Franz Remppis.
Auf dem Wege des jungen Kolb, der von da an stetig abwärts führte,
war hier der Punkt des letzten Zurückschauens, der letzten Besinnung,
ob es nicht auch anders hätte gehen können, ja ob nicht jetzt noch
eine Wandlung möglich wäre. Nach einigen Tagen lag dies alles abgetan
dahinten, und der junge Mensch lief vollends blindlings in der engen
Sackgasse seines Schicksals weiter.
Die Arbeit in der Fabrik war nicht so schlimm, wie sie ihm geschildert
worden war. Er hatte zu Anfang nur Handlangerdienste zu tun, Kisten zu
öffnen oder zu vernageln, Körbe mit Wolle in die Säle zu tragen, Gänge
zum Magazin und zur Reparaturwerkstätte zu besorgen. Es dauerte jedoch
nicht lange, so bekam er probeweise einen Strickstuhl zu besorgen,
und da er sich anstellig zeigte, saß er in Bälde an seinem eigenen
Stuhl und arbeitete im Akkord, so daß es ganz von seinem Fleiß und
Willen abhing, wieviel Geld er in der Woche verdienen wollte. Dieses
Verhältnis, das sich in keinem anderen Berufe so findet, gefiel dem
jungen Burschen sehr wohl, und er genoß seine Freiheit mit grimmigem
Behagen, indem er am Feierabend und Sonntag mit den wildesten
Kameraden aus der Fabrik bummeln ging. Da gab es keinen Prinzipal
mehr, der in häßlicher Nähe kontrollierend saß, und keine Hausordnung
eines alten strengen Handelshauses, keine Eltern und nicht einmal
ein Standesbewußtsein, das störende Forderungen machen konnte. Geld
verdienen und Geld verbrauchen war des Lebens Sinn, und das Vergnügen
bestand neben Bier und Tanzen und Zigarren vor allem im Gefühl frecher
Unabhängigkeit, womit man am Sonntag den schwarzgekleideten Kaufleuten
und anderen Philistern ins Gesicht grinsen konnte, ohne daß es jemand
gab, der einem verbieten oder befehlen durfte.
Dafür, daß es ihm mißlungen war, aus seinem geringen Vaterhause in die
höheren Stände empor zu gelangen, rächte sich Emil Kolb nun an diesen
höheren Ständen. Er fing, wie billig, oben an und ließ den lieben Gott
seine Verachtung fühlen, indem er weder Predigt noch Katechese je
besuchte und dem Pfarrer, den er zu grüßen gewohnt gewesen war, beim
Begegnen auf der Straße vergnügt den Rauch seiner langen Zigarre ins
Gesicht blies. Schön war es auch, am Abend sich vor das beleuchtete
Schaufenster zu stellen, hinter welchem der Lehrling Remppis noch saure
Abendstunden an der Arbeit war, oder in den Laden selbst hinein zu
gehen und mit dem baren Gelde in der Hosentasche eine gute Zigarre zu
verlangen.
Das Schönste aber waren ohne Zweifel die Mädchen. In der ersten
Zeit hielt sich Emil den Frauensälen der Fabrik fern, bis er eines
Tages in der Mittagspause aus dem Saal der Sortiererinnen eine junge
Mädchengestalt hervortreten sah, die er trotz mancher Veränderungen
alsbald wieder erkannte. Er lief hinüber und rief sie an.
»Fräulein Emma! Kennen Sie mich noch?«
Erst in diesem Augenblicke fiel ihm ein, unter welch anderen Umständen
er das Mädchen im vorigen Jahre kennen gelernt hatte und wie wenig sein
jetziger Zustand dem entsprach, was er ihr damals von sich erzählt
hatte.
Auch sie schien sich jener Unterhaltungen noch wohl zu erinnern, denn
sie grüßte ihn ziemlich kalt und meinte: »So, Sie sind's? Ja, was tun
denn Sie hier?«
Doch gewann er für den Augenblick das Spiel, indem er mit lebhafter
Galanterie antwortete: »Es versteht sich doch von selbst, daß ich nur
Ihretwegen hier bin!«
Das Fräulein Emma hatte seit dem Sonntagsausflug mit dem Verein
jüngerer Angehöriger des Handelsstandes ein wenig an Anmut und
Mädchenzierlichkeit verloren, hingegen sehr an Lebenserfahrung und
Kühnheit gewonnen. Nach einer kurzen Prüfungszeit bemächtigte sie
sich des jungen Liebhabers entschieden, der nun seine Sonntage stolz
und herrisch am Arm der Schönen verbummelte und an Tanzplätzen und
Ausflugsorten seine junge Mannheit sehen ließ.
Es kam da auch zu einem Wiedersehen mit jenem Häuflein junger
Ladenschwengel, dessen Gäste Emma und ihr Schatz damals gewesen waren.
Da mochten nun die Herren Lehrlinge noch so sehr die Nasen hochziehen
und fremd tun, Emil lachte sie geradezu an und hatte sein Mädchen so
frech und herausfordernd im Arme, und sie lachte auch so laut und hing
ihm so hingegeben an, daß freilich die Handelsständler an ihrem Glücke
nicht zweifeln konnten.
Genug Geld zu haben und ohne lästige Kontrolle nach seinem Belieben
ausgeben zu dürfen, war für Kolb ein lang ersehntes Vergnügen, dessen
er jetzt schwelgerisch genoß. Trotzdem aber und trotz seines blühenden
Liebesfrühlings war es dem Manne nicht völlig wohl. Was ihm fehlte,
war die Lust des unrechtmäßigen Besitzes und der Kitzel des schlechten
Gewissens. Zum Stehlen gab es in seinem jetzigen Leben kaum eine
Gelegenheit. Nichts ist dem Menschen schwerer zu entbehren als ein
Laster, und wenige Laster sind so zäh wie das der Diebe. Außerdem hatte
der junge Mensch in seiner Verwahrlosung einen Haß gegen die Reichen
und Angesehenen in sich ausgebildet, aus deren Reihen er für immer
ausgestoßen war, und mit dem Hasse ein Verlangen, diese Leute nach
Möglichkeit zu überlisten und zu schädigen. Das Gefühl, am Samstag
Abend mit einigen wohlverdienten Talern im Beutel aus der Fabrik zu
gehen, war ganz angenehm. Aber jenes Gefühl, heimlich über fremde
Gelder zu verfügen und einen dummen Kerl von Prinzipal beliebig prellen
zu können, war doch weit köstlicher gewesen.
Darum sann Emil Kolb mitten in seinem Glücke immer gieriger auf neue
Möglichkeiten zu unehrlichem Erwerb. Eine neue Leidenschaft, die
soeben Gewalt über ihn zu üben anfing, tat diesen Plänen Vorschub.
Es kam neuerdings manchmal vor, daß er ohne Geld war, obwohl er über
seinen Bedarf verdiente. Er hatte nämlich, durch einen Zeitungsartikel
angeregt, sich in den Gedanken verliebt, einmal durch einen
Lotteriegewinn reich zu werden. Das war schon seinem Vater im Blut
gelegen, der in früheren Zeiten manchen Taler an Lose vergeudet, seit
langem aber das Geld dafür nimmer aufgebracht hatte. Emil kaufte sich
mehrere Lose, und da sie alle nicht gewannen, die Spannung aber im
Erwarten und Lesen der Ziehungslisten ihn immer heftiger kitzelte,
wurde es ihm zur Gewohnheit, immer wieder sein Geld an diese wilden
Hoffnungen zu wagen.
Die Energie eines planmäßigen Denkens, welche er im täglichen Leben und
zu redlichen Zwecken kaum aufbrachte, fand er in seinen Diebesplänen
wieder. Geduldig suchte er Gelegenheit und Ort eines größeren
Unternehmens ausfindig zu machen, und da er durch die heimatlichen
Erfahrungen gewitzigt war, schien es ihm richtig, diesmal das eigene
Geschäft zu schonen und etwas Entlegneres zu suchen. Da stach ihm
der Laden ins Auge, wo Franz Remppis als Lehrling diente, das größte
Geschäft des Städtchens.
Das Haus Johann Löhle in Lächstetten entsprach etwa dem der
Brüder Dreiß in Gerbersau. Es führte außer Kolonialwaren und
landwirtschaftlichen Geräten alle Artikel des täglichen Gebrauches, vom
Briefpapier und Siegellack bis zu Kleiderstoffen und eisernen Öfen, und
hielt nebenher eine kleine Bank. Den Laden kannte Emil Kolb genau, er
war oft genug darin gewesen und über die Standorte mancher Kiste und
Lade sowie über Ort und Beschaffenheit der Kasse wohl unterrichtet.
Über die sonstigen Räume des Hauses wußte er durch frühere Erzählungen
seines Freundes einigermaßen Bescheid, und was ihm zu wissen noch
unentbehrlich schien, erfragte er bei gelegentlichen Besuchen des
Ladens. Er sagte etwa, wenn er abends gegen sieben Uhr den Laden
betrat, zum Hausknecht oder jüngsten Lehrling: »Na, jetzt ist bald
Feierabend!« Sagte der dann: »Noch lange nicht, es kann halb neune
werden«, so fragte Emil weiter: »So so; aber dann kannst du wenigstens
gleich weglaufen, das Ladenschließen wird nicht deine Sache sein.« Und
dann erfuhr er, daß der Prokurist Menzel oder zu andern Zeiten der Sohn
des Prinzipals immer als Letzter das Geschäft verlasse, und richtete
nach alle dem seine Pläne ein.
Darüber verging die Zeit, und es war seit seinem Eintritt in die Fabrik
schon ein Jahr vergangen. Diese lange Zeit war auch an dem Fräulein
Emma nicht spurlos vorübergegangen. Sie begann etwas gealtert und
unfrisch auszusehen; was aber ihren Liebhaber am meisten erschreckte,
war der nicht mehr zu verbergende Umstand, daß sie ein Kind erwartete.
Das verdarb ihm die Lächstettener Luft, und je näher die gefürchtete
Niederkunft heranrückte, desto fester wurde in Kolb der Vorsatz, noch
vor diesem Ereignis den Ort zu verlassen. Er erkundigte sich daher
fleißig nach auswärtigen Arbeitsgelegenheiten und stellte fest, daß er
nichts zu verlieren habe, wenn er sich der Schweiz zuwendete.
Auf den schönen Plan einer Erleichterung des Johann Löhleschen
Ladens jedoch dachte er deswegen nicht zu verzichten. Ja es schien
ihm sehr gut und schlau, seinen Abgang aus der Stadt mit der Tat zu
verbinden. Darum hielt er eine letzte Übersicht über alle seine Mittel
und Aussichten, schloß die Rechnung befriedigt ab und vermißte zur
Ausführung seines Unternehmens nichts als ein wenig Mut. Der kam ihm
jedoch während einer sehr untröstlichen Unterredung mit der Emma, so
daß er im Ärger der Stunde ungesäumt den Weg des Schicksals betrat und
beim Aufseher für die nächste Woche kündigte. Es wurde ihm ohne Erfolg
zum Dableiben geraten, und da er vom Wandern nicht abzubringen war,
versprach ihm der Aufseher ein gutes Zeugnis und eine Empfehlung an
mehrere Schweizer Fabriken mitzugeben.
So setzte er denn den Tag seiner Abreise fest, und am Abend zuvor
beschloß er den Handstreich bei Johann Löhle auszuführen. Er war auf
den Einfall gekommen, sich am Abend in das Haus einschließen zu lassen.
So suchte er denn, vor dem Hause gegen den Abend hin lungernd, schon
mit seinem Zeugnis und Wanderpaß in der Tasche, einen Eingang und fand
ihn in einem Augenblick, da niemand in der Nähe schien, durch das
große, weit offen stehende Hoftor. Vom Hof schlich er sich still in das
Magazin hinüber, das mit dem Laden in unmittelbarer Verbindung stand,
und blieb zwischen Fässern und hohen Kisten verborgen, bis es nachtete
und das Leben im Geschäfte erlosch. Gegen acht Uhr war es in dem Raume
schon völlig dunkel, eine Stunde später verließ der junge Herr Löhle
das Geschäft, schloß hinter sich ab und verschwand nach dem oberen
Stockwerk, wo seine Wohnung lag.
Der im finstern Magazin versteckte Dieb wartete zwei ganze Stunden, ehe
er den Mut fand, einen Schritt zu tun. Dann wurde es ringsum stille,
auch von Straße und Marktplatz her war kaum ein Ton mehr zu hören,
und Emil trat vorsichtig im Finstern aus seinem Loche hervor. Die
Stille des großen, verödeten Raumes beengte ihm das Herz, und als er
an der Türe zum Laden hin den Riegel zurückschob, kam ihm plötzlich
zum Bewußtsein, daß Einbruch ein schweres Verbrechen sei und schwer
bestraft werde. Nun aber, im Laden drinnen, nahm die Fülle der guten
und schönen Dinge seine Aufmerksamkeit ganz gefangen. Es wurde ihm
feierlich zumute, da er die Laden und Wandfächer voller Waren ansah.
Da lagen in einem Glaskasten, nach Sorten geordnet, Hunderte von
schönen Zigarren, und oben auf dem Wandgerüste standen davon weitere
Kisten voll; Zuckerhüte und Feigenkränze, geräucherte lange Würste und
Blechkästen voll Zwieback schauten ihn heiter an, und er konnte nicht
widerstehen, fürs erste wenigstens eine Handvoll feiner Zigarren in
seine Brusttasche zu stopfen.
Beim schwachen Schein seiner winzigen Laterne suchte er alsdann die
Kasse auf, eine einfache Holzschieblade im Ladentisch, die jedoch
verschlossen war. Aus Vorsicht, damit es ihn nicht verriete, hatte er
keinerlei Werkzeuge mitgebracht und suchte sich nun im Laden selbst
Stemmeisen, Zange und Schraubenzieher aus. Damit machte er sorgfältig
das Schloß der Lade los und hatte bald ohne Mühe die Kasse eröffnet.
Mit Begier schaute er beim schwachen Lichte hinein und sah erregt in
kleinen Abteilungen geordnet die Münzen liegen, leise glänzend, Zehner
bei Zehner und Pfennig bei Pfennig. Er begann das Ausräumen mit den
größeren Münzstücken, deren aber sehr wenige da waren, und hatte bald
zu seiner zornigen Enttäuschung überrechnet, daß der ganze Inhalt
der erbrochenen Kasse höchstens zwanzig Mark betrage. Mit so wenigem
hatte er nicht gerechnet und kam sich nun elend betrogen vor. Sein Zorn
war so groß, daß er das Haus hätte anzünden mögen. Da war er nun, so
sorgfältig vorbereitet, zum erstenmal in seinem Leben eingebrochen,
hatte seine schöne Freiheit riskiert und sich in schwere Gefahr
begeben, um die paar elenden Geldstückchen zu erbeuten! Den großen
Haufen Kupfergeld ließ er verächtlich liegen, tat das andere in seinen
Geldbeutel und hielt nun Umschau, was etwa sonst noch des Mitnehmens
wert sein möchte. Da war nun genug des Begehrenswerten, aber lauter
große und schwere Sachen, die ohne Hilfe nicht hinwegzubringen waren.
Wieder kam er sich betrogen vor und war vor Enttäuschung und Kränkung
dem Weinen nahe, als er, ohne mehr etwas dabei zu denken, noch einige
Zigarren und von einem großen Vorrat, der auf dem Tische gestapelt
lag, eine kleine Handvoll Ansichtskarten zu sich steckte und den Laden
verließ. Ängstlich suchte er, ohne Licht, den Weg durch das Magazin
in den Hof zurück und erschrak nicht wenig, als das schwere Hoftor
seinen Bemühungen nicht gleich nachgeben wollte. Verzweifelt arbeitete
er am großen Riegel, der in seiner Steinritze am Boden spannte, und
atmete tief auf, als er nachgab und das Tor langsam aufging. Er zog es
hinter sich notdürftig zu und schritt nun mit einem merkwürdig kühlen
Gefühl von Ernüchterung und Bangigkeit durch die toten nächtigen Gassen
zu seiner Schlafstelle. Hier lag er ohne Schlaf drei bange Stunden
wartend, bis der Morgen graute. Da sprang er auf, wusch sich die Augen
klar und trat mit dem alten kecken Gesicht bei den Hauswirten ein,
um Adieu zu sagen. Er bekam einen Kaffee eingeschenkt und viel gute
Reisewünsche, nahm sein Köfferlein am Stock über die Schulter und ging
zum Bahnhof. Und als im Städtchen der Tag erwachte und der Löhlesche
Hausknecht beim Ladenöffnen die Kasse aufgebrochen fand, da fuhr Emil
Kolb schon ein paar Meilen weiter durch ein schönes Waldland, das er
vom Wagenfenster mit Neugierde betrachtete, denn es war die erste so
große Reise seines Lebens.
Im Hause Johann Löhle erregte die Entdeckung des Verbrechens großen
Sturm, und auch nachdem der Schaden festgestellt und als recht
geringfügig erkannt war, summte die lüsterne Aufregung weiter und
verbreitete sich durch die ganze Stadt. Polizei und Landjägerschaft
erschien, nahm die übliche Reihe von symbolischen Handlungen vor und
stieß die vor dem berühmt gewordenen Hause sich drängende Menschenmenge
hin und wider.
Auch der Amtsrichter erschien selber und besah sich die schlimme
Sache, aber auch er konnte den Täter nicht finden noch ahnen. Es ward
der Hausknecht und der Packer und die ganze Reihe der erschrockenen
und dennoch über das Unerhörte heimlich wild entzückten Lehrlinge ins
Verhör genommen, es wurde nach allen Käufern gefragt, die gestern den
Laden beehrt hatten, doch alles war vergebens. Alsdann setzte der
Amtsrichter einen Bericht über das Schrecknis auf samt einem genauen
Verzeichnis der gestohlenen Sachen. An Emil Kolb dachte niemand.
Indessen dachte dieser selbst sehr häufig an Lächstetten und das Haus
Löhle zurück. Er las mit tiefem Bangen, hernach mit Genugtuung die
heimatlichen Zeitungen, deren mehrere sich mit dem Fall beschäftigten,
und da er sah, daß auf ihn gar kein Verdacht gefallen sei, freute er
sich geschmeichelt seiner Geriebenheit und war trotz der kleinen Beute
mit seinem ersten Einbruch ganz zufrieden.
Noch war er auf der Wanderschaft und hielt sich gerade in der Gegend
des Bodensees auf, denn er hatte wenig Eile und wollte unterwegs auch
etwas sehen. Seine erste Empfehlung lautete nach Winterthur, wo er erst
einzutreffen gedachte, wenn sein Geld knapp werden würde.
Behaglich saß er in einem kleinen hübschen Wirtshause bei einer guten
Wurst, deren Scheiben er bedachtsam und reichlich mit Senf bestrich,
dessen Schärfe er sodann mit einem kühlen guten Bier bekämpfte.
Darüber ward ihm wohl und fast wehmütig vor Erinnerung und abgeklärter
Seelenruhe, so daß er ohne Groll an seine Emma denken konnte. Es schien
ihm nun, sie habe es doch gut mit ihm gemeint, ja sie tat ihm leid und
er hätte sie gerne ein wenig versöhnt und getröstet. Je länger er daran
kaute, desto mehr tat ihm das Mädel leid, und während er das dritte
oder vierte Glas von dem guten Bier bestellte und erwartete, kam er zu
dem Entschlusse, ihr einen Gruß zu schreiben.
Vergnügt griff er in die Tasche, wo noch ein kleiner Vorrat von den
Löhleschen Zigarren übrig war, und zog das kleine steife Päcklein
heraus, worin die Lächstettener Ansichtspostkarten waren. Die Kellnerin
lieh ihm einen Bleistift, und während er ihn mit der Zungenspitze
befeuchtete, schaute er das Bildchen auf den Karten zum erstenmal
genauer an. Es stellte die untere Brücke in Lächstetten vor und war auf
eine ganz neue Manier mit glänzenden Farben gedruckt, wie sie die arme
Wirklichkeit nicht hat. Befriedigt betrachtete Kolb diese Beute, nahm
einen Schluck aus dem Bierglas, das die Kellnerin ihm eben gebracht
hatte, und fing zu schreiben an.
Mit Deutlichkeit malte er die Adresse, wobei ihm der Stift abbrach.
Doch ließ er sich die Laune dadurch nicht verderben, schnitzte
den Stift in aller Ruhe wieder zurecht und schrieb dann unter das
schönfarbene Bild: »Gedenke Deiner in der Fremde und bin mit vielen
Grüßen Dein getreuer E. K.«
Diese zärtliche Karte bekam die betrübte Emma zwar zu Gesicht, jedoch
nicht ohne Verzögerung und nicht aus den Händen des Briefboten, sondern
aus denen des Herrn Amtsrichters, der das Mädchen durch die plötzliche
Vorladung auf sein Amtszimmer nicht wenig erschreckt hatte.
Es waren nämlich jene Ansichtskarten erst vor ganz wenigen Tagen in den
Löhleschen Laden gekommen und von dem ganzen Vorrate waren erst drei
oder vier Stück verkauft worden, deren Käufer man hatte feststellen
können. Es war daher auf die vom Diebe mitgenommenen Karten die
Hoffnung seiner Entdeckung gesetzt worden und die davon unterrichteten
Postbeamten hatten die vom Bodensee her eintreffende Postkarte mit dem
Bild der unteren Brücke von Lächstetten sofort erkannt und angehalten.
Immerhin gelangte Emil Kolb noch bis Winterthur, so daß seine
Gefangennehmung und Überlieferung nicht so einfach und glanzlos
verlief, sondern mit den Stempeln und Uniformen zweier Länder als
feierliche Auslieferung der Schweiz an das Deutsche Reich als
Staatsaktion verlief.
Damit ist die Geschichte Emil Kolbs zu Ende. Seine Einlieferung in
Lächstetten verlief wie ein großes Volksfest, wobei der Triumph der
Einwohnerschaft über den gefesselt einhergeführten achtzehnjährigen
Dieb einer kleinen Ladenkasse alle jenen kleinen Züge zeigte, welche
dem Leser solcher Berichte den Verbrecher bemitleidenswert und die
Einwohnerschaft verächtlich machen. Sein Prozeß dauerte nicht lange.
Ob er nun aus dem Zuchthause, das ihn einstweilen aufgenommen hat,
zu längerem Aufenthalt in unsere Welt zurückkehren oder -- wie ich
glaube -- den Rest seines Lebens mit kleinen Pausen vollends in solchen
Strafanstalten hinbringen wird, jedenfalls wird seine Geschichte uns
wenig mehr zu sagen und zu lehren haben. Denn Emil Kolb war kein
Charakter, auch nicht als Verbrecher, sondern war auch als Verbrecher
nur eben ein Dilettant, der denn auf unsere Achtung keinen Anspruch
hat, unser Mitleid aber eher verdient und braucht als mancher, dessen
Unglück weniger in seiner eigenen Seele begründet scheint.