Nach einem todschweren Schlaf erwachte Herr Matthias blinzelnd zu einem
schauderhaften Gefühl von Leere, Zerschlagenheit, Schmerz und Ekel.
Kopfweh und Schwindel hielten ihn nieder, die Augen brannten trocken
und entzündet, an der Hand schmerzte ihn ein breiter verkrusteter Riß,
an dessen Herkunft er keine Erinnerung hatte. Nur langsam erholte sich
sein Bewußtsein, da richtete er sich plötzlich auf, sah an sich nieder
und suchte Stützen für sein Gedächtnis zu gewinnen. Er lag, nur halb
entkleidet, in einem fremden Zimmer und Bett, und da er erschreckend
aufsprang und zum Fenster trat, blickte er in eine morgendliche
unbekannte Straße hinab. Stöhnend goß er ein Waschbecken voll und
badete das entstellte heiße Gesicht, und während er mit dem Handtuch
darüber fuhr, schlug ihm plötzlich ein böser Argwohn wie ein Blitz
ins Gehirn. Hastig stürzte er sich auf seinen Rock, der am Boden lag,
riß ihn an sich, betastete und wendete ihn, griff in alle Taschen und
ließ ihn erstarrt aus zitternden Händen sinken. Er war beraubt. Die
schwarzlederne Brustmappe war fort.
Er besann sich, er wußte alles plötzlich wieder. Es waren über tausend
Kronen in Papier und Gold gewesen.
Still legte er sich wieder auf das Bett und blieb wohl eine halbe
Stunde wie ein Erschlagener liegen. Weindunst und Schlaftrunkenheit
waren völlig verflogen, auch die Schmerzen spürte er nicht mehr, nur
eine große Müdigkeit und Trauer. Langsam erhob er sich wieder, wusch
sich mit Sorgfalt, klopfte und schabte seine beschmutzten Kleider nach
Möglichkeit zurecht, zog sich an und schaute in den Spiegel, wo ein
gedunsenes trauriges Gesicht ihm fremd entgegensah. Dann faßte er alle
Kraft mit einem heftigen Entschluß zusammen und überdachte seine Lage.
Und dann tat er ruhig und bitter das Wenige, was ihm zu tun übrigblieb.
Vor allem durchsuchte er seine ganze Kleidung, auch Bett und
Fußboden genau. Der Rock war leer, im Beinkleid jedoch fand sich ein
zerknitterter Schein von fünfzig Kronen und zehn Kronen in Gold. Sonst
war kein Geld mehr da.
Nun zog er die Glocke und fragte den erscheinenden Kellner, um welche
Zeit er heute Nacht angekommen sei. Der junge Mensch sah ihm lächelnd
ins Gesicht und meinte, wenn der Herr selber sich nimmer erinnern
könne, so werde einzig der Portier Bescheid wissen.
Und er ließ den Portier kommen, gab ihm das Goldstück und fragte ihn
aus. Wann er ins Haus gebracht worden sei? -- Gegen zwölf Uhr. -- Ob
er bewußtlos gewesen? -- Nein, nur anscheinend bezecht. -- Wer ihn
hergebracht habe? -- Zwei junge Männer. Sie hätten erzählt, der Herr
habe sich bei einem Gastmahl übernommen und begehre hier zu schlafen.
Er habe ihn zuerst nicht aufnehmen wollen, sei jedoch durch ein schönes
Trinkgeld doch dazu bestimmt worden. -- Ob der Portier die beiden
Männer wieder erkennen würde? -- Ja, das heißt wohl nur den einen, den
mit dem steifen Hut.
Matthias entließ den Mann und bestellte seine Rechnung samt einer Tasse
Kaffee. Den trank er heiß hinunter, bezahlte und ging weg.
Er kannte den Teil der Stadt, in dem sein Gasthaus lag, nicht, und ob
er wohl nach längerem Gehen bekannte und halbbekannte Straßen traf, so
gelang es ihm doch in mehreren Stunden angestrengter Wanderung nicht,
jenes kleine Wirtshaus wieder zu finden, wo das Gestrige passiert war.
Doch hatte er sich ohnehin kaum Hoffnung gemacht, etwas von dem
Verlorenen wieder zu gewinnen. Von dem Augenblick an, da er
in plötzlich aufzuckendem Verdacht seinen Rock untersucht und
die Brusttasche leer gefunden hatte, war er von der Erkenntnis
durchdrungen, es sei nicht das Kleinste mehr zu retten. Dieses Gefühl
hatte durchaus mit der Empfindung eines ärgerlichen Zufalls oder
Unglücks nichts zu tun, sondern war frei von jeder Auflehnung und
glich mehr einer zwar bitteren, doch entschiedenen Zustimmung zu dem
Geschehenen. Dies Gefühl vom Einklang des Geschehens mit dem eigenen
Gemüt, der äußeren und inneren Notwendigkeit, dessen ganz geringe
Menschen niemals fähig sind, rettete den armen betrogenen Pater vor der
Verzweiflung. Er dachte nicht einen Augenblick daran, sich etwa durch
List reinzuwaschen und wieder in Ehre und Achtung zurückzustehlen,
noch auch trat ihm der Gedanke nahe, sich ein Leid anzutun. Nein, er
fühlte nichts als eine völlig klare und gerechte Notwendigkeit, die
ihn zwar traurig machte, gegen welche er jedoch mit keinem Gedanken
protestierte. Denn stärker als Bangnis und Sorge, wenn auch noch
verborgen und außerhalb des Bewußtseins, war in ihm die Empfindung
einer großen Erlösung vorhanden, da jetzt unzweifelhaft seiner
bisherigen Unzufriedenheit und dem unklaren, durch Jahre geführten
und verheimlichten Doppelleben ein Ende gesetzt war. Er fühlte wie
früher zuweilen nach kleineren Verfehlungen die schmerzliche innere
Befreitheit eines Mannes, der vor dem Beichtstuhl kniet und dem zwar
eine Demütigung und Bestrafung bevorsteht, dessen Seele aber die
beklemmende Last verheimlichter Taten schon weichen fühlt.
Dennoch aber war er über das, was nun zu tun sei, keineswegs im
klaren. Hatte er innerlich seinen Austritt aus dem Orden schon
genommen und Verzicht auf alle Ehren getan, so schien es ihm doch
ärgerlich und recht unnütz, nun alle häßlichen und schmerzenden Szenen
einer feierlichen Ausstoßung und Verurteilung auskosten zu sollen.
Schließlich hatte er, weltlich gedacht, kein gar so schändliches
Verbrechen begangen, und das viele Klostergeld hatte ja nicht er
gestohlen, sondern offenbar jener Herr Breitinger.
Klar war ihm zunächst nur, daß noch heute etwas Entscheidendes zu
geschehen habe; denn blieb er länger als noch diesen Tag dem Kloster
fern, so entstand Verdacht und Untersuchung und ward ihm die Freiheit
des Handelns abgeschnitten. Ermüdet und hungrig suchte er ein
Speisehaus, aß einen Teller Suppe und schaute alsdann, rasch gesättigt
und von verwirrten Erinnerungsbildern gequält, mit müden Augen durchs
Fenster auf die Straße hinaus, genau wie er es gestern ungefähr um
dieselbe Zeit getan hatte.
Indem er seine Lage hin und her bedachte, fiel es ihm grausam auf die
Seele, daß er auf Erden keinen einzigen Menschen habe, dem er mit
Vertrauen und Hoffnung seine Not klagen könnte, der ihm hülfe und
riete, der ihn zurechtweise, rette oder doch tröste. Ein Auftritt,
den er erst vor einer Woche erlebt und schon völlig wieder vergessen
hatte, stieg unversehens rührend und wunderlich in seinem Gedächtnis
auf: der junge halbgescheite Laienbruder in seiner verflickten Kutte,
wie er am heimischen Bahnhofe stand und ihm nachschaute, angstvoll und
beschwörend.
Heftig wendete er sich von diesem Bilde ab und zwang seinen Blick, dem
Straßenleben draußen zu folgen. Da trat ihm, auf seltsamen Umwegen der
Erinnerung, mit einem Male ein Name und eine Gestalt vor die Seele,
woran sie sich sofort mit instinktivem Zutrauen klammerte.
Diese Gestalt war die der Frau Franziska Tanner, jener reichen
jungen Witwe, deren Geist und Takt er erst kürzlich bewundert, und
deren anmutig strenges Bild ihn heimlich begleitet hatte. Er schloß
die Augen und sah sie, im grauseidenen Kleide, mit dem klugen und
beinahe spöttischen Mund im hübschen blassen Gesicht, und je genauer
er zuschaute und je deutlicher nun auch der kräftig entschlossene
Ton ihrer hellen Stimme und der feste, ruhig beobachtende Blick
ihrer grauen Augen ihm wieder vorschwebte, desto leichter, ja
selbstverständlicher schien es ihm, das Vertrauen dieser ungewöhnlichen
Frau in seiner ungewöhnlichen Lage anzurufen.
Dankbar und froh, das nächste Stück seines Weges endlich klar vor sich
zu sehen, machte er sich sofort daran, seinen Entschluß auszuführen.
Von dieser Minute an bis zu jener, da er wirklich vor Frau Tanner
stand, tat er jeden Schritt sicher und rasch, nur ein einzigesmal
geriet er ins Zaudern. Das war, als er jenen Bahnhof des Vorortes
wieder erreichte, wo er gestern seinen Sündenwandel begonnen hatte
und wo seither sein Köfferchen in Verwahrung stand. Er war des Sinnes
gewesen, wieder als Pater in der Kutte vor die hochgeschätzte Frau
zu treten, schon um sie nicht allzu sehr zu erschrecken, und hatte
deshalb den Weg hieher genommen. Nun jedoch, da er nur eines Schrittes
bedurfte, um am Schalter sein Eigentum wieder zu fordern, kam diese
Absicht ihm plötzlich töricht und unredlich vor, ja er empfand, wie nie
zuvor, vor der Rückkehr in die klösterliche Tracht einen wahren Schreck
und Abscheu, so daß er seinen Plan im Augenblick änderte und vor sich
selber schwor, die Kutte niemals wieder anzulegen, es komme, wie es
wolle.
Daß mit den übrigen Wertsachen ihm auch der Gepäckschein entwendet
worden war, wußte und bedachte er dabei gar nicht.
Darum ließ er sein Gepäck liegen, wo es lag, und reiste denselben Weg,
den er gestern in der Frühe noch als Pater gefahren, im schlichten
Bürgerrocke zurück. Dabei schlug ihm das Herz immerhin, je näher er
dem Ziele kam, desto peinlicher; denn er fuhr nun schon wieder durch
die Gegend, welcher er vor Tagen noch gepredigt hatte, und mußte in
jedem neu einsteigenden Fahrgaste den beargwöhnen, der ihn erkennen
und als erster seine Schande sehen würde. Doch war der Zufall und der
einbrechende Abend ihm günstig, so daß er die letzte Station unerkannt
und unbelästigt erreichte.
Bei sinkender Nacht wanderte er auf müden Beinen den Weg zum Dorfe hin,
den er zuletzt bei Sonnenschein im Einspänner gefahren war, und zog, da
er noch überall Licht hinter den Läden bemerkte, noch am selben Abend
die Glocke am Tore des Tannerschen Landhauses.
Die gleiche Magd wie neulich tat ihm auf und fragte nach seinem
Begehren, ohne ihn zu erkennen. Matthias bat, die Hausfrau noch heute
abend sprechen zu dürfen, und gab dem Mädchen ein verschlossenes
Billett mit, das er vorsorglich noch in der Stadt geschrieben hatte.
Sie ließ ihn, der späten Stunde wegen ängstlich, im Freien warten,
schloß das Tor wieder ab und blieb eine bange Weile aus. Dann aber
schloß sie rasch wieder auf, hieß ihn mit verlegener Entschuldigung
ihrer vorigen Ängstlichkeit eintreten und führte ihn in das Wohnzimmer
der Frau, die ihn dort allein erwartete.
»Guten Abend, Frau Tanner,« sagte er mit etwas befangener Stimme, »darf
ich Sie nochmals für eine kleine Weile stören?«
Sie grüßte gemessen und sah ihn an.
»Da Sie, wie Ihr Billett mir sagt, in einer sehr wichtigen Sache
kommen, stehe ich gerne zur Verfügung. -- Aber wie sehen Sie denn aus?«
»Ich werde Ihnen alles erklären, bitte, erschrecken Sie nicht! Ich wäre
nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich nicht das Zutrauen hätte, Sie werden
mich in einer sehr schlimmen Lage nicht ohne Rat und Teilnahme lassen.
Ach, verehrte Frau, was ist aus mir geworden!«
Seine Stimme brach, und es schien, als würgten ihn Tränen. Doch hielt
er sich tapfer, entschuldigte sich mit großer Erschöpfung und begann
alsdann, in einem bequemen Sessel ruhend, seine Erzählung. Er fing
damit an, daß er schon seit mehreren Jahren des Klosterlebens müde
sei und sich mehrere Verfehlungen vorzuwerfen habe. Dann gab er eine
kurze Darstellung seines früheren Lebens und seiner Klosterzeit, seiner
Predigtreisen und auch seiner letzten Mission. Und darauf berichtete er
ohne viel Einzelheiten, aber ehrlich und verständlich sein Abenteuer in
der Stadt.