Als der Pater Matthias in seinem städtischen Anzug und mit einem
merkwürdig veränderten Gesicht wieder in sein Kloster gegangen kam
und ohne Umweg den Guardian aufsuchte, da zuckte Schrecken, Erstaunen
und lüsterne Neugierde durch die alten Hallen. Doch erfuhr niemand
etwas Gewisses. Hingegen fand schon nach einer Stunde eine geheime
Sitzung der Oberen statt, in welcher die Herren trotz manchen Bedenken
schlüssig wurden, den übeln Fall mit aller Sorgfalt geheim zu halten,
die verlorenen Gelder zu verschmerzen und den Pater lediglich mit einer
längeren Buße in einem ausländischen Kloster zu bestrafen.
Da er hereingeführt und ihm dieser Entscheid mitgeteilt wurde, setzte
er die milden Richter durch seine Weigerung, ihren Spruch anzuerkennen,
in kein geringes Erstaunen. Allein es half kein Drohen und kein gütiges
Zureden, Matthias blieb dabei, um seine Entlassung aus dem Orden zu
bitten. Wolle man ihm, fügte er hinzu, die durch seinen Leichtsinn
verloren gegangene Opfersumme als persönliche Schuld stunden und deren
allmähliche Abtragung erlauben, so würde er dies dankbar als eine große
Gnade annehmen, andernfalls jedoch ziehe er es vor, daß seine Sache vor
einem weltlichen Gericht ausgetragen werde.
Da war guter Rat teuer, und während Matthias Tag um Tag einsam in
strengem Zellenarrest gehalten wurde, beschäftigte seine Angelegenheit
die Vorgesetzten bis nach Rom hin, ohne daß der Gefangene über den
Stand der Dinge das Geringste erfahren konnte.
Es hätte auch noch viele Zeit darüber hingehen können, wäre nicht
durch einen unvermuteten Anstoß von außen her plötzlich alles in Fluß
gekommen und nach einer ganz anderen Entwicklung hin gedrängt worden.
Es wurde nämlich, zehn Tage nach des Paters unseliger Rückkehr, amtlich
und eilig von der Behörde angefragt, ob etwa dem Kloster neuestens ein
Insasse oder doch eine so und so beschriebene Ordenskleidung abhanden
gekommen, da diese Gewandung soeben als Inhalt eines auf dem und dem
Bahnhofe abgegebenen rätselhaften Handkoffers festgestellt worden sei.
Es habe dieser Koffer, der seit genau zwölf Tagen an jener Station
lagere, infolge eines schwebenden Prozesses geöffnet werden müssen,
da ein unter schwerem Verdacht verhafteter Gauner neben anderem
gestohlenen Gute auch den auf obigen Koffer lautenden Gepäckschein bei
sich getragen habe.
Eilig lief nun einer der Väter zur Behörde, bat um nähere Auskünfte
und reiste, da er diese nicht erhielt, unverweilt in die benachbarte
Provinzhauptstadt, wo er sich viele, doch vergebliche Mühe gab,
die Person und die Spuren des guten Paters Matthias als mit dem
Gaunerprozesse unzusammenhängend darzustellen. Der Staatsanwalt zeigte
im Gegenteil für diese Spuren ein lebhaftes Interesse und eine große
Lust, den einstweilen als krankliegend entschuldigten Pater Matthias
selber kennen zu lernen.
Durch diese Ereignisse kam plötzlich eine schroffe Änderung in die
Taktik der Väter. Es wurde nun, um zu retten, was noch zu retten wäre,
der Pater Matthias mit aller Feierlichkeit aus dem Orden ausgestoßen,
der Staatsanwaltschaft übergeben und wegen Veruntreuung von
Klostergeldern angeklagt. Und von dieser Stunde an füllte der Prozeß
des Paters nicht nur die Aktenmappen der Richter und Anwälte, sondern
auch als Skandalgeschichte alle Zeitungen, so daß sein Name im ganzen
Lande widerhallte.
Da niemand sich des Mannes annahm, da sein Orden ihn völlig preisgab
und die öffentliche Meinung, dargestellt durch die Artikel der
liberalen Tagesblätter, den Pater keineswegs schonte und den Anlaß
zu einer kleinen frohen Hetze wider die Klöster benutzte, kam der
Angeklagte in eine wahre Hölle von Verdacht und Verleumdung und bekam
eine schlimmere Suppe auszuessen, als er sich eingebrockt zu haben
meinte. Er hielt sich aber in aller Bedrängnis brav und tat keine
einzige Aussage, die sich nicht bewährt hätte.
Im übrigen nahmen die beiden ineinander verwickelten Prozesse ihren
raschen Verlauf. Mit wunderlichen Gefühlen sah sich Matthias bald als
Angeklagter den Pfarrern und Meßnern jener Missionsgegend, bald als
Zeuge der hübschen Meta und dem Herrn Breitinger gegenübergestellt, der
gar nicht Breitinger hieß und in weiten Kreisen als Gauner und Zuhälter
unter dem Namen des dünnen Jakob bekannt war. Sobald sein Anteil an der
Breitingerschen Affäre klargestellt war, entschwand dieser und seine
Gefolgschaft aus des Paters Augen, und es wurde in wenigen kräftigen
Verhandlungen sein eigenes Urteil vorbereitet.
Er war auf eine Verurteilung von allem Anfang an gefaßt gewesen.
Inzwischen hatte die Enthüllung der Einzelheiten jenes Tages in der
Stadt, das Verhalten seiner Oberen und die öffentliche Stimmung auf
seine allgemeine Beurteilung gedrückt, so daß die Richter auf sein
unbestrittenes Vergehen den gefährlichsten Paragraphen anwendeten und
ihn zu einer recht langen Gefängnisstrafe verurteilten.
Das war ihm nun doch ein empfindlicher Schlag, und es wollte ihm
scheinen, eine so harte Buße habe sein in keiner eigentlichen Bosheit
beruhendes Vergehen doch nicht verdient. Am meisten quälte ihn dabei
der Gedanke an die Frau Tanner und ob sie ihn, wenn er nach Verbüßung
einer so langwierigen Strafe und überhaupt nach diesem unerwartet viel
beschrieenen Skandal sich ihr wieder vorstelle, noch überhaupt werde
kennen wollen.
Zu gleicher Zeit bekümmerte und empörte sich Frau Tanner kaum weniger
über diesen Ausgang der Sache und machte sich Vorwürfe darüber, daß
sie ihn doch eigentlich ohne Not da hineingetrieben habe. Sie schrieb
auch ein Brieflein an ihn, worin sie ihn ihres unveränderten Zutrauens
versicherte und die Hoffnung aussprach, er werde gerade in der
unverdienten Härte seines Urteils eine Mahnung sehen, sich innerlich
ungebeugt und unverbittert für bessere Tage zu erhalten. Allein dann
fand sie wieder, es sei kein Grund vorhanden, an Matthias zu zweifeln,
und sie müsse es nun erst recht darauf ankommen lassen, wie er die
Probe bestehe. Und sie legte den geschriebenen Brief, ohne ihn nochmals
anzusehen, in ein Fach ihres Schreibtisches, das sie sorgfältig
verschloß.
* * * * *
Über alledem war es längst völlig Herbst geworden und der Wein schon
gekeltert, als nach einigen trüben Wochen der Spätherbst noch einmal
warme, blaue, zart verklärte Tage brachte. Friedlich lag, vom Wasser in
gebrochenen Linien gespiegelt, an der Biegung des grünen Flusses das
alte Kloster und schaute mit vielen Fensterscheiben in den zartgolden
blühenden Tag. Da zog in dem schönen Spätherbstwetter wieder einmal ein
trauriges Trüpplein unter der Führung einiger bewaffneter Landjäger auf
dem hohen Weg überm steilen Ufer dahin.
Unter den Gefangenen war auch der ehemalige Pater Matthias, der
zuweilen den gesenkten Kopf aufrichtete und in die sonnige Weite des
Tales und zum stillen Kloster hinunter sah. Er hatte keine guten Tage,
aber seine Hoffnung stand immer wieder, von allen Zweifeln unzerstört,
auf das Bild der hübschen blassen Frau gerichtet, deren Hand er vor
dem bitteren Gang in die Schande gehalten und geküßt hatte. Und indem
er unwillkürlich jenes Tages vor seiner Schicksalsreise gedachte, da
er noch aus dem Schutz und Schatten des Klosters in Langeweile und
Mißmut hier herübergeblickt hatte, da ging ein feines Lächeln über sein
mager gewordenes Gesicht, und es schien ihm das halbzufriedene Damals
keineswegs besser und wünschenswerter als das hoffnungsvolle Heute.