Drittes Kapitel

Am Bahnhof eines lebhaften Vorortes, wo beständig viele Züge aus-

und einliefen, stieg Pater Matthias aus, den Koffer in der Hand, und

bewegte sich ruhig, von niemandem beachtet, einem kleinen hölzernen

Gebäude zu, auf dessen weißem Schilde die Inschrift »Für Männer« stand.

An diesem Ort verhielt er sich wohl eine Stunde, bis gerade wieder

mehrere ankommende Züge ein Gewühl von Menschen ergossen, und da er

in diesem Augenblicke wieder hervortrat, trug er wohl noch denselben

Koffer bei sich, war aber nicht der Pater Matthias mehr, sondern ein

angenehmer, blühender Herr in guter, wennschon nicht ganz modischer

Kleidung, der sein Gepäck am Schalter in Verwahrung gab und alsdann

ruhig der Stadt entgegenschlenderte, wo er bald auf der Plattform eines

Trambahnwagens, bald vor einem Schaufenster zu sehen war und endlich im

Straßengetöse sich verlor.

Mit diesem vielfach zusammengesetzten, ohne Pause schwingenden Getöne,

mit dem Glanz der Geschäfte, dem durchsonnten Staub der Straßen atmete

Herr Matthias die berauschende Vielfältigkeit und liebe Farbigkeit der

törichten Welt, für welche seine wenig verdorbenen Sinne empfänglich

waren, und gab sich jedem frohen Eindruck willig hin. Es schien ihm

herrlich, die eleganten Damen in Federhüten spazieren oder in feinen

Equipagen fahren zu sehen, und köstlich, als Frühstück in einem

schönen Laden von marmornem Tische eine Tasse Schokolade und einen

zarten, süßen französischen Likör zu nehmen. Und daraufhin, innerlich

erwärmt und erheitert, hin und wider zu gehen, sich an Plakatsäulen

über die für den Abend versprochenen Unterhaltungen zu unterrichten

und darüber nachzudenken, wo es nachher sich am besten zu Mittag werde

speisen lassen; das tat ihm in allen Fasern wohl. Allen diesen größeren

und kleineren Genüssen ging er ohne Eile in dankbarer Kindlichkeit

nach, und wer ihn dabei beobachtet hätte, wäre niemals auf den Gedanken

gekommen, dieser schlichte, sympathische Herr könnte verbotene Wege

gehen.

Ein treffliches Mittagessen zog Matthias beim schwarzen Kaffee und

einer Zigarre weit in den Nachmittag hinein. Er saß nahe an einer der

gewaltigen bis zum Fußboden reichenden Fensterscheiben des Restaurants

und sah durch den duftenden Rauch seiner Zigarre mit Behagen auf die

belebte Straße hinaus. Vom Essen und Sitzen war er ein wenig schwer

geworden und schaute gleichmütig auf den Strom der Vorübergehenden.

Nur einmal reckte er sich plötzlich auf, leicht errötend, und blickte

aufmerksam einer schlanken Frauengestalt nach, in welcher er einen

Augenblick lang die Frau Tanner zu erkennen glaubte. Er sah jedoch, daß

er sich getäuscht habe, fühlte eine leise Ernüchterung und erhob sich,

um weiter zu gehen.

Unschlüssig stand er eine Stunde später vor den Reklametafeln eines

kinematographischen Theaters und las die großgedruckten Titel der

versprochenen Darbietungen. Dabei hielt er eine brennende Zigarre

in der Hand und wurde plötzlich im Lesen durch einen jungen Mann

unterbrochen, der ihn mit Höflichkeit um Feuer für seine Zigarette bat.

Bereitwillig erfüllte er die kleine Bitte, sah dabei den Fremden an und

sagte: »Mir scheint, ich habe Sie schon gesehen. Waren Sie nicht heute

früh im Café Royal?«

Der Fremde bejahte, dankte freundlich, griff an den Hut und wollte

weiter gehen, besann sich aber plötzlich anders und sagte lächelnd:

»Ich glaube, wir sind beide fremd hier. Ich bin auf der Reise und suche

hier nichts als ein paar Stunden gute Unterhaltung und vielleicht ein

bißchen holde Weiblichkeit für den Abend. Wenn es Ihnen nicht zuwider

ist, könnten wir ja zusammen bleiben.«

Das gefiel Herrn Matthias durchaus, und die beiden Müßiggänger

flanierten nun nebeneinander weiter, wobei der Fremde sich dem Älteren

stets höflich zur Linken hielt. Er fragte ohne Zudringlichkeit

ein wenig nach Herkunft und Absichten des neuen Bekannten, und da

er merkte, daß Matthias hierüber nur undeutlich und beinahe etwas

befangen sich äußerte, ließ er die Frage lässig fallen und begann ein

munteres Geplauder, das Herrn Matthias sehr wohl gefiel. Der junge Herr

Breitinger schien viel gereist zu sein und die Kunst wohl zu verstehen,

wie man in fremden Städten sich einen vergnügten Tag macht. Auch am

hiesigen Ort war er schon je und je gewesen und erinnerte sich einiger

Vergnügungslokale, wo er damals recht nette Gesellschaft gefunden und

köstliche Stunden verlebt habe. So ergab es sich bald von selbst, daß

er mit des Herrn Matthias dankbarer Einwilligung die Führung übernahm.

Nur einen heiklen Punkt erlaubte sich Herr Breitinger im voraus zu

berühren. Er bat, es ihm nicht zu verübeln, wenn er darauf bestehe,

daß jeder von ihnen beiden überall seine Zeche sofort aus dem eigenen

Beutel bezahle. Denn, so fügte er entschuldigend bei, er sei zwar kein

Rechner und Knicker, habe jedoch in Geldsachen gern reinliche Ordnung

und sei zudem nicht gesonnen, seinem heutigen Vergnügen mehr als ein

paar Goldfüchse zu opfern, und wenn etwa sein Begleiter großartigere

Gewohnheiten habe, so würde es besser sein, sich in Frieden zu trennen,

statt etwaige Enttäuschungen und Ärgerlichkeiten zu wagen.

Auch dieser Freimut war ganz nach Matthias' Geschmack. Er erklärte, auf

einen goldenen Zwanziger hin oder her komme es ihm allerdings nicht an,

doch sei er gerne einverstanden und im voraus überzeugt, daß sie beide

aufs beste miteinander auskommen würden.

Darüber hatte Breitinger, wie er sagte, einen kleinen Durst bekommen,

und ohnehin war es jetzt nach seiner Meinung Zeit, die angenehme

Bekanntschaft durch Anstoßen mit einem Glase Wein zu feiern. Er

führte den Freund durch unbekannte Gassen nach einer kleinen, abseits

gelegenen Gastwirtschaft, wo man sicher sein dürfe, einen raren Tropfen

zu bekommen, und sie traten durch eine klirrende Glastüre in die

enge niedere Stube, in der sie die einzigen Gäste waren. Ein etwas

unfreundlicher Wirt brachte auf Breitingers Verlangen eine Flasche

herbei, die er öffnete, und woraus er den Gästen einen hellgelben

kühlen, leicht prickelnden Wein einschenkte, mit welchem sie denn

anstießen. Darauf zog sich der Wirt zurück, und bald erschien statt

seiner ein großes hübsches Mädchen, das die Herren lächelnd begrüßte

und, da eben das erste Glas geleert war, das Einschenken übernahm.

»Prosit!« sagte Breitinger zu Matthias, und indem er sich zu dem

Mädchen wandte: »Prosit, schönes Fräulein!«

Sie lachte und hielt scherzweise dem Herrn ein Salzfaß zum Anstoßen hin.

»Ach, Sie haben ja nichts zum Anstoßen,« rief Breitinger und holte

selbst von der Kredenz ein Glas für sie. »Kommen Sie, Fräulein, und

leisten Sie uns ein bißchen Gesellschaft!«

Damit schenkte er ihr Glas voll und hieß sie, die sich nicht sträubte,

zwischen ihm und seinem Bekannten sitzen. Diese zwanglose Leichtigkeit

der Anknüpfung machte Herrn Matthias Eindruck. Er stieß nun auch

seinerseits mit dem Mädchen an und rückte seinen Stuhl dem ihren nahe.

Es war indessen in dem unfrohen Raume schon dunkel geworden, die

Kellnerin zündete ein paar Gasflammen an und bemerkte nun, daß kein

Wein mehr in der Flasche sei.

»Die zweite Bouteille geht auf meine Kosten!« rief Herr Breitinger.

Aber der andere wollte das nicht dulden, und es gab einen kleinen

Wortkrieg, bis er sich unter der Bedingung fügte, daß nachher auf seine

Rechnung noch eine Flasche Champagner getrunken werde. Fräulein Meta

hatte inzwischen die neue Flasche herbeigebracht und ihren Platz wieder

eingenommen, und während der Jüngere mit dem Korkziehen beschäftigt

war, streichelte sie unterm Tische leise die Hand des Herrn Matthias,

der alsbald mit Feuer auf diese Eroberung einging und sie weiter

verfolgte, indem er seinen Fuß auf ihren setzte. Nun zog sie den Fuß

zwar zurück, liebkoste dafür aber wieder seine Hand, und so blieben sie

in stillem Einverständnis triumphierend beieinander sitzen. Matthias

ward jetzt gesprächig, er redete vom Wein und erzählte von Zechgelagen,

die er früher mitgemacht habe, stieß immer wieder mit den beiden an,

und der erhitzende falsche Wein machte seine Augen glänzen.

Als eine Weile später Fräulein Meta meinte, sie habe in der

Nachbarschaft eine sehr nette und lustige Freundin, da hatte keiner

von den Kavalieren etwas dagegen, daß sie diese einlade, den Abend

mitzufeiern. Eine alte Frau, die inzwischen den Wirt abgelöst hatte,

wurde mit dem Auftrag weggeschickt. Als nun Herr Breitinger sich für

Minuten zurückzog, nahm Matthias die hübsche Meta an sich und küßte sie

heftig auf den Mund. Sie ließ es still und lächelnd geschehen, da er

aber stürmisch ward und mehr begehrte, leuchtete sie ihn aus feurigen

Augen an und wehrte: »Später, du, später!«

Die klappernde Glastüre mehr als ihre beschwichtigende Gebärde hielt

ihn zurück, und es kam mit der Alten nicht nur die erwartete Freundin

herein, sondern auch noch eine zweite mit ihrem Bräutigam, einem

halbeleganten Jüngling mit steifem Hütchen und glatt in der Mitte

gescheiteltem schwarzem Haar, dessen Mund unter einem gezwickelten

Schnauzbärtchen hervor hochmütig und gewalttätig ausschaute. Zugleich

trat auch Breitinger wieder ein, es entstand eine Begrüßung und man

rückte zwei Tische aneinander, um gemeinsam zu Abend zu essen. Matthias

sollte bestellen und war für einen Fisch mit nachfolgendem Rindsbraten,

dazu kam auf Metas Vorschlag noch eine Platte mit Kaviar, Lachs und

Sardinen, sowie auf den Wunsch ihrer Freundin eine Punschtorte. Der

Bräutigam aber erklärte mit merkwürdig gereizter Verächtlichkeit, ohne

Geflügel tauge ein Abendessen nichts, und wenn auf das Rindfleisch

nicht ein Fasanenbraten folge, so esse er schon lieber gar nicht mit.

Meta wollte ihm zureden, aber Herr Matthias, der inzwischen zu einem

Burgunderwein übergegangen war, rief munter dazwischen: »Ach was, man

soll doch den Fasan bestellen! Die Herrschaften sind doch hoffentlich

alle meine Gäste?«

Das wurde angenommen, die Alte verschwand mit dem Speisezettel, der

Wirt tauchte auch wieder auf. Meta hatte sich nun ganz an Matthias

angeschlossen, ihre Freundin saß gegenüber neben Herrn Breitinger. Das

Essen, das nicht im Hause gekocht, sondern über die Straße herbeigeholt

schien, wurde rasch aufgetragen und war gut. Beim Nachtisch machte

Fräulein Meta ihren Verehrer mit einem neuen Genusse bekannt: er bekam

in einem großen fußlosen Glase ein delikates Getränk dargereicht,

das sie ihm eigens zubereitet hatte und das, wie sie erzählte, aus

Champagner, Sherry und Kognak gemischt war. Es schmeckte gut, nur

etwas schwer und süß, und sie nippte jedesmal selber am Glase, wenn

sie ihn zum Trinken einlud. Matthias wollte nun auch Herrn Breitinger

ein solches Glas anbieten. Der lehnte jedoch ab, da er das Süße nicht

liebe, auch habe dies Getränk den leidigen Nachteil, daß man darauf hin

nur noch Champagner genießen könne.

»Hoho, das ist doch kein Nachteil!« rief Matthias überlaut. »Ihr Leute,

Champagner her!«

Er brach in ein heftiges Gelächter aus, wobei ihm die Augen voll Wasser

liefen, und war von diesem Augenblicke an ein hoffnungslos betrunkener

Mann, der beständig ohne Ursache lachte, Wein über den Tisch vergoß

und rechenschaftslos auf einem breiten Strome von Rausch und Wohlleben

dahintrieb. Nur zuweilen besann er sich für eine Minute, blickte

verwundert in die Lustbarkeit und griff nach Metas Hand, die er küßte

und streichelte, um sie bald wieder loszulassen und zu vergessen.

Einmal erhob er sich, um einen Trinkspruch auszubringen, doch fiel ihm

das schwankende Glas aus der Hand und zersprang auf dem überschwemmten

Tische, worüber er wieder ein herzliches, doch schon ermüdetes

Gelächter begann. Meta zog ihn in seinen Stuhl zurück, und Breitinger

bot ihm mit ernsthafter Zurede ein Glas Kirschwasser an, das er leerte

und dessen scharfer brennender Geschmack das Letzte war, was ihm von

diesem Abend dunkel im Gedächtnis blieb.

Umwege: Erzählungen · 第 26 / 35 题