Als Ladidel von dem Besuch bei seinem Vater wiederkehrte, war er zwar
etwas stiller geworden, hatte aber seine Absicht erreicht und trat
für ein halbes Jahr als Volontär bei Kleubers Meister ein. Fürs erste
sah er damit seine Lage bedeutend verschlechtert, da er nichts mehr
verdiente und das Monatsgeld von Hause sehr sparsam gemessen war. Er
mußte seine hübsche Stube aufgeben und eine geringe Kammer nehmen,
auch sonst trennte er sich von manchen Gewohnheiten, die seiner neuen
Stellung nicht mehr angemessen schienen. Nur die Gitarre blieb bei
ihm und half ihm über vieles weg, auch konnte er seiner Neigung zu
sorgfältiger Pflege seines Haupthaares und Schnurrbartes, seiner Hände
und Fingernägel jetzt ohne Beschränkung frönen. Er schuf sich nach
kurzem Studium eine Frisur, die jedermann bewunderte, und ließ seiner
Haut mit Bürsten, Pinseln, Salben, Seifen, Wassern und Pudern das
Beste zukommen. Was ihn jedoch mehr als dies alles beglückte und mit
dem Wechsel seines Standes versöhnte, war die Befriedigung, die er im
neuen Berufe fand, und die innerliche Gewißheit, nunmehr ein Metier zu
betreiben, das seinen Talenten entsprach und in dem er Aussicht hatte,
Bedeutendes zu leisten.
Anfänglich ließ man ihn freilich nur untergeordnete Arbeiten tun. Er
mußte Knaben die Haare schneiden, Arbeiter rasieren und Kämme und
Bürsten reinigen, doch erwarb er durch seine Fertigkeit im Flechten
künstlicher Zöpfe bald seines Meisters Vertrauen und erlebte nach
kurzem Warten den Ehrentag, da er einen wohlgekleideten, nobel
aussehenden Herrn bedienen durfte. Dieser war zufrieden und gab
sogar ein Trinkgeld, und nun ging es Stufe für Stufe vorwärts. Ein
einzigesmal schnitt er einen Kunden in die Wange und mußte Tadel über
sich ergehen lassen, im übrigen erlebte er beinahe nur Anerkennung und
Erfolge. Besonders war es Fritz Kleuber, der ihn bewunderte und nun
erst recht für einen Auserwählten ansah. Denn wenn er selbst auch ein
tüchtiger Arbeiter und seiner Fertigkeit sicher war, so fehlte ihm
doch sowohl die leichte Erfindungskraft, die für jeden Kopf sofort
die entsprechende Frisur zu schaffen weiß, wie auch das leichte,
unterhaltende, angenehme Wesen im Umgang mit nobler Kundschaft. Hierin
war Ladidel bedeutend, und nach einem Vierteljahr begehrten schon die
verwöhnteren Stammgäste immer von ihm bedient zu werden. Er verstand
es auch vortrefflich, nebenher seine Herren zum häufigeren Ankauf
neuer Pomaden, Bartwichsen und Seifen, teurer Bürstchen und Kämme zu
überreden; und in der Tat mußte in diesen Dingen jedermann seinen Rat
willig und dankbar hinnehmen, denn er selbst sah beneidenswert tadellos
und wohlbestellt aus.
Da die Arbeit ihn so in Anspruch nahm und befriedigte, trug er jede
Entbehrung leichter, und so hielt er auch die lange Trennung von Martha
Weber geduldig aus. Ein Schamgefühl hatte ihn gehindert, sich ihr in
seiner neuen Gestalt zu zeigen, ja er hatte Fritz inständig gebeten,
seinen neuen Stand vor den Damen zu verheimlichen. Dies war allerdings
nur eine kurze Zeit möglich gewesen. Meta, der die Neigung ihrer
Schwester zu dem hübschen Notar nicht unbekannt geblieben war, hatte
sich hinter Fritz gesteckt und bald ohne Mühe alles herausbekommen.
So konnte sie der Schwester nach und nach ihre Neuigkeiten enthüllen
und Martha erfuhr nicht nur den Berufswechsel ihres Geliebten, den
er jedoch aus Gesundheitsrücksichten vorgenommen habe, sondern auch
seine unveränderte treue Verliebtheit. Sie erfuhr ferner, daß er sich
seines neuen Standes vor ihr schämen zu müssen meine und jedenfalls
nicht eher sich wieder zeigen möge, als bis er es zu etwas gebracht und
begründete Aussichten für die Zukunft habe.
Eines Abends war in dem Mädchenstübchen wieder vom »Notar« die Rede.
Meta hatte ihn über den Schellenkönig gelobt, Martha aber sich wie
immer spröde verhalten und es vermieden, Farbe zu bekennen.
»Paß auf,« sagte Meta, »der macht so schnell voran, daß er am Ende noch
vor meinem Fritz ans Heiraten kommt.«
»Meinetwegen, ich gönns ihm ja.«
»Und dir aber auch, nicht? Oder tust du's unter einem Notar durchaus
nicht?«
»Laß mich aus dem Spiel! Der Ladidel wird schon wissen, wo er sich eine
zu suchen hat.«
»Das wird er, hoff ich. Bloß hat man ihn zu spröd empfangen, und jetzt
ist er scheu und findet den Weg nimmer recht. Dem wenn man einen Wink
gäbe, er käm auf allen Vieren gelaufen.«
»Kann schon sein.«
»Wohl. Soll ich winken?«
»Willst denn du ihn haben? Du hast doch deinen Bartscherer, mein ich.«
Meta schwieg nun und lachte in sich hinein. Sie sah wohl, wie ihrer
Schwester ihre vorige Schärfe leid tat und sie gar zu gern ihren Alfred
auf gute Art wieder zu Handen gekriegt hätte. Sie sann auf Wege, den
Scheugewordenen wieder herzulocken, und hörte Marthas verheimlichten
Seufzern mit einer kleinen Schadenfreude zu.
Mittlerweile meldete sich von Schaffhausen her Fritzens alter Meister
wieder und ließ wissen, er wünsche nun bald sich einen Feierabend zu
gönnen. Da frage er an, wie es mit Kleubers Absichten stehe. Zugleich
nannte er die Summe, um welche sein Geschäft ihm feil sei, und wieviel
davon er angezahlt haben müsse. Diese Bedingungen waren nun billig und
wohlmeinend, jedoch reichten Kleubers Mittel dazu nicht hin, so daß er
in Sorgen umherging, und diese gute Gelegenheit zum Selbständigwerden
und Heiratenkönnen zu versäumen fürchtete. Und endlich überwand er sich
und schrieb ab, und erst dann erzählte er die ganze Sache Ladideln.
Der schalt ihn, daß er ihn das nicht habe früher wissen lassen, und
machte sogleich den Vorschlag, er wolle die Angelegenheit vor seinen
Vater bringen. Wenn der zu gewinnen sei, könnten sie ja das Geschäft
gemeinsam übernehmen.
Der alte Ladidel war überrascht, als die beiden jungen Leute mit ihrem
Anliegen zu ihm kamen, und wollte nicht sogleich daran, obwohl die
Summe seinen Beutel nicht erschöpft hätte. Doch hatte er zu Fritz
Kleuber, der sich seines Sohnes in einer entscheidenden Stunde so wohl
angenommen hatte, ein gutes Vertrauen, auch hatte Alfred von seinem
jetzigen Meister ein überaus lobendes Zeugnis mitgebracht. Ihm schien,
sein Sohn sei jetzt auf gutem Wege, und er zögerte, ihm nun einen Stein
darein zu werfen. Nach einigen Tagen des Hin- und Widerredens entschloß
er sich und fuhr selber nach Schaffhausen, um sich alles anzusehen.
Der Kauf kam zustande, und die beiden Kompagnone wurden von allen
Kollegen beglückwünscht. Kleuber beschloß im Frühjahr Hochzeit zu
halten und bat sich Ladidel als ersten Brautführer aus. Da war ein
Besuch im Hause Weber nicht mehr zu umgehen. Ladidel kam in Fritzens
Gesellschaft sehr rot und schämig daher, und konnte vor Herzklopfen
kaum die vielen Treppen hinaufkommen. Oben empfing ihn der gewohnte
Duft und das gewohnte Halbdunkel, Meta begrüßte ihn lachend, und die
alte Mutter schaute ihn ängstlich und bekümmert an. Hinten in der
hellen Stube aber stand Martha ernsthaft und etwas blaß in einem
dunkeln Kleide, gab ihm auch die Hand und war diesmal kaum minder
verwirrt als er selber. Man tauschte Höflichkeiten, fragte nach der
Gesundheit, trank aus kleinen altmodischen Kelchgläsern einen hellroten
süßen Stachelbeerwein und besprach dabei die Hochzeit und alles
dazu gehörige. Herr Ladidel bat sich die Ehre aus, Fräulein Marthas
Kavalier sein zu dürfen, und wurde eingeladen, sich nun auch wieder
fleißig im Hause zu zeigen. Beide sprachen miteinander nur höfliche und
unbedeutende Worte, sahen einander aber heimlich an, und jedes fand
das andre auf eine nicht auszudrückende, doch reizende Art verändert.
Ohne es einander zu sagen, wußten und spürten sie jedes, daß auch das
andre in dieser Zeit gelitten habe, und beschlossen heimlich, einander
nicht wieder ohne Grund weh zu tun. Zugleich merkten sie auch beide mit
Verwunderung, daß die lange Trennung und das Trotzen sie einander nicht
entfremdet, sondern näher gebracht habe, und es wollte ihnen scheinen,
nun seien wenig Worte mehr notwendig und die Hauptsache zwischen ihnen
in Ordnung.
So war es denn auch, und dazu trug nicht wenig bei, daß Meta und Fritz
die beiden nach schweigendem Übereinkommen wie ein versprochenes Paar
ansahen. Wenn Ladidel ins Haus kam, was jetzt häufiger als je geschah,
so schien es allen selbstverständlich, daß er Marthas wegen komme
und vor allem mit ihr zusammen sein wolle. Ladidel half treulich bei
den Vorbereitungen zur Hochzeit mit und tat es so eifrig und mit dem
Herzen, als gälte es seine eigene Heirat. Verschwiegen aber und mit
unendlicher Kunst erdachte er sich für Martha eine herrliche neue
Frisur.
Einige Tage vor der Hochzeit nun, da es im Hause drüber und drunter
ging, erschien er eines Tages feierlich, wartete einen Augenblick ab,
da er mit Martha still allein war, und eröffnete ihr, es liege ihm eine
gewagte Bitte an sie auf dem Herzen. Sie ward rot und glaubte alles zu
ahnen, und wenn sie den Tag auch nicht gut gewählt fand, wollte sie
doch nichts versäumen und gab bescheiden Antwort, er möge nur reden.
Ermutigt brachte er dann seine Bitte vor, die auf nichts andres zielte
als auf die Erlaubnis, dem Fräulein für den Festtag mit einer neuen von
ihm ausgedachten Frisur aufwarten zu dürfen.
Verwundert willigte Martha ein, daß eine Probe gemacht werde. Meta
mußte helfen, und nun erlebte Ladidel den Augenblick, daß sein alter
Wunsch in Erfüllung ging, und er Marthas lange blonde Haare in den
Händen hielt. Zu Anfang wollte diese zwar haben, daß Meta allein
sie frisiere und er nur mit Rat beistehe. Doch ließ dieses sich
nicht durchführen, sondern bald mußte er mit eigener Hand zugreifen
und verließ nun den Posten nicht mehr. Als das Haargebäude seiner
Vollendung nahe war, ließ Meta die beiden allein, angeblich nur für
einen Augenblick, doch blieb sie lange aus. Inzwischen war Ladidel mit
seiner Kunst fertig geworden. Martha sah sich im Spiegel königlich
verschönt, und er stand hinter ihr, da und dort noch bessernd. Da
übermochte ihn die Ergriffenheit, daß er dem schönen Mädchen mit leiser
Hand liebkosend über die Schläfe strich. Und da sie sich beklommen
umwandte und ihn still mit nassen Augen ansah, geschah es von selbst,
daß er sich über sie beugte und sie küßte und, von ihr in Tränen
festgehalten, vor ihr kniete und als ihr Liebhaber und Bräutigam wieder
aufstand.
»Wir müssen es der Mama sagen,« war alsdann ihr erstes schmeichelndes
Wort, und er stimmte zu, obwohl ihm vor der betrübten alten Witwe ein
wenig bange war. Als er jedoch vor ihr stand und Martha an der Hand
führte und um ihre Hand anhielt, schüttelte die alte Frau nur ein
wenig den Kopf, sah sie beide ratlos und bekümmert an und hatte nichts
dafür und nichts dawider zu sagen. Doch rief sie Meta herbei, und nun
umarmten sich die Schwestern, lachten und weinten, bis Meta plötzlich
stehen blieb, die Schwester mit beiden Armen von sich schob, sie dann
festhielt und begierig ihre Frisur bewunderte.
»Wahrhaftig,« sagte sie zu Ladidel, und gab ihm die Hand, »das ist Ihr
Meisterstück. Aber gelt, wir sagen jetzt Du zu einander?«
Am vorbestimmten Tage fand mit Glanz die Hochzeit und zugleich die
Verlobungsfeier statt. Darauf reiste Ladidel in Eile nach Schaffhausen,
während die Kleubers in derselben Richtung ihre Hochzeitsreise
antraten. Der alte Meister übergab Ladidel das Geschäft, und der fing
sofort an, als hätte er nie etwas anderes getrieben. In den Tagen bis
zu Kleubers Ankunft half der Alte mit, und es war nötig, denn die
Ladentüre ging fleißig. Ladidel sah bald, daß hier sein Weizen blühe,
und als Kleuber mit seiner Frau auf dem Dampfschiff von Konstanz her
ankam, und er ihn abholte, packte er schon auf dem Heimwege seine
Vorschläge zur künftigen Vergrößerung des Geschäftes aus.
Am nächsten Sonntag spazierten die Freunde samt der jungen Frau zum
Rheinfall hinaus, der um diese Jahreszeit reichlich Wasser führte. Hier
saßen sie zufrieden unter jungbelaubten Bäumen, sahen das weiße Wasser
strömen und zerstäuben und redeten von der vergangenen Zeit. »Ja,«
sagte Ladidel nachdenklich und schaute auf den tobenden Strom hinab,
»nächste Woche wäre mein Examen gewesen.«
»Tut dirs nicht leid?« fragte Meta. Ladidel gab keine Antwort. Er
schüttelte nur den Kopf und lachte. Dann zog er aus der Brusttasche ein
kleines Paket, machte es auf und brachte ein halb Dutzend feine kleine
Kuchen hervor, von denen er den andern anbot und sich selber nahm.
»Du fängst gut an,« lachte Fritz Kleuber. »Meinst du, das Geschäft
trage schon soviel?«
»Es trägts,« nickte Ladidel im Kauen. »Es trägts und muß noch mehr
tragen.«