Viertes Kapitel

Nach einem todschweren Schlaf erwachte Herr Matthias blinzelnd zu einem

schauderhaften Gefühl von Leere, Zerschlagenheit, Schmerz und Ekel.

Kopfweh und Schwindel hielten ihn nieder, die Augen brannten trocken

und entzündet, an der Hand schmerzte ihn ein breiter verkrusteter Riß,

an dessen Herkunft er keine Erinnerung hatte. Nur langsam erholte sich

sein Bewußtsein, da richtete er sich plötzlich auf, sah an sich nieder

und suchte Stützen für sein Gedächtnis zu gewinnen. Er lag, nur halb

entkleidet, in einem fremden Zimmer und Bett, und da er erschreckend

aufsprang und zum Fenster trat, blickte er in eine morgendliche

unbekannte Straße hinab. Stöhnend goß er ein Waschbecken voll und

badete das entstellte heiße Gesicht, und während er mit dem Handtuch

darüber fuhr, schlug ihm plötzlich ein böser Argwohn wie ein Blitz

ins Gehirn. Hastig stürzte er sich auf seinen Rock, der am Boden lag,

riß ihn an sich, betastete und wendete ihn, griff in alle Taschen und

ließ ihn erstarrt aus zitternden Händen sinken. Er war beraubt. Die

schwarzlederne Brustmappe war fort.

Er besann sich, er wußte alles plötzlich wieder. Es waren über tausend

Kronen in Papier und Gold gewesen.

Still legte er sich wieder auf das Bett und blieb wohl eine halbe

Stunde wie ein Erschlagener liegen. Weindunst und Schlaftrunkenheit

waren völlig verflogen, auch die Schmerzen spürte er nicht mehr, nur

eine große Müdigkeit und Trauer. Langsam erhob er sich wieder, wusch

sich mit Sorgfalt, klopfte und schabte seine beschmutzten Kleider nach

Möglichkeit zurecht, zog sich an und schaute in den Spiegel, wo ein

gedunsenes trauriges Gesicht ihm fremd entgegensah. Dann faßte er alle

Kraft mit einem heftigen Entschluß zusammen und überdachte seine Lage.

Und dann tat er ruhig und bitter das Wenige, was ihm zu tun übrigblieb.

Vor allem durchsuchte er seine ganze Kleidung, auch Bett und

Fußboden genau. Der Rock war leer, im Beinkleid jedoch fand sich ein

zerknitterter Schein von fünfzig Kronen und zehn Kronen in Gold. Sonst

war kein Geld mehr da.

Nun zog er die Glocke und fragte den erscheinenden Kellner, um welche

Zeit er heute Nacht angekommen sei. Der junge Mensch sah ihm lächelnd

ins Gesicht und meinte, wenn der Herr selber sich nimmer erinnern

könne, so werde einzig der Portier Bescheid wissen.

Und er ließ den Portier kommen, gab ihm das Goldstück und fragte ihn

aus. Wann er ins Haus gebracht worden sei? -- Gegen zwölf Uhr. -- Ob

er bewußtlos gewesen? -- Nein, nur anscheinend bezecht. -- Wer ihn

hergebracht habe? -- Zwei junge Männer. Sie hätten erzählt, der Herr

habe sich bei einem Gastmahl übernommen und begehre hier zu schlafen.

Er habe ihn zuerst nicht aufnehmen wollen, sei jedoch durch ein schönes

Trinkgeld doch dazu bestimmt worden. -- Ob der Portier die beiden

Männer wieder erkennen würde? -- Ja, das heißt wohl nur den einen, den

mit dem steifen Hut.

Matthias entließ den Mann und bestellte seine Rechnung samt einer Tasse

Kaffee. Den trank er heiß hinunter, bezahlte und ging weg.

Er kannte den Teil der Stadt, in dem sein Gasthaus lag, nicht, und ob

er wohl nach längerem Gehen bekannte und halbbekannte Straßen traf, so

gelang es ihm doch in mehreren Stunden angestrengter Wanderung nicht,

jenes kleine Wirtshaus wieder zu finden, wo das Gestrige passiert war.

Doch hatte er sich ohnehin kaum Hoffnung gemacht, etwas von dem

Verlorenen wieder zu gewinnen. Von dem Augenblick an, da er

in plötzlich aufzuckendem Verdacht seinen Rock untersucht und

die Brusttasche leer gefunden hatte, war er von der Erkenntnis

durchdrungen, es sei nicht das Kleinste mehr zu retten. Dieses Gefühl

hatte durchaus mit der Empfindung eines ärgerlichen Zufalls oder

Unglücks nichts zu tun, sondern war frei von jeder Auflehnung und

glich mehr einer zwar bitteren, doch entschiedenen Zustimmung zu dem

Geschehenen. Dies Gefühl vom Einklang des Geschehens mit dem eigenen

Gemüt, der äußeren und inneren Notwendigkeit, dessen ganz geringe

Menschen niemals fähig sind, rettete den armen betrogenen Pater vor der

Verzweiflung. Er dachte nicht einen Augenblick daran, sich etwa durch

List reinzuwaschen und wieder in Ehre und Achtung zurückzustehlen,

noch auch trat ihm der Gedanke nahe, sich ein Leid anzutun. Nein, er

fühlte nichts als eine völlig klare und gerechte Notwendigkeit, die

ihn zwar traurig machte, gegen welche er jedoch mit keinem Gedanken

protestierte. Denn stärker als Bangnis und Sorge, wenn auch noch

verborgen und außerhalb des Bewußtseins, war in ihm die Empfindung

einer großen Erlösung vorhanden, da jetzt unzweifelhaft seiner

bisherigen Unzufriedenheit und dem unklaren, durch Jahre geführten

und verheimlichten Doppelleben ein Ende gesetzt war. Er fühlte wie

früher zuweilen nach kleineren Verfehlungen die schmerzliche innere

Befreitheit eines Mannes, der vor dem Beichtstuhl kniet und dem zwar

eine Demütigung und Bestrafung bevorsteht, dessen Seele aber die

beklemmende Last verheimlichter Taten schon weichen fühlt.

Dennoch aber war er über das, was nun zu tun sei, keineswegs im

klaren. Hatte er innerlich seinen Austritt aus dem Orden schon

genommen und Verzicht auf alle Ehren getan, so schien es ihm doch

ärgerlich und recht unnütz, nun alle häßlichen und schmerzenden Szenen

einer feierlichen Ausstoßung und Verurteilung auskosten zu sollen.

Schließlich hatte er, weltlich gedacht, kein gar so schändliches

Verbrechen begangen, und das viele Klostergeld hatte ja nicht er

gestohlen, sondern offenbar jener Herr Breitinger.

Klar war ihm zunächst nur, daß noch heute etwas Entscheidendes zu

geschehen habe; denn blieb er länger als noch diesen Tag dem Kloster

fern, so entstand Verdacht und Untersuchung und ward ihm die Freiheit

des Handelns abgeschnitten. Ermüdet und hungrig suchte er ein

Speisehaus, aß einen Teller Suppe und schaute alsdann, rasch gesättigt

und von verwirrten Erinnerungsbildern gequält, mit müden Augen durchs

Fenster auf die Straße hinaus, genau wie er es gestern ungefähr um

dieselbe Zeit getan hatte.

Indem er seine Lage hin und her bedachte, fiel es ihm grausam auf die

Seele, daß er auf Erden keinen einzigen Menschen habe, dem er mit

Vertrauen und Hoffnung seine Not klagen könnte, der ihm hülfe und

riete, der ihn zurechtweise, rette oder doch tröste. Ein Auftritt,

den er erst vor einer Woche erlebt und schon völlig wieder vergessen

hatte, stieg unversehens rührend und wunderlich in seinem Gedächtnis

auf: der junge halbgescheite Laienbruder in seiner verflickten Kutte,

wie er am heimischen Bahnhofe stand und ihm nachschaute, angstvoll und

beschwörend.

Heftig wendete er sich von diesem Bilde ab und zwang seinen Blick, dem

Straßenleben draußen zu folgen. Da trat ihm, auf seltsamen Umwegen der

Erinnerung, mit einem Male ein Name und eine Gestalt vor die Seele,

woran sie sich sofort mit instinktivem Zutrauen klammerte.

Diese Gestalt war die der Frau Franziska Tanner, jener reichen

jungen Witwe, deren Geist und Takt er erst kürzlich bewundert, und

deren anmutig strenges Bild ihn heimlich begleitet hatte. Er schloß

die Augen und sah sie, im grauseidenen Kleide, mit dem klugen und

beinahe spöttischen Mund im hübschen blassen Gesicht, und je genauer

er zuschaute und je deutlicher nun auch der kräftig entschlossene

Ton ihrer hellen Stimme und der feste, ruhig beobachtende Blick

ihrer grauen Augen ihm wieder vorschwebte, desto leichter, ja

selbstverständlicher schien es ihm, das Vertrauen dieser ungewöhnlichen

Frau in seiner ungewöhnlichen Lage anzurufen.

Dankbar und froh, das nächste Stück seines Weges endlich klar vor sich

zu sehen, machte er sich sofort daran, seinen Entschluß auszuführen.

Von dieser Minute an bis zu jener, da er wirklich vor Frau Tanner

stand, tat er jeden Schritt sicher und rasch, nur ein einzigesmal

geriet er ins Zaudern. Das war, als er jenen Bahnhof des Vorortes

wieder erreichte, wo er gestern seinen Sündenwandel begonnen hatte

und wo seither sein Köfferchen in Verwahrung stand. Er war des Sinnes

gewesen, wieder als Pater in der Kutte vor die hochgeschätzte Frau

zu treten, schon um sie nicht allzu sehr zu erschrecken, und hatte

deshalb den Weg hieher genommen. Nun jedoch, da er nur eines Schrittes

bedurfte, um am Schalter sein Eigentum wieder zu fordern, kam diese

Absicht ihm plötzlich töricht und unredlich vor, ja er empfand, wie nie

zuvor, vor der Rückkehr in die klösterliche Tracht einen wahren Schreck

und Abscheu, so daß er seinen Plan im Augenblick änderte und vor sich

selber schwor, die Kutte niemals wieder anzulegen, es komme, wie es

wolle.

Daß mit den übrigen Wertsachen ihm auch der Gepäckschein entwendet

worden war, wußte und bedachte er dabei gar nicht.

Darum ließ er sein Gepäck liegen, wo es lag, und reiste denselben Weg,

den er gestern in der Frühe noch als Pater gefahren, im schlichten

Bürgerrocke zurück. Dabei schlug ihm das Herz immerhin, je näher er

dem Ziele kam, desto peinlicher; denn er fuhr nun schon wieder durch

die Gegend, welcher er vor Tagen noch gepredigt hatte, und mußte in

jedem neu einsteigenden Fahrgaste den beargwöhnen, der ihn erkennen

und als erster seine Schande sehen würde. Doch war der Zufall und der

einbrechende Abend ihm günstig, so daß er die letzte Station unerkannt

und unbelästigt erreichte.

Bei sinkender Nacht wanderte er auf müden Beinen den Weg zum Dorfe hin,

den er zuletzt bei Sonnenschein im Einspänner gefahren war, und zog, da

er noch überall Licht hinter den Läden bemerkte, noch am selben Abend

die Glocke am Tore des Tannerschen Landhauses.

Die gleiche Magd wie neulich tat ihm auf und fragte nach seinem

Begehren, ohne ihn zu erkennen. Matthias bat, die Hausfrau noch heute

abend sprechen zu dürfen, und gab dem Mädchen ein verschlossenes

Billett mit, das er vorsorglich noch in der Stadt geschrieben hatte.

Sie ließ ihn, der späten Stunde wegen ängstlich, im Freien warten,

schloß das Tor wieder ab und blieb eine bange Weile aus. Dann aber

schloß sie rasch wieder auf, hieß ihn mit verlegener Entschuldigung

ihrer vorigen Ängstlichkeit eintreten und führte ihn in das Wohnzimmer

der Frau, die ihn dort allein erwartete.

»Guten Abend, Frau Tanner,« sagte er mit etwas befangener Stimme, »darf

ich Sie nochmals für eine kleine Weile stören?«

Sie grüßte gemessen und sah ihn an.

»Da Sie, wie Ihr Billett mir sagt, in einer sehr wichtigen Sache

kommen, stehe ich gerne zur Verfügung. -- Aber wie sehen Sie denn aus?«

»Ich werde Ihnen alles erklären, bitte, erschrecken Sie nicht! Ich wäre

nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich nicht das Zutrauen hätte, Sie werden

mich in einer sehr schlimmen Lage nicht ohne Rat und Teilnahme lassen.

Ach, verehrte Frau, was ist aus mir geworden!«

Seine Stimme brach, und es schien, als würgten ihn Tränen. Doch hielt

er sich tapfer, entschuldigte sich mit großer Erschöpfung und begann

alsdann, in einem bequemen Sessel ruhend, seine Erzählung. Er fing

damit an, daß er schon seit mehreren Jahren des Klosterlebens müde

sei und sich mehrere Verfehlungen vorzuwerfen habe. Dann gab er eine

kurze Darstellung seines früheren Lebens und seiner Klosterzeit, seiner

Predigtreisen und auch seiner letzten Mission. Und darauf berichtete er

ohne viel Einzelheiten, aber ehrlich und verständlich sein Abenteuer in

der Stadt.

Umwege: Erzählungen · 第 27 / 35 题