Es folgte auf seine Erzählung eine lange Pause. Frau Tanner hatte
aufmerksam und ohne jede Unterbrechung zugehört, zuweilen gelächelt
und zuweilen den Kopf geschüttelt, schließlich aber jedes Wort mit
einem gleichbleibenden gespannten Ernst verfolgt. Nun schwiegen sie
beide eine Weile.
»Wollen Sie jetzt nicht vor allem andern einen Imbiß nehmen?« fragte
sie endlich. »Sie bleiben jedenfalls die Nacht hier und können in der
Gärtnerwohnung schlafen.«
Die Herberge nahm der Pater dankbar an, wollte jedoch von Essen und
Trinken nichts wissen.
»Was wollen Sie nun von mir haben?« fragte sie langsam.
»Vor allem Ihren Rat. Ich weiß selber nicht genau, woher mein Vertrauen
zu Ihnen kommt. Aber in allen diesen schlimmen Stunden ist mir niemand
sonst eingefallen, auf den ich hätte hoffen mögen. Bitte, sagen Sie
mir, was ich tun soll!«
Nun lächelte sie ein wenig.
»Es ist eigentlich schade,« sagte sie, »daß Sie mich das nicht neulich
schon gefragt haben. Daß Sie für einen Mönch zu gut oder doch zu
lebenslustig sind, kann ich wohl begreifen. Es ist aber nicht schön,
daß Sie Ihre Rückkehr ins Weltleben so heimlich betreiben wollten.
Dafür sind Sie nun gestraft. Denn Sie müssen den Austritt aus Ihrem
Orden, den Sie freiwillig und in Ehren hätten suchen sollen, jetzt
eben unfreiwillig tun. Mir scheint, Sie können gar nichts anderes tun,
als Ihre Sache mit aller Offenheit Ihren Oberen anheimstellen. Ist das
nicht Ihre Meinung?«
»Ja, das ist sie; ich habe es mir nicht anders gedacht.«
»Gut also. Und was wird dann aus Ihnen werden?«
»Das ist es eben! Ich werde ohne Zweifel nicht im Orden behalten
werden, was ich auch keinesfalls annehmen würde. Mein Wille ist, ein
stilles Leben als ein fleißiger und ehrlicher Mensch anzufangen; denn
ich bin zu jeder anständigen Arbeit bereit und habe manche Kenntnisse,
die mir nützen können.«
»Recht so, das habe ich von Ihnen erwartet.«
»Ja. Aber nun werde ich nicht nur aus dem Kloster entlassen werden,
sondern muß auch für die mir anvertrauten Summen, die dem Kloster
gehören, mit meiner Person eintreten. Da ich diese Summen in der
Hauptsache nicht selber veruntreut, sondern an Schelme verloren habe,
wäre es mir doch gar bitter, für sie wie ein gemeiner Betrüger zur
Rechenschaft gezogen zu werden.«
»Das verstehe ich wohl. Aber wie wollen Sie das verhüten?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich würde, wie es selbstverständlich ist, das
Geld so bald und so vollkommen als möglich zu ersetzen suchen. Wenn es
möglich wäre, dafür eine einstweilige Bürgschaft zu stellen, so könnte
wohl ein gerichtliches Verfahren ganz vermieden werden.«
Die Frau sah ihn forschend an.
»Was wären in diesem Falle Ihre Pläne?« fragte sie dann ruhig.
»Dann würde ich außer Landes eine Arbeit suchen und mich bemühen, vor
allem jene Summe abzutragen. Sollte jedoch die Person, welche für mich
bürgt, mir anders raten und mich anders zu verwenden wünschen, so wäre
mir natürlich dieser Wunsch Befehl.«
Frau Tanner erhob sich und tat einige erregte Schritte durchs Zimmer.
Sie blieb außerhalb des Lichtkreises der Lampe in der Dämmerung stehen
und sagte leise von dort herüber: »Und die Person, von der Sie reden
und die für Sie bürgen soll, die soll ich sein?«
Herr Matthias war ebenfalls aufgestanden.
»Wenn Sie wollen -- ja,« sagte er tief atmend. »Da ich mich Ihnen,
die ich noch kaum kannte, so weit eröffnet habe, mag auch das gewagt
sein. Ach, liebe Frau Tanner, es ist mir wunderlich, wie ich in meiner
elenden Lage zu solcher Kühnheit komme. Aber ich weiß keinen Richter,
dem ich mich so leicht und gerne zu jedem Urteilsspruch überließe, wie
Ihnen. Sagen Sie ein Wort, so gehe ich heute noch für immer aus Ihren
Augen.«
Sie trat an den Tisch zurück, wo vom Abend her noch eine feine
Stickarbeit und eine umgefalzte Zeitung lag, und verbarg ihre leicht
zitternden Hände hinter ihrem Rücken. Dann lächelte sie ganz leicht und
sagte: »Danke für Ihr Vertrauen, Herr Matthias, es soll in guten Händen
sein. Aber Geschäfte tut man nicht so in einer Abendstimmung ab. Wir
wollen jetzt zur Ruhe gehen, die Magd wird Sie ins Gärtnerhaus führen.
Morgen früh um sieben wollen wir hier frühstücken und weiter reden,
dann können Sie noch leicht den ersten Bahnzug erreichen.«
* * * * *
In dieser Nacht hatte der flüchtige Pater einen weit besseren Schlaf
als seine gütige Wirtin. Er holte in einer tiefen achtstündigen Ruhe
das Versäumte zweier Tage und Nächte ein und erwachte zur rechten Zeit
ausgeruht und helläugig, so daß ihn die Frau Tanner beim Frühstück
erstaunt und wohlgefällig betrachten mußte.
Diese verlor über der Sache Matthias den größeren Teil ihrer Nachtruhe.
Die Bitte des Paters hätte, soweit sie nur das verlorene Geld betraf,
ihr dies nicht angetan. Aber es war ihr sonderbar zu Herzen gegangen,
wie da ein fremder Mensch, der nur ein einzigesmal zuvor flüchtig ihren
Weg gestreift, in der Stunde peinlicher Not so voll Vertrauen zu ihr
gekommen war, fast wie ein Kind zur Mutter. Und daß ihr selber dies
doch eigentlich nicht erstaunlich gewesen war, daß sie es ohne weiteres
verstanden und beinahe wie etwas Erwartetes aufgenommen hatte, während
sie sonst eher zum Mißtrauen neigte, das schien ihr darauf zu deuten,
daß zwischen ihr und dem Fremden ein Zug von Geschwisterlichkeit und
heimlicher Harmonie bestehe.
Der Pater hatte ihr schon bei seinem ersten Besuche neulich einen
angenehmen Eindruck gemacht. Sie mußte ihn für einen lebenstüchtigen,
harmlosen Menschen halten, dazu war er ein hübscher und gebildeter
Mann. An diesem Urteil hatte das seither Erfahrene nichts geändert,
nur daß die Gestalt des Paters dadurch in ein etwas schwankendes Licht
von Abenteuer gerückt und in seinem Charakter immerhin eine gewisse
Schwäche enthüllt schien.
Dies alles hätte hingereicht, dem Mann ihre Teilnahme zu gewinnen,
wobei sie die geforderte Bürgschaft oder Geldsumme gar nicht beachtet
haben würde. Durch die merkwürdige Sympathie jedoch, die sie mit dem
Fremden verband und die auch in den sorgenvollen Gedanken dieser Nacht
nicht abgenommen hatte, war alles in eine andere Beleuchtung getreten,
wo das Geschäftliche und Persönliche gar eng aneinander hing und wo
sonst harmlose Dinge ein bedeutendes, ja schicksalhaftes Aussehen
gewannen. Wenn wirklich dieser Mann so viel Macht über sie hatte und
so viel Anziehung zwischen ihnen beiden bestand, so war es mit einem
Geschenke nicht getan, sondern es mußten daraus dauernde Verhältnisse
und Beziehungen entstehen, die immerhin auf ihr Leben großen Einfluß
gewinnen konnten.
Dem gewesenen Pater schlechthin mit einer Geldgabe aus der Not und ins
Ausland zu helfen, unter Ausschluß aller weiteren Beteiligung an seinem
Schicksal als einfache Abfindung, das ging nicht an, dazu stand ihr der
Mann zu hoch. Andererseits trug sie Bedenken, ihn auf seine immerhin
seltsamen Geständnisse hin ohne weiteres in ihr Leben aufzunehmen,
dessen Freiheit und Übersicht sie liebte. Und wieder tat es ihr weh und
schien ihr unmöglich, den Armen ganz ohne Hilfe zu lassen.
So sann sie mehrere Stunden hin und wider, und als sie nach kurzem
Schlaf in guter Toilette das Frühstückszimmer betrat, sah sie ein wenig
geschwächt und müde aus. Matthias begrüßte sie und blickte ihr so klar
in die Augen, daß ihr Herz sich rasch wieder erwärmte. Sie sah, es war
ihm mit allem, was er gestern gesagt, vollkommen Ernst, und er würde
zuverlässig dabei bleiben.
Sie schenkte ihm Kaffee und Milch ein, ohne mehr als die notwendigen
geselligen Worte dazu zu sagen, und gab Auftrag, daß später für ihren
Gast der Wagen angespannt werde, da er zum Bahnhof müsse. Zierlich aß
sie aus silbernem Becherlein ein Ei und trank eine Schale Milch dazu,
und erst als sie damit und der Gast ebenfalls mit seinem Morgenkaffee
fertig war, begann sie zu sprechen.
»Sie haben mir gestern,« sagte sie, »eine Frage und Bitte vorgelegt,
über die ich mich nun besonnen habe. Sie haben auch ein Versprechen
gegeben, nämlich in allem und jedem es so zu halten, wie ich es gut
finden werde. Ist das Ihr Ernst gewesen und wollen Sie sich noch dazu
bekennen?«
Er sah sie ernsthaft und innig an und sagte einfach: »Ja«.
»Gut, so will ich Ihnen sagen, was ich mir zurechtgelegt habe. Sie
wissen selbst, daß Sie mit Ihrer Bitte nicht nur mein Schuldner werden,
sondern mir und meinem Leben auf eine Weise nähertreten wollen, deren
Bedeutung und Folgen für uns beide wichtig werden können. Sie wollen
nicht ein Geschenk von mir haben, sondern mein Vertrauen und meine
Freundschaft. Das ist mir lieb und ehrenvoll, doch müssen Sie selbst
zugeben, daß Ihre Bitte in einem Augenblick an mich gekommen ist, wo
Sie nicht völlig tadelfrei dastehen und wo manches Bedenken wider Sie
erlaubt und möglich ist.«
Matthias nickte errötend, lächelte aber ein klein wenig dazu, weshalb
sie ihren Ton sofort um einen Schatten strenger werden ließ.
»Eben darum kann ich leider Ihren Vorschlag nicht annehmen, werter
Herr. Es ist mir für die Zuverlässigkeit und Dauer Ihrer guten
Gesinnung zu wenig Gewähr vorhanden. Wie es mit Ihrer Freundschaft und
Treue beschaffen ist, das kann nur die Zeit lehren, und was aus meinem
Gelde würde, kann ich auch nicht wissen, seit Sie mir das mit Ihrem
Freunde Breitinger erzählt haben. Ich bin daher gesonnen, Sie beim
Wort zu nehmen. Sie sind mir zu gut, als daß ich Sie mit Geld abfinden
möchte, und Sie sind mir wieder zu fremd und unsicher, als daß ich Sie
ohne weiteres in meinen Lebenskreis aufnehmen könnte. Darum stelle ich
Ihre Treue auf eine vielleicht schwere Probe, indem ich Sie bitte:
Reisen Sie heim, übergeben Sie Ihren ganzen Handel dem Kloster, fügen
Sie sich in alles, auch in eine Bestrafung durch die Gerichte! Wenn Sie
das tapfer und ehrlich tun wollen, ohne mich in der Sache irgend zu
nennen, so verspreche ich Ihnen dagegen, nachher keinen Zweifel mehr an
Ihnen zu haben und Ihnen zu helfen, wenn Sie mit Mut und Fröhlichkeit
ein neues Leben anfangen wollen. -- Haben Sie mich verstanden und soll
es gelten?«
Herr Matthias nahm ihre ausgestreckte Hand, blickte ihr mit Bewunderung
und tiefer Rührung in das schön erregte bleiche Gesicht und machte eine
sonderbare stürmische Bewegung, beinahe als wollte er sie in die Arme
schließen. Statt dessen verbeugte er sich sehr tief und drückte auf
die schmale Damenhand einen festen Kuß. Dann ging er aufrecht aus dem
Zimmer, ohne weiteren Abschied zu nehmen, und schritt durch den Garten
und stieg in das draußen wartende Kabriolet, während die überraschte
Frau seiner großen Gestalt und entschiedenen Bewegung in sonderbar
gemischter Empfindung nachschaute.