An der Biegung des grünen Flusses, ganz in der Mitte der hügeligen
alten Stadt, lag im Vormittagslicht eines sonnigen Spätsommertages
das stille Kloster. Von der Stadt durch den hoch ummauerten Garten,
vom ebenso großen und stillen Nonnenkloster durch den Fluß getrennt,
ruhte der dunkle breite Bau in behaglicher Ehrwürdigkeit am gekrümmten
Ufer und schaute mit vielen blinden Fensterscheiben hochmütig in die
entartete Zeit. In seinem Rücken an der schattigen Hügelseite stieg
die fromme Stadt mit Kirchen, Kapellen, Kollegien und geistlichen
Herrenhäusern bergan bis zum hohen Dom; gegenüber aber jenseits des
Wassers und des einsam stehenden Schwesterklosters lag helle Sonne auf
der steilen Halde, deren lichte Matten und Obsthänge da und dort von
goldbraun schimmernden Geröllwällen und Lehmgruben unterbrochen wurden.
An einem offenen Fenster des zweiten Stockwerkes saß lesend der Pater
Matthias, ein blondbärtiger Mann im besten Alter, der im Kloster
und anderwärts den Ruf eines freundlichen, wohlwollenden und sehr
achtbaren Herrn genoß. Es spielte jedoch unter der Oberfläche seines
hübschen Gesichtes und ruhigen Blickes ein Schatten von verheimlichter
Dunkelheit und Unordnung, den die Brüder, sofern sie ihn wahrnahmen,
als einen gelinden Nachklang der tiefen Jugendmelancholie betrachteten,
welche vor zwölf Jahren den Pater in dieses stille Kloster getrieben
hatte und seit geraumer Zeit immer mehr untergesunken und in
liebenswürdige Gemütsruhe verwandelt schien. Aber der Schein trügt, und
Pater Matthias selbst war der einzige, der um die verborgenen Ursachen
dieses Schattens wußte.
Nach heftigen Stürmen einer leidenschaftlichen Jugend hatte ein
Schiffbruch diesen einst glühenden Menschen in das Kloster geführt, wo
er Jahre in zerstörender Selbstverleugnung und Schwermut hinbrachte,
bis die geduldige Zeit und die ursprüngliche kräftige Gesundheit seiner
Natur ihm Vergessen und neuen Lebensmut brachte. Er war ein beliebter
Bruder geworden und stand im gesegneten Ruf, er habe eine besondere
Gabe, auf Missionsreisen und in frommen Häusern ländlicher Gemeinden
die Herzen zu rühren und die Hände zu öffnen, so daß er von solchen
Zügen stets mit reichlichen Erträgen an barem Gut und rechtskräftigen
Legaten in das beglückte Kloster heimkehrte.
Ohne Zweifel war dieser Ruf wohl erworben, sein Glanz jedoch und der
des klingenden Geldes hatte die Väter für einige andere Züge im Bild
ihres lieben Bruders blind gemacht. Denn wohl hatte Pater Matthias
die Seelenstürme jener dunklen Jugendzeiten überwunden und machte
den Eindruck eines ruhig gewordenen, doch vorwiegend frohgesinnten
Mannes, dessen Wünsche und Gedanken im Frieden mit seinen Pflichten
beisammen wohnten; wirkliche Seelenkenner aber hätten doch wohl sehen
müssen, daß die angenehme Bonhommie des Paters nur einen Teil seines
inneren Zustandes wirklich ausdrückte, über manchen verschwiegenen
Unebenheiten aber nur als eine hübsche Maske lag. Der Pater Matthias
war nicht ein Vollkommener, in dessen Brust alle Schlacken des ehemals
untergegangen waren; vielmehr hatte mit der Gesundung seiner Seele auch
der alte, eingeborne Kern dieses Menschen wieder eine Genesung begangen
und schaute, wenn auch aus veränderten und beherrschten Augen, längst
wieder mit heller Begierde nach dem funkelnden Leben der Welt.
Um es ohne Umschweife zu sagen: Der Pater hatte schon mehrmals die
Klostergelübde gebrochen. Seiner reinlichen Natur widerstrebte es zwar,
unterm Mantel der Frömmigkeit Weltlust zu suchen, und er hatte seine
Kutte nie befleckt. Wohl aber hatte er sie, wovon kein Mensch etwas
wußte, schon mehrmals beiseite getan, um sie säuberlich zu erhalten und
nach einem Ausflug ins Weltliche wieder anzulegen.
Pater Matthias hatte ein gefährliches Geheimnis. Er besaß, an sicherem
Orte verborgen, eine angenehme, ja elegante Bürgerkleidung samt
Wäsche, Hut und Schmuck, und wenn er auch neunundneunzig von hunderten
seiner Tage durchaus ehrbar in Kutte und Pflichtübung hinbrachte,
so weilten seine heimlichen Gedanken doch allzu oft bei jenen
seltenen, geheimnisvollen Tagen, die er da und dort als Weltmann unter
Weltmenschen verlebt hatte.
Dieses Doppelleben, dessen Ironie auszukosten des Paters Gemüt viel zu
redlich war, lastete als ungebeichtetes Verbrechen auf seiner Seele.
Wäre er ein schlechter, uneifriger und unbeliebter Pater gewesen,
so hätte er längst den Mut gefunden, sich des Ordenskleides unwürdig
zu bekennen und eine ehrliche Freiheit zu gewinnen. So aber sah er
sich geachtet und geliebt und tat seinem Orden die trefflichsten
Dienste, neben welchen ihm sogar zuweilen seine Verfehlungen beinahe
verzeihlich erscheinen wollten. Ihm war wohl und frei ums Herz, wenn
er in ehrlicher Arbeit für die Kirche und seinen Orden wirken konnte.
Wohl war ihm auch, wenn er auf verbotenen Wegen den Begierden seiner
Natur Genüge tun und lang unterdrückte Wünsche ihres Stachels berauben
konnte. In allen müßigen Zwischenzeiten jedoch erschien in seinem guten
Blick der unliebliche Schatten, da schwankte seine nach Sicherheit
begehrende Seele zwischen Reue und Trotz, Mut und Angst hin und wider,
und bald beneidete er jeden Mitbruder um seine Unschuld, bald jeden
Städter draußen um seine Freiheit.
So saß er auch jetzt, vom Lesen nicht erfüllt, an seinem Fenster
und sah häufig vom Buche weg ins Freie hinaus. Indem er mit müßigem
Auge den lichten frohen Hügelhang gegenüber betrachtete, sah er
einen merkwürdigen Menschenzug dort drüben erscheinen, der von der
Höhenstraße her auf einem Fußpfad näher kam.
Es waren vier Männer, von denen der eine fast elegant, die anderen
schäbig und kümmerlich gekleidet waren, ein Landjäger in glitzernder
Uniform ging ihnen voraus und zwei andere Landjäger folgten hinten
nach. Der neugierig zuschauende Pater erkannte bald, daß es Verurteilte
waren, welche vom Bahnhofe her auf diesem nächsten Wege dem
Kreisgefängnis zugeführt wurden, wie er es öfter gesehen hatte.
Erfreut durch die Ablenkung, beschaute er sich die betrübte
Gruppe, jedoch nicht ohne in seinem heimlichen Mißmut unzufriedene
Betrachtungen daran zu knüpfen. Er empfand zwar wohl ein Mitleid mit
diesen armen Teufeln, von welchen namentlich einer den Kopf hängen
ließ und jeden Schritt voll Widerstrebens tat; doch meinte er, es
ginge ihnen eigentlich nicht gar so übel wie ihre augenblickliche Lage
andeute.
»Jeder von diesen Gefangenen«, dachte er, »hat als ersehntes Ziel den
Tag vor Augen, da er entlassen und wieder frei wird. Ich aber habe
keinen solchen Tag vor mir, nicht nah noch ferne, sondern eine endlose
bequeme Gefangenschaft, nur durch seltene gestohlene Stunden einer
eingebildeten Freiheit unterbrochen. Der eine oder andere von den armen
Kerlen da drüben mag mich jetzt hier sitzen sehen und mich herzlich
beneiden. Sobald sie aber wieder frei sind und ins Leben zurückkehren,
hat der Neid ein Ende und sie halten mich lediglich für einen armen
Tropf, der wohlgenährt hinterm zierlichen Gitter sitzt.«
Während er noch, in den Anblick der Dahingeführten und Soldaten
verloren, solchen Gedanken nachhing, trat ein Bruder bei ihm ein
und meldete, er werde vom Guardian in dessen Amtszimmer erwartet.
Freundlich kam der gewohnte Gruß und Dank von seinen Lippen, lächelnd
erhob er sich, tat das Buch an seinen Ort, wischte über den braunen
Ärmel seiner Kutte, auf dem ein Lichtreflex vom Wasser herauf in
rostfarbenen Flecken tanzte, und ging sogleich mit seinem unfehlbar
anmutig-würdigen Schritt über die langen kühlen Korridore zum Guardian
hinüber.
Dieser empfing ihn mit gemessener Herzlichkeit, bot ihm einen Stuhl an
und begann ein Gespräch über die schlimme Zeit, über das scheinbare
Abnehmen des Gottesreiches auf Erden und die zunehmende Teuerung.
Pater Matthias, der dieses Gespräch seit langem kannte, gab ernsthaft
die erwarteten Antworten und Einwürfe von sich und sah mit froher
Erregung dem Endziel entgegen, welchem sich denn auch der würdige Herr
ohne Eile näherte. Es sei, so schloß er seufzend, eine Ausfahrt ins
Land sehr notwendig, auf welcher Matthias den Glauben treuer Seelen
ermuntern, den Wankelmut ungetreuer vermahnen solle und von welcher
er, wie man hoffe, eine erfreuliche Beute von Liebesgaben heimbringen
werde. Der Zeitpunkt sei nämlich ungewöhnlich günstig, da ja soeben in
einem fernen südlichen Lande bei Anlaß einer politischen Revolution
Kirchen und Klöster mörderlich heimgesucht worden, wovon alle Zeitungen
meldeten. Und er gab dem Pater eine sorgfältige Auswahl von teils
schrecklichen, teils rührenden Einzelheiten aus diesen neuesten
Martyrien der kämpfenden Kirche.
Dankend zog sich der erfreute Pater zurück, schrieb Notizen in sein
kleines Taschenbüchlein, überdachte mit geschlossenen Augen seine
Aufgabe und fand eine glückliche Wendung und Lösung um die andere,
ging zur gewohnten Stunde munter zu Tische und brachte alsdann den
Nachmittag mit den vielen kleinen Vorbereitungen zur Reise hin.
Sein unscheinbares Bündel war bald beisammen; weit mehr Zeit und
Sorgfalt erforderten die Anmeldungen in Pfarrhäusern und bei treuen
gastfreien Anhängern, deren er manche wußte. Gegen Abend trug er eine
Handvoll Briefe zur Post und hatte dann noch eine ganze Weile auf
dem Telegraphenamt zu tun. Schließlich legte er noch einen tüchtigen
Taschenvorrat von kleinen Traktaten, Flugblättern und frommen Bildchen
bereit und schlief danach fest und friedevoll als ein Mann, der
wohlgerüstet einer ehrenvollen Arbeit entgegengeht.