Die geborenen Dilettanten, aus welchen ein so großer Teil der
Menschheit zu bestehen scheint, könnte man als Karikaturen der
Willensfreiheit bezeichnen. Indem sie nämlich, unendlich weit von der
Natur abgeirrt und von der Erkenntnis des Notwendigen entfernt, die
ursprüngliche Fähigkeit jedes originellen Menschen entbehren, den Ruf
der Natur im eigenen Innern zu vernehmen, treiben sie leichtsinnig und
unentschlossen in einem wertlosen Leben scheinbarer Willkür dahin. Da
sie Eigenes nicht in sich haben, finden sie sich auf das Nachahmen
verwiesen und betreiben nun das, was sie andere aus innerer Anlage und
Notwendigkeit tun sehen, spielerisch und willkürlich als Affen der
Natur.
Zu diesen Vielen gehörte auch der Knabe Emil Kolb in Gerbersau, und der
Zufall (da man bei solchen Menschen doch wohl nicht von Schicksal reden
darf) brachte es dahin, daß er mit seinem Dilettantentum nicht gleich
vielen anderen zu Ehren und Wohlstande, sondern zu Unehre und Elend
kam, obwohl er um nichts schlimmer war als tausend seiner Art.
Emil Kolbs Vater war ein sehr bescheidener Flickschuster, und nur seine
Verwandtschaft mit den hochgeschätzten Bürgerfamilien der Dierlamm und
der Giebenrath hielt ihn im städtischen Leben etwas oberhalb des Grades
von Mißachtung, dessen Leute ohne Geld und ohne Glück sonst unter ihren
Mitbürgern genießen.
Diesen großen Verwandten gegenüber machte Herr Kolb vorsichtigerweise
von seinem Vetternrecht nahezu gar keinen Gebrauch. Es fiel ihm nicht
ein, etwa bei einer Leichenfeier oder in einem Festzuge neben einem
Giebenrath schreiten zu wollen oder zu erwarten, daß ihn ein Dierlamm
zu seiner Hochzeit oder Taufe einlade. Desto häufiger und stolzer
erinnerte er in seinem Hause und unter seinesgleichen an die ehrenvolle
Verwandtschaft, die ihm immerhin von Nutzen war. Es war diesem
Manne die Gabe versagt, im Walten der Natur und in der Entfaltung
menschlicher Schicksale das unabänderlich Notwendige zu erkennen und
anzuerkennen; deshalb hielt er denn auch, was seinem Tun und Leben
versagt war, wenigstens seinen Wünschen und müßigen Träumen für erlaubt
und schwelgte gerne in Vorstellungen eines anderen reicheren, schöneren
Lebens, soweit seine auf das Materielle gerichtete Phantasie dessen
fähig war.
Kaum hatte diesem Flickschuster sein Weib einen leidlich rüstigen
Knaben geboren, so übertrug er seine Schwärmereien auf dessen Zukunft,
und damit rückte dies alles, was bisher nur Gedankensünde und
Fabelvergnügen gewesen war, in ein bestimmtes Licht des Möglichen,
das bald zum Wahrscheinlichen und endlich zum Gewissen wurde. Denn
der junge Emil Kolb spürte diese väterlichen Wünsche und Träume schon
frühe als eine warme und treibende Luft um sich und gedieh darin wie
der Kürbis im Dünger, er nahm sich gleich in den ersten Schuljahren
vor, der Messias seiner armen Familie zu werden und später einmal
unerbittlich alles zu ernten, was nach seiner seltsamen Religion
das Glück ihm nach so langen Entbehrungen der Eltern und Vorfahren
schuldete. Emil Kolb fühlte den Mut in sich, einmal das Schicksal eines
Gewaltigen auf sich zu nehmen, eines Bürgermeisters oder Millionärs,
und wäre heute schon eine goldene Kutsche mit vier Schimmeln bei
seines Vaters Hause vorgefahren, so hätte keinerlei Schüchternheit
ihn abgehalten, sich hineinzusetzen und mit ruhigem Lächeln die
ehrerbietigen Grüße der Mitbürger einzustreichen.
Mag das Träumen und Ersehnen goldener Zukunftsfrüchte das beste Recht
aller Jugend sein und manchem tüchtigen Manne die Jahre schwerer
Erwartung tragen helfen -- jene Tüchtigen meinen es eben doch etwas
anders, als Emil es meinte, welchem nicht Verdienst und Können, Macht
des Wissens oder Macht der Kunst vorschwebte, sondern lediglich gut
Essen und Wohnen, schöne Kleider und feistes Wohlergehen. Schon früh
erschienen ihm die wenigen originellen Menschen, die er kennen lernte,
lächerlich und geradezu närrisch, daß sie es vorzogen, heimlichen
Idealen zu opfern und einen nutzlosen Ehrgeiz zu pflegen, statt ihre
guten Gaben einem glatten baren Lohne dienstbar zu machen. So zeigte
er auch für alle jene Fächer der Schulwissenschaft reichlichen Eifer,
die von den Dingen dieser Erde handeln, wogegen ihm die Beschäftigung
mit Geschichten und Sagen der Vorzeit, mit Gesang, Turnen und anderen
ähnlichen Dingen als ein reiner Zeitverderb erschien.
Eine besondere Hochachtung jedoch hatte der junge Streber vor
der Kunst der Sprache, worunter er aber nicht die Torheiten der
Dichter verstand, sondern die Pflege des Ausdruckes zugunsten realer
geschäftlicher Handlungen und Vorteile. Er las alle Dokumente
geschäftlicher oder rechtlicher Natur, von der einfachen Rechnung
oder Quittung bis zum öffentlichen Anschlag oder Zeitungsaufruf, mit
tiefem Verständnis und reiner Bewunderung. Denn er sah gar wohl, daß
die Sprache solcher Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der
Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine tolle Dichtung, geeignet
sei, Eindruck zu machen, Macht zu üben und über Unverständige Vorteile
zu erlangen. In seinen Schulaufsätzen strebte er diesen Vorbildern
beharrlich nach und brachte manche Blüte hervor, die einer kleineren
Kanzlei kaum unwürdig gewesen wäre. Und einen in seiner Sammlung
solcher Dokumente befindlichen Steckbrief, den er aus der Zeitung des
Vaters ausgeschnitten hatte, versah er in einer guten Stunde sogar
mit einer kleinen Korrektur, die ihm ein inniges Vergnügen bereitete.
Es hieß nämlich dort, nach der Beschreibung des Vermißten: »Wer etwas
über den Gesuchten weiß, möge sich beim unterzeichneten Notariatsamt
melden«. Dafür setzte Emil Kolb die Worte ein: »Personen, welche in der
Lage sein sollten, Auskünfte über den Gesuchten beizubringen -- --«.
Eben diese Vorliebe für den feinen Kanzleistil gab den Anlaß und
Ankergrund für Emil Kolbs einzige Freundschaft. Der Lehrer hatte seine
Klasse einst einen Aufsatz über den Frühling verfassen und mehrere
dieser Arbeiten von ihren Urhebern vorlesen lassen. Da tat mancher
zwölfjährige Schüler seine ersten scheuen Flüge in das Land der
schaffenden Phantasie, und frühe Bücherleser schmückten ihre Aufsätze
mit begeisterten Nachbildungen der Frühlingsschilderungen gangbarer
Dichter. Es war vom Amselruf und von Maifesten die Rede, und ein
besonders Belesener hatte sogar das Wort Philomele gebraucht. Alle
diese Schönheiten aber hatten den zuhörenden Emil nicht zu rühren
vermocht, er fand das alles blöd und töricht. Da kam, vom Lehrer
aufgerufen, der Sohn des Kannenwirts, Franz Remppis, an die Reihe,
seinen Aufsatz vorzulesen. Und gleich bei den ersten Worten »Es ist
nicht zu bestreiten, daß der Frühling immerhin eine sehr angenehme
Jahreszeit genannt zu werden verdient« -- gleich bei diesen Worten
merkte Kolb mit entzücktem Ohre den Klang einer ihm verwandten Seele,
lauschte scharf und beifällig und ließ sich kein Wort entgehen. Dies
war der Stil, in welchem das Wochenblatt seine Berichte aus Stadt
und Land abzufassen pflegte und den Emil selbst schon mit einiger
Sicherheit anzuwenden wußte.
Nach dem Schluß der Schule sprach Kolb dem Mitschüler seine Anerkennung
aus, und von der Stunde ab hatten die beiden Knaben das Gefühl,
einander zu verstehen und zu einander zu gehören. Da keiner von ihnen
je bereit gewesen wäre, ein Opfer zu bringen, verlangte es auch keiner
vom andern, vielmehr spürten sie, daß es gut sei, einander gelten und
bestehen zu lassen, um einmal einer am andern etwas zu haben und etwa
später größere Dinge gemeinsam unternehmen zu können.
Emil begann damit, daß er die Gründung einer gemeinschaftlichen
Sparkasse vorschlug. Er wußte die Vorteile des Zusammenlegens und der
gegenseitigen Ermunterung zur Sparsamkeit so beredt darzulegen, daß
Franz Remppis darauf einging und sich bereit erklärte, sein Erspartes
dieser Kasse anzuvertrauen. Doch war er klug genug, darauf zu bestehen,
daß das Geld solange in seinen Händen bleibe, bis auch der Freund eine
bare Einlage gemacht habe, und da es hierzu niemals kommen wollte,
versank der gute Plan, ohne daß Emil an ihn erinnert oder Franz ihm den
Versuch einer Überlistung übelgenommen hätte. Ohnehin fand Kolb sehr
bald einen Weg, seine kümmerlichen Umstände vorteilhaft mit den weit
bessern des Wirtssohnes zu verknüpfen, indem er seinem Kameraden gegen
kleine Geschenke und eßbare Gaben in manchen Schulfächern mit seinen
Fähigkeiten aushalf. Das dauerte bis zum Ende der Schulzeit, und gegen
das Versprechen eines Honorars von fünfzig Pfennigen lieferte Emil Kolb
dem Franz die mathematische Arbeit im Abgangsexamen, welches sie auf
diese Weise beide wohl bestanden. Emil hatte sogar so gute Zeugnisse
eingeheimst, daß sein Vater darauf schwor, an dem prächtigen Jungen
sei ein Gelehrter verloren gegangen. Allein an fernere Studien war
nicht zu denken. Doch gab sich der Vater Kolb jede Mühe und tat manchen
sauren Bittgang zu den wohlhabenden Verwandten, um seinem Sohne einen
besonderen Platz im Leben zu verschaffen und seine Hoffnungen auf eine
glänzende Zukunft nach Kräften zu fördern. Durch die Befürwortung
der Familie Dierlamm gelang es ihm, seinen Knaben als Lehrling im
Bankgeschäft der Brüder Dreiß unterzubringen. Damit schien ihm ein
bedeutender Schritt nach oben hin getan und eine Gewähr für die
Erfüllung weit kühnerer Träume gegeben.
Für junge Gerbersauer, die sich dem Kaufmannsberufe widmen wollten,
gab es keine rühmlichere und hoffnungsreichere Eröffnung dieser
Laufbahn als die Lehrlingschaft bei den Brüdern Dreiß. Deren Bank und
Warengeschäft war alt und hochangesehen, und die Herren hatten jedes
Jahr die Wahl unter den besten Schülern der obersten Klassen, deren
sie jährlich einen oder zwei als Lehrlinge in ihr Geschäft aufnahmen.
So hatten sie stets, da die Lehrzeit dreijährig war, zwischen vier und
sechs junger Leute in Lehre und Kost, welche zwar vom zweiten Lehrjahr
an die Kost, sonst aber für ihre Arbeit keine Entschädigung erhielten.
Dafür konnten sie dann den Lehrbrief des alten ehrwürdigen Hauses als
eine überall im Lande gültige Empfehlung ins Leben mitnehmen.
Dieses Jahr war Emil Kolb der einzige neu eintretende Lehrling und
wurde darum von manchem beneidet, der sich selbst auf diesen Ehrenplatz
gewünscht hatte. Er selbst fand hingegen die Ehre gering und recht
teuer bezahlt; denn als jüngster Lehrbub war er derjenige, an welchem
alle älteren, auch schon die vom vorigen Jahr, die Stiefel glaubten
abreiben zu müssen. Wo etwas im Hause zu tun war, das zu tun sich
jeder scheute und zu gut hielt, da rief man nach Emil, dessen Name
immerzu gleich einer Dienstbotenglocke durchs Haus erschallte, so
daß der junge Mensch nur selten Zeit fand, in einer Kellerecke hinter
den Erdölfässern oder auf dem Dachboden bei den leeren Kisten eine
kurze Weile seinen Träumen vom Glanz der Zukunft nachzuhängen. Es
entschädigte ihn für dies rauhe Leben nur die sichere Rechnung auf den
Glanz späterer Tage und die gute reichliche Kost des Hauses. Die Brüder
Dreiß, die mit ihrem Lehrlingswesen gute Geschäfte machten und sich
außerdem noch einen gut zahlenden Volontär hielten, pflegten an allem
zu sparen, nur am Essen für ihre Leute nicht. So konnte der junge Kolb
sich jeden Tag dreimal vollständig satt essen, was er mit Eifer tat,
und wenn er trotzdem in Bälde lernte, über die miserable Verpflegung
zu schimpfen, so war das nur eine zum Brauch der Lehrlinge gehörende
Übung, welcher er mit derselben Treue oblag, wie dem Stiefelwichsen am
Morgen und dem Rauchen gestohlener Zigaretten am Abend.
Ein Kummer war es ihm gewesen, daß er beim Eintritt in diese Vorhölle
seines Berufes sich von dem Freund hatte trennen müssen. Franz
Remppis wurde von seinem Vater in eine auswärtige Lehrstelle verdingt
und erschien eines Tages, um von Emil Abschied zu nehmen und ihm
seinen rotbraunen neuen Leinwandkoffer zu zeigen, auf dessen Ecken
aus Weißblech sein Name graviert war. Franzens Trost, daß sie beide
einander fleißig schreiben wollten, leuchtete dem armen Emil wenig ein;
denn er wußte nicht, woher er das Geld für die Briefmarken hätte nehmen
sollen.
Wirklich kam schon bald ein Brief aus Lächstetten, worin Remppis von
seinem Einstand am neuen Orte berichtete. Dieses Schreiben, das mit
großem Fleiß und Vergnügen aus vielen vortrefflichen Phrasen und
kaufmännischen Ausdrücken zusammengestellt war, regte Emil zu einer
langen, sorgfältigen Antwort an, mit deren Abfassung er mehrere Abende
hinbrachte, deren Absendung ihm jedoch fürs Erste nicht möglich war.
Endlich gelang es ihm doch, und er sah es vor sich selbst als eine
Entschuldigung und halbe Rechtfertigung an, daß sein erster Fehltritt
dem edlen Gefühle der Freundschaft entsprang. Er mußte nämlich einige
Briefe zur Post tragen und da es eben eilte, gab der Oberlehrling ihm
die Briefmarken dazu in die Hand, die er unterwegs aufkleben solle.
Diese Gelegenheit nahm Emil wahr. Er beklebte den Brief an Franz, den
er in der Brusttasche bei sich trug, mit einer der hübschen neuen
Briefmarken und steckte dafür einen von den Geschäftsbriefen ohne Marke
in den Postkasten.
Mit dieser Tat begab sich der junge Mensch unbewußt über eine Grenze,
die für ihn besonders gefährlich und lockend war. Wohl hatte er auch
zuvor schon je und je, gleich den anderen Lehrbuben, Kleinigkeiten zu
sich gesteckt, die seinen Herren angehörten, etwa ein paar gedörrte
Zwetschgen oder eine Zigarre. Allein diese Näschereien verübte ein
jeder mit ganz heilem Gewissen -- sie stellten eine flotte und
herrische Gebärde dar, womit der Täter vor sich selber prahlte und
seine Zugehörigkeit zum Hause und dessen Vorräten dartat. Hingegen war
mit dem Diebstahl der Briefmarke etwas anderes geschehen, etwas weit
Schwereres, ein heimlicher Raub an Geldeswert, den keine Gewohnheit
und kein Beispiel entschuldigen konnte. Es schlug denn auch dem jungen
Missetäter das Herz in geziemender Angst, und einige Tage lang war
er zu jeder Stunde darauf gefaßt, daß sein Vergehen entdeckt und
er zur Rechenschaft gezogen werde. Es ist selbst für leichtsinnige
Menschen und auch für solche, die schon im Vaterhaus genascht und
gediebelt haben, dennoch der erste richtige Diebstahl ein unheimliches
Erlebnis, und mancher trägt schwerer daran als an weit größeren Sünden.
Wenigstens zeigt die Erfahrung, daß häufig junge Gelegenheitsdiebe ihre
erste Untat nicht zu tragen vermögen und ohne äußere Nötigung sich
durch ein Geständnis erleichtern und für immer reinigen.
Dieses nun tat Emil Kolb nicht. Er litt einige Angst vor der möglichen
Entdeckung, und vermutlich brannte auch sein wenig feines Gewissen ein
wenig, aber als die Tage gingen und die Sonne weiter schien und die
Geschäfte ihren Gang dahinliefen, als wäre nichts geschehen und als
habe er nichts zu verantworten, da erschien ihm diese Möglichkeit, in
allem Frieden aus fremder Tasche Nutzen zu ziehen, als ein Ausweg aus
hundert Nöten, ja vielleicht als der ihm bestimmte Weg zum Glücke.
Denn da ihn die Arbeit und Geschäfte nur als ein mühsamer Umweg zum
Erwerb und Vergnügen zu freuen vermochten, da er stets wie alle Toren
nur das Ziel und nie den Weg bedachte, mußte die Erfahrung, daß man
unter Umständen sich ungestraft allerlei Vorteil erstehlen könne, ihn
gewaltig in Versuchung führen.
Und dieser Versuchung widerstand er nicht. Es gibt für ein Männlein
seines Alters hundert kleine schwer entbehrte Dinge, die vor seinen
Träumen wie begehrenswerte Früchte des Paradieses hängen und welchen
das Kind armer Eltern stets einen doppelten Wert beimißt. Sobald Emil
Kolb begonnen hatte, mit der Vorstellung weiteren unredlichen Erwerbs
zu spielen, sobald der Besitz eines Nickelstücks, ja einer Silbermünze
ihm keine Unmöglichkeit mehr, sondern jederzeit erreichbar schien,
richtete sich sein Verlangen lüstern auf viele kleine Sachen, an die
er zuvor kaum gedacht hatte. Da besaß sein Mitlehrling Färber ein
Taschenmesser mit einer Säge und einem Stahlrädchen zum Glasschneiden
daran, und obwohl das Sägen und Glasschneiden ihm durchaus kein
Bedürfnis war, wollte ihm doch der Besitz eines solchen Prachtstückes
von Messer überaus wünschenswert vorkommen. Und nicht übel wäre es
auch, am Sonntag eine solche blau und braun gefärbte Krawatte zu
tragen, wie sie jetzt bei den feineren Lehrjungen die Mode waren.
Sodann war es ärgerlich genug zu sehen, wie die vierzehnjährigen
Fabriklehrbuben am Feierabend schon zum Bier gingen, während ein
Kaufmannslehrling, schon um ein Jahr älter und an Stande so viel
höher als jene, jahraus, jahrein kein Wirtshaus von innen zu sehen
bekam. Und war es nicht ebenso mit den Mädchen? Sah man nicht manchen
halbwüchsigen Stricker oder Weber aus den Fabriken schon am Sonntag
freimütig mit den Kolleginnen verkehren oder gar Arm in Arm gehen? Und
ein junger Kaufmann sollte seine ganze drei- oder vierjährige Lehrzeit
erst abwarten müssen, ehe er imstande wäre, einem hübschen Mädel das
Karussellfahren zu bezahlen und eine Bretzel anzubieten?
Diesen Übelständen beschloß der junge Kolb ein Ende zu machen. Es
war weder sein Gaumen für die herbe Würze des Bieres noch sein Herz
und Auge für die Reize der Mädchen reif, aber er strebte selbst im
Vergnügen fremden Zielen nach und wünschte nichts, als so zu sein und
zu leben wie die angesehenen und flotten unter seinen Kollegen.
Bei aller Torheit war Emil aber gar nicht dumm. Er bedachte seine
Diebeslaufbahn nicht minder sorgfältig, als er zuvor seine erste
Berufswahl bedacht hatte, und es blieb seinem Nachdenken nicht
verborgen, daß auch dem besten Dieb stets ein Feind am Wege lauere.
Es durfte durchaus nicht geschehen, daß er je erwischt wurde, darum
wollte er lieber einige Mühe daran wenden und die Sache weitläufig
vorbereiten, als einem verfrühten Genusse zulieb den Hals wagen. So
überlegte und untersuchte er alle Wege zum verbotenen Gelde, die ihm
etwa offen standen, und fand am Ende, daß er sich bis zum nächsten
Jahre gedulden müsse. Er wußte nämlich, wenn er sein erstes Lehrjahr
tadelfrei abdiene, so würden die Herren ihm die sogenannte Portokasse
übertragen, welche stets der zweitjüngste Lehrling zu führen hatte. Um
also seine Herren im kommenden Jahre bequemer bestehlen zu können,
diente ihnen der Jüngling nun mit der größten Aufmerksamkeit. Er wäre
darüber beinahe seinem Entschlusse untreu und wieder ehrlich geworden;
denn der ältere von seinen Prinzipalen, der seinen beflissenen Eifer
bemerkte und mit dem armen Schustersöhnlein Mitleid hatte, gab ihm
gelegentlich einen Zehner oder wandte ihm solche Besorgungen zu, welche
ein Trinkgeld abzuwerfen versprachen. So war er häufig im Besitz
kleinen Geldes und brachte es dazu, noch mit ehrlich verdientem Gelde
sich eine von den braun und blau gescheckten Krawatten zu kaufen, womit
die Feinen unter seinen Kollegen sich am Sonntag schmückten.
Mit dieser Halsbinde angetan tat der junge Herr seinen ersten Schritt
in die Welt der Erwachsenen und feierte sein erstes Fest. Bisher hatte
er sich wohl des Sonntags manchmal den Kameraden angeschlossen, wenn
sie langsam und unentschlossen durch die sonnigen Gassen bummelten,
vorübergehenden Kollegen ein Witzwort nachriefen und recht heimatlos
und verstoßen sich umhertrieben, aus der farbigen Kinderwelt ohne Gnade
entlassen und in die würdige Welt der Männer noch nicht aufgenommen. Da
hatte Emil sehr wohl gefühlt, daß sie alle noch weit bis zu Glück und
Ehre hätten, und hatte nicht ohne bitteren Neid den jungen Fabriklern
nachgeschaut, die mit langen Zigarren im Munde und Mädchen am Arm der
Musik einer Ziehharmonika folgten.
Nun aber sollte auch er zum erstenmal seit der Schulzeit einen
festlichen Sonntag mitfeiern. Sein Freund Remppis hatte in
Lächstetten, wie es schien, mehr Glück gehabt als Emil daheim. Und
neulich hatte er einen Brief geschrieben, der den Freund Kolb zum Kauf
der feinen Halsbinde veranlaßt hatte.
Lieber, sehr geehrter Freund!
Im Besitz Deines Werten vom 12. _hujus_ bin in der angenehmen Lage,
Dich für kommenden Sonntag, 23. _hj._, zu kleiner Fidelität einzuladen.
Unser Verein jüngerer Angehöriger des Handelsstandes macht am Sonntag
seinen Jahresausflug und möchte nicht verfehlen, Dich dazu herzlich
einzuladen. Erwarte Dich bald nach Mittag, da erst noch bei meinem Chef
essen muß. Werde Sorge tragen, daß alles Deine Anerkennung findet,
und bitte, Dich sodann ganz als meinen Gast betrachten zu dürfen.
Selbstverständlich sind auch Damen eingeladen! Zusagendenfalls erbitte
Antwort wie sonst _poste restante_ Merkur 01137. Deinem Werten mit
Vergnügen entgegensehend empfiehlt sich mit Gruß Dein
Franz Remppis, Mitglied des V. j. A. d. H.
Sofort hatte Emil Kolb geantwortet:
Lieber, sehr geehrter Freund!
In umgehender Beantwortung Deines Geschätzten von gestern sage für
Deine gütige Einladung besten Dank und wird es mir ein Vergnügen
sein, derselben Folge zu leisten. Die Aussicht auf die Bekanntschaft
mit den werten Herren und Damen eures löblichen Vereins ist mir so
wertvoll wie schmeichelhaft und kann ich nicht umhin, Dich zu dem
regen gesellschaftlichen Leben von Lächstetten zu beglückwünschen.
Alles Weitere auf unser demnächstiges mündliches Zusammentreffen
verschiebend, verbleibe mit besten Grüßen Dein ergebener Freund
Emil Kolb.
_P. S._ In Eile erlaube mir noch speziellen Dank für die geschäftliche
Seite Deiner Einladung, von welcher dankbar Gebrauch machen werde, da
zurzeit leider meine Kasse größeren Ansprüchen nicht gewachsen sein
dürfte.
Dein treuer Obiger.
Nun war dieser Sonntag gekommen. Es war gegen Ende Juni und da seit
wenigen Tagen nach langem Regen heißes Sommerwetter eingetreten war,
sah man überall die Heuernte in vollem Gange. Emil hatte für den
ganzen Tag ohne Schwierigkeit Urlaub, jedoch kein Geld für die kleine
Eisenbahnfahrt nach Lächstetten erhalten. Darum machte er sich zeitig
am Vormittag auf den Weg und war bis zur verabredeten Stunde lange
genug unterwegs, um sich die bevorstehenden Freuden und Ehren in
reichlicher Fülle und Schönheit ausdenken zu können. Daneben tat er
an günstigen Orten auch den eben reifenden Kirschen Ehre an und kam
bequemlich zur rechten Zeit in Lächstetten an, das er noch nie gesehen
hatte. Nach den Schilderungen seines Freundes Remppis hatte er sich
diese Stadt in vollem Gegensatze zu dem schlechten, spießigen Gerbersau
als einen glänzenden, reichen Ort herrlichster Lebenslust vorgestellt
und war nun etwas enttäuscht, die Gassen, Plätze, Häuser und Brunnen
eher geringer und schmuckloser zu finden als in der Vaterstadt. Auch
das Geschäftshaus Johann Löhle, in welchem sein Freund die Geheimnisse
des Handels erlernen sollte, konnte sich mit dem stattlichen Hause
der Brüder Dreiß in Gerbersau nicht messen. Dies alles stimmte Emils
Erwartungen und Freudebereitschaft einigermaßen herab, doch stärkten
diese kritischen Wahrnehmungen seinen Mut und seine Hoffnung, er würde
neben der weltgewandteren und lebensfroheren Jugend dieser Stadt
bestehen können.
Eine Weile umstrich der Ankömmling das Handelshaus, ohne daß er den
Mut gefunden hätte, einzutreten und nach seinem Landsmann zu fragen.
Er ging hin und wieder, atmete den Duft der Fremde und Wanderschaft
und wagte nur hie und da schüchtern einen Liedanfang zu pfeifen, der
in früheren Zeiten als Signal zwischen Franz Remppis und ihm gegolten
hatte. Nach einiger Zeit erschien der Gesuchte denn auch in einem
hohen Mansardenfensterchen, winkte hinab und wies den Freund durch
Zeichen an, ihn nicht vor dem Hause, sondern unten am Marktplatz zu
erwarten. Leicht enttäuscht begab sich Emil hinweg und brachte seine
Wartezeit vor dem Schaufenster eines Eisenhändlers zu, wo er von neuem
feststellte, daß es hier am Orte weniger fein und modern aussehe und
zugehe als daheim in Gerbersau.
Nun aber kam Franz daher, und sogleich sank Emils Kritiklust zusammen,
da er den Schulfreund in einem ganz neuen Anzug mit einem steifen,
unmäßig hohen Hemdkragen und sogar mit Manschetten geschmückt sah.
»Servus!« rief der junge Remppis fröhlich. »Jetzt kann es also
losgehen. Hast du Zigarren?«
Und da Emil keine hatte, schob er ihm eine kleine Handvoll in die
Brusttasche.
»Schon recht, du bist ja mein Gast. Ums Haar hätte ich heut nicht
frei gekriegt, der Alte war verflucht scharf. Aber jetzt wollen wir
marschieren.«
So sehr das flotte Wesen Emil gefiel, so konnte er eine Enttäuschung
doch nicht verbergen. Er war zu einem Vereinsausfluge eingeladen, er
hatte Fahnen und vielleicht sogar Musik erwartet.
»Ja, wo ist denn euer Verein jüngerer Angehöriger des Handelsstandes?«
fragte er mißtrauisch.
»Der wird schon kommen. Wir können doch nicht unter den Fenstern der
Prinzipale ausrücken! Die gönnen einem so wie so kein Vergnügen. Nein,
wir treffen uns vor der Stadt beim alten Galgen.«
»So so. Beim Galgen?«
»Ja, so heißt es dort. Es ist ein Wirtshaus. Da sind wir ganz sicher,
daß keiner von den Alten hinkommt.«
Bald hatten sie den alten Galgen erreicht, ein kleines Gehölz und ein
altes schäbiges Wirtshäuschen, wo sie rasch eintraten, nachdem Franz
sich scharf umgesehen hatte, ob niemand ihn beobachte. Drinnen wurden
sie von sechs oder sieben anderen Lehrlingen empfangen, die alle
vor hohen Biergläsern saßen und Zigarren rauchten. Remppis stellte
seinen Landsmann den Kameraden vor, und Emil ward feierlich willkommen
geheißen.
»Sie gehören wohl alle zum Verein?« fragte er.
»Gewiß,« wurde ihm geantwortet. »Wir haben diesen Verein ins Leben
gerufen, um die Interessen unseres Standes zu fördern, vor allem aber
um unter uns die Geselligkeit zu pflegen. Wenn Sie einverstanden sind,
Herr Kolb, so wollen wir jetzt aufbrechen.«
Schüchtern fragte Emil seinen Freund nach den Damen, die doch
eingeladen seien, und erfuhr, daß man diese später im Walde zu treffen
hoffe.
Munter wanderten die jungen Leute in den glänzenden Sommertag hinein.
Es fiel Emil auf, mit welchem Eifer Franz sich seiner Vaterstadt
rühmte, die er in seinen Briefen beinahe verleugnet hatte.
»Ja, unser Gerbersau!« pries der Freund. »Nicht wahr, Emil, da geht es
anders zu als hierzuland! Und was es dort für schöne Mädchen gibt!«
Emil stimmte etwas befangen zu, wurde dann gesprächig und erzählte
freimütig, wie wenig groß und schön er Lächstetten im Vergleich mit
Gerbersau finde. Einige von den jungen Leuten, die schon in Gerbersau
gewesen waren, gaben ihm recht. Bald sprach ein jeder darauf los,
rühmte ein jeder seine Stadt und Herkunft, wie es da ein anderes
und flotteres Leben sei als in diesem verdammten Nest, und die paar
geborenen Lächstettener, die dabei waren, gaben ihnen recht und
schimpften auf die eigene Heimat. Sie alle waren voll unerlöster
Kindlichkeit und zielloser Freiheitsliebe, sie rauchten ihre Zigarren
und rückten an ihren hohen Stehkragen und taten so männlich und wild,
als sie konnten. Emil Kolb fand sich rasch in diesen Ton, den er
daheim wohl auch schon gehört und ein wenig geübt hatte, und wurde mit
allen gut Freund.
Eine halbe Stunde weiter draußen, am Eingang eines prächtigen
Föhrenwaldes, erwartete sie eine kleine Gesellschaft von vier
halbwüchsigen Mädchen in hellen Sonntagskleidern. Es waren Töchter
geringer Häuser, denen es an Beaufsichtigung fehlte und die zum Teil
schon als Schulmädel mit Schülern oder Lehrbuben zärtliche Verhältnisse
unterhielten. Sie wurden dem Emil Kolb als Fräulein Berta, Luise, Emma
und Agnes vorgestellt. Zwei von ihnen hatten schon feste Verhältnisse
und hängten sich sofort an ihre Verehrer, die beiden anderen gingen
lose nebenher und gaben sich Mühe, die ganze Gesellschaft zu
unterhalten. Es war nämlich nach dem Hinzutritt der Damen die frühere
lärmende Gesprächigkeit der Jünglinge plötzlich erkaltet und an deren
Stelle eine verlegen schweigsame Liebenswürdigkeit getreten, in deren
Bann auch Franz und Emil fielen. Alle diese jungen Leute waren noch
durchaus Kinder, und ihnen allen fiel es weit leichter, die Manieren
von Männern nachzuahmen, als sich ihrem eigenen Alter und Wesen gemäß
zu benehmen. Sie alle wären im Grunde lieber ohne Mädchen gewesen oder
hätten doch mit diesen wie mit ihresgleichen geschwatzt und gescherzt,
aber das schien nicht anzugehen, und da sie alle wohl wußten, daß die
Mädchen ohne Erlaubnis ihrer Eltern und unter Gefahren für ihren Ruf
diese Wege gingen, suchte ein jeder von diesen jungen Handelsleuten
das nachzuahmen, was er sich nach Hörensagen und Lektüre unter einem
feinen geselligen Wesen vorstellte. Die Mädchen waren überlegen und
gaben den Ton an, der auf eine empfindsame Schwärmerei gestimmt war,
und sie alle, die nach Verlust der Kindesunschuld doch der Liebe noch
nicht fähig waren, bewegten sich recht ängstlich und befangen in einer
phantastisch verlogenen Sphäre zierlicher Sentimentalität.
Emil genoß als Fremder besondere Aufmerksamkeit, und das Fräulein Emma
verstrickte ihn bald in ein schönes Gespräch über den Reiz sommerlicher
Waldausflüge, das später in eine Unterhaltung über Emils Herkunft
und Lebensumstände überging und wobei Emil sich nicht übel bewährte,
da er nur Fragen zu beantworten hatte. Bald wußte das Mädchen alles
Wissenswerte über den jungen Mann, den sie sich zum Kavalier für
diesen Tag erlesen hatte; nur war freilich des Jünglings Auskunft über
sich und sein Leben mehr ein Notbehelf und poetischer Zeitvertreib
als eine Mitteilung realer Dinge. Denn wenn Fräulein Emma nach dem
Stande seines Vaters fragte, schien ihm das Wort Flickschuster gar zu
schroff und häßlich und er umschrieb die Sache, indem er erklärte, sein
Papa habe ein Schuhgeschäft. Alsbald sah des Fräuleins Phantasie ein
glänzendes Schaufenster voll schwarzer und farbiger Schuhwaren, dem ein
solcher Duft von Eleganz und geschmackvoller Wohlhabenheit entstieg,
daß ihre weiteren Fragen immer schon einen guten Teil solchen Glanzes
als vorhanden voraussetzten und den Schusterssohn unvermerkt zu immer
kräftigeren Beschönigungen der Wirklichkeit nötigten. Es entstand aus
Fragen und Antworten eine hübsche, angenehme Legende. Nach derselben
war Emil der etwas streng gehaltene, doch geliebte Sohn nicht eben
reicher, doch wohlhabender Eltern, den seine Neigung und Begabung früh
von den Schulstudien zum Handel hingeführt hatte. Er erlernte als
Volontär, welches Wort auf Rechnung der Emma kam, in einem mächtigen
alten Handelshause die Obliegenheiten seines künftigen Berufes und
war heute, durch das herrliche Wetter verlockt, herübergekommen, um
seinen Schulfreund Franz zu besuchen. Was die Zukunft betraf, so konnte
Emil ohne Gefahr und Gewissensbedrängnis die Farben verschwenden,
und je weniger von Wirklichkeit, Gegenwart und Arbeit, je mehr von
Zukunft, Genuß und Hoffnungen die Rede war, desto mehr kam er ins
Feuer und desto besser gefiel er dem Fräulein Emma. Diese hatte von
ihrer Abstammung nichts und von ihren übrigen Verhältnissen nur soviel
erzählt, daß sie als zartfühlende Tochter einer wenig begüterten und
leider auch etwas herrischen, ja groben Witwe manches zu leiden habe,
das sie jedoch kraft eines tapferen Herzens ohne Murren zu ertragen
wisse.
Auf den jungen Kolb machten sowohl diese moralischen Eigenschaften
wie auch das Äußere des Fräuleins einen starken Eindruck. Vielleicht
und vermutlich hätte er sich in irgendeine andere, sofern sie nicht
gerade häßlich war, ebenso verliebt. Es war das erstemal, daß er so mit
einem Mädchen ging, daß ein Mädchen solches Interesse für ihn zeigte
und daß er allen Ernstes ein Gebiet betrat, für das er in der Stille
sich selber noch zu jung erschien. Desto feierlicher lauschte er den
Erzählungen der Emma und gab sich Mühe, keine Höflichkeit zu versäumen.
Es blieb ihm nicht verborgen, daß sein Auftreten und sein Erfolg bei
Emma ihm Ansehen verlieh und daß es namentlich dem Franz imponierte.
So war der erhoffte Vereinsausflug mit Fahnen, Musik und lärmender
Lustbarkeit für den Gerbersauer Gast ein stilles Erlebnis und
jedenfalls etwas nicht minder Schönes geworden. Es geschahen zwischen
ihm und seinem schönen Fräulein keine Liebeserklärungen und keine
Zärtlichkeiten, vor dem Küssen hätte es ihm auch noch gegraut, aber es
entstand doch Emils erste Vertrautheit mit einem Mädchen, er war zum
erstenmal verliebt und zum erstenmal Kavalier, und beides gefiel ihm
nicht wenig.
Da man der Damen wegen nicht wagte, in einer Herberge einzukehren,
wurden in der Nähe eines Dorfes zwei von den Jünglingen auf Proviant
ausgeschickt. Sie kehrten mit Brot und Käse, Bierflaschen und Gläsern
wieder, und es ergab sich ein heiteres Gelage im Grünen, wobei die
Mädchen das Brotschneiden und Einschenken übernahmen und mit ihren
hellen Sommerkleidern froh und festlich aussahen. Emil, der den ganzen
Tag auf den Beinen und ohne Mittagbrot gewesen war, griff nun mit
eifrigem Hunger zu den guten Sachen und war der fröhlichste von allen.
Doch mußte er bei diesem ersten Fest seines Mannesalters die bittere
Erfahrung machen, daß nicht alles Wohlschmeckende auch wohltut und daß
seine Kräfte im Schlürfen männlicher Genüsse noch die eines Kindes
waren. Er erlag mit Schmach dem dritten oder vierten Glase Bier und
mußte den Heimweg nach Lächstetten als Nachzügler unter des Freundes
Obhut in Schmerzen und Reue zurücklegen.
Wehmütig nahm er am Abend von dem Freunde Abschied und trug ihm Grüße
an die Kameraden und an die lieben Fräulein auf, die er nicht mehr zu
Gesicht bekommen hatte. Großmütig hatte ihm Franz Remppis ein Billet
für die Eisenbahn geschenkt, und während er im Fahren durchs Fenster
die schöne sommerliche Landschaft abendlich werden und festlich
verglühen sah, empfand er alle Ernüchterung der Rückkehr zu Arbeit und
Entbehrung voraus und hätte nichts dagegen gehabt, wenn es angegangen
wäre, diesen Tag wieder auszustreichen und zu den ungelebten zu legen.
Dennoch konnte er, ohne zu lügen, nach vier Tagen seinem Freunde
schreiben:
»Lieber Freund!
In Anbetracht des verflossenen Sonntags möchte nicht unterlassen,
Dir nochmals meinen Dank auszusprechen. Zu meinem lebhaften Bedauern
ist mir unterwegs jenes Versehen passiert und hoffe ich sehr, es
möchte Dir und den Herren und Damen den schönen Festtag nicht gestört
haben. Namentlich wäre Dir äußerst verpflichtet, wenn Du die Güte
haben wolltest, dem Fräulein Emma einen Gruß von mir und meine Bitte
um Entschuldigung für jenes Unglück zu bestellen. Zugleich wäre ich
sehr gespannt, Deine Ansicht über Fräulein Emma erfahren zu dürfen,
da ich nicht verhehlen kann, daß eben diese mir völlig zugesagt und
ich eventuell nicht abgeneigt wäre, bei späterem Anlaß an selbe mit
ernsteren Anträgen heranzutreten. Diesbezüglich Deine strengste
Diskretion erbittend und voraussetzend verbleibe mit besten Grüßen in
freundschaftlicher Ergebenheit Dein Emil Kolb.«
Franz gab hierauf nie eine richtige Antwort. Er ließ wissen, daß
der Gruß ausgerichtet sei und daß die Herren vom Verein sich freuen
würden, Emil bald einmal wieder bei sich zu sehen. Der Sommer ging
hin, und die Freunde sahen sich in Monaten nur ein einziges Mal,
bei einer Zusammenkunft in dem Dorfe Walzenbach, das in der Mitte
zwischen Lächstetten und Gerbersau lag und wohin Emil den Schulfreund
bestellt hatte. Es kam jedoch keine richtige Wiedersehensfreude auf,
denn Emil hatte keinen anderen Gedanken, als etwas über das Fräulein
Emma zu erfahren, und Franz wußte seinen Fragen nach ihr immer wieder
hartnäckig auszuweichen. Er hatte nämlich seit jenem Sonntage selbst
seine Blicke auf diese Jungfer gerichtet und seinen Freund bei ihr
auszustechen versucht. Unschönerweise hatte er damit begonnen, daß
er dessen Legende zerstört und seine geringe Herkunft ohne Schonung
dargetan hatte. Zum Teil wegen dieses Verrates am Freunde, noch mehr
aber wegen einer sogenannten Hasenscharte, welche Franz am Munde hatte
und die der Emma mißfiel, wies sie ihn sehr kühl ab, wovon Emil jedoch
nichts erfuhr. Und nun saßen die alten Freunde einander unoffen und
enttäuscht gegenüber und waren beim Auseinandergehen am Abend nur
darin einig, daß keiner von beiden eine baldige Wiederholung dieser
Zusammenkunft für notwendig hielt.
Im Geschäft der Brüder Dreiß hatte sich Emil indessen zwar nicht eben
beliebt, wohl aber nützlich gemacht und soviel Vertrauen erworben,
daß im Herbst, nach dem Avancement des ältesten Lehrlings und dem
Eintritt eines neuen, die Prinzipale keinen Grund fanden, von einer
alten Gewohnheit abzugehen, und dem Jüngling die sogenannte Portokasse
übergaben. Es wurde ihm ein Stehpult angewiesen und zugleich Büchlein
und Kasse übergeben, ein flaches Kästlein aus grünem Drahtgeflechte,
worin oben die Bogen mit Briefmarken, unten aber das bare Geld geordnet
lagen.
Der Jüngling, am Ziele langer Wünsche und Pläne angelangt, verwaltete
in der ersten Zeit die paar Taler seiner Kasse mit äußerster
Gewissenhaftigkeit. Seit Monaten mit dem Gedanken vertraut, aus dieser
Quelle zu schöpfen, nahm er nun doch keinen Pfennig an sich. Diese
Ehrlichkeit wurzelte nur zum Teil in der Furcht und in der klugen
Voraussetzung, man werde seine Führung in dieser ersten Zeit besonders
genau beobachten. Vielmehr war es ein Gefühl von Feierlichkeit und
innerer Befriedigung, das ihn gut machte und vom Bösen abhielt.
Emil sah sich, im Besitz eines eigenen Stehpultes im Kontor und als
Verwalter baren Geldes, in die Reihe der Erwachsenen und Geachteten
emporgerückt; er genoß diese Stellung mit Andacht und sah auf
den soeben neu eingetretenen jüngsten Lehrling mit großem Mitleid
hernieder. Diese gütige und weiche Stimmung hielt ihn gefangen.
Allein wie den schwachen Burschen eine Stimmung vom Bösen abzuhalten
vermochte, so genügte auch eine Stimmung, ihn an seine üblen Vorsätze
zu erinnern und diese zur Ausführung zu bringen.
Es begann, wie alle Sünden junger Geschäftsleute, an einem Montage.
Dieser Tag, an welchem nach kurzer Sonntagsfreiheit und mancher
Lustbarkeit die Nebel des Dienstes, des Gehorchenmüssens und der
Arbeit sich wieder für so lange Tage senken, ist auch für fleißige und
tüchtige junge Menschen eine Prüfung, zumal wenn auch die Vorgesetzten
den Sonntag der Lust geweiht und alle gute Laune einer Woche im voraus
verbraucht haben.
Es war ein Montag zu Anfang des November. Die beiden älteren Lehrlinge
waren tags zuvor samt dem Herrn Volontär in der Vorstellung einer
durchreisenden Theatertruppe gewesen und hatten nun, durch das
gemeinsame seltne Erlebnis heimlich verbunden, viel untereinander
zu flüstern. Der Volontär, ein junger Lebemann aus der Hauptstadt,
ahmte an seinem Stehpult Grimassen und Gebärden eines Komikers nach
und weckte die Erinnerung an gestrige Genüsse jeden Augenblick von
neuem. Emil, der den regnerischen Sonntag zu Hause mit Lesen und
kaufmännischen Stilübungen hingebracht hatte, horchte mit Neid und
Ärger hinüber. Der jüngere Chef hatte ihn am frühen Morgen schon in
bitterer Montagslaune angebrummt, allein und ausgeschlossen stand er
an seinem Platz, während die anderen ans Theater dachten und ihn ohne
Zweifel bemitleideten.
Traurig und erbittert durchlas er einen Brief seines Prinzipals, den
er abschicken sollte und aus dem er zuvor noch Stilistisches zu lernen
hoffte. Es war ein Brief an einen großen Lieferanten und begann »Sehr
geehrter Herr! Ihre geschätzte Faktura noch immer vergebens erwartend,
bitte nun endlich, Berechnung über die am 11. Vorigen erhaltenen Waren
einzusenden.« Es war nichts Neues, enttäuscht legte der Lehrling den
Brief zu den anderen. In diesem Augenblick erschallte draußen auf dem
Marktplatz ein fröhlich schmetternder Trompetenstoß, der sich zweimal
wiederholte. Das Signal, seit einigen Tagen der ganzen Stadt vertraut,
kündete den Ausrufer der Schauspielerfamilie an, der auch sogleich
auf dem Platz erschien, sich auf die Vortreppe des Rathauses schwang
und mit rollender Stimme verkündete: »Meine Herrschaften! Damen und
Herren! Es findet heute Abend acht Uhr im Saale des Hotels zum grauen
Hecht die unwiderruflich letzte Vorstellung der bekannten Truppe Elvira
statt. Zur Aufführung gelangt das berühmte Stück »Der Graf von Felsheim
oder Vaterfluch und Brudermord«. Zu dieser unwiderruflich allerletzten
Hauptgalavorstellung wird Alt und Jung hiermit ergebenst eingeladen.
Trara! Trara! Am Schlusse findet eine Verlosung wertvoller Gegenstände
statt! Jeder Inhaber einer Karte zum ersten und zweiten Rang erhält
vollständig gratis ein Los. Trara! Trara! Letztes Auftreten
der berühmten Truppe! Letztes Auftreten auf Wunsch zahlreicher
Kunstfreunde! Heute Abend halb acht Uhr Kassenöffnung!«
Dieser Lockruf mitten in der Trübe des nüchternen Montagmorgens
traf den einsamen Lehrling ins Herz. Die Gebärden und Gesichter des
Volontärs, das Tuscheln der Kollegen, bunte, wirre Vorstellungen von
unerhörtem Glanz und Genuß flossen zu dem glühenden Verlangen zusammen,
endlich auch einmal dies alles zu sehen und zu genießen, und das
Verlangen ward alsbald zum Vorsatz, denn die Mittel waren ja in seiner
Hand.
An diesem Tage schrieb Emil Kolb zum erstenmal falsche Zahlen in sein
kleines sauberes Kassabüchlein und nahm einige Nickelstücke von dem ihm
Anvertrauten weg. Aber obwohl dies schlimmer war als vor Monaten jener
Diebstahl einer Briefmarke, blieb doch diesmal sein Herz ruhig. Er
hatte sich seit langem an den Gedanken dieser Tat gewöhnt, er fürchtete
keine Entdeckung, ja er fühlte einen leisen Triumph, als er sich abends
vom Prinzipal verabschiedete. Da ging er nun hinweg, das Geld des
Mannes in seiner Tasche, und er würde es noch oft so machen, und der
dumme Kerl würde nichts merken.
Das Theater machte ihn sehr glücklich. In großen Städten, hatte er
sagen hören, gab es noch weit größere und glänzendere Theater, und da
gab es Leute, die jeden lieben Abend hineingingen, immer auf die besten
Plätze. So wollte er es auch einmal haben. War ihm auch der Sinn des
Theaterspielens dunkel, so amüsierten ihn doch die farbigen Figuren
und Bilder der Bühne, außerdem war es nobel und gab Ansehen, wenn einer
so im Parkett sitzen und sich von den Lustigmachern für sein Geld was
vorspielen lassen konnte.
Von da an hatte die Portokasse des Hauses Dreiß ein unsichtbares Loch,
durch welches in aller Stille immerzu ein kleiner dünner Geldfluß
entwich und dem Lehrling Kolb gute Tage machte. Das Theater freilich
zog hinweg in andere Städte, und ähnliches kam sobald nicht wieder.
Aber da war bald eine Kirchweih in Hängstett, bald auf dem Brühel ein
Karussell, und außer dem Fahrgeld und Bier oder Kuchen war meistens
dazu auch ein neuer Hemdkragen oder Schlips unentbehrlich, oder beides.
Ganz allmählich wurde der arme junge Mensch zu einem verwöhnten Manne,
der sich überlegt, wo er am kommenden Sonntag vergnügt sein will, und
der aufs Geld nicht zu sehen braucht. Er hatte bald gelernt, daß es
beim Vergnügen auf anderes ankommt als aufs Notwendige, und tat mit
Genuß Dinge, die er früher für Sünde und Dummheit gehalten hätte. Beim
Bier schrieb er an die jungen Herren in Lächstetten Ansichtskarten,
und nicht die billigsten, sondern stets von den lackierten farbigen
mit den tiefblauen Himmeln und brandroten Dächern, auf denen jede
Gegend schöner aussah, als am schönsten Sommertage. Und wo er sonst ein
trockenes Brot verzehrt hatte, fragte er nun nach Wurst oder Käse dazu,
er lernte in Wirtschaften herrisch nach Senf und Zündhölzern verlangen
und den Zigarettenrauch durch die Nase blasen.
Immerhin mußte er in solchem Verbrauch seines Wohlstandes vorsichtig
sein und durfte nicht immer auftreten, wie es ihm gerade Spaß gemacht
hätte. Die paar ersten Male spürte er auch vor dem Monatsende und
der Kontrolle seiner Kasse ziemliches Bangen. Aber stets ging alles
gut, und nirgends fand sich eine Nötigung, den begonnenen Unfug
einzustellen. So wurde Kolb, wie jeder Gewohnheitsdieb, trotz aller
Vorsicht am Ende sicher und blind.
Und eines Tages, da er wieder das Portogeld für sieben Briefe statt für
vier aufgeschrieben hatte und da sein Herr ihm den falschen Eintrag
vorhielt, blieb er frech dabei, es müßten sieben Briefe gewesen sein.
Und da der Herr Dreiß sich dabei zu beruhigen schien, ging Emil
friedlich seiner Wege. Am Abend aber setzte sich der Herr, ohne daß
der Schelm davon wußte, hinter sein Büchlein und studierte es sorgsam
durch. Denn es war ihm nicht nur der größere Portoverbrauch in letzter
Zeit aufgefallen, sondern es hatte ihm heute ein Gastwirt aus der
Vorstadt erzählt, der junge Kolb komme neuerdings am Sonntag öfter zu
ihm und scheine mehr für Bier auszugeben, als der Vater ihm dafür geben
könne. Und nun hatte der Kaufherr geringe Mühe, das Übel zu übersehen
und die Ursache mancher Veränderung im Wesen und Treiben seines jungen
Kassiers zu erkennen.
Da der ältere Bruder Dreiß gerade auf Reisen war, ließ der jüngere
der Sache zunächst ihren Lauf, indem er nur täglich in der Stille die
kleinen Unterschlagungen betrachtete und notierte. Er sah, daß sein
Verdacht dem jungen Manne nicht Unrecht getan hatte, und wunderte sich
ärgerlich über die Ruhe und geschickte Sachlichkeit, mit der ihn der
Bursche eine so lange Zeit hintergangen und bestohlen hatte.
Der Bruder kehrte zurück, und am folgenden Morgen beriefen die beiden
Herren den Sünder in ihr Privatkontor. Da versagte denn doch die
erworbene Sicherheit des Gewissens; kaum hatte Emil Kolb die beiden
ernsten Gesichter der Prinzipale und in des einen Händen sein schmales
Kassenbüchlein erblickt, so wurde er weiß im Gesicht und verlor den
Atem.
Hier begannen Emils schlimme Tage. Als würde ein schmucker Marktplatz
durchsichtig, oder eine nette helle Gasse, und man sähe unterm Boden
Kanäle, Kloaken und trübe Wasser rinnen, von Gewürm bevölkert und übel
riechend, so lag der unreine Grund dieses scheinbar harmlosen jungen
Lebens häßlich aufgedeckt vor seinen und seiner Herren Augen da. Das
Schlimmste, was er je gefürchtet, war hereingebrochen, und es war
übler, als er gedacht hätte. Alles Saubere, Ehrliche, das bisher in
seinem Leben gewesen war, versank und war weg, sein Fleiß und Gehorsam
war nicht gewesen, es blieb von einem fleißigen Leben zweier Jahre
nichts übrig als die Schmach seines Vergehens.
Emil Kolb, der bis dahin einfach ein kleiner Schelm und bescheidener
Hausdieb gewesen war, wurde nun zu dem, was die Zeitungen ein Opfer der
Gesellschaft nennen.
Denn die beiden Brüder Dreiß waren nicht darauf eingerichtet, in ihren
vielen Lehrbuben junge Menschen mit jungen wartenden Schicksalen zu
sehen, sondern nur eben Arbeiter, deren Unterhalt wenig kostete und
die für Jahre eines nicht leichten Dienstes noch dankbar sein mußten.
Sie konnten nicht sehen, daß hier ein verwahrlostes junges Leben an
der Wende stand, wo es ins Dunkel hinabgeht, wenn nicht ein guter und
williger Mensch zu helfen bereit ist. Einem jungen Diebe zu helfen wäre
ihnen im Gegenteil als Sünde und Torheit erschienen. Sie hatten einem
Buben aus armem Hause Vertrauen geschenkt und ihr Haus geöffnet, nun
hatte dieser Mensch sie hintergangen und ihr Vertrauen mißbraucht --
das war eine klare Sache. Die Herren Dreiß waren sogar edel und kamen
überein, den armen Kerl nicht der Polizei zu übergeben, und doch wäre
dies das Beste gewesen, wenn sie doch einmal selbst die Hand von dem
Entgleisten abziehen wollten. Sie entließen ihn vielmehr, ausgescholten
und zerschmettert, und trugen ihm auf, er möge zu seinem Vater gehen
und ihm selber sagen, weshalb man ihn in einem anständigen Handelshause
nicht mehr brauchen könne.
Daraus darf jedoch den Brüdern Dreiß kein Vorwurf gemacht werden. Sie
waren ehrenwerte Männer und auf ihre Art wohlmeinend, sie waren nur
gewohnt, in allem Geschehenden »Fälle« zu sehen, auf welche sie je
nachdem eine der Regeln bürgerlichen Tuns anwenden mußten. So war auch
Emil Kolb für sie nicht ein gefährdeter und untersinkender Mensch,
sondern ein bedauerlicher Fall, welchen sie nach allen Regeln ohne
Härte erledigten.
Sie waren sogar über das notwendige Maß pflichtbewußt und gingen am
folgenden Tage selber zu Emils Vater, um mit ihm zu reden, die Sache
zu erzählen und etwa mit einem Rate zu dienen. Aber der Vater Kolb
wußte noch gar nichts von dem Unglück. Sein Sohn war gestern nicht nach
Hause gekommen, er war davongelaufen und hatte die Nacht im Freien
hingebracht. Zur Stunde, da seine Prinzipale ihn beim Vater suchten,
stand er frierend und hungrig überm Tale am Waldrand und hatte sich, im
Selbsterhaltungsdrang gegen die Versuchung freiwilligen Untergangs, so
hart und trotzig gemacht, wie es dem schwachen Jungen sonst in Jahren
nicht möglich gewesen wäre.
Sein erster Wunsch und Gedanke war gewesen, sich nur zu flüchten,
sich zu verbergen und die Augen zu schließen, da er die Schande wie
einen großen giftigen Schatten über sich fühlte. Erst allmählich,
da er einsah, er müsse zurückkehren und irgendwie das Leben weiter
führen, hatte sein Lebenswille sich zu Trotz verhärtet und er hatte
sich vorgenommen, den Brüdern Dreiß das Haus anzuzünden. Indessen war
auch diese Rachelust vergangen. Emil sah ein, wie sehr er sich den
weiteren Weg zu jedem Glück erschwert habe, und kam am Ende mit seinen
Gedanken zu dem Schlusse, es sei ihm nun doch jeder lichte Pfad verbaut
und er müsse nun erst recht und mit verdoppelten Kräften den Weg des
Bösen gehen, um doch noch auf seine Weise Recht zu behalten und das
Schicksal zu zwingen.
Der entsetzte kleine Flüchtling von gestern kehrte nach einer
verwachten und durchfrornen Nacht als ein junger Bösewicht nach der
Heimat zurück, auf Schmach und üble Behandlung gefaßt und zu Krieg und
Widerstand gegen die Gesetze dieser schnöden Welt gewillt.
Nun wieder wäre es an seinem Vater gewesen, ihn ohne Umgehung der
Prügelstrafe in eine ernsthafte Kur zu nehmen und den geschwächten
Willen nicht vollends zu brechen, sondern langsam wieder zu erheben
und zum Guten zu wenden. Das war indessen mehr, als der Schuster Kolb
vermochte. So wenig wie sein Sohn vermochte dieser Mann das Gesetz
des Zusammenhanges von Ursache und Wirkung zu erkennen oder doch zu
fühlen. Statt die Entgleisung seines Sprößlings als eine Folge seiner
schlechten Erziehung zu nehmen und den Versuch einer Besserung an
sich und dem Kinde zu beginnen, tat Herr Kolb so, als sei von seiner
Seite her alles in Ordnung und als habe er allen Grund gehabt, von
seinem Söhnlein nur Gutes zu erwarten. Freilich, Vater Kolb hatte nie
gestohlen, doch war in seinem Hause der Geist nie gewesen, der allein
in den Seelen der Kinder das Gewissen wecken und der Lust zur Entartung
trotzen kann.
Der zornige, gekränkte Mann empfing den heimkehrenden Sünder wie ein
Höllenwächter bellend und fauchend, er rühmte ohne Grund den guten
Ruf seines Hauses, ja er rühmte seine redliche Armut, die er sonst
hundertmal verwünscht hatte, und lud alles Elend, alle Last und
Enttäuschung seines Lebens auf den halbwüchsigen Sohn, der sein Haus
in Schande gebracht und seinen Namen in den Schmutz gezogen habe.
Alle diese Ausdrücke kamen nicht aus seinem erschrockenen und völlig
ratlosen Herzen, sondern aus Erinnerung, er befolgte damit eine Regel
und erledigte einen Fall, ähnlich und trauriger, als es die Dreiß getan
hatten.
Emil stand ruhig und ließ den Strom verrinnen, er hielt den Kopf
gesenkt und schwieg, er fühlte sich elend, aber beinahe doch dem
ohnmächtig wetternden Alten überlegen. Alles was der Vater von der
ehrlichen Armut vom besudelten Namen und vom Zuchthause schrie, kam ihm
nichtig vor; wenn er irgendeine andere Unterkunft in der Welt gewußt
hätte, wäre er ohne Antwort hinweggegangen. Er war in der überlegenen
Lage dessen, dem alles einerlei ist, weil er soeben von dem bitteren
Wasser der Verzweiflung und des Grauens getrunken hat. Dagegen verstand
er die Mutter wohl, die hinten am Tische saß und stille weinte. Er
fühlte, daß sie in dieser Stunde etwas von dem kosten mußte, woran
er selber diese Nacht gewürgt hatte, aber er fand keinen Weg zu ihr,
der er am wehesten getan hatte und von der er doch am ehesten Mitleid
erwartete.
Das Haus Kolb war nicht in der Lage oder nicht willens, einen nahezu
erwachsenen Sohn unbeschäftigt herumsitzen zu haben.
Der Meister Kolb, als er sich vom ersten Schrecken aufgerafft hatte,
hatte zwar noch alles versucht, dem Schlingel trotz allem eine feinere
Zukunft zu ermöglichen. Aber ein Lehrling, den die Brüder Dreiß, wenn
auch aus unbekannten Ursachen, plötzlich weggejagt hatten, fand in
Gerbersau keinen Boden mehr. Nicht einmal der Schreinermeister Kiderle,
der doch im Blatt einen Lehrbuben bei freier Kost gesucht hatte, konnte
sich entschließen, den Emil aufzunehmen. Ein Schneider freilich war
noch da, der hätte ihn genommen, aber dagegen sträubte sich Emil selbst
so wild und verzweifelt, daß man ihn gewähren lassen mußte.
Schließlich, als eine Woche nutzlos verstrichen war, sagte der Vater:
»Ja, wenn alles nicht hilft, mußt du halt in die Fabrik!«
Er war auf Klagen und Widerstand gefaßt, aber Emil sagte ganz
zufrieden: »Mir ist's recht. Aber den Hiesigen mach' ich die Freude
nicht, daß sie mich in die Fabrik gehen sehen.«
Daraufhin fuhr Herr Kolb mit seinem Sohne nach Lächstetten hinüber.
Da sprach er beim Fabrikanten Erler vor, der tannene Faßspunden
herstellte, fand aber kein Gehör, und dann beim Walkmüller, der
ebenfalls eilig dankte, und ging schließlich verzweifelnd, nur weil vor
dem Abgang des Zuges noch eine halbe Stunde Zeit übrig war, auch noch
in die Spindlersche Maschinenstrickerei, wo er im Werkführer zu seiner
Überraschung einen Bekannten fand, der sich für ihn verwendete. So ließ
man den Zug fahren und wartete auf den Fabrikanten, der nach wenig
Worten den jungen Menschen auf Probe zu nehmen einwilligte.
Nach der Art gedankenloser Leute war Vater Kolb froh, als am folgenden
Montag sein mißratener Sohn das Haus verließ, um sein Fabriklerleben
in Lächstetten zu beginnen. Auch dem Sohne war es wohl, daß er aus den
Augen der Eltern kam. Er nahm Abschied, als wäre es für wenige Tage,
und hatte doch fest im Sinne, sich daheim nimmer oder doch lange Zeit
nicht mehr zu zeigen.
Der Eintritt in die Fabrik fiel ihm trotz aller desperaten Vorsätze
doch nicht leicht. Wer einmal gewohnt war, wenn auch nur als geringstes
Glied, zu den geachteten Ständen zu gehören und über den Pöbel die Nase
zu rümpfen, dem ist es ein saurer Bissen, wenn er einmal selber den
guten Rock ausziehen und zu den Verachteten zählen soll.
Dazu kam, daß Emil bei dem Wegzug nach Lächstetten sich darauf
verlassen hatte, daß er dort an seinem Freunde Remppis einen guten
Halt finden werde. Darin hatte der schlaue Jüngling sich indessen
verrechnet. Er hatte nicht gewagt, seinen Freund im stolzen Hause des
Prinzipals aufzusuchen, begegnete ihm aber gleich am zweiten Abend auf
der Gasse. Erfreut trat er auf ihn zu und rief ihn bei Namen.
»Grüß Gott, Franz, das freut mich aber! Denk, ich bin jetzt auch in
Lächstetten!«
Der Freund aber machte gar kein frohes Gesicht. »Ich weiß schon,« sagte
er sehr kühl, »man hat es mir geschrieben.«
Sie gingen miteinander die Gasse hinab. Emil suchte einen leichten
Ton anzustimmen, aber die Mißachtung, die der Freund ihm so deutlich
zeigte, drückte ihn nieder. Er versuchte zu erzählen, zu fragen, ein
Zusammentreffen am Sonntag zu verabreden; aber auf alles antwortete
Franz Remppis kühl und vorsichtig. Er habe jetzt so wenig Zeit, sei
auch nicht recht wohl, und gerade heut erwarte ihn ein Kamerad in einer
wichtigen Angelegenheit, und auf einmal war er weg und Emil ging allein
durch den Abend zu seiner ärmlichen Schlafstelle, erzürnt und traurig.
Er nahm sich vor, dem Freunde bald seine Untreue in einem beweglichen
Briefe vorzuhalten, und fand in diesem Vorsatz einigen Trost.
Allein auch hierin kam ihm Franz zuvor. Schon am folgenden Tage erhielt
der junge Fabrikler beim abendlichen Nachhausekommen einen Brief, den
er mit Sorgen öffnete und mit Schrecken las:
Geehrter Emil!
Unter Bezugnahme auf unser Mündliches von gestern, möchte Dir
nahelegen, künftighin auf unsere bisherigen angenehmen Beziehungen zu
verzichten. Ohne Dir im geringsten zu nahe treten zu wollen, dürfte es
doch angezeigt sein, daß jeder von uns seinen Umgang im Kreise seiner
Standesgenossen sucht. Ebendaher erlaube mir auch vorzuschlagen, uns
künftig gegebenenfalls lieber mit dem höflichen Sie anzureden.