Am Bahnhof eines lebhaften Vorortes, wo beständig viele Züge aus-
und einliefen, stieg Pater Matthias aus, den Koffer in der Hand, und
bewegte sich ruhig, von niemandem beachtet, einem kleinen hölzernen
Gebäude zu, auf dessen weißem Schilde die Inschrift »Für Männer« stand.
An diesem Ort verhielt er sich wohl eine Stunde, bis gerade wieder
mehrere ankommende Züge ein Gewühl von Menschen ergossen, und da er
in diesem Augenblicke wieder hervortrat, trug er wohl noch denselben
Koffer bei sich, war aber nicht der Pater Matthias mehr, sondern ein
angenehmer, blühender Herr in guter, wennschon nicht ganz modischer
Kleidung, der sein Gepäck am Schalter in Verwahrung gab und alsdann
ruhig der Stadt entgegenschlenderte, wo er bald auf der Plattform eines
Trambahnwagens, bald vor einem Schaufenster zu sehen war und endlich im
Straßengetöse sich verlor.
Mit diesem vielfach zusammengesetzten, ohne Pause schwingenden Getöne,
mit dem Glanz der Geschäfte, dem durchsonnten Staub der Straßen atmete
Herr Matthias die berauschende Vielfältigkeit und liebe Farbigkeit der
törichten Welt, für welche seine wenig verdorbenen Sinne empfänglich
waren, und gab sich jedem frohen Eindruck willig hin. Es schien ihm
herrlich, die eleganten Damen in Federhüten spazieren oder in feinen
Equipagen fahren zu sehen, und köstlich, als Frühstück in einem
schönen Laden von marmornem Tische eine Tasse Schokolade und einen
zarten, süßen französischen Likör zu nehmen. Und daraufhin, innerlich
erwärmt und erheitert, hin und wider zu gehen, sich an Plakatsäulen
über die für den Abend versprochenen Unterhaltungen zu unterrichten
und darüber nachzudenken, wo es nachher sich am besten zu Mittag werde
speisen lassen; das tat ihm in allen Fasern wohl. Allen diesen größeren
und kleineren Genüssen ging er ohne Eile in dankbarer Kindlichkeit
nach, und wer ihn dabei beobachtet hätte, wäre niemals auf den Gedanken
gekommen, dieser schlichte, sympathische Herr könnte verbotene Wege
gehen.
Ein treffliches Mittagessen zog Matthias beim schwarzen Kaffee und
einer Zigarre weit in den Nachmittag hinein. Er saß nahe an einer der
gewaltigen bis zum Fußboden reichenden Fensterscheiben des Restaurants
und sah durch den duftenden Rauch seiner Zigarre mit Behagen auf die
belebte Straße hinaus. Vom Essen und Sitzen war er ein wenig schwer
geworden und schaute gleichmütig auf den Strom der Vorübergehenden.
Nur einmal reckte er sich plötzlich auf, leicht errötend, und blickte
aufmerksam einer schlanken Frauengestalt nach, in welcher er einen
Augenblick lang die Frau Tanner zu erkennen glaubte. Er sah jedoch, daß
er sich getäuscht habe, fühlte eine leise Ernüchterung und erhob sich,
um weiter zu gehen.
Unschlüssig stand er eine Stunde später vor den Reklametafeln eines
kinematographischen Theaters und las die großgedruckten Titel der
versprochenen Darbietungen. Dabei hielt er eine brennende Zigarre
in der Hand und wurde plötzlich im Lesen durch einen jungen Mann
unterbrochen, der ihn mit Höflichkeit um Feuer für seine Zigarette bat.
Bereitwillig erfüllte er die kleine Bitte, sah dabei den Fremden an und
sagte: »Mir scheint, ich habe Sie schon gesehen. Waren Sie nicht heute
früh im Café Royal?«
Der Fremde bejahte, dankte freundlich, griff an den Hut und wollte
weiter gehen, besann sich aber plötzlich anders und sagte lächelnd:
»Ich glaube, wir sind beide fremd hier. Ich bin auf der Reise und suche
hier nichts als ein paar Stunden gute Unterhaltung und vielleicht ein
bißchen holde Weiblichkeit für den Abend. Wenn es Ihnen nicht zuwider
ist, könnten wir ja zusammen bleiben.«
Das gefiel Herrn Matthias durchaus, und die beiden Müßiggänger
flanierten nun nebeneinander weiter, wobei der Fremde sich dem Älteren
stets höflich zur Linken hielt. Er fragte ohne Zudringlichkeit
ein wenig nach Herkunft und Absichten des neuen Bekannten, und da
er merkte, daß Matthias hierüber nur undeutlich und beinahe etwas
befangen sich äußerte, ließ er die Frage lässig fallen und begann ein
munteres Geplauder, das Herrn Matthias sehr wohl gefiel. Der junge Herr
Breitinger schien viel gereist zu sein und die Kunst wohl zu verstehen,
wie man in fremden Städten sich einen vergnügten Tag macht. Auch am
hiesigen Ort war er schon je und je gewesen und erinnerte sich einiger
Vergnügungslokale, wo er damals recht nette Gesellschaft gefunden und
köstliche Stunden verlebt habe. So ergab es sich bald von selbst, daß
er mit des Herrn Matthias dankbarer Einwilligung die Führung übernahm.
Nur einen heiklen Punkt erlaubte sich Herr Breitinger im voraus zu
berühren. Er bat, es ihm nicht zu verübeln, wenn er darauf bestehe,
daß jeder von ihnen beiden überall seine Zeche sofort aus dem eigenen
Beutel bezahle. Denn, so fügte er entschuldigend bei, er sei zwar kein
Rechner und Knicker, habe jedoch in Geldsachen gern reinliche Ordnung
und sei zudem nicht gesonnen, seinem heutigen Vergnügen mehr als ein
paar Goldfüchse zu opfern, und wenn etwa sein Begleiter großartigere
Gewohnheiten habe, so würde es besser sein, sich in Frieden zu trennen,
statt etwaige Enttäuschungen und Ärgerlichkeiten zu wagen.
Auch dieser Freimut war ganz nach Matthias' Geschmack. Er erklärte, auf
einen goldenen Zwanziger hin oder her komme es ihm allerdings nicht an,
doch sei er gerne einverstanden und im voraus überzeugt, daß sie beide
aufs beste miteinander auskommen würden.
Darüber hatte Breitinger, wie er sagte, einen kleinen Durst bekommen,
und ohnehin war es jetzt nach seiner Meinung Zeit, die angenehme
Bekanntschaft durch Anstoßen mit einem Glase Wein zu feiern. Er
führte den Freund durch unbekannte Gassen nach einer kleinen, abseits
gelegenen Gastwirtschaft, wo man sicher sein dürfe, einen raren Tropfen
zu bekommen, und sie traten durch eine klirrende Glastüre in die
enge niedere Stube, in der sie die einzigen Gäste waren. Ein etwas
unfreundlicher Wirt brachte auf Breitingers Verlangen eine Flasche
herbei, die er öffnete, und woraus er den Gästen einen hellgelben
kühlen, leicht prickelnden Wein einschenkte, mit welchem sie denn
anstießen. Darauf zog sich der Wirt zurück, und bald erschien statt
seiner ein großes hübsches Mädchen, das die Herren lächelnd begrüßte
und, da eben das erste Glas geleert war, das Einschenken übernahm.
»Prosit!« sagte Breitinger zu Matthias, und indem er sich zu dem
Mädchen wandte: »Prosit, schönes Fräulein!«
Sie lachte und hielt scherzweise dem Herrn ein Salzfaß zum Anstoßen hin.
»Ach, Sie haben ja nichts zum Anstoßen,« rief Breitinger und holte
selbst von der Kredenz ein Glas für sie. »Kommen Sie, Fräulein, und
leisten Sie uns ein bißchen Gesellschaft!«
Damit schenkte er ihr Glas voll und hieß sie, die sich nicht sträubte,
zwischen ihm und seinem Bekannten sitzen. Diese zwanglose Leichtigkeit
der Anknüpfung machte Herrn Matthias Eindruck. Er stieß nun auch
seinerseits mit dem Mädchen an und rückte seinen Stuhl dem ihren nahe.
Es war indessen in dem unfrohen Raume schon dunkel geworden, die
Kellnerin zündete ein paar Gasflammen an und bemerkte nun, daß kein
Wein mehr in der Flasche sei.
»Die zweite Bouteille geht auf meine Kosten!« rief Herr Breitinger.
Aber der andere wollte das nicht dulden, und es gab einen kleinen
Wortkrieg, bis er sich unter der Bedingung fügte, daß nachher auf seine
Rechnung noch eine Flasche Champagner getrunken werde. Fräulein Meta
hatte inzwischen die neue Flasche herbeigebracht und ihren Platz wieder
eingenommen, und während der Jüngere mit dem Korkziehen beschäftigt
war, streichelte sie unterm Tische leise die Hand des Herrn Matthias,
der alsbald mit Feuer auf diese Eroberung einging und sie weiter
verfolgte, indem er seinen Fuß auf ihren setzte. Nun zog sie den Fuß
zwar zurück, liebkoste dafür aber wieder seine Hand, und so blieben sie
in stillem Einverständnis triumphierend beieinander sitzen. Matthias
ward jetzt gesprächig, er redete vom Wein und erzählte von Zechgelagen,
die er früher mitgemacht habe, stieß immer wieder mit den beiden an,
und der erhitzende falsche Wein machte seine Augen glänzen.
Als eine Weile später Fräulein Meta meinte, sie habe in der
Nachbarschaft eine sehr nette und lustige Freundin, da hatte keiner
von den Kavalieren etwas dagegen, daß sie diese einlade, den Abend
mitzufeiern. Eine alte Frau, die inzwischen den Wirt abgelöst hatte,
wurde mit dem Auftrag weggeschickt. Als nun Herr Breitinger sich für
Minuten zurückzog, nahm Matthias die hübsche Meta an sich und küßte sie
heftig auf den Mund. Sie ließ es still und lächelnd geschehen, da er
aber stürmisch ward und mehr begehrte, leuchtete sie ihn aus feurigen
Augen an und wehrte: »Später, du, später!«
Die klappernde Glastüre mehr als ihre beschwichtigende Gebärde hielt
ihn zurück, und es kam mit der Alten nicht nur die erwartete Freundin
herein, sondern auch noch eine zweite mit ihrem Bräutigam, einem
halbeleganten Jüngling mit steifem Hütchen und glatt in der Mitte
gescheiteltem schwarzem Haar, dessen Mund unter einem gezwickelten
Schnauzbärtchen hervor hochmütig und gewalttätig ausschaute. Zugleich
trat auch Breitinger wieder ein, es entstand eine Begrüßung und man
rückte zwei Tische aneinander, um gemeinsam zu Abend zu essen. Matthias
sollte bestellen und war für einen Fisch mit nachfolgendem Rindsbraten,
dazu kam auf Metas Vorschlag noch eine Platte mit Kaviar, Lachs und
Sardinen, sowie auf den Wunsch ihrer Freundin eine Punschtorte. Der
Bräutigam aber erklärte mit merkwürdig gereizter Verächtlichkeit, ohne
Geflügel tauge ein Abendessen nichts, und wenn auf das Rindfleisch
nicht ein Fasanenbraten folge, so esse er schon lieber gar nicht mit.
Meta wollte ihm zureden, aber Herr Matthias, der inzwischen zu einem
Burgunderwein übergegangen war, rief munter dazwischen: »Ach was, man
soll doch den Fasan bestellen! Die Herrschaften sind doch hoffentlich
alle meine Gäste?«
Das wurde angenommen, die Alte verschwand mit dem Speisezettel, der
Wirt tauchte auch wieder auf. Meta hatte sich nun ganz an Matthias
angeschlossen, ihre Freundin saß gegenüber neben Herrn Breitinger. Das
Essen, das nicht im Hause gekocht, sondern über die Straße herbeigeholt
schien, wurde rasch aufgetragen und war gut. Beim Nachtisch machte
Fräulein Meta ihren Verehrer mit einem neuen Genusse bekannt: er bekam
in einem großen fußlosen Glase ein delikates Getränk dargereicht,
das sie ihm eigens zubereitet hatte und das, wie sie erzählte, aus
Champagner, Sherry und Kognak gemischt war. Es schmeckte gut, nur
etwas schwer und süß, und sie nippte jedesmal selber am Glase, wenn
sie ihn zum Trinken einlud. Matthias wollte nun auch Herrn Breitinger
ein solches Glas anbieten. Der lehnte jedoch ab, da er das Süße nicht
liebe, auch habe dies Getränk den leidigen Nachteil, daß man darauf hin
nur noch Champagner genießen könne.
»Hoho, das ist doch kein Nachteil!« rief Matthias überlaut. »Ihr Leute,
Champagner her!«
Er brach in ein heftiges Gelächter aus, wobei ihm die Augen voll Wasser
liefen, und war von diesem Augenblicke an ein hoffnungslos betrunkener
Mann, der beständig ohne Ursache lachte, Wein über den Tisch vergoß
und rechenschaftslos auf einem breiten Strome von Rausch und Wohlleben
dahintrieb. Nur zuweilen besann er sich für eine Minute, blickte
verwundert in die Lustbarkeit und griff nach Metas Hand, die er küßte
und streichelte, um sie bald wieder loszulassen und zu vergessen.
Einmal erhob er sich, um einen Trinkspruch auszubringen, doch fiel ihm
das schwankende Glas aus der Hand und zersprang auf dem überschwemmten
Tische, worüber er wieder ein herzliches, doch schon ermüdetes
Gelächter begann. Meta zog ihn in seinen Stuhl zurück, und Breitinger
bot ihm mit ernsthafter Zurede ein Glas Kirschwasser an, das er leerte
und dessen scharfer brennender Geschmack das Letzte war, was ihm von
diesem Abend dunkel im Gedächtnis blieb.