Sechstes Kapitel

Als der Pater Matthias in seinem städtischen Anzug und mit einem

merkwürdig veränderten Gesicht wieder in sein Kloster gegangen kam

und ohne Umweg den Guardian aufsuchte, da zuckte Schrecken, Erstaunen

und lüsterne Neugierde durch die alten Hallen. Doch erfuhr niemand

etwas Gewisses. Hingegen fand schon nach einer Stunde eine geheime

Sitzung der Oberen statt, in welcher die Herren trotz manchen Bedenken

schlüssig wurden, den übeln Fall mit aller Sorgfalt geheim zu halten,

die verlorenen Gelder zu verschmerzen und den Pater lediglich mit einer

längeren Buße in einem ausländischen Kloster zu bestrafen.

Da er hereingeführt und ihm dieser Entscheid mitgeteilt wurde, setzte

er die milden Richter durch seine Weigerung, ihren Spruch anzuerkennen,

in kein geringes Erstaunen. Allein es half kein Drohen und kein gütiges

Zureden, Matthias blieb dabei, um seine Entlassung aus dem Orden zu

bitten. Wolle man ihm, fügte er hinzu, die durch seinen Leichtsinn

verloren gegangene Opfersumme als persönliche Schuld stunden und deren

allmähliche Abtragung erlauben, so würde er dies dankbar als eine große

Gnade annehmen, andernfalls jedoch ziehe er es vor, daß seine Sache vor

einem weltlichen Gericht ausgetragen werde.

Da war guter Rat teuer, und während Matthias Tag um Tag einsam in

strengem Zellenarrest gehalten wurde, beschäftigte seine Angelegenheit

die Vorgesetzten bis nach Rom hin, ohne daß der Gefangene über den

Stand der Dinge das Geringste erfahren konnte.

Es hätte auch noch viele Zeit darüber hingehen können, wäre nicht

durch einen unvermuteten Anstoß von außen her plötzlich alles in Fluß

gekommen und nach einer ganz anderen Entwicklung hin gedrängt worden.

Es wurde nämlich, zehn Tage nach des Paters unseliger Rückkehr, amtlich

und eilig von der Behörde angefragt, ob etwa dem Kloster neuestens ein

Insasse oder doch eine so und so beschriebene Ordenskleidung abhanden

gekommen, da diese Gewandung soeben als Inhalt eines auf dem und dem

Bahnhofe abgegebenen rätselhaften Handkoffers festgestellt worden sei.

Es habe dieser Koffer, der seit genau zwölf Tagen an jener Station

lagere, infolge eines schwebenden Prozesses geöffnet werden müssen,

da ein unter schwerem Verdacht verhafteter Gauner neben anderem

gestohlenen Gute auch den auf obigen Koffer lautenden Gepäckschein bei

sich getragen habe.

Eilig lief nun einer der Väter zur Behörde, bat um nähere Auskünfte

und reiste, da er diese nicht erhielt, unverweilt in die benachbarte

Provinzhauptstadt, wo er sich viele, doch vergebliche Mühe gab,

die Person und die Spuren des guten Paters Matthias als mit dem

Gaunerprozesse unzusammenhängend darzustellen. Der Staatsanwalt zeigte

im Gegenteil für diese Spuren ein lebhaftes Interesse und eine große

Lust, den einstweilen als krankliegend entschuldigten Pater Matthias

selber kennen zu lernen.

Durch diese Ereignisse kam plötzlich eine schroffe Änderung in die

Taktik der Väter. Es wurde nun, um zu retten, was noch zu retten wäre,

der Pater Matthias mit aller Feierlichkeit aus dem Orden ausgestoßen,

der Staatsanwaltschaft übergeben und wegen Veruntreuung von

Klostergeldern angeklagt. Und von dieser Stunde an füllte der Prozeß

des Paters nicht nur die Aktenmappen der Richter und Anwälte, sondern

auch als Skandalgeschichte alle Zeitungen, so daß sein Name im ganzen

Lande widerhallte.

Da niemand sich des Mannes annahm, da sein Orden ihn völlig preisgab

und die öffentliche Meinung, dargestellt durch die Artikel der

liberalen Tagesblätter, den Pater keineswegs schonte und den Anlaß

zu einer kleinen frohen Hetze wider die Klöster benutzte, kam der

Angeklagte in eine wahre Hölle von Verdacht und Verleumdung und bekam

eine schlimmere Suppe auszuessen, als er sich eingebrockt zu haben

meinte. Er hielt sich aber in aller Bedrängnis brav und tat keine

einzige Aussage, die sich nicht bewährt hätte.

Im übrigen nahmen die beiden ineinander verwickelten Prozesse ihren

raschen Verlauf. Mit wunderlichen Gefühlen sah sich Matthias bald als

Angeklagter den Pfarrern und Meßnern jener Missionsgegend, bald als

Zeuge der hübschen Meta und dem Herrn Breitinger gegenübergestellt, der

gar nicht Breitinger hieß und in weiten Kreisen als Gauner und Zuhälter

unter dem Namen des dünnen Jakob bekannt war. Sobald sein Anteil an der

Breitingerschen Affäre klargestellt war, entschwand dieser und seine

Gefolgschaft aus des Paters Augen, und es wurde in wenigen kräftigen

Verhandlungen sein eigenes Urteil vorbereitet.

Er war auf eine Verurteilung von allem Anfang an gefaßt gewesen.

Inzwischen hatte die Enthüllung der Einzelheiten jenes Tages in der

Stadt, das Verhalten seiner Oberen und die öffentliche Stimmung auf

seine allgemeine Beurteilung gedrückt, so daß die Richter auf sein

unbestrittenes Vergehen den gefährlichsten Paragraphen anwendeten und

ihn zu einer recht langen Gefängnisstrafe verurteilten.

Das war ihm nun doch ein empfindlicher Schlag, und es wollte ihm

scheinen, eine so harte Buße habe sein in keiner eigentlichen Bosheit

beruhendes Vergehen doch nicht verdient. Am meisten quälte ihn dabei

der Gedanke an die Frau Tanner und ob sie ihn, wenn er nach Verbüßung

einer so langwierigen Strafe und überhaupt nach diesem unerwartet viel

beschrieenen Skandal sich ihr wieder vorstelle, noch überhaupt werde

kennen wollen.

Zu gleicher Zeit bekümmerte und empörte sich Frau Tanner kaum weniger

über diesen Ausgang der Sache und machte sich Vorwürfe darüber, daß

sie ihn doch eigentlich ohne Not da hineingetrieben habe. Sie schrieb

auch ein Brieflein an ihn, worin sie ihn ihres unveränderten Zutrauens

versicherte und die Hoffnung aussprach, er werde gerade in der

unverdienten Härte seines Urteils eine Mahnung sehen, sich innerlich

ungebeugt und unverbittert für bessere Tage zu erhalten. Allein dann

fand sie wieder, es sei kein Grund vorhanden, an Matthias zu zweifeln,

und sie müsse es nun erst recht darauf ankommen lassen, wie er die

Probe bestehe. Und sie legte den geschriebenen Brief, ohne ihn nochmals

anzusehen, in ein Fach ihres Schreibtisches, das sie sorgfältig

verschloß.

* * * * *

Über alledem war es längst völlig Herbst geworden und der Wein schon

gekeltert, als nach einigen trüben Wochen der Spätherbst noch einmal

warme, blaue, zart verklärte Tage brachte. Friedlich lag, vom Wasser in

gebrochenen Linien gespiegelt, an der Biegung des grünen Flusses das

alte Kloster und schaute mit vielen Fensterscheiben in den zartgolden

blühenden Tag. Da zog in dem schönen Spätherbstwetter wieder einmal ein

trauriges Trüpplein unter der Führung einiger bewaffneter Landjäger auf

dem hohen Weg überm steilen Ufer dahin.

Unter den Gefangenen war auch der ehemalige Pater Matthias, der

zuweilen den gesenkten Kopf aufrichtete und in die sonnige Weite des

Tales und zum stillen Kloster hinunter sah. Er hatte keine guten Tage,

aber seine Hoffnung stand immer wieder, von allen Zweifeln unzerstört,

auf das Bild der hübschen blassen Frau gerichtet, deren Hand er vor

dem bitteren Gang in die Schande gehalten und geküßt hatte. Und indem

er unwillkürlich jenes Tages vor seiner Schicksalsreise gedachte, da

er noch aus dem Schutz und Schatten des Klosters in Langeweile und

Mißmut hier herübergeblickt hatte, da ging ein feines Lächeln über sein

mager gewordenes Gesicht, und es schien ihm das halbzufriedene Damals

keineswegs besser und wünschenswerter als das hoffnungsvolle Heute.

Umwege: Erzählungen · 第 29 / 35 题