Sie sah nachdenklich vor sich hin. »Moritz muß sehr reich sein.«

Produced by Peter Becker and the Online Distributed

Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was

produced from images generously made available by The

Internet Archive)

+------------------------------------------------------------------+

| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift |

| als ~Antiqua~, und Fettschrift als $fett$. |

| Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |

+------------------------------------------------------------------+

E. Marlitt's

gesammelte

Romane und Novellen.

Fünfter Band.

Im Hause des Kommerzienrates.

[Illustration]

Stuttgart, Berlin, Leipzig.

_Union Deutsche Verlagsgesellschaft._

Im

Hause des Kommerzienrates.

_Roman_

von

_E. Marlitt._

_Mit Illustrationen von Heinrich Schlitt._

[Illustration]

Stuttgart, Berlin, Leipzig.

_Union Deutsche Verlagsgesellschaft._

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

[Illustration]

1.

Die Dezembersonne huschte noch einmal scheu durch die große

Schloßmühlenstube, dann nahm sie das letzte laue Strahlenfünkchen

von den seltsamen Gegenständen, die auf dem tiefen Steinsimse

des Eckfensters ausgebreitet lagen, und verschwand in dem

Schneewolkenbette, das sich träge, aber beharrlich am Himmel emporhob.

Die seltsam gleißenden Gegenstände auf dem Fenstersimse waren das

Rüstzeug des Arztes, jene Sammlung von Instrumenten, die schon

mit ihrem schneidig kalten Funkeln das Auge erschrecken und einen

Schauer durch das Nervenleben des Menschen jagen. Ein mächtiges

Bettgestell, an Kopf- und Fußende mit plumpen, bäurisch grellen Rosen-

und Nelkensträußen bemalt und ausgefüllt mit Federbetten in bunten

Ueberzügen, stand schräg in das Fensterlicht gerückt, und auf diesem

Bette lag der Schloßmüller. Eben hatte ihn die rasche Hand des

Arztes von einem Halsübel befreit, das ihn schon einige Male mit dem

Erstickungstode bedroht -- es war ein schwieriges, sehr gefährliches

Unternehmen gewesen, aber der junge Mann, der jetzt sacht das Rouleau

niederließ und geräuschlos die Instrumente in das Etui packte, sah

befriedigt aus -- die Operation war gelungen.

[Illustration]

Der Kranke, der noch kurz zuvor unter der anfänglichen Wirkung des

Chloroforms gegen die Hand des Arztes getobt und mit kreischender

Stimme Räuber und Mörder gescholten hatte, lag jetzt still und

erschöpft in den Kissen. Das Sprechen war ihm untersagt, ein offenbar

überflüssiges Verbot, denn wohl selten trug ein Gesicht so unverkennbar

das Gepräge der verdrossenen Wortkargheit als dieser dicke, viereckige

Kopf, der nur eine Schönheit aufzuweisen hatte: das ungelichtete,

silberweiße Haar.

»Du bist zufrieden, Bruck?« fragte leise ein Herr, zu dem Arzte in

die Fensternische tretend. Er hatte bis dahin am Fußende des Bettes

gestanden und trug noch die Spuren der Aufregung und Spannung in seinen

schönen Zügen.

Der Arzt nickte. »Alles gut bis jetzt -- die robuste Natur des

kranken Mannes wird mich unterstützen,« sagte er ruhig mit einem

zuversichtlichen Blick auf den alten Mann. »Und nun verlasse ich mich

auf die Pflege -- ich _muß_ fort. Der Patient hat vorläufig unter allen

Umständen in der gegebenen Lage zu verbleiben. Es darf durchaus keine

starke Blutung eintreten --«

»Dafür lasse mich sorgen!« unterbrach ihn der andere lebhaft. »Ich

bleibe, solange eine so penible Aufsicht nötig ist ... Willst du drüben

in der Villa sagen, daß ich nicht zum Thee komme?«

Ein leichtes Rot stieg in die Wange des Arztes, und etwas wie

Niedergeschlagenheit lag in seinem Tone, als er sagte: »Ich muß den

Umweg durch den Park vermeiden und so rasch wie möglich die Stadt zu

erreichen suchen --«

»Du hast Flora heute noch nicht gesehen, Doktor --«

»Glaubst du, das wird mir so leicht? Ich --« er unterbrach sich und

preßte die Lippen aufeinander, während er nach dem Etui griff, um es in

die Tasche zu stecken. »Ich habe mehrere Schwerkranke,« sagte er gleich

darauf sehr ruhig; »das kleine Mädchen des Kaufmann Lenz wird heute

nacht noch sterben. Dem Kinde kann ich nicht helfen, aber die Eltern,

die vollkommen erschöpft sind durch Angst und aufopfernde Pflege,

zählen die Augenblicke, bis ich komme -- die Mutter ißt nur auf mein

Zureden.«

Er trat an das Bett. Der Kranke hob die Lider und sah ihn vollkommen

bewußt an; ja, in den stark hervorquellenden, von geröteten Rändern

umgebenen Augen lag ein Schimmer von Dankbarkeit für die so plötzlich

fühlbar gewordene unaussprechliche Erleichterung. Er wollte seinem

Befreier die Hand reichen, aber dieser hielt sie auf der Bettdecke

fest, indem er das Verbot bezüglich jeder hastigeren Bewegung erneute.

»Der Kommerzienrat will hier bleiben, Herr Sommer; er wird dafür

einstehen, daß meine Anordnungen streng befolgt werden,« setzte er

hinzu.

Dem alten Manne schien das recht zu sein; den Blick auf den

Kommerzienrat gerichtet, der die Versicherungen mit einem freundlich

lebhaften Kopfnicken bestätigte, schloß er die Augen wieder, als wolle

er zu schlafen versuchen. Doktor Bruck aber nahm seinen Hut, reichte

dem Kommerzienrat die Hand und verließ das Zimmer.

Hätte eine angstvoll besorgte Frau am Krankenbette gesessen, ihr wäre

jedenfalls bei diesem Hinausgehen das Gefühl des Verlassenseins,

der Verzagtheit gekommen, wie jene arme Mutter in der Stadt mit dem

Erscheinen des Arztes so viel Mut schöpfte, um aus seiner Hand die

wenigen zur Selbsterhaltung nötigen Bissen zu nehmen. Am Lager des

Schloßmüllers waltete aber nicht solche zitternde Angst und unsägliche

Liebe. Die alte Haushälterin, die beschäftigt war, das zur Operation

gebrauchte Gerät zu entfernen, sah ziemlich gleichgültig darein;

sie huschte wie eine Fledermaus an den Wänden hin, und die von der

ärztlichen Hand verspritzten Wassertropfen schienen sie mehr zu

alterieren, als die Lebensgefahr, welche ihr Herr eben überstanden.

»Bitte, lassen Sie jetzt das gut sein, Jungfer Suse!« sagte der

Kommerzienrat in sehr höflichem Tone. »Das Reiben auf dem wackeligen

Tische macht ein nervenangreifendes Geräusch. Doktor Bruck wünscht in

erster Linie Ruhe für den Papa.«

Jungfer Suse packte schleunigst Wischtuch und Kehrbesen zusammen und

ging hinaus, um sich in ihrer blitzblanken Küche über die nassen

Reste auf dem Eßtische zu beruhigen. Es war nun still geworden, so

geräuschlos, wie es eben in der Schloßmühlenstube sein konnte. Durch

den Fußboden lief unausgesetzt jenes leise, taktmäßige Schüttern,

das von der Räderarbeit im Mühlenraume ausgeht; über das Wehr drüben

stürzten die zerstäubenden Wasser in ewiger Wiederholung ihrer

beschränkten Rauschemelodie und dazwischen rucksten die Tauben und

kamen plump gegen die Fensterscheiben geflattert aus den uralten,

riesenhaft ausgebreiteten Kastanienwipfeln, in denen sie nisteten, und

die von der Abendseite her einen Dämmerschein in die Schloßmühlenstube

warfen. Jenes Lärmgemisch aber existierte nicht für den Kranken -- es

gehörte so unbewußt zu seinem Leben und Behagen, wie die Luft, wie der

regelmäßige Taktschlag seines Herzens. --

Was war doch das für ein abstoßendes Greisengesicht, das der elegante

Mann am Bette versprochenermaßen mit den Augen hütete! Nie war ihm das

Ordinäre des Ausdrucks, nie der Zug von Härte und gemeiner Grobheit,

der sich in tiefer Krümmung um die dicke hängende Unterlippe zog, so

widerwärtig aufgefallen wie in diesem Augenblicke, wo der Schlaf oder

die Erschöpfung den Willen aufhob und den äußeren Charakterstempel

in die ursprünglichen Linien rückte ... Nun ja, der Alte hatte auch

tief unten angefangen; er war bei Beginn seiner Laufbahn Müllerknecht

gewesen; aber jetzt war er ein Mann, dem der Getreidehandel Unsummen

in den Schoß geworfen -- er war ein Träger der Geldmacht, der da auf

dem bäurisch altväterischen Bettgestelle lag, und vielleicht auch ein

wenig in Rücksicht auf diese imponierende Thatsache nannte ihn der

Kommerzienrat respektvoll und zuvorkommend »Papa«; denn in Wirklichkeit

knüpfte sie nicht ein Tropfen gemeinsamen Blutes aneinander. Der

verstorbene Bankier Mangold, mit dessen ältester Tochter erster

Ehe der Kommerzienrat vermählt gewesen, hatte als zweite Frau die

Schloßmüllerstochter heimgeführt -- das war das verwandtschaftliche

Verhältnis zwischen dem Kranken und seinem Pfleger.

Der Kommerzienrat erhob sich und trat leise vom Bette weg an eines der

Fenster. Er war ein jugendlich rascher Mann, den das Stillsitzen und

ängstliche Beobachten nervös machten; es widerstrebte ihm, fortgesetzt

das unsympathische Antlitz und die geballten, knotigen, tief in die

Bettdecke gewühlten Fäuste anzusehen, die einst die Peitsche über den

Müllerpferden geschwungen hatten. Die letzte Kastanie vor dem Fenster,

an welchem er stand, hatte längst die Blätter abgeworfen; jede Rundung,

jedes Viereck, welches die kahlen, ineinander geschlungenen Aeste

formten, wurde zum Rahmen kleiner Landschaftsbilder, eines lieblicher

als das andere, wenn auch im Augenblicke der düstere Dezemberhimmel

das Silberlicht der Teichspiegel dämpfte und mit seiner nassen

Wolkenschleppe die duftige Veilchenbläue der fernen Berggipfel häßlich

verwusch.

[Illustration]

Dort rechts, nachdem er die Räder der Schloßmühle gedreht, machte der

Fluß eine starke Krümmung; ein kleines Medaillon der Aeste seitwärts

umschloß ein Stückchen seines funkelnden Streifens und zugleich ein

Menschenwerk, dem er abermals dienen mußte -- ein mächtiger Bau in

Würfelform, ein ungeschickter Steinkoloß, über den die Fensterreihen

wie einförmige Perlenschnüre hinliefen, stand es in häßlicher

Nüchternheit am Ufer. Das war die Spinnerei des Kommerzienrates. Auch

er war ein reicher Mann: er beschäftigte Hunderte von Arbeitern dort

zwischen den kreisenden Spindeln, aber dieses sein Eigentum brachte

ihn in eine gewissermaßen abhängige Beziehung zu dem Schloßmüller. Die

Mühle, vor Jahrhunderten vom Landesherrn erbaut, war mit unglaublichen

Privilegien ausgestattet worden, die, noch heute in Kraft, eine

bedeutende Strecke des Flusses beherrschten und den Anwohnern das

Leben sauer genug machten. Und auf diesen verbrieften Rechten stand

der Schloßmüller mit seinen breiten Füßen und wies jedem die Zähne,

der auch nur mit einer Fingerspitze daran zu rühren wagte. Anfangs

nur Pächter, hatte er allmählich und unmerklich die Fangarme seines

wachsenden Reichtums ausgestreckt, bis er nicht allein Besitzer der

Mühle, sondern auch des Rittergutes selbst geworden war, zu welchem

sie gehörte. Und das hatte er durchgesetzt kurz vor der Verheiratung

seines einzigen Kindes mit dem angesehenen Bankier Mangold. Für ihn

selbst hatten nur der ausgedehnte Waldbesitz und die Ländereien Wert

gehabt; die dazu gehörige prächtige Villa inmitten eines stattlichen

Parkes war ihm zu allen Zeiten ein Greuel gewesen; nichtsdestoweniger

hatte er bereitwillig »die kostbare Spielerei« im Stande erhalten, weil

er ja seine Tochter als Herrin da schalten und walten sehen durfte,

wo die ehemaligen hochmütigen Besitzer konsequent vergessen hatten,

seinen Gruß zu erwidern. Jetzt war der Kommerzienrat Mieter der Villa;

es lagen somit die ausgiebigsten Gründe vor, in gutem Einvernehmen mit

dem Flußbeherrscher und Hauswirt zu verbleiben, und das geschah -- der

Kommerzienrat stand wie ein fügsamer Sohn zu dem mürrischen Alten.

Von der Turmuhr des Fabrikgebäudes schollen vier Schläge herüber, und

hinter den hohen Scheiben des Kontors schlugen zugleich die Gasflammen

auf; es wurde heute sehr früh dämmerig; jener feuchte Dampf, der Schnee

bringt, füllte allmählich die Luft und machte den Essenrauch von der

Stadt her träge über die Erde hinkriechen, während das Schieferdach

der Spinnerei, jede Thürstufe und jeder Kieselstein den schlüpfrigen

Glanz intensiver Nässe annahmen. Die Tauben, die noch geduldig, dick

und faul nebeneinander auf den Kastanien hockten, verließen plötzlich

die triefenden Aeste und flogen nach dem warmen, trockenen Schlage.

Fröstelnd sah der Kommerzienrat in die Stube zurück. Fast kam sie

ihm behaglich und anheimelnd vor, die den verwöhnten Mann sonst

stets anwiderte mit ihrer von Speiseresten erfüllten Luft, mit ihren

verräucherten Tapeten und den berüchtigten Neuruppiner Bilderbogen an

den Wänden, aber eben legte Jungfer Suse draußen frisches Scheitholz

in das Ofenfeuer; das altväterische Sofa mit den dicken, weichen

Federkissen stand so warm und bequem an der Wand, und auf den

blankgeputzten Scheiben der Alkoventhür blinkte das letzte Restchen des

falben Tageslichtes -- ah, hinter dieser Alkoventhür stand der eiserne

Geldspind -- hatte er vorhin auch den Schlüssel abgezogen?

Kurz vor der Operation hatte der Schloßmüller sein Testament

gemacht; die Gerichtspersonen und Zeugen waren dem Doktor und dem

Kommerzienrat noch auf der Treppe begegnet. Wenn er auch äußerlich

bei guter Fassung war, mußte es doch im Innern des Patienten heftig

gestürmt haben; jedenfalls war seine Hand beim Wegräumen der

benötigten Dokumente unstät und heftig gewesen, denn ein Papier war

auf dem Tische geblieben. Er hatte übrigens im letzten Augenblicke

vor der Entscheidung das Versehen noch bemerkt und den Kommerzienrat

gebeten, das Schriftstück schleunigst im Schranke zu verschließen.

Aus dem Alkoven führte noch eine zweite Thür nach dem Vorsaal, und

es verkehrten viele fremde Leute in der Mühle; erschreckt trat

der Kommerzienrat in das schmale Stübchen; er war unverzeihlich

leichtsinnig gewesen -- die Schrankthür stand offen; wenn das der Alte

gesehen hätte, der seinen Geldschrank wie ein Drache hütete! Es konnte

wohl niemand das Zimmer betreten haben, sagte sich der Kommerzienrat

zu seiner Beruhigung; selbst das leiseste Geräusch wäre ihm ja nicht

entgangen, aber überzeugen mußte er sich dennoch, ob noch alles in

Ordnung.

Er schlug den eisernen Thürflügel möglichst lautlos zurück -- sie

standen sichtlich unberührt, die Geldsäcke, das Piedestal des

ehemaligen Müllerknechtes, und neben den Stößen von Wertpapieren

türmten sich in blinkenden Säulchen die Goldstücke aufeinander. Sein

bewundernder Blick flog hastig über das Schriftstück, das er vorhin

infolge leicht begreiflicher Spannung und Erregtheit allzuflüchtig in

eines der musterhaft geordneten Fächer geworfen hatte -- es war das

Verzeichnis des Gesamtbesitztums. Welche imponierende Summen reihten

sich da aneinander! Sorgsam schob er das Papier auf die anderen

Dokumente; dabei aber geschah es, daß er eines der Geldröllchen umstieß

-- klirrend rollte eine Anzahl Napoleondore auf die Dielen nieder.

Wie abscheulich das klang! Es war fremdes Geld, das er berührt hatte!

Schrecken und eine an sich ungerechtfertigte Scham trieben ihm das Blut

in das Gesicht; unverzüglich bückte er sich, um das Geld aufzulesen.

In diesem Moment warf sich ein schwerer, massiger Körper von rückwärts

über ihn her, und harte, grobe Finger würgten ihn am Halse.

»Halunke, Spitzbube! Ich bin noch nicht tot,« zischte der Schloßmüller

mit seltsam erloschener Stimme. Ein momentanes Ringen erfolgte; der

schlanke junge Mann mußte alle seine Kraft und Elastizität aufbieten,

um den Alten abzuschütteln, der wie ein Panther auf ihm hockte, ihm die

Kehle so furchtbar zusammenschnürend, daß ein feuriger Funkenregen vor

seinen Augen aufstiebte -- ein angstvoller Griff seiner eigenen beiden

Hände, dann ein gewaltsamer Ruck und Stoß, und er stand befreit auf

seinen Füßen, während der Schloßmüller an die Wand taumelte.

»Sind Sie toll, Papa?« keuchte er empört und atemlos. »Welche

bodenlose Gemeinheit!« Er verstummte entsetzt; der Verband unter dem

erbleichenden Gesicht des Kranken erschien plötzlich scharlachrot,

und diese entsetzliche Farbe kroch sickernd, mit unglaublicher

Schnelligkeit auch als breites Band über die weiße Bettjacke -- da war

die Blutung, die um jeden Preis verhindert werden sollte.

[Illustration]

Der Kommerzienrat fühlte seine Zähne wie im Fieber zusammenschlagen.

War er schuld an diesem Unglück? »Nein, nein,« sagte er sich

erleichtert und umschlang den Kranken, um ihn fürs erste nach dem

Bett zu schaffen, aber der Alte stieß erbittert nach ihm und zeigte

schweigend auf die verstreuten Goldstücke; sie mußten Stück um Stück

aufgelesen und an Ort und Stelle zurückgelegt werden; die furchtbare

Gefahr, in der er schwebte, ahnte er entweder nicht, oder er vergaß sie

über der Angst um sein Gold. Erst nachdem der Kommerzienrat vor seinen

Augen den Schrank verschlossen und den Schlüssel in seine Hand gedrückt

hatte, wankte er in die Stube zurück und sank taumelnd auf sein

Lager, und als endlich zwei Müllerburschen und Jungfer Suse auf das

wiederholte Hilferufen des Kommerzienrates herbeistürzten, da lag der

Schloßmüller bereits lang hingestreckt und stierte mit gläsernen Augen

wie entgeistert auf seine Brust, die der unaufhaltsam entfließende

Lebensstrom immer breiter mit Purpur bedeckte.

Die Burschen eilten nach der Stadt, um Doktor Bruck zu suchen, während

die Haushälterin Wasser und Leinen herbeischleppte. Vergebliche Mühe!

Es half nichts, daß der Kommerzienrat angstvoll Tuch um Tuch auf die

Wunde preßte, um den Quell zu verstopfen; der ließ sich nicht wieder

zurückleiten. Es blieb kein Zweifel: die Schlagader war zerrissen. Wie

war das gekommen? Trug die wahnsinnige innere und äußere Aufregung des

alten Mannes allein die Schuld, oder -- der Herzschlag stockte ihm --

hatte er bei seiner verzweifelten Abwehr die Schnittwunde am Halse des

Wütenden gepackt und tödlich erweitert? Für einen solchen Moment gab

es kein Erinnern; wie kann einer wissen, ob er die Schulter oder den

Hals eines heimtückischen Angreifers faßt, wenn ihm der Erstickungstod

droht und das gewaltsam nach dem Gehirn gedrängte Blut Feuerräder vor

seinen Augen kreisen läßt! Aber wozu auch eine so gräßliche Möglichkeit

aufstellen? Hatten nicht der Sprung aus dem Bett, die innere kochende

Wut vollkommen genügt, das Unglück herbeizuführen, das ja der Arzt

selbst schon von einer einzigen allzu heftigen Bewegung abhängig

gemacht? Nein, nein, sein Gewissen war rein und unbelastet; er konnte

sich nicht den geringsten Vorwurf machen, was auch die Grundursache

dieses grauenhaften Vorfalles betraf. Er war an den Schrank getreten,

einzig und allein aus Besorgnis für das Eigentum des alten Mannes;

nicht einmal den Wunsch, diese Schätze zu besitzen, war ihm in jenem

flüchtigen Momente gekommen -- das wußte er genau. Was konnte er für

die gemeinen Gesinnungen des erbärmlichen Kornwucherers, der bei

jedem, auch dem anerkannt respektabelsten Manne, räuberische Gelüste

voraussetzte? An die Stelle der Angst und des Entsetzens trat jetzt

der Ingrimm. Das hatte er von seiner Liebenswürdigkeit, von jener

Höflichkeit des Herzens, die seine Bekannten an ihm rühmten; sie

hatte ihn, wie schon so oft, hingerissen, Verpflichtungen auf sich zu

nehmen, die ihn in Unannehmlichkeiten verwickelten. Wäre er doch zu

Hause geblieben, zu Hause in seinem köstlichen Salon, am Whisttisch

in unverkümmerter Gemütsruhe seine Cigarre rauchend! Sein böser Dämon

mußte ihm zugeflüstert haben, die Rolle des aufopfernden Pflegers zu

spielen; nun stand er inmitten der haarsträubendsten Situationen, und

seine vor Ekel und Grauen immer wieder zurückschreckenden Hände netzten

sich mit dem Blute des Elenden, der ihn eben um ein Haar erwürgt hätte.

Wie bleiern träge Minute um Minute hinschlich! Jetzt war sich der

Schloßmüller augenscheinlich bewußt, in welche Gefahr er sich gebracht

hatte; er rührte sich nicht, und nur seine Augen richteten sich in

angstvoller Spannung auf die Thür, wenn draußen auf dem Vorsaale

Schritte erklangen; er hoffte auf Rettung durch den Arzt, während der

Kommerzienrat schaudernd die Veränderung in seinem Gesicht verfolgte.

So aschfarben malt nur die Hand des Todes.

Jungfer Suse hatte die Lampe hereingebracht; sie war wiederholt vor

das Thor gelaufen, um nach Doktor Bruck auszuschauen, und nun stand

sie zu Häupten des Bettes und schüttelte sich stumm vor Entsetzen

bei dem Anblicke, den das weiße Lampenlicht schreckhaft hervortreten

ließ. Wenige Minuten darauf sanken die Augen des Schloßmüllers zu,

und der Schlüssel, den er bis dahin krampfhaft festgehalten, fiel

auf die Bettdecke; eine Ohnmacht trat ein. Unwillkürlich griff der

Kommerzienrat nach dem Schlüssel, um ihn wegzulegen, aber in dem

Moment, wo er das verhängnisvolle Stückchen Eisen mit den Fingern

berührte, kam ihm ein Gedanke, der ihn traf wie ein unvermuteter

Schlag: Welche Physiognomie erhielt wohl der unglückselige Vorfall

in den Augen der Welt? Er kannte es nur zu gut, das zischelnde,

flüsternde Weib, die Lästersucht; sie schlich ja auch durch seine

Salons, und das starke Geschlecht am Spieltische amüsierte sich genau

mit demselben Behagen bei ihren versteckten, boshaften Fingerzeigen,

ihrem zweideutigen Lächeln, wie die theetrinkenden Damen. Und wenn

nur ein einziger achselzuckend mit bedenklichem Augenzwinkern sagte:

»Ei, was hatte denn auch der Kommerzienrat Römer im Geldschranke

des Schloßmüllers zu suchen?« so genügte das, um sein Blut sieden

zu machen. Es blieb aber nicht bei diesem einzigen; er hatte Feinde

und Widersacher genug, wie alle, die das Glück bevorzugt; er wußte,

daß man sich morgen in der Stadt erzählen werde, die Operation sei

gelungen gewesen, aber die Aufregung darüber, daß der Pfleger heimlich

über seinen Geldschrank gegangen, habe eine Verblutung des Patienten

herbeigeführt. Und da war ein schmutziges Mal auf dem Namen des

beneideten Römer, das selbst keine gerichtliche Untersuchung wegwaschen

konnte. Wo waren denn die entlastenden Zeugen? Etwa seine bisher

anerkannte Ehrenhaftigkeit? Er lachte bitter in sich hinein, während

er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Niemand wußte besser als

er, daß sich die Mitwelt in nichts rascher findet, als eine anerkannte

Ehrenhaftigkeit für Schein zu halten, sobald der Schein gegen sie

auftritt. Er bückte sich über den Ohnmächtigen, dem Jungfer Susanne

die Schläfe mit Essenzen wusch, und beobachtete ihn plötzlich mit

verändertem Blicke; wenn dieser Mann da nicht selbst so viel Kraft

wieder erlangte, um den Vorgang zu erzählen, dann wurde das Ereignis

mit ihm begraben -- über die Lippen des anderen kam kein Wort.

Endlich schlugen draußen die Hofhunde an, und rasche Schritte kamen

über das Steinpflaster und die Treppe herauf. Doktor Bruck blieb

einen Moment wie versteinert in der Stubenthür stehen, dann legte

er schweigend seinen Hut auf den Tisch und trat an das Bett. Welche

atemlose Stille bei einem solchen Erscheinen! Sie breitet gleichsam

die Schwingen aus, um feierlich den Ausspruch über Leben und Tod zu

empfangen.

»Wenn er doch nur erst wieder zu sich käme, Herr Doktor!« flüsterte

endlich die Haushälterin beklommen.

»Das wird er schwerlich,« versetzte Doktor Bruck, von seiner

Untersuchung aufblickend -- jede Spur von Farbe war aus seinem Gesicht

gewichen. »Mäßigen Sie sich!« gebot er ernst, als Jungfer Suse in ein

Klagelied ausbrechen wollte. »Sagen Sie mir lieber, weshalb der Kranke

das Bett verlassen hat!« Er hatte die Lampe vom Tisch genommen und

beleuchtete den Fußboden -- die Dielen vor dem Bette waren mit Blut

bespritzt.

»Das rührt von den vollgesogenen Tüchern her,« erklärte der

Kommerzienrat mit blassem Gesicht, aber großer Bestimmtheit, während

die Haushälterin heilig und teuer versicherte, daß der Schloßmüller bei

ihrem Wiedereintreten noch genau so im Bett gelegen, wie es der Herr

Doktor angeordnet habe.

Doktor Bruck schüttelte den Kopf. »Die Blutung ist nicht ohne alle

äußere Veranlassung eingetreten; es _muß_ eine heftige Erschütterung

eingewirkt haben --«

»Daß ich nicht wüßte -- ich versichere dir, nein!« sagte der

Kommerzienrat, ziemlich fest dem ausdrucksvollen Blick des Arztes

begegnend. »Uebrigens, was soll dieser Inquisitorenblick? Ich sehe

nicht ein, weshalb ich es dir verheimlichen sollte, wenn der Kranke

wirklich in einem Fieberanfall aus dem Bette gesprungen wäre.« Er

blieb unbeirrt auf dem Wege, den er eingeschlagen. Fast wollte es ihm

die Kehle zusammenschnüren bei seinen letzten Worten. Um den äußeren

Ehren_schein_ zu retten, gab er die wahre innere Ehre hin -- er

leugnete mit eherner Stirn, aber er war ja auch in Wirklichkeit ohne

alle Schuld; er war der an Leben und Gesundheit Schwerbedrohte gewesen.

Nicht ein einziges Motiv lag nahe, welches das Bekennen des wahren

Sachverhaltes zur Gewissenspflicht gemacht hätte.

Der Arzt wandte sich schweigend von ihm ab. Unter seinen Bemühungen

schlug zwar der Schloßmüller die Augen wieder auf, aber er stierte

mit wirrem, verloschenem Blick ins Leere, und der Versuch zu sprechen

erstarb in einem schwachen Gurgeln und Lallen.

[Illustration]

Mehrere Stunden später verließ der Kommerzienrat Römer die Schloßmühle

-- es war alles vorüber. Ueber die Thüren des Sterbezimmers und des

Alkovens spannten sich bereits breite Papierstreifen. Der Kommerzienrat

hatte sofort nach dem letzten Atemzuge des Schloßmüllers bei den

Gerichten Anzeige gemacht und als vorsichtiger und gewissenhafter Mann

vor seinen Augen versiegeln lassen.

[Illustration]

2.

Er schritt jetzt durch den Park nach Hause. Die Lichter der Mühle, die

noch eine kleine Strecke weit einen schwachen Schein auf seinen Weg

herausgeworfen, verschwanden hinter ihm; er wandelte nun allein mit

sich selbst in tiefster Finsternis, und nicht der scharfe Windhauch,

der ihn anblies, nicht die vereinzelten Schneeflocken, die wie

flatterndes Nachtgevögel eisigkalt an seiner Wange niederstrichen,

nein, seine aufgeregten Gedanken und die Erinnerung an den Anblick,

den er stundenlang hatte ertragen müssen, sie waren es, die einen

Schüttelfrost durch seine Glieder jagten. Auf demselben Wege, dessen

Kieselgeröll jetzt mißtönend unter seinen Füßen rasselte, war er heute

nachmittag gekommen, eben aufgestanden vom reichbesetzten Mittagstisch,

sorglos, seinen vielberufenen Glücksstern über sich wähnend -- und nun,

nach wenigen Stunden, wollte es fast scheinen, als trage er Mitschuld

am Tode eines Menschen, er, der Kommerzienrat Römer, der um seiner

empfindlichen Nerven willen nicht einmal ein Tier leiden sehen mochte!

Bah, das war der Neid der Götter, der kein ungetrübtes Menschenlos

duldet, der dem Glücklichen gern Steine auf die glatte Bahn wirft,

und welcher jetzt auch bemüht war, _ihm_ einen Nagel in das Gewissen

zu drücken; der heitere Lebensgenuß sollte ihm vergällt werden -- mit

nichten! Ihn traf nur ein Vorwurf, der des Verschweigens, aber wem

schadete er denn damit? Niemand, niemand auf Gottes weiter Erde! Basta

-- er war mit sich fertig. Eben bog er in die breite Lindenallee ein,

welche direkt auf die Villa zulief. Ströme silberweißen Lichtes flossen

durch Fenster und Glasthüren des unteren Balkonzimmers. Von dort her

griff das üppige Leben voll Genuß mit weißen, schwellenden Armen nach

ihm und zog ihn an sich aus Nachtdunkel und innerer Bedrängnis. Er

atmete befreit auf; er warf die schlimmen Eindrücke der letzten Stunden

weit hinter sich und ließ sie gleichsam verfließen mit dem Rauschen des

Mühlwassers, das in der Ferne allmählich erstarb.

In dem Salon dort, am Thee- und Whisttische der verwitweten Frau

Präsidentin Urach, hatte sich eine zahlreiche Abendgesellschaft

eingefunden. Die sehr tiefgehenden mächtigen Glasscheiben und das klar

durchsichtige Bronzegeflecht des niedrigen Balkongeländers gestatteten

einen vollkommenen Einblick in den Salon. Seine farbenglänzenden

Wandgemälde, die faltenschweren Thürbehänge von veilchenblauem

Samt, der schwebende Kettenleuchter von Goldbronze, den die mit dem

Silberlichte des Gases gefüllten Milchglaskugeln wie riesige Perlen

umkreisten, ließen ihn feenhaft, aber auch herausfordernd wie eine

Schaubühne aus dem intensiven Dunkel des Winterabends treten ...

Ein Windstoß pfiff durch die Allee und schüttete ein Gemisch von

Schneeflocken und dürren Lindenblättern wie toll über den Balkon her;

die vornehme Ruhe hinter den Scheiben ließ sich nicht alterieren

durch den groben Gesellen; nicht einmal das luftige Gewebe der

Spitzengardinen bewegte sich -- höchstens daß der Feuerkern im Eckkamin

unter seinem grimmigen Atem für einen Moment höher aufglühte.

Und der immer rascher dahinschreitende Mann draußen überblickte

mit einer Art von innerlich zitterndem Wonnegefühl die Gruppen

der Versammelten -- nicht daß blonde und dunkle Locken, weiche,

schlanke Frauen- und Mädchengestalten sein Auge entzückt hätten,

die Frühlingsgenien des Deckengemäldes streckten vielmehr ihre mit

Anemonen und Maiblumen gefüllten Händchen über Matronenhäubchen, über

gebleichte Scheitel und Glatzköpfe hin -- aber welche Namen waren

da vertreten! Offiziere von hohem Range, pensionierte Hofdamen und

Herren vom Ministerium saßen an den Spieltischen, oder umsaßen, ihren

steifen Rücken in den blauen Samt der Lehnstühle gedrückt, plaudernd

den wärmenden Kamin. Auch der alte, hochmütige Medizinalrat von Bär

war da. Beim Aufwerfen der Karten zuckten Blitze von seinen kostbaren

Brillantringen, lauter Geschenken fürstlicher Personen. Und alle diese

Leute waren in _seinem_ Hause, im Hause des Kommerzienrats Römer;

der rubinfunkelnde Wein in den Gläsern war aus seinem Keller, und

die frischen, duftenden Erdbeeren, welche die betreßten Diener in

großen Kristallschalen eben herumreichten, hatte er bezahlt. Die Frau

Präsidentin Urach war die Großmama seiner verstorbenen Frau; sie

machte mit unumschränkter Macht über seine Kasse die Honneurs im Hause

des Witwers.

[Illustration]

Der Kommerzienrat bog um die westliche Seite des Hauses. Hier waren

nur zwei Fenster im Erdgeschoß beleuchtet; ziemlich nahe dem einen

brannte eine Hängelampe und warf die helle Glut der roten Gardine so

weit hinaus daß der weiße Leib der steinernen Brunnennymphe drüben

vor der Bocage in einem vollen Rosenlichte schwamm. Der Kommerzienrat

schüttelte den Kopf; er trat in das Haus, ließ sich von einem

herbeieilenden Diener den Ueberzieher abnehmen und öffnete die Thür

des Zimmers, in dem sich die roten Vorhänge befanden. Der ganze Raum

war rot; Tapeten, Möbelbezüge, selbst der Teppich, der sich über den

Fußboden hinspannte, trug die satte dunkle Purpurfarbe. Unter der

Hängelampe stand ein Schreibtisch, ein Möbel von wunderlicher Form, in

chinesischem Geschmacke schwarz lackiert, mit Goldgeäder und feinen

Goldarabesken; es war ein Arbeitstisch im vollsten Sinne des Wortes;

aufgeschlagene Bücher, Papierhefte und Zeitungen bedeckten seine breite

Platte, auch ein dickes Manuskript mit quer darüber hingeworfenem

Stifte lag da, und daneben stand auf einem kleinen, runden Silberteller

ein Kelchglas, zur Hälfte mit dunklem, schwerem Rotweine gefüllt. Das

war ein Zimmer, wo keine Blume gedeiht, wo kein Vogel sein störendes

Lied singen darf. In den vier Ecken, auf Säulenstücken von schwarzem

Marmor, standen lebensgroße Büsten aus demselben Material, das

die strenggeschnittenen Köpfe noch herber und härter im Ausdrucke

erscheinen ließ, und die eine lange Wand nahmen Büchergestelle ein;

sie harmonierten in Farbe und Ausschmückung mit dem Schreibtische und

bargen eine ansehnliche Bibliothek in ihren Fächern, schön gebundene

Bücher neuesten Datums, aber auch Folianten in Schweinsleder und ganze

Stöße abgegriffener Broschüren. Fast schien es, als sei hier das tiefe,

gleichmäßige Rot als Grundton nur gewählt, um den Ernst des Gedankens

in der Gesamteinrichtung hervorzuheben.

[Illustration: Flora im Arbeitszimmer. (S. 20.)]

Als der Kommerzienrat auf die Schwelle trat, blieb die Dame, die

offenbar da auf und ab gegangen war, inmitten des Zimmers stehen. Man

hätte meinen mögen, auch sie sei eben von draußen hereingekommen,

direkt aus dem Schneegestöber mit überschneitem Gewande, so blendend

weiß stand sie auf dem roten Teppich. Es ließ sich schwer bestimmen,

ob die weichen Falten des langen Kaschmirkleides lediglich aus

Bequemlichkeit so lässig um Hüften und Taille geschürzt waren, oder ob

diesem außergewöhnlichen Arrangement ein sorgfältiges Toilettestudium

zu Grunde liege -- jedenfalls hob sich die Gestalt von dem

dunkelpurpurnen Hintergrunde edel in jeder Linie und taubenhaft weiß ab

wie eine Iphigenie. Die Dame war sehr schön, wenn auch nicht mehr in

der ersten Jugend. Sie hatte ein feines Römerprofil und zartgefügte,

jugendlich biegsame Glieder; nur das aschblonde Haar entbehrte der

Fülle; es war kurz verschnitten und bauschte sich, von der Stirn

zurückgestrichen, in kleinen durchsichtigen Locken um Kopf und Hals.

Das war Flora Mangold, die Schwägerin des Kommerzienrats Römer, die

Zwillingsschwester seiner verstorbenen Frau. Sie hatte die Arme leicht

unter der Brust verschränkt und sah ihrem Schwager mit sichtlicher

Spannung entgegen.

»Nun, Flora, du bist nicht drüben?« fragte er, mit dem Daumen die

Richtung des Salons bezeichnend.

»Was denkst du denn? Ich werde mich wohl in Großmamas Theeklatsch

setzen, zwischen Strümpfe und Wickelschnuren für arme Kinder und

Altweibergeschwätz,« versetzte sie herb und geärgert.

»Es sind auch Herren drüben, Flörchen --«

»Als ob die sich auf den Klatsch nicht noch besser verstünden, trotz

Orden und Epauletten!«

Er lachte. »Du hast schlechte Laune, ~ma chère~,« sagte er und ließ

seine schlanke Gestalt in einen Lehnstuhl sinken.

Sie aber warf plötzlich mit einer heftig schüttelnden Bewegung den

Kopf zurück und preßte die festverschlungenen Hände gegen den Busen.

»Moritz,« sagte sie wie atemlos, wie nach einem augenblicklichen Ringen

mit sich selbst, »sage mir die Wahrheit -- ist der Schloßmüller unter

Brucks Messer gestorben?«

Er fuhr empor. »Welche Idee! Nun wahrhaftig, euch Frauen ist doch nie

ein Unglück schwarz genug --«

»Moritz, ich bitte mir's aus,« unterbrach sie ihn mit einer stolzen

Kopfbewegung.

»Nun ja, allen Respekt vor deiner Begabung und deinem ungewöhnlichen

Verstande, aber machst du es denn besser als die anderen?« Er durchmaß

aufgeregt das Zimmer -- diese ungeahnte Auffassung des Ereignisses

traf ihn wie vernichtend. »Unter Brucks Messer gestorben!« wiederholte

er mit tief erregter Stimme. »Ich sage dir, gegen zwei Uhr hat die

Operation stattgefunden, und vor kaum zwei Stunden ist der Tod

eingetreten. Uebrigens fasse ich nicht, wie gerade du den Mut findest,

einen solchen Gedanken so kurz und bündig, fast möchte ich sagen, so

mitleidslos auszusprechen.«

»Gerade ich!« betonte sie. Bei diesen energischen Worten drückte

sie den vorgestreckten Fuß sichtlich tiefer in den Teppich. »Gerade

ich, weil ich nichts Totgeschwiegenes in meiner Seele dulde -- das

solltest du wissen. Ich bin zu stolz, zu wenig hingebend, um die dunkle

Verschuldung eines andern mitzuwissen und zu verhehlen -- sei dieser

andere, wer er wolle! Glaube ja nicht, daß ich dabei nicht leide!

Mir geht ein Schwert durchs Herz, aber du hast das Wort mitleidslos

gebraucht -- verdächtiger konntest du dich nicht ausdrücken. Mitleid

haben mit der Stümperei der Wissenschaft, das ist absurd, geradezu

unmöglich. Darüber aber bist du doch, so gut wie ich, im klaren, daß

Brucks Ruf als Arzt bereits stark gelitten hat durch die gänzlich

mißratene Kur der Gräfin Wallendorf.«

»Ja, ja, die gute Frau hat ihrer Liebhaberei für Gänseleberpastete und

Champagner um keinen Preis entsagt.«

»Das behauptet Bruck -- die Verwandten haben es widerlegt.« Sie preßte

die Handflächen an die Schläfen, als schmerze ihr der Kopf heftig.

»Weißt du, Moritz, als die Nachricht von dem Unglück in der Mühle

herübergebracht wurde, da bin ich wie sinnlos draußen im Freien auf

und ab gestürmt. In allen Schichten der Bevölkerung war der alte

Sommer gekannt, alle Welt interessierte sich für die Operation. Sei es

denn, wie du sagst, daß er nicht sofort unter Brucks Händen den Geist

aufgegeben hat -- die Sachverständigen werden mit Recht behaupten, er

habe eben nur vermöge seiner robusten Natur einen verlängerten Kampf

gekämpft. Willst du als Laie das besser wissen? Leugne doch nur nicht,

daß du dieselbe Ueberzeugung hegst! Du solltest dich nur sehen, wie

blaß du bist vor innerer Bewegung.«

In diesem Augenblicke that sich eine Seitenthür auf und die Präsidentin

Urach erschien auf der Schwelle. Trotz ihrer siebzig Jahre konnte

man wohl von ihr sagen: sie kam schwebenden Schrittes näher; trotz

ihrer siebzig Jahre war sie eine merkwürdig jugendliche Großmama. Sie

trug nicht einmal die wohlthätig verhüllende Mantille des Alters;

ein weißer, auf den Rücken geknüpfter Spitzenfichu legte sich knapp

um Brust und Taille, und auf der perlgrauen Seidenschleppe bauschte

ein reichgarniertes Ueberkleid. Ihr ergrautes, aber noch von

glänzenden Streifen der ehemaligen Goldfarbe durchzogenes Haar war in

dicken Puffen um die Stirn gesteckt, und über dieser Haarkrone lag

schleierartig weißer Blondentüll, dessen lange Enden den Hals und die

untere Kinnpartie, diese unerbittlichen Verräter des vorgerückten

Alters, zugleich verhüllten.

Sie kam nicht allein. Neben ihr schlüpfte ein wunderliches Wesen

herein, eine im Wachstum sehr unterdrückte Gestalt, nicht gerade

unproportioniert in den Gliedern, aber doch auffallend klein

und erschreckend mager, und auf diesem dürftigen Körper saß der

starkentwickelte Kopf einer jungen Dame von vielleicht vierundzwanzig

Jahren. Die drei im Zimmer anwesenden Frauenköpfe trugen ein und

denselben Familienzug -- man erkannte sofort die enge Beziehung

zwischen der Großmutter und den Enkelinnen; nur bei der Jüngsten

erschien das edle, ebenmäßige Profil zu sehr in die Länge gezogen;

auch trat das Kinn breiter und energischer hervor. Sie hatte einen

kränklichen Teint und seltsam bläuliche Lippen. Durch ihr blondes

Haar schlangen sich feuerfarbene Samtbänder -- sie war überhaupt in

eleganter Gesellschaftstoilette; nur hing originellerweise da, wo

andere Damen ein Margaretentäschchen tragen, ein ovales Weidenkörbchen,

weich gefüttert mit blauen Atlaskißchen, zwischen denen ein

Kanarienvogel saß.

»Nein, Henriette!« rief Flora ungeduldig und heftig, als das Vögelchen

sofort sein Nest verließ und wie ein Pfeil über ihren Kopf hinflog,

»das leide ich absolut nicht. Deine Menagerie lässest du draußen!«

»Ich bitte dich, Flora -- Hans hat weder Elefantenfüße noch Hörner am

Kopfe; er thut dir nichts,« sagte die kleine Dame gleichmütig. »Komm,

Hänschen, komm!« lockte sie das Tierchen, das droben an der Decke

kreiste; es kam sogleich pflichtschuldigst herunter und setzte sich auf

ihren ausgestreckten Zeigefinger.

Flora wandte sich achselzuckend ab. »Ich begreife dich und die anderen

drüben wahrhaftig nicht, Großmama,« sagte sie scharf. »Wie mögt ihr nur

Henriettens Kindereien und Narrheiten dulden? Sie wird euch nächstens

auch ihre sämtlichen Tauben- und Dohlennester in den Salon schleppen.«

»Ei ja -- warum denn nicht, Flora?« lachte die Kleine und zeigte eine

Reihe feiner, scharfer Zähnchen. »Die guten Leute müssen sich ja

auch gefallen lassen, daß du womöglich mit der Feder hinter dem Ohr

einhergehst und stets alle Taschen voll Stubengelahrtheit mitbringst --«

»Henriette!« unterbrach sie die Präsidentin streng verweisend. Es war

eine wahrhaft fürstliche Hoheit in jeder ihrer Bewegungen; auch in der

graziösen Art, wie sie dem Kommerzienrat ihre schlanke Hand begrüßend

hinreichte, lag bei sehr viel Güte und Freundlichkeit dennoch eine

nicht zu verkennende Herablassung.

»Wir haben drüben erfahren, daß du endlich zurückgekommen bist, lieber

Moritz; sollen wir noch länger warten?« fragte sie mit ihrer schönen,

immer noch weichen Frauenstimme.

Noch vor zehn Minuten hatte er mit dem festen Vorsatz, schleunigst in

den Frack zu schlüpfen, das Haus betreten -- jetzt sagte er zögernd und

unsicher: »Teuerste Großmama, ich möchte Sie bitten, mich für heute zu

entschuldigen -- der Vorfall in der Mühle --«

»Nun ja, der Vorfall ist traurig genug, aber weshalb sollen auch _wir_

darunter leiden? ... Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich dich vor meinen

Freunden entschuldigen soll.«

»Sie werden doch nicht so schwer von Begriffen sein, die guten

Freunde, um nicht zu verstehen, daß Käthes Großpapa gestorben ist?«

warf Henriette über die Schulter herüber ein -- sie stand vor einem

Bücherbrett und las, wie es schien, eifrig die Vignetten.

»Henriette, ich verbitte mir ernstlich deine naseweisen Bemerkungen,«

sagte die Präsidentin. »Du magst meinetwegen deinen feuerfarbenen

Haarschmuck ein wenig moderieren; denn Käthe ist deine Stiefschwester,

mir und Moritz aber liegt diese Verwandtschaft so weltenfern, daß wir

für uns dem Trauerfall offiziell keinerlei Bedeutung zugestehen können,

so sehr ich ihn auch beklage. Ich möchte überhaupt nicht, daß die Sache

an die große Glocke geschlagen würde -- Brucks wegen -- je weniger über

den Vorfall gesprochen wird, desto besser.«

»Mein Gott, seid ihr denn alle so ungerecht gegen den Doktor?« rief der

Kommerzienrat in ausbrechender Verzweiflung. »Ihm ist auch nicht der

allergeringste Vorwurf zu machen; er hat seine ganze Kunst, sein ganzes

Wissen aufgeboten --«

»Lieber Moritz, _darüber_ mußt du meinen alten Freund, den Medizinalrat

von Bär, hören!« unterbrach ihn die Präsidentin und klopfte ihn leicht

auf die Schulter. Sie winkte bedeutungsvoll mit den Augen nach Flora,

die an ihren Schreibtisch getreten war.

»O, geniere dich nur nicht, Großmama! Glaubst du denn, ich sei so blind

und dumm, um mir nicht selbst zu sagen, wie Bär urteilt?« rief das

schöne Mädchen bitter. Ihre Lippen zuckten wie im Krampf. »Uebrigens

hat Bruck bereits sich selbst gerichtet; er hat nicht gewagt, mir heute

abend noch unter die Augen zu treten.«

Henriette hatte bis dahin mit dem Rücken gegen die anderen gestanden.

Jetzt wandte sie sich um; eine hohe Röte schoß in ihr fahles Gesicht

und erlosch ebenso rasch wieder. Das Mädchen hatte ein wunderschönes

tiefes Auge, ein Auge voll leidenschaftlicher Empfindung. Diese großen

flimmernden Sterne richteten sich mit einem Gemisch von scheuem

Schrecken und jäh aufglühendem Haß auf das Gesicht der Schwester.

»Nun, diesen Verdacht wird er widerlegen -- er kommt noch, Flora,«

sagte der Kommerzienrat sichtlich erleichtert. »Er wird dir selbst

sagen, daß er den Tag über wie gehetzt gewesen ist. Du weißt ja, daß

er mehrere Schwerkranke in der Stadt hat, darunter das arme, kleine

Mädchen des Kaufmann Lenz, das heute nacht noch sterben wird.«

Die junge Dame stieß ein leises, bitteres Lachen aus. »Wird es sterben?

Wirklich, Moritz? ... Nun sieh, Bär war auch hier bei mir, ehe er zur

Großmama ging; er sprach auch von dem Kinde, das er gestern gesehen

hatte, und meinte, der Fall sei leicht -- er fürchte nur, Bruck sei auf

falscher Fährte! Bär ist eine Autorität --«

»Ja, eine Autorität voll zitternden Neides,« sagte Henriette mit

vibrierender Stimme. Sie war rasch hinzugetreten und legte ihre Hand

auf den Arm ihres Schwagers. »Gib es auf, Moritz, Flora zu bekehren! Du

siehst doch, sie will ihren Bräutigam schuldig finden.«

»Ich _will_? ... Boshaftes Geschöpf! Ich gäbe sofort mein halbes

Vermögen hin, wenn ich noch so denken könnte wie zu Anfang meiner

Brautschaft, so stolz, so zuversichtlich zu Bruck aufsehend,« rief

Flora leidenschaftlich. »Aber seit dem Tode der Gräfin Wallendorf

trage ich stillschweigend die fortgesetzte Qual der Zweifel, des

Mißtrauens mit mir herum -- heute zweifle ich nicht mehr, denn ich bin

überzeugt. Jene Schwäche des Weibes kenne ich freilich nicht, das nur

liebt, ohne zu fragen: Ist der Geliebte der Hingebung auch würdig? ...

Ich bin ehrgeizig, glühend ehrgeizig, das können alle wissen. Ohne

diese Triebfeder würde ich _auch_ mit dem großen Haufen der Schwachen

und Indolenten meines Geschlechts auf der breiten Heerstraße der

Alltäglichkeit ziehen -- Gott soll mich behüten! Wie andere strebende

und denkende Frauen es möglich machen, ruhig und gleichmütig mit einem

unbedeutenden Mann durchs Leben zu gehen, ist mir stets unfaßlich

gewesen -- ich würde zeitlebens erröten unter den Blicken der Menschen.«

»O -- so verschämt würdest du sein? Sieh, sieh! -- Allerdings, dazu

gehört auch mehr Mut, als vor einem kecken Auditorium von Studenten

über Aesthetik und dergleichen zu lesen,« rief Henriette jetzt in der

That mit einem boshaften Lächeln.

Flora ließ einen Blick voll Verachtung über die kleine Schwester

hinstreifen. »Solch eine kleine Viper läßt man ruhig zischen. Was weißt

du von einem Ideal?« sagte sie achselzuckend. »Aber recht hast du, wenn

du glaubst, mein Platz sei weit eher auf dem Katheder, als an der Seite

eines Mannes, der sich als Stümper in seiner Wissenschaft dokumentiert

-- eine solche Fessel ertrage ich nicht.«

»Kind, das ist deine Sache,« erklärte die Präsidentin gelassen, während

der Kommerzienrat in namenloser Bestürzung zurückfuhr. »Du wirst dich

erinnern, daß dich niemand gezwungen noch überredet hat, deinen Kopf in

diese Fessel zu stecken.«

»Das weiß ich sehr genau, Großmama; ich weiß auch, daß du es weit

lieber gesehen hättest, wenn ich die Frau des an Geld und Körper

bankrotten Kammerherrn von Stetten geworden wäre. Ich gebe dir ebenso

gern zu, daß ich mich nie von irgend einem Menschen beeinflussen oder

gar leiten lasse, weil ich am besten wissen muß, was mir frommt.«

»Das wird dir auch stets unbenommen sein,« versetzte die Großmama mit

vornehmer Kälte. »Nur eines gebe ich dir zu bedenken: du wirst eine

entschiedene Gegnerin an mir haben, wenn die Sache auf einen Eklat

hinausläuft. Darin kennst du mich hoffentlich. Ich ertrage weit eher

inneren Unfrieden als einen Familienskandal nach außen. Ich lebe

mit euch zusammen und habe gern die Repräsentation dieses Hauses

übernommen; dafür verlange ich aber auch die unbedingteste Rücksicht

für meine Stellung und meinen Namen. Ich will nicht, daß man in der

Gesellschaft über uns flüstert und zischelt.«

Der Kommerzienrat wandte sich rasch ab. Er trat an das eine unverhüllte

Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Der Wind, der sich allmählich

zum Sturme steigerte, fauchte rüttelnd an den Scheiben hin, und in dem

feurig roten Streifen, den die Lampe des anderen Fensters stet und

unbeirrt über die windgeschüttelten Büsche warf, fuhren die blutig

gefärbten Schneeflocken im rasenden Wirbel durcheinander wie die

marternden Gedanken in seinem Kopfe. Er hatte vorhin mit sich gekämpft,

ob er nicht Flora wenigstens den Vorfall wahrheitsgetreu mitteilen

solle -- jetzt wußte er, daß gerade ihr gegenüber kein Laut über seine

Lippen kommen durfte, wenn er nicht wollte, daß die Präsidentin um

des »Zischelns und Flüsterns in der Gesellschaft« willen sich von ihm

lossagte; er mußte sich eingestehen, daß das ehrgeizige schöne Mädchen

sofort sein Geständnis in die Welt hinausschreien würde, weniger aus

Liebe, als um den Schein von sich zu wenden, daß sie sich hinsichtlich

der Wahl ihres Herzens oder eigentlich ihres Verstandes geirrt habe.

Währenddem stand Henriette, das kleine, mißgestaltete Mädchen, mit

Augen voll Grimm und Spott vor der Großmutter. »Also nur in Rücksicht

auf das Gerede der Leute wünschest du, daß sich meine Schwester

tadellos aus der Affaire ziehe? Damit kommt sie ja sehr wohlfeil weg.

Du sprichst sie ohne Bedenken frei, wenn sie nur dem Treubruche ein

seidenes Mäntelchen umzuhängen versteht. Uebrigens brauchst du wegen

des Eklats wirklich nicht so entsetzlich penibel zu sein, Großmama --

man muß im Salon leben wie wir, um zu wissen, daß die Gesellschaft

es mit so manchen vornehmen Sündern hält wie mit dem alten Meißener

Porzellan: je öfter gekittet, desto begehrter!«

»Ich werde dich wohl ersuchen müssen, den Rest des Abends auf deinem

Zimmer zu verbringen, Henriette,« zürnte die Präsidentin jetzt

ernstlich. »Mit dieser verbitterten Stimmung kann ich dir die Rückkehr

in den Salon nicht gestatten.«

»Wie du befiehlst, Großmama! Gelt, Hans, wir gehen mit tausend

Freuden,« sagte sie lächelnd und drückte die Wangen auf das Gefieder

des Vögelchens, das noch auf ihrer Rechten saß. »Du kannst _auch_ die

alten Hofdamen nicht leiden, und die große medizinische Autorität,

den Herrn von Bär, zwickst du regelmäßig in den Finger, wenn er dich

mit Zucker kirren will, braver Bursche ... Gute Nacht, Großmama --

gute Nacht, Moritz!« Sie hemmte noch einmal ihre hastigen Schritte

und wandte sich zurück. »Die Charaktervolle dort,« sagte sie mit

schneidender Ironie, »wird hoffentlich den Weg innehalten, den ihr

der selige Papa unerbittlich vorgeschrieben haben würde -- mit ihrer

Renommage bezüglich des eigenen Willens hat sie sich zu seinen

Lebzeiten niemals hervorwagen dürfen. Er würde ihr nie gestattet haben,

einem Ehrenmanne das gegebene Wort zu brechen.«

Mit trotzig zurückgeworfenem Kopfe ging sie hinaus, aber schon auf der

Schwelle stürzten ihr die heißen Thränen, die bereits in ihren letzten

Worten mitgeklungen hatten, unaufhaltsam über die Wangen.

»Gott sei Dank, daß sie geht!« rief Flora. »Man braucht wirklich das

höchste Maß der Selbstbeherrschung, um nicht ihr gegenüber die Geduld

zu verlieren.«

»Ich vergesse nie, daß sie eine Kranke ist,« bemerkte die Präsidentin

trocken zurechtweisend.

»Und in einer Art hatte sie doch auch recht, Flora,« wagte der

Kommerzienrat trocken einzuwerfen.

»Denke darüber, wie du willst, Moritz!« entgegnete die junge Dame kalt.

»Ich habe dich nur dringend zu bitten, mir durch deine Einmischung

die inneren Kämpfe nicht zu erschweren. Wie bereits gesagt, bin ich

gewohnt, mit mir und anderen allein fertig zu werden, und so will ich's

auch in diesem Falle gehalten wissen. Uebrigens dürft ihr ruhig sein --

du und die Großmama -- es widerstrebt mir selbst, hart und gewaltsam

vorzugehen; ich habe eine geräuschlose Verbündete, und das ist -- die

Zeit.«

Sie nahm das Kelchglas vom Schreibtische und netzte die fast weiß

gewordenen Lippen mit einigen Tropfen Rotweins, während die

Präsidentin, ohne ein Wort weiter zu verlieren, sich anschickte, in den

Salon zurückzukehren.

»Apropos, Moritz!« rief sie, die Hand auf das Thürschloß legend. »Was

wird nun mit Käthe geschehen?«

»Darüber müssen wir das Testament entscheiden lassen,« versetzte er,

wie befreit aufatmend. »Ich bin völlig ahnungslos, wie der Schloßmüller

verfügt hat. Käthe ist seine einzige Erbin; ob er sie aber auch als

solche bestätigt, das fragt sich; er ist ihr ja immer gram gewesen,

weil ihre Geburt seiner Tochter das Leben gekostet hat ... Auf jeden

Fall wird sie für einige Zeit hierher kommen müssen.«

»Gib dir keine Mühe -- die kommt nicht; die hängt noch heute so fest an

den Rockfalten ihrer alten, unausstehlichen Gouvernante wie zu Papas

Lebzeiten,« sagte Flora. »Man muß nur ihre Briefe an dich lesen.«

»Nun vielleicht ist's auch besser, sie bleibt, wo sie ist,« meinte die

Präsidentin fast lebhaft. »Aufrichtig gestanden, ich verspüre nicht

viel Lust, sie unter meine Flügel zu nehmen und vielleicht stündlich

an ihr herumzumäkeln -- das gibt viel stillen Aerger ... Ich habe mich

nie recht für sie erwärmen können, nicht etwa, weil sie das Kind der

‚andern‘ war -- darüber habe ich stets gestanden, aber sie kroch mir zu

viel drüben in der Mühle herum, hatte die Zöpfe und Kleider stets voll

Mehlstaub und war ein recht eigenwilliges kleines Ding.«

»Ja, so ein rechter Querkopf aus dem Volke, und doch -- Papas

Liebling,« warf Flora mit bitterem Lächeln hin.

»Scheinbar, Kind, weil sie seine Jüngste war,« sagte die Präsidentin,

die grundsätzlich nie den Gedanken aufkommen ließ, daß eines ihrer

Angehörigen je zurückgesetzt werden könne; »er hat euch ebenso lieb

gehabt. Nun, Moritz, wirst du mitkommen?«

Er bejahte hastig. Beide entfernten sich, Flora aber schellte ihrer

Kammerjungfer. »Ich will mich in mein Schlafzimmer zurückziehen und

dort arbeiten -- trage das Schreibzeug und diese Papiere hinüber!«

befahl sie. »Selbstverständlich bin ich für niemand mehr zu sprechen.«

Der feurig rote Streifen draußen erlosch; das weiße Licht des

Salons aber schimmerte bis weit über die Mitternacht in die dunkle,

sturmgepeitschte Allee hinein ... Der Kommerzienrat saß am Spieltische.

Alle Anwesenden hatten bei seinem Eintreten einen liebenswürdigen

Gruß, ein vertrauliches Händeschütteln für ihn gehabt, und das hatte

sein beklommenes Herz durchwärmt und umschmeichelt wie Sonnenschein.

Inmitten dieser Gesichter, mit der Vornehmheit des Adels oder dem

Beamtenhochmute in den Zügen, fand er seine Handlungsweise so

vollkommen gerechtfertigt, daß er die quälenden Skrupel der letzten

Stunde fast nicht mehr begriff. Weshalb sich einem schiefen Urteile

aussetzen, wenn man sich bewußt ist, nicht einmal in Gedanken

gesündigt zu haben? Und um welche Gemeinheit handelte es sich! All

den allerliebsten Skandalgeschichten, die auch jetzt von Mund zu

Mund schlüpften, hing man mit feinem, verständnisinnigem Lächeln

»das seidene Mäntelchen« um -- es waren ja insgesamt noble Passionen

und Verirrungen, die man geißelte; bei dem Verdachte eines gemeinen

Attentates auf den Geldschrank des Schloßmüllers aber ließen sicher

alle diese Leute den ohnehin in ihren Kreis Eingeschmuggelten gnadenlos

fallen ... Allerdings durfte er sich jetzt nicht mehr damit trösten,

daß sein Verschweigen niemand schade; es drohte scheidend zwischen zwei

Menschen zu treten, die bereits durch den Verlobungsring aneinander

gekettet waren -- bah, Flora war ein exzentrisches Wesen! Bei der

nächsten Auszeichnung, die Bruck zu teil wurde -- und die konnte bei

seinen Verdiensten, seinem Wissen nicht ausbleiben --, besann sie sich

eines Bessern ... Er schlürfte ein Glas köstlicher Bowle, und das

spülte die letzten Skrupel gründlich weg.

[Illustration]

[Illustration]

3.

Der Schloßmüller hatte in der That seine Enkelin, Katharina Mangold,

testamentarisch zu seiner Universalerbin ernannt und den bereits von

ihrem verstorbenen Vater für sie bestellten Vormund auch seinerseits

bestätigt. -- Dieser Vormund war der Kommerzienrat Römer. Bei der

Eröffnung des Testaments war diesem doch sehr wunderlich zu Mute

gewesen, und er hatte den Kopf geschüttelt über die Widersprüche, die

ungeahnt in der Menschenseele nebeneinander liegen. Der alte Mann, der

ihn in dem jähen Wahne, er wolle ihn seines Goldes berauben, nahezu

erwürgt, hatte ihn kaum eine Stunde zuvor bezüglich der Verwaltung

des Vermögens mit beinahe unumschränkter Vollmacht betraut. Er

hatte verfügt, daß, falls die beabsichtigte Operation seinen Tod

nach sich ziehe, sofort sein gesamter Besitz an Liegenschaften, mit

Ausnahme der Schloßmühle, verkauft werde. In betreff dieser Ausnahme

hatte er bemerkt, die Mühle habe ihn zum reichen Manne gemacht, und

seine Enkelin, selbst wenn sie »so stolz und hochnäsig wie ihre

Stiefschwestern« geworden sei, brauche sich nicht zu schämen, sie ihrem

künftigen Ehemanne mitzubringen. Das Rittergut sollte zerschlagen,

die Waldungen, Ländereien und die Wirtschaftsgebäude inmitten der

weiten Gras- und Gemüsegärten je einzeln und an den Meistbietenden

veräußert werden; bezüglich der Villa und des dazu gehörigen Parkes

solle jedoch der Kommerzienrat Römer, sofern er darauf reflektiere, die

Vorhand haben, und sei ihm der Besitz mit fünftausend Thalern unter dem

Taxwert zuzuweisen. Diese fünftausend Thaler habe er nicht allein als

Entschädigung für seine vormundschaftliche Mühewaltung, sondern auch

als ein Zeichen der »Erkenntlichkeit« des Testators anzusehen, da er

sich niemals hochmütig, wie »die anderen in der Villa«, sondern weit

eher wie ein anhänglicher naher Verwandter bezeigt habe. Ferner sollte

auf Grund des Testamentes das Gesamtvermögen in Staatsobligationen und

anderen soliden Papieren angelegt und die Wahl derselben dem Ermessen

des Vormundes, als eines tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmannes,

überlassen sein.

Die junge Erbin lebte seit sechs Jahren entfernt von der Heimat.

Ihr sterbender Vater hatte sie der Gouvernante, einem Fräulein

Lukas, übergeben, welche die Erziehung des Kindes seit dessen erstem

Lebensjahre in den Händen gehabt und in der That Mutterstelle an ihm

vertreten hatte. Bankier Mangold hatte sehr wohl gewußt, daß er seinen

Liebling, der sich stets scheu von den weit älteren Stiefschwestern

fern gehalten, dieses Schutzes nicht berauben dürfe, und deshalb

verfügt, daß Katharina mit nach Dresden gehen solle, wo die Erzieherin

nach langjährigem Brautstand mit einem Arzte gerade um jene Zeit

ihren eigenen Hausstand begründete ... Das junge Mädchen hatte in

ihren Briefen an den Vormund nie den Wunsch ausgesprochen, die Heimat

wiederzusehen; ebensowenig war es ihrem Großvater, dem Schloßmüller,

eingefallen, sie je zurückzufordern; er war damals vollkommen mit ihrer

Uebersiedelung nach Dresden einverstanden gewesen, weil ihr Anblick

den Gram um das einzige Wesen, das er geliebt, um seine Tochter, stets

erneute. Nun nach seinem Tode hatte der Vormund ihre Rückkehr auf

einige Zeit gefordert; er hatte ihr zugleich mitgeteilt, daß er sie

selbst mit Eintritt der wärmeren Jahreszeit, Ende April, abholen wolle,

weil -- was er selbstverständlich verschwieg -- die Präsidentin Urach

sich entschieden gegen etwaige Begleitung der ehemaligen Gouvernante

verwahrte. Die Mündel war mit allem einverstanden gewesen, und hatte

ihn nur auf seine Frage, ob sie bei Ausführung der testamentarischen

Bestimmungen irgend einen persönlichen Wunsch habe, dringend gebeten,

bei Verpachten der Schloßmühle die große Eckstube nebst Alkoven

zu reservieren und beide Räume genau zu belassen, wie sie zu des

Großvaters Lebzeiten eingerichtet gewesen seien. Das war geschehen. --

Es war im Monat März, da kam eine junge Dame von der Stadt her. Sie

ging auf der Chaussee, die mit den letzten vereinzelten Ausläufern

der Straße, hübschen kleinen Landhäusern, zu beiden Seiten besetzt

war, und bog in den breiten Fahrweg ein, der nach der Schloßmühle

führte. Noch war das Schmelzwasser des letzten Schneefalles nicht

ganz versickert; es stand in den breiten Furchen, welche die Räder

der Mühlenwagen gewühlt hatten, und in den tiefeingedrückten Spuren

der vielen Sohlen, die hier verkehrten; aber die schlanken Füße des

jungen Mädchens steckten in festen Lederstiefelchen und das schwarze

Seidenkleid war so hoch aufgeschürzt, daß der elegant bordierte Saum

mit dem triefenden Geröll nicht in Berührung kam. Es war durchaus

keine Elfe oder Sylphide, das Menschenkind, das so kräftig und sicher

dahergeschritten kam; weit eher eine Gestalt, wie man sich ein schönes

Schweizermädchen denkt, dem die kräuterwürzige Alpenmilch und der reine

Atem der Bergluft das Blut mischen und Adern und Sehnen vor Gesundheit

strotzen machen. Eine anliegende, mit Pelz besetzte schwarze Samtjacke

bezeichnete die kräftigen, aber schön geschwungenen Linien der Taille

und des Busens, und auf dem lichtbraunen Haar saß, ein wenig schief

gerückt, eine Mütze von Marderfell. Das Gesicht war weit entfernt,

proportioniert oder gar klassisch regelmäßig zu sein -- das gebogene

Näschen war zu kurz im Verhältnis zur Wölbung und Breite der Stirn,

der Mund zu groß, das runde Kinn mit dem Grübchen ein wenig zu kräftig

vorgeschoben, der Bogen der Brauen nicht bestimmt genug, aber diese

Mängel wurden aufgewogen durch die reine, von den breiten Schläfen

ausgehende Ovallinie und die unvergleichliche Jugendfrische und Blüte

der Gesichtsfarbe.

Die junge Dame trat in das offene Hofthor der Schloßmühle. Eine Schar

Hühner, die, einer Spur verstreuter Getreidekörner nachgehend,

eben auf dem Fahrweg hinausspazieren wollte, stob gackernd vor ihr

auseinander, und die Hofhunde fuhren mit wütendem Gebelle aus ihrem

trägen Halbschlummer empor. Wie floß das neue Frühlingssonnenlicht

goldglänzend über die Mauern des alten, prächtigen Hauses, deren

gewaltige Quadern vor alten Zeiten unter den Augen des fürstlichen

Erbauers aufeinander getürmt worden waren! Vorgestern erst war die

letzte dicke Eiszacke klingend von dem aufgesperrten Löwenrachen der

blechernen Dachrinne gefallen und heute zitterte und flimmerte die Luft

über dem sonnenerhitzten Schiefer des Daches. Aus den dicken braunen

Knospen der Kastanien quoll das Harz und ließ sie glitzern, als seien

sie mit Diamantenstaub bestreut; ein paar Töpfe mit halb verkümmerten

Stubenpflanzen standen, zum erstenmal wieder in die laue freie Luft

gerückt, vor dem einen Fenster der Knappenstube, und auf dem hölzernen

ausgetretenen Freitreppchen, das von dieser Stube direkt in den Hof

führte, saß ein weiß bestäubter Müller und schnitt sich tüchtige

Brocken von Brot und Käse.

»Mohr! Wächter!« rief die junge Dame mit schmeichelnder Stimme über den

Hof hinüber. Die Hunde gebärdeten sich wie toll und rissen winselnd an

der Kette.

»Was wünschen Sie?« fragte der Müller sich schwerfällig erhebend.

Sie lachte leise in sich hinein. »Ich wünsche gar nichts, Franz, als

Ihnen und Suse guten Tag zu sagen.«

[Illustration: »Ich wünsche gar nichts, Franz, als Ihnen und Suse guten

Tag zu sagen.« (S. 35.)]

Im Nu flogen Brot, Käse und Messer hinter das Treppengeländer. Der

Mann war nicht groß. Er war kleiner als das junge Mädchen -- er sah

sprachlos in das blühende Gesicht, das er zum letztenmal gesehen, wie

es, noch nicht einmal in der Höhe seiner breiten Schultern, auf einem

schmächtigen Kindeskörper gesessen; sie hatte »das Müllermäuschen«

geheißen und war ihm in der Mühle und auf dem Kornboden, in der That

quecksilbern wie eine Maus, auf Schritt und Tritt nachgehuscht -- und

jetzt war sie die Herrin hier und er, der ehemalige Obermüller, ihr

Pächter. »Kurios,« sagte er, in unbeholfener Verlegenheit den Kopf

schüttelnd, »die Grübchen in den Backen und die Augen sind's noch,

aber, aber das unmenschliche Wachstum!« Er ließ seine Augen scheu und

ungläubig messend an der hohen Gestalt emporgleiten. »Na ja, da hat

eben der Trieb von der Sommers-Großmutter her dahinter gesteckt; die

war auch so wie Milch und Blut und -- wollt ihr wohl still sein, ihr

Racker!« unterbrach er sich scheltend und drohte mit der Faust nach

den unaufhörlich bellenden Hunden. »Die Schlingel kennen Sie wirklich

noch, gnädiges Fräulein --«

»Besser als Sie; das ‚unmenschliche Wachstum‘ hat sie nicht irre

gemacht,« versetzte sie zu den Hunden tretend und die hoch an ihr

aufspringenden Tiere schmeichelnd. »Sie titulieren mich ja wunderlich,

Franz. Ich bin nicht avanciert in Dresden, das kann ich Ihnen

versichern.«

»Aber die Fräuleins drüben in der Villa lassen sich ja auch so

benennen,« sagte er mit steifem Nacken und starrköpfig.

»Ah so!«

»Und Sie sind doch zehnmal mehr. So jung und schon so reich, so

unmenschlich reich! Die Mühle da, die schönste weit und breit --

Sapperment, das will was heißen! Herrje -- nur ein Mädchen, und kaum

achtzehn Jahre alt, und das Kommando über eine solche Mühle!«

Sie lachte. »Das steht mir allerdings zu, und ich will Ihnen das Leben

schon sauer machen, alter Franz ... Wo steckt denn Suse?«

»Die hat Stubenarrest, hat's wieder einmal in der rechten Seite,

das arme alte Frauenzimmer. Die Hausmittel wollen nicht mehr recht

verfangen. Doktor Bruck ist eben bei ihr.«

Die junge Dame reichte ihm die Hand und trat sofort in das Haus. Die

schwere Bohlenthür fiel rasselnd, mit gellendem Geklingel hinter ihr

zu, und der Lärm hallte von allen vier Wänden der weiten Flur zurück

... Unter den Füßen der Eingetretenen schütterte der Boden sehr stark.

Das Tosen und Stampfen des Mahlwerks dröhnte dumpf durch die kleine,

klaffende Thür im gewölbten Steinbogen, und der Duft des frisch

zermalmten Kornes füllte kräftig durchdringend die Luft. In tiefen

Zügen sog ihn das junge Mädchen ein -- eine ganze Flut von Erinnerungen

überwältigte sie; sie wurde blaß vor innerer Bewegung und blieb mit

gefalteten Händen einen Augenblick stehen. Ja, sie war um alles gern

in der alten Mühle »herumgekrochen«, wie die Präsidentin von ihr

sagte, und der Papa hatte ihr oft genug den Mehlstaub von Zöpfen und

Kleidern geklopft -- er hatte sie lächelnd »sein weißes Müllermäuschen«

genannt. Der finstere Mann, ihr Großvater, der meist von dort oben,

über das Treppengeländer hinweg, mürrisch, mit herrisch polternder

Stimme seine Befehle herabgerufen, er hatte sie nie geliebt. Sie war

fast immer vor seinem feindseligen Blicke in Susens blanke Küche oder

zu Franz geflüchtet, und doch dachte sie mit bitterer Wehmut seiner

und wünschte, er möge wieder da herabsteigen mit den wuchtigen Tritten,

unter denen die Treppenstufen geächzt; vielleicht fürchtete sie sich

nicht mehr vor dem Gesichte, das, wie sie nun wußte, hauptsächlich

Geldstolz und Protzentum so abstoßend gemacht hatten; vielleicht wäre

er jetzt auch milder und zugänglicher, weil sie der Großmutter ähnlich

geworden.

[Illustration]

Sie fand die Thür der Eckstube droben verschlossen, aber aus dem

schmalen Gange, der das Hintergebäude mit dem Vorderhause verband,

scholl Susens weinerlich klagende Stimme. Ach ja, dort war die

Schlafkammer der alten Jungfer, das dunkle Stübchen mit den runden,

in Blei gefaßten Fensterscheiben und der Aussicht auf das graue

Schindeldach eines Holzschuppens und das niemals trocknende Pflaster

des Seitenhöfchens. Sie schüttelte unwillig den Kopf und betrat den

Gang.

Eine heiße, dumpfe, mit Rauch erfüllte Krankenluft schlug ihr beim

Oeffnen der Thür entgegen, und dort in dem häßlichen Zwielicht, welches

das erblindete, fahlgrüne Fensterglas verbreitete, stand ein Mann,

mit dem Rücken ihr zugewandt. Er war sehr groß -- er überragte sie

offenbar um ein bedeutendes -- und breit von Schultern. Jedenfalls war

er im Begriffe zu gehen, denn er hielt Hut und Stock in der Hand ...

Ah, das war also Doktor Bruck, von welchem Schwager Moritz vor acht

Monaten, bei Gelegenheit der Verlobungsanzeige, geschrieben hatte,

daß er ihre schöne Schwester Flora schon als Gymnasiast heimlich

geliebt, selbstverständlich aber damals nicht gewagt habe, zu dem

geistreichen, hochgefeierten Mädchen emporzusehen, und nun sei er doch

am schwererkämpften und errungenen Ziel -- das war er also. Sie hatte

seitdem die Verlobung eigentlich wieder vergessen, und auch während

ihrer Herreise war ihr nicht ein einziges Mal eingefallen, daß sie ja

ein Glied der Familie _mehr_ vorfinden würde.

[Illustration]

Hatte das Seidenkleid der jungen Dame gerauscht -- die angelehnte

Thür hatte sich vollkommen geräuschlos in ihren Angeln gedreht --

oder wehte ein reinerer Luftstrom mit ihr herein, die in der That so

frühlingsfrisch auf die Schwelle trat, als gehe der Veilchenhauch, den

man bereits in den letzten Märztagen zu spüren meint, von ihr aus --

der Arzt drehte sich rasch um.

»Doktor Bruck? Ich bin Käthe Mangold,« sagte sie, sich kurz und

flüchtig vorstellend; dabei ging sie rasch an ihm vorüber und streckte

Suse, die, in Bettkissen gepackt, zusammengekrümmt auf einem Lehnstuhle

hockte, beide Hände entgegen.

Die Alte starrte sie mit blöden Augen an.

»Ich komme da herein, wie vom Himmel geschneit, nicht wahr, Suse?

Aber gerade zur rechten Zeit, wie ich sehe,« sagte sie und strich der

Kranken die unordentlich um die Stirn hängenden greisen Haare unter die

Nachthaube. »Wie kömmt es, daß ich dich _hier_ finde, in dieser elenden

Hinterstube? Der Ofen raucht, und bei aller Glut, die er ausströmt,

sitzen die Moderspuren an den Wänden. Hat man dir nicht gesagt, daß du

in der Eckstube wohnen und im Alkoven schlafen sollst?«

»Ja wohl, das hat der Herr Kommerzienrat gesagt, aber es müßte doch da

bei mir rappeln,« sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Stirn, »wenn

ich mich mutterseelenallein in die gute Eckstube setzen wollte wie eine

Gnädige oder gar wie die selige Schloßmüllerin selber.«

Die junge Dame verbiß ein schalkhaftes Lächeln. »Aber, Suse, hattest du

nicht auch beim Großpapa das Recht, dich in der Wohnstube aufzuhalten?

Im Fenster stand ein Spinnrad -- ich habe dir's oft genug in Unordnung

gebracht -- und auf der Kommode dein Nähkästchen ... Ist ein

Zimmerwechsel zulässig, Herr Doktor?« wandte sie sich ohne weiteres an

den Arzt.

»Dringend nötig sogar, aber ich bin bisher auf einen entschiedenen

Widerstand der Kranken gestoßen,« versetzte er achselzuckend. Er

hatte eine sonore und sanfte Stimme, die in diesem Augenblicke jenen

moderierten Klang nicht verkennen ließ, den man dem Leiden gegenüber so

leicht annimmt.

»Nun dann wollen wir aber auch keinen Augenblick verlieren,« sagte

Käthe. Sie nahm das Pelzbarett ab, legte es auf Susens Bett und zog die

Handschuhe aus.

»Nicht um die Welt bringen Sie mich 'nüber,« protestierte die

Haushälterin. »Fräulein Käthchen, thun Sie mir das nicht an!« bat sie

weinerlich. »Die Stube ist mein Augapfel; ich putze und blinke alle

Tage drin auf, seit mir der Herr Kommerzienrat gesagt hat, daß Sie

kommen wollten. Erst vorgestern habe ich neue Vorhänge drin aufstecken

lassen.«

»Nun gut, so bleibe! Ich hatte mir vorgenommen, wie in meiner Kindheit

nachmittags den Kaffee in der Mühle zu trinken. Wenn du aber so

eigensinnig bist, dann komme ich _gar_ nicht; darauf kannst du dich

verlassen. Ich bleibe ohnehin nur vier Wochen in M. -- und dann magst

du deine ‚aufgeblinkte‘ Stube mit den geschonten Gardinen präsentieren,

wem du Lust hast.«

Das half. In Gesicht und Haltung des jungen Mädchens lag so viel

strafender Ernst, so viel Entschiedenheit, daß man sofort sah, sie habe

nicht zum erstenmal mit einer widerspenstigen Kranken zu thun.

Suse zog aufseufzend den Stubenschlüssel unter ihrem Kopfkissen hervor

und reichte ihn der jungen Dame hin, die nun auch rasch ihre Samtjacke

abstreifte. »Die Eckstube ist jedenfalls nicht geheizt,« sagte sie und

griff nach dem Holzkorbe, der neben dem Ofen stand.

»Nein, das können Sie unmöglich,« sagte Doktor Bruck mit einem Blick

auf ihren eleganten Anzug. Er legte rasch Hut und Stock auf den Tisch.

»Es wäre sehr beschämend für mich, wenn ich das _nicht_ könnte,«

versetzte sie ernsthaft, aber mit tieferröteten Wangen -- sie hatte

seinen zweifelhaften Blick wohl bemerkt.

Sie ging hinaus, und wenige Minuten darauf prasselte ein tüchtiges

Feuer im Ofen, während Doktor Bruck die Fenster der Eckstube öffnete,

um den lauen Märzodem erst noch einmal durch den mit dumpfer

Scheuerluft erfüllten Raum strömen zu lassen.

Käthe trat ein. »Ich bitte, sich zu überzeugen, daß ich salonfähig

geblieben bin, Herr Doktor,« sagte sie, nicht ohne einen Anflug von

Spott ihm ihre schlanken, rosigen Hände mit dem tadellos weißen

Leinwandstreifen am Armgelenk hinstreckend.

Ein ausdrucksvolles Lächeln ging über sein ernstes Gesicht, aber er

schwieg und war bemüht, das südliche Eckfenster wieder zu schließen,

durch welches der Zugwind die Eingetretene so derb anblies, daß das

braune Lockengeringel von ihrer Stirn wegwehte. Auch der Vorhang blähte

sich auf und flog in die Stube herein; Käthe griff mit flinken Händen

zu und suchte den steifen Faltenwurf wieder zu ordnen.

»Die gute Suse -- wenn sie nur wüßte, welchen Streich sie mir spielt

mit diesen Gardinen!« sagte sie halb lächelnd, halb verdrießlich.

»Ich muß das Zeug nun wohl oder übel hängen lassen, denn sie hat es

sicher vom Vormund für mich erpreßt. Gemusterte Mullgardinen vor

solchen Fensterbögen, in der schönsten mittelalterlichen Wohnstube,

die sich denken läßt! ... Ich hatte mir vorgenommen, sie wieder

einzurichten, wie sie vor drei Jahrhunderten gewesen sein mag -- mit

runden, bleigefaßten Glasscheiben, mit Klappsitzen von Eichenholz,

hier zu beiden Seiten der Fensternischen in die Wand eingefügt und

mit Polstern belegt und dort auf die massive Hausthür, von der die

Stufen herabführen, sollten neue Metallbeschläge kommen. Die alten

hat jedenfalls erst der Großpapa abreißen lassen; man sieht deutlich,

wo sie gesessen haben. Und nun denken Sie sich die alte Suse mit ihrem

Spinnrad in dem einen Fenster! ... Ich hatte mir das wirklich sehr

hübsch und anheimelnd ausgedacht -- nun werde ich's bei ihr nicht

durchsetzen.«

»Aber ich begreife nicht -- sind Sie denn nicht die Herrin?«

»O, die kann ich niemals herauskehren, wenn es dergleichen Wünsche

gilt -- ich kenne mich schon,« versetzte sie fast kleinlaut. »Darin

bin ich entsetzlich feig.« Der Kontrast zwischen diesem aufrichtigen

Bekenntnis und der äußeren gebietenden Erscheinung der jungen Dame war

so groß, daß es in der That eines scharfen Blickes in ihre rehbraunen

Augen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß sie vollkommen wahr spreche.

Sie hatte ein nicht sehr großes, aber schön geschnittenes klares Auge

mit einem kühlen Blick; er harmonierte mit der unbefangenen Sicherheit

ihres ganzen Wesens. Wie ruhig und praktisch traf sie die Anstalten

zur Aufnahme der Kranken! Das Sofa wurde als Bett eingerichtet,

der plumpe, mit Leder bezogene Lehnstuhl des Schloßmüllers aus der

Fensterecke tiefer in das Zimmer gerückt, damit kein Zuglüftchen die

Patientin streife; sie holte einen kleinen Tisch aus dem Alkoven und

die weißgescheuerte Fußbank unter dem hochbeinigen Kanapee hervor

-- das geschah so unbefangen und selbstverständlich, als sei sie

nie von der Mühle fort gewesen. Sie war aber auch so vertieft in

ihre augenblickliche Aufgabe, daß man meinen konnte, sie habe die

Anwesenheit des Mannes dort im südlichen Eckfenster ganz vergessen.

Nur als sie die obere Schublade der Kommode aufzog und ein weißes

Tuch mit rot eingewirkter Kante herausnahm, um es über das Tischchen

vor dem Lehnstuhle zu breiten, wandte sie das Gesicht nach ihm und

sagte: »Es ist etwas Schönes um diese altbürgerliche Ordnung -- alles

steht und liegt am altgewohnten Orte. So ist es gewesen, ehe ich

geboren wurde, und während meiner sechsjährigen Abwesenheit sind die

Einrichtungsgesetze unverrückt geblieben -- man ist sofort wieder

heimisch.« Sie zeigte auf den Spiegel über der Kommode. »Da hinter dem

Rahmen guckt die Ecke des Hauskalenders hervor, in den der Großpapa

seine Notizen schrieb, und darüber steckt noch die Rute mit dem

verblichenen Bande, die schon der Schrecken meiner Mutter gewesen ist.«

»Auch der Ihrige?«

»Nein, mich kleines Ding beachtete der Großpapa nicht genug, um sich

mit meiner Besserung zu befassen.« Sie sagte das durchaus nicht bitter;

eher mit einer Art lächelnder Resignation. Dabei wischte sie den

leichten Staubanhauch, der sich während Suses Kranksein abgelagert

hatte, von den Möbeln und schloß auch die anderen Fenster. »Hier auf

dem Steinsims müssen notwendig Blumen stehen; ihr Duft soll meine arme

Suse erquicken. Ich werde Schwager Moritz um einige Hyazinthen- und

Veilchentöpfe aus dem Wintergarten bitten --«

»Da werden Sie sich an die Frau Präsidentin Urach wenden müssen; sie

hat einzig und allein über den Wintergarten zu verfügen; er gehört zu

ihrer Wohnung.«

Das junge Mädchen sah ihn groß an. »So streng ist die Etikette da

drüben? Zu Papas Lebzeiten war der Wintergarten Gemeingut der Familie.«

-- Sie zuckte die Achseln. -- »Damals freilich war die vornehme

Schwiegermutter meines Vaters nur dann und wann Gast in der Villa.«

Ihre klangreiche Stimme verschärfte sich ein wenig bei diesen Worten,

aber sie warf gleich darauf den Kopf in den Nacken, als könne sie damit

eine augenblickliche unangenehme Empfindung abschütteln, und setzte

heiter hinzu: »Nun, dann um so besser, daß ich zuerst in die Mühle

ging, um mich zu akklimatisieren!«

Er verließ die Fensternische und trat zu ihr. »Ob man Ihnen aber drüben

nicht sehr verargen wird, daß Sie sich nicht sogleich in den Schutz der

Familie begeben haben?« fragte er mit jenem Anteile, der zart einen

Rat, einen Wink zu geben versucht, ohne zudringlich zu werden.

»Dazu hat man doch wohl nicht das Recht,« versetzte sie rasch

und lebhaft, während der leuchtende Karmin auf ihren Wangen sich

verdunkelte. »Dieses ‚Drüben‘ ist für mich gleichbedeutend mit der

Fremde, in der ich den Familienschutz, wie Sie ihn nennen -- nämlich

das Gefühl der Zusammengehörigkeit -- nicht voraussetzen kann, auch

nicht bei den Schwestern. Wir kennen uns gar nicht näher; nicht

einmal das dürftige Band eines Briefwechsels existiert zwischen uns

-- ich habe nur mit Moritz korrespondiert. Als Papa noch lebte, wurde

Henriette bei ihrer Großmama erzogen. Wir sahen uns äußerst selten

und auch dann nur unter der Aufsicht der Frau Präsidentin. Meine

Schwester, die Kommerzienrat Römer, wohnte in der Stadt und starb

auch sehr frühe. Und Flora? Sie war sehr schön und sehr gescheit; sie

war eine hochgefeierte junge Dame und machte bereits die Honneurs in

unserm Hause, als ich noch tief in den Kinderschuhen steckte. Flora

muß großartig beanlagt gewesen sein, weil man sich stets so namenlos

bedrückt und eingeschüchtert in ihrer Nähe fühlte. Ich habe nie gewagt,

sie anzureden oder auch nur ihre wunderschönen Hände zu berühren, und

noch heute fühle ich, daß es sehr unbescheiden von mir sein würde,

wollte ich den Umgangston zwischen ihr und mir beanspruchen, wie er

sonst zwischen Schwestern üblich ist.«

Sie unterbrach sich und sah ihm erwartungsvoll in das Gesicht, aber

sein weggewendeter Blick schweifte über die Gegend draußen. Er

ermutigte sie mit keiner Silbe -- hatte er doch auch um das seltene

Mädchen dienen müssen, wie Jakob um die Rahel. Möglicherweise war er

nicht einmal duldsam gegen die Schwesterliebe in dem Herzen, das sich

ihm endlich zugeneigt ... Bei aller Milde und sanften Schlichtheit, die

er wohl infolge seines ärztlichen Berufes äußerlich angenommen, sah er

doch aus, als könne er auch sehr ernstlich und entschieden auf seinem

Rechte bestehen.

»Wie die Sachen stehen -- die Villa ist ja nicht mehr mein Vaterhaus --

kann ich dort nur als Gast, als Besuch gelten, wie jeder andere auch,«

hob sie nach einer augenblicklichen Pause wieder an. »Hier in der Mühle

stehe ich auf _meinem_ eigenen Grund und Boden; da ist Heimatluft und

Heimgefühl, und das alte Schieferdach droben und Franz und Suse werden

mich und meine unmündigen achtzehn Jahre wohl ebenso treu beschirmen,

wie es die Villa mit ihrer strengen Etikette nur immer vermag.« Ein

mutwilliges Lächeln schwebte um ihren Mund. »Uebrigens wird man über

diesen ‚Formfehler‘ rascher hinweggehen, als Sie denken, Herr Doktor --

man kann es von ‚der Müllermaus‘ nicht besser erwarten.«

Der Schmeichelname, mit welchem der Papa sie einst genannt, konnte nun

allerdings nicht mehr gelten: Huschen und Schlüpfen und unversehens

in einem Verstecke verschwinden -- dieses Gesamtbild von zarter

Gliedergeschmeidigkeit und furchtsamer Seele paßte nicht zu dem

Mädchen, das der Welt den fleckenlos weißen Schild der Stirn so ruhig

zukehrte, das seine kraftvollen, plastisch ausgeprägten Glieder bei

aller jugendfrischen Regsamkeit dennoch mit einer Art von stiller Würde

beherrschte.

Allmählich kam eine behagliche Wärme vom Ofen her; Käthe zog einen

Flakon aus der Tasche und goß einige Tropfen Eau de Cologne auf die

heiße Eisenplatte; ein lieblicher, luftreinigender Duft verbreitete

sich. »Suse wird ganz feierlich zu Mute sein, wenn sie herüber kommt,«

sagte sie heiter und ließ ihre Augen noch einmal musternd durch die

Stube gleiten; es war alles in Ordnung; nur die Alkoventhür stand

noch offen, und durch den breiten Spalt sah man gerade auf die bunten

Nelkensträuße der Bettstelle, die drinnen in der Nähe des Fensters

stand. Jetzt erst fiel der Blick des jungen Mädchens auf die plumpen

wohlbekannten Blumengebilde, die einst das Entzücken ihrer Kinderseele

gewesen waren -- die ganze Rosenfrische wich plötzlich von ihren

Wangen, selbst ihr roter Mund war blaß geworden.

»Dort ist mein Großpapa gestorben,« flüsterte sie ergriffen.

Doktor Bruck schüttelte den Kopf und zeigte schweigend nach dem

südlichen Eckfenster.

»Sie waren bei ihm?« fragte sie hastig und trat ihm näher.

»Ja.«

»Er ist so plötzlich gestorben, und Moritz hat mir den Trauerfall in so

wenig eingehender Weise angezeigt, daß ich nicht einmal weiß, was die

Ursache seines Todes gewesen ist.«

Der Doktor stand so, daß sie nur sein Profil sehen konnte; er war

sehr bärtig um Kinn und Lippen; dennoch konnte sie bemerken, wie sich

diese Lippen fest aufeinander legten, als werde es ihnen schwer, zu

antworten. Nach einem augenblicklichen Schweigen wandte er ihr langsam

und voll das Gesicht zu und sah sie ernst an. »Man wird Ihnen sagen, er

sei an meiner Ungeschicklichkeit im Operieren gestorben,« sagte er mit

einer Stimme, der die innere Bewegung fast allen Klang nahm.

Das junge Mädchen fuhr vor Schrecken und Bestürzung zurück; ihr Auge

streifte noch einmal den Mund, der gesprochen hatte, dann suchte es den

Boden.

»Einzig und allein um Ihrer eigenen Beruhigung willen möchte ich Ihnen

die Versicherung geben, daß das durchaus unwahr ist,« fuhr er mit

sanftem Ernste fort; »aber wie kann ich von Ihnen verlangen, daß Sie

mir glauben sollen? ... Wir sehen uns heute zum erstenmal und wissen

nichts voneinander.«

Sie hätte sich mit einer einzigen oberflächlichen Phrase aus dieser

peinvollen Lage helfen können, aber das fiel ihr nicht ein. Er hatte

recht -- wie konnte sie wissen, ob er schuldlos, und die anklagende

öffentliche Meinung im Unrechte sei? Freilich trug seine ganze

Erscheinung den Stempel einfacher Geradheit und Wahrhaftigkeit. Sie

fühlte sogar heraus, daß es eigentlich seine Art gar nicht sein könne,

ungerechten Verdächtigungen gegenüber auch nur ein Wort zu verlieren,

ja, daß er sich in diesem Augenblicke mit einer Versicherung gleichsam

herablasse. Dennoch war sie nicht fähig, etwas auszusprechen, für das

sie keine innere Rechtfertigung fand.

Er hatte wohl auch keine Antwort erwartet; denn er wandte sich ab, aber

mit so viel Würde und stolzer Gelassenheit, daß in Käthe ein Gefühl

plötzlicher Beschämung aufstieg und ihre Wangen heiß rötete. »Darf ich

die Kranke nun herüber bringen?« fragte sie mit unsicherer Stimme.

Er bejahte, und sie verließ mit raschen Schritten das Zimmer. Drüben in

der Hinterstube wischte sie sich die hervorquellenden Thränen von den

Wimpern und ließ sich den erschütternden Vorgang von der Haushälterin

erzählen.

»Die Geschichte hat dem Doktor in der Stadt schrecklichen Schaden

gebracht,« sagte Suse schließlich. »Erst gab's keinen Besseren, und

er hatte alle Hände voll zu thun, und nun sagen sie auf einmal, er

verstände seine Sache nicht. So sind eben die Menschen, Fräulein

Käthchen. Und er ist nicht schuld an dem Unglücke. Es war alles gut;

ich hab's ja mit meinen eigenen Augen gesehen. Aber da sollte sich der

Schloßmüller ganz ruhig verhalten -- ja, der und ruhig! Ich weiß am

besten, wie er beim kleinsten Aerger gleich kirschbraun wurde. Da darf

nur der Franz draußen zu laut gesprochen haben, oder der Wagen ist zu

schnell in den Hof gefahren -- da hat schon die Wut in ihm gekocht. So

war er. Ich hab' genug mit ihm ausgestanden, und zum Dank dafür hat er

mich auch mit keinem Pfennig bedacht;« -- sie lachte scharf und zornig

auf -- »wenn Sie nicht für mich sorgten, da könnte ich jetzt betteln

gehen.«

Käthe hob unwillig warnend und Schweigen gebietend den Zeigefinger.

»Nun meinetwegen auch -- ich will still sein,« grollte die Alte und

ließ es still geschehen, daß das junge Mädchen ihren vertrockneten

Körper wie ein hilfloses Kind in Decken und Kleider einmummte. »Es

thut mir nur leid, daß so ein guter Herr wie der Doktor deswegen nun

angeschwärzt wird und sein Brot verliert, und seine arme Tante, für

die er sorgt und arbeitet, dauert mich auch. Sie hat ihn von ihrem

bißchen Vermögen studieren lassen, die alte Frau Diakonus. Sie wohnt

bei ihm; er ist immer ihr ganzer Stolz gewesen -- und nun muß sie das

miterleben.« --

Käthe machte der Mitteilung, die sehr ins Breite zu gehen drohte, ein

Ende, indem sie die Kranke vorsichtig aus dem Lehnstuhle hob. Sie war

der früheren Heimat zu sehr entfremdet und wurzelte mit ihrem Denken

und Empfinden viel zu sehr in ihrem Dresdener Heim, um sich für die

Privatverhältnisse dessen so rasch zu erwärmen, der Floras Bräutigam

war. Allerdings bedauerte sie den Arzt in ihm, dem das Mißlingen einer

Kur so plötzlich Existenz und Stellung gefährdete, allein das Weh um

den Großvater, der jedenfalls schwer gelitten hatte, überwog bei weitem

auch diesen Anteil.

Halb und halb getragen von den starken Armen des jungen Mädchens,

hinkte Suse über den Vorsaal. Die Thür der Eckstube war offen

und am Fuße der herniederführenden Stufen stand Doktor Bruck mit

ausgestreckten Händen, um die Leidende in Empfang zu nehmen und ihr

herabzuhelfen ... Es war eine charakteristische Gruppe, die der

Thürrahmen einen Augenblick umschloß. Käthe hatte sich den gesunden Arm

der Kranken um den Nacken gelegt und hielt die knochige braune Hand mit

ihren rosigen Fingern auf der linken Achsel fest, während ihr rechter

Arm die Hüften Suses umschlang. Ausdrucksvoller konnte die opferwillige

Barmherzigkeit nicht verkörpert sein als in diesem Mädchen, das,

seitlich über die gekrümmte Hilflose gebeugt, ihr strahlend junges

Gesicht an den grauen Scheitel, die runzelvolle Wange des alten

Frauenkopfes legte.

Nach wenigen Minuten saß Suse bequem und weich gebettet in der luftigen

Stube. Sie musterte ängstlich die famosen Vorhänge, entsetzte sich

über das Bett auf dem »stolzen Kanapee« und bemühte sich vergeblich,

ihre Freude darüber zu verbergen, daß sie nun wieder jeden Sack zählen

konnte, der drunten im Hofe auf- und abgeladen wurde.

Die junge Dame sah nach ihrer kleinen goldenen Uhr. »Es wird Zeit,

mich in der Villa vorzustellen; sonst gerate ich möglicherweise mitten

in den stolzen Theezirkel der Frau Präsidentin,« sagte sie mit der

anmutigsten Geste eines leichten Schauders und zog die Handschuhe aus

der Tasche. »In einer Stunde komme ich wieder und koche dir eine Suppe,

Suse --«

»Mit den feinen Händen?«

»Mit den feinen Händen, versteht sich. Glaubst du denn, ich lege sie in

Dresden in den Schoß? ... Hast doch meine Lukas gekannt, Suse -- sie

ist heute wie damals; da heißt es, Hand und Fuß rühren und die Zeit

ausnutzen. Du solltest sie nur einmal sehen! Sie ist eine Frau Doktorin

geworden, die ihresgleichen sucht.« Damit verließ sie das Zimmer, um

sich in Suses Stübchen zum Fortgehen zu rüsten.

[Illustration]

[Illustration]

4.

Auf der Spinnerei schlug es Fünf, als Käthe in Doktor Brucks

Begleitung wieder in den Hof trat. Es war kälter geworden, und die

uralte halbverwischte Sonnenuhr am Giebel, die heute, im goldenen

Frühlingslicht neu auflebend, mit scharfem Finger die Stunden

bezeichnet hatte, sah wieder trübselig und verwittert aus.

Das helle Geklingel der Thürschelle lockte Franz wieder heraus auf die

kleine Freitreppe, und auch seine Frau folgte ihm neugierig mit langem

Halse, um die heimgekehrte junge Herrin zu begucken. Käthe bat sie,

während ihrer Abwesenheit fleißig nach der Kranken zu sehen, was auch

heilig und teuer versprochen wurde. In diesem Augenblick rauschte es

in den Lüften, und gleich darauf stürzte eine schöne Taube herab und

blieb hilflos auf dem Steinpflaster liegen.

»Schwerenot, nehmen denn die Bubenstreiche kein Ende?« fluchte

Franz, indem er die Treppe herabsprang und das Tierchen aufhob --

es war flügellahm geschossen. »Da guck her, Frau!« sagte er zu der

Müllerin. »'s ist keine von unseren -- ich dachte mir's gleich. 's ist

ein gottheilloses Volk da drüben. Die schießen der armen Dame ihre

Prachttauben nur so vor der Nase weg. Na, ich sollte nur der Herr

Kommerzienrat sein!« Er schüttelte die Faust.

»Wer ist denn die arme Dame, Franz? Und wer schießt nach ihren Tauben?«

fragte Käthe mit großen Augen.

»Er meint Henriette,« sagte Doktor Bruck.

»Und drüben aus der Spinnerei wird geschossen!« platzte Franz ingrimmig

heraus.

»Wie, die Fabrikarbeiter meines Schwagers?«

»Ja, ja, die sein Brot essen, Fräulein. 's ist eine Sünde und Schande.

Da haben Sie die Bescherung, Herr Doktor! Da sehen Sie ja nun, was

das für eine Brut ist. Sie wollen bei denen alles mit Liebe und Güte

durchsetzen -- ja, da werden Sie weit kommen. Was haben denn solche

brave Leute wie Sie von der Gutheit? Lange Nasen macht Ihnen die

Gesellschaft ... Die Faust aufs Auge! 'runter müssen sie. Das ist

_meine_ Meinung -- sonst ist kein Aushaltens.«

»Streikt man auch hier?« fragte Käthe den Doktor, dem ein so schönes,

ernstes Lächeln um die Lippen schwebte, daß sie das Auge nicht von ihm

wenden konnte.

»Nein, die Sache liegt anders,« sagte er, den Kopf schüttelnd. Seine

ruhige Stimme klang imponierend neben Franzens heftigem Gepolter.

»Mehrere der ersten Arbeiter, im Besitz einiger Kapitalien, hatten

Moritz gebeten, ihnen beim Zerschlagen des Rittergutes zu einem Stück

Land zu verhelfen, das, an sich öde und von geringem Ackerwert,

ziemlich nahe der Fabrik unbenutzt liegt. Sie wollten Häuser bauen

mit Mietwohnungen auch für die ärmeren Arbeiterfamilien, die den

teuren Mietzins in der Stadt fast nicht mehr erschwingen können. Der

Kommerzienrat hat ihnen auch Versprechungen gemacht; er konnte das um

so eher, als der begehrte Streifen Landes noch zu seinem Park gehört --«

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich Sie unterbreche!« fiel Franz ein;

»gerade deshalb durfte er's nicht. Ich hab' mir's gleich gedacht, daß

das die Frau Präsidentin nicht zugibt. Wer läßt sich denn auch eine

solche Nachbarschaft gefallen, wenn er nicht muß? Und richtig -- die

Damen drüben sind furchtbar böse geworden und haben's ein für allemal

nicht gelitten, daß die Bauplätze abgegeben worden sind; ‚es sollen

neue Anpflanzungen gemacht werden‘, hat's geheißen, und damit war die

Sache abgemacht. Nun sind sie wütend in der Fabrik und thun Schabernack

und rächen sich, wo sie können.«

»Freilich eine erbärmliche Rache! -- Du armes Ding!« sagte Käthe und

nahm die Taube aus Franzens Hand.

»Das Beklagenswerte dabei ist, daß diese Roheit einzelner auf einen

ganzen Stand strafend zurückwirkt. Man wird der Präsidentin keinen

Vorwurf mehr daraus machen dürfen, daß sie solche Elemente nicht in

ihrer Nähe dulden will,« sprach Doktor Bruck mit verfinstertem Gesicht.

»Das sehe ich nicht ein. Es gibt Boshafte und Rachsüchtige in allen

Ständen,« versetzte das junge Mädchen rasch und lebhaft. »Ich verkehre

oft in den unteren Klassen; mein Pflegevater hat viel arme Patienten,

und wo außer seinen Medikamenten auch kräftige Suppen und sonstige

Nachhilfe in der Pflege not thun, da unterstützt ihn meine liebe

Doktorin nach Möglichkeit, und ich gehe selbstverständlich auch

mit. Man stößt auf viel Undank und Rohheit, das ist wahr, oft aber

auch auf brave und edle Gesinnung, Not und Elend sind aber meist so

herzerschütternd --«

»Ist nicht so schlimm, wie sie denken, Fräulein -- das Volk verstellt

sich,« unterbrach sie Franz mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Käthe maß ihn einen Augenblick schweigend von unten herauf mit einem

sprechenden Blick. »Sieh, sieh, was für ein vornehmer Herr der Franz

geworden ist!« sagte sie mit unverkennbarer Ironie. »Von wem sprechen

Sie denn? Sind Sie nicht selbst aus dem Volke? Und was waren Sie denn

früher in der Schloßmühle? Ein Arbeiter wie die Leute dort in der

Spinnerei auch, ein Arbeiter, der schweigend manches Unrecht leiden

mußte, wie ich sehr genau weiß.«

Dem Müller schoß das Blut in das bestäubte Gesicht. Er stand in

sprachloser Verblüfftheit vor der jungen Dame, die ihm so kurz und

bündig, so schlagend seinen Standpunkt bezeichnete. »Na, Fräulein,

nichts für ungut! Es war nicht so böse gemeint,« sagte er endlich und

streckte ihr in unbeholfener Verlegenheit seine breite Hand hin.

»In Wirklichkeit sind Sie auch nicht so schlimm, Sie haben Glück

gehabt und kehren nun den Schloßmühlenpächter heraus, der Geld in der

Tasche hat,« entgegnete sie und legte einen Augenblick ihre schmale

Hand in die seine, aber die kleine Falte des Unwillens auf ihrer Stirn

glättete sich nicht so rasch wieder. Sie zog ein weißes Tuch aus der

Tasche, schlug es um die Taube und knüpfte die vier Enden zusammen.

»Ich werde Henriette den kleinen Invaliden mitbringen,« sagte sie, das

Tuch vorsichtig in die Hand nehmend -- es sah aus wie ein armseliges

Reisebündelchen.

Der Doktor öffnete eine kleine Seitenthür in der Hofmauer, welche

direkt in den Park führte, und ließ die junge Dame voranschreiten.

Draußen blieb sie wie eingewurzelt stehen. »Ich finde mich nicht

zurecht,« rief sie fast bestürzt und wandte sich wie hilflos nach ihm

um. »Sieht es doch fast aus, als ob Riesenhände den Park durcheinander

geschüttelt hätten. Was thun die Leute dort?« Sie zeigte weit hinüber

nach einer Erdvertiefung von gewaltigem Umfang, aus der die Köpfe

zahlloser Arbeiter auftauchten.

»Sie graben einen Teich; die Frau Präsidentin liebt die Schwäne auf

breitem Wasserspiegel.«

»Und was baut man da drüben nach Süden hin?«

»Ein Palmenhaus.«

Sie sah nachdenklich vor sich hin. »Moritz muß sehr reich sein.«

»Man sagt es.« Das klang so kühl und objektiv, als vermeide er

absichtlich, seinen Antworten auch nur den leisesten Mitklang eines

eigenen Urteils zu geben ... Er war ein auffallender Mann, dieser

Doktor Bruck; das sah sie jetzt so recht, wie er im rotflutenden

Abendlichte neben ihr stand. Es lag etwas von militärischer Strenge

und Straffheit in seiner Haltung, während sein schönes, luftgebräuntes

Gesicht mit dem weichgelockten Vollbarte nur die Züge sanftgemilderten

Ernstes zeigte. Von Gedrücktsein oder Niedergeschlagenheit, die ein

Mißgeschick wie das über ihn verhängte meist zur Folge hat, war in der

ganzen Erscheinung nicht eine Spur zu finden. »Ich werde Sie führen,«

sagte er, als sie unschlüssig ihre Augen über das total veränderte

Terrain schweifen ließ. Er reichte ihr seinen Arm und sie legte

unbedenklich ihre Hand darauf. So schritt Schwester Flora neben ihm ...

wunderlich! Erst jetzt fiel ihr der Gedanke, daß sie in wenigen Minuten

der ihr geistig so weit überlegenen Schwester gegenübertreten sollte,

unbeschreiblich bang und schwer auf das Herz.

Sie blieb stehen und sagte nach einem tiefen Atemholen befangen

lächelnd: »O ich Hasenfuß! Ich glaube gar, ich fürchte mich. -- Ob ich

wohl Flora gleich beim Eintreten begegnen werde?«

Sie sah, wie ihm das Blut jäh und dunkel in das Gesicht stieg. »Soviel

ich weiß, ist sie ausgefahren,« antwortete er mit bedeckter Stimme,

und gleich darauf setzte er, jeder neuen Frage vorbeugend, hinzu: »Sie

werden das ganze Haus heute noch in einer gewissen Aufregung finden --

der Fürst hat Moritz vor wenigen Tagen den Adel verliehen.«

Und _das_ sagte er _jetzt_ erst. »Wofür denn?« stieß sie überrascht

heraus.

»Nun, er hat bedeutende Verdienste um die Hebung der Industrie im

Lande,« versetzte er so rasch und ernstlich, als gelte es, ein

ungünstiges Urteil abzuwenden. »Dabei ist Moritz ein Mensch von großer

Herzensgüte -- er thut sehr viel für die Armen.«

Im Hause des Kommerzienrates. · 第 1 / 9 题