Zweites Kapitel

Am Morgen gab es, gerade vor seiner Abreise, noch eine kleine

unerfreuliche Szene. Es lebte im Kloster ein junger Laienbruder von

geringem Verstand, der früher an Epilepsie gelitten hatte, aber seiner

zutraulichen Unschuld und rührenden Dienstwilligkeit wegen von allen

im Hause geliebt wurde. Dieser einfältige Bursche begleitete den

Pater Matthias zur Eisenbahn, seine kleine Reisetasche tragend. Schon

unterwegs zeigte er ein etwas erregtes und gestörtes Wesen, auf dem

Bahnhofe aber zog er plötzlich mit flehenden Mienen den reisefertigen

Pater in eine menschenleere Ecke und bat ihn mit Tränen in den Augen,

er möge doch um Gotteswillen von dieser Reise abstehen, deren

unheilvollen Ausgang ihm eine sichere Ahnung vorausverkünde.

»Ich weiß, Ihr kommet nicht wieder!« rief er weinend mit verzerrtem

Gesicht. »Ach ich weiß gewiß, Ihr werdet nimmer wiederkommen!«

Der gute Matthias hatte alle Mühe, dem Trostlosen, dessen Zuneigung er

kannte, zuzureden; er mußte sich am Ende beinahe mit Gewalt losreißen

und sprang in den Wagen, als der Zug schon die Räder zu drehen begann.

Und im Wegfahren sah er von draußen das angstvolle Gesicht des

Halbklugen mit Wehmut und Sorge auf sich gerichtet. Der unscheinbare

Mensch in seiner schäbigen und verflickten Kutte winkte ihm noch lange

nach, Abschied nehmend und beschwörend, und es ging dem Abreisenden

noch eine Weile ein leiser kühler Schauder nach.

Bald indessen überkam ihn die hintangehaltene Freude am Reisen, das

er über alles liebte, so daß er die peinliche Szene rasch vergaß und

mit zufriedenem Blick und gespannten Seelenkräften den Abenteuern und

Siegen seines Beutezuges entgegenfuhr. Die hügelige und waldreiche

Landschaft leuchtete ahnungsvoll einem glänzenden Tag entgegen,

schon von ersten herbstlichen Feuern überflogen, und der reisende

Pater ließ bald das Brevier wie das kleine wohlgerüstete Notizbuch

ruhen und schaute in wohliger Erwartung durchs offne Wagenfenster

in den siegreichen Tag, der über Wälder hinweg und aus noch

nebelverschleierten Tälern emporwuchs und Kraft gewann, um bald in Blau

und Goldglanz makellos zu erstehen. Seine Gedanken gingen elastisch

zwischen diesem Reisevergnügen und den ihm bevorstehenden Aufgaben hin

und wider. Wie wollte er die fruchtbringende Schönheit dieser Erntetage

hinmalen, und den nahen sicheren Ertrag an Obst und Wein, und wie würde

sich von diesem paradiesischen Grunde das Entsetzliche abheben, das

er von den heimgesuchten Gläubigen in dem fernen gottlosen Lande zu

berichten hatte!

Die zwei oder drei Stunden der Eisenbahnfahrt vergingen schnell. An dem

bescheidenen Bahnhofe, an welchem Pater Matthias ausstieg und welcher

einsam neben einem kleinen Gehölz im freien Felde lag, erwartete ihn

ein hübscher Einspänner, dessen Besitzer den geistlichen Gast mit

Ehrerbietung begrüßte. Dieser gab leutselig Antwort, stieg vergnügt

in das bequeme Gefährt und fuhr sogleich an Ackerland und schöner

Weide vorbei dem stattlichen Dorfe entgegen, wo seine Tätigkeit

beginnen sollte und das ihn bald einladend und festlich anlachte,

zwischen Weinbergen und Gärten gelegen. Der fröhliche Ankommende

betrachtete das hübsche gastliche Dorf mit Wohlwollen. Da wuchs Korn

und Rübe, gedieh Wein und Obst, stand Kartoffel und Kohl in Fülle, da

war überall Wohlsein und feiste Gedeihlichkeit zu spüren; wie sollte

nicht von diesem Born des Überflusses ein voller Opferbecher auch dem

anklopfenden Gaste zugut kommen?

Der Pfarrherr empfing ihn und bot ihm Quartier im Pfarrhause an,

teilte ihm auch mit, daß er schon auf den heutigen Abend des Paters

Gastpredigt in der Dorfkirche angekündigt habe und daß, bei dem Ruf

des Herrn Paters, ein bedeutender Zulauf auch aus dem Filialdorfe zu

erwarten sei. Der Gast nahm die Schmeichelei mit Liebenswürdigkeit

auf und gab sich Mühe, den Kollegen mit Höflichkeit einzuspinnen, da

er die Neigung kleiner Landpfarrer wohl kannte, auf wortgewandte und

erfolgreiche Gastspieler ihrer Kanzeln eifersüchtig zu werden.

Hinwieder hielt der Geistliche mit einem recht üppigen Mittagessen im

Hinterhalt, das alsbald nach der Ankunft im Pfarrhause aufgetragen

wurde. Und auch hier wußte Matthias die Mittelstraße zwischen Pflicht

und Neigung zu finden, indem er unter schmeichelnder Anerkennung

hiesiger Küchenkünste dem Dargebotenen mit gesunder Begierde

zusprach, ohne doch -- zumal beim Weine -- ein ihm bekömmliches

Maß zu überschreiten und seiner Aufgabe zu vergessen. Gestärkt und

fröhlich konnte er schon nach einer ganz kurzen Ruhepause dem Gastgeber

mitteilen, er fühle sich nun ganz in der Stimmung, seine Arbeit im

Weinberge des Herrn zu beginnen. Hatte also der Wirt etwa den schlimmen

Plan gehabt, unseren Pater durch die so reichliche Bewirtung lahm zu

legen, so war er ihm völlig mißlungen.

Dafür hatte nun allerdings der Pfarrer dem Gast eine Arbeit

eingefädelt, welche an Schwierigkeit und Delikatesse nichts zu wünschen

ließ. Seit kurzem lebte im Dorf, als am Heimatorte ihres Mannes, in

einem neu erbauten Landhause die Witwe eines reichen Bierbrauers, die

wegen ihres skeptischen Verstandes und ihrer anmutig gewandten Zunge

nicht minder bekannt und mit Scheu geachtet war als wegen ihres Geldes.

Diese Frau Franziska Tanner stand zuoberst auf der Liste derer, deren

spezielle Heimsuchung der Pfarrer dem Pater Matthias ans Herz legte.

So erschien, auf das zu Gewärtigende vom geistlichen Kollegen wenig

vorbereitet, der satte Pater zu guter Nachmittagsstunde im Landhause

und begehrte mit der Frau Tanner zu sprechen. Eine nette Magd

führte ihn in das Besuchszimmer, wo er eine längere Weile warten

mußte, was ihn als eine ungewohnte Respektlosigkeit verwirrte und

warnte. Alsdann trat zu seinem Erstaunen nicht eine ländliche Person

und schwarzgekleidete Witwe, sondern eine grauseidene damenhafte

Erscheinung in das Zimmer, die ihn gelassen willkommen hieß und nach

seinem Begehren fragte.

Und nun versuchte er der Reihe nach alle Register, und jedes versagte,

und Schlag um Schlag ging ins Leere, während die geschickte Frau

lächelnd entglitt und von Satz zu Satz neue Angeln auslegte. War

er weihevoll, so begann sie zu scherzen; neigte er zu geistlichen

Bedrohungen, so ließ sie harmlos ihren Reichtum und ihre Lust zu

mildtätigen Werken glänzen, so daß er aufs neue Feuer fing und ins

Disputieren kam, denn sie ließ ihn deutlich merken, sie kenne seine

Endabsicht genau und sei auch bereit, Geld zu geben, wenn es ihm nur

gelänge, ihr die tatsächliche Nützlichkeit einer solchen Gabe zu

beweisen. War es ihr kaum gelungen, den gar nicht ungeschickten Herrn

in einen leichten geselligen Weltton zu verstricken, so redete sie ihn

plötzlich wieder devot mit Hochwürden an, und begann er sie wieder

geistlicherweise als Tochter zu ermahnen, so war sie unversehens eine

kühle Dame.

Trotz dieser Maskenspiele und Redekämpfe hatten die beiden ein

Gefallen aneinander. Sie schätzte an dem hübschen Pater die männliche

Aufmerksamkeit, mit der er ihrem Spiel zu folgen und sie im Besiegen

zu schonen suchte, und er hatte mitten im Schweiß der Bedrängnis eine

heimliche natürliche Freude an dem Schauspiel weiblich beweglicher

Koketterie, so daß es trotz schwieriger Augenblicke zu einer ganz guten

Unterhaltung kam und der lange Besuch in gutem Frieden verlief, wobei

unausgesprochenerweise freilich der moralische Sieg auf der Seite der

Dame blieb. Sie übergab zwar dem Pater am Ende eine Banknote und sprach

ihm und seinem Orden ihre Anerkennung aus, doch geschah es in ganz

gesellschaftlichen Formen und beinahe mit einem Hauch von Ironie, und

auch sein Dank und Abschied fiel so diskret und weltmännisch aus, daß

er sogar den üblichen feierlichen Segensspruch vergaß.

Die weiteren Besuche im Dorf wurden etwas abgekürzt und verliefen nach

der Regel. Pater Matthias zog sich noch eine halbe Stunde in seine

Stube zurück, aus welcher er wohlbereitet und frisch zur Abendpredigt

wieder hervorging.

Diese Predigt gelang vortrefflich. Zwischen den im entlegenen Süden

geplünderten Altären und Klöstern und dem Bedürfnis des eigenen

Klosters nach einigen Geldern entstand ganz zauberhaft ein inniger

Zusammenhang, der weniger auf kühlen logischen Folgerungen als auf

einer mit Kunst erzeugten und gesteigerten Stimmung des Mitleids und

unbestimmter frommer Erregung beruhte. Die Frauen weinten und die

Opferbüchsen klangen, und der Pfarrer sah mit Erstaunen die Frau Tanner

unter den Andächtigen sitzen und dem Vortrage zwar ohne Aufregung, doch

mit freundlichster Aufmerksamkeit lauschen.

Damit hatte der feierliche Beutezug des beliebten Paters seinen

glänzenden Anfang genommen. Auf seinem Angesicht glänzte Pflichteifer

und herzliche Befriedigung, in seiner verborgenen Brusttasche ruhte und

wuchs der kleine Schatz, in einige gefällige Banknoten und Goldstücke

umgewechselt. Daß inzwischen die größeren Zeitungen draußen in der Welt

berichteten, es stehe um die bei jener Revolution geschädigten Klöster

bei weitem nicht so übel, als es im ersten Wirrwarr geschienen habe,

das wußte der Pater nicht und hätte sich dadurch wohl auch wenig stören

lassen.

Sechs, sieben Gemeinden hatten die Freude, ihn bei sich zu sehen, und

die ganze Reise verlief aufs erfreulichste. Nun, indem er sich schon

gegen die protestantische Nachbargegend hin dem letzten kleinen Weiler

näherte, den zu besuchen ihm noch oblag, nun dachte er mit Stolz und

Wehmut an den Glanz dieser Triumphtage und daran, daß nun für eine

ungewisse Weile Klosterstille und mißmutige Langeweile den genußreichen

Erregungen seiner Fahrt nachfolgen würden.

Diese Zeiten waren dem Pater stets verhaßt und gefährlich gewesen,

da das Geräusch und die Leidenschaft einer frohen außerordentlichen

Tätigkeit sich legte und hinter den prächtigen Kulissen der klanglose

Alltag hervorschaute. Die Schlacht war geschlagen, der Lohn im Beutel,

nun blieb nichts Lockendes mehr als die kurze Freude der Ablieferung

und Anerkennung daheim, und diese Freude war auch schon keine richtige

mehr.

Hingegen war von hier der Ort nicht weit entfernt, wo er sein

merkwürdiges Geheimnis verwahrte, und je mehr die Feststimmung in ihm

verglühte und je näher die Heimkehr bevorstand, desto heftiger ward

seine Begierde, die Gelegenheit zu nützen und einen wilden frohen Tag

ohne Kutte zu genießen. Noch gestern hätte er davon nichts wissen

mögen, allein so ging es jedesmal und er war es schon müde, dagegen

anzukämpfen: am Schluß einer solchen Reise stand immer der Versucher

plötzlich da, und fast immer war er ihm unterlegen.

So ging es auch dieses Mal. Der kleine Weiler wurde noch besucht und

gewissenhaft erledigt, dann wanderte Pater Matthias zu Fuße nach dem

nächsten Bahnhof, ließ den nach seiner Heimat führenden Zug trotzig

davonfahren und kaufte sich ein Billett nach der nächsten größeren

Stadt, welche in protestantischem Lande lag und für ihn sicher war. In

der Hand aber trug er einen kleinen hübschen Reisekoffer, den gestern

noch niemand bei ihm gesehen hatte.

Umwege: Erzählungen · 第 25 / 35 题