Sonnenlicht, das den Balkon grell überströmte,
belästigte ihn unerträglich. »Du weißt allzu gut, daß ich das nicht
in der Weise kann, wie du es forderst -- ich bin kein Mediziner,«
versetzte er mit tief herabgedrückter Stimme; sie verlor sich fast in
einer Art von Murmeln.
»Kein Wort mehr, Moritz!« rief Henriette. An ihrem Körper bebte
jede Fiber. »Mit jedem Verteidigungsversuch gibst du zu, daß diese
edle Braut einen Anschein von Berechtigung für sich hat, feig und
wankelmütig zu sein.« Ihre großen Augen, in denen das innere Fieber
aufglühte, richteten sich haßerfüllt auf das schöne Gesicht der
Schwester. »Im Grunde kann man nur wünschen, daß deine grausamen
Manöver möglichst rasch zum Ziele führen möchten, das heißt -- sei es
endlich einmal in dürren Worten ausgesprochen -- daß er infolge deiner
sichtlichen Entfremdung freiwillig das Verhältnis lösen hilft; denn er
verliert wahrlich nichts an deiner kalten Seele, die sich nur an äußere
Erfolge klammert, aber er liebt dich und wird weit eher mit vollem
Bewußtsein in eine unglückliche Ehe gehen, als sich von dir trennen --
das beweist sein ganzes Verhalten --«
»Leider,« warf Flora über die Schulter herüber ein.
»Und aus dem Grunde werde ich zu ihm stehen und deine Machinationen
vereiteln, wo ich kann,« vollendete Henriette mit zuckenden Lippen und
gesteigerter Stimme.
Der mitleidige Seitenblick, mit welchem Flora das tief erregte
gebrechliche Mädchen langsam maß, funkelte förmlich in grausamem Spott,
aber es war auch, als käme ihr bei dieser Musterung eine überraschende
Erkenntnis; sie legte plötzlich den rechten Arm um Henriettens
Schulter, zog die Widerstrebende an sich heran und flüsterte ihr mit
einem sardonischen Lächeln ins Ohr: »Beglücke _du_ ihn doch, Kleine!
Ich werde ganz gewiß keinen Einspruch erheben -- davor bist du sicher.«
Bis zu welchem frevelhaften Uebermute konnte sich doch solch eine eitle
Frauenseele versteigen, die sich gefeiert und heiß begehrt wußte! Käthe
stand nahe genug, um das Gezischel zu verstehen, und so passiv sie sich
auch bisher verhalten, jetzt sprühte ein ehrlicher Zorn aus ihren Augen.
Flora fing den Blick auf. »Schau, was das Mädchen für Augen machen
kann! Verstehst du denn keinen Spaß, Käthe?« sagte sie halb amüsiert,
halb betroffen. »Ich thue deinem verhätschelten Pflegling nichts,
obschon ich das gute Recht hätte, Henriettens kleine Bosheiten endlich
einmal derb abzufertigen ... Diese zwei Menschen,« sie zeigte auf den
Kommerzienrat und Henriette, »bilden sich ein, über meine Sitten wachen
zu müssen, und du, Jüngstes, eben aus dem Pensionsnest geschlüpft,
Häkel- und Stricktouren und ein paar französische Brocken im Kopfe,
hältst sofort zu ihnen und machst Front gegen mich -- Närrchen, meinst
du wirklich ein Urteil über deine Schwester Flora zu haben?« Sie
lachte belustigt auf und streckte die Hand gegen einen der Nußbäume
aus, von welchen eben eine Taube emporflog; der blendendweiße Vogel
stieg hoch in den flimmernden Himmel hinein. »Siehst du, Kleine, eben
noch hockte sie neben den anderen auf dem Aste dort, und die anderen
waren ihresgleichen -- und jetzt werfen ihre ausgebreiteten Flügel
förmlich Silberfunken, und in der einsamen blauen Höhe wird sie
eine selbständige stolze Erscheinung für die Menschenaugen drunten.
Vielleicht lernst du dermaleinst verstehen, auf welche feurige,
dürstende Menschenseele das Bild paßt. Apropos, Moritz,« unterbrach
sie sich lebhaft und winkte den Kommerzienrat zu sich heraus auf den
Söller, »dort hinter dem Gehölze muß ja wohl Brucks Acquisition, das
alte Wirtschaftsgebäude, liegen -- ich sehe starken Rauch über den
Bäumen --«
»Aus dem einfachen Grunde, weil Feuer auf dem Herde brennt,« versetzte
lächelnd der Kommerzienrat; »die Tante Diakonus zieht seit gestern ein.«
»In das verwahrloste Nest, wie es ist?«
»Wie es ist. Uebrigens war der Schloßmüller ein viel zu guter Wirt,
um seine Gebäulichkeiten verfallen zu lassen; in dem Hause fehlt kein
Nagel, kein Ziegel auf dem Dache.«
»Nun, Glück zu! Im Grunde ist die Sache so übel nicht. Die
vorweltlichen Ausstattungsmöbel der Tante und das Bild des seligen
Diakonus passen an die Wände; Platz genug für die Einmachbüchsen,
und das Backobst wird ja auch da sein, und das Scheuerwasser fließt
direkt und unerschöpflich am Hause vorbei.« Sie affektierte einen
leichten Nervenschauer und nahm wie unwillkürlich den reich garnierten
Kleidersaum auf, als fühle sie sich plötzlich auf einen frisch
gescheuerten Dielenboden versetzt. »Es wird gut sein, die Thüren zu
schließen,« sagte sie rasch in das Zimmer zurücktretend; »der Wind
trägt den Rauch und Dampf herüber. Puh!« -- ihre feinen Nasenflügel
vibrierten, sie fuhr mit dem Taschentuche durch die Luft -- »ich glaube
wahrhaftig, die gute Frau backt ihre unvermeidlichen Pfannkuchen noch
ehe sie einen Stuhl zum Niedersitzen im Hause hat -- sie kann nun
einmal das Schmoren und Backen nicht lassen.« Damit schlug sie die
Thürflügel zusammen.
Währenddem hatte Henriette still das Zimmer verlassen. Bei Floras
Geflüster war sie in jähem Aufschrecken emporgefahren wie jemand, der
sich, plötzlich erwachend, vor einem tiefen Abgrunde findet. Seitdem
hatte sie kein Wort mehr gesprochen, und nun war sie hinaufgestiegen
in das oberste Gelaß des Turmes, wo die Tauben und Dohlen nisteten.
Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme -- sie wußte, daß die Kranke
stets allein sein wollte, wenn sie sich stillschweigend aus dem Kreise
der anderen entfernte -- das Turmzimmer aber mit den dicken Wänden,
der erdrückenden Pracht und der gebieterisch auf und ab rauschenden,
kapriziösen Schwester erschien ihr beklemmend unheimlich; war es doch,
als fliege der Zündstoff zu Streit und Reibereien unausgesetzt durch
die Luft, in der Flora atmete. Das junge Mädchen beschloß deshalb,
rasch einen Gang zu Suse zu machen.
»Nun meinetwegen, da gehe in deine Mühle,« rief der Kommerzienrat
ärgerlich, nachdem er vergeblich versucht hatte, sie zurückzuhalten,
»aber erst sieh hierher!« Er zog seitwärts an einem schweren
Gobelinbehange -- dahinter, in einer tiefen Mauernische, stand ein
neuer Geldschrank. »Der gehört dir, du Gebenedeite; das ist dein
‚Bäumlein rüttle dich, wirf Gold und Silber über mich!‘« sagte er, und
seine Hand glitt förmlich liebkosend über das kalte Metall. »Alles, was
dein Großvater an Haus und Hof, an Wald und Feld besessen hat, da drin
liegt es, in Papier verwandelt. Diese Papiere arbeiten bienenfleißig
Tag und Nacht für dich. Sie ziehen unglaubliche Geldströme aus der
Welt in diesen stillen Winkel ... Der Schloßmüller hat seine Zeit wohl
begriffen -- das beweist sein Testament; aber wie fabelhaft seine
Hinterlassenschaft in der Form anwachsen wird, das hat er schwerlich
geahnt.«
[Illustration]
»Sonach bist du auf dem Wege, die erste Partie im Lande zu werden,
Käthe -- kannst wie im Märchen zu deinem Hochzeitsmahl den Speisesaal
mit harten Thalern pflastern lassen,« rief Flora herüber; sie lehnte
wieder zwischen den Polstern des Ruhebettes und hatte ein Buch in die
Hand genommen. »Schade um das Geld! Schau, du mußt nicht böse sein,
Kind, aber ich fürchte, du bist moralisch allzuviel gedrillt worden, um
mit Geist deinen Goldregen vor der Welt funkeln zu lassen.«
»Das wollen wir abwarten,« lachte das junge Mädchen. »Einstweilen
habe ich noch kein Recht, eigenmächtig auch nur einen Thaler da
herauszunehmen,« sie zeigte auf den Schrank; »aber in Bezug auf die
Schloßmühle möchte ich, wenn auch nur für einen Tag, majorenn sein,
Moritz!«
»Ist sie dir unbequem, schöne Müllerin?«
»Meine Mühle? So wenig unbequem wie mein junges Leben, Moritz! Aber
ich war gestern im Mühlengarten -- er ist so groß, daß Franz die an
die Chaussee stoßende Hälfte aus Mangel an Zeit und pflegenden Händen
vernachlässigen muß. Er will dir den Vorschlag machen, das Stück zu
verkaufen; es gäbe prächtige Bauplätze zu Villen und würde gut bezahlt
werden, meint er, ich aber finde, daß die Landhäuser ganz gut auch wo
anders stehen können, und möchte das Grundstück lieber deinen Leuten
geben, die gern in der Nähe der Spinnerei bauen wollen.«
»Ach -- verschenken, Käthe?«
»Fällt mir nicht ein. Du brauchst gar nicht so spöttisch mitleidig
zu lächeln, Moritz! Ich werde mich wohl in der Villa Baumgarten mit
‚Sentimentalität und Ueberspanntheit‘ blamieren! ... Uebrigens wollen
ja die Leute auch gar kein Geschenk oder Almosen, wie Doktor Bruck sagt
--«
»Ei, ‚wie Doktor Bruck sagt‘? Ist der auch schon _dein_ Orakel?« rief
Flora, aus den Kissen emporschnellend -- sie fixierte über das Buch
hinweg scharf, mit einem rätselhaft wechselnden Ausdrucke das Gesicht
der Schwester; es errötete allerdings für einen Augenblick tiefer, aber
die Augen erwiderten den blinzelnden Blick fest, mit kaltem Ernste.
»Ich weiß auch, welchen Wert das Selbsterworbene hat -- was ich mir
selbst erringen kann, ziehe ich dem bestgemeinten Geschenke weit vor,«
fuhr sie fort, ohne auf Floras Einwurf zu antworten; »und schon aus dem
Grunde sollen die Leute zahlen, genau das zahlen, was sie für deinen
Grund und Boden geben wollten.«
»Da machst du ja brillante Geschäfte, Käthe,« lachte der Kommerzienrat.
»Mein steriles Stück Uferland wäre schon mit der Summe, die darauf
geboten worden ist, schlecht genug bezahlt gewesen -- nun gar der
prächtige Gartenboden neben der Mühle! ... Nein, Kind, so gern ich auch
möchte -- mein vormundschaftliches Gewissen gestattet mir nicht, dich
auch nur für eine Stunde majorenn sein zu lassen.«
»Nun, da mögen sich die Baulustigen einstweilen behelfen, wie sie
können,« sagte sie weder überrascht, noch ärgerlich. »Ich weiß, ich
werde in drei Jahren darüber noch genau so denken wie heute, dann aber
kann es sich schon ereignen, daß ich auch noch den dummen Streich
mache, den Leuten das Baugeld ohne Prozente vorzustrecken.«
Sie grüßte ruhig lächelnd und ging hinaus.
[Illustration]
7.
Langsam stieg sie die gewundene Treppe hinab, die zur oberen Hälfte das
Mauerwerk so schmal durchschnitt, daß sich wohl nur der Schemen der
wandelnden Ahnfrau an dem Herabsteigenden vorbeizudrücken vermochte ...
Die arme Ahnfrau, hier hatte sie nichts mehr zu suchen, hier war sie
verscheucht, und wenn auch der neugebackene Edelmann sie kraft seiner
Besitzrechte reklamierte, wenn er auch, um der Auszeichnung willen, daß
die gespenstische weiße Frau sich um sein Wohl und Wehe kümmere, noch
einmal so tief in seinen strotzenden Geldsäckel griff, als ihm bereits
der Adel gekostet. Drunten hing es an den Wänden, das Rüstzeug ihres
ritterlichen Geschlechts, die Waffen, mit denen die alten Recken um
Ehre und Schande, um Gut und Blut gekämpft; die hatte sie allnächtlich
mit vorübergleitenden Händen gefeit und doppelt gesegnet, je mehr
Beulen und Scharten und unheimliche dunkle Flecken feindlichen Blutes
sie aufwiesen. Jetzt funkelten und gleißten sie feiernd am Nagel, und
das Rüstzeug des neuen Geschlechts im alten Turme waren -- die modernen
Geldschränke.
Ja, das seltsam fremdartige Element, das drüben in der Villa durch
alle intimen Familiengespräche zitterte -- das Geldfieber, der
Spekulationsgeist -- es war auch hierher in das ernsthaft kopierte
Ritterwesen verschleppt worden. Es wehte in der Luft; es schlich
treppab, treppauf, und dort die mächtigen Jahrhunderte alten Humpen auf
den Kredenztischen der Halle, sie waren Ironie in den weichen Händen
der Kouponschneider, wie die riesenhaften, neuaufgefrischten Riegel und
Vorlegeschlösser in grotesker Lächerlichkeit die eiserne Kellerthür
bedeckten -- sie hüteten die Champagnerflaschen des Kommerzienrats,
während droben Tausende hinter kaum erkennbarem, zierlichem Verschlusse
lagen. Das historische Pulver aus dem Dreißigjährigen Kriege lag auch
noch drunten, lediglich um deswillen von seiten des Kommerzienrats
geduldet, wie Henriette boshaft behauptete, um wißbegierige Besucher
nebenbei auch die kostbaren Weinsorten im kühlen trockenen Turmkeller
sehen zu lassen ... Und das war's, was Käthe den alten Heimatboden,
auf welchem ihre Kindheit sich abgespielt, fast unkenntlich machte,
dieses Sichsehenlassen, dieses Berechnen des Effektes nach außen in
kostspieligen Neuerungen, das fieberhafte Streben, die Welt auch wissen
zu lassen, daß das Postament, welches man erklommen, ein goldenes
sei -- das alles schlug den Geist der ehemaligen alten Firma Mangold
geradezu in das Gesicht; sie hatte nie ihren gediegenen Wohlstand als
»blendenden Goldregen« aus den altfränkischen Truhen aufsteigen lassen;
ebenso wenig durfte zu Bankier Mangolds Lebzeiten die Geldmacht im
Familienkreise dominieren; ein so pünktlicher Chef er auch in seinem
Comptoir gewesen, nie war ihm daheim ein Wort über Geldgeschäfte
entschlüpft. Und jetzt! Selbst die Präsidentin spekulierte; sie hatte
ihr kleines Vermögen von wenigen Tausenden auch in das große Glücksrad
geworfen, das heißt in Aktien angelegt, und fast unheimlich sah es aus,
wenn das Gesicht der sonst so kühl empfindenden Frau bei den immer
wiederkehrenden Geldgesprächen vor aufgestörter innerer Leidenschaft
rot bis über die Schläfe wurde ...
Käthe verließ den Turm und betrat die Brücke. Sie bog sich einen
Augenblick über das Geländer und sah forschend in die Wasserflut, als
müßten die alten Bekannten, die Zwergobstbäumchen und Beerensträucher,
noch an ihren Plätzen stehen, aber sie blickte nur in ihr eigenes
Gesicht mit dem Diadem der dicken braunen Flechte über der Stirn --
dieses Mädchen hatte die wundersame Eigenschaft, der Goldfisch der
Familie zu sein; das wurde ihr täglich gesagt, als solcher wurde sie
respektiert und ausgezeichnet; man suchte ihr begreiflich zu machen,
daß sie eben als solcher die braunen Flechten nicht selber ordnen
dürfe, daß eine Kammerjungfer nunmehr unumgänglich nötig sei, aber
sie hatte sich ernstlich und energisch der Frau Präsidentin gegenüber
verwahrt; sie gab ihren Kopf nicht in dergleichen künstlerische Hände
-- im Frisiermantel stundenlang steif und feierlich wie ein Götzenbild
zu sitzen, das brachte sie in ihrem ganzen Leben nicht fertig ... O ja,
es war und blieb »über die Maßen hübsch«, reich zu sein, nur durfte
der Reichtum nicht unfrei machen; er durfte dem raschen, warmblütigen
Menschenkind die regen Hände nicht binden wollen.
Sie hatte die zierlichen Anlagen von der Ruine verlassen und schritt
auf dem wenig gepflegten Wege neben dem weidenbesetzten Flußufer.
Noch den Hauch scharfer Winterkälte im Atmen und den geschmolzenen
Schnee aus den Bergen mit sich schleppend, schossen die Wassermassen
lehmfarben neben ihr hin, aber die Elritzen zuckten frühlingslebendig
und blank wie Silberstäbchen durch die trübe Flut; an den Weidengerten
saßen die weichflaumigen Blütenkätzchen, und unter dem schützenden
Laubgebüsch hatte das Leberkraut den ganzen zarten Schmelz
seiner himmelblauen Blumen ausgebreitet -- die gaben schon einen
Frühlingsstrauß.
Die Blumen in der Hand, wandelte sie langsam weiter bis zu der
alten Holzbrücke ... Dort streckte sich Susens Bleichplatz, die mit
Obstbäumen bestandene Rasenfläche hin. Der Kommerzienrat hatte recht
gehabt, in dem niedrigen Holzgitter, das den Garten umfriedigte, fehlte
kein Stab, und an dem Hause kein Ziegel, kein Brett, auch nicht die
kleinste Latte des Weinspaliers ... Und es war doch ein hübsches,
altes Haus, die verlästerte Baracke! Es lag so geborgen hinter dem
rauschenden Flusse, und der Laubwald im Hintergrunde, der sogenannte
Stadtforst, der ziemlich nahe an das Holzgitter heranrückte, gab
ihm den anmutig einsamen Charakter einer Försterei. Niedrig war es
allerdings; es hatte nur eine Fensterreihe -- direkt darüber erhob sich
das Dach mit den vergoldeten Windfahnen und den massiven Schlöten, von
denen der eine in der That rauchte -- nie gesehene Erscheinung! In dem
Hause hatte seit langen Zeiten kein Feuer in Herd und Ofen, kein Licht
auf dem Tische gebrannt. Zu des Schloßmüllers Lebzeiten war jahraus,
jahrein Getreide in den Stuben aufgeschüttet worden, die Jalousien
hatten wie festgemauert vor den Fenstern gelegen, und nur alljährlich
bei der Obsternte hatte die streng verschlossene Hausthür tagsüber
offen gestanden. Da war dann auch die kleine Käthe hineingeschlüpft in
die sogenannte Obstkammer, die neben der Küche gelegene weißgetünchte
Stube mit dem großen grünen Ofen, und hatte sich das Schürzchen
mit Birnen und Aepfeln gefüllt ... Heute nun waren die Läden nur
zurückgeschlagen, und das junge Mädchen sah zum erstenmal Glasscheiben
blinken in den großen, von Steinrahmen umfaßten Fenstern. Das war nun
Doktor Brucks Haus.
[Illustration]
Ohne zu wissen wie, hatte sie die Brücke überschritten und umging das
Gebäude von drei Seiten. Das Herz klopfte ihr ein wenig. Sie hatte
kein Recht mehr, sich hier bemerklich zu machen, aber ihre Fußtritte
verhallten auf dem weichen Grasboden; dazu toste der angeschwollene
Fluß stark herüber, und auf dem Dache lärmten die Spatzen.
Einzelne Fensterflügel standen offen; sie sah Ampeln mit grünem
Schlingpflanzenbehang an den stuckverzierten Zimmerdecken schweben
und blankes Kupfergeschirr auf der Küchenwand glänzen; auch zartes
Vogelgezwitscher klang heraus und mischte sich mit dem zänkischen
Geschrei der Sperlinge, aber kein Geräusch menschlichen Lebens und
Treibens war zu hören ... Nun bog sie zuversichtlicher um die westliche
Hausecke und wollte die Hauptfronte entlang gehen, da schrak sie
zusammen.
In der Flügelthür, welche die Fassade in zwei gleiche Hälften teilte,
und von der die Steintreppe fast vornehm breit auf den Rasenplatz
herabstieg, stand eine Frau, eine feine, schlanke, fast mädchenhaft
zierliche Erscheinung. Sie hatte einen Tisch neben sich stehen, aus
welchem Bücher und Bilder aufgehäuft lagen, und war mit Abstäuben
derselben beschäftigt. Befremdet sah sie auf die unsicher Näherkommende
und ließ unwillkürlich das Bild sinken, das sie eben mit dem Staubtuche
säuberte -- es war Floras Photographie in Ovalrahmen.
Das konnte doch unmöglich die Tante Diakonus sein! Nach Floras eben
gehörter, mit beißender Ironie getränkter Schilderung hatte sich Käthe
ein kleines, gebücktes, wenn auch immer noch rasches Hausmütterchen mit
küchengeschwärzten Händen gedacht, das, zwischen Pfannen und Töpfen und
Einmachbüchsen grau geworden, nichts Lieberes that, als Pfannkuchen
backen -- das Bild war unvereinbar mit dieser Dame, deren kleines,
allerdings ältliches Gesicht so zartbleich und edel, mit so milden,
sprechenden Augen aus dem weißen Spitzentuche sah, welches sie über das
noch sehr reiche, aschblonde Haar geknüpft hatte.
Käthe wurde immer befangener und stammelte, an den Fuß der Treppe
tretend, eine herkömmliche Entschuldigung. »Ich habe als Kind hier
gespielt, und bin vor einigen Tagen aus Dresden zurückgekehrt und --
das ist meine Schwester,« setzte sie, auf das Bild zeigend, hastig
hinzu, und dann brach sie in ein frisches, helles Lachen aus und
schüttelte den Kopf über sich selbst und die naive, ungeschickte Art
der Einführung, zu der sie in ihrer Verlegenheit gegriffen.
Und die Dame lachte auch. Sie legte das Bild auf den Tisch, und die
Stufen herabsteigend, streckte sie dem jungen Mädchen beide Hände
entgegen. »Dann sind Sie Brucks jüngste Schwägerin.« Ein leiser
Schatten flog über ihr Gesicht. »Ich habe nicht gewußt, daß Besuch in
der Villa Baumgarten eingekehrt ist,« fügte sie mit einem kaum hörbaren
Anfluge von Bitterkeit hinzu.
In diesem Augenblicke zog auch ein Wolkenschatten über Käthens Seele
hin -- war sie denn so ein Garnichts, ein solch verschollenes, nicht
mitgeltendes Glied der Familie Mangold, daß Doktor Bruck es nicht der
Mühe wert gefunden hatte, seine Begegnung mit ihr zu erwähnen? ...
Sie biß sich auf die Lippen und folgte schweigend der einladenden
Handbewegung der Dame, welche ihr vorausging und eine Thür in der
weiten Hausflur öffnete. Die schlanke Frau war noch so graziös in jeder
Bewegung.
»Das ist _mein_ Stübchen, meine Heimat bis ans Ende,« sagte sie mit
einer herzensfreudigen, gleichsam aufatmenden Betonung, als sei sie
bis zu diesem Ruheporte mit müden Füßen in der Irre gewandert. »Ehe
mein Mann als Diakonus in die Stadt versetzt wurde, lebten wir in
einer kleinen Pfarre auf dem Lande. Es ging uns sehr knapp, und ich
hatte mein ganzes haushälterisches Talent nötig, um die Standeswürde
nach außen hin zu wahren, aber es war doch die schönste Zeit meines
Lebens ... Die staubige Luft und das Geräusch der Stadt haben meinem
Nervenleben nicht gut gethan; meine stille Sehnsucht nach grüner
Einsamkeit wurde nahezu krankhaft. Ich habe das nie ausgesprochen,
und doch hat der Doktor heimlich gesorgt und gespart, und vor einigen
Tagen führte er mich hierher in das Haus, das er wenige Stunden zuvor
für mich erstanden hatte.« Bei den letzten Worten klang ihre Stimme
verschleiert und tiefbewegt. Sie war also doch die Tante, und ihren
Neffen nannte sie stolz »den Doktor«. Und jetzt lächelte sie anmutig.
»Ein wahres Schlößchen ist's, nicht wahr?« fragte sie zutraulich.
»Sehen Sie doch die Flügelthüren und die prächtige Stuckarbeit an der
Decke! Und die alte Ledertapete da mit den geschwärzten Goldleisten ist
jedenfalls sehr kostbar gewesen. Draußen im Garten finden sich auch
noch Spuren von Taxushecken und Sandsteinfiguren. Ursprünglich ist das
Haus der Witwensitz einer Dame aus dem Hause Baumgarten gewesen --
ich weiß es aus einer Chronik ... Wir haben nun tüchtig gescheuert,
gelüftet und einige Oefen geheizt, um die alten Wände zu durchwärmen;
sonst ist nichts, nicht ein Nagel, verändert worden; dazu reichten die
Mittel nicht -- und es wäre auch sehr überflüssig gewesen.«
Käthe hatte längst mit stillem Behagen die ganze Einrichtung
überflogen. Die dunkelgewordenen Mahagonimöbel paßten just zu
der gelben Ledertapete. An der Mittelwand, nicht weit von dem
weißglasierten, weitbauchigen, auf verschnörkelten Füßen ruhenden
Ofen, stand das kattunbezogene Sofa, und darüber hing in der That das
Portrait des seligen Diakonus, ein schlicht gemaltes Pastellbild, das
den alten Herrn in seiner Amtstracht vorstellte. Ein köstlicher Schmuck
aber waren die Pflanzengruppen an den zwei hohen und breiten Fenstern,
die Azaleen- und Palmenarten, die prachtvollen Gummibäume, warm und
kräftig vergoldet von dem die klaren Filetgardinen durchbrechenden
Sonnenlicht. Die Goldfische in der Glasschale und der Singvogel im
Messingkäfig, diese Pfleglinge einsamer Frauen, fehlten auch hier
nicht; auf den Fenstersimsen blühten Frühlingsblumen, buntfarbige
Hyazinthen und die träumerisch gesenkten Häupter der weißen Narzisse --
das Nähtischchen aber stand in einer förmlichen Nische von Lorbeerlaub.
»Meine Zöglinge -- ich hab' sie fast vom Samenkorn an erzogen,« sagte
die Tante, dem bewundernden Blick des jungen Mädchens folgend. »Die
schönsten und liebsten habe ich selbstverständlich dem Doktor ins
Zimmer gestellt.« Sie schob die angelehnte Thür des Nebenzimmers zurück
und führte Käthe hinüber.
»Selbstverständlich!« wie das klang! So weiblich demütig, so mütterlich
liebend und -- verziehend ... Sie hatte ihm »selbstverständlich« auch
das schönste Zimmer im Hause ausgesucht, das Eckzimmer, an dessen
östlich gelegenen Fenstern der Fluß vorbeirauschte. Ueber den breiten
Wasserstreifen hinaus that sich eine der hübschesten Parkpartien auf,
und fern, hinter Lindenwipfeln, glänzte bläulich das Schieferdach der
Villa ... Zwischen diesen Fenstern, an der sehr schmalen Spiegelwand,
stand der Schreibtisch; wenn der Doktor die Augen vom Papier hob, dann
sah er dort die Fahnenstangen in den Himmel hineinragen -- in den
Himmel! Käthe fühlte plötzlich ihre Wangen in heißer Scham brennen;
hier bot zärtliche Fürsorge alles auf, dem Mann verstohlen das Süßeste,
das Geliebteste nahe zu rücken, und dort drüben sann ihre treulose
Schwester Tag und Nacht darauf, ihn aus seinem Himmel zu stoßen. Mit
dem frivolen »Beglücke du ihn doch!« hatte sie vorhin ihre Anrechte
verächtlich ausgeboten.
Ob die warmherzige, zartempfindende Frau, die da neben ihr stand, es
wohl ahnte, oder vielleicht auch nur instinktmäßig fühlte, daß über
kurz oder lang ein unabwendbares Leid, wie es ihn schwerer nicht
treffen konnte, über ihren Liebling hereinbrechen werde? Sie hatte
Käthe nicht aufgenommen wie eine kaum in die Heimat Zurückgekehrte,
den Familienverhältnissen Entfremdete, sondern als Brucks jüngste
Schwägerin, die notwendig mit allen Beziehungen so vertraut sein müsse,
daß sie sich gar nicht erst als Tante vorzustellen brauche -- demnach
mußte ihr Verkehr in der Villa Baumgarten kein intimer sein, und es
war in diesem Moment, als wolle sie die Annahme bestätigen, denn sie
zeigte nach der leeren Spiegelwand über dem Schreibtisch und sagte
unbefangen: »Ich bin noch nicht fertig mit der Einrichtung -- da fehlt
noch die Photographie der Braut und das Oelbild seiner Mutter, meiner
lieben, verstorbenen Schwester.«
Sonst fehlte nichts mehr in dem unbeschreiblich anheimelnden Zimmer.
Der Doktor, der heute mit dem Abendzuge zurückkehren sollte, hatte
keine Ahnung, daß er die Tante nicht mehr in der Stadt finden werde.
Sie hatte ihm den Umzugstrubel ersparen wollen, und der Kommerzienrat
war, wie sie dankbar sagte, so sehr zuvorkommend gewesen, ihr zu dem
Zwecke das Haus _sofort_ zu übergeben.
Während dieser Mitteilungen glitt die Frau Diakonus immer noch ordnend,
aber so geräuschlosen, behutsamen Trittes umher, als säße der Doktor
bereits dort am Schreibtisch über seinem neuen Werke, zu dessen
ungestörter Vollendung er sich eben »das Zimmer im Grünen« vorbehalten
hatte. Und dann schloß sie ein Wandschränkchen neben dem Büchergestell
auf und nahm einen Teller mit Prophetenkuchen heraus. Mit einer
anmutigen Gebärde hielt sie dem jungen Mädchen das einfache Gebäck hin.
»Es ist ganz frisch -- ich hab' es heute, trotz aller Umzugsarbeit,
gebacken. Der Doktor braucht immer dergleichen für kleine widerhaarige
Patienten ... Wein aber kann ich Ihnen nicht anbieten; die wenigen
Flaschen, auf die wir halten, habe ich in der Stadt gelassen; sie
gehören den Schwerkranken.«
Käthe dachte an die vielen Papiere in ihrem Geldschrank, die
»bienenfleißig arbeiten«, um immer neue Geldströme aus der Welt
herbeizuziehen, an den reichausgestatteten Weinkeller im Turm, an ihre
übermütige cigarrenrauchende Schwester zwischen den purpurfarbenen
Polstern des Ruhebettes -- welch ein ungeheurer Kontrast zu diesem
einfachen Genügen und Entsagen! Das Herz ging ihr auf; sie erzählte von
ihrer Pflegemutter und der weisen, festen und doch so wohlthuenden Art,
wie sie wirke und andere beeinflusse, wie sie die fleißigen Hände rege
und von der Pflegetochter dasselbe verlange.
»Was aber sagt die Frau Präsidentin zu diesem Erziehungssystem?« fragte
die Tante fein lächelnd, während ihr Blick im geheimen Wohlgefallen an
der blühenden Jugendgestalt hing.
»Ich weiß es nicht,« versetzte Käthe achselzuckend, mit mutwillig
aufblitzenden Augen, »aber ich glaube, meine Bewegungen sind ihr zu
rasch, meine Stimme klingt ihr zu laut, ich bin ihr zu robust und
nicht blaß genug. Gott mag wissen, wie viel Not man mit mir hat! -- Ist
dies das Portrait Ihrer Frau Schwester?« fragte sie plötzlich ablenkend
und zeigte nach dem Oelbild einer hübschen Frau, das an der Wand lehnte.
Die alte Dame bejahte die Frage. »Es macht mir angst, bis ich es wieder
an seinem sicheren Platz sehe; der Rahmen ist ein wenig hinfällig,«
sagte sie. »Aber ich leide an Schwindel und darf mich nicht auf
die Leiter wagen ... Vor einigen Wochen habe ich das Dienstmädchen
abgeschafft,« -- eine zarte Röte stieg ihr in das Gesicht -- »und nun
muß ich warten, bis die Aufwärterin kommt und mir die letzten Bilder
und meine Bettgardine aufhängt.«
Schon bei den ersten Worten dieser Auseinandersetzung war Käthe
an den Schreibtisch getreten; sie legte den Sonnenschirm auf die
Platte desselben und steckte unbedenklich den kleinen Strauß von
Weidenkätzchen und Leberblümchen in ein zierliches milchweißes
Trinkglas, das neben dem Schreibzeuge stand. Dann zog sie mit einem
kräftigen Rucke den Arbeitstisch tiefer in das Zimmer und stellte einen
Rohrstuhl an die Wand. »Darf ich?« fragte sie zutraulich und griff nach
Hammer und Nägeln, die auf dem Fenstersimse bereit lagen.
Dankbar lächelnd brachte die Tante das Bild herbei, und nach wenigen
Augenblicken hing es an der Wand. Käthe bebte unwillkürlich zurück,
als ihr die Dame nun auch Floras Photographie hinhielt. Sie sollte
mit eigener Hand dem verratenen Manne das Bild vor die Augen führen,
das schon nicht mehr sein Eigentum war -- binnen kurzem wurde es
zurückgefordert, so gut wie der Ring, den er noch am Finger trug.
Welche peinvolle Lage! Und jetzt ließ die Tante auch noch liebkosend
die Hand über das Portrait hingleiten. »Sie ist so wunderschön,« sagte
sie zärtlich. »Ich kenne sie im Grunde wenig; sie besucht mich sehr
selten; wie könnte ich alte Frau denn auch verlangen, daß sie sich bei
mir langweilen soll, aber ich habe sie doch von Herzen lieb; sie liebt
ihn ja und wird ihn glücklich machen.«
Diese unbegreifliche Ahnungslosigkeit! Dem jungen Mädchen war es, als
brenne der Stuhl unter ihren Füßen -- sie hatte zu kopflos gehandelt.
Nach allem, was sie eben noch drüben im Turme mit angehört, durfte
sie hier nicht eintreten. Sie kam sich falsch und heuchlerisch vor,
weil sie nicht der Frau sofort das Bild aus der Hand stieß und ihr die
Schlange enthüllte, die nach ihrem Herzen zischte. Und doch durfte ihr
kein Wort entschlüpfen. Sie schlug so heftig auf den Nagel, daß die
Wand dröhnte, dann hing sie mit spitzen Fingern die Photographie hin
und sprang vom Stuhle. Wie ein schöner, böser, triumphierender Dämon
lächelte das verführerische Gesicht der Schwester auf den Schreibtisch
nieder.
[Illustration]
Käthe griff nach ihrem Sonnenschirm, um schleunigst das Zimmer zu
verlassen. Ueber die Schwelle schreitend, sah sie durch die nächste,
weitoffene Thür direkt auf das Bett der alten Dame -- die Treppenleiter
stand daneben. »Das hätte ich fast vergessen,« rief sie entschuldigend;
sie huschte hinüber, und den buntgeblümten Vorhang vom Bette nehmend,
stieg sie die Leiter hinauf. Seitwärts in der dunkeln Fensterecke
stand sie so hoch oben, daß sie die herabhängenden Füßchen der
Engelsgestalten in der Deckenverzierung berühren konnte. Mit fliegender
Hast reihte sie die Ringe der Gardine auf das Eisengestell, während die
Tante an dem mitten in ihrem Zimmer befindlichen Tische stand und ein
Glas Wasser mit Himbeersaft »für ihre gütige Gehilfin« mischte.
Da sah Käthe draußen am Fenster einen Mann rasch vorübergehen, einen
Mann von strenger Haltung und auffallend stattlicher Gestalt. Sie
erkannte ihn sofort und erschrak; ehe sie sich aber klar wurde, ob sie
bleiben oder schleunigst herabsteigen sollte, hatte er schon die Flur
durchschritten und öffnete die Thür im Zimmer der Tante. Die alte Dame
drehte sich um, und mit dem Ausrufe: »Ach, Leo, da bist du ja schon!«
eilte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals. Vergessen
war die Himbeerlimonade, vergessen »die gütige Gehilfin«, welche sie
trinken sollte, und die sich nun in namenloser Verlegenheit halb und
halb hinter dem Kattunvorhange zu verbergen suchte -- jetzt _mußte_
sie sich still verhalten, wenn sie nicht plump störend zwischen die
Wiedersehensszene treten wollte.
Sie sah, wie sich das schöne bärtige Gesicht des Doktors liebevoll über
die treue mütterliche Pflegerin neigte; wie er sie fest an sich zog und
ihre Hand von seiner Schulter nahm, um sie ehrerbietig zu küssen. Und
nun überblickten seine Augen das Zimmer.
»Nun, Leo, was sagst du, daß ich ohne dein Vorwissen ausgeflogen bin?«
fragte die alte Dame, den Blick auffangend.
»Ich sollte das eigentlich nicht billigen. Du hast dir in den wenigen
Tagen zu viel zugemutet, und wir wissen, daß dir häusliche Unruhe und
Ueberstürzung stets feindlich sind; übrigens siehst du wohl und frisch
aus.«
»Du aber nicht, Leo,« unterbrach ihn die Tante bekümmert. »Du hast
nicht die kräftige Farbe wie sonst, und hier« -- sie strich leicht
mit der Hand über seine Stirn -- »liegt etwas Fremdes, etwas wie
ein finsterer, quälender Gedanke. Hast du Verdruß gehabt auf deiner
Berufsreise?«
»Nein, Tante!« Das klang aufrichtig und beruhigend, aber auch kurz
abbrechend -- der Kommerzienrat hatte es ja gesagt, Bruck sprach nie
über seinen Beruf und dessen Vorkommnisse. »Wie mich dieses Zimmer
anheimelt, trotz seiner verdunkelten Wände!« sagte er, und die Hände
auf dem Rücken gekreuzt, wandelte er mit musterndem Blicke langsam um
den Tisch. »Der Friede der selbstlosen Frauenseele weht einen an -- das
ist's auch, weshalb ich so gern heimgehe in unser Stillleben mit den
einfachen Möbeln und deinem geräuschlosen Walten, Tante. Ich werde viel
hier sein --«
Die alte Frau lachte. »Ja, ja, bis zu einem gewissen Junitage,«
versetzte sie schelmisch. »Zu Pfingsten wird deine Hochzeit sein.«
»Am zweiten Pfingsttage.« Wie seltsam er das aussprach, so kalt
und fest, so unerbittlich -- der ließ sich nicht eine Sekunde von
der festgesetzten Stunde abdingen. Käthe fühlte etwas wie einen
Angstschauer. Sie hielt den Atem zurück; nun durfte sie sich gar nicht
sehen lassen. Von Minute zu Minute hoffte sie, daß der Doktor in sein
Zimmer gehen werde, dann konnte sie leicht ihren hohen Standpunkt
verlassen und hinausschlüpfen, ohne ihm begegnen zu müssen. Ihre ganze
Natur empörte sich gegen dieses unfreiwillige Lauschen. Aber statt zu
gehen, blieb er plötzlich am Tische stehen und nahm einen Brief zur
Hand, der zwischen verschiedenen noch nicht geordneten Bücherstößen lag.
Die Tante machte eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie ihn
verhindern, zu lesen; ihr zartes Gesicht war sehr rot geworden. »Ach
Gott, wie vergeßlich wird doch so ein alter Kopf!« klagte sie. »Der
Brief wurde vor einigen Stunden aus der Stadt mitgebracht. Er ist vom
Kaufmann Lenz; heute sollte er gar nicht in deine Hände kommen, und nun
habe ich ihn doch liegen lassen. Ich glaube, er enthält das Honorar --
zu so ungewöhnlicher Zeit, Leo -- ich fürchte --«
Der Doktor hatte das Kouvert bereits erbrochen und überflog die Zeilen.
»Ja, auch er lohnt mich ab,« sagte er ruhig und warf den Brief und
etwas Papiergeld auf den Tisch. »Grämst du dich darüber, Tante?«
»Ich? Nicht einen Augenblick, Leo, wenn ich weiß, daß du dir die
Undankbarkeit dieser urteilslosen Menschen nicht zu Herzen nimmst ...
Ich glaube unerschütterlich an dich und deine Kunst und -- an deinen
Stern,« sagte die sanfte Frauenstimme warm und überzeugungsfroh. »Die
Steine, die Mißgeschick und Uebelwollen dir zeitweilig unter die Füße
werfen, beirren mich nicht -- -- du machst deinen Weg.« Sie zeigte
in die offene Thür des Eckzimmers. »Sieh dir dein Stübchen an! Wie
ungestört und unbehelligt wirst du hier denken und arbeiten können!
Ach, und wie freute ich mich auf die Zeit, die wir noch traulich
zusammenleben werden, wo ich noch für dich sorgen darf --«
»Ja, Tante -- aber die Einschränkungen, die du infolge des mißlichen
Umschwungs meiner Verhältnisse während der letzten Monate allmählich
eingeführt hast, müssen aufhören. Ich leide nicht mehr, daß du
stundenlang auf dem kalten Steinfußboden der Küche stehst. Wenn
möglich, rufst du noch heute unsere alte Köchin zurück. Du kannst das
unbesorgt.« Er griff in die Brusttasche, nahm eine schwere Börse heraus
-- sie strotzte von Goldstücken -- und schüttete ihren Inhalt auf den
Tisch.
Die alte Frau schlug stumm und in freudiger Ueberraschung die Hände
zusammen über das rollende Gold auf ihrer einfachen Tischdecke.
»Es ist ein einziges Honorar, Tante,« sagte er mit hörbarer
Genugthuung. »Die schwere Zeit ist vorüber.« Bei diesen Worten wandte
er sich ab und trat auf die Schwelle des Eckzimmers.
Man sah, die Tante hatte manches auf dem Herzen, aber sie fragte
mit keiner Silbe, welcher Kur und welchem Patienten er diese große
Geldsumme verdanke.
Käthe benutzte den günstigen Moment, um die Leiter hinabzugleiten. Wie
schlug ihr das Herz, wie brannten ihre Wangen vor Beschämung darüber,
daß sie diese intimen Erörterungen mit angehört hatte! Dort die Thür
führte direkt in die Flur. Da hinaus konnte sie unbemerkt entkommen;
selbst die Tante Diakonus sollte glauben, sie habe längst das
Schlafzimmer verlassen und kein Wort von allem gehört, was gesprochen
worden. Verstohlen flog ihr Blick hinüber in das Eckzimmer, wo die
beiden eben an den Schreibtisch traten. In diesem Augenblicke hörte sie
den Doktor sagen: »Sieh da, die ersten Frühlingsblumen! Hast du gewußt,
daß ich die hübschen blauen Blümchen so gern habe?«
Ein Ausruf des Staunens unterbrach ihn. »Ich nicht, Leo -- Käthchen,
deine junge Schwägerin, hat die Blumen in das Glas gestellt ... Nein,
bin ich zerstreut und vergeßlich!« Die alte Dame eilte herüber, aber
schon drückte Käthe draußen die Thür hinter sich zu und schlüpfte durch
die Flur ins Freie.
Nun ging sie langsam und beruhigt unter den Fenstern hin. Durch die
nächsten schimmerten schwach die bunten Boukette der schief und
unvollendet herabhängenden Bettgardine; dann kam sie zu den zwei
Fenstern mit den hübschen Filetvorhängen im Zimmer der Tante. Ein
Fensterflügel stand offen und der Hyazinthen- und Narzissenduft wehte
heraus. Plötzlich schob eine schöne kräftige Männerhand ein weißes Glas
mit blauen Blumen auf den Sims zwischen die Töpfe; es war ihr kleiner
Frühlingsstrauß, den der Doktor von seinem Schreibtisch entfernte und
hierher brachte.
[Illustration]
Sie fuhr heftig zusammen. Flüchtig und unbedacht, wie sie war, hatte
sie sich in ein sonderbares Licht gestellt. Daß sie die Blumen auf
seinen Tisch gesetzt, mußte er offenbar für die Taktlosigkeit, die
Zudringlichkeit eines unbesonnenen jungen Mädchens halten. Sofort blieb
sie stehen und den feuchten Glanz unterdrückter Zornesthränen in den
Augen, streckte sie die Hand zum Fenster empor -- diese Bewegung machte
den Doktor aufsehen.
»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir die Blumen herauszugeben,
Herr Doktor? Sie gehören mir; ich hatte sie für einen Moment aus der
Hand gelegt und dann vergessen,« sagte sie, mühsam ihre Aufregung unter
angenommener Ruhe verbergend.
Im ersten Moment schien es, als erschrecke er leicht beim Klange der
Stimme, die ihn so unerwartet ansprach; es war ihm doch wohl unlieb,
daß Käthe ihn beobachtet hatte, aber er unterdrückte augenblicklich
die unangenehme Empfindung und sagte freundlich: »Ich werde Ihnen die
Blumen bringen.« Diese tiefe gelassene Stimme entwaffnete sie sofort --
er hatte ihr _nicht_ wehe thun wollen.
Gleich darauf kam er die Stufen herab. Mit dem prächtig niederwallenden
Bart, der breiten Brust und den gemessen edlen Bewegungen war und blieb
er eine Gestalt, die man sich eigentlich nur in Uniform denken mochte,
und wenn auch nur im grünen Weidmannsrock. Er reichte dem jungen
Mädchen das Glas mit einer höflichen Verbeugung.
Sie nahm die Blumen heraus. »Es sind die ersten; kleine vorwitzige
Dinger, die nicht schnell genug in die scharfe Aprilluft herauskommen
können,« sagte sie lächelnd. »Man muß sich vielmal bücken und sie
mühsam zusammensuchen, freut sich dann aber auch mehr daran als an
einem ganzen Treibhaus voll Blumen.« -- Nun erst war sie beruhigt; nun
glaubte er ganz gewiß nicht mehr, daß sie auf die neue Verwandtschaft
hin seinen Schreibtisch plump vertraulich attackiert habe.
Jetzt erschien auch die Tante am offenen Fenster. Sie entschuldigte
sich und bat das junge Mädchen in warmen Worten, recht oft zu kommen.
»Fräulein Käthe geht ja schon in wenigen Wochen nach Dresden zurück,«
antwortete der Doktor fast hastig an Käthes Stelle.
Sie stutzte. Hatte er Furcht, sie werde bei ihren Besuchen mit der
ahnungslosen alten Frau über sein seltsames Verlobungsverhältnis
sprechen? Diese Annahme verdroß sie, aber er that ihr so leid um seiner
inneren Leiden willen, die er so streng in seiner Brust verschloß. Und
sie konnte ihn nicht einmal beruhigen.
»Ich werde länger bleiben, Herr Doktor,« versetzte sie ernst. »Ja, es
ist leicht möglich, daß sich mein Aufenthalt in Moritzens Hause über
viele Monate ausdehnt. Als Henriettens Arzt werden Sie ja am besten
beurteilen können, wann ich meine kranke Schwester ohne Sorge verlassen
und zu meinen Pflegeeltern zurückkehren kann.«
»Sie wollen Henriette pflegen?«
»Wie es sich von selbst versteht,« ergänzte sie. »Schlimm genug,
daß ihre Pflege bis heute ausschließlich in fremden Händen gewesen
ist. Die Arme verbringt ihre Nächte lieber hilflos, als daß sie sich
entschließt, Beistand herbeizurufen, weil die sauren, mürrischen Mienen
der verschlafenen Gesichter sie beleidigen, weil sie zu stolz und
vielleicht auch zu krankhaft reizbar ist, um sich ihre Abhängigkeit von
Untergebenen so fühlbar machen zu lassen. Das darf nicht mehr vorkommen
-- ich bleibe bei ihr.«
»Sie denken sich die Aufgabe jedenfalls viel zu leicht -- Henriette ist
sehr krank;« er strich sich mit der Hand so langsam über die Stirn, daß
die Augen für einen Moment nicht sichtbar waren; »es werden schwere,
bange Stunden zu überwinden sein.«
»Ich weiß es,« sagte sie leise, und tiefe Blässe deckte sekundenlang
ihr Gesicht. »Aber ich habe Mut --«
»Daran zweifle ich nicht,« unterbrach er sie, »ich glaube ebenso an
Ihre Geduld wie an Ihre ausdauernde Barmherzigkeit, aber es läßt sich
nicht ermessen, bis zu welchem Zeitpunkt die Kranke -- keine Pflege
mehr brauchen wird. Deshalb darf ich nicht zugeben, daß Sie die
Sache so energisch in die Hand nehmen. Sie können es physisch nicht
durchsetzen.«
»Ich?« Sie hob und streckte unwillkürlich ihre Arme und sah
stolzlächelnd auf sie nieder. »Kommt Ihnen Ihre Befürchtung nicht
selbst unmotiviert vor, wenn Sie mich ansehen, Herr Doktor?« fragte
sie mit einem heiteren Aufblick. »Ich bin von derbem Schrot und Korn;
ich bin nach meiner Großmutter Sommer geartet; die war ein Bauernkind,
oder vielmehr ein Holzhackerstöchterlein, ist barfuß gelaufen und hat
die Axt im Walde besser geschwungen als ihre Brüder -- ich weiß es von
Suse.«
Er sah von ihr fort zum offenen Fenster hinüber; da stand die alte
Frau Diakonus selbstvergessen hinter ihren Hyazinthen und Narzissen,
und ihr Blick hing wie verzaubert an dem Mädchen. -- Sein Gesicht
verfinsterte sich auffallend.
»Es handelt sich weniger um die Stahlkraft der Muskeln,« sagte er
ausweichend. »Ein solches Pflegeramt mit seinen Aufregungen und
Aengsten richtet sich feindlich gegen das Nervenleben -- übrigens,«
unterbrach er sich, »steht es mir ja gar nicht zu, bestimmend auf Ihre
Entschlüsse einzuwirken. Das ist Sache Ihres Vormundes. Moritz soll
entscheiden; er wird voraussichtlich darauf bestehen, daß Sie zur
festgesetzten Zeit in das Haus Ihrer Pflegeeltern zurückkehren.« Der
Doktor sprach die letzten Worte, ganz gegen seine gewohnte Milde und
Gelassenheit, ziemlich schroff.
Die Tante zog sich unwillkürlich in das Zimmer zurück; Käthe dagegen
blieb ruhig stehen. »Aber warum denn so unbeugsam, Herr Doktor? Warum
wünschen Sie denn, daß Moritz gar so hart mit mir verfährt?« fragte sie
mädchenhaft sanft. »Will ich denn Böses? Und sollte Moritz wirklich
die Befugnis zustehen, mich von der Erfüllung meiner schwesterlichen
Pflicht abzuhalten? Ich glaube es nicht ... Nun weiß ich aber einen
Ausweg: Veranlassen Sie Henriette, mich nach Dresden zu begleiten! Dort
teile ich mit meiner Doktorin die Pflege der Patientin; das wird doch
meinen Nerven nicht schaden?« Sie lächelte ganz leise.
»Gut, ich werde einen Versuch machen,« sagte er sehr bestimmt.
»Dann gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich sobald wie möglich auf und
davon fliegen werde,« versetzte sie ebenso fest mit einem sprechenden
Blick, vor dem er, wie auf einem Unrecht ertappt, die Augen
niederschlug.
Die Tante bog sich plötzlich aus dem Fenster und sah dem Doktor
erstaunt und beweglich in das Gesicht -- er war ja merkwürdig
schweigsam. Da stand er nun und löste einige verdorrte Weinranken vom
Spalier, die der Zugwind hin und her schaukelte, und sagte keine Silbe
mehr.
»Gehen Sie denn so gern?« fragte die alte Frau sichtlich verlegen mit
liebreichem Vorwurfe.
Käthe zog eben den in den Nacken gesunkenen Schleier wieder über den
Kopf und knüpfte ihn fest unter dem Kinn. Wie eine Pfirsichblüte
leuchtete ihr Gesicht aus dem dunkeln Gewebe. »Soll ich aus Höflichkeit
‚nein‘ sagen, Frau Diakonus?« fragte sie lächelnd zurück. Sie
schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich bin leidlich vernünftig für die
Welt und ihre Dinge, wie sie nun einmal sind, erzogen, aber all und
jede Kaprice der Individualität fegt auch die strengste Zucht nicht
aus den Seelenwinkeln. Ich stehe z. B. der Großmama meiner Schwestern
heute genau so verwunderlich fremd gegenüber, wie damals, wo ich
ihr auf Befehl meines Vaters die Hand küssen mußte; ich stoße mich
insgeheim konsequent an Ecken und Eckchen, die für andere nicht da
sind, und welche mich schon als Kind gequält und beunruhigt haben.
Und wie durchkältet ist mein Vaterhaus!« -- sie schauerte -- »man
steht mit seinen warmen Füßen auf zu viel Marmor. Dazu ist Moritz ein
so entsetzlich vornehmer Mann geworden« -- zwei schelmische Grübchen
zeigten sich auf ihren Wangen -- »man erschrickt und schämt sich ja
förmlich, wenn einem die eigene kahle Visitenkarte vor die Augen
kommt ... ja, meine liebe Frau Diakonus, ich kehre herzlich gern
nach Dresden zurück, vorausgesetzt, daß Henriette mich begleitet;
außerdem« -- sie wandte sich, aus dem scherzenden Tone in einen sehr
entschiedenen übergehend, wieder an den Doktor -- »außerdem werde ich
mein möglichstes thun, mich in die gegebenen Verhältnisse zu schicken
und zu bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß Moritz mich zwangsweise
nach Dresden zu befördern versucht.«
Sie grüßte herzlich zu der alten Dame hinüber, verbeugte sich
leicht gegen den Doktor und verließ den Garten, um doch noch in die
Schloßmühle zu gehen, obgleich bereits der Abend hereinbrach.
[Illustration]
8.
Und nun war es ganz dunkel geworden; auf dem Turme der Spinnerei hatte
es sieben geschlagen, und Käthe saß noch in dem einen Bogenfenster
der Schloßmühlenstube. Sie hatte zwar vorher auf Susens dringende
Bitte hin den Wäscheschrank inspiziert; die Alte traute der Müllerfrau
nicht, die pflegend ab und zu ging, und behauptete, nach schöner,
»selbstgesponnener« Wäsche mache »jede« lange Finger; dann hatte sie,
wie bisher jeden Tag, die Abendsuppe gekocht und die Kranke zu Bett
gebracht, die, wenn auch bedeutend wohler, doch noch sehr unbehilflich
und schwach war ... Nun aber saß das junge Mädchen doch schon lange
Zeit, die Hände feiernd im Schoße gefaltet, still in der Fensterecke
und ließ sich von den Schatten des Abends förmlich einspinnen. So gut
wurde es ihr drüben im Hause des Kommerzienrates nicht; da gab es kein
Erholungsdämmerstündchen wie in Dresden. Sobald die Sonne erloschen,
sanken unerbittlich die Rouleaus unter den Händen der Dienerschaft;
die Gasflammen schlugen auf und eine blendende Lichtflut jagte den
Schatten auch aus den fernsten Ecken.
Der dumpfe Pendelschlag der alten Wanduhr klang wie ein taktmäßiges,
unterirdisches Klopfen, und durch den dicken grünen Vorhang der
geschlossenen Alkoventhür glomm das Nachtlicht an Susens Bett wie
ein verdüstertes Gnomenauge. Das war wieder einmal ein so atemlos
stiller Augenblick im Dunkeln. Wie hatte sie als Kind in solchen
Momenten gläubig auf das Huschen und Schlurfen weißbestäubter
Heinzelmännchen gehorcht, wenn ihr Suse erzählte, daß im Grundsteine
der Mühle abergläubischer- und barbarischerweise ein neugeborenes
Kind eingeschlossen und der Mauermörtel von dem übermütigen Erbauer
mit kostbarem Wein gemischt worden sei! Heute flogen ihr diese
Erinnerungen nur flüchtig durch den Sinn; ihr Auge hing an dem
schwachen Dämmerscheine, der durch das Südfenster hereinfiel auf die
Stelle, wo der Schloßmüller gestorben war, und sie dachte an die Art
und Weise, wie Doktor Bruck ihr selbst die öffentliche Verurteilung
seiner Person mitgeteilt, und jetzt begriff sie noch weniger als
neulich, daß er sich ihr gegenüber zu einer Verteidigung herabgelassen
hatte ... Und wenn die ganze Welt darauf bestand, sie glaubte nicht an
ein keckes, gewissenloses Wagen, an dünkelhafte Selbstüberschätzung
ohne Kunst und Wissen bei dem Manne, der die ernste gedankenvolle Ruhe,
die schlichte Wahrhaftigkeit und Geradheit selbst war. Und jetzt schoß
ihr die Blutwelle wieder heiß und jäh nach dem Herzen, und ein starkes
Zorngefühl quoll in ihr auf, wie heute nachmittag, wo Flora in den
krassesten Ausdrücken Brucks ärztliches Wirken gebrandmarkt hatte. Was
für eine rätselvolle Frauennatur war sie doch, diese gefeierte Flora,
dieses einst so sehr gefürchtete und doch heimlich bewunderte Idol der
kleinen Käthe! ... Henriette hütete sich seltsamerweise, in den Stunden
des Alleinseins mit der heimgekehrten Schwester über das Brautpaar
eingehend zu sprechen, aber hier und da waren ihr doch Bemerkungen über
die Lippen geschlüpft, aus denen Käthe entnahm, daß Flora anfänglich
eine leidenschaftlich liebende Braut gewesen sein mußte.
Doktor Bruck war, nachdem er den deutsch-französischen Krieg als
Regimentsarzt mitgemacht und dann längere Zeit einer berühmten
ärztlichen Kapazität in Berlin assistiert hatte, hauptsächlich auf
Wunsch seiner Tante nach M. zurückgekehrt. Der vorteilhafte Ruf, der
ihm vorausgegangen, und seine imposante äußere Erscheinung hatten ihn
sehr bald zu einem gesuchten Arzt und zu einer wünschenswerten Partie
für die Damenwelt gemacht. Es war mithin keineswegs Herablassung von
seiten der stolzen Flora Mangold gewesen, ihm die begehrte Hand zu
reichen. Sie selbst hatte sich ihm auffallend genähert, indem sie
einen schmerzhaft verstauchten Fuß keiner anderen Hand als der des
gefeierten neuen Doktors anvertrauen wollte -- noch im Krankenhause
hatte sie sich mit ihm verlobt und war darum vielfach beneidet worden.
Aus diesem Grunde mochte sie auch vor dem peinlichen Aufsehen eines
gewaltsamen Bruchs zurückscheuen. Darum diese perfide Lösung, die, auf
ein allmähliches beiderseitiges Erkalten gestützt, schließlich von der
Welt halb vergessen, geräuschlos vor sich gehen sollte.
Käthe sprang plötzlich auf -- der Gedanke war ihr unerträglich, daß
sie, im Falle ihres Bleibens, fortgesetzt Zeugin dieser empörenden
Komödie sein und mit ansehen sollte, wie der unglückliche Mann trotz
seiner starken Liebe und Gegenwehr aus seinem geträumten Paradiese
gestoßen würde. Nein, auch sie hielt zu Moritz und Henriette. Flora
durfte und sollte ihr Wort nicht brechen; die ganze Familie mußte
einmütig zusammenhalten dem grausamen Verrat gegenüber. Die Thörin,
daß sie so verblendet ihr Glück von sich stieß! Hatte sie ihn noch
nie gesehen in seinem Heim, im Zusammenleben mit seiner treuen
Pflegemutter? Wußte sie nicht, daß sie auf Händen getragen werden
würde, wenn sie ihm das Glück gab, nach welchem er verlangte?
Käthe schrak heftig zusammen und schlug entsetzt die Hände vor das
Gesicht -- hier war es dunkel, schauerlich dunkel, so tiefe Nacht,
daß die Sünde auf leisen Sohlen bis an die innersten Gedanken der
Menschenseele heranschleichen konnte. Hastig lief sie über die
Holzstufen und riß die Stubenthür auf -- drunten in der Flur brannte
die große Hauslampe; der helle Schein quoll die Treppe herauf und warf
durch die Säulen der Galerie schmale Lichtstreifen vor die Füße des
jungen Mädchens, und aus dem Mühlenraum, dessen Thür eben geöffnet
wurde, scholl das Lärmen und Tosen, zum Betäuben stark, durch das Haus.
Licht und Geräusch verscheuchten augenblicklich den verlockenden Spuk,
der sich in die unschuldige Mädchenseele gedrängt hatte ... Das war
ja der große, weißgetünchte Vorsaal der Schloßmühle mit dem uralten
lebensgroßen Bildnis des Erbauers, des geharnischten Mannes dort,
der so gespenstisch verwischt aus dem wackeligen schwarzen Rahmen
niedersah. Einst hatte sie ihn gefürchtet, und jetzt erschien er ihr
wie ein alter Freund -- er führte sie in die Wirklichkeit zurück, von
einem verräterischen, sündhaften Traumbilde hinweg, in welchem sie eine
unrechtmäßige Stelle eingenommen hatte ...
Sie stieg die Treppe hinab und verließ die Mühle. Der Zugwind blies
ihre heißen Wangen nachtfrisch an, und droben funkelten die goldenen
Arabesken, die Sternbilder des Himmels, in köstlicher Klarheit. Käthe
schämte sich ihrer müßigen Träumerei -- aber war es nicht wie ein
Schwindel gewesen, dessen man sich nicht erwehren kann, und der auch
die gesündesten und kraftvollsten Menschen plötzlich befällt?
Schon von weitem sah sie die Lichter der Villa durch das Geäst
flimmern, und als sie das Haus betrat, da schollen Klavierakkorde durch
den Korridor. Das Instrument war prachtvoll, aber es wurde malträtiert
durch barbarische Hände. Die Präsidentin hatte heute einen kleinen
Empfangsabend; man kam, alt und jung, zum Thee. Die Aelteren saßen um
den Whisttisch und die junge Welt musizierte, plauderte und amüsierte
sich, wie sie Lust hatte; es war ein zwangloses Zusammensein bis gegen
zehn Uhr.
Käthe machte schleunigst Toilette und betrat den Salon, das große
Balkonzimmer im Erdgeschosse. Es hatten sich heute nur wenige
eingefunden: nur ein Spieltisch war besetzt, und der Theetisch, um den
sich die jungen Damen zu gruppieren pflegten, sah einsam und verlassen
aus ...
Henriette saß hinter der Theemaschine. Sie hatte wieder einmal
grellrote Schleifen in ihrem blonden Haar und ein ärmelloses
Samtjäckchen von der gleichen schreienden Farbe über einem hellblauen
Seidenkleid. Das graue, schmale Gesichtchen sah fast spukhaft aus
dem theatermäßigen Putz, aber ihre schönen Augen glänzten förmlich
überirdisch. »Bruck ist wieder da,« flüsterte sie mit heißem Atem
und bewegter Stimme Käthe ins Ohr und zeigte durch den anstoßenden
Musiksalon, in welchem noch immer der Konzertflügel gemißhandelt wurde,
nach Floras Zimmer. »Käthe, er sieht aus, als sei er noch gewachsen,
so hoch und so überlegen ... Gott im Himmel, mache doch nicht gar so
ein ernsthaftes Nonnengesicht!« unterbrach sie sich heftig -- sie
war unerklärlich aufgeregt. »Alle sind heute so mürrisch; Moritz hat
eine Depesche bekommen und ist sehr zerstreut, und die Großmama hat
entsetzlich schlechte Laune, weil ihr Salon leer ist. Ach, und ich
bin so froh, so froh! ... Weißt du, Käthe, daß ich vorgestern bei dem
schlimmen Anfall geglaubt habe, Bruck sähe mich als Leiche wieder? Nur
_das_ nicht! Ich _will_ nicht sterben, wenn er nicht da ist.«
[Illustration]
Sie sprach zum erstenmal vom Sterben, und es war gut, daß die
klavierspielenden Finger drüben in erneuter Kraft über die Tasten
flogen und die drei alten Herren am Kamin im lebhaften Disput ihre
Stimmen erhöhten; denn der letzte Ausruf der Kranken hatte laut
und leidenschaftlich geklungen; Käthe stieß sie verstohlen an
-- die Präsidentin warf einen scharfen mißbilligenden Blick über
die Augengläser hinweg nach dem Theetisch. Henriette nahm sich
augenblicklich zusammen. »Ah bah, kann mir das jemand verdenken?« sagte
sie frivol und spöttisch die Achseln emporziehend. »Niemand stirbt
gern allein. Der Arzt ist dazu da, daß man bis zum letzten Augenblick
Hoffnung aus seinem Zuspruch schöpft.«
Käthe wußte genug. Die Kranke ging nicht mit ihr nach Dresden. Sie wies
die Tasse Thee zurück, die ihr Henriette mit hastigen Händen füllte,
und zog eine angefangene kleine Stickerei aus der Tasche.
»Ach, lasse den Kram doch stecken!« sagte Henriette ungeduldig.
»Glaubst du, ich bleibe gefälligst hier sitzen und sehe in grenzenloser
Langmut zu, wie du den weißen Faden aus- und einziehst?« Sie erhob
sich und schob ihren Arm in den der Schwester. »Gehen wir in das
Musikzimmer! Margarete Giese schlägt uns noch das Instrument und die
Nerven entzwei, wenn wir der Quälerei nicht ein Ende machen.«
Sie gingen in den anstoßenden Salon, aber die Dame am Klavier, die in
ihren eigenen Leistungen schwelgte, blieb unangefochten ... Die breite
Flügelthür, die in Floras Arbeitszimmer führte, stand, wie gewöhnlich
an den kleinen Empfangsabenden, weit offen; man konnte das ganze große
Zimmer übersehen. Es erschien mit seinem gedämpften Ampellicht fast
dämmerig neben den brillant erleuchteten anderen Räumen, und seine
dunkle Purpurfarbe nahm in den Ecken ein düsteres Schwarz an.
Flora stand mit nachlässig verschlungenen Händen am Schreibtisch,
während der Kommerzienrat bequem im nächsten Fauteuil lag. Doktor Bruck
aber blätterte stehend in einem Buche. Er sah ungewöhnlich bleich aus;
der von oben herabfallende Lampenschein ließ zwei finstere Stirnfalten
und einen tiefen Schatten unter seinen Augen scharf hervortreten, und
doch erschien sein ausdrucksvoller Kopf merkwürdig jung im Vergleich zu
der schönen Braut.
Henriette ging ohne weiteres hinüber -- das Brautpaar war ja nicht
allein -- Käthe aber, welche sie mit sich zog, setzte nur zögernd den
Fuß auf die Schwelle; Floras Mienen stießen sie zurück; es lag etwas
Zornmütiges, Ungeduldiges darin. Sie war offenbar sehr übler Laune.
Ihr Blick lief auch sofort mit sarkastischem Ausdruck über die Gestalt
der Schwester hin, die heute zum erstenmal das monotone Schwarz der
Kleidung mit dem hellen Grau der Halbtrauer vertauscht hatte.
»Komm nur herüber, Käthe!« rief sie, ohne ihre Stellung zu verändern.
»Bist zwar wie gewöhnlich in starrer Seide, siehst aus wie ein
papierner Christengel und machst den robustesten Menschen nervös mit
dem ewigen Rauschen und Knistern. Sage mir nur um des Himmels willen,
warum du immer diese entsetzlich schweren Stoffe trägst,« unterbrach
sie sich, »die passen doch zu deinem Küchenamt in Dresden wie die Faust
aufs Auge.«
»Das ist meine Schwäche, Flora,« antwortete Käthe ruhig lächelnd. »Es
mag schon kindisch sein, aber ich höre so gerne Seide um mich rauschen
-- es klingt so majestätisch. Bei meinem ‚Küchenamt‘ trage ich sie
selbstverständlich nicht, wie du dir wohl selbst sagen wirst.«
»Schau, wie stolz sie das ‚Küchenamt‘ zugibt! Närrisches Ding! Ich
möchte dich einmal sehen in der Leinenschürze hinter rußigen Töpfen.
Nun, jeder nach seinem Geschmack -- ich danke.« Ihre großen grauen
Augen richteten sich langsam und lauernd auf das Gesicht des Doktors,
der eben ruhig das Buch zuschlug und es auf den Tisch zurücklegte.
Käthe fühlte, wie sich Henriettens kleine Hand auf ihrem Arm zur Faust
ballte. »Ach, geh doch, Flora!« rief sie scheinbar heiter und amüsiert;
»vor noch fünf Monaten hast du oft genug zwischen Christels Kochtöpfen
drunten in der Küche gewirtschaftet -- ob gerade geschickt, das will
ich nicht behaupten -- aber das gutgemeinte Bestreben und die hübsche
weiße Latzschürze stand dir prächtig.«
Flora biß sich auf die Lippen. »Du faselst wie gewöhnlich und bist
damals nicht fähig gewesen, eine scherzhafte Anwandlung als das zu
nehmen, was sie hat sein sollen -- eine kleine Kaprice.« Sie schlug die
Arme unter, und den Kopf gedankenvoll gesenkt, ging sie langsam einige
Schritte an den Fenstern hin. Sie sah sehr schön aus in der weißen
Alpakaschleppe, die ihr lang und weich nachfloß.
Der Kommerzienrat sprang auf. »Nun, Flörchen, ist es dir gefällig, mit
hinüber zu kommen?« fragte er. »Der Salon ist heute zum Verzweifeln
leer -- aus guten Gründen; es ist ja diplomatische Soiree beim
Fürsten,« beruhigte er sich selbst. »Wir müssen aber ein wenig Leben
hineinzubringen suchen, sonst haben wir die Großmama einige Tage
verstimmt und schlecht gelaunt.«
»Ich habe mich bereits für eine halbe Stunde noch entschuldigt,
Moritz,« sagte sie ungeduldig. »Ich _muß_ den Artikel, den ich unter
der Feder habe, heute noch schließen. Das Manuskript läge längst fertig
da, wenn Bruck nicht dazwischen gekommen wäre.«
Der Doktor war an den Schreibtisch getreten. »Eilt das so sehr? Und
weshalb?« fragte er, nicht ohne einen leisen Anflug von Humor in
Gesicht und Stimme.
»Weshalb, mein Freund? Weil ich mein Wort halten will,« versetzte sie
spitz. »Ah, das amüsiert dich! Es ist allerdings nur Frauenarbeit,
und du begreifst natürlich nicht, wer in aller Welt auf eine solche
Bagatelle warten mag.«
»So denke ich _nicht_ über die Frauenarbeit im allgemeinen --«
»Im allgemeinen!« persiflierte sie hart auflachend. »Ach ja, der
allgemeine, landläufige Begriff: Kochen, Nähen, Stricken --« zählte sie
an den Fingern her.
»Du hast mich nicht ausreden lassen, Flora,« sagte er gelassen.
»Ich bezog mich ebensowohl auf die geistige Thätigkeit wie auf
die Handarbeit. Ich stehe der Frauenfrage durchaus nicht fern und
wünsche, wie alle Billigdenkenden, daß die Frau die Mitstrebende, die
verständnisvolle Gehilfin des Mannes auch auf geistigem Gebiete werde.«
»Gehilfin? Wie gnädig! Wir wollen aber keine Gnade, mein Freund; wir
wollen mehr; wir wollen _Gleich_strebende, _Gleich_berechtigte nach
jeder Richtung hin sein.«