Die Gerbersauer wandern im ganzen nicht ungerne und es ist Herkommen,
daß ein junger Mensch ein Stück Welt und fremde Sitte sieht, ehe er
sich selbständig macht, heiratet und sich für immer in den Bann der
heimischen Gewohnheiten und Regeln begibt. Doch pflegen die meisten
schon nach kurzen Wanderzeiten die Vorzüge der Heimat einzusehen und
wiederzukehren, und es ist eine Rarität, daß einer bis in die höheren
Mannesjahre oder gar für immer in der Fremde hängen bleibt. Immerhin
kommt es je und je einmal vor und macht den, der es tut, zu einer
widerwillig anerkannten, doch vielbesprochenen Berühmtheit in der
Heimatstadt.
Ein solcher war August Schlotterbeck, der einzige Sohn des Weißgerbers
Schlotterbeck an der Badwiese. Er ging wie andere junge Leute auf
Wanderschaft, und zwar als Kaufmann, denn er war als Knabe schwächlich
gewesen und für die Gerberei untauglich befunden worden. Später
freilich zeigte sich, wie es häufig mit solchen Kindern geht, daß die
Zartheit und Schwäche nur eine Laune der Wachsjahre gewesen und dieser
August ein recht kräftiger und zäher Bursche war. Jedoch hatte er nun
schon den Handelsberuf ergriffen und schaute im Schreibstubenrock mit
Ärmelschonern auf die Handwerker zwar duldsam, doch mit einigem Mitleid
herab, seinen Vater nicht ausgenommen. Und sei es nun, daß der alte
Schlotterbeck dadurch an Vaterzärtlichkeit verlor, sei es, daß er in
Ermangelung weiterer Söhne doch einmal darauf verzichten mußte, die
alte Schlotterbecksche Gerberei der Familie zu erhalten -- kurz, er
begann gegen seine alten Tage das Geschäft sichtlich zu vernachlässigen
und es sich wohl sein zu lassen, als wäre keine Nachkommenschaft da,
und endete damit, daß er nach sorglos verlebtem Alter entschlief und
seinem einzigen Sohne das Geschäft so verschuldet hinterließ, daß
August froh sein mußte, es um ein Geringes an einen jungen, eben
Meister gewordenen Gerber loszuwerden.
Vielleicht war dies die Ursache, daß August länger als nötig in der
Fremde verblieb, wo es ihm übrigens gut erging, und schließlich
überhaupt nimmer an die Heimkehr dachte. Als er etwas über dreißig
Jahre alt war und weder zur Begründung eines eigenen Geschäftes noch
zu einer Heirat Veranlassung gefunden hatte, erfaßte ihn spät ein
Reisedurst. Er hatte die letzten Jahre bei gutem Gehalt in einer
Fabrikstadt der Ostschweiz gearbeitet, nun gab er diese Stellung auf
und begab sich nach England, um mehr zu lernen und nicht einzurosten.
Obwohl ihm England und die Stadt Glasgow, in der er Arbeit genommen
hatte, nicht sonderlich gefiel, geschah es doch, daß er dort sich an
ein Weltbürgertum und eine unbeschränkte Freizügigkeit gewöhnte und
das Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat verlor oder auf die ganze Welt
ausdehnte. Und da ihn nichts hielt, kam ihm ein Angebot aus Chicago,
als Direktor eine große Fabrik zu leiten, ganz gelegen, und er war
bald in Amerika so heimisch oder so wenig heimisch geworden wie an den
früheren Orten. Längst sah ihm niemand mehr den Gerbersauer an, und
wenn er einmal Landsleute traf, was alle paar Jahre vorkam, begrüßte
und behandelte er sie nett und höflich wie andere Leute auch, wodurch
ihm in der Heimat der Ruf erwuchs, er sei zwar reich und gewaltig, aber
auch gar hochmütig und amerikanisch geworden.
Als er nach Jahren in Chicago genug gelernt und genug erspart zu
haben meinte, folgte er seinem einzigen Freunde, einem Deutschen aus
Südrußland, in dessen Heimat und tat dort in Bälde eine kleine Fabrik
auf, die ihn ernährte und einen guten Ruf genoß. Er heiratete die
Tochter seines Freundes und dachte nun für den Rest seines Lebens
unter Dach zu sein. Aber das Weitere ging nicht nach seinem Sinn.
Zunächst verdroß und bekümmerte es ihn, daß er ohne Kinder blieb,
worüber seine Ehe an Frieden und Genüge viel verlor. Dann starb
die Frau, was ihm trotz allem weh tat und den rüstigen, fast noch
jünglinghaften Mann etwas älter und nachdenklicher machte. Nach einigen
weiteren Jahren begannen die Geschäfte sich zu verschlechtern und
infolge von politischen Unruhen am Ende bedenklich zu stocken. Als
aber wiederum ein Jahr später auch noch sein Freund und Schwiegervater
starb und ihn ganz allein ließ, war es um die wohlerworbene Ruhe und
Seßhaftigkeit des Mannes geschehen. Er merkte, daß doch nicht ein jeder
Fleck Erde gleich dem andern ist, wenigstens nicht für einen, dessen
Jugend und Glückszeit sich gegen das Ende neigt. Es geschah, daß er
die gesicherten politischen Zustände der Heimat in Gedanken mit dem
dortigen Skandal verglich, daß er mit Unbehagen an das Altwerden und
den Feierabend zu denken kam, daß ihm ohne Anlaß heimische Namen und
Worte, Geschichten und sogar Liederverse einfielen. Aus diesen Zeichen
schloß August Schlotterbeck, daß er trotz seiner guten Gesundheit und
obwohl er kaum mehr als fünfzig Jahre hatte, kein junger Mensch mehr
sei, und mit dem Bewußtsein der unerschütterten Jugendlichkeit ging ihm
auch das des Weltbürgertums und der unbedingten Freiheit verloren. Er
dachte mehr und mehr daran, wie er sich noch eines zufriedenen Alters
versichern möchte, und da die Geschäfte wenig Lockung mehr für ihn
hatten, andrerseits der Wandertrieb und die Schwungkraft der früheren
Jahre sich verloren hatte, kreiste die Sehnsucht und Hoffnung des
alternden Fabrikanten zu seiner eigenen Verwunderung immer enger und
begehrlicher um das Heimatland und um das Städtlein Gerbersau, dessen
er in Jahrzehnten nur selten und ohne Rührung gedacht hatte.
Daheim war unterdessen der Auswanderer in einige Vergessenheit
gesunken, nachdem vor manchen Jahren sein letztes Lebenszeichen ihm den
Ruf großen Edelmutes und Reichtums eingetragen hatte. Es war damals ein
Vetter von ihm gestorben und August hatte Anspruch auf einen mäßigen
großmütterlichen Erbesanteil, dessen Genuß jetzt an ihn fiel. Die Sache
war ihm mitgeteilt und er zu einer Äußerung aufgefordert worden, da
hatte er zu Gunsten der Waisen des Verstorbenen Verzicht geleistet.
Seither aber hatte er weder den Dankbrief des Vormundes beantwortet
noch sonst das Geringste von sich hören lassen. Man wußte zwar oder
nahm an, er sei noch am Leben, fand sonst aber keinen Stoff zum Bereden
an dem Entfernten, den die jetzige junge Generation nicht mehr kannte,
und so erlosch, wenigstens außerhalb der engsten Verwandtschaft, sein
Andenken mehr und mehr. Er ward vergessen im selben Maße als er selber
neuerdings sich in Gedanken wieder der fernen Heimat näherte, und von
seinen Jugendgenossen erwartete keiner ihn wiederzusehen.
Inzwischen wurden Schlotterbecks Gedanken und Bedenklichkeiten ihm
lästig und eines Tages faßte er mit der Schnelligkeit und Ruhe seiner
früheren Zeiten den Beschluß, die kaum noch rentierende Fabrik
aufzugeben und das ihm stets fremd gebliebene Land zu verlassen.
Mit entschlossenem Eifer, doch ohne Übereilung betrieb er den
Verkauf seines Geschäftes, dann den des Hauses und endlich des
gesamten Hausrats, brachte das ledig gewordene Vermögen vorläufig in
süddeutschen Banken unter, brach sein Zelt ab und reiste über Venedig
und Wien nach Deutschland.
Mit Behagen trank er an einer Grenzstation das erste bayrische Bier
seit vielen Jahren, aber erst als die Namen der Städte heimatlicher zu
tönen begannen und als die Mundart der Mitreisenden immer deutlicher
und schneller nach Gerbersau hinwies, ergriff den Weltreisenden eine
starke Unruhe, bis er, über sich selber verwundert, beinahe mit
Herzklopfen die Stationen ausrufen hörte und in den Gesichtern der
Einsteigenden lauter wohlbekannt und fast verwandtschaftlich anmutende
Züge fand. Und endlich fuhr der Zug die letzte steile Strecke in langen
Windungen talabwärts, und unten lag zuerst klein und von Windung
zu Windung größer und näher und wirklicher das Städtlein am Fluß,
zu Füßen der Tannenwaldberge. Dem Reisenden lag ein starker Druck
auf dem Herzen, wie er alles noch stehen sah wie vor Zeiten, und
unversehens fielen ihm lauter Begebenheiten aus der Bubenzeit und aus
der Lehrlingszeit ein, die er eigentlich lang vergessen hatte. Das
tatsächliche Nochvorhandensein dieser ganzen Welt, des Flusses und des
Rathaustürmchens, der Gassen und Gärten bedrückte ihn mit einer Art von
Tadel, daß er das alles so lang vernachlässigt und vergessen und aus
dem Herzen verloren hatte.
Doch dauerte diese ungewöhnliche und eigentlich beängstigende Rührung
nicht lange, und am Bahnhofe stieg Herr Schlotterbeck aus und ergriff
seine hübsche gelblederne Reisetasche wie ein Mann, der in Geschäften
unterwegs ist und sich freut, bei der Gelegenheit einen von früher
her bekannten Ort einmal wieder zu sehen. Er fand an der Station die
Knechte von drei Gasthöfen, was ihm einen Eindruck von Fortschritt und
Entwickelung machte, und da der eine auf seiner Mütze den Namen des
alten Gasthauses zum Schwanen trug, dessen sich Schlotterbeck aus der
Vergangenheit her erinnerte, gab er diesem sein Gepäck und ging allein
zu Fuß stadteinwärts.
Der gut und einfach, doch ein klein wenig ausländisch gekleidete Fremde
zog bei seinem langsamen Dahinschreiten manche Blicke auf sich, ohne
darauf zu achten. Er hatte die alte, beobachtungsfrohe Reiselaune
wieder gefunden und betrachtete das alte Nest mit Aufmerksamkeit, ohne
es mit Begrüßungen und Fragen und Auftritten des Wiedererkennens
eilig zu haben. Zunächst wandelte er durch die etwas veränderte
Bahnhofstraße dem Flusse zu, auf dessen grünem Spiegel wie sonst die
Gänse schwammen und dem wie ehemals die Häuser ihre ungepflegten
Rückseiten und winzigen Hintergärtchen zukehrten. Dann schritt er über
den oberen Steg und durch unveränderte, arme enge Gassen der Gegend zu,
wo einst die Schlotterbecksche Weißgerberei gewesen war. Da suchte er
jedoch das hohe Giebelhaus und den großen Grasgarten mit den Lohgruben
vergebens. Das Haus war verschwunden und der Garten und Gerberplatz
überbaut. Etwas betreten und unwillig wandte er sich ab und weiter,
um den Marktplatz zu besuchen, den er im alten Zustande fand, nur
schien er kleiner geworden, und auch das stattliche Rathaus war weniger
ansehnlich, als er es in der Erinnerung getragen hatte. Dafür war die
Kirche erneuert und gediehen, und die Bäume davor nicht mehr die von
damals, sondern junge, die aber auch schon wieder recht ehrwürdige
Wipfel zur Schau trugen.
Der Heimgekehrte hatte nun fürs erste genug gesehen und fand ohne Mühe
den Weg zum Schwanen, wo er ein gutes Essen verlangte und auf die erste
Erkennungsszene gefaßt war. Doch fand er die frühere Wirtsfamilie nicht
mehr und ward ganz wie ein willkommener, doch fremder Gast behandelt,
was ihm auch lieb war. Jetzt bemerkte er auch erst, daß seine Redeweise
und Aussprache, die er in allen den Jahren immer für gut schwäbisch
und kaum verändert gehalten hatte, hier fremd und sonderbar klang und
von der Kellnerin mit einiger Mühe verstanden wurde. Es fiel auch
auf, daß er beim Essen den Salat zurückwies und neuen verlangte, den
er sich selber anmachte, und daß er statt der süßen Mehlspeise, aus
der in Gerbersau jedes Dessert besteht, Eingemachtes verlangte, von
dem er dann einen ganzen Topf ausaß. Und als er nach Tische sich einen
zweiten Stuhl heranzog und die Füße auf ihn legte, um ein wenig zu
ruhen, waren Wirtsleute und Mitgäste darüber heftigst erstaunt. Ein
Gast am Nebentisch, den diese fremde Sitte aufregte, stand auf und
wischte seinen Stuhl mit dem Sacktuch ab, wobei er sagte: »Ich hab ganz
vergessen abzuwischen. Wie leicht könnt einer seine dreckigen Stiefel
drauf gehabt haben!« Man lachte leise, Schlotterbeck drehte aber nur
den Kopf hinüber und schnell wieder zurück, dann legte er die Hände
zusammen und pflegte der Verdauung.
Eine Stunde später machte er sich auf und streifte nochmals durch die
ganze Stadt. Neugierig schaute er durch die Scheiben in manchen Laden
und manche Werkstatt, um zu sehen, ob da oder dort etwa noch einer von
den ganz Alten, die zu seiner Zeit schon die Alten gewesen waren, übrig
wäre. Von diesen sah er jedoch fürs erste einzig einen Lehrer, bei dem
er einstmals sein erstes Alphabet auf die Tafel gemalt hatte, auf der
Straße vorübergehen. Der Mann mußte zumindest hoch in den siebenzig
sein und ging alt geworden und wohl schon lange außer Amtes, doch noch
deutlich am Schwung der Nase und sogar an den Bewegungen erkennbar,
noch leidlich aufrecht und zufrieden einher. Schlotterbeck hatte Lust
ihn anzusprechen, doch hielt ihn immer noch eine leise Angst vor dem
Sturm der Begrüßungen und Händedrücke zurück. Er ging weiter, ohne
jemand zu grüßen, von vielen betrachtet, doch von keinem erkannt, und
brachte so diesen ganzen ersten Tag in der Heimat als ein Fremder und
Unbekannter zu.
Wenn es nun auch an menschlicher Ansprache und Bewillkommnung mangelte,
sprach doch die Stadt selber desto deutlicher und eindringlicher zu
ihrem heimgekehrten Kinde. Wohl gab es überall Veränderungen und Neues,
das Angesicht des Städtleins aber war nicht älter noch anders geworden
und sah den Ankömmling vertraut und mütterlich an, so daß es ihm wohl
und geborgen zu Mute ward und die Jahrzehnte der Fremde und Reisen
und Abenteuer wunderlich zusammengingen und einschmolzen, als wären
sie nur ein Abstecher und kleiner Umweg gewesen. Geschäfte gemacht
und Geld verdient hatte er da und dort, er hatte auch in der Ferne
ein Weib genommen und verloren, sich wohl gefühlt und Leid erfahren,
allein zugehörig und daheim war er doch nur hier, und während er für
einen Fremden galt und sogar als Ausländer betrachtet wurde, kam er
sich selber ganz zu Hause und gleichartig mit diesen Leuten, Gassen
und Häusern vor. Es ging bei diesen Betrachtungen nicht ohne eine
kleine Wehmut ab; denn statt nun hier Haus und Arbeit, Familie und
Nachkommen zu haben, hatte er seine guten Jahre in der Ferne verbraucht
und weder eine neue Heimat erworben, noch sich in der alten befestigt
und angewurzelt. Doch ließ er solche Gefühle nicht Meister werden,
hörte ihnen nur mit halber Billigung zu und war im ganzen doch der
Meinung, es sei nicht zu spät, daß er heimkomme, und er habe noch ein
hinreichendes Stück Leben zugute, um noch einmal ein Gerbersauer zu
werden und haltbare Wurzeln am alten Ort zu schlagen.
Die Neuerungen in der Stadt gefielen ihm nicht übel. Er fand, es sei
auch hier Arbeit und Bedürfnis gewachsen, wenn auch mit Maß, und sowohl
die Gasanstalt wie das neue Volksschulhaus fand seine Billigung. Die
Bevölkerung schien ihm, der dafür in der Welt ein Auge bekommen hatte,
recht wohlerhalten, ob auch nicht mehr so ungemischt einheimisch wie
vor Zeiten, da die Enkel von Zugewanderten noch durchaus für Fremde
gegolten hatten. Die ansehnlicheren Geschäfte schienen alle noch in den
Händen von ortsbürtigen Leuten zu sein, der Zuwachs aus Eindringlingen
war nur unter der Arbeiterschaft deutlich zu spüren. Es mußte also das
bürgerliche Leben von einstmals noch wohlerhalten fortbestehen, und es
war zu hoffen, daß ein Heimkommender auch nach langer Abwesenheit sich
bald zurechtfinden und wieder heimisch machen könne.
Kurz, dem einsam und beschäftigungslos gewordenen Manne kam die
Heimat, die er sich nicht in den Zeiten der Fremde durch Heimweh und
Erinnerungslust unnütz verklärt hatte, nun lieblich vor und atmete
einen friedvoll wohligen Zauber, dem der im Gefühlswesen Unverdorbene
und Ungeübte nicht widerstand. Als er zeitig am Abend in das Gasthaus
zurückkehrte, war er in guter Stimmung und bereute nicht, diese Reise
getan zu haben. Er nahm sich vor, zunächst einige Zeit hier zu bleiben
und abzuwarten, und wenn dann die Befriedigung anhielte, sich am Ort
niederzulassen. Es ließe sich dann, dachte er, selbständig oder im
Anschluß an eine der Gerbersauer Fabriken mit der Zeit eine neue,
erfreuliche Tätigkeit beginnen. Denn er glaubte doch schon jetzt zu
spüren, daß ein beschauliches Rentenverzehren und Spazierengehen nicht
seine Sache sein werde.
Das Bewußtsein, in der alten heimischen Stadt zu sein und doch von
keinem einzigen Menschen erkannt und begrüßt zu werden, tat ihm gar
nicht weh, wenn es auch wunderlich war, so wie in einer Maske zwischen
lauter Schulfreunden, Jugendgenossen und Verwandten einherzugehen. Er
genoß es mit schlauer Freude und mit dem Hintergedanken, daß er jetzt
immer noch ohne alles Aufheben wieder verschwinden könnte, wenn es
ihm einfiele. Dazu wußte er genau, daß das Begrüßen und Anstaunen und
Ausfragen gar reichlich auf ihn warte; denn er kannte die hiesige Art
noch wohl genug, um sich das alles recht gut vorausdenken zu können. Er
hatte es damit nicht eilig, da ja nach einer so langen Zeit auch von
den ehemaligen Freunden mehr Neugierde und freundliche Überraschung als
Freundschaft und Teilnahme zu erwarten war.
Das behaglich erwartungsvolle Inkognito des alten Weltfahrers nahm
denn auch bald sein Ende. Nach dem Abendessen brachte der Schwanenwirt
seinem Gaste das Logierbuch und ersuchte ihn höflich, die Rubriken
unter Nummer soundso auszufüllen. Er tat es weniger, weil es unbedingt
notwendig war, als weil er selber es satt hatte, sich über Herkunft
und Rang des Fremdlings den Kopf zu zerbrechen. Und der Gast nahm das
dicke Buch, las eine Weile die Namen vormaliger Gäste durch, nahm dann
dem wartenden Wirte die eingetauchte Feder aus der Hand und schrieb
mit kräftigen, deutlichen Buchstaben, alle Fächlein gewissenhaft
ausfüllend. Der Wirt sagte Dank, streute Sand auf und entfernte sich
mit dem Folianten wie mit einer Beute, um vor der Türe sofort seine
Neugierde zu stillen. Er las: Schlotterbeck, August -- aus Rußland
-- auf Geschäftsreisen. Und wenn er auch die Herkunft und Geschichte
des Mannes nicht kannte, so schien der Name Schlotterbeck doch auf
einen Gerbersauer hinzudeuten. In die Gaststube zurückkehrend, fing
der Wirt mit dem Fremden ein vorsichtiges und respektvolles Gespräch
an. Er begann mit dem Gedeihen und Wachstum der hiesigen Stadt, kam
auf Straßenverbesserungen und neue Eisenbahnanschlüsse zu sprechen,
berührte die Stadtpolitik, äußerte sich über die letztjährige
Dividende der Wollspinnerei-Aktiengesellschaft und schloß nach einem
Viertelstündchen mit der harmlosen Frage, ob der Herr nicht Verwandte
am Orte habe. Darauf antwortete Schlotterbeck gelassen, ja, er habe
Verwandte hier und gedenke etwa noch bei ihnen vorzusprechen, fragte
aber nach keinem und zeigte so wenig Neugier, daß das Gespräch bald
versiegend dahinschwankte und in sich selbst versank, und der Wirt mit
Höflichkeit sich zurückziehen mußte. Der Gast trank einen guten Wein
mit Maß und Genuß, las unberührt von den Gesprächen des Nachbartisches
eine Zeitung und suchte früh seine Schlafstube auf.
Inzwischen taten der Eintrag ins Fremdenbuch und die Unterhaltung
mit dem Schwanenwirt in aller Stille ihre Wirkung, und während
August Schlotterbeck ahnungslos und zufrieden in dem guten, auf
heimische Art geschichteten Wirtsbette den ersten Schlaf und Traum im
Vaterlande tat, machte sein Name und das Gerücht von seiner Ankunft
manche Leute munter und gesprächig und einen sogar schlaflos. Dieser
war Augusts leiblicher Vetter und nächster Verwandter, der Kaufmann
Lukas Pfrommer an der Spitalgasse. Eigentlich war er Buchbinder und
hatte früher als Handwerksbursche ein paar Jahre lang in deutschen
Landen das Handwerk gegrüßt, alsdann in Gerbersau eine bescheidene
Werkstätte eröffnet und lange Zeit den Schulkindern ihre ruinierten
Fibeln wieder geflickt und der Frau Amtsrichter halbjährlich die
Gartenlaube eingebunden, auch Schreibhefte hergestellt und Haussegen
eingerahmt, vom Untergang bedrohte Holzschnitte durch Hinterkleben
und Aufziehen der Welt erhalten und den Kanzleien graue und grüne
Aktendeckel, Mappen und Kartonbände geliefert. Dabei hatte er
unmerklich etwas erspart und hinter sich gebracht, jedenfalls keine
Sorgen gehabt. Alsdann hatten die Zeiten sich verändert, die kleinen
Handwerker hatten fast alle irgend ein Schaufenster und Ladengeschäft
angefangen, die größeren waren Fabrikanten geworden. Da hatte auch
Pfrommer die Vorderwand seines Häusleins durchschlagen und ein
Schaufenster eingesetzt, sein Erspartes von der Bank genommen und
einen Papier- und Galanteriewarenladen eröffnet, wo seine Frau den
Verkauf betrieb und Haushalt und Kinder drüber zu kurz kommen ließ,
indessen der Mann weiter in seiner Werkstatt schaffte. Doch war der
Laden jetzt die Hauptsache, wenigstens vor den Leuten, und wenn er
nicht mehr einbrachte, als das Handwerk, so kostete er doch mehr und
machte mehr Sorgen. So war Pfrommer Kaufmann geworden. Mit der Zeit
gewöhnte er sich an diese geachtete und stattlichere Stellung, zeigte
sich in den Straßen nimmer in der grünen Schürze, sondern stets im
guten Rock, lernte mit Kredit und Hypotheken arbeiten und konnte sich
zwar in Ehren halten, hatte die Ehre aber weit teurer als früher. Die
Vorräte an unverkäuflich gewordenen Neujahrskarten, Bildchen, Albumen,
an abgelegenen Zigarren und im Schaufenster verbleichtem Trödelkram
wuchsen langsam, doch sicher und kamen ihm nicht selten im Traume vor.
Und seine Frau, eine geborene Pfisterer aus der oberen Vorstadt, die
früher ein lustiges und erfreuliches Weibchen gewesen war, verwandelte
sich durch das Empfehlen und Schöntun im Laden sowie später durch die
Sorgen und Rechenkünste allmählich in eine unruhige Sorgerin, der das
seßhaft gewordene süße Ladenlächeln gar nimmer in das altgewordene
Gesicht paßte. Es war keine Not im Hause, und Herr Pfrommer galt in
seiner Heimat für einen ansehnlichen Vertreter des guten Bürgerstandes,
aber ihm selber war es in den bescheidenen Handwerkszeiten, in die er
doch jetzt nimmer zurückgekehrt wäre, bedeutend wohler gewesen und
besser gegangen als in der neuen Pracht.
Dieser Mann, Schlotterbecks Vetter, hatte gestern Abend gegen neun Uhr,
als er mit der Zeitung bei der Lampe saß, zu seiner großen Überraschung
einen Besuch des Schwanenwirtes erhalten. Er hatte ihn erstaunt
empfangen, jener aber hatte nicht Platz nehmen wollen, sondern erklärt,
er müsse sofort zu seinen Gästen zurück, unter denen er übrigens den
Herrn Pfrommer in letzter Zeit leider nur selten habe sehen dürfen.
Aber er sei der Meinung, unter Mitbürgern und Nachbarn sei ein kleiner
Liebesdienst selbstverständlich und Ehrensache, darum wolle er ihm in
allem Vertrauen mitteilen, daß bei ihm seit heute ein fremder Herr
logiere, mit wohlhabenden Manieren, der sich Schlotterbeck schreibe
und aus Rußland zu kommen vorgebe. Da war Lukas Pfrommer aufgesprungen
und hatte wie bei einem Hausbrand der Frau gerufen, die schon im Bette
war, nach Stiefeln, Stock und Sonntagshut gekeucht und sich sogar in
aller Eile noch die Hände gewaschen, um dann im Laufschritt hinter dem
Wirte her in den Schwanen zu eilen. Dort hatte er aber den russischen
Vetter nicht mehr im Gastzimmer angetroffen, und ihn in der Schlafstube
aufzusuchen wagte er doch nicht, denn er mußte sich sagen, wenn der
Vetter extra seinetwegen die große Reise getan hätte, so hätte er
ihn wohl schon bei sich gesehen. So trank er denn erregt und halb
enttäuscht einen halben Liter Heilbronner zu sechzig, um dem Wirte
eine Ehre anzutun, lauschte auf die Unterhaltung einiger Stammgäste
und hütete sich, etwas von dem eigentlichen Zwecke seines Hierseins zu
verraten.
Am Morgen war Schlotterbeck kaum in den Kleidern und zum Kaffee
heruntergekommen, als ein älterer Mann von kleinem Wuchs, der offenbar
schon eine gute Weile bei seinem Gläschen Kirschengeist gewartet hatte,
sich seinem Tische in Befangenheit näherte und ihn mit einem recht
schüchternen Kompliment begrüßte. Schlotterbeck sagte guten Morgen und
fuhr fort, sein Butterbrot mit herrlichem Honig zu bestreichen; der
Besucher aber blieb stehen, sah ein wenig zu und räusperte sich wie
ein Redner, ohne doch etwas Deutsches herauszubringen. Erst als ihn
der Fremde fragend anblickte, entschloß er sich, mit einem zweiten
Kompliment an den Tisch heranzutreten und mit seinen Eröffnungen zu
beginnen.
»Mein Name ist Lukas Pfrommer«, sagte er und schaute den Rußländer
erwartungsvoll an.
»So«, sagte dieser, ohne sich aufzuregen. »Sind Sie Buchbinder, wenn
ich fragen darf?«
»Ja, Kaufmann und Buchbinder, an der Spitalgasse. Sind Sie -- --«
Schlotterbeck sah ein, daß er jetzt preisgegeben sei, und suchte nicht
länger hinterm Berg zu halten.
»Dann bist du mein Vetter«, sagte er einfach. »Hast du schon
gefrühstückt?«
»Also doch!« rief Pfrommer triumphierend. »Ich hätte dich kaum mehr
gekannt.«
Er streckte mit plötzlicher Freudigkeit dem Vetter die Hand
entgegen und konnte erst nach manchen Gebärden und Armbewegungen der
Ergriffenheit am Tische Platz nehmen.
»Ja du lieber Gott,« rief er bewegt, »wer hätt' es gedacht, daß
wir dich einmal wiedersehen würden. Aus Rußland! Ist es eine
Geschäftsreise?«
»Ja, nimmst du eine Zigarre? Was hat dich eigentlich hergeführt?«
Ach, den Buchbinder hatte vieles hergeführt, wovon er jedoch vorerst
schwieg. Er habe ein Gerücht gehört, der Vetter sei wieder im Land,
und da habe er keine Ruhe mehr gehabt. Gott sei Dank, nun habe er ihn
gesehen und begrüßt; es hätte ihm sein Leben lang leid getan, wenn ihm
jemand zuvorgekommen wäre. Der Vetter sei doch wohl? Und was denn die
liebe Familie mache?
»Danke. Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben.«
Entsetzt fuhr Pfrommer zurück. »Nein, ist's möglich?« rief er mit
tiefem Schmerz. »Und wir haben gar nichts gewußt und haben nicht einmal
kondolieren können! Meine herzliche Teilnahme, Vetter!«
»Laß nur, es ist ja schon lang her. Und wie geht's bei dir? Du bist
Kaufmann geworden?«
»Ein bißchen. Man sucht sich eben über Wasser zu halten und womöglich
was für die Kinder auf die Seite zu tun. Ich führe auch recht gute
Zigarren. -- Und du? Was macht die Fabrik?«
»Die hab' ich aufgegeben.«
»Im Ernst? Ja warum denn?«
»Die Geschäfte sind nimmer gegangen. Wir haben Hungersnot und Aufstände
gehabt.«
»Ja, das Rußland! Ich hab' mich immer ein bißchen gewundert, daß
du gerade in Rußland ein Geschäft angefangen hast. Schon dieser
Despotismus, und dann die Nihilisten, und die Beamtenwirtschaft
muß ja arg sein. Ich habe mich immer ein bißchen auf dem Laufenden
gehalten, du begreifst, wenn ich doch einen Verwandten dort wußte. Der
Pobjedonoszeff -- --«
»Ja, der lebt auch noch. Aber verzeih', von Politik verstehst du sicher
mehr als ich.«
»Ich? Ich bin gar kein Politiker. Man liest ja so ein bißchen im Blatt,
aber -- -- Nun, und was machst du denn jetzt für Geschäfte? Hast du
viel verloren?«
»Ja, tüchtig.«
»Das sagt er so ruhig! Mein Beileid, Vetter! Wir haben hier ja keine
Ahnung gehabt.«
Schlotterbeck lächelte ein wenig.
»Ja,« sagte er nachdenklich, »ich dachte damals in der schlimmsten Zeit
daran, mich vielleicht an euch hier zu wenden. Nun, es ist schließlich
auch so gegangen. Es wäre auch dumm gewesen. Wer wird einem so
entfernten Verwandten, den man kaum mehr kennt, noch Geld in die Pleite
nachwerfen.«
»Ja du mein Gott, -- Pleite, sagst du?«
»Nun ja, es hätte so kommen können. Wie gesagt, ich fand dann
anderwärts Hilfe ...«
»Das war wirklich nicht recht von dir! Sieh, wir sind ja arme Teufel
und brauchen unser bißchen nötig genug; aber daß wir dich gerade hätten
stecken lassen, nein, es ist nicht recht von dir, daß du das hast
meinen können.«
»Na, tröste dich, es ist ja besser so. Wie geht's denn deiner Frau?«
»Danke, gut. Ich Esel, fast hätte ich's in der Freude vergessen, ich
soll dich ja zum Mittagessen einladen. Du kommst doch?«
»Gut. Danke schön. Ich hab' unterwegs eine Kleinigkeit für die
Kinder eingekauft, das könntest du gerade mit nehmen und deine Frau
einstweilen von mir grüßen.«
Damit wurde er ihn los. Der Buchbinder zog erfreut mit einem Paketchen
nach Hause, und da der Inhalt sich als recht nobel erwies, nahm seine
Meinung von des Vetters Geschäften wieder einen Aufschwung. Dieser war
indessen froh, den gesprächigen Mann für eine Weile vom Hals zu haben,
und begab sich aufs Rathaus, um seinen Paß vorzulegen und sich zu einem
hiesigen Aufenthalt für unbestimmte Zeit anzumelden.
Es hätte dieser Anmeldung nicht bedurft, um Schlotterbecks Heimkehr
in der Stadt bekannt zu machen. Dies geschah ohne sein Bemühen durch
eine geheimnisvolle drahtlose Telegraphie, so daß er jetzt auf Schritt
und Tritt angerufen, begrüßt oder zumindest angeschaut und durch
Lüftung der Hüte bewillkommnet wurde. Man wußte schon gar viel von
ihm, namentlich aber nahm sein Barvermögen in der Leute Mund schnell
einen fürstlichen Umfang an. Einige verwechselten beim Weiterberichten
in der Eile Chicago mit San Franzisko und Rußland mit der Türkei, nur
das mit unbekannten Geschäften erworbene Vermögen blieb ein fester
Glaubenssatz, und in den nächsten Tagen wimmelte es in Gerbersau von
Lesarten, die zwischen einer halben und zehn Millionen und zwischen
den Erwerbsarten vom Kriegslieferanten bis zum Sklavenhändler je nach
Temperament und Phantasie der Erzähler auf und nieder spielten. Man
erinnerte sich des längstverstorbenen alten Weißgerbers Schlotterbeck
und der Jugendgeschichte seines Sohnes, es fanden sich solche, die
ihn als Lehrling und als Schulbuben und als Konfirmanden noch im
Gedächtnis hatten, und eine verstorbene Fabrikantenfrau wurde zu seiner
unglücklichen Jugendliebe ernannt.
Er selber bekam, da es ihn nicht interessierte, wenig von diesen
Historien zu hören. An jenem Tage, da er bei seinem Vetter zu Tisch
geladen war, hatte ihn vor dessen Frau und Kindern ein unüberwindliches
Grauen erfaßt, so übel maskiert war ihm die Spekulation auf den
Erbvetter entgegengetreten. Er hatte um des Friedens willen dem
Verwandten, der viel zu klagen gewußt hatte, ein mäßiges Darlehn
gewährt, zugleich aber war er sehr kühl und wortkarg geworden und hatte
sich für weitere Einladungen einstweilen im voraus freundlich bedankt.
Die Frau war enttäuscht und gekränkt, doch ward im Hause Pfrommer von
dem Vetter vor Zeugen nur ehrerbietig geredet.
Dieser blieb noch ein paar Tage im Schwanen wohnen. Dann fand er ein
Quartier, das ihm zusagte. Es war oberhalb der Stadt gegen die Wälder
hin eine neue Straße entstanden, vorerst nur für den Bedarf einiger
Steinbrüche, die weiter oben lagen. Doch hatte ein Baumeister, der
in dieser etwas beschwerlich zu erreichenden, doch wunderschönen
Lage künftige Geschäfte witterte, auf dem noch für wenige Kreuzer
käuflichen Boden am Beginn des neuen Weges einstweilen drei hübsche
kleine Häuschen gebaut, weiß verputzt mit braunem Gebälk. Man schaute
von hier aus hoch auf die Altstadt hinab und konnte sehen und hören,
was da unten getrieben wurde, weiterhin sah man talabwärts den Fluß
durch die Wiesen laufen und gegenüber die roten Felsenhöhen hängen,
und rückwärts hatte man in nächster Nähe den Tannenwald. Von den drei
hübschen Spekulantenhäuslein stand eines fertig, doch leer, eines
hatte schon vor drei Jahren ein pensionierter Gerichtsvollzieher
gekauft, und das dritte war noch im Bau. Da dieser aber der Vollendung
entgegenrückte und nur noch wenige Handwerker darin zu tun hatten,
ging es hier oben recht still und friedevoll zu. Denn auch der
Gerichtsvollzieher, übrigens ein friedfertiger und geduldiger Mann, war
schon nicht mehr da. Er hatte das untätige Leben nicht ertragen und
war einem alten Leiden, das er bis dahin manche Jahrzehnte lang mit
Arbeit und Humor überwunden hatte, nach kurzer Zeit erlegen. In dem
Häuschen saß nun ganz allein mit einer ältlichen Schwägerin die Witwe
des Gerichtsvollziehers, ein recht frisches und sauberes Frauchen, von
welcher noch zu reden sein wird.
In dem mittleren Hause, das je hundert Schritt von dem Witwensitz
und dem Neubau entfernt lag, richtete nun Schlotterbeck sich ein. Er
mietete den unteren Stock, der drei Zimmer und eine Küche enthielt,
und da er keine Lust hatte, seine Mahlzeiten hier oben in völliger
Einsamkeit einzunehmen, kaufte und mietete er nur Bett, Tische, Stühle,
Kanapee, ließ die Küche leer und dingte zur täglichen Aufwartung eine
Frau, die zweimal des Tages kam. Den Kaffee kochte er sich am Morgen,
wie früher in langen Junggesellenjahren, selber auf Weingeist, mittags
und abends aß er in der Stadt. Die kleine Einrichtung gab ihm eine
Weile angenehm zu tun, auch trafen nun seine Koffer aus Rußland ein,
deren Inhalt die leeren Wandschränke füllte. Täglich erhielt und las
er einige Zeitungen, darunter zwei ausländische, auch ein lebhafter
Briefwechsel kam in Gang und dazwischen machte er da und dort in der
Stadt seine Besuche, teils bei Verwandten und alten Bekannten, teils
bei den Geschäftsleuten, namentlich in den Fabriken. Denn er suchte
ohne Hast, doch aufmerksam nach einer bequemen und vorteilhaften
Gelegenheit, sich mit Geld und Arbeit an einem gewerblichen Unternehmen
zu beteiligen. Dabei trat er allmählich auch zu der bürgerlichen
Gesellschaft seiner Vaterstadt wieder in einige Beziehung. Er wurde
da und dort eingeladen, auch zu den geselligen Vereinen und an die
Stammtische der Honoratioren. Freundlich und mit den Manieren eines
gereisten Mannes von Vermögen nahm er da und dort teil, ohne sich fest
zu verpflichten, aber auch ohne zu wissen, wie viel Kritik hinter
seinem Rücken an ihm geübt wurde.
August Schlotterbeck war trotz seines offenen Blickes in einer
Täuschung über sich selbst befangen. Er meinte zwar ein klein wenig
über seinen Landsleuten zu stehen, lebte aber doch in dem Gefühl,
ein Gerbersauer zu sein und in allem Wesentlichen recht wieder an
den alten Ort zu passen. Und das stimmte nun nicht so ganz. Er wußte
nicht, wie sehr er in der Sprache und Lebensweise, in Gedanken und
Gewohnheiten von seinen Mitbürgern abstach. Diese empfanden das desto
besser, und wenn auch Schlotterbecks guter Ruf im Schatten seines
Geldbeutels eine schöne Sicherheit genoß, wurde doch im einzelnen gar
viel über ihn gesprochen, was er nicht gern gehört hätte. Manches,
was er ahnungslos in alter Gewohnheit tat, erregte hier Kritik und
Mißfallen, man fand seine Sprache zu frei, seine Ausdrücke zu fremd,
seine Anschauungen amerikanisch und sein ungezwungenes Benehmen mit
jedermann anspruchsvoll und unfein. Er sprach mit seiner Aufwärterin
wenig anders als mit dem Stadtschultheißen, er ließ sich zu Tisch
laden, ohne innerhalb sieben Tagen eine Verdauungsvisite abzustatten,
er machte zwar im Männerkreis kein Zotenflüstern mit, sagte aber Dinge,
die ihm natürlich und von Gott gewollt schienen, auch in Familien in
Gegenwart der Damen harmlos heraus. Namentlich in den Beamtenkreisen,
die in der Stadt wie billig zuoberst standen und den feinen Ton
angaben, in der Sphäre zwischen Oberamtmann und Oberpostmeister, machte
er keine Eroberungen. Diese kleine, ängstlich geschonte und behütete
Welt amtlicher Machthaber und ihrer Frauen, voll von gegenseitiger
Hochachtung und Rücksicht, wo jeder des anderen Verhältnisse bis auf
den letzten Faden kennt und jeder in einem Glashause sitzt, hatte
an dem heimgekehrten Weltfahrer keine Freude, um so mehr da sie von
seinem sagenhaften Reichtum doch keinen Vorteil zu ziehen hoffen
konnte. Und in Amerika hatte Schlotterbeck sich angewöhnt, Beamte
einfach für Angestellte zu halten, die wie andere Leute für Geld ihre
Arbeit tun, während er sie in Rußland als eine schlimme, gefürchtete
Kaste kennen gelernt hatte, bei der nur Geld etwas vermochte. Da
war es schwer für ihn, dem niemand Anweisungen gab, die Heiligkeit
der Titel und die ganze zarte Würde dieses Kreises richtig zu
begreifen, am rechten Ort Ehrfurcht zu zeigen, Obersekretäre nicht mit
Untersekretären zu verwechseln und im geselligen Verkehr überall den
rechten Ton zu treffen. Als Fremder kannte er auch die verwickelten
Familiengeschichten nicht und es konnte gelegentlich ohne seine
Schuld passieren, daß er im Hause des Gehenkten vom Strick redete.
Da sammelten sich denn unter der Decke unverwüstlicher Höflichkeit
und verbindlichsten Lächelns die kleinen Posten seiner Verfehlungen
zu säuberlich gebuchten und kontrollierten Sümmchen an, von denen er
keine Ahnung hatte, und wer konnte, sah mit Schadenfreude zu. Auch
andere Harmlosigkeiten, die Schlotterbeck mit dem besten Gewissen
beging, wurden ihm übelgenommen. Er konnte jemand, dessen Stiefel ihm
gefielen, ohne lange Einleitungen nach ihrem Preise fragen. Und eine
Advokatenfrau, die zu ihrem Kummer unbekannte Sünden der Vorfahren
dadurch büßen mußte, daß ihr von Geburt an der linke Zeigefinger
fehlte, und dies unverschuldete Gebrechen mit Kunst und Eifer zu
verbergen suchte, wurde von ihm mit aufrichtigem Mitleid gefragt,
wann und wo sie denn ihres Fingers verlustig geworden sei. Der Mann,
der Jahrzehnte in mancherlei Ländern sich seiner Haut gewehrt und
seine Geschäfte getrieben hatte, konnte nicht wissen, daß man einen
Amtsrichter nicht fragen darf, was seine Hosen kosten. Er hatte wohl
gelernt, im Gespräch mit jedermann höflich und vorsichtig zu sein,
er wußte, daß manche Völker kein Schweinefleisch oder keine Taube
verzehren, daß man zwischen Russen, Armeniern und Türken es vermeidet,
sich zu einer allein wahren Religion zu bekennen; aber daß mitten in
Europa es große Gesellschaftskreise und Stände gab, in welchen es für
roh gilt, von Leben und Tod, Essen und Trinken, Geld und Gesundheit
freiweg zu reden, das war diesem entarteten Gerbersauer unbekannt
geblieben. Daß man Gift streuen und Fallen legen nach Belieben, aber
von niemand geradezu sagen darf, man könne ihn nicht ausstehen, das
war nebst mancher andern goldenen Regel ihm weder in Amerika noch in
Rußland beigebracht worden.
Auch konnte es ihm im Grunde einerlei sein, ob man mit ihm zufrieden
sei, da er wenig Ansprüche an die Menschen machte, viel weniger als
sie an ihn. Er ward zu allerlei guten Zwecken um Beiträge angegangen
und gab sie jeweils nach seinem Ermessen. Man dankte dafür höflichst
und kam bald mit neuen Anliegen wieder, doch war man auch hier nur
halb zufrieden und hatte Gold und Banknoten erwartet, wo er Silber und
Nickel gab. Zum Glück erfuhr er von diesen Verurteilungen nichts und
lebte eine gute Zeit im fröhlichen Glauben dahin, ein einwandfreier
Bürger und wohlgelittener, wenn nicht gar beliebter Mann zu sein.
Bei jedem Gange in die Stadt hinab, also täglich mehrere Male, kam
Herr Schlotterbeck an dem netten kleinen Hause der Frau Entriß vorbei,
der Witwe des Gerichtsvollziehers, die hier in Gesellschaft einer
schweigsamen und etwas blöden Schwägerin ein sehr stilles Leben führte.
Diese noch wohlerhaltene und dem Leben nicht abgestorbene Witwe hätte
im Genuß ihrer Freiheit und eines kleinen Vermögens ganz angenehme und
unterhaltsame Tage haben können. Es hinderte sie daran aber sowohl
ihr eigener Charakter wie auch der Ruf, den sie sich im Lauf ihrer
Gerbersauer Jahre erworben hatte. Sie stammte aus dem Badischen,
und man hatte sie einst, schon aus Rücksicht für ihren in der Stadt
wohlbeliebten Mann, freundlich und erwartungsvoll aufgenommen. Doch
hatte mit der Zeit sich ein abfälliger Leumund über sie gebildet,
dessen eigentliche Wurzel ihre übertriebene Sparsamkeit war. Daraus
machte das Gerede einen giftigen Geiz, und da man einmal kein Gefallen
an der Frau gefunden hatte, hängte sich beim Plaudern eins ans andere
und sie wurde nicht nur als ein Geizkragen und eine Pfennigklauberin,
sondern auch als Hausdrache verrufen. Der Gerichtsvollzieher selber
war nun nicht der Mann, der über die eigene Frau schlecht gesprochen
hätte, aber immerhin blieb es nicht verborgen, daß der heitere und
gesellige Mann seine Freude und Erholung weniger daheim bei der Frau
als im Rößle oder Schwanen bei abendlichen Biersitzungen suchte. Nicht
daß er ein Trinker geworden wäre, Trinker gab es in Gerbersau unter
der angesehenen Bürgerschaft überhaupt nicht. Aber doch gewöhnte er
sich daran, einen Teil seiner Mußezeit im Wirtshaus hinzubringen und
auch tagsüber zwischenein gelegentlich einen Schoppen zu nehmen.
Trotz seiner schlechten Gesundheit setzte er dieses Leben so lange
fort, bis ihm vom Arzt und auch von der Behörde nahegelegt ward, sein
anstrengendes Amt aufzugeben und im Ruhestand seiner bedürftigen
Gesundheit zu leben. Doch war es nach seiner Pensionierung eher
schlimmer gegangen, und jetzt war alles darüber einig, daß die Frau
ihm das Haus verleidet und von Anfang an den Untergang des braven
Mannes verschuldet habe. Als er dann starb, ergoß sich der allgemeine
Unwille über die Witwe. Sie blieb allein mit der Schwägerin sitzen und
fand weder Frauentrost noch männliche Beschützer, obwohl außer dem
schuldenfreien Haus auch noch einiges Vermögen vorhanden war.
Die unbeliebte Witwe schien jedoch unter der Einsamkeit nicht
unerträglich zu leiden. Sie hielt Haus und Hausrat, Bankbüchlein
und Garten in bester Ordnung und hatte damit genug zu tun, denn die
Schwägerin litt an einer leisen Verdunkelung des Verstandes und tat
nichts anderes als zuschauen und sich die stillen Tage mit Murmeln,
Reiben der Nase und häufigerem Betrachten eines alten Bilderalbums
vertreiben. Die Gerbersauer, damit das Gerede über die Frau auch nach
des Mannes Tode nicht aufhöre, hatten sich ausgedacht, sie halte das
arme Wesen zu kurz, ja in furchtbarer Gefangenschaft. Es hieß, die
Gemütskranke leide Hunger, werde zu schwerer Arbeit angehalten, schlafe
in einem nie gereinigten und gelüfteten Verschlag, Hitze und Kälte
ausgesetzt, und werde das alles sicherlich nimmer lange aushalten, was
ja auch im Interesse der Entriß liege und ihre Absicht sei. Da diese
Gerüchte immer offener hervortraten, mußte schließlich von Amts wegen
etwas getan werden, und eines Tages erschien im Haus der erstaunten
Frau der Stadtschultheiß mit dem Oberamtsarzt, sagte ernstlich mahnende
Worte über die Verantwortung, verlangte zu sehen, wie die Kranke wohne
und schlafe, was sie arbeite und esse, und schloß mit der Drohung, wenn
nicht alles einwandfrei befunden werde, müsse die Gestörte in einem
staatlichen Krankenhause versorgt werden, natürlich auf Kosten der
Frau Entriß. Diese verhielt sich kühl und gab zur Antwort, man möge
nur alles untersuchen. Ihre Schwägerin sei harmlos und ungefährlich,
wenn in der Stadt der Blödsinn überhand nehme, müsse er aus einer
andern Quelle kommen, und wenn man die Kranke anderwärts versorgen
wolle, könne es ihr nur lieb sein, es müsse das aber auf Kosten der
Stadt geschehen und sie zweifle, ob das arme Geschöpf es dann besser
haben werde als bei ihr. Die Untersuchung ergab, daß die Kranke
keinerlei Mangel litt, anständig und reinlich gekleidet war und bei der
wohlwollenden Frage, ob sie etwa gern anderswo leben möchte, wo sie
es sehr gut haben werde, furchtbar erschrak und flehentlich sich an
ihrer Schwägerin festhielt. Der Arzt fand sie durchaus wohlgenährt und
ohne alle Spuren harter Arbeit, und er ging samt dem Stadtschultheiß
verlegen wieder fort.
Was nun den Geiz der Frau Entriß betrifft, so kann man darüber
verschieden urteilen. Es ist gar leicht, Charakter und Lebensführung
einer schutzlosen Frau zu tadeln. Daß sie sparsam war, steht fest.
Sie hatte nicht nur vor dem Gelde, sondern vor jeder Habe und jedem
noch so kleinen Werte eine tiefe Hochachtung, so daß es ihr bitter
schwer fiel, etwas auszugeben, und unmöglich war, etwas wegzuwerfen
oder umkommen zu lassen. Von dem Gelde, das ihr Mann seinerzeit in die
Wirtshäuser getragen hatte, tat ihr ein jeder Kreuzer heute noch leid
wie ein unsühnbares Unrecht, und es mag wohl sein, daß darüber die
Eintracht ihrer Ehe entzweigegangen war. Desto eifriger hatte sie, was
der Mann so leichtsinnig vertat, durch genaue Rechnung im Hause und
durch fleißige Arbeit einigermaßen einzubringen gesucht. Und nun, da er
gestorben und damit das schreckliche Loch im Beutel geschlossen war,
da kein Taler und kein Pfennig mehr unnütz aus dem Hause ging und ein
Teil der Zinsen jährlich zum Kapital geschlagen werden konnte, erlebte
die gute Haushalterin ein spätes, ruhiges Glück, ja Behagen. Nicht daß
sie sich irgendetwas über das Notwendige gegönnt hätte, sie sparte eher
mehr als früher, aber das Bewußtsein, daß es Früchte trug und sich
langsam summierte, verlieh ihrem Wesen eine stille Zufriedenheit, die
sie nimmer aufs Spiel zu setzen entschlossen war.
Eine ganz besondere Freude und Genugtuung empfand Frau Entriß, wenn
sie irgend etwas Wertloses zu Wert bringen, etwas finden oder erobern
konnte, etwas Weggeworfenes doch noch brauchen und etwas Verachtetes
verwerten. Diese Leidenschaft war keineswegs nur auf den baren Nutzen
gerichtet, sondern hier verließ ihr Denken und Begehren den engen Kreis
des Notwendigen und erhob sich in das Gebiet des Ästhetischen. Die
Frau Gerichtsvollzieher war dem Schönen und dem Luxus nicht abgeneigt,
sie mochte es auch gerne hübsch und wohlig haben, nur durfte das
niemals einen Pfennig bares Geld kosten. So war ihre Kleidung äußerst
bescheiden, aber sauber und nett, und seit sie mit dem Häuslein auch
ein kleines Stück Boden besaß, hatte ihr Bedürfnis nach Schönem und
Erfreulichem ein lohnendes Ziel gefunden. Sie wurde eine eifrige
Gärtnerin.
Wenn August Schlotterbeck am Zaun seiner Nachbarin vorüberschritt,
schaute er jedesmal mit Freude und einem leisen Neid in die kleine
bescheidene Gartenpracht der stillen Witwe. Nett bestellte Gemüsebeete
waren appetitlich von Rabatten mit Schnittlauch und Erdbeeren, aber
auch mit Blumen eingefaßt, und Rosen, Levkojen, Goldlack und Reseden
schienen ein anspruchsloses, in sich begnügsames Glück zu verkünden.
Es war nicht leicht gewesen, auf dem steilen Gelände und in dem
hoffnungslos unfruchtbaren Sandboden einen solchen Wuchs zu erzielen.
Hier hatte Frau Entrißens Leidenschaft Wunder getan, und tat sie
noch immer. Sie brachte mit eigenen Händen aus dem Walde schwarze
Erde und Laub herbei, sie ging des Abends auf den Spuren der
schweren Steinbruchwagen und sammelte mit zierlichem Schäufelein den
goldeswerten Dung, den die Pferde und ihre Herren achtlos liegen
ließen. Hinterm Hause tat sie jeden Abfall und jede Kartoffelschale
sorgsam auf den Haufen, der im nächsten Frühling durch seine Verwesung
das arme leichte Land schwerer und reicher machen mußte. Sie brachte
aus dem Walde auch wilde Rosen und Setzlinge von Maiblumen und
Schneeglöckchen mit, und den Winter hindurch zog sie im Zimmer und
Keller ihre Ableger mit aller Sorgfalt auf. Ein wenig ahnungsvolles
Begehren nach Schönheit, das in jedem Menschengemüt verborgen duftet,
eine Freude am Nützen des Brachliegenden und Verwenden des umsonst
zu Habenden, und vielleicht unbewußt auch ein still glimmender Rest
unbefriedigter Weiblichkeit machten sie zu einer vortrefflichen
Gartenmutter.
Ohne von der Nachbarin etwas zu wissen, tat Herr Schlotterbeck täglich
mehrmals anerkennende Blicke in die von jedem Unkraut reinen Beete und
Wegchen, labte seine Augen an dem frohen Grün der Gemüse, dem zarten
Rosenrot und den luftigen Farben der Winden, und wenn ein leichter
Wind ging und ihm beim Weitergehen eine Handvoll süßen Gartenduftes
nachwehte, freute er sich dieser lieblichen Nachbarschaft mit einer
zunehmenden Dankbarkeit. Denn es gab immerhin Stunden, in denen er
ahnte, daß der Heimatboden ihm das Wurzelfassen nicht eben leicht
mache, und sich einigermaßen vereinsamt und betrogen vorkam.
Als er sich gelegentlich bei Bekannten nach der Gartenbesitzerin
erkundigte, bekam er die Geschichte des seligen Gerichtsvollziehers
und viel arge Urteile über seine Witwe zu hören, so daß er nun eine
Zeitlang das friedevolle Haus im Garten mit einem traurigen Erstaunen
darüber betrachtete, daß diese anmutende Lieblichkeit der Wohnsitz
einer so verworfenen Seele sein müsse.
Da begab es sich, daß er sie eines Morgens zum erstenmal hinter ihrem
niederen Zaune sah und anredete. Bisher war sie stets, wenn sie ihn
von weitem daherkommen sah, still ins Haus entwichen. Diesmal hatte
sie ihn, über ein Beet gebückt, im Arbeitseifer nicht kommen hören,
und nun stand er am Zaune, hielt höflich den Hut in der Hand und
sagte freundlich guten Morgen. Sie gab, halb wider ihren Willen, den
Gruß zurück, und er hatte es nicht eilig, sondern fragte sie: »Schon
fleißig, Frau Nachbarin?«
»Ein bißchen«, sagte sie, und er fuhr ermuntert fort: »Was Sie für
einen schönen Garten haben!«
Sie gab darauf keine Antwort, und er schaute sie, die schon wieder
an ihren Gräslein zupfte, verwundert an. Er hatte sie sich, jenem
Gerede nach, mehr furienmäßig vorgestellt, und nun war sie zu seinem
angenehmen Erstaunen recht ordentlich und gefällig von Gestalt,
das Gesicht ein wenig streng und ungesellig, aber frisch und ohne
Hinterhalt, und so im ganzen eine gar nicht unerquickliche Erscheinung.
»Ja, dann will ich weitergehen«, sagte er freundlich. »Adieu, Frau
Nachbarin.«
Sie blickte auf und nickte, wie er den Hut schwang, sah ihm drei, vier
Schritte weit nach und fuhr darauf gleichmütig in ihrer Arbeit fort,
ohne sich über den Nachbar Gedanken zu machen. Dieser aber dachte noch
eine Weile an sie. Es war ihm wunderlich, daß diese Person ein solches
Greuel sein solle, und er nahm sich vor, sie ein wenig zu beobachten.
Das tat er denn auch, und als ein weltkundiger Mann sah er bald aus
vielen kleinen Zügen ein Bild zusammen, das keinem Engel gleichsah,
aber auch nicht zu dem Teufel paßte, den die Leute aus ihr machen
wollten. Er nahm wahr, wie sie ihre paar Einkäufe in der Stadt still
und rasch ohne langes Herumschweifen und Reden besorgte, er sah sie
den Garten pflegen und ihre Wäsche sonnen, stellte fest, daß sie keine
Besuche empfing, und belauschte das kleine, einsame Leben der fleißigen
Frau mit Hochachtung und Rührung. Auch ihre etwas scheuen, abendlichen
Gänge nach den Roßäpfeln, um die sie sehr verschrien war, blieben ihm
nicht verborgen. Doch fiel es ihm nicht ein, darüber zu spotten, wenn
er auch darüber lächeln mußte. Er fand sie ein wenig scheu geworden,
aber ehrenwert und tapfer, und er dachte sich, es sei schade, daß
soviel Sorge und Achtsamkeit an so kleine Zwecke gewendet werde. Zum
erstenmal begann er jetzt, durch diesen Fall stutzig geworden, dem
Urteil der Gerbersauer zu mißtrauen und manches faul zu finden, was er
bisher gläubig hingenommen hatte.
Inzwischen traf er die Frau Nachbarin je und je wieder und wechselte
ein paar Worte mit ihr. Er redete sie jetzt mit ihrem Namen an, und
auch sie wußte ja, wer er sei, und sagte Herr Schlotterbeck zu ihm.
Er wartete gern mit dem Ausgehen, bis er sie im Freien sah, und ging
dann nicht vorüber, ohne ein kleines Gespräch über Witterung und
Gartenaussichten anzuknüpfen und sich an ihren einfachen, ehrlichen und
recht gescheiten Antworten zu freuen.
Einst brachte er einen seiner Bekannten abends im Adler auf die Frau zu
sprechen. Er erzählte, wie der saubere Garten ihm aufgefallen sei, wie
er die Frau in ihrem stillen Leben beobachtet habe und nicht begreifen
könne, daß sie in so üblem Ruf stehe. Der Mann hörte ihm höflich zu,
dann meinte er: »Sehen Sie, Sie haben ihren Mann nicht gekannt. Ein
Prachtskerl, wissen Sie, immer witzig, ein lieber Kamerad, und so gut
wie ein Kind! Und den hat sie einfach auf dem Gewissen.«
»An was ist er denn gestorben?«
»An einem Nierenleiden. Aber das hat er schon jahrelang gehabt und ist
fidel dabei gewesen. Dann nach seiner Pensionierung, statt daß ihm die
Frau es jetzt nett und freundlich daheim gemacht hätte, ist er ganz
hausscheu geworden. Manchmal ist er schon zum Mittagessen ausgegangen,
weil sie ihm zu schlecht gekocht hat! Ein bißchen leichtsinnig mag er
ja von Natur gewesen sein, aber daß er am Ende gar zuviel geschöppelt
hat, daran ist allein sie schuld gewesen. Sie ist ein Ripp, wissen Sie.
Da hat sie zum Beispiel eine Schwägerin im Haus, ein armes krankes
Ding, das seit Jahren tiefsinnig ist. Die hat sie wahrhaftig so
behandelt und hungern lassen, daß die Behörde sich darum bekümmern und
sie kontrollieren mußte.«
Auf so bösen Bericht war Schlotterbeck doch nicht gefaßt gewesen.
Er traute dem Erzähler nicht recht, aber die Sache ward ihm überall
bestätigt, wo er darum anklopfte. Es schien ihm wunderlich und wollte
ihm leid tun, daß er sich in der Frau so hatte täuschen können. Aber
so oft er sie wiedersah und einen Gruß mit ihr wechselte, schwand
aller Groll und Verdacht wieder dahin. Er entschloß sich und ging
zum Stadtschultheiß, um etwas Sicheres zu erfahren. Er wurde mit
Freundlichkeit aufgenommen; als er jedoch seine Frage vorbrachte,
wie es denn mit der Frau Entriß und ihrer Schwägerin stehe, ob sie
wirklich im Verdacht der Mißhandlung und unter Kontrolle sei, da
meinte der Stadtschultheiß abweisend: »Es ist ja nett, daß Sie sich
für Ihre Nachbarin so interessieren, aber ich glaube doch, daß diese
Sachen Sie eigentlich wenig angehen. Ich denke, Sie können es uns ruhig
überlassen, daß wir zum Rechten sehen. Oder haben Sie eine Beschwerde
vorzubringen?«
Da wurde Schlotterbeck eiskalt und schneidig, wie er es in Amerika
manchmal hatte sein müssen. Er ging leise und machte die Türe zu,
setzte sich dann wieder und sagte: »Herr Stadtschultheiß, Sie wissen,
wie über die Frau Entriß geredet wird, und da Sie selber bei ihr
waren, müssen Sie auch wissen, was wahr daran ist. Ich brauche ja keine
Antwort mehr, es ist alles verlogen und böswilliger Klatsch. Oder
nicht? -- Also. Warum dulden Sie das?«
Der Herr war anfangs erschrocken, hatte sich aber schnell wieder
gefaßt. Er zuckte die Achseln und sagte: »Lieber Herr, ich habe
wirklich anderes zu tun, als mich mit solchen Sachen zu befassen. Es
kann sein, daß da und dort der Frau etwas nachgeredet wird, was nicht
recht ist, aber dagegen muß sie sich selber wehren. Sie kann ja klagen.«
»Gut,« sagte Schlotterbeck, »das genügt mir. Sie geben mir also die
Versicherung, daß die Kranke dort Ihres Wissens in guter Behandlung
ist?«
»Ihretwegen, ja, Herr Schlotterbeck. Aber wenn ich Ihnen raten darf,
lassen Sie die Finger davon! Sie kennen die Leute hier nicht und machen
sich bloß mißliebig, wenn Sie sich in ihre Sachen mischen.«
»Danke, Herr Stadtschultheiß. Ich will mir's überlegen. Aber
einstweilen, wenn ich wieder einen so über die Frau reden höre, werde
ich ihn einen Ehrabschneider heißen und mich dabei auf Ihr Zeugnis
berufen.«
»Tun Sie das nicht! Der Frau nutzen Sie damit doch nichts, und Sie
haben nur Verdruß davon. Ich warne Sie, weil es mir leid täte, wenn --«
»Ja, ich danke schön.«
Die Folge dieses Besuches war zunächst, daß Schlotterbeck von seinem
Vetter Pfrommer aufgesucht wurde. Es hatte sich herumgeredet, daß er
ein merkwürdiges Interesse für die schlimme Witwe zeige, und Pfrommer
war von einer Angst ergriffen worden, der verrückte Vetter möchte auf
seine alten Tage noch Torheiten machen. Wenn es zum Schlimmsten käme
und er die Frau heiratete, würden seine Kinder von den ganzen Millionen
keinen Taler kriegen. Mit großer Vorsicht unterhielt er seinen Vetter
von der hübschen Lage seiner Wohnung, kam langsam auf die Nachbarschaft
zu sprechen und ließ vermuten, er wisse viel über die Frau Entriß
zu erzählen, falls es den Vetter interessiere. Der winkte jedoch
gleichmütig ab, bot dem Buchbinder einen vortrefflichen Kognak an und
ließ ihn zu alldem, was er hatte sagen wollen, gar nicht kommen.
Aber noch am selben Nachmittag sah er seine Nachbarin im Garten
erscheinen und ging hinüber. Zum erstenmal hatte er ein langes,
vertrauliches Gespräch mit ihr, worin er auf sein einsames Leben
hinwies und ihre freundlich-tröstliche Nachbarschaft dankbar rühmte.
Sie ging klug und bescheiden darauf ein, des eigentlichen Plauderns
ungewohnt und doch mit frauenhafter Anpassung und, wie ihm schien, auch
Anmut.
Diese Unterhaltungen wiederholten sich von jetzt an täglich, immer
über den Staketenzaun hinweg, denn seine Bitte, ihn auch einmal im
Garten selber oder gar im Hause zu empfangen, lehnte sie mit stiller
Entschiedenheit ab.
»Das geht nicht«, sagte sie lächelnd. »Wir sind ja beide keine jungen
Leute mehr, aber die Gerbersauer haben immer gern was zu plappern und
es wäre schnell ein dummes Gerede beieinander. Ich bin ohnehin übel
angeschrieben, und Sie gelten auch für eine Art Sonderling, wissen Sie.«
Ja, das wußte er jetzt, im zweiten Monat seines Hierseins, und
seine Freude an Gerbersau und den Landsleuten hatte schon bedeutend
nachgelassen. Er begann zu merken, daß er hier doch fremd sei und daß
Höflichkeit, Duldung und Entgegenkommen der Leute nicht seinem Namen
und Wesen oder dem aus der Fremde heimgekehrten Mitbürger, sondern eben
seinem Geldsack galt. Es belustigte ihn, daß man sein Vermögen weit
überschätzte, und die ängstliche Beflissenheit seines Vetters Pfrommer
und anderer Angelkünstler machte ihm einen gewissen Spaß, aber für die
beginnende Enttäuschung konnte ihn das nicht entschädigen, und er hatte
den Wunsch, sich dauernd hier niederzulassen, heimlich schon wieder
zurückgenommen. Vielleicht wäre er einfach wieder abgereist und hätte
nochmals wie in jungen Jahren die Wanderschaft gekostet, wovor ihm
nicht bange war. Es hielt ihn aber jetzt ein feiner Dorn zurück, so daß
er spürte, er werde nicht gehen können, ohne sich zu verletzen und ein
Stücklein von sich hängen zu lassen.
Darum blieb er wo er war, und ging häufig an dem kleinen, weiß und
braunen Nachbarhaus vorüber. Das Schicksal der Frau Entriß war ihm
jetzt nimmer so dunkel, da er sie besser kannte und sie ihm auch
manches erzählt hatte. Namentlich vermochte er sich den seligen
Gerichtsvollzieher jetzt recht deutlich vorzustellen, von dem die
Witwe ruhig und ohne Tadel sprach, der aber doch im Grunde genommen ein
Windbeutel gewesen sein mußte, daß er es nicht verstanden hatte, unter
der Herbe und Strenge dieser Frau den köstlichen Kern aufzuspüren und
ans Licht zu bringen. Herr Schlotterbeck war überzeugt, daß sie neben
einem verständigen Manne, vollends in reichlichen Verhältnissen, eine
Perle abgeben müßte. Ihr Geiz war eine in Einsamkeit und Enttäuschung
zur Leidenschaft ausgewachsene Liebhaberei, schien ihm, und war auch
eigentlich keine Habsucht, da sie soviel Respekt vor jedem Werte besaß,
um ihn auch ohne eigenen Vorteil möglichst zu retten und zu bewahren.
Je mehr er die Frau kennen lernte und ein Bild von ihr bekam, worin
freilich Neigung und Hoffnung stark mitmalen halfen, desto besser
begriff er, daß sie in Gerbersau unmöglich verstanden werden konnte.
Denn auch der Gerbersauer Charakter schien ihm nun verständlicher
geworden, wenn auch dadurch nicht lieber. Jedenfalls erkannte er,
daß er selber diesen Charakter nicht oder nicht mehr habe und hier
ebensowenig gedeihen und sich entfalten könne wie die Frau Entriß.
Diese Gedanken waren, ihm unbewußt, lauter spielende Paraphrasen zu
seinem stillen Verlangen nach einem nochmaligen Ehebund und Versuch,
sein einsam gebliebenes Leben doch noch fruchtbar und unsterblich zu
machen.
Der Sommer hatte seine Höhe erreicht und der Garten der Witwe duftete
mitten in der sandigen und glühenden Umgebung triumphierend weit über
seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn dazu noch vom
nahen Waldrande die Vögel aufatmend den schönen Tag lobten und aus
dem Tale in der Stille nach dem Schluß der Fabriken der Fluß leise
herauf rauschte. An einem solchen Abend kam August Schlotterbeck zu
Frau Entriß und trat ungefragt nicht nur in den Garten, sondern auch
in die Haustüre, wo eine dünne, erschrockene Glocke ihn anmeldete und
die Hausfrau ihn verwundert und fast ein wenig ungehalten ansprach. Er
erklärte aber, heute durchaus hereinkommen zu müssen, und ward denn von
ihr in die Stube geführt, wo er sich umblickte und es allerdings etwas
kahl und schmucklos, doch reinlich und abendsonnig fand. Die Frau legte
schnell ihre Schürze ab, setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster und
hieß auch ihn sich setzen.
Da fing Herr Schlotterbeck eine lange, hübsche Rede an. Er erzählte
sein ganzes Leben, seine erste kurze Ehe nicht ausgenommen, mit
einfacher Trockenheit, schilderte dann etwas wärmer seine Heimkehr
nach Gerbersau, seine erste Bekanntschaft mit ihr und erinnerte sie an
manche Gespräche, in denen sie einander so gut verstanden hätten. Und
nun sei er da, sie wisse schon warum, und hoffe, sie sei nicht gar zu
sehr überrascht.
»Über mein Vermögen kann ich mich ausweisen. Ich bin kein Millionär,
wie die Leute hier herumreden, aber so ungefähr eine viertel Million
oder etwas drüber wird schon da sein. Im übrigen meine ich, wir seien
beide noch zu jung und kräftig, als daß es schon Zeit wäre, Verzicht
zu leisten und sich einzuspinnen. Was soll eine Frau wie Sie schon
allein sitzen und sich mit dem Gärtlein bescheiden, statt noch einmal
anzufangen und vielleicht hereinzubringen, was früher am rechten Glück
gefehlt hat?«
Die Frau Entriß hatte beide Hände still auf ihren Knien liegen und
hörte aufmerksam dem Freier zu, der allmählich warm und lebhaft wurde
und wiederholt seine rechte Hand ausstreckte, als fordere er sie auf,
sie zu nehmen und festzuhalten. Sie tat aber nichts dergleichen, sie
saß ganz still und genoß es, ohne alles wirklich mit den Gedanken zu
erfassen, daß hier jemand gekommen war, um ihr Freundlichkeit und
Liebe und guten Willen zu zeigen. Die beiden Leute saßen einander nahe
gegenüber, er von seinem Willen und Verlangen erwärmt und verjüngt, sie
aber von einem zarten Wohlsein und einer nur halb erwarteten Ehrung
leise erregt wie eine Jubilarin, und über beide Gesichter glühte mit
feiner Abschiedsröte die tiefstehende Sonne durch das offene Fenster.
Da sie weder Antwort gab noch aus ihrem seltsamen Traumgefühle
aufsah, fuhr Schlotterbeck nach einer Pause zu reden fort. Gütig und
hoffnungsvoll stellte er ihr vor, wie es sein und werden könnte,
wenn sie einverstanden wäre, wie da an einem andern, neuen Ort ohne
unliebe Erinnerungen sich ein friedlich fleißiges Leben führen ließe,
bescheiden und doch etwas mehr aus dem Vollen, mit einem größeren
Garten und einem reichlicheren Monatsgelde, wobei dennoch jährlich
zurückgelegt würde. Er sprach, von ihrem lieben Anblick besänftigt und
von dem rotgelben, innigen Abendscheine leicht und wohlig geblendet,
recht milde mit halber Stimme und zufrieden, daß sie wenigstens zuhörte
und ihn da sein und gelten und werben ließ. Und sie hörte und schwieg,
von einer angenehmen Müdigkeit in der Seele leicht gelähmt. Es ward ihr
nicht völlig bewußt, daß das eine Werbung und eine Entscheidung für ihr
Leben bedeute, auch schuf dieser Gedanke ihr weder Erregung noch Qual,
denn sie war durchaus entschieden und dachte keine Sekunde daran, das
für Ernst zu nehmen. Aber die Minuten gingen so gleitend und leicht
und wie von einer Musik getragen, daß sie benommen lauschte und keines
Entschlusses fähig war, auch nicht des kleinen, den Kopf zu schütteln
oder aufzustehen.
Wieder hielt Schlotterbeck inne und atmete tief, sah sie fragend an und
sah sie unverändert mit niedergeschlagenen Augen und fein geröteten
Wangen verharren, als schaue sie ein wohlgefälliges Spiel oder lausche
einer seltenen Musik. Und wieder hielt er ihr die Hand entgegen, die
sie aber nicht zu sehen schien, und fing nochmals an, gläubig wie
ein Träumer von der Zukunft zu reden, die er schon an einem kleinen
goldenen Faden zu halten meinte. Ihre Bewegung verstand er nicht,
denn er deutete sie zu seinen Gunsten, aber er fühlte doch denselben
hingenommenen und traumhaften Zustand und hörte gleich ihr die
merkwürdigen Augenblicke wie auf wohllautend rauschenden Flügeln durch
das abendhelle Stüblein und durch sein Gemüt reisen.
Beiden schien es später, sie seien eine gar lange Zeit so
halbverzaubert beieinander gesessen, doch waren es nur Minuten, denn
die Sonne stand noch immer nah am Rande der jenseitigen Berge, als sie
aus dieser Stille jäh erweckt wurden.
Im Nebenzimmer hatte sich die kranke Schwägerin aufgehalten und war,
schon durch den ungewohnten Besuch in Aufregung und einige Angst
geraten, bei dem langen, leisen Gespräch und Beisammensein der Beiden
von argen Ahnungen und Wahnvorstellungen befallen worden. Es schien
ihr Ungewöhnliches und Gefährliches vorzugehen und allmählich ergriff
sie, die nur an sich selber zu denken vermochte, eine wachsende Furcht,
der fremde Mann möchte gekommen sein, um sie fortzuholen. Denn eine
stille, argwöhnische Angst hievor war das Ergebnis jenes Besuches der
Magistratsherren gewesen, und seither konnte nichts noch so Geringes
im Hause vorfallen, ohne daß die arme Jungfer mit Entsetzen an eine
gewaltsame Hinwegführung und Einsperrung an einem unbekannten fernen
Orte denken mußte.
Darum kam sie jetzt, nachdem sie eine Weile mit immer abnehmenden
Kräften gegen das Grauen gekämpft hatte, gewaltsam schluchzend und
in Verzweiflung aufgelöst in die Stube gelaufen, warf sich vor ihrer
Schwägerin nieder und umfaßte ihre Knie unter Stöhnen und zuckendem
Weinen, so daß Schlotterbeck erschrocken auffuhr und die Frau Entriß
plötzlich aus ihrer Benommenheit gerissen alles wieder mit nüchternem
Verstande wahrnahm und sich der vorigen Verlorenheit unwillig schämte.
Sie stand eilig auf, zog die Kniende mit sich empor, fuhr ihr mit
tröstender Hand übers Haar und redete halblaut und eintönig auf sie ein
wie auf ein heulendes Kind.
»Nein, nein, Seelchen, nicht weinen! Gelt, du weinst jetzt nicht mehr?
Komm, Kindelchen, komm, wir sind vergnügt und kriegen was Gutes zum
Nachtessen. Hast gemeint, er will dich fortnehmen? O, Dummes du, es
nimmt dich niemand fort; nein, nein, darfst mir's glauben, kein Mensch
darf dir was tun. Nimmer weinen, Dummelein, nimmer weinen!«
August Schlotterbeck sah mit Verlegenheit und auch mit Rührung zu,
die Kranke weinte schon ruhiger und fast mit einem kindlichen Genuß,
wiegte den Kopf hin und wider, klagte mit abnehmender Stimme und verzog
ihr verzweifeltes Gesicht unter den noch munter laufenden Tränen
unversehens zu einem blöden, hilflosen Kleinkinderlächeln. Doch kam
sich der Besucher bei dem allen unnütz und mehr als entbehrlich vor,
er hustete darum ein wenig und sagte: »Das tut mir leid, Frau Entriß,
hoffentlich geht es gut vorbei. Ich werde so frei sein und morgen
wiederkommen, wenn ich darf.«
Erst in diesem Augenblick fiel der Frau alles aufs Herz, wie er um sie
geworben und sie ihm zugehört und es geduldet habe, ohne daß sie doch
willens war, ihn zu erhören. Sie erstaunte über sich selber, es konnte
ja aussehen, als habe sie mit ihm gespielt. Nun durfte sie ihn nicht
fortgehen und die Täuschung mitnehmen lassen, das sah sie ein, und sie
sagte: »Nein, bleiben Sie da, es ist schon vorüber. Wir müssen noch
reden.« Ihre Stimme war ruhig und ihr Gesicht unbewegt, aber die Röte
der Sonne und die Röte der lieblichen Erregung war verglüht und ihre
Augen schauten klug und kühl, doch mit einem kleinen bangen Glanz von
Trauer auf den Werber, der mit dem Hute in den Händen wieder niedersaß
und nicht begriff, wohin seine Freudigkeit und ihre liebe Wärme
gekommen sei.
Sie setzte indessen die Schwägerin auf einen Stuhl und kehrte an ihren
vorigen Platz zurück. »Wir müssen sie im Zimmer lassen,« sagte sie
leise, »sonst wird sie wieder unruhig und macht Dummheiten. -- Ich habe
Sie vorher reden lassen, Herr Nachbar, ich weiß selber nicht warum,
ich bin ein wenig müd gewesen. Hoffentlich haben Sie es nicht falsch
gedeutet. Es ist nämlich schon lange mein fester Entschluß, mich nicht
mehr zu verändern. Ich bin fast vierzig Jahre alt, und Sie werden gewiß
reichlich fünfzig sein, in diesem Alter heiraten vorsichtige Leute
nimmer. Daß ich Ihnen als einem freundlichen Nachbar gut und dankbar
bin, wissen Sie ja, und wenn Sie wollen, können wir es weiter so haben.
Aber damit wollen wir zufrieden sein, wir könnten sonst den Schaden
haben.«
Herr Schlotterbeck sah sie betrübt, doch freundlich an. Unter
Umständen, dachte er, würde er jetzt ganz ruhig abziehen und ihr recht
geben. Allein der Glanz, den sie vor einer Viertelstunde im Gesicht
gehabt hatte, war ihm noch wie ein ernsthaft schöner Spätsommerflor im
Gedächtnis und hielt sein Begehren mit Macht am Leben. Wäre der Glanz
nicht gewesen, er wäre betrübt, doch ohne Stachel im Herzen seiner
Wege gegangen; so aber schien ihm, er habe das Glück schon wie einen
zutraulichen Vogel auf dem Finger sitzen gehabt und nur den Augenblick
des Zugreifens verpaßt. Und Vögel, die man schon so nahe gehabt, läßt
man nicht ohne grimmige Hoffnung auf eine neue Gelegenheit zum Fang
entrinnen. Außerdem, und trotz des Ärgers über ihr Entwischen, nachdem
sie schon so fromm über seine Freiersrede erglüht war, hatte er sie
jetzt viel lieber als noch vor einer Stunde. Bis dahin war es seine
Meinung gewesen, eine angenehme und ersprießliche Vernunftheirat zu
betreiben, nun aber hatte die stille Weichheit dieser Abendstunde ihn
vollends wahrhaft verliebt gemacht, so daß jetzt an ein einfaches,
freundlich kühles Bedauern und Adieusagen nimmer zu denken war.
»Frau Entriß,« sagte er deshalb entschlossen, »Sie sind jetzt
erschreckt worden und vielleicht von meinem Vorschlag zu sehr
überrascht. Auch habe ich vielleicht zu wenig gesagt und mich zu
sehr an das Praktische und Geschäftliche der Sache gehalten, wenn es
auch nicht so gemeint war. Ich will darum nur sagen, daß mein Herz
es ernst meint und nicht von seiner Liebe lassen will, wenn es auch
Gründe dagegen geben mag. Ich kann das nicht so ausdrücken, es steht
mir nicht an, aber es ist mein Entschluß, davon nimmer zu lassen. Ich
habe Sie lieb, und da Sie nur mit dem Verstande Widerstand leisten,
kann ich mich nicht zufrieden geben wie ein Handelsmann, den man um
ein Haus weiterschickt. Sondern es ist meine Meinung, diesen Krieg
weiterzuführen und Sie nach meinen Kräften zu belagern, damit es sich
zeigt, wer der Stärkere ist.«
Auf diesen Ton war sie nicht gefaßt gewesen, er klang, wenn auch nicht
überzeugend, so doch warm und schmeichelhaft in ihr Frauengemüt und
tat ihr im Innern wohl wie ein erster Amselruf im Februar, wenn sie es
auch nicht wahr haben wollte. Doch war sie nicht gewohnt, so dunkeln
Regungen Macht zu gönnen, und fest entschlossen, den Angriff abzuwehren
und ihre liebgewordene Freiheit zu behalten.
Sie sagte: »Sie machen mir ja Angst, Herr Nachbar! Die Männer bleiben
eben länger jung als unsereine, und es tut mir leid, daß Sie mit meinem
Bescheide nicht zufrieden sein wollen. Denn bei mir sieht es nun einmal
nimmer so lebenslustig aus, ich kann mich nicht wieder jung machen und
verliebt tun, es käme nicht von Herzen. Auch ist mir mein Leben, so wie
es jetzt ist, lieb und gewohnt geworden, ich habe meine Freiheit und
keine Sorgen. Und da ist auch das arme Ding, meine Schwägerin, die mich
braucht und die ich nicht im Stich lasse, das hab' ich ihr versprochen
und will dabei bleiben. -- Aber was rede ich lang, wo nichts zu sagen
ist! Ich will nicht und ich kann nicht, und wenn Sie es gut mit mir
meinen, so lassen Sie mir meinen Frieden und drohen mir nicht mit
Belagerungen und dergleichen, ich müßte Ihnen sonst zürnen und würde
kein Wort mehr von Ihnen anhören. Wenn Sie wollen, so vergessen wir das
heutige und bleiben gute Nachbarn. Im andern Fall kann ich Sie nimmer
sehen.«
Schlotterbeck stand auf, verabschiedete sich jedoch noch nicht, sondern
ging in erregten Gedanken, als wäre er im eigenen Hause, heftig auf und
ab, um einen Weg aus dieser Not zu finden. Sie sah ihm eine Weile zu,
ein wenig belustigt, ein wenig gerührt und ein wenig beleidigt, bis es
ihr zu viel ward. Da rief sie ihn an: »Seien Sie nicht töricht, Herr
Nachbar: Wir wollen jetzt zu Nacht essen, und für Sie wird es auch Zeit
sein.«
Aber er hatte eben jetzt seinen Entschluß gefunden. Er nahm seinen
Hut, den er in der Aufregung weggelegt hatte, manierlich in die linke
Hand, verbeugte sich und sagte mit einem schwachen, etwas mißlungenen
Lächeln: »Gut, ich gehe jetzt, Frau Entriß. Sie müssen heut ein bißchen
Nachsicht mit mir haben. Ich sage Ihnen jetzt Adieu und werde Sie eine
Zeitlang nimmer belästigen. Sie sollen mich nicht für gewalttätig
halten. Aber ich komme wieder, sagen wir in vier, fünf Wochen, und ich
bitte um nichts, als daß Sie in der Zeit sich diese Sache noch einmal
in Gedanken betrachten und mir alsdann eine richtige Antwort geben,
ganz wie es Ihnen dann ums Herz sein wird. Ich reise fort, das hatte
ich ohnehin im Sinn, und Sie werden also alle Ruhe vor mir haben. Und
wenn ich wiederkomme, ist es nur, um Ihre Antwort zu holen. Wenn Sie
dann Nein sagen, verspreche ich damit zufrieden zu sein und werde dann
Sie auch von meiner Nachbarschaft befreien. Sie sind das Einzige, was
mich noch in Gerbersau halten könnte. Also leben Sie recht wohl, und
auf Wiedersehen!«
Sie nahm seine Hand nicht an, die er ihr hinbot, gab aber in
freundlichem Ton Antwort: »Meine Meinung kennen Sie schon, sie wird
nicht anders werden. Damit Sie meinen guten Willen sehen, will ich
Ihren Vorschlag gelten lassen. Aber ich hoffe, bis Sie wiederkommen,
sehen Sie selber das alles ruhiger an, auch das mit dem Fortziehen, und
bleiben mein Nachbar. Adieu denn, und gute Reise!«
»Ja, adieu,« sagte Schlotterbeck wehmütig, nahm den Türgriff in die
Hand, warf einen Blick ins Zimmer zurück, den nur die Schwägerin
erwiderte, und trat unbegleitet aus dem Hause in die noch lichte
Dämmerung. Er schüttelte eine Faust gegen die schwach herauftönende
Stadt, welcher er alle Schuld an Frau Entrißens Verstocktheit
zuschrieb, und beschloß im Herzen, sie so bald wie möglich für immer
zu verlassen, sei es nun mit oder ohne Frau. Dieser Entschluß tat ihm
in seinem übrigen schwebenden und abhängigen Zustande wohl, als ein
Ausblick auf selbständigere und gesichertere Zeiten, nach denen ihn
sehnlich verlangte.
Langsam tat er den kurzen Gang zu seiner Wohnung hinüber, nicht
ohne mehrmals nach dem Nachbarhäuschen zurückzuschauen, das mit
geschlossener Tür und Gartenpforte gleichmütig und kühl die späte
Sommernacht erwartete. Ganz fern stand am verglühten Himmel noch
eine kleine Wolke, kaum ein Hauch, und blühte hinsterbend in einem
sanften rosigen Goldduft dem ersten Stern entgegen. Bei ihrem Anblick
fühlte der Mann noch einmal die feine, innig glühende Erregung der
vergangenen Stunde vorüberziehen und schüttelte lächelnd den alten
Kopf zu den töricht süßen Wünschen seines Herzens. Dann betrat er sein
einsames Haus, verzichtete auf das Abendessen in der Stadt, aß nur ein
halbes Pfund Kirschen, die er morgens gekauft hatte, und fing noch am
selben Abend an, sich für die Reise zu rüsten.
Am Nachmittag des andern Tages war er fertig, übergab die Schlüssel
seiner Aufwärterin und den Koffer einem Dienstmann, seufzte befreit
und ging davon, in die Stadt hinunter und dem Bahnhof zu, ohne im
Vorbeigehen einen Blick in den Garten und die Fenster der Frau Entriß
zu wagen. Sie aber sah ihn wohl, wie er vom Kofferträger begleitet,
elegisch dahinging. Er tat ihr leid und sie wünschte ihm von Herzen
gute Erholung.
Für Frau Entriß begannen nun stille Tage. Ihr bescheidenes Leben glitt
wieder in die vorige Einsamkeit zurück, es kam niemand zu ihr und
es schaute niemand mehr über ihren Gartenzaun herein. In der Stadt
wußte man genau, daß sie mit allen Künsten nach dem reichen Rußländer
geangelt habe, und gönnte ihr seine Abreise, die natürlich keinen Tag
verborgen blieb. Sie kümmerte sich nach ihrer Art um das alles nicht,
sondern ging ruhig ihren Pflichten und Gewohnheiten nach. Es tat ihr
leid, daß es mit Herrn Schlotterbeck so gegangen war, denn sie hatte
ihn gern gesehen und sah die freundliche Nachbarlichkeit mit Bedauern
gestört. Doch war sie sich keiner Schuld bewußt und in langen Jahren an
das Alleinleben so gewöhnt, daß sein Fortgehen ihr keinen ernstlichen
Kummer machte. Sie sammelte Blumensamen von den verblühenden Beeten,
goß am Morgen und Abend, erntete das Beerenobst, machte ein und tat mit
zufriedener Emsigkeit die vielen Sommerarbeiten. Und dann machte ihr
die Schwägerin unverhofft zu schaffen.
Diese hatte sich seit jenem Abend still verhalten, schien aber seither
noch mehr als früher mit einer heimlichen Angst zu kämpfen, welche eine
Art von Verfolgungswahnsinn war und in einem mißtrauischen Träumen von
Entführung und Gewalttaten bestand. Der heiße Sommer, der ungewöhnlich
viele Gewitter brachte, tat ihr auch nicht gut, und schließlich konnte
Frau Entriß kaum mehr auf eine halbe Stunde zu Einkäufen ausgehen, da
die Kranke das Alleinbleiben nimmer ertrug. Das elende Wesen fühlte
sich nur in der nächsten Nähe der gewohnten Pflegerin sicher und umgab
die geplagte Frau mit Seufzen, Händeringen und scheuen Blicken einer
grundlosen Furcht. Am Ende mußte sie den Arzt holen, vor dem die Kranke
in neues Entsetzen geriet und der nun alle paar Tage zur Beobachtung
wiederkam. Für die Gerbersauer war das wieder ein Grund, von erneuter
Mißhandlung und behördlicher Kontrolle zu erzählen; die Sache ward nun
in Verbindung mit ihren Absichten auf Schlotterbeck gebracht und zu
einem skandalösen Fall von arglistiger Habsucht gestaltet.
Unterdessen war August Schlotterbeck nach Wildbad gefahren, wo es
ihm jedoch zu heiß und zu lebhaft wurde, so daß er, auch von einiger
innerer Unrast geplagt, bald wieder aufpackte und weiterfuhr,
diesmal nach Freudenstadt, das ihm von jungen Zeiten her bekannt
war. Dort gefiel es ihm recht wohl, er fand die Gesellschaft eines
schwäbischen Fabrikanten, mit dem er gut Freund wurde und über
technische und kaufmännische Dinge seiner Erfahrung reden konnte.
Mit diesem Manne, der Viktor Trefz hieß und gleich ihm selber weit
in der Welt herumgekommen war, machte er täglich lange Spaziergänge
in den kühlen Wäldern, zum Kniebis hinauf und nach Rippoldsau, oder
das schöne Murgtal hinunter, wo man überall in schöner Landschaft und
Waldnähe marschieren und in hübschen Ortschaften und guten Gasthäusern
sich ausruhen kann. Herr Trefz besaß im Osten des Landes eine
Lederwarenfabrik von altem und bekanntem Ruf, sein neuer Freund fragte
ihn nach allem aus und ihm war es wohl dabei, seine Erholungstage
in so angenehmen und vertrauten Gesprächen hinbringen zu können. Es
entstand zwischen den beiden alten Herren eine höfliche Vertraulichkeit
und gegenseitige Hochschätzung, denn Schlotterbeck zeigte in der
Lederbranche vortreffliche Kenntnisse und außerdem eine Bekanntschaft
mit dem Weltmarkt, die für einen Privatier erstaunlich war. So währte
es nicht lange, bis er dem Fabrikanten seine Geschichte und Lage
genauer mitteilte, und es wollte beiden scheinen, sie könnten unter
Umständen einmal auch in Geschäften recht gute Kameraden werden.
Die erhoffte Erholung fand Schlotterbeck also reichlich, er vergaß
sogar für halbe Tage seinen schwebenden Handel mit der Witwe in
Gerbersau, von dem er Herrn Trefz keine Mitteilung hatte machen mögen.
Den alten Geschäftsmann belebte und erregte die Unterhaltung mit einem
gewiegten Kollegen und die Aussicht auf etwaige neue Unternehmungen
nicht wenig, und die Bedürfnisse seines Herzens zogen sich, da er
ihnen nie allzuvielen Raum gegönnt hatte, bescheidentlich zurück.
Nur wenn er allein war, etwa abends vor dem Einschlafen, suchte ihn
das Bild der Frau Entriß heim und machte ihn wieder warm. Doch auch
dann schien ihm die Angelegenheit nicht mehr gar so verzweifelt und
gewichtig. Er dachte an jenen Abend im Häuschen der Nachbarin und
fand schließlich, sie habe nicht völlig unrecht gehabt. Er sah ein,
daß der Mangel an Arbeit und das Alleinhausen zu einem großen Teil an
seinen Heiratsgedanken schuld gewesen seien. Nicht daß er nun kalt und
untreu geworden wäre, das lag nicht in seiner Art, aber wenn nun, wie
zu vermuten war, es bei jener ersten Antwort der Frau bleiben würde,
schien ihm das Unglück immerhin unter den jetzigen Umständen nicht
unerträglich.
Auf einem Spaziergang im Fichtenwalde wurde er von Herrn Trefz
eingeladen, diesen Herbst ihn zu besuchen und seinen Betrieb
anzuschauen. Es war noch mit keinem Wort von geschäftlichen Beziehungen
die Rede gewesen, doch wußten beide, wie es stand und daß der Besuch
sehr wohl zu einer Teilhaberschaft und Vergrößerung des Geschäfts
führen könnte. Schlotterbeck nahm dankend an und nannte dem Freunde die
Bank, bei der er sich über ihn erkundigen könne.
»Danke, es ist gut,« sagte Trefz, »das Weitere besprechen wir dann,
falls Sie Lust haben, an Ort und Stelle.«
Damit fühlte sich August Schlotterbeck dem Leben wiedergewonnen, dem er
nun eine unfrohe Weile nur unbeteiligt zugesehen hatte. Er sah Arbeit
und Sorge, Gewinn und Erregung des Handels in naher Zukunft winken, und
mehr als einst auf die Heimkehr in die alte Heimat freute er sich jetzt
auf die Rückkehr zum gewohnten Leben eines Arbeiters und Unternehmers,
auf Einrichtungen und Reisen, Korrespondenzen und Berechnungen, auf
Telegramme, Verwicklungen und Kämpfe. Es war weniger des Geldes wegen,
dessen er für den Bedarf seines Alters genug besaß, als aus Freude
an Umtrieb und Wagnis, aus einer gewissen Lust am Verkehr mit dem
Welthandel und den Abenteuern des kühnen Kaufmanns. Fröhlich stieg er
an jenem Tag in sein Bett und schlief ein, ohne heut ein einziges Mal
an seine Witwe gedacht zu haben.
Er ahnte nicht, daß diese eben jetzt recht üble Zeit habe und seinen
Beistand wohl hätte brauchen können. Die Schwägerin war unter der
Beobachtung des Oberamtsarztes noch scheuer und unheimlicher geworden
und machte das kleine Häuschen zu einem Orte des Jammers, indem sie
bald schrie wie am Spieß, bald rastlos und schwer seufzend die Treppen
auf und ab stieg und durch die Stuben wanderte, bald auch sich in ihrer
Kammer einschloß und eingebildete Belagerungen unter Gebet und Winseln
bestand. Das arme Geschöpf mußte immerfort bewacht werden, wenn auch
ruhige Tage dazwischen kamen, und der geängstigte Doktor, der in
solchen Dingen keine Erfahrung hatte, drängte zur Fortschaffung und
Versorgung in einer Anstalt. Frau Entriß widersetzte sich dem, so lange
sie konnte. Sie hatte sich an die Nähe der schwermütigen Jungfer in
langen Jahren gewöhnt und zog ihre Gesellschaft der völligen Einsamkeit
immerhin vor, auch hoffte sie, es werde dieser schlimme Zustand nicht
lange dauern, und schließlich fürchtete sie die bedenklichen Kosten,
die möglicherweise nach Abgang der Kranken in eine Irrenanstalt ihr
entstehen könnten. Sie wollte gern der Unglücklichen ihr Lebenlang
kochen, waschen und aufwarten, ihre Launen ertragen und sich um
sie sorgen; aber die Aussicht, es möchte für dies zerstörte Leben
vielleicht jahrelang ihr Erspartes dahingehen und in einen Sack ohne
Boden rinnen, war ihr furchtbar. So hatte sie außer der täglichen Sorge
um die Gemütskranke auch noch diese Angst und Last zu tragen, und sie
fing trotz ihrer Zähigkeit an, etwas vom Fleisch zu fallen und im
Gesicht ein wenig zu altern.
Von dem allem wußte Schlotterbeck kein Wort. Er war der sicheren
Meinung, die muntere Witwe sitze vergnügt in ihrem hübschen kleinen
Hause und sei womöglich froh, den lästigen Nachbarn und Bewerber für
eine Weile los zu sein.
Dies stimmte aber nun schon nicht mehr. Zwar hatte die Abreise des
Herrn Schlotterbeck nicht die Folge gehabt, ihr nach dem Entfernten
Sehnsucht zu wecken und ihr sein Bild zärtlich zu verklären, doch wäre
sie jetzt in ihrer Not ganz froh gewesen, einen Freund und Berater
zu haben, und war mit ihrer Selbstherrlichkeit durchaus nicht mehr so
stolz zufrieden wie bisher. Ja sie hätte, falls es mit der Schwägerin
schlimm gehen sollte, sich wohl auch die Bewerbung des reichen Mannes
noch einmal näher und freundlicher angesehen.
In Gerbersau war unterdessen das Gespräch über die Abreise
Schlotterbecks und ihre vermutliche Bedeutung und Dauer verstummt, da
man jetzt an der Witwe Entriß wieder für eine Weile die Mäuler voll
hatte. Und während unter den schönen Tannenbäumen von Freudenstadt die
beiden Geschäftsleute und Freunde sich immer besser verstanden und
schon deutlicher von künftigen gemeinsamen Unternehmungen miteinander
plauderten, saß daheim in der Spitalgasse der Buchbinder Pfrommer zwei
lange Abende an einem Schreiben an seinen Vetter, dessen Wohl und
Zukunft ihm gar sehr am Herzen lag. Einige Tage später hielt August
Schlotterbeck diesen Brief, der auf das beste Papier mit einem goldenen
Rande geschrieben war, verwundert in den Händen und las ihn langsam
zweimal durch. Er lautete:
Lieber und werter Vetter Schlotterbeck!
Der Herr Aktuar Schwarzmantel, der neulich eine Schwarzwaldtour gemacht
hat, hat uns berichtet, daß er Dich in Freudenstadt gesehen und daß Du
wohl bist und in der Linde logierst. Das hat uns gefreut, und möchte
ich Dir an diesem schönen Ort eine gute Erholung wünschen. Wenn man
es vermag, ist ja eine solche Sommerkur immer sehr gut, ich war auch
einmal ein paar Tage in Herrenalb, weil ich krank gewesen war, und hat
mir vorzügliche Dienste getan. Wünsche also nochmals besten Erfolg, und
wird unser heimatlicher Schwarzwald mit seinem Tannenrauschen auch Dir
gewiß nur gut gefallen.
Lieber Vetter, wir haben alle lange Zeit nach Dir, und wenn du nach
guter Erholung wieder heimkommst, wird es Dir gewiß in Gerbersau wieder
recht gut gefallen. Der Mensch hat doch nur eine Heimat, und wenn es
auch draußen in der Welt viel Schönes geben mag, kann man doch bloß in
der Heimat wirklich glücklich sein. Du hast Dich auch in der Stadt sehr
beliebt gemacht, alle freuen sich bis Du wiederkommst.
Es ist nur gut, daß Du gerade jetzt verreist bist, wo es in Deiner
Nachbarschaft wieder so arg zugeht. Ich weiß es nicht, ob es Dir schon
bekannt ist. Die Frau Entriß hat jetzt also doch ihre kranke Schwägerin
hergeben müssen. Sie war so mit ihr umgegangen, daß das unglückliche
Geschöpf es nimmer hat aushalten können und hat Tag und Nacht um Hilfe
gerufen, bis man den Oberamtsarzt geholt hat. Da hat sich gezeigt, daß
es mit der kranken Jungfer furchtbar stand, und trotzdem hat die Entriß
drauf bestehen und sie um jeden Preis dabehalten wollen, man kann sich
denken warum. Aber jetzt ist ihr das Handwerk gelegt, man hat ihr
die Schwägerin weggenommen und vielleicht muß sie sich noch anderswo
verantworten. Dieselbe ist im Narrenhaus in Zwiefalten untergebracht
worden, und die Entriß muß tüchtig für sie zahlen. Warum hat sie früher
so an der Kranken gespart!
Wie man das arme Ding fortgebracht hat, das hättest Du sehen sollen,
es war ein Jammer. Sie hatten einen Wagen genommen, da saß die Entriß,
der Oberamtsarzt, ein Wärter aus Zwiefalten drin und die Patientin. Da
fing sie an und hat den ganzen Weg geschrien wie verrückt, daß alles
nachgelaufen ist, bis auf den Bahnhof. Auf dem Heimweg hat die Entriß
dann allerlei zu hören gekriegt, ein Bub hat ihr sogar einen Stein
nachgeworfen.
Lieber Vetter, falls ich Dir hier irgend etwas besorgen kann, tue ich
es sehr gern. Du bist ja dreißig Jahre lang von der Heimat fortgewesen,
aber das macht nichts und für meine Verwandten ist mir, wie Du weißt,
nichts zuviel. Meine Frau läßt Dich auch grüßen.
Ich wünsche Dir gutes Wetter für Deine Sommerfrische. In dem
Freudenstadt droben wird es schon kühler sein als hier in dem engen
Loch, wir haben sehr heiß und viel Gewitter. Im Bayrischen Hof hat es
vorgestern eingeschlagen, aber kalt.
Wenn Du etwas brauchst, stehe ich ganz zur Verfügung. In alter Treue
Dein Vetter und Freund
Lukas Pfrommer.
Herr Schlotterbeck las diesen Brief aufmerksam durch, steckte ihn in
die Tasche, zog ihn wieder heraus und las ihn nochmals, dann sagte
er: »O du Simpel,« was seinem Vetter galt. Doch hielt er sich nicht
lange mit Gedanken an den Briefschreiber auf, sondern bedachte sich
den Brief selber recht genau, übersetzte ihn aus dem Gerbersauerischen
ins Deutsche und suchte sich die geschilderten Begebenheiten vor
Augen zu denken. Dabei ergriff ihn Scham und Zorn, er sah das arme
Frauelein verhöhnt und preisgegeben, mit Tränen kämpfen und ohne Trost
allein sitzen. Je mehr er es überlegte und je deutlicher er alles
sah und begriff, desto mehr schwand sein stilles Schmunzeln über den
briefschreibenden Vetter dahin. Er war über ihn und über ganz Gerbersau
herzlich empört und wollte schon Rache beschließen, da fiel ihm
allmählich ein, wie wenig er selber in dieser letzten Zeit an die Frau
Entriß gedacht hatte. Er hatte Pläne geschmiedet und sich ohne viel
Heimweh gute Tage gegönnt, und währenddessen war es der lieben Frau
übel gegangen, sie hatte es schwer gehabt und vielleicht auf seinen
Beistand gehofft.
Indem er das bedachte, begann er sich sehr zu schämen. Das Bildnis der
kleinen Witwe stand ihm nun wieder so klar und nett vor Augen, daß er
nicht begriff, wie er sie tagelang fast ganz habe vergessen können.
Was war jetzt zu tun? Jedenfalls wollte er sofort heimreisen. Ohne
Verzug rief er den Wirt, ordnete für morgen früh seine Abreise an und
teilte dies auch dem Herrn Trefz mit, der sich darüber sehr betrübt
zeigte. Doch ward verabredet, daß Schlotterbeck ihn bald besuchen
und seine Fabrik ansehen solle. Dann packte dieser seinen Koffer,
worin er viel Übung und Geschick hatte, und während er dies tat und
die Dämmerung hereinbrach, vergaß er die Scham und den Zorn und alle
Bedenken und verfiel in eine muntere, tröstliche Heiterkeit, die ihn
den ganzen Abend nimmer verließ. Es war ihm klar geworden, daß alle
diese Geschichten nur Wasser auf seine Mühle seien. Die Schwägerin war
fort, Gott sei Dank, die Frau Entriß saß vereinsamt und traurig und
hatte wohl auch Geldsorgen, da war es Zeit, daß er nochmals vor sie
trat und in dem abendsonnigen Stüblein ihr sein Angebot wiederholte.
Vergnügt pfiff er ein Freudenlied, das stark mißglückte und ihn doch
noch froher und mutiger machte, und den Abend verbrachte er mit Herrn
Trefz bei einem guten Markgräflerwein. Die Männer stießen auf ein gutes
Wiedersehen und eine weiterdauernde Freundschaft an, der Wirt trank ein
Glas mit und hoffte beide gute Gäste im nächsten Jahr wiederzusehen.
Am andern Morgen stand Schlotterbeck zeitig an der Eisenbahn und
erwartete den Zug. Der Wirt hatte ihn begleitet und drückte ihm
nochmals die Hand, der Hausknecht hob den Koffer in den Wagen und bekam
sein Trinkgeld, der Zug fuhr dahin, und nach einigen ungeduldigen
Stunden war die Reise getan und Schlotterbeck wandelte an dem grüßenden
Stationsvorstande vorbei in die Stadt hinein.
Er nahm nur ein kurzes Frühstück im Adler, der am Wege lag, ließ sich
dort den Rock abbürsten und ging alsdann geraden Weges zur Frau Entriß
hinauf, deren Garten ihn in der alten Sauberkeit begrüßte. Das Tor
war verschlossen und er mußte ein paar Augenblicke warten, bis die
Hausfrau daherkam und mit einem fragenden Gesicht -- denn sie hatte ihn
nicht kommen sehen -- die Tür auftat. Da sie ihn erkannte, wurde sie
rot und versuchte ein strenges Gesicht zu machen, er trat aber mit
freundlichem Gruß herein und sie führte ihn in die Stube.
Sein Kommen hatte sie überrascht. Sie hatte in der vergangenen Zeit
wenig an ihn denken können, doch war seine Wiederkunft ihr immerhin
kein Schrecken mehr, sondern eher ein Trost. Er sah das auch, trotz
ihrer Stille und künstlichen Kühle, sehr wohl, und machte ihr und sich
selber die Sache leicht, indem er sie herzhaft an beiden Schultern
faßte, ihr halb lachend ins rote Gesicht schaute und fragte: »Es ist
jetzt recht, nicht wahr?«
Da wollte sie lächeln und noch ein wenig sprödeln und Worte machen;
aber unversehens übernahm sie die Bewegung, die Erinnerung an so viel
Sorge und Bitterkeit dieser Wochen, die sie bis zum Augenblick tapfer
und trocken durchgemacht hatte, und sie brach zu seinem und ihrem
eigenen Schrecken plötzlich in helle Tränen aus. Bald hernach aber
erschien auf ihren Wangen wieder der schüchterne Glücksschein, den Herr
Schlotterbeck vom letztenmal her kannte, sie lehnte sich an ihn, ließ
sich von ihm umfangen, und als nach einem sanften Kusse der Bräutigam
sie auf einen Stuhl niedersetzte, sagte er wohlgemut: »Gott sei Dank,
das stimmt also. Aber auf den Herbst wird das Häusel verkauft, oder
willst du um jeden Preis in dem Nest hier bleiben?«
Sie schüttelte den Kopf, und er sagte fröhlich: »Da bin ich froh! Und
das Privatisieren hört auch bald auf. Was meinst du zum Beispiel zu
einer Lederwarenfabrik?«