Fünftes Kapitel

Es folgte auf seine Erzählung eine lange Pause. Frau Tanner hatte

aufmerksam und ohne jede Unterbrechung zugehört, zuweilen gelächelt

und zuweilen den Kopf geschüttelt, schließlich aber jedes Wort mit

einem gleichbleibenden gespannten Ernst verfolgt. Nun schwiegen sie

beide eine Weile.

»Wollen Sie jetzt nicht vor allem andern einen Imbiß nehmen?« fragte

sie endlich. »Sie bleiben jedenfalls die Nacht hier und können in der

Gärtnerwohnung schlafen.«

Die Herberge nahm der Pater dankbar an, wollte jedoch von Essen und

Trinken nichts wissen.

»Was wollen Sie nun von mir haben?« fragte sie langsam.

»Vor allem Ihren Rat. Ich weiß selber nicht genau, woher mein Vertrauen

zu Ihnen kommt. Aber in allen diesen schlimmen Stunden ist mir niemand

sonst eingefallen, auf den ich hätte hoffen mögen. Bitte, sagen Sie

mir, was ich tun soll!«

Nun lächelte sie ein wenig.

»Es ist eigentlich schade,« sagte sie, »daß Sie mich das nicht neulich

schon gefragt haben. Daß Sie für einen Mönch zu gut oder doch zu

lebenslustig sind, kann ich wohl begreifen. Es ist aber nicht schön,

daß Sie Ihre Rückkehr ins Weltleben so heimlich betreiben wollten.

Dafür sind Sie nun gestraft. Denn Sie müssen den Austritt aus Ihrem

Orden, den Sie freiwillig und in Ehren hätten suchen sollen, jetzt

eben unfreiwillig tun. Mir scheint, Sie können gar nichts anderes tun,

als Ihre Sache mit aller Offenheit Ihren Oberen anheimstellen. Ist das

nicht Ihre Meinung?«

»Ja, das ist sie; ich habe es mir nicht anders gedacht.«

»Gut also. Und was wird dann aus Ihnen werden?«

»Das ist es eben! Ich werde ohne Zweifel nicht im Orden behalten

werden, was ich auch keinesfalls annehmen würde. Mein Wille ist, ein

stilles Leben als ein fleißiger und ehrlicher Mensch anzufangen; denn

ich bin zu jeder anständigen Arbeit bereit und habe manche Kenntnisse,

die mir nützen können.«

»Recht so, das habe ich von Ihnen erwartet.«

»Ja. Aber nun werde ich nicht nur aus dem Kloster entlassen werden,

sondern muß auch für die mir anvertrauten Summen, die dem Kloster

gehören, mit meiner Person eintreten. Da ich diese Summen in der

Hauptsache nicht selber veruntreut, sondern an Schelme verloren habe,

wäre es mir doch gar bitter, für sie wie ein gemeiner Betrüger zur

Rechenschaft gezogen zu werden.«

»Das verstehe ich wohl. Aber wie wollen Sie das verhüten?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich würde, wie es selbstverständlich ist, das

Geld so bald und so vollkommen als möglich zu ersetzen suchen. Wenn es

möglich wäre, dafür eine einstweilige Bürgschaft zu stellen, so könnte

wohl ein gerichtliches Verfahren ganz vermieden werden.«

Die Frau sah ihn forschend an.

»Was wären in diesem Falle Ihre Pläne?« fragte sie dann ruhig.

»Dann würde ich außer Landes eine Arbeit suchen und mich bemühen, vor

allem jene Summe abzutragen. Sollte jedoch die Person, welche für mich

bürgt, mir anders raten und mich anders zu verwenden wünschen, so wäre

mir natürlich dieser Wunsch Befehl.«

Frau Tanner erhob sich und tat einige erregte Schritte durchs Zimmer.

Sie blieb außerhalb des Lichtkreises der Lampe in der Dämmerung stehen

und sagte leise von dort herüber: »Und die Person, von der Sie reden

und die für Sie bürgen soll, die soll ich sein?«

Herr Matthias war ebenfalls aufgestanden.

»Wenn Sie wollen -- ja,« sagte er tief atmend. »Da ich mich Ihnen,

die ich noch kaum kannte, so weit eröffnet habe, mag auch das gewagt

sein. Ach, liebe Frau Tanner, es ist mir wunderlich, wie ich in meiner

elenden Lage zu solcher Kühnheit komme. Aber ich weiß keinen Richter,

dem ich mich so leicht und gerne zu jedem Urteilsspruch überließe, wie

Ihnen. Sagen Sie ein Wort, so gehe ich heute noch für immer aus Ihren

Augen.«

Sie trat an den Tisch zurück, wo vom Abend her noch eine feine

Stickarbeit und eine umgefalzte Zeitung lag, und verbarg ihre leicht

zitternden Hände hinter ihrem Rücken. Dann lächelte sie ganz leicht und

sagte: »Danke für Ihr Vertrauen, Herr Matthias, es soll in guten Händen

sein. Aber Geschäfte tut man nicht so in einer Abendstimmung ab. Wir

wollen jetzt zur Ruhe gehen, die Magd wird Sie ins Gärtnerhaus führen.

Morgen früh um sieben wollen wir hier frühstücken und weiter reden,

dann können Sie noch leicht den ersten Bahnzug erreichen.«

* * * * *

In dieser Nacht hatte der flüchtige Pater einen weit besseren Schlaf

als seine gütige Wirtin. Er holte in einer tiefen achtstündigen Ruhe

das Versäumte zweier Tage und Nächte ein und erwachte zur rechten Zeit

ausgeruht und helläugig, so daß ihn die Frau Tanner beim Frühstück

erstaunt und wohlgefällig betrachten mußte.

Diese verlor über der Sache Matthias den größeren Teil ihrer Nachtruhe.

Die Bitte des Paters hätte, soweit sie nur das verlorene Geld betraf,

ihr dies nicht angetan. Aber es war ihr sonderbar zu Herzen gegangen,

wie da ein fremder Mensch, der nur ein einzigesmal zuvor flüchtig ihren

Weg gestreift, in der Stunde peinlicher Not so voll Vertrauen zu ihr

gekommen war, fast wie ein Kind zur Mutter. Und daß ihr selber dies

doch eigentlich nicht erstaunlich gewesen war, daß sie es ohne weiteres

verstanden und beinahe wie etwas Erwartetes aufgenommen hatte, während

sie sonst eher zum Mißtrauen neigte, das schien ihr darauf zu deuten,

daß zwischen ihr und dem Fremden ein Zug von Geschwisterlichkeit und

heimlicher Harmonie bestehe.

Der Pater hatte ihr schon bei seinem ersten Besuche neulich einen

angenehmen Eindruck gemacht. Sie mußte ihn für einen lebenstüchtigen,

harmlosen Menschen halten, dazu war er ein hübscher und gebildeter

Mann. An diesem Urteil hatte das seither Erfahrene nichts geändert,

nur daß die Gestalt des Paters dadurch in ein etwas schwankendes Licht

von Abenteuer gerückt und in seinem Charakter immerhin eine gewisse

Schwäche enthüllt schien.

Dies alles hätte hingereicht, dem Mann ihre Teilnahme zu gewinnen,

wobei sie die geforderte Bürgschaft oder Geldsumme gar nicht beachtet

haben würde. Durch die merkwürdige Sympathie jedoch, die sie mit dem

Fremden verband und die auch in den sorgenvollen Gedanken dieser Nacht

nicht abgenommen hatte, war alles in eine andere Beleuchtung getreten,

wo das Geschäftliche und Persönliche gar eng aneinander hing und wo

sonst harmlose Dinge ein bedeutendes, ja schicksalhaftes Aussehen

gewannen. Wenn wirklich dieser Mann so viel Macht über sie hatte und

so viel Anziehung zwischen ihnen beiden bestand, so war es mit einem

Geschenke nicht getan, sondern es mußten daraus dauernde Verhältnisse

und Beziehungen entstehen, die immerhin auf ihr Leben großen Einfluß

gewinnen konnten.

Dem gewesenen Pater schlechthin mit einer Geldgabe aus der Not und ins

Ausland zu helfen, unter Ausschluß aller weiteren Beteiligung an seinem

Schicksal als einfache Abfindung, das ging nicht an, dazu stand ihr der

Mann zu hoch. Andererseits trug sie Bedenken, ihn auf seine immerhin

seltsamen Geständnisse hin ohne weiteres in ihr Leben aufzunehmen,

dessen Freiheit und Übersicht sie liebte. Und wieder tat es ihr weh und

schien ihr unmöglich, den Armen ganz ohne Hilfe zu lassen.

So sann sie mehrere Stunden hin und wider, und als sie nach kurzem

Schlaf in guter Toilette das Frühstückszimmer betrat, sah sie ein wenig

geschwächt und müde aus. Matthias begrüßte sie und blickte ihr so klar

in die Augen, daß ihr Herz sich rasch wieder erwärmte. Sie sah, es war

ihm mit allem, was er gestern gesagt, vollkommen Ernst, und er würde

zuverlässig dabei bleiben.

Sie schenkte ihm Kaffee und Milch ein, ohne mehr als die notwendigen

geselligen Worte dazu zu sagen, und gab Auftrag, daß später für ihren

Gast der Wagen angespannt werde, da er zum Bahnhof müsse. Zierlich aß

sie aus silbernem Becherlein ein Ei und trank eine Schale Milch dazu,

und erst als sie damit und der Gast ebenfalls mit seinem Morgenkaffee

fertig war, begann sie zu sprechen.

»Sie haben mir gestern,« sagte sie, »eine Frage und Bitte vorgelegt,

über die ich mich nun besonnen habe. Sie haben auch ein Versprechen

gegeben, nämlich in allem und jedem es so zu halten, wie ich es gut

finden werde. Ist das Ihr Ernst gewesen und wollen Sie sich noch dazu

bekennen?«

Er sah sie ernsthaft und innig an und sagte einfach: »Ja«.

»Gut, so will ich Ihnen sagen, was ich mir zurechtgelegt habe. Sie

wissen selbst, daß Sie mit Ihrer Bitte nicht nur mein Schuldner werden,

sondern mir und meinem Leben auf eine Weise nähertreten wollen, deren

Bedeutung und Folgen für uns beide wichtig werden können. Sie wollen

nicht ein Geschenk von mir haben, sondern mein Vertrauen und meine

Freundschaft. Das ist mir lieb und ehrenvoll, doch müssen Sie selbst

zugeben, daß Ihre Bitte in einem Augenblick an mich gekommen ist, wo

Sie nicht völlig tadelfrei dastehen und wo manches Bedenken wider Sie

erlaubt und möglich ist.«

Matthias nickte errötend, lächelte aber ein klein wenig dazu, weshalb

sie ihren Ton sofort um einen Schatten strenger werden ließ.

»Eben darum kann ich leider Ihren Vorschlag nicht annehmen, werter

Herr. Es ist mir für die Zuverlässigkeit und Dauer Ihrer guten

Gesinnung zu wenig Gewähr vorhanden. Wie es mit Ihrer Freundschaft und

Treue beschaffen ist, das kann nur die Zeit lehren, und was aus meinem

Gelde würde, kann ich auch nicht wissen, seit Sie mir das mit Ihrem

Freunde Breitinger erzählt haben. Ich bin daher gesonnen, Sie beim

Wort zu nehmen. Sie sind mir zu gut, als daß ich Sie mit Geld abfinden

möchte, und Sie sind mir wieder zu fremd und unsicher, als daß ich Sie

ohne weiteres in meinen Lebenskreis aufnehmen könnte. Darum stelle ich

Ihre Treue auf eine vielleicht schwere Probe, indem ich Sie bitte:

Reisen Sie heim, übergeben Sie Ihren ganzen Handel dem Kloster, fügen

Sie sich in alles, auch in eine Bestrafung durch die Gerichte! Wenn Sie

das tapfer und ehrlich tun wollen, ohne mich in der Sache irgend zu

nennen, so verspreche ich Ihnen dagegen, nachher keinen Zweifel mehr an

Ihnen zu haben und Ihnen zu helfen, wenn Sie mit Mut und Fröhlichkeit

ein neues Leben anfangen wollen. -- Haben Sie mich verstanden und soll

es gelten?«

Herr Matthias nahm ihre ausgestreckte Hand, blickte ihr mit Bewunderung

und tiefer Rührung in das schön erregte bleiche Gesicht und machte eine

sonderbare stürmische Bewegung, beinahe als wollte er sie in die Arme

schließen. Statt dessen verbeugte er sich sehr tief und drückte auf

die schmale Damenhand einen festen Kuß. Dann ging er aufrecht aus dem

Zimmer, ohne weiteren Abschied zu nehmen, und schritt durch den Garten

und stieg in das draußen wartende Kabriolet, während die überraschte

Frau seiner großen Gestalt und entschiedenen Bewegung in sonderbar

gemischter Empfindung nachschaute.

Umwege: Erzählungen · 第 28 / 35 题