Erstes Kapitel

An der Biegung des grünen Flusses, ganz in der Mitte der hügeligen

alten Stadt, lag im Vormittagslicht eines sonnigen Spätsommertages

das stille Kloster. Von der Stadt durch den hoch ummauerten Garten,

vom ebenso großen und stillen Nonnenkloster durch den Fluß getrennt,

ruhte der dunkle breite Bau in behaglicher Ehrwürdigkeit am gekrümmten

Ufer und schaute mit vielen blinden Fensterscheiben hochmütig in die

entartete Zeit. In seinem Rücken an der schattigen Hügelseite stieg

die fromme Stadt mit Kirchen, Kapellen, Kollegien und geistlichen

Herrenhäusern bergan bis zum hohen Dom; gegenüber aber jenseits des

Wassers und des einsam stehenden Schwesterklosters lag helle Sonne auf

der steilen Halde, deren lichte Matten und Obsthänge da und dort von

goldbraun schimmernden Geröllwällen und Lehmgruben unterbrochen wurden.

An einem offenen Fenster des zweiten Stockwerkes saß lesend der Pater

Matthias, ein blondbärtiger Mann im besten Alter, der im Kloster

und anderwärts den Ruf eines freundlichen, wohlwollenden und sehr

achtbaren Herrn genoß. Es spielte jedoch unter der Oberfläche seines

hübschen Gesichtes und ruhigen Blickes ein Schatten von verheimlichter

Dunkelheit und Unordnung, den die Brüder, sofern sie ihn wahrnahmen,

als einen gelinden Nachklang der tiefen Jugendmelancholie betrachteten,

welche vor zwölf Jahren den Pater in dieses stille Kloster getrieben

hatte und seit geraumer Zeit immer mehr untergesunken und in

liebenswürdige Gemütsruhe verwandelt schien. Aber der Schein trügt, und

Pater Matthias selbst war der einzige, der um die verborgenen Ursachen

dieses Schattens wußte.

Nach heftigen Stürmen einer leidenschaftlichen Jugend hatte ein

Schiffbruch diesen einst glühenden Menschen in das Kloster geführt, wo

er Jahre in zerstörender Selbstverleugnung und Schwermut hinbrachte,

bis die geduldige Zeit und die ursprüngliche kräftige Gesundheit seiner

Natur ihm Vergessen und neuen Lebensmut brachte. Er war ein beliebter

Bruder geworden und stand im gesegneten Ruf, er habe eine besondere

Gabe, auf Missionsreisen und in frommen Häusern ländlicher Gemeinden

die Herzen zu rühren und die Hände zu öffnen, so daß er von solchen

Zügen stets mit reichlichen Erträgen an barem Gut und rechtskräftigen

Legaten in das beglückte Kloster heimkehrte.

Ohne Zweifel war dieser Ruf wohl erworben, sein Glanz jedoch und der

des klingenden Geldes hatte die Väter für einige andere Züge im Bild

ihres lieben Bruders blind gemacht. Denn wohl hatte Pater Matthias

die Seelenstürme jener dunklen Jugendzeiten überwunden und machte

den Eindruck eines ruhig gewordenen, doch vorwiegend frohgesinnten

Mannes, dessen Wünsche und Gedanken im Frieden mit seinen Pflichten

beisammen wohnten; wirkliche Seelenkenner aber hätten doch wohl sehen

müssen, daß die angenehme Bonhommie des Paters nur einen Teil seines

inneren Zustandes wirklich ausdrückte, über manchen verschwiegenen

Unebenheiten aber nur als eine hübsche Maske lag. Der Pater Matthias

war nicht ein Vollkommener, in dessen Brust alle Schlacken des ehemals

untergegangen waren; vielmehr hatte mit der Gesundung seiner Seele auch

der alte, eingeborne Kern dieses Menschen wieder eine Genesung begangen

und schaute, wenn auch aus veränderten und beherrschten Augen, längst

wieder mit heller Begierde nach dem funkelnden Leben der Welt.

Um es ohne Umschweife zu sagen: Der Pater hatte schon mehrmals die

Klostergelübde gebrochen. Seiner reinlichen Natur widerstrebte es zwar,

unterm Mantel der Frömmigkeit Weltlust zu suchen, und er hatte seine

Kutte nie befleckt. Wohl aber hatte er sie, wovon kein Mensch etwas

wußte, schon mehrmals beiseite getan, um sie säuberlich zu erhalten und

nach einem Ausflug ins Weltliche wieder anzulegen.

Pater Matthias hatte ein gefährliches Geheimnis. Er besaß, an sicherem

Orte verborgen, eine angenehme, ja elegante Bürgerkleidung samt

Wäsche, Hut und Schmuck, und wenn er auch neunundneunzig von hunderten

seiner Tage durchaus ehrbar in Kutte und Pflichtübung hinbrachte,

so weilten seine heimlichen Gedanken doch allzu oft bei jenen

seltenen, geheimnisvollen Tagen, die er da und dort als Weltmann unter

Weltmenschen verlebt hatte.

Dieses Doppelleben, dessen Ironie auszukosten des Paters Gemüt viel zu

redlich war, lastete als ungebeichtetes Verbrechen auf seiner Seele.

Wäre er ein schlechter, uneifriger und unbeliebter Pater gewesen,

so hätte er längst den Mut gefunden, sich des Ordenskleides unwürdig

zu bekennen und eine ehrliche Freiheit zu gewinnen. So aber sah er

sich geachtet und geliebt und tat seinem Orden die trefflichsten

Dienste, neben welchen ihm sogar zuweilen seine Verfehlungen beinahe

verzeihlich erscheinen wollten. Ihm war wohl und frei ums Herz, wenn

er in ehrlicher Arbeit für die Kirche und seinen Orden wirken konnte.

Wohl war ihm auch, wenn er auf verbotenen Wegen den Begierden seiner

Natur Genüge tun und lang unterdrückte Wünsche ihres Stachels berauben

konnte. In allen müßigen Zwischenzeiten jedoch erschien in seinem guten

Blick der unliebliche Schatten, da schwankte seine nach Sicherheit

begehrende Seele zwischen Reue und Trotz, Mut und Angst hin und wider,

und bald beneidete er jeden Mitbruder um seine Unschuld, bald jeden

Städter draußen um seine Freiheit.

So saß er auch jetzt, vom Lesen nicht erfüllt, an seinem Fenster

und sah häufig vom Buche weg ins Freie hinaus. Indem er mit müßigem

Auge den lichten frohen Hügelhang gegenüber betrachtete, sah er

einen merkwürdigen Menschenzug dort drüben erscheinen, der von der

Höhenstraße her auf einem Fußpfad näher kam.

Es waren vier Männer, von denen der eine fast elegant, die anderen

schäbig und kümmerlich gekleidet waren, ein Landjäger in glitzernder

Uniform ging ihnen voraus und zwei andere Landjäger folgten hinten

nach. Der neugierig zuschauende Pater erkannte bald, daß es Verurteilte

waren, welche vom Bahnhofe her auf diesem nächsten Wege dem

Kreisgefängnis zugeführt wurden, wie er es öfter gesehen hatte.

Erfreut durch die Ablenkung, beschaute er sich die betrübte

Gruppe, jedoch nicht ohne in seinem heimlichen Mißmut unzufriedene

Betrachtungen daran zu knüpfen. Er empfand zwar wohl ein Mitleid mit

diesen armen Teufeln, von welchen namentlich einer den Kopf hängen

ließ und jeden Schritt voll Widerstrebens tat; doch meinte er, es

ginge ihnen eigentlich nicht gar so übel wie ihre augenblickliche Lage

andeute.

»Jeder von diesen Gefangenen«, dachte er, »hat als ersehntes Ziel den

Tag vor Augen, da er entlassen und wieder frei wird. Ich aber habe

keinen solchen Tag vor mir, nicht nah noch ferne, sondern eine endlose

bequeme Gefangenschaft, nur durch seltene gestohlene Stunden einer

eingebildeten Freiheit unterbrochen. Der eine oder andere von den armen

Kerlen da drüben mag mich jetzt hier sitzen sehen und mich herzlich

beneiden. Sobald sie aber wieder frei sind und ins Leben zurückkehren,

hat der Neid ein Ende und sie halten mich lediglich für einen armen

Tropf, der wohlgenährt hinterm zierlichen Gitter sitzt.«

Während er noch, in den Anblick der Dahingeführten und Soldaten

verloren, solchen Gedanken nachhing, trat ein Bruder bei ihm ein

und meldete, er werde vom Guardian in dessen Amtszimmer erwartet.

Freundlich kam der gewohnte Gruß und Dank von seinen Lippen, lächelnd

erhob er sich, tat das Buch an seinen Ort, wischte über den braunen

Ärmel seiner Kutte, auf dem ein Lichtreflex vom Wasser herauf in

rostfarbenen Flecken tanzte, und ging sogleich mit seinem unfehlbar

anmutig-würdigen Schritt über die langen kühlen Korridore zum Guardian

hinüber.

Dieser empfing ihn mit gemessener Herzlichkeit, bot ihm einen Stuhl an

und begann ein Gespräch über die schlimme Zeit, über das scheinbare

Abnehmen des Gottesreiches auf Erden und die zunehmende Teuerung.

Pater Matthias, der dieses Gespräch seit langem kannte, gab ernsthaft

die erwarteten Antworten und Einwürfe von sich und sah mit froher

Erregung dem Endziel entgegen, welchem sich denn auch der würdige Herr

ohne Eile näherte. Es sei, so schloß er seufzend, eine Ausfahrt ins

Land sehr notwendig, auf welcher Matthias den Glauben treuer Seelen

ermuntern, den Wankelmut ungetreuer vermahnen solle und von welcher

er, wie man hoffe, eine erfreuliche Beute von Liebesgaben heimbringen

werde. Der Zeitpunkt sei nämlich ungewöhnlich günstig, da ja soeben in

einem fernen südlichen Lande bei Anlaß einer politischen Revolution

Kirchen und Klöster mörderlich heimgesucht worden, wovon alle Zeitungen

meldeten. Und er gab dem Pater eine sorgfältige Auswahl von teils

schrecklichen, teils rührenden Einzelheiten aus diesen neuesten

Martyrien der kämpfenden Kirche.

Dankend zog sich der erfreute Pater zurück, schrieb Notizen in sein

kleines Taschenbüchlein, überdachte mit geschlossenen Augen seine

Aufgabe und fand eine glückliche Wendung und Lösung um die andere,

ging zur gewohnten Stunde munter zu Tische und brachte alsdann den

Nachmittag mit den vielen kleinen Vorbereitungen zur Reise hin.

Sein unscheinbares Bündel war bald beisammen; weit mehr Zeit und

Sorgfalt erforderten die Anmeldungen in Pfarrhäusern und bei treuen

gastfreien Anhängern, deren er manche wußte. Gegen Abend trug er eine

Handvoll Briefe zur Post und hatte dann noch eine ganze Weile auf

dem Telegraphenamt zu tun. Schließlich legte er noch einen tüchtigen

Taschenvorrat von kleinen Traktaten, Flugblättern und frommen Bildchen

bereit und schlief danach fest und friedevoll als ein Mann, der

wohlgerüstet einer ehrenvollen Arbeit entgegengeht.

Umwege: Erzählungen · 第 24 / 35 题