Der Weltverbesserer

1

Berthold Reichardt war vierundzwanzig Jahre alt. Aus einem guten

bürgerlichen Hause stammend, besaß er einen angeborenen Sinn für das

Schickliche und Angenehme, den aber ein begehrlicher, auf eigene Wege

und Erlebnisse erpichter Verstand vor den Gefahren der Bequemlichkeit

des Philistertums bewahrte. Zum Unglück hatte er die Eltern früh

verloren und von seinen mehrmals wechselnden Erziehern hatte nur ein

einziger Einfluß auf ihn bekommen, ein edler doch fanatischer Mensch

und frommer Freigeist, welcher dem Jüngling früh die Gewohnheit eines

Denkens beibrachte, das bei scheinbarer Gerechtigkeit doch eben nicht

ohne Hochmut den Dingen seine Form aufzwang.

Nun wäre es für den jungen Menschen Zeit gewesen, unbefangen seine

Kräfte im Spiel der Welt zu versuchen und im Anschluß an irgendeinen

Kreis tätigen Lebens sich unter die Menschen zu begeben, um ohne Hast

sich nach dem ihm zukömmlichen und erreichbaren Lebensglück umzusehen,

auf das er als ein gescheiter und gutartiger, dabei hübscher und

wohlhabender Mann gewiß nicht lange hätte zu warten brauchen.

Von diesem natürlichen und einfachen Wege hielten jedoch zwei

Umstände ihn ab, beide mehr in seinem Erziehungsgang als seiner Natur

begründet, beide unschuldig und edel von Ansehen. Zunächst war da, von

jenem wohlmeinenden Erzieher geweckt und befestigt, in dem Jüngling

eine Neigung nach dem Abstrakten, die ihn zwang, allen Dingen auf

den Grund zu gehen, auch wo kein solcher abzusehen war, und aus

Zuständen, für die er nicht verantwortlich war, persönliche Gedanken-

und Gewissensprobleme zu ziehen wie Schalen von der Zwiebel, wobei

denn jeder natürliche Leichtsinn und jede schöne Unschuld des Denkens

erkrankt und verkümmert war.

Daraus hatte sich auch der zweite Übelstand ergeben: Berthold Reichardt

hatte keinen bestimmten Beruf gewählt. Gewissenhaft und eifrig hatte er

seine Neigungen und Gaben immer wieder geprüft und war dabei geblieben,

sich erst recht gründlich im Allgemeinen zu bilden und zu festigen, ehe

er den folgenschweren Schritt in eine begrenzte und verantwortliche

Tätigkeit wage. Seinen Neigungen gemäß hatte er bei guten Lehrern,

auf Reisen und aus Büchern Philosophie und Geschichte studiert mit

einer Tendenz nach den ästhetischen Fächern. Sein ursprünglicher

Wunsch, Baumeister zu werden, war dabei in den Studienjahren

abwechselnd erkaltet und wieder aufgeflammt; schließlich war er, um

doch ein festes Ergebnis zu erreichen, bei der Kunstgeschichte stehen

geblieben und hatte vorläufig seine Lehrjahre durch eine Doktorarbeit

über die Ornamentik in der Architektur der süddeutschen Renaissance

abgeschlossen. Als junger Doktor traf er nun in München ein, wo er im

Zusammenströmen so vieler junger Talente, Kräfte und Bedürfnisse am

ehesten die Menschen und die Tätigkeit zu finden hoffte, zu denen seine

Natur auf noch verdunkelten Wegen doch immer stärker hinstrebte. Er

dürstete danach, Verkehr mit dem Leben und Einfluß auf Menschen zu

üben, am Entstehen neuer Zeiten und Werke mitzuraten und mitzubauen und

im Werden und Emporkommen seiner Generation mitzuwachsen.

Des Vorteiles, den jeder Friseurgehilfe hat: durch Beruf und Stellung

von allem Anfang an ein festes, klares Verhältnis zum Leben und eine

berechtigte Stelle im Gefüge der menschlichen Tätigkeiten zu haben,

dieses Vorteils also mußte Berthold bei seinem Eintritt in die Welt und

ins männliche Alter entraten. Sein Doktorname bezeichnete keine Arbeit

und Stellung, kein Amt und keine Richtung, er war nur ein Titel und

Schmuck, am Sonntag zu tragen. Freilich empfand Berthold selbst diesen

Mangel an äußerer Bestimmung lediglich als goldene Freiheit, welche er

hochzuhalten und durchaus nur um den allerhöchsten Preis, um die Krone

des Lebens selber, daranzugeben gewillt war.

In München, wo er schon früher ein Jahr als Student gelebt hatte,

war der junge Herr Doktor Reichardt in mehreren Häusern eingeführt,

hatte es aber mit den Begrüßungen und den Besuchen nicht eilig, da er

seinen Umgang in aller Freiheit suchen und unabhängig von früheren

Verpflichtungen sein Leben einrichten wollte. Vor allem war er auf die

Künstlerwelt begierig, welche zurzeit eben wieder voll neuer Ideen

gärte und beinahe täglich Zustände, Gesetze und Sitten entdeckte,

welchen der Krieg zu erklären war.

Da Verwandtes dem Verwandten zustrebt, geriet Reichardt, ohne sich

darum Mühe gegeben zu haben, bald in näheren Umgang mit einem kleinen

Kreise moderner junger Künstler dieser Art. Man traf sich bei

Tische und im Kaffeehaus, bei öffentlichen Vorträgen und bald auch

freundschaftlich in den Wohnungen und Ateliers, meistens in dem des

Malers Hans Konegen, der eine Art geistiger Führerschaft in dieser

Künstlergruppe ausübte.

Das Wohlwollen dieser meist noch sehr jungen Leute hatte sich Berthold

vor allem durch die Bescheidenheit erworben, mit welcher er ihren oft

verblüffend kühnen Reden zuhörte und auch die gegen seine Person und

seinen Stand gerichtete freimütige Kritik hinnahm. Als Hans Konegen

ihn einstmals nach seinem Beruf gefragt und Reichardt sich als eine

Art von Privatgelehrten vorstellte, der sich durch kunstgeschichtliche

Studien den Doktorgrad erworben habe, da hatte ihm der Maler geradezu

ins Gesicht gelacht und gesagt: »Ach, Sie sind Kunsthistoriker!« und

hatte dieses Wort mit einer so erstaunten Verächtlichkeit betont, als

wäre es mit Idiot oder Raubmörder gleichbedeutend. Reichardt aber hatte

nur verwundert mitgelacht und ohne Empfindlichkeit zugegeben, daß

allerdings das gelehrte Kunststudium viel Äußerliches an sich habe, wie

es denn auch für ihn nur eine methodische Bildung bedeute, welche er

nun womöglich in einer mehr auf das Leben selbst gerichteten Tätigkeit

anzuwenden hoffe.

Im weiteren Umgang mit den jungen Künstlern fand er nun noch manchen

Anlaß zur Verwunderung, ohne darüber den guten Willen zum Lernen

zu verlieren. Es fiel ihm vor allem auf, daß die paar berühmten

Maler und Bildhauer, deren Namen er stets in enger Verbindung mit

den jungen künstlerischen Revolutionen nennen gehört oder gelesen

hatte, offenbar diesem reformierenden Denken und Treiben der Jungen

weit ferner standen, als er gedacht hätte, daß sie vielmehr in einer

gewissen Einsamkeit und Unsichtbarkeit nur ihrer persönlichen Arbeit zu

leben schienen. Ja, diese Weitberühmten wurden, worüber er anfänglich

geradezu erschrak, von den jungen Kollegen keineswegs als Vorbilder

bewundert, sondern mit Schärfe, ja mit Lieblosigkeit kritisiert und zum

Teil sogar beinahe verachtet. Es schien, als begehe jeder Künstler,

der unbekümmert seine Werke schuf, damit einen Verrat an der Sache der

revolutionierenden Jugend, ja, als sei trotz Goethe es eines rechten

Künstlers Art und Pflicht nicht so sehr zu malen und zu bilden als zu

denken und zu reden.

Leider entsprach dieser Verirrung ein gewisser jugendlich-pedantischer,

ideologischer Zug in Reichardts Wesen selbst, so daß er trotz

gelegentlichen Bedenken dieser ganzen Art sehr bald zustimmte. Es

fiel ihm nicht auf, wie wenig und mit wie geringer Leidenschaft in

den Ateliers seiner Freunde gearbeitet wurde. Da er selbst ohne

Beruf und ohne Nötigung zu positiver Arbeit war, gefiel es ihm wohl,

daß auch seine Malerfreunde fast immer Zeit und Lust zum reden und

theoretisieren hatten. Namentlich schloß er sich an Hans Konegen an,

dessen kaltblütige Kritiklust ihm ebensosehr imponierte wie sein

unverhohlenes Selbstbewußtsein. Mit ihm durchstreifte er häufig die

vielen Kunstausstellungen und hatte die Überzeugung, dabei erstaunlich

viel zu lernen, denn es gab kaum ein Kunstwerk, an dem Konegen nicht

klar und schön darzulegen wußte, wo seine Fehler lagen. Anfangs hatte

es Berthold oft weh getan, wenn der andere über ein Bild, das ihm

gefiel und in das er sich eben mit Freude hineingesehen hatte, gröblich

und schonungslos hergefallen war; mit der Zeit gefiel ihm jedoch dieser

Ton und färbte sogar auf seinen eigenen ab.

Da hing eine zarte grüne Landschaft, ein Flußtal mit bewaldeten Hügeln,

von Frühsommerwolken überflogen, treu und zart gemalt, das Werk eines

noch jungen, doch schon rühmlich bekannten bayerischen Malers. »Das

schätzen und kaufen nun die Leute,« sagte Hans Konegen dazu, »und es

ist ja ganz nett, die Wolkenspiegel im Wasser sind sogar direkt gut.

Aber wo ist da Größe, Wucht, Linie, kurz -- Rhythmus? Eine nette kleine

Arbeit, sauber und lieb, gewiß, aber das soll nun ein Berühmter sein!

Ich bitte Sie: wir sind ein Volk, das den größten Krieg der modernen

Geschichte gewonnen hat, das Handel und Industrie im größten Maßstab

treibt, das reich geworden ist und Machtbewußtsein hat, das eben noch

zu den Füßen Bismarcks und Nietzsches saß -- und das soll nun unsere

Kunst sein!«

Ob ein hübsches waldiges Flußtal geeignet sei, mit monumentaler Wucht

gemalt zu werden, oder ob das Gefühl für einfache Schönheiten der

ländlichen Natur unseres Volkes unwürdig sei, davon sprach er nicht,

und tat man einen derartigen Einwurf, so hieß es unverweilt: »Nun ja,

wir können ja auch über das Ding an sich oder über den Kaukasus reden,

warum nicht? Aber da wir nun doch einmal gerade von diesem Bild hier

sprechen, kann ich nur wiederholen: ist hier Monumentalität? Ist hier

Größe? Ist hier der Ausdruck dessen, was unser Volk bewegt?« und so

weiter.

Berthold Reichardt verlernte es unter dieser Führung, sich still

und bescheiden in irgendein schönes Werk zu vertiefen, und wenn er

schließlich gleich seinen neuen Freunden mit Bitterkeit fragte: »Was

sollen uns alle diese Ausstellungen? Sie lassen uns ja doch alle

kalt!« so hatte er damit mehr Recht als er selber wußte, denn wirklich

mochte das geringste dieser Bilder, in einem schlechten Farbendruck

reproduziert und einem Bauernbuben geschenkt, diesem weit mehr Freude

bereiten als dem so kritischen Betrachter alle Galerien.

Doktor Reichardt wußte nicht, daß seine Bekannten keineswegs die

Blüte der heutigen Künstlerjugend darstellten, denn nach ihren Reden,

ihrem Auftreten und ihren vielen theoretischen Kenntnissen taten sie

das entschieden. Er wußte nicht, daß sie höchstens einen mäßigen

Durchschnitt, ja vielleicht nur eine launige Luftblase und Zerrform

bedeuteten, und wußte nicht, daß neben dieser lärmenden und überklugen

Jugend unbeachtet gar viele stille Talente hausten und arbeiteten. Er

wußte auch nicht, wie wenig gründlich und gewissenhaft die Urteile

Konegens waren, der von schlichten Landschaften den großen Stil, von

Riesenkartons aber tonige Weichheit, von Studienblättern Bildwirkung

und von Staffeleibildern größere Naturnähe verlangte, so daß freilich

seine Ansprüche stets weit größer blieben als die Kunst aller Könner.

Und er fragte nicht, ob eigentlich Konegens eigene Arbeiten so mächtig

seien, daß sie ihm das Recht zu solchen Ansprüchen und Urteilen gäben.

Wie es Art und schönes Recht der Jugend ist, unterschied er nicht

zwischen seiner Freunde Idealen und ihren Taten, und wenn er ihnen in

lebhafter Unterredung gegenüberstand, genoß er das Gefühl, als Freund

neben lauter Talenten und Ausnahmegeistern zu leben, unter glücklichen

Repräsentanten der zeitgenössischen Jugend.

Es übten übrigens auch diese eine Art von auffallender Bescheidenheit.

Während sie nämlich über Hodler wie über Botticelli zu reden und alle

Forderungen der höchsten Kunst genau zu formulieren wußten, galt

ihre eigene Arbeit meistens recht anspruchslosen Dingen, kleinen

Gegenständen und Spielereien dekorativer und gewerblicher Art. Aber

wie das Können des größten Malers klein wurde und elend dahinschmolz,

wenn man es an ihren Forderungen an ihn und ihren Urteilen über ihn

maß, so wuchsen ihre eigenen kleinen Geschäftigkeiten ins Gewaltige,

wenn man sie darüber sprechen hörte. Der eine hatte eine ganz hübsche

Zeichnung zu einer Vase oder Tasse gemacht und wußte nachzuweisen, daß

diese Arbeit, so unscheinbar sie sei, doch vielleicht mehr bedeute als

mancher Saal voll Bilder, da sie in ihrem schlichten Ausdrucke das

Gepräge des Notwendigen trage und auf einer Erkenntnis der statischen

und konstruktiven Grundgesetze jedes gewerblichen Gegenstandes, ja

des Weltgefüges selbst, beruhe. Ein anderer versah ein Stück graues

Papier, das zu Büchereinbänden dienen sollte, mit einigen regellos

verteilten gelblichen Flecken und konnte darüber ebenfalls eine Stunde

lang philosophieren, wie die Art der Verteilung jener Flecken etwas

Kosmisches zeige und ein Gefühl von Sternhimmel und Unendlichkeit zu

wecken vermöge und wie der Zusammenklang des Grau mit dem Gelb etwas

melancholisch Schweres, aber doch dämonisch Kräftiges habe.

Dergleichen Unfug lag in der Luft und wurde von der Jugend als eine

Mode betrieben; mancher kluge, doch schwache Künstler mochte es auch

ernstlich darauf anlegen, mangelnden natürlichen Geschmack durch

solche Raisonnements zu ersetzen oder zu entschuldigen. Reichardt aber

in seiner langsamen Gründlichkeit nahm alles eine Zeit lang ernst

und lernte dabei von Grund aus die verderbliche Müßiggängerkunst

eines intellektualistischen Beschäftigtseins, das der Todfeind jeder

wertvollen Arbeit ist.

2

Über diesem Umgange und Treiben aber konnte er, als ein ziemlich gut

erzogener Mensch, doch auf die Dauer nicht alle gesellschaftlichen

Verpflichtungen vergessen, und so erinnerte er sich vor allem eines

Hauses, in dem er einst als Student verkehrt hatte, da der Hausherr

vor Zeiten mit Bertholds Vater in näheren Beziehungen gestanden

war. Es war dies ein Herr Justizrat Weinland, der ehemals Diplomat

gewesen, dann zur Rechtswissenschaft zurückgekehrt war und als

leidenschaftlicher Freund der Kunst und der Geselligkeit ein belebtes

und glänzendes Haus geführt hatte. Dort wollte nun Reichardt, nachdem

er schon gegen einen Monat in der Stadt wohnte, einen Besuch machen

und sprach in sorgfältiger Toilette in dem Hause vor, dessen erste

Etage der Rat einst bewohnt hatte. Da fand er zu seinem Erstaunen einen

fremden Namen auf dem Türschilde stehen, und als er einen zufällig

heraustretenden Diener nach der jetzigen Wohnung des Justizrats fragte,

erfuhr er diese und zugleich die Nachricht, der Herr Rat selbst sei vor

mehr als Jahresfrist gestorben.

Die Wohnung der Witwe, die Berthold sich aufgeschrieben hatte, lag

weit draußen in einer unbekannten stillen Straße am Rande der Stadt,

und ehe er dorthin ging, suchte er durch Kaffeehausbekannte, deren

er einige noch von der Studentenzeit her vorgefunden hatte, über

Schicksal und jetzigen Zustand des Hauses Weinland Bericht zu erhalten.

Das hielt nicht schwer, da der verstorbene Rat ein weithin gekannter

Mann gewesen war, und so erfuhr Berthold eine ganze Geschichte:

Weinland hatte allezeit weit über seine Verhältnisse gelebt und war

so tief in Schulden, ja in zweifelhafte und mißliche Finanzgeschäfte

hineingeraten, daß niemand seinen plötzlichen Tod für einen natürlichen

hatte halten mögen. Jedenfalls hatte sofort nach diesem unerklärten

Todesfall die Familie alle Habe verkaufen müssen und sei, obwohl noch

in der Stadt wohnhaft, so gut wie vergessen und verschollen, da die

angesehenen Freunde sich alle mißtrauisch zurückgezogen hätten und die

ganz verarmte Frau nicht in der Lage sei, ein Haus zu machen. Schade

sei es dabei am meisten um die Tochter, der jedermann ein besseres

Schicksal gegönnt hätte.

Der junge Mann, von solchen Nachrichten überrascht und mitleidig

ergriffen, wunderte sich doch über das Dasein dieser Tochter, welche

je gesehen zu haben er sich nicht erinnern konnte, und es geschah

zum Teil aus Neugierde auf das Mädchen, als er nach einigen Tagen

beschloß, die Weinlands zu besuchen. Er nahm einen Mietwagen und fuhr

hinaus, durch eine unvornehme Vorstadt bis an die Grenze des freien

Feldes, das zum Teil durch einen Exerzierplatz eingenommen wurde, wo

im nassen Herbstwetter einige kleine Truppen sich unfroh bewegten. Der

Wagen hielt vor einem einzeln stehenden mehrstöckigen Miethause, das

trotz seiner Neuheit in Fluren und Treppen schon den trüben Duft der

Ärmlichkeit angenommen hatte.

Etwas verlegen trat er in die kleine Wohnung im zweiten Stockwerk,

dessen Türe ihm eine Küchenmagd, offenbar erstaunt über den eleganten

Besuch, geöffnet hatte. Sogleich erkannte er in der einfachen Stube

mit neuen billigen Möbeln die Frau Rätin, deren strenge magere

Gestalt und ruhig würdiges Gesicht ihm beinahe unverändert und nur

um einen Schatten reservierter und kühler geworden schien. Neben ihr

aber tauchte die Tochter auf, und nun wußte er genau, daß er diese

noch nie gesehen habe, denn sonst hätte er sie gewiß nicht so ganz

vergessen können. Sie hatte die Figur der Mutter, ohne ihr im Gesicht

ähnlich zu sein, und sah mit dem gesunden Gesicht, in der strammen,

elastischen Haltung und einfachen, doch tadellosen Toilette wie eine

junge Offiziersfrau oder Sportsdame aus. Dies war der erste Eindruck,

und schon der war angenehm genug. Bei längerem Betrachten ergab sich

dann, daß in dem frischen, herben Gesicht ruhige dunkelbraune Augen

ihre Stätte hatten, und in diesen ruhigen Augen sowohl, wie in manchen

weichen Bewegungen der strengen und beherrschten Gestalt schien erst

der wahre Charakter des schönen Mädchens zu wohnen, den das übrige

Äußere härter und kälter vermuten ließ, als er war.

Reichardt blieb eine halbe Stunde bei den Frauen. Das Fräulein Agnes

war, wie er nun erfuhr, während der Zeit seines früheren Verkehrs

in ihrem Vaterhause im Auslande gewesen, und er meinte sich nun zu

erinnern, daß damals zuweilen von ihr die Rede gewesen sei. Doch

vermieden sie es alle, näher an die Vergangenheit zu rühren, und so kam

es von selbst, daß vor allem des Besuchers Person und Leben besprochen

wurde. Beide Frauen zeigten sich ein wenig verwundert, ihn so zuwartend

und unschlüssig an den Toren des Lebens stehen zu sehen, und Agnes

meinte geradezu, wenn er einiges Talent zum Baumeister in sich fühle,

so sei das ein so herrlicher Beruf, daß sie sein Zaudern nicht

begreife. Beim Abschied fragte er, ob sein gelegentliches Wiederkommen

die Damen in ihrer stillen Zurückgezogenheit nicht stören würde, und

erhielt die Erlaubnis, nach Belieben sich wieder einzufinden.

Von den veränderten Umständen der Familie, von ihrer Vereinsamung

und Verarmung hatte zwar die Lage und Bescheidenheit ihrer Wohnung

Kunde gegeben, die Frauen selbst aber hatten dessen nicht nur mit

keinem Worte gedacht, sondern auch in ihrem ganzen Wesen und Benehmen

kein Wissen von Armut oder Bedrücktheit gezeigt, vielmehr den Ton

innegehalten, der in ihrer früheren weitläuftigen Lebensführung ihnen

geläufig und selbstverständlich gewesen war. Erst als Reichardt sich,

die Damen im Zimmer zurücklassend, auf dem engen finstern Flur allein

fand und tappend nach dem Türgriff suchen mußte, kam ihm die Lage

dieser Frauen wieder in den Sinn. Er nahm eine ihm noch kaum bewußte

Teilnahme und Bewunderung für die schöne, tapfere Tochter mit sich

in die abendliche Stadt hinein und fühlte sich bis zur Nacht und zum

Augenblick des Einschlafens von einer wohlig reizenden Atmosphäre

umgeben, wie vom tiefen, warmen Braun ihrer Blicke.

Dieser sanfte Reiz spornte den Doktor auch zu neuen Arbeitsgedanken

und Lebensplänen an. Wenige Tage nach seinem Besuche bei den Frauen

Weinland hatte er ein langes, ernstes Gespräch mit dem Maler Konegen,

das zwar zu keinem Ziel führte, ihm aber den von ihm noch unerkannten

Vorteil einer Abkühlung dieser Freundschaft brachte. Hans Konegen hatte

auf Reichardts Klagen hin sofort einen breiten, genial konstruierten

Arbeitsplan entworfen, er war in dem großen Atelier heftig hin und

wieder geschritten, hatte seinen rotbraunen Bart mit nervösen Händen

gedreht und sich alsbald, wie es seine unheimliche Gabe war, in ein

flimmerndes Gehäuse eingesponnen, das aus lauter Beredtsamkeit bestand

und dem Regendache jenes Meisterfechters im Volksmärchen glich, unter

welchem jener trocken stand, obwohl es aus nichts bestund als dem

rasenden Kreisschwung seines Degens.

Er rechtfertigte zuerst die Existenz seines Freundes Reichardt, indem

er den Wert und die Bedeutung solcher Intelligenzen ausführte, die

als kritische und heimlich mitschöpferische Berater der Kunst helfen

und dienen könnten. Ja, es sei das Wesen der Kunst so kompliziert

und unseren materiellen Zeitbestrebungen so fremd geworden, daß ein

richtiges verstehendes Verhältnis zur wahren Kunst vielleicht überhaupt

nur noch den Künstlern selber und etwa noch solchen emsigen und klugen

Kunstgelehrten, wie Reichardt, möglich sei. Um so mehr nun sei es also

dessen Pflicht, seine Kräfte der Kunst dienstbar zu machen und als

unbeirrbarer Kämpfer für das einzutreten, was er als den Sinn und das

Ideal der modernen Kunst erkannt habe. Er möge daher trachten, an einer

angesehenen Kunstzeitschrift oder noch besser an einer Tageszeitung

kritischer Mitarbeiter zu werden und zu Einfluß zu kommen. Dann würde

er, Hans Konegen, ihm durch eine Gesamtausstellung seiner Schöpfungen

Gelegenheit geben, einer guten Sache zu dienen und der Welt etwas Neues

zu zeigen.

Als Berthold ein wenig mißmutig den Freund daran erinnerte, wie

verächtlich sich dieser noch kürzlich über alle Zeitungen und

Zeitschriften und über das Amt des Kritikers im allgemeinen geäußert

habe, bekannte sich der Maler sogleich freudig zu jener Äußerung, die

er zu jeder Stunde zu wiederholen und zu beweisen bereit sei, nahm

sie dann aber sofort zur Folie für seine heutigen Absichten und legte

dar, wie eben bei dem traurig tiefen Stande der Kritik ein wahrhaft

edler und freier Geist auf diesem Gebiete zum Reformator werden könne,

zum Lessing unserer Zeit. Übrigens stehe, so lenkte er nach einem

freundlichen Seitenpfade ein, dem Kunstschriftsteller auch noch ein

anderer und schönerer Weg offen, nämlich der des Buches. Er selbst habe

schon manchmal daran gedacht, die Herausgabe einer Monographie über

ihn, Hans Konegen, zu veranlassen; nun sei in Reichardt endlich der

rechte Mann für die nicht leichte Aufgabe gefunden. Berthold solle den

Text schreiben, die Illustration des Buches übernehme er selbst, werde

auch Handdrucke seiner drei Holzschnitte in Japanabzügen beiheften

und schon dadurch jeden echten und reichen Kunstfreund zum Erwerb des

Buches geradezu nötigen.

Reichardt hörte die wortreichen Vorschläge mit einer zunehmenden

Verstimmung an. Heute, da er das Übel seiner berufslosen

Entbehrlichkeit besonders stark empfand und für einen guten Rat oder

auch schon für ein wenig Trost empfänglich und dankbar gewesen wäre,

tat es ihm weh zu sehen, wie der Maler in diesem Zustande nichts

anderes fand als eine Verlockung, ihn seinem persönlichen Ruhm oder

Vorteil dienstbar zu machen.

Aber als er ermüdet und betrübt ihm ins Wort fiel und diese Pläne kurz

von der Hand wies, war Hans Konegen keineswegs geschlagen.

»Gut, gut,« sagte er wohlwollend, »ich verstehe Sie vollkommen und

muß Ihnen eigentlich recht geben. Die Kritik und die verfluchte

Federfuchserei überhaupt ist ja im Grunde eine entbehrliche und

lächerliche Sache. Sie wollen Werte schaffen helfen, nicht wahr? Tun

Sie das! Sie haben Kenntnisse und Geschmack, Sie haben mich und einige

Freunde und dadurch eine direkte Verbindung mit dem schaffenden Geist

der Zeit. Gründen Sie also ein schönes Unternehmen, mit dem Sie einen

unmittelbaren Einfluß auf das Kunstleben ausüben können! Gründen

Sie zum Beispiel einen Kunstverlag, eine Stelle für Herstellung und

Vertrieb wertvoller Graphik, ich stelle dazu das Verlagsrecht meiner

Holzschnitte und zahlreicher Entwürfe zur Verfügung, ich richte Ihre

Druckerei und Ihr Privatbureau ein, die Möbel etwa in Ahornholz mit

Messingbeschlägen. Oder noch besser, hören Sie! Beginnen wir eine

kleine Werkstätte für vornehmes Kunstgewerbe! Nehmen Sie mich als

Berater oder Direktor, für gute Hilfskräfte werde ich sorgen, ein

Freund von mir modelliert zum Beispiel prachtvoll und versteht sich

auch auf Bronzeguß.«

Und so ging es weiter, munter Plan auf Plan, bis Reichardt beinahe

wieder lachen konnte. Überall sollte er der Unternehmer sein, das

Geld aufbringen und riskieren, Konegen aber war der Direktor, der

Beirat, der technische Leiter, kurz die Seele von allem. Zum ersten

Male erkannte Berthold deutlich, wie eng und selbstsüchtig alle

Kunstgedanken und Zukunftsideale des Malergenies nur um dessen eigene

Person und Eitelkeit oder Gewinnsucht kreisten, und er sah nachträglich

mit Unbehagen, wie wenig schön die Rolle war, die er in der Vorstellung

und den Absichten dieser Leute gespielt hatte.

Doch überschätzte er sie immer noch, indem er nun darauf dachte, sich

still von diesem Umgang zurückzuziehen, unter möglichster Delikatesse

und Schonung. Denn kaum hatte Herr Konegen nach mehrmals wiederholten

Beredungsversuchen eingesehen, daß Reichardt wirklich nicht gesonnen

war, diese Unternehmergelüste zu befriedigen, so fiel die ganze

Bekanntschaft dahin, als wäre sie nie gewesen. Der Doktor hatte diesen

Leuten ihre paar Holzschnitte und Töpfchen längst abgekauft, einigen

auch kleine Geldbeträge geliehen; wenn er nun seiner Wege gehen

wollte, hielt niemand ihn zurück. Reichardt, mit den Sitten der Boheme

noch wenig vertraut, sah sich mit unbehaglichem Erstaunen von seinen

Künstlerfreunden vergessen und kaum mehr gegrüßt, während er sich

noch damit quälte, eine ebensolche Entfremdung langsam und vorsichtig

einzuleiten. Ein junger Zeichner schickte ihm noch den Entwurf zu

einem Exlibris zu, das Herr Reichardt einmal mündlich bei ihm bestellt

habe. Er kaufte das kleine Blättchen an, obwohl er sich des Auftrages

nicht erinnerte, und legte es in dieselbe Mappe, welche auch Konegens

Holzschnitte barg.

3

Zuweilen sprach Doktor Reichardt in dem öden Vorstadthause bei der

Frau Rat Weinland vor, wo es ihm jedesmal merkwürdig wohl wurde. Der

vornehme Ton dort bildete einen angenehmen erzieherischen Gegensatz

zu den Reden und Sitten des Zigeunertums, in welchen der junge Mann

sich bewegte, ohne sie freilich selbst je ganz anzunehmen, und immer

ernsthafter beschäftigte ihn die Tochter, die ihn zweimal allein

empfing, und deren strenge Anmut ihn jedesmal entzückte und verwirrte.

Denn er fand es unmöglich, mit ihr jemals über Gefühle zu reden oder

doch die ihren kennen zu lernen, da sie bei all ihrer damenhaften

Schönheit die Verständigkeit selbst zu sein schien. Und zwar besaß sie

jene praktische, auf das Notwendige und Nächste gerichtete Klugheit,

welche das nur spielerische Sichabgeben mit geistigen Dingen nicht

kennt und welche, wie er sich gestand, von den Bohemiens gewiß als

philiströs verlacht worden wäre, während sie ihm doch jedesmal Eindruck

machte.

Agnes zeigte eine freundliche, sachliche Teilnahme für den Zustand, in

dem sie ihn befangen sah, und wurde nicht müde, ihn auszufragen und

ihm zuzureden, ja sie machte gar kein Hehl daraus, daß sie es eines

Mannes unwürdig finde, sich seinen Beruf so im Weiten zu suchen wie man

Abenteuer suche, statt mit Bescheidenheit und festem Willen an einem

bestimmten Punkte zu beginnen. Von den Weisheiten des Malers Konegen

hielt sie ebenso wenig wie von dessen Holzschnitten, die ihr Reichardt

mitgebracht hatte.

»Das sind Spielereien,« sagte sie bestimmt, »und ich hoffe, Ihr Freund

treibe dergleichen nur in Mußestunden. Es sind, so viel ich davon

verstehe, Nachahmungen japanischer Arbeiten, die vielleicht den Wert

von Stilübungen haben können. Mein Gott, was sind denn das für Männer,

die in den besten Jugendjahren sich daran verlieren, ein Grün und ein

Grau gegeneinander abzustimmen! Jede Frau von einigem Geschmack leistet

ja mehr, wenn sie sich ihre Kleiderstoffe aussucht!«

Die wehrhafte Gestalt bot selber in ihrem sehr einfachen, doch

sorgfältig und bewußt zusammengestellten Kostüm das Beispiel einer

solchen Frau. Recht als wolle es ihn mit der Nase darauf stoßen, hatte

sein Glück ihm diese prächtige Figur in seinen Weg gestellt, daß er

sich an sie halte und von ihr zum Rechten geleitet werde. Aber der

Mensch ist zu nichts schwerer zu bringen als zu seinem Glück, wenn er

einmal verrannt und in Abwege und Spekulationen geraten ist.

Nämlich Berthold hatte, nachdem die Sache mit dem Maler Konegen abgetan

war, sich im Labyrinthe seiner Unsicherheit ungesäumt einen neuen

stattlichen Gang erwählt, der überallhin führen konnte, und den er

jetzt mit dem Eifer verfolgte, dessen gute Grübler seiner Art leider

meist nur für Undinge fähig sind.

Bei einem öffentlichen Vortrag über das Thema »Kunst und Leben, oder

neue Wege zu einer künstlerischen Kultur« hatte er etwas erfahren,

das er umso bereitwilliger aufnahm, als es seiner augenblicklichen

enttäuschten Gedankenlage entsprach, nämlich daß es nottue, aus

allen ästhetischen und intellektualistischen Interessantheiten

herauszukommen. Fort mit der formalistischen und negativen Kritik

unserer Kultur, fort mit dem kraftlosen Geistreichtun auf Kosten

heiliger Güter und Angelegenheiten unserer Zeit! Dies war der Ruf, dem

er wie ein Erlöster folgte. Er folgte ihm in einer Art von Bekehrung

sofort und unbedingt, einerlei wohin er führe.

Und er führte auf eine Straße, deren Pflaster für Bertholds

Steckenpferde wie geschaffen war, nämlich zu einer neuen Ethik. War

nicht ringsum alles faul und verdorben, wohin der Blick auch fallen

mochte? Unsere Häuser, Möbel und Kleider geschmacklos, auf Schein

berechnet und unecht, unsere Geselligkeit hohl und eitel, unsere

Wissenschaft verknöchert, unser Adel vertrottelt und unser Bürgertum

verfettet? Beruhte nicht unsere Industrie auf einem Raubsystem, und war

es nicht eben deshalb, daß sie das häßliche Widerspiel ihres wahren

Ideals darstellte? Warf sie etwa, wie sie könnte und sollte, Schönheit

und Heiterkeit in die Massen, erleichterte sie das Leben, förderte sie

Freude und Edelmut? Nein, ach nein. Überall saß einer und wollte Geld

verdienen, von der Politik bis zur bildenden Kunst war jede geistige

Tätigkeit von Anfang an ein Kompromiß mit der Unkultur.

Der gelehrige Gelehrte sah sich plötzlich von Falschheit und Schwindel

umgeben, er sah die Städte vom Kohlenrauch beschmutzt und vom

Geldhunger korrumpiert, das Land entvölkert, das Bauerntum aussterbend;

jede echte und heilige Lebensregung an der Wurzel bedroht. Dinge, die

er noch vor Tagen mit Gleichmut, ja mit Vergnügen betrachtet hatte,

enthüllten ihm nun ihre innere Fäulnis. Berthold fühlte sich für dies

alles mit verantwortlich und zur Mitarbeit an der neuen Ethik und

Kultur verpflichtet.

Als er dem Fräulein Weinland zum erstenmal davon berichtete, wurde

sie aufrichtig betrübt. Sie hatte Berthold gerne und traute es sich

zu, ihm zu einem tüchtigen und schönen Leben zu verhelfen, und nun

sah sie ihn, der sie doch sichtlich liebte, blind in diese Lehren und

Umtriebe stürzen, für die er nicht der Mann war, und bei denen er nur

zu verlieren hatte. Sie sagte ihm ihre Meinung recht deutlich und

meinte, jeder der auch nur eine Stiefelsohle mache oder einen Knopf

annähe, sei der Menschheit und der Kultur gewiß nützlicher und lieber

als alle Propheten. Es gebe in jedem kleinen Menschenleben Anlaß genug,

edel zu sein und Mut zu zeigen, und nur wenige seien dazu berufen, das

Bestehende anzugreifen und Lehrer der Menschheit zu werden.

Er antwortete dagegen mit Feuer, eben diese Gesinnung, die sie

äußere, sei die übliche weltkluge Lauheit, mit welcher es zu halten

sein Gewissen ihm verbiete. Es war der erste kleine Streit, den die

beiden hatten, und Agnes sah mit Betrübnis, wie der liebe Mensch immer

weiter von seinem eigenen Leben und Glück abgedrängt und in endlose

Wasserwüsten der Theorie und Einbildungen verschlagen wurde. Schon war

er im Begriffe, blind und stolz an der hübschen Glücksinsel vorüber zu

segeln, wo sie auf ihn wartete.

Die Sache wurde um so übler, als Reichardt jetzt in den Einfluß eines

wirklichen Propheten geriet, den er in einem ethischen Verein kennen

gelernt hatte. Dieser Mann, welcher Eduard van Vlissen hieß, war erst

Theologe, dann Künstler gewesen und hatte überall, wohin er kam,

rasch eine große Macht in den Kreisen der Suchenden und Verirrten

gewonnen, welche ihm auch zukam, da er nicht nur unerbittlich im

Erkennen und Verurteilen sozialer Übelstände, sondern persönlich auch

zu jeder Stunde bereit war, für seine Gedanken einzustehen und sich

ihnen zu opfern. Als katholischer Theologe hatte er eine Schrift über

den heiligen Franz von Assisi veröffentlicht, worin er den Untergang

seiner Ideen aus seinem Kompromiß mit dem Papsttum erklärt und den

Gegensatz von heiliger Intuition und echter Sittlichkeit gegen Dogma

und Kirchenmacht auf das Schroffste ausgemalt hatte. Von der Kanzel

deshalb vertrieben, nahm er seinen Austritt aus der Kirche und tauchte

bald darauf in belgischen Kunstausstellungen als Urheber seltsamer

mystischer Gemälde auf, die viel von sich reden machten. Seit Jahren

aber lebte er nun auf Reisen, ohne Erwerb und ohne festen Wohnort,

ganz dem Drange seiner Mission hingegeben. Er gab einem Armen achtlos

sein letztes kleines Geldstück, um dann selbst zu betteln. In den

Häusern der Reichsten verkehrte er unbefangen und freimütig, stets in

dasselbe anständige, doch überaus einfache Lodenkleid gehüllt, das

er auch auf seinen Fußwanderungen und Reisen trug. Seine Lehre war

ohne feste Dogmen, er liebte und empfahl vor allem Bedürfnislosigkeit

und Wahrhaftigkeit, so daß er auch die kleinste Höflichkeitslüge

verabscheute. Wenn er daher zu jemand, den er kennen lernte, sagte »Es

freut mich,« so galt das für eine Auszeichnung, und eben das hatte er

zu Reichardt gesagt.

Seit dieser den merkwürdigen und bedeutenden Mann gesehen hatte und

seinen Umgang genoß, wurde sein Verhältnis zu Agnes Weinland immer

lockerer und unsicherer. Der Prophet, von dem man sagte, er habe nie in

seinem Leben mit Frauen zu tun gehabt, war allerdings in Liebessachen

kein Kenner. Während jeder kluge Arzt oder Beichtvater einen jungen

Menschen, der mit sich unzufrieden ist, vor allem nach einer etwaigen

Liebe oder Brautschaft befragen würde, dachte van Vlissen daran

nicht. Er sah in Reichardt einen sympathischen und begabten jungen

Mann, der im Getriebe der Welt keinen rechten Platz finden konnte,

und den er keineswegs zu beruhigen und zu versöhnen dachte, denn er

liebte und brauchte solche Unzufriedene, deren Not er teilte und aus

deren Bedürfnis und Auflehnung er die Entstehung der besseren Zeiten

erwartete. Während dilettantische Weltverbesserer stets an ihren

eigenen Unzulänglichkeiten leiden, die sie der Weltordnung zuschreiben,

und über die sie niemals hinauskommen, war dieser holländische Prophet

gegen sein eigenes Wohl oder Wehe nahezu völlig unempfindlich und

richtete alle Kraft seiner Wünsche und seines Kopfes auf jene Übel,

die er als prinzipielle Feinde und Zerstörer menschlichen Friedens

ansah. Er haßte den Krieg und die Machtpolitik, er haßte das Geld und

den Luxus, und er sah seine Mission darin, seinen Haß auszubreiten und

aus dem Funken zur großen Flamme zu machen, damit sie einst das Übel

vernichte. In der Tat kannte er Hunderte und Tausende von notleidenden

und suchenden Seelen in der Welt, und seine Verbindungen mit solchen

reichten vom russischen Gutshofe des Grafen Tolstoi bis in die

Friedens- und Vegetarierkolonien an der südfranzösischen Küste und auf

Madeira.

Berthold verfiel der Anziehungskraft dieses Mannes vollkommen. Van

Vlissen hielt sich nur drei Wochen in München auf und wohnte bei einem

schwedischen Maler, in dessen Atelier er sich nachts eine Hängematte

ausspannte, und dessen mageres Frühstück er teilte, obwohl er genug

reiche Freunde hatte, die ihn mit Einladungen bedrängten. Öffentliche

Vorträge hielt er nicht, war aber von früh bis spät und selbst bei

Gängen auf der Straße umgeben von einem Kreise Gleichgesinnter oder

Ratsuchender, mit denen er einzeln oder in Gruppen redete, ohne zu

ermüden. Mit einer einfachen, volkstümlichen Dialektik wußte er alle

Propheten und Weisen als seine Bundesgenossen darzustellen und ihre

Sprüche als Belege für seine Lehre zu zitieren, nicht nur den heiligen

Franz, sondern ebenso Jesus selbst, Sokrates, Buddha, Konfuzius.

Hätte Berthold seine Reden irgendwo gedruckt gelesen, so hätten sie

vielleicht wenig Eindruck auf ihn gemacht, jedenfalls hätte er sofort

ihre ebenso schöne wie gefährliche Einseitigkeit erkannt. So aber

unterlag er willig dem Einfluß einer so starken und seltsam anziehenden

Persönlichkeit.

Wie ihm ging es auch hundert anderen, die sich in van Vlissens Nähe

hielten. Aber Reichardt war einer von den ganz Wenigen, die sich nicht

mit der Sensation und Stimmung des gegenwärtigen Augenblicks begnügten,

sondern eine ernstliche Umkehrung des Willens in sich erlebten, wozu es

gewiß keiner überlegenen Urteilskraft, wohl aber eines ungetrübten und

zarten sittlichen Empfindens bedarf.

In dieser Zeit besuchte er Agnes Weinland und ihre Mutter nur ein

einzigesmal. Die Frauen bemerkten die Veränderung seines Wesens

alsbald; seine fast knabenhafte Begeisterung, die doch keinen kleinsten

Widerspruch ertragen konnte, und die fanatisierte Gehobenheit seiner

Sprache mißfielen ihnen beiden, und indem er ahnungslos in seinem

glücklichen Eifer sich immer heißer und immer weiter von Agnes weg

redete, sorgte der böse Feind dafür, daß auch noch gerade heute ihn das

denkbar unglücklichste Thema beschäftigen mußte.

Dieses war die damals vielbesprochene Reform der Frauenkleidung,

welche von vielen Seiten fanatisch gefordert wurde, von Künstlern aus

ästhetischen Gründen, von Hygienikern aus hygienischen, von Ethikern

aus ethischen. Während eine lärmende Jugend, von manchen ernsthaften

Männern und Frauen bedeutsam unterstützt, gegen die bisherigen

Frauenkleider auftrat und der Mode ihre Lebensberechtigung absprach,

sah man freilich die schönen und eleganten Frauen der berühmten

Künstler, Ärzte und so weiter nach wie vor sich mit dem schönen

Schein dieser verfolgten Mode schmücken; und mochte es nun tiefer

begründet sein oder nur an mangelnder Gewöhnung der Augen liegen, diese

eleganten Frauen gefielen sich und der Welt entschieden besser als

die Erstlingsopfer der neuen Reform, die mutig in ungewohnten, fast

faltenlosen Kostümen einhergingen.

Reichardt nun stand neuerdings unbedingt auf der Seite der Reformer.

Die anfangs humoristischen, dann ernster werdenden und schließlich

leicht indignierten Einwürfe der beiden Damen beantwortete er nicht

gerade heftig oder unhöflich, aber in einem anmaßend überlegenen

Tone, wie ein Weiser, der zu Kindern spricht. Die alte Dame versuchte

mehrmals das Gespräch in andere Gleise zu lenken, doch vergebens, bis

schließlich Agnes mit Entschiedenheit sagte: »Sprechen wir nicht mehr

davon! Ich bin darüber erstaunt, Herr Doktor, wie viel Sie von diesem

Gebiet verstehen, auf dem ich mich auch ein wenig auszukennen glaubte,

denn ich mache alle meine Kleider selber. Da habe ich denn also, ohne

es zu ahnen, Ihre Gesinnungen und Ihren Geschmack durch meine Trachten

fortwährend beleidigt.«

Erst bei diesen Worten ward Reichardt inne, wie undelikat und anmaßend

sein Predigen gewesen sei, und errötend bat er um Entschuldigung.

»Meine Überzeugung zwar bleibt völlig bestehen,« sagte er ernsthaft,

»aber es ist mir tatsächlich niemals eingefallen, auch nur einen

Augenblick dabei an Ihre Person zu denken, die mir für solche Kritik

viel zu hoch steht. Auch muß ich gestehen, daß ich selbst wider meine

Anschauungen sündige, indem Sie mich in einer Kleidung sehen, deren

Prinzip ich verwerfe. Mit anderen Änderungen meiner Lebensweise, die

ich schon vorbereite, werde ich auch zu einer anderen Tracht übergehen,

mit deren Beschreibung ich Sie jedoch nicht belästigen darf.«

Unwillkürlich musterte bei diesen Worten Agnes seine Gestalt, die in

ihrer unauffällig eleganten Besuchskleidung recht hübsch und nobel

aussah, und sie rief mit einem Seufzer: »Sie werden doch nicht im Ernst

hier in München in einem Prophetenmantel herumlaufen wollen!«

»Nein,« sagte der Doktor, »ich begreife, daß dies lächerlich und

unnütz wäre. Aber ich habe eingesehen, daß ich überhaupt nicht in das

Stadtleben tauge, und will mich in Bälde auf das Land zurückziehen, um

in schlichter Tätigkeit ein einfaches und naturgemäßes Leben zu führen.«

Eine gewisse Befangenheit, der sie alle drei verfielen, lag lähmend

über der weiteren Unterhaltung, so daß Reichardt nach wenigen Minuten

Abschied nahm. Er reichte der Rätin die Hand, dann der Tochter, die

jedoch erklärte, ihn hinausbegleiten zu wollen. Sie ging, was sie

noch nie getan hatte, mit ihm in den engen Flur hinaus und wartete,

bis er im Überzieher war. Dann öffnete sie die Tür zur Treppe, und

als er ihr nun Abschied nehmend die Hand gab, hielt sie diese einen

Augenblick fest, sah ihn mit dunklen Augen aus dem erbleichten Gesicht

durchdringend an und sagte: »Tun Sie das nicht! Tun Sie nichts von dem,

was Ihr Prophet verlangt! Ich meine es gut.«

Unter ihrem halb flehenden, halb befehlenden Blick überlief ihn ein

süßer, starker Schauder von Glück, und im Augenblick mußte er es sich

wie eine selige Erlösung vorstellen, sein Leben dieser Frau in die

Hände zu geben. Er fühlte, wie weit aus ihrer spröden Selbständigkeit

sie ihm hatte entgegenkommen müssen, und einige Sekunden lang

schwankte, von diesem Wort und Blick erschüttert, das ganze Gebäude

seiner Gedankenwelt, als wolle es einstürzen.

Indessen hatte sie seine Hand losgelassen und leise die Türe hinter ihm

geschlossen.

4

Am folgenden Tag merkte van Vlissen wohl, daß sein Jünger unsicher

geworden und von fremden Einflüssen gestört war. Er sah ihm lächelnd

ins Gesicht, mit seinen merkwürdig klaren, doch leidvollen Augen, doch

tat er keine Frage und lud statt dessen, als sie einen Augenblick in

Reichardts Wohnung allein waren, ihn zu einem Spaziergange ein. Das

hatte er noch nie getan, und Berthold ließ alsbald einen Wagen kommen,

in dem sie weit vor die Stadt hinaus isaraufwärts fuhren. Im Walde

ließ van Vlissen halten und schickte den Wagen zurück. Der Wald stand

vorwinterlich verlassen unter dem bleichen grauen Himmel, es war weit

und still, nur aus großer Ferne her hörten sie die Axtschläge von

Holzhauern durch die graue Kühle klingen.

Auch jetzt begann der Apostel kein Gespräch. Er schritt mit leichtem,

wandergewohntem Gange dahin, aufmerksam mit allen Sinnen die Waldstille

einatmend und durchdringend. Wie er die Luft eintrank und den Boden

trat, wie er einem entfliehenden Eichhorn nachblickte und mit lautloser

Gebärde den Begleiter auf einen nahesitzenden Specht aufmerksam machte,

da war etwas still Zwingendes in seinem Wesen, eine ungetrübte Wachheit

und überall mitlebende Unschuld oder Güte, in welche der mächtige Mann

wie in einen Zaubermantel gehüllt ein Reich zu durchwandern schien,

dessen heimlicher König er war. Aus dem Walde tretend sahen sie weite

Äcker ausgebreitet, ein Bauer fuhr am Horizont langsam mit schweren

Gäulen dahin, und langsam begann van Vlissen zu sprechen, von Saat und

Ernte, von Erde und Dung und lauter bäuerlichen Dingen und entfaltete

in einfachen Worten ein Bild des ländlichen Lebens, das der stumpfe

Bauer unbewußt führe, das aber, von bewußten und dankbaren Menschen

geführt, voll Heiligung und Frieden und geheimer Kraft sein müsse.

Und der Jünger fühlte, wie die Weite und Stille und der ruhige große

Atem der ländlichen Natur Sprache gewann und sich seines Herzens

bemächtigte. Erst gegen Abend kehrten sie in die Stadt zurück.

Wenige Tage später fuhr van Vlissen zu Freunden nach Tirol, und

Reichhardt reiste mit ihm, und in einem schönen südlichen Tal kaufte er

einen Obstgarten und ein kleines, etwas verfallenes Weinberghäuschen,

in das er ohne Säumen einziehen wollte, um sein neues Leben zu

beginnen. Er trug ein einfaches Kleid aus grauem Loden, wie das des

Holländers, und fuhr in diesem Kleide auch nach München zurück, wo er

sein Zelt abbrechen und Abschied nehmen wollte.

Schon aus seinem langen Wegbleiben hatte Agnes geschlossen, daß ihr

Rettungsversuch vergeblich gewesen sei. Das stolze Mädchen war betrübt,

den Mann und die an ihn geknüpften Hoffnungen zu verlieren, doch nicht

minder in ihrem Selbstgefühl verletzt, sich einer Grille wegen von

ihm verschmäht zu sehen, dem sie nicht ohne Selbstüberwindung so weit

entgegengekommen war.

Als jetzt Berthold Reichardt gemeldet wurde, hatte sie alle Lust, ihn

gar nicht zu empfangen, bezwang jedoch ihre Verstimmung und sah ihm

ohne eigentliche Hoffnung, doch mit einer gewissen erregten Neugierde

entgegen. Die Mutter lag im rückwärtigen Zimmer mit einer Erkältung zu

Bette.

Mit Verwunderung sah Agnes den Mann eintreten, um den sie mit

einem Luftgespinste zu kämpfen hatte, und der nun etwas verlegen

und wunderlich verändert vor ihr stand. Er trug nämlich die Tracht

van Vlissens, Wams und Beinkleider von grobem Filztuch, statt

steifgebügelter Wäsche ein Hemd aus naturfarbenem Linnen mit einem

ziemlich breiten weichen Halskragen.

Agnes, die ihn nie anders als im schwarzen Besuchsrock oder im

modischen Straßenanzug gesehen hatte, betrachtete ihn einen Augenblick

mit Enttäuschung und Staunen, dann bot sie ihm einen Stuhl an und sagte

mit einem kleinen Anklang von Spott: »Sie haben sich verändert, Herr

Doktor.«

Er lächelte befangen und sagte: »Allerdings, und Sie wissen ja auch,

was diese Veränderung bedeutet. Ich komme, um Abschied zu nehmen, denn

ich übersiedele dieser Tage nach meinem kleinen Gute in Tirol.«

»Sie haben Güter in Tirol? Davon wußten wir ja gar nichts.«

»O, es ist nur ein Garten und Weinberg, und gehört mir erst seit

einer Woche. Sie haben die große Güte gehabt, sich um mein Vorhaben

und Ergehen zu kümmern, darum glaube ich Ihnen darüber Rechenschaft

schuldig zu sein. Oder darf ich nun auf jene liebe Teilnahme nicht mehr

rechnen?«

Agnes Weinland zog die Brauen zusammen und sah ihn an.

»Ihr Ergehen,« sagte sie leise und klar, »hat mich interessiert, so

lange ich so etwas wie einen tätigen Anteil daran nehmen konnte. Für

die Versuche mit Tolstoischer Lebensweise, die Sie vorhaben, kann ich

aber leider nur wenig Interesse aufbringen.«

»Seien Sie nicht zu strenge!« sagte er bittend. »Aber wie Sie auch von

mir denken mögen, Fräulein Agnes, ich werde Sie nicht vergessen können,

und ich hoffe von Herzen, Sie werden mir das, was ich tue, verzeihen,

sobald Sie mich hierin ganz verstehen.«

»O, zu verzeihen habe ich Ihnen nichts.«

Berthold beugte sich vor und fragte leise: »Und wenn wir beide guten

Willens wären, glauben Sie nicht, daß Sie dann vielleicht diesen Weg

mit mir gemeinsam gehen könnten?«

Sie stand auf und sagte ohne Erregung: »Nein, Herr Reichardt, das

glaube ich nicht. Ich kann Ihnen alles Glück wünschen. Aber ich bin in

all meiner Armut gar nicht so unglücklich, daß ich Lust hätte, einen Weg

zu teilen, der aus der Welt hinaus ins Unsichere führt.«

Und plötzlich aufflammend rief sie fast heftig: »Gehen Sie nur Ihren

Weg! Gehen Sie ihn!«

Mit einer zornigstolzen, prachtvollen Gebärde lud sie ihn ein sich zu

verabschieden, was er betroffen und bekümmert tat, und indessen er

draußen die Türe öffnete und schloß und die Treppe hinabstieg, hatte

sie, die seine Schritte verklingen hörte, genau dasselbe wunderlich

bittere und hoffnungslose Gefühl im Herzen wie der davongehende Mann,

als gehe hier einer Torheit wegen eine schöne und köstliche Sache

zugrunde; nur daß jedes dabei der Torheit des andern dachte.

5

Es begann jetzt Berthold Reichardts Martyrium. In den ersten Anfängen

sah es gar nicht übel aus. Wenn er ziemlich früh am Morgen das Lager

verließ, das er sich selber bereitete, schaute durch das kleine

Fenster seiner Schlafkammer das stille morgendliche Tal herein, an

dessen tiefster Stelle die Sonne hervortrat. Der Tag begann mit

angenehmen und kurzweiligen Betätigungen des Einsiedlerlehrlings, mit

dem Waschen oder auch Baden im Brunnentrog, je nach der Wärme des

Tages, mit dem Feuermachen im Steinherde, dem Herrichten der Kammer,

Milchkochen und trinken. Sodann erschien, alle Tage pünktlich zu

seiner Stunde, der Knecht und Lehrmeister, Ratgeber und Minister Xaver

aus dem Dorfe, der auch das Brot mitbrachte. Mit ihm ging Berthold

nun an die Arbeit, bei gutem Wetter im Freien, sonst im Holzschuppen

oder in der Stube. Emsig lernte er unter des Knechtes Anleitung die

wichtigsten Geräte handhaben, die Gais melken und füttern, den Boden

graben, Obstbäume putzen, den Gartenzaun flicken, Scheitholz für den

Herd spalten und Reisig für den Ofen bündeln, und war es kalt und wüst,

so wurden im Hause Wände und Fenster verstopft, Körbe und Strohseile

geflochten, Spatenstiele geschnitzt und ähnliche Dinge betrieben, wobei

der Knecht vergnügt seine Holzpfeife rauchte und aus dem dichten Gewölk

hervor eine Menge Geschichten erzählte.

Während aber dem Knechte dies Leben als ein leichtes und halbmüßiges

wohlgefiel, offenbarte es dem Herrn die kräftige Würze der Arbeit, die

ihm nicht minder gefiel und wohltat. Wenn er mit dem von ihm selbst

gespaltenen Holze in der urtümlichen Feuerstelle unterm riesigen

schwarzen Schlunde des Küchenrauchfanges Feuer anmachte und das Wasser

oder die Milch im viel zu großen Hängekessel zu sieden begann, dann

konnte er ein robustes Lebensgefühl robinsonschen Behagens in den

Gliedern spüren, das er seit fernen Knabenzeiten nicht gekannt hatte,

und in dem er schon die ersten Atemzüge der ersehnten inneren Erlösung

zu kosten meinte.

In der Tat mag es für den Kulturmenschen und Städter nichts

Erfrischenderes geben als eine Weile mit bäuerlicher Arbeit zu spielen,

die Gedanken ruhen zu lassen und die Glieder zu ermüden, früh schlafen

zu gehen und früh aufzustehen. Es lassen sich jedoch ererbte und

erworbene Gewohnheiten und Bedürfnisse nicht wie Hemden wechseln,

und wer seit Schülerzeiten gelernt hat, vorwiegend mit dem Gehirn zu

arbeiten, der kann kein Kleinbauer mehr werden. Diese Binsenwahrheit

mußte auch Reichardt erfahren.

Seine Abende brachte er allein im Häuschen zu, dann ging der Knecht

mit seinem guten Tagelohn nach Hause oder ins Wirtshaus, um unter

seinesgleichen froh zu sein und von dem Treiben seines wunderlichen

Brotgebers zu erzählen; der Herr aber saß bei der Lampe und las in den

Büchern, die er mitgebracht hatte, und die vom Garten- und Obstbau

handelten. Diese vermochten ihn aber nicht lange zu fesseln. Er las und

lernte gläubig, daß das Steinobst die Neigung hat, mit seinen Wurzeln

in die Breite zu gehen, das Kernobst aber mehr in die Tiefe, und daß

dem Blumenkohl nichts so bekömmlich sei wie eine gleichmäßige feuchte

Wärme. Er interessierte sich auch noch dafür, daß die Samen von Lauch

und Zwiebeln ihre Keimkraft nach zwei Jahren verlieren, während die

Kerne von Gurken und Melonen ihr geheimnisvolles Leben bis ins sechste

Jahr behalten. Bald aber ermüdeten und langweilten ihn diese Dinge, die

er von Xaver doch besser lernen konnte, und er gab diese Lektüre auf.

Dafür nahm er jetzt einen kleinen Bücherstoß hervor, der sich in der

letzten münchener Zeit bei ihm angesammelt, da er dies und jenes

Zeitbuch auf dringende Empfehlungen hin gekauft hatte, zum Lesen aber

nie gekommen war. Nun schien ihm die Zeit gekommen, diese Kleinode

in Stille und Sammlung auf sich wirken zu lassen. Beim Ordnen dieser

Bücher und Schriften fielen ihm freilich einige in die Hände, die

er als unnütz beiseite tat, denn sie stammten aus den Tagen seines

Verkehrs mit Hans Konegen und handelten von »Ornament und Symbol«, vom

»Stil der Zukunft« und ähnlichen Materien. Dann folgten zwei Bändchen

von Tolstoi, van Vlissens Abhandlung über den Heiligen von Assisi,

Schriften wider den Alkohol, wider die Laster der Großstadt, wider den

Luxus, den Industrialismus, den Krieg.

Von diesen Büchern fühlte sich der junge Weltflüchtige wieder

kräftig und wohltätig in allen seinen Prinzipien bestätigt, er

sog sich mit erbittertem Vergnügen voll an der Philosophie der

Unzufriedenen, Asketen und Idealisten, aus deren Schriften her ein

feiner Heiligenschein über sein eigenes jetziges Leben fiel. Und als

nun bald der Frühling begann, erlebte Berthold mit Wonne den Segen

natürlicher Arbeit und Lebensweise, er sah unter seinem Rechen

hübsche Beete entstehen, tat zum erstenmal in seinem Leben die schöne,

vertrauensvolle Arbeit des Säens und hatte seine Lust am Keimen und

Gedeihen der Gewächse. Die Arbeit hielt ihn jetzt bis weit in die

Abende hinein gefangen, die müßigen Stunden wurden selten, und in

den Nächten schlief er tief und rastbedürftig wie ein rechter Bauer.

Wenn er jetzt, in einer Ruhepause auf den Spaten gestützt oder am

Brunnen das Vollwerden der Gießkanne abwartend, an Agnes Weinland

denken mußte, so zog sich wohl sein Herz ein wenig zusammen, aber

das Leiden war ohne Verzweiflung, und er dachte es mit der Zeit wohl

vollends zu überwinden, denn er meinte, es wäre doch töricht und schade

gewesen, hätte er sich von dieser Liebe verführen und in der argen Welt

zurückhalten lassen.

Dazu kam, daß von der Zeit des Wonnemonats an sich auch die Einsamkeit

mehr und mehr verlor wie ein Winternebel. Von dieser Zeit an erschienen

je und je unerwartete, freundlich aufgenommene Gäste verschiedener

Art, lauter fremde Menschen, von denen er nie gewußt hatte, und deren

eigentümliche Klasse er nun kennen lernte, da sie alle aus unbekannter

Quelle seine Adresse wußten und keiner ihres Ordens durch das Tal

zog, ohne ihn heimzusuchen. Es waren dies verstreute Angehörige jener

großen Schar von Sonderlingsexistenzen, die außerhalb der gewöhnlichen

Weltordnung ein kometenhaftes Wanderleben führen, und deren einzelne

Typen nun Berthold allmählich unterscheiden lernte. Denn ihrer sind

viele, aber sie lassen sich ordnen und einteilen und bilden Klassen und

Gruppen wie andere Lebewesen auch.

Der erste, der sich zeigte, war ein ziemlich bürgerlich aussehender

Mann oder Herr aus Leipzig, der die Welt mit Vorträgen über die

Gefahren des Alkohols bereiste und auf einer Ferientour unterwegs war.

Er blieb nur eine Stunde oder zwei, hinterließ aber bei Reichardt ein

angenehmes Gefühl, er sei nicht völlig in der Welt vergessen und gehöre

einer heimlichen Gemeinschaft edel strebender Menschen an.

Der nächste Besucher sah schon aparter aus, es war ein regsamer,

begeisterter Herr in einem weiten altmodischen Gehrocke, zu welchem

er keine Weste, dafür aber ein Jägerhemd, gelbe karrierte Beinkleider

und auf dem Kopfe einen hellbraunen, malerisch breitrandigen Filzhut

trug. Dieser Mann, welcher sich Salomon Adolfus Wolff nannte, benahm

sich mit einer so leutseligen Fürstlichkeit und nannte seinen Namen so

bescheiden lächelnd und alle zu hohen Ehrbezeugungen im voraus etwas

nervös ablehnend, daß Reichardt in eine kleine Verlegenheit geriet, da

er ihn nicht kannte und seinen Namen nie gehört hatte.

Der Fremde war, soweit aus seinem eigenen Berichte hervorging, ein

hervorragendes Werkzeug Gottes und vollzog wundersame Heilungen, wegen

deren er zwar von Ärzten und Gerichten beargwohnt und angefeindet, ja

grimmig verfolgt, von der kleinen Schar der Weisen und Gerechten aber

desto höher verehrt wurde. Er hatte soeben in Italien einer Gräfin,

deren Namen er nicht verraten dürfe, durch bloßes Händeauflegen das

schon verloren gegebene Leben wiedergeschenkt. Nun war er, als ein

Verächter der modernen Hastigkeit und häßlichen Eile, zu Fuß auf

dem Rückwege nach der Heimat, wo ihn zahlreiche Bedürftige sehnlich

erwarteten. Leider sehe er sich die Reise durch Geldmangel erschwert,

denn es sei ihm unmöglich, für seine Heilungen anderen Entgelt

anzunehmen, als die Dankestränen der Genesenen, und er schäme sich

daher nicht, seinen Bruder Reichardt, zu welchem Gott ihn gewiesen,

um ein kleines Darlehen zu bitten, welches nicht seiner Person -- an

welcher nichts gelegen sei -- sondern eben den auf seine Rückkunft

harrenden Bedürftigen zugute kommen sollte.

Das Gegenteil dieses Heilandes stellte ein junger Mann von russischem

Aussehen vor, welcher eines Abends vorsprach, und dessen feine

Gesichtszüge und Hände in Widerspruch standen mit seiner äußerst

dürftigen Arbeiterkleidung und den zerrissenen groben Schuhen. Er

sprach nur wenige Worte deutsch, und Reichardt erfuhr nie, ob er

einen verfolgten Anarchisten, einen heruntergekommenen Künstler oder

einen Heiligen beherbergt habe. Der Fremdling begnügte sich damit,

einen glühend forschenden Blick in Reichardts Gesicht zu tun und ihn

dann mit einem geheimen Signal der aufgehobenen Hände zu begrüßen. Er

ging schweigend durch das ganze Häuschen, von dem verwunderten Wirte

gefolgt, zeigte dann auf eine leerstehende Kammer mit einer breiten

Wandbank und fragte demütig: »Ich hier kann schlafen?« Reichardt

nickte, lud den Mann zur Abendsuppe ein und machte ihm auf jener Bank

ein Nachtlager zurecht, ohne daß der Fremde noch ein Wort gesprochen

hätte. Am nächsten Morgen nahm er noch eine Tasse Milch an, sagte mit

tiefem Gurgelton »Danke« und ging fort.

Bald nach ihm erschien ein halbnackter Vegetarier, der erste einer

langen Reihe von Pflanzenessern, in Sandalen und einer Art von

baumwollener Hemdhose. Er hatte, wie die meisten Brüder seiner Zunft,

außer einiger Arbeitsscheu keine Laster, sondern war ein lieber,

kindlicher Mensch von rührender Bedürfnislosigkeit, der in seinem

sonderbaren Gespinste von hygienischen und sozialen Erlösungsgedanken

ebenso frei und natürlich dahinlebte, wie er äußerlich seine etwas

theaterhafte Wüstentracht nicht ohne Würde trug.

Dieser einfache, kindliche Mann machte Eindruck auf Reichardt.

Er predigte nicht Haß und Kampf, sondern war in stolzer Demut

überzeugt, daß auf dem Grunde seiner Lehre ganz von selbst ein neues

paradiesisches Menschendasein erblühen werde, dessen er selbst sich

schon teilhaftig fühlte. Sein oberstes Gebot war: »Du sollst nicht

töten!«, was er nicht nur auf Mitmenschen und Tiere bezog, sondern

als eine grenzenlose Verehrung alles Lebendigen auffaßte. Ein Tier

zu töten, schien ihm scheußlich, und er glaubte fest daran, daß nach

Ablauf der jetzigen Periode von Entartung und Blindheit die Menschheit

von diesem Verbrechen wieder völlig ablassen werde. Er fand es aber

auch mörderisch, Blumen abzureißen und Bäume zu fällen; von allen

Gaben der Natur schienen ihm nur die Früchte dem Menschen bestimmt

und erlaubt zu sein, welche man auch essen könne, ohne den Gewächsen

zu schaden. Reichardt wandte ein, daß wir, ohne Bäume zu fällen, ja

keine Häuser bauen könnten, worauf der Frugivore eifrig nickte: »Ganz

recht! Wir sollen ja auch keine Häuser haben, so wenig wie Kleider,

das alles trennt uns von der Natur und führt uns weiter zu allen den

Bedürfnissen, um deren willen Mord und Krieg und alle Laster entstanden

sind.« Und als Reichardt wieder einwarf, es möchte sich kaum irgendein

Mensch finden, der in unserem Klima ohne Haus und ohne Kleider einen

Winter überleben könnte, da lächelte sein Gast abermals freudig und

sagte: »Gut so, gut so! Sie verstehen mich ausgezeichnet. Eben das ist

ja die Hauptquelle alles Elends in der Welt, daß der Mensch seine Wiege

und natürliche Heimat im Schoß Asiens verlassen hat. Dahin wird der Weg

der Menschheit zurückführen, und dann werden wir alle wieder im Garten

Eden sein.«

Berthold hatte, trotz der offenkundigen Untiefen, eine gewisse Freude

an dieser idyllisch harmlosen Philosophie, die er noch von manchen

anderen Verkündern in anderen Tönungen zu hören bekam, und er hätte

ein Riese sein müssen, wenn nicht allmählich jedes dieser Bekenntnisse

ihm, der außerhalb der Welt lebte, bleibende Eindrücke gemacht und

sein eigenes Denken gefärbt hätte. Die Welt, wie er sie jetzt sah und

nicht anders sehen konnte, bestand aus dem kleinen Kreise primitiver

Tätigkeiten, denen er oblag, darüber hinaus war nichts vorhanden als

auf der einen Seite eine verderbte, verfaulende und daher von ihm

verlassene Kultur, auf der anderen eine über die Welt verteilte kleine

Gemeinde von Zukünftigen, welcher er sich zurechnen mußte, und zu der

auch alle die Gäste zählten, deren manche tagelang bei ihm blieben und

gegen deren drollige Außenseite er bald abgestumpft war, während ihr

Glauben und Hoffen, ihr Aberglaube und Fanatismus die Luft war, in der

sein Geist atmete.

Nun begriff er auch wohl den sonderbar religiös-schwärmerischen

Anhauch, den alle diese seine Gäste und Brüder hatten. Askese und

Mönchtum, Sektenwesen und Ekstase waren nicht Erscheinungen gewisser

Zeiten und Religionen, sondern immer und überall in tausend Formen

unter den Menschen vorhanden gewesen und heute noch da, und alle diese

Wanderer, Prediger, Asketen und Phantasten gehörten in diesen Kreis.

Sie waren das Salz der Erde, die Umschaffenden und Zukunftbringenden,

geheime geistige Kräfte hatten sich mit ihnen verbündet, von den

Fasten und Mysterien der Ägypter und Inder bis zu den Phantasien der

langhaarigen Obstesser und den Heilungswundern der Magnetiseure oder

Gesundbeter.

Daß aus diesen Erlebnissen und Beobachtungen alsbald wieder eine

systematische Theorie oder Weltanschauung werde, dafür sorgte nicht

nur des Doktors eigenes Geistesbedürfnis, sondern auch eine ganze

Literatur von Schriften, die ihm von diesen Gästen teils mitgebracht,

teils zugesandt, teils als notwendig empfohlen wurden. Eine

seltsame Bibliothek entstand in dem kleinen Häuschen, beginnend mit

vegetarischen Kochbüchern und endend mit den tollsten mystischen

Systemen, über Christentum, Platonismus, Gnostizismus, Spiritismus

und Theosophie hinweg alle Gebiete geistigen Lebens in einer allen

diesen Autoren gemeinsamen Neigung zu okkultistischer Wichtigtuerei

umfassend. Der eine Autor wußte die Identität der pythagoreischen Lehre

mit dem Spiritismus darzutun, der andere Jesus als Verkündiger des

Vegetarismus zu deuten, der dritte das lästige Liebesbedürfnis als eine

Übergangsstufe der Natur zu erweisen, welche sich der Fortpflanzung nur

vorläufig bediene, in ihren Endabsichten aber die wandellose leibliche

Unsterblichkeit der Individuen anstrebe.

Mit den vielen Bekanntschaften dieses Sommers und Herbstes und mit

dieser Büchersammlung fand sich Berthold schließlich bei rasch

abnehmenden Tagen seinem zweiten tiroler Winter gegenübergestellt. Mit

dem Eintritt der kühlen Zeit und der Herbständerung der Fahrpläne hörte

nämlich der Gästeverkehr, an den er sich gewöhnt hatte, urplötzlich auf

wie mit der Schere abgeschnitten. Die Apostel und Brüder saßen jetzt

entweder still im eigenen Winternest oder hielten sich, soweit sie

heimatlos von Wanderung und Bettel lebten, an andere Gegenden und an

die Adressen städtischer Gesinnungsgenossen.

Um diese Zeit las Reichardt in der einzigen Zeitung, die er bezog, die

Nachricht von dem Tode des Eduard van Vlissen. Der hatte in einem

Dorf an der russischen Grenze, wo er der Cholera wegen in Quarantäne

gehalten, aber kaum bewacht wurde, in der Bauernschenke gegen den

Schnaps gepredigt und war im ausbrechenden Tumult erschlagen worden.

6

Vereinsamt sah Berthold dem Einwintern in seinem Tale zu. Seit

einem Jahre hatte er sein Stücklein Boden nimmer verlassen und sich

zugeschworen, auch ferner dem Leben der Welt den Rücken zu kehren. Die

Genügsamkeit und erste Kinderfreude am Neuen war aber nicht mehr in

seinem Herzen, er trieb sich viel auf mühsamen Spaziergängen im Schnee

herum, denn der Winter war viel härter als der vorjährige, und überließ

die häusliche Handarbeit immer häufiger dem Xaver, der sich längst in

dem kleinen Haushalt unentbehrlich wußte und das Gehorchen so ziemlich

verlernt hatte.

Mochte sich aber Reichardt noch so viel draußen herumtreiben, so mußte

er doch alle die unendlich langen, stillen, toten Abende allein in

der Hütte sitzen, und ihm gegenüber mit furchtbaren großen Augen saß

die Einsamkeit wie ein Wolf, den er nicht anders zu bannen wußte als

durch ein stetes waches Starren in seine leeren Augen, und der ihn

doch von hinten überfiel, so oft er den Blick abwandte. Die Einsamkeit

saß nachts auf seinem Bett, wenn er durch leibliche Ermüdung den

Schlaf gefunden hatte, und vergiftete ihm Schlaf und Träume. Und

wenn am Abend der Knecht das Haus verließ und mit wohligen Schritten

pfeifend durch den Obstgarten hinab gegen das Dorf verschwand, sah

ihm sein Herr nicht selten mit nacktem Neide nach. Für unbefestigte

Menschen ist nichts gefährlicher und seelenmordender als die beständige

Beschäftigung mit dem eigenen Wesen und Ergehen, dem eigenen Leben,

der eigenen einsamen Unzufriedenheit und Schwäche. Die ganze Krankheit

dieses Zustandes mußte nun der gute Eremit an sich erleben, und durch

die Lektüre so manches mystischen Buches geschult konnte er nun an sich

selbst beobachten, wie unheimlich wahr alle die vielen Legenden von

den Nöten und Versuchungen der frommen Einsiedler in der Wüste Thebais

waren. Von den Entrückungen und dem Einswerden mit dem Herzschlag der

Natur, welche jene Heiligen ihrer Askese verdankten, wurde ihm nichts

zuteil, es sei denn der bitter traurige Einsamkeitsstolz des freiwillig

Ausgeschlossenen, der allein ihn aufrecht hielt.

So brachte er trostlose Monate hin, dem Leben entfremdet und an der

Wurzel der Seele krank. Er sah übel aus, und seine früheren Freunde

hätten ihn nicht mehr erkannt; denn über dem wetterfarbenen, aber

eingesunkenen Gesichte war Bart und Haar lang gewachsen, und aus dem

hohlen Gesicht brannten hungrig und durch die Einsamkeit scheu geworden

die Augen, als hätten sie niemals gelacht und niemals sich unschuldig

an der Buntheit der Welt gefreut.

Ein einziges Mal suchte er, als ihm das Alleinsein in einer schlimmen

Stunde unerträglich wurde, das Dorfwirtshaus auf. Sauber gebürstet

und gekämmt, doch fremd und wunderlich trat er in die Stube, setzte

sich an einen Tisch und ließ sich Wein bringen, von dem er nur wenige

Tropfen in ein Glas Wasser goß; und die Stille bei seinem Eintritt,

das einsilbige Grüßen und nachherige Wegrücken der Tischnachbarn, das

verhaltene Lachen am Nebentische machten ihn sofort verzagt und ließen

ihn bereuen, daß er gekommen war. Ach nein, er war kein Prophet wie

van Vlissen, der unter Menschen jeder Art seine Überlegenheit bewahrt

hatte! Bedrückt und beinahe weinend vor Enttäuschung und Schwächegefühl

ging er bald wieder davon.

Es blies schon der erste Föhnwind, da brachte eines Tages der Knecht

mit der Zeitung auch einen kleinen Brief herauf, die gedruckte

Einladung zu einer Versammlung aller derer, die mit Wort oder Tat

sich um eine Reform des Lebens und der Menschheit mühten. Die

Versammlung, zu deren Einberufung theosophische, vegetarische und

andere Gesellschaften sich vereinigt hatten, sollte zu Ende des Februar

in München abgehalten werden. Wohlfeile Wohnungen und fleischfreie

Kosttische zu vermitteln erbot sich ein dortiger Verein.

Mehrere Tage schwankte Reichardt ungewiß, ob ihm diese Einladung eine

Erlösung oder Versuchung bedeute, dann aber faßte er seinen Entschluß

und meldete sich in München an. Und nun dachte er drei Wochen lang an

nichts anderes als an dieses Unternehmen. Schon die Reise, so einfach

sie war, machte ihm, der länger als ein Jahr eingesponnen hier gehaust

hatte, Gedanken und Sorgen; er ließ sich ein Kursbuch kommen und las

nachdenklich die Namen der Haltestellen und Umsteigestationen, die er

von mancher sorglosen Reise der früheren Zeiten her kannte. Gern hätte

er auch zum Bader geschickt und sich Bart und Haar zuschneiden lassen,

doch scheute er davor zurück, da es ihm als eine feige Konzession

an die Weltsitten erschien, und da er wußte, daß manche der ihm

befreundeten Sektierer auf nichts einen so hohen Wert legten wie auf

die religiös eingehaltene Unbeschnittenheit des Haarwuchses. Dafür ließ

er sich im Dorfe einen neuen Anzug machen, gleich in Art und Schnitt

wie sein van Vlissensches Büßerkleid, aber von gutem Tuche, und einen

langen, landesüblichen Lodenkragen als Mantel.

Am vorbestimmten Tage verließ er früh am kalten Morgen sein Häuschen,

dessen Schlüssel er im Dorf bei Xaver abgab, und wanderte in der

Dämmerung das stille Tal hinab bis zum nächsten Bahnhof. Da saß er nun

im Wartesaal, von Marktfrauen und Bauernburschen neugierig beobachtet,

und aß sein mitgebrachtes Frühstück. Gar gerne wäre er in der zweiten

oder ersten Klasse gefahren, nicht so sehr aus alter Gewohnheit als um

weniger beobachtet unter diskreten Mitreisenden zu sitzen; aber die

Schändlichkeit eines solchen Rückfalles in Luxus und Weltrücksicht

war einleuchtend, und er ließ davon ab. Mit Hilfe zweier schöner

Äpfel, die von seinem Imbiß übrig waren, machte er sich die Kinder

einer Bauernfrau zu Freunden und kam mit den Leuten in ein leidliches

Gespräch, das ihm wohltat und Mut machte. Er stieg mit in ihren Wagen

und nahm beim Anschluß an die Hauptbahnlinie in Freundschaft Abschied.

Nun saß er geborgen und mit einer lang nicht mehr gekosteten frohen

Reiseunruhe im Münchener Zug und fuhr aufmerksam durch das schöne Land,

unendlich froh, dem unerträglichen heimischen Zustand für ungewisse

Tage entronnen zu sein. Von Kufstein an wuchs seine Erregung. Wie war

das wunderlich, daß Kufstein und Rosenheim und München und die ganze

alte Welt noch unverändert und gleichmütig dastand, und daß alles

das, was er sich aus dem Herzen gerissen und in höheren Erkenntnissen

ertränkt hatte, doch eben noch da war und lebte!

Es war der Tag vor dem Beginn der Versammlung, und es begrüßten

den Ankommenden gleich am Bahnhof die ersten Zeichen derselben.

Aus einem Zug, der mit dem seinen zugleich ankam, stieg eine ganze

Gesellschaft von Naturverehrern in malerisch exotischen Kostümen

und auf Sandalen, mit Christusköpfen und Apostelköpfen, und mehrere

Entgegenkömmlinge gleicher Art aus der Stadt begrüßten die Brüder,

bis alle sich in einer ansehnlichen Prozession in Bewegung setzten.

Reichardt, den ein ebenfalls heute zugereister Buddhist, einer seiner

Sommerbesuche, erkannt hatte, mußte sich anschließen, und so hielt

er seinen Wiedereinzug in München in einem Aufzug von Erscheinungen,

deren Absonderlichkeit ihm hier im Straßenbilde augenblicklich peinlich

störend auffiel. Unter dem lauten Vergnügen einer nachfolgenden

Knabenhorde und den belustigten Blicken aller Vorübergehenden wallte

die seltsame Schar stadteinwärts zur Begrüßung im Empfangssaale.

Reichardt erfragte so bald als möglich die ihm zugewiesene Wohnung

und bekam einen Zettel mit der Adresse in die Hand gedrückt. Er

verabschiedete sich, nahm an der nächsten Straßenecke einen Wagen

und fuhr, ermüdet und verwirrt, nach der ihm unbekannten Straße. Da

rauschte um ihn her das Leben der wohlbekannten Stadt, die ihn nichts

mehr angehen sollte, da standen die Ausstellungsgebäude, in denen er

einst mit dem Maler Konegen Kunstkritik getrieben hatte, dort lag

seine ehemalige Wohnung, mit erleuchteten Fenstern, da drüben hatte

früher der Justizrat Weinland gewohnt. Er aber war vereinsamt und

beziehungslos geworden und hatte nichts mehr mit alledem zu tun, und

doch bereitete jede von den wieder erweckten Erinnerungen ihm einen

leisen süßen Schmerz. Und in den Straßen lief und fuhr das Volk wie

ehemals und immer, als sei nichts Arges dabei und sei keine Sorge noch

Gefahr in der Welt, elegante Wagen fuhren auf lautlosen Rädern zu den

Theatern, und Soldaten hatten ihre Mädel am Arm.

Das alles erregte den Einsamen, das wogende rötliche Licht, das im

feuchten Pflaster sich mit froher Eitelkeit abspiegelte, und das

Gesumme der Wagen und Schritte, das ganze wie selbstverständlich

spielende Getriebe. Da war Laster und Not, Luxus und Selbstsucht, aber

da war auch Freude und Glanz, Geselligkeit und Liebe, und vor allem

war da die naive Rechenschaftslosigkeit und gleichmütige Lebenslust

einer Welt, deren mahnendes Gewissen er hatte sein wollen, und die ihn

einfach beiseite getan hatte, ohne einen Verlust zu fühlen, während

sein bißchen Glück darüber in Scherben gegangen war. Und dies alles

sprach zu ihm, zog mit ungelösten Fäden an seinen Gefühlen und machte

ihn traurig.

Sein Wagen hielt vor einem großen Mietshause, seinem Zettel folgend

stieg er zwei Treppen hinan und wurde von einer kleinen roten Frau,

die ihn fast mißtrauisch musterte, in ein überaus kahles Zimmerchen

geführt, das ihn kalt und ungastlich empfing.

»Für wieviel Tage ist es?« fragte die Vermieterin kühl und bedeutete

ihm ohne Zartheit, daß das Mietgeld im Voraus zu erlegen sei.

Unwillig zog er die Geldtasche und fragte, während sie auf die Zahlung

lauerte, nach einem besseren Zimmer.

»Für anderthalb Mark im Tag gibt es keine besseren Zimmer, in ganz

München nicht,« sagte die Frau kurz und sachlich. Nun mußte er lächeln.

»Es scheint hier ein Mißverständnis zu walten,« sagte er rasch. »Ich

suche ein schönes, großes, bequemes Zimmer, nicht eine Schlafstelle.

Die Herren, die hier für mich bestellt haben, waren so freundlich,

meine Börse möglichst schonen zu wollen. Mir liegt aber nichts am

Preise, wenn Sie ein schöneres Zimmer haben.«

Die Vermieterin ging wortlos durch den Korridor voran, öffnete ein

anderes Zimmer, drehte das elektrische Licht an und sagte: »Das hier

wäre noch frei, das kostet aber dreieinhalb.«

Zufrieden sah der Gast sich in dem weit größeren und wohnlich, fast

behaglich eingerichteten Zimmer um, legte den Mantel ab, gab der Frau

ihr Geld für einige Tage voraus und sah erst nachträglich, als er

in dem fremden Raume umherging und sich auszukleiden begann, daß er

allerdings als ein Fremder in höchst uneleganter Kleidung ohne anderes

Gepäck als den Rucksack kaum Ansprüche auf einen besseren Empfang

machen durfte.

7

Erst am Morgen, da er in dem ungewohnt weichen fremden Bett erwachte

und sich auf den vorigen Abend besann, ward ihm bewußt, daß seine

Unzufriedenheit mit der einfachen Schlafstelle und sein herrenmäßiges

Verlangen nach größerer Bequemlichkeit eigentlich wider sein Gewissen

sei. Allein er nahm es sich nicht zu Herzen, stieg vielmehr munter aus

dem Bette und sah dem Tag mit Spannung entgegen. Früh ging er aus,

und beim nüchternen Gehen durch die noch ruhigen Straßen erkannte

er auf Schritt und Tritt bekannte Bilder wieder, mit einer gewissen

frohen Dankbarkeit, die ihn selbst überraschte. Es war herrlich, hier

umherzugehen und als kleiner Mitbewohner dem großen Mechanismus einer

schönen Stadt anzugehören, statt im verzauberten Ring der Einsamkeit zu

lechzen und immer nur vom eigenen Gehirn zu zehren. Sogar die weither

ertönenden Morgenpfeifen der Fabriken klangen ihm nicht häßlich und

erinnerten ihn nicht an Not und Industriesünden, sondern erzählten nur,

daß jetzt überall Menschen an ihre Arbeit gingen.

Die großen Kaffeehäuser und Läden waren noch geschlossen, er suchte

daher eine volkstümliche Frühstückshalle, um eine Schale Milch zu

genießen.

»Kaffee gefällig?« fragte der Kellner und begann schon einzugießen.

Lächelnd ließ Reichardt ihn gewähren und roch mit heimlichem Vergnügen

den Duft des Trankes, den er ein Jahr lang entbehrt hatte. Doch ließ er

es bei diesem kleinen Genusse bewenden, aß nur ein Stück Brot dazu und

nahm eine Zeitung zur Hand.

Da fand er bald einen kurzen Artikel, in dem die heutige Versammlung

angekündigt und begrüßt wurde. Man sei gespannt, hieß es, auf

diesen Kongreß von Menschen, die ein redliches Bemühen um wichtige

Lebensfragen vereine, und man hoffe, es werde aus dem Vielerlei

widerstreitender Bekenntnisse sich ein brauchbarer Niederschlag

gemeinsamer Grundgedanken ergeben. Mit leisem Spott wurde einiger

Extravaganzen und Drolligkeiten gedacht und mit Aufrichtigkeit

bedauert, daß die Mehrzahl dieser Weltverbesserer allzufern vom

Tagesleben sich in Spekulationen verliere, statt tätig da und dort

mitzuwirken und sich an praktischen Bewegungen und Unternehmungen der

Zeit zu beteiligen.

Das alles war freundlich und hübsch gesagt, und es fiel dem stillen

Leser auf, wie sehr diese Urbanität sich von der gehässigen

Unzulänglichkeit unterscheide, mit welcher die meisten Schriften

der neuen Propheten die Welt beurteilten. Nachdenklich ging er weg

und suchte den Versammlungssaal auf, den er mit Palmen und Lorbeer

geschmückt und schon von vielen Gästen belebt fand. Die Naturburschen

waren sehr in der Minderzahl, und die alttestamentlichen oder

tropischen Kostüme fielen auch hier als Seltsamkeiten auf, dafür sah

man manchen feinen Gelehrtenkopf und viel Künstlerjugend. Die gestrige

Gruppe von langhaarigen Barfüßern stand fremd als wunderliche Insel im

Gewoge.

Ein eleganter Wiener trat als erster Redner auf und sprach den Wunsch

aus, die Angehörigen der vielen Einzelgruppen möchten sich hier nicht

noch weiter auseinanderreden, sondern das Gemeinsame suchen und Freunde

werden. Dann sprach er parteilos über die religiösen Neubildungen

der Zeit und ihr Verhältnis zur Frage des Weltfriedens. Ihm folgte

ein greiser Theosoph aus England, der seinen Glauben als universale

Vereinigung der einzelnen Lichtpunkte aller Weltreligionen empfahl.

Ihn löste ein Rassentheoretiker ab, der mit scharfer Höflichkeit

für die Belehrung dankte, jedoch den Gedanken einer internationalen

Weltreligion als eine gefährliche Utopie brandmarkte, da jede Nation

oder doch jede Rasse das Bedürfnis und Recht auf einen eigenen, nach

seiner Sonderart geformten und gefärbten Glauben habe.

Während dieser Rede wurde eine neben Reichardt sitzende Frau unwohl,

und er begleitete sie hilfreich durch den Saal bis zum nächsten

Ausgang. Um nicht weiter zu stören, blieb er alsdann hier stehen und

suchte den Faden des Vortrages wieder zu erhaschen, während sein Blick

über die benachbarten Stuhlreihen wanderte.

Da sah er gar nicht weit entfernt in aufmerksamer Haltung eine schöne

Frauenfigur sitzen, die seinen Blick gefangen hielt, und während sein

Herz unruhig wurde und jeder Gedanke an die Worte des Redners ihn

jäh verließ, erkannte er Agnes Weinland. Heftig zitternd lehnte er

sich an den Türbalken und hatte keine andere Empfindung als die eines

Verirrten, dem in Qual und Verzweiflung unerwartet über fremde Höhen

hinweg die Türme der Heimat winken. Denn kaum hatte er die freie,

stolze Haltung ihres Kopfes erkannt und von hinten den verlorenen Umriß

ihrer Wange erfühlt, so sank ihm Religion und Rasse, Menschenmenge und

Ort wie Nebel dahin, und er wußte nichts auf der Welt als sich und

sie, und wußte, der Schritt zu ihr und der Blick ihrer braunen Augen

und der Kuß ihres Mundes sei das Einzige, was seinem Leben fehle und

ohne welches keine Weisheit und kein Trost ihm helfen könne. Und dies

alles schien ihm möglich und in Treue aufbewahrt; denn er meinte mit

liebender Ahnung zu fühlen, daß sie, die sonst für dergleichen Dinge

wenig Teilnahme hatte, nur seinetwegen oder doch im Gedanken an ihn

diese Versammlung aufgesucht habe.

Als der Redner zu Ende war, meldeten sich viele zur Erwiderung, und es

machte sich bereits die erste Woge der Rechthaberei und Unduldsamkeit

bemerklich, welche fast allen diesen ehrlichen Köpfen die Weite,

Freiheit und Liebe nahm, und woran auch dieser ganze Kongreß, statt

der Welterlösung zu dienen, kläglich scheitern sollte.

Berthold Reichardt jedoch hatte für diese Vorboten naher Stürme kein

Ohr. Er starrte auf die Gestalt seiner Geliebten, als sei sein ganzes

Wesen sich bewußt, daß es einzig von ihr gerettet und zu Leben und

Glück zurückgeleitet werden könne. Mit dem Schluß jener Rede erhob

sich das Fräulein, schritt schlank und geschmeidig dem Ausgang zu und

zeigte ein ernstkühles Gesicht, in welchem sichtlich ein Widerwille

gegen diese ganzen Verhandlungen unterdrückt wurde. Sie ging ganz nahe

an Berthold vorbei, ohne ihn doch zu beachten, und er konnte deutlich

sehen, wie ihr beherrschtes kühles Gesicht noch immer in frischer

Farbe blühte, doch um einen feinen lieben Schatten älter und stiller

geworden war. Zugleich bemerkte er mit wunderlich frohem Stolz, wie die

Vorüberschreitende überall von bewundernden und achtungsvollen Blicken

begleitet wurde.

Sie trat ins Freie und ging die Straße hinab, wie sonst in tadelloser

Kleidung und mit ihrem sportmäßigen, kräftig gleichmäßigen Schritt,

nicht eben fröhlich, aber aufrecht und elastisch wie in einem guten

Lebensglauben. Ohne Eile ging sie dahin, von Straße zu Straße, nur vor

einem prächtig prangenden Blumenladen eine Weile sich vergnügend, ohne

zu ahnen, daß ihr Berthold immerzu folgte und in ihrer Nähe war. Und er

blieb hinter ihr bis zur Ecke der fernen Vorstadtstraße, wo er sie im

Tor ihrer alten Wohnung verschwinden sah.

Dann kehrte er um, und im langsamen Gehen blickte er an sich nieder. Er

war froh, daß sie ihn nicht gesehen hatte, und die ganze ungepflegte

Dürftigkeit seiner Erscheinung, die ihn schon seit gestern bedrückt

hatte, schien ihm jetzt unerträglich. Sein erster Gang war zu einem

Barbier, der ihm das Haar scheren und den Bart abnehmen mußte, und

als er in den Spiegel sah und dann wieder auf die Gasse trat und die

duftige Frische der rasierten Wangen im leisen Winde spürte, fiel alle

Befangenheit und einsiedlerische Scheu vollends ganz von ihm ab. Eilig

fuhr er nach einem großen Kleidergeschäft, kaufte einen modischen Anzug

und ließ ihn so sorgfältig wie möglich seiner Figur anpassen, kaufte

nebenan weiße Wäsche, Halsbinde, Hut und amerikanische Stiefel, sah

sein Geld zu Ende gehen und fuhr zur Bank um neues, fügte dem Anzug

einen Mantel und den Stiefeln Gummischuhe hinzu und fand am Abend, als

er in angenehmer Ermüdung heimkehrte, alles schon in Schachteln und

Paketen daliegen und auf ihn warten.

Nun konnte er nicht widerstehen, sofort eine Probe zu machen, und zog

sich alsbald vom Kopfe zu Füßen mit den neuen Sachen an, lächelte

sich etwas verlegen im Spiegel zu und konnte sich nicht erinnern, je

in seinem Leben eine so knabenhafte Freude über neue Kleider gehabt

zu haben. Daneben hing, unsorglich über seinen Stuhl geworfen, sein

asketisches Lodenzeug grau und entbehrlich geworden wie die brüchige

Puppenhülle eines jungen Schmetterlings.

Während er so vor dem Spiegel stand, unschlüssig, ob er noch einmal

ausgehen sollte, wurde an seine Tür geklopft, und er hatte kaum Antwort

gegeben, so trat geräuschvoll ein stattlicher Mann herein, in welchem

er sofort den Herrn Salomon Adolfus Wolff erkannte, jenen reisenden

Wundertäter, der ihn vor Monaten in der tiroler Einsiedelei besucht

hatte.

Wolff begrüßte den »Freund« mit heftigem Händeschütteln und nahm mit

Verwunderung dessen frische Eleganz wahr. Er selbst trug den braunen

Hut und alten Gehrock von damals, jedoch diesmal auch eine schwarze

Weste dazu und neue hellgraue Beinkleider, die jedoch für längere

Beine als die seinen gearbeitet schienen, da sie oberhalb der Stiefel

eine harmonikaähnliche Anordnung von kleinen widerwilligen Querfalten

aufwiesen. Er beglückwünschte den Doktor zu seinem guten Aussehen und

hatte nichts dagegen, als dieser ihn zum Abendessen einlud.

Schon unterwegs auf der Straße begann Salomon Adolfus mit Leidenschaft

von den heutigen Reden und Verhandlungen zu sprechen und konnte es

kaum glauben, daß Reichardt ihnen nicht beigewohnt habe. Am Nachmittag

hatte ein schöner langlockiger Russe über Pflanzenkost und soziales

Elend gesprochen und dadurch Skandal erregt, daß er beständig den

nichtvegetarianischen Teil der Menschheit als Leichenfresser bezeichnet

hatte. Darüber waren die Leidenschaften der Parteien erwacht, mitten

im Gezänke hatte sich ein Anarchist des Wortes bemächtigt und mußte

durch Polizeigewalt von der Tribüne entfernt werden. Die Buddhisten

hatten stumm in geschlossenem Zuge den Saal verlassen, die Theosophen

vergebens zum Frieden gemahnt. Ein Redner habe das von ihm selbst

verfaßte »Bundeslied der Zukunft« vorgetragen, mit dem Refrain:

»Ich laß der Welt ihr Teil,

Im All allein ist Heil!«

und das Publikum sei schließlich unter Lachen und Schimpfen

auseinandergegangen.

Erst beim Essen beruhigte sich der erregte Mann und wurde dann gelassen

und heiter, indem er ankündigte, er werde morgen selbst im Saale

sprechen. Es sei ja traurig, all diesen Streit um nichts mit anzusehen,

wenn man selbst im Besitz der so einfachen Wahrheit sei. Und er

entwickelte seine Lehre, die vom »Geheimnis des Lebens« handelte und in

der Weckung der in jedem Menschen vorhandenen magischen Seelenkräfte

das Heilmittel für die Übel der Welt erblickte.

»Sie werden doch dabei sein, Bruder Reichardt?« sagte er einladend.

»Leider nicht, Bruder Wolff,« meinte dieser lächelnd. »Ich kenne ja

Ihre Lehre schon, der ich guten Erfolg wünsche. Ich selber bin in

Familiensachen hier in München und morgen leider nicht frei. Aber wenn

ich Ihnen sonst irgendeinen Dienst erweisen kann, tue ich es sehr

gerne.«

Wolff sah ihn mißtrauisch an, konnte aber in Reichardts Mienen nur

Freundliches entdecken.

»Nun denn,« sagte er rasch. »Sie haben mir diesen Sommer mit einem

Darlehen von zehn Kronen geholfen, die nicht vergessen sind, wenn ich

auch bis jetzt nicht in der Lage war, sie zurückzugeben. Wenn Sie mir

nun nochmals mit einer Kleinigkeit aushelfen wollten -- mein Aufenthalt

hier im Dienst unserer Sache ist mit Kosten verbunden, die niemand mir

ersetzt.«

Berthold gab ihm ein Goldstück und wünschte nochmals Glück für morgen,

dann nahm er Abschied und ging nach Hause, um zu schlafen.

Kaum lag er jedoch im Bette und hatte das Licht gelöscht, da war

Müdigkeit und Schlaf plötzlich dahin, und er lag die ganze Nacht

brennend in Gedanken an Agnes und in tausend bitteren Zweifeln, denen

doch das Herz in stiller Ahnung tapfer widersprach.

Früh am Morgen verließ er das Haus, unruhig und von der schlaflosen

Nacht erschöpft. Er brachte die frühen Stunden auf einem Spaziergange

und im Schwimmbad zu, saß dann noch eine ungeduldige halbe Stunde vor

einer Tasse Tee und fuhr, sobald ein Besuch möglich schien, in einem

hübschen Wagen an der Weinlandschen Wohnung vor.

Nachdem er die Glocke gezogen, mußte er eine Weile warten, dann fragte

ihn ein kleines neues Mädchen, keine richtige Magd, erstaunt und

unbeholfen nach seinem Begehren. Er fragte nach den Damen und die

Kleine lief, die Tür offen lassend, nach der Küche davon. Dort wurde

nun ein Gespräch hörbar und zur Hälfte verständlich.

»Es geht nicht,« sagte Agnesens Stimme, »du mußt sagen, daß die gnädige

Frau krank ist. -- Wie sieht er denn aus?«

Schließlich aber kam Agnes selbst heraus, in einem blauen leinenen

Küchenkleide, sah ihn fragend an und sprach kein Wort, da sie ihn

unverweilt erkannte.

Er streckte ihr die Hand entgegen. »Darf ich hereinkommen?« fragte er,

und ehe weiteres gesagt wurde, traten sie in das bekannte Wohnzimmer,

wo die Frau Rat in einen Wollenschal gehüllt im Lehnstuhl saß, sich bei

seinem Anblick aber alsbald steif und tadellos aufrichtete.

»Der Herr Doktor Reichardt ist gekommen,« sagte Agnes zur Mutter, die

dem Besuch die Hand gab.

Sie selbst aber sah nun im Morgenlicht der hellen Stube den Mann an,

las die Not eines verfehlten und schweren Jahres in seinem mageren

Gesicht und die Sicherheit und den Willen einer geklärten Liebe in

seinen Augen.

Sie ließ seinen Blick nicht mehr los, und eines vom andern wortlos

angezogen gaben sie einander nochmals die Hand.

»Kind, aber Kind!« rief die Rätin erschrocken, als unversehens ihre

Tochter große Tränen in den Augen hatte und ihr erbleichtes Gesicht

neben dem der Mutter im Lehnstuhl verbarg.

Das Mädchen richtete sich aber mit neu erglühten Wangen sogleich wieder

auf und lächelte noch mit Tränen in den Augen.

»Es ist schön, daß Sie wieder gekommen sind,« begann nun die alte Dame.

Da stand das hübsche Paar schon Hand in Hand bei ihr und sah dabei so

gut und lachend aus, als habe es schon seit langem zusammengehört.

Umwege: Erzählungen · 第 20 / 35 题