Sechstes Kapitel

Als Ladidel von dem Besuch bei seinem Vater wiederkehrte, war er zwar

etwas stiller geworden, hatte aber seine Absicht erreicht und trat

für ein halbes Jahr als Volontär bei Kleubers Meister ein. Fürs erste

sah er damit seine Lage bedeutend verschlechtert, da er nichts mehr

verdiente und das Monatsgeld von Hause sehr sparsam gemessen war. Er

mußte seine hübsche Stube aufgeben und eine geringe Kammer nehmen,

auch sonst trennte er sich von manchen Gewohnheiten, die seiner neuen

Stellung nicht mehr angemessen schienen. Nur die Gitarre blieb bei

ihm und half ihm über vieles weg, auch konnte er seiner Neigung zu

sorgfältiger Pflege seines Haupthaares und Schnurrbartes, seiner Hände

und Fingernägel jetzt ohne Beschränkung frönen. Er schuf sich nach

kurzem Studium eine Frisur, die jedermann bewunderte, und ließ seiner

Haut mit Bürsten, Pinseln, Salben, Seifen, Wassern und Pudern das

Beste zukommen. Was ihn jedoch mehr als dies alles beglückte und mit

dem Wechsel seines Standes versöhnte, war die Befriedigung, die er im

neuen Berufe fand, und die innerliche Gewißheit, nunmehr ein Metier zu

betreiben, das seinen Talenten entsprach und in dem er Aussicht hatte,

Bedeutendes zu leisten.

Anfänglich ließ man ihn freilich nur untergeordnete Arbeiten tun. Er

mußte Knaben die Haare schneiden, Arbeiter rasieren und Kämme und

Bürsten reinigen, doch erwarb er durch seine Fertigkeit im Flechten

künstlicher Zöpfe bald seines Meisters Vertrauen und erlebte nach

kurzem Warten den Ehrentag, da er einen wohlgekleideten, nobel

aussehenden Herrn bedienen durfte. Dieser war zufrieden und gab

sogar ein Trinkgeld, und nun ging es Stufe für Stufe vorwärts. Ein

einzigesmal schnitt er einen Kunden in die Wange und mußte Tadel über

sich ergehen lassen, im übrigen erlebte er beinahe nur Anerkennung und

Erfolge. Besonders war es Fritz Kleuber, der ihn bewunderte und nun

erst recht für einen Auserwählten ansah. Denn wenn er selbst auch ein

tüchtiger Arbeiter und seiner Fertigkeit sicher war, so fehlte ihm

doch sowohl die leichte Erfindungskraft, die für jeden Kopf sofort

die entsprechende Frisur zu schaffen weiß, wie auch das leichte,

unterhaltende, angenehme Wesen im Umgang mit nobler Kundschaft. Hierin

war Ladidel bedeutend, und nach einem Vierteljahr begehrten schon die

verwöhnteren Stammgäste immer von ihm bedient zu werden. Er verstand

es auch vortrefflich, nebenher seine Herren zum häufigeren Ankauf

neuer Pomaden, Bartwichsen und Seifen, teurer Bürstchen und Kämme zu

überreden; und in der Tat mußte in diesen Dingen jedermann seinen Rat

willig und dankbar hinnehmen, denn er selbst sah beneidenswert tadellos

und wohlbestellt aus.

Da die Arbeit ihn so in Anspruch nahm und befriedigte, trug er jede

Entbehrung leichter, und so hielt er auch die lange Trennung von Martha

Weber geduldig aus. Ein Schamgefühl hatte ihn gehindert, sich ihr in

seiner neuen Gestalt zu zeigen, ja er hatte Fritz inständig gebeten,

seinen neuen Stand vor den Damen zu verheimlichen. Dies war allerdings

nur eine kurze Zeit möglich gewesen. Meta, der die Neigung ihrer

Schwester zu dem hübschen Notar nicht unbekannt geblieben war, hatte

sich hinter Fritz gesteckt und bald ohne Mühe alles herausbekommen.

So konnte sie der Schwester nach und nach ihre Neuigkeiten enthüllen

und Martha erfuhr nicht nur den Berufswechsel ihres Geliebten, den

er jedoch aus Gesundheitsrücksichten vorgenommen habe, sondern auch

seine unveränderte treue Verliebtheit. Sie erfuhr ferner, daß er sich

seines neuen Standes vor ihr schämen zu müssen meine und jedenfalls

nicht eher sich wieder zeigen möge, als bis er es zu etwas gebracht und

begründete Aussichten für die Zukunft habe.

Eines Abends war in dem Mädchenstübchen wieder vom »Notar« die Rede.

Meta hatte ihn über den Schellenkönig gelobt, Martha aber sich wie

immer spröde verhalten und es vermieden, Farbe zu bekennen.

»Paß auf,« sagte Meta, »der macht so schnell voran, daß er am Ende noch

vor meinem Fritz ans Heiraten kommt.«

»Meinetwegen, ich gönns ihm ja.«

»Und dir aber auch, nicht? Oder tust du's unter einem Notar durchaus

nicht?«

»Laß mich aus dem Spiel! Der Ladidel wird schon wissen, wo er sich eine

zu suchen hat.«

»Das wird er, hoff ich. Bloß hat man ihn zu spröd empfangen, und jetzt

ist er scheu und findet den Weg nimmer recht. Dem wenn man einen Wink

gäbe, er käm auf allen Vieren gelaufen.«

»Kann schon sein.«

»Wohl. Soll ich winken?«

»Willst denn du ihn haben? Du hast doch deinen Bartscherer, mein ich.«

Meta schwieg nun und lachte in sich hinein. Sie sah wohl, wie ihrer

Schwester ihre vorige Schärfe leid tat und sie gar zu gern ihren Alfred

auf gute Art wieder zu Handen gekriegt hätte. Sie sann auf Wege, den

Scheugewordenen wieder herzulocken, und hörte Marthas verheimlichten

Seufzern mit einer kleinen Schadenfreude zu.

Mittlerweile meldete sich von Schaffhausen her Fritzens alter Meister

wieder und ließ wissen, er wünsche nun bald sich einen Feierabend zu

gönnen. Da frage er an, wie es mit Kleubers Absichten stehe. Zugleich

nannte er die Summe, um welche sein Geschäft ihm feil sei, und wieviel

davon er angezahlt haben müsse. Diese Bedingungen waren nun billig und

wohlmeinend, jedoch reichten Kleubers Mittel dazu nicht hin, so daß er

in Sorgen umherging, und diese gute Gelegenheit zum Selbständigwerden

und Heiratenkönnen zu versäumen fürchtete. Und endlich überwand er sich

und schrieb ab, und erst dann erzählte er die ganze Sache Ladideln.

Der schalt ihn, daß er ihn das nicht habe früher wissen lassen, und

machte sogleich den Vorschlag, er wolle die Angelegenheit vor seinen

Vater bringen. Wenn der zu gewinnen sei, könnten sie ja das Geschäft

gemeinsam übernehmen.

Der alte Ladidel war überrascht, als die beiden jungen Leute mit ihrem

Anliegen zu ihm kamen, und wollte nicht sogleich daran, obwohl die

Summe seinen Beutel nicht erschöpft hätte. Doch hatte er zu Fritz

Kleuber, der sich seines Sohnes in einer entscheidenden Stunde so wohl

angenommen hatte, ein gutes Vertrauen, auch hatte Alfred von seinem

jetzigen Meister ein überaus lobendes Zeugnis mitgebracht. Ihm schien,

sein Sohn sei jetzt auf gutem Wege, und er zögerte, ihm nun einen Stein

darein zu werfen. Nach einigen Tagen des Hin- und Widerredens entschloß

er sich und fuhr selber nach Schaffhausen, um sich alles anzusehen.

Der Kauf kam zustande, und die beiden Kompagnone wurden von allen

Kollegen beglückwünscht. Kleuber beschloß im Frühjahr Hochzeit zu

halten und bat sich Ladidel als ersten Brautführer aus. Da war ein

Besuch im Hause Weber nicht mehr zu umgehen. Ladidel kam in Fritzens

Gesellschaft sehr rot und schämig daher, und konnte vor Herzklopfen

kaum die vielen Treppen hinaufkommen. Oben empfing ihn der gewohnte

Duft und das gewohnte Halbdunkel, Meta begrüßte ihn lachend, und die

alte Mutter schaute ihn ängstlich und bekümmert an. Hinten in der

hellen Stube aber stand Martha ernsthaft und etwas blaß in einem

dunkeln Kleide, gab ihm auch die Hand und war diesmal kaum minder

verwirrt als er selber. Man tauschte Höflichkeiten, fragte nach der

Gesundheit, trank aus kleinen altmodischen Kelchgläsern einen hellroten

süßen Stachelbeerwein und besprach dabei die Hochzeit und alles

dazu gehörige. Herr Ladidel bat sich die Ehre aus, Fräulein Marthas

Kavalier sein zu dürfen, und wurde eingeladen, sich nun auch wieder

fleißig im Hause zu zeigen. Beide sprachen miteinander nur höfliche und

unbedeutende Worte, sahen einander aber heimlich an, und jedes fand

das andre auf eine nicht auszudrückende, doch reizende Art verändert.

Ohne es einander zu sagen, wußten und spürten sie jedes, daß auch das

andre in dieser Zeit gelitten habe, und beschlossen heimlich, einander

nicht wieder ohne Grund weh zu tun. Zugleich merkten sie auch beide mit

Verwunderung, daß die lange Trennung und das Trotzen sie einander nicht

entfremdet, sondern näher gebracht habe, und es wollte ihnen scheinen,

nun seien wenig Worte mehr notwendig und die Hauptsache zwischen ihnen

in Ordnung.

So war es denn auch, und dazu trug nicht wenig bei, daß Meta und Fritz

die beiden nach schweigendem Übereinkommen wie ein versprochenes Paar

ansahen. Wenn Ladidel ins Haus kam, was jetzt häufiger als je geschah,

so schien es allen selbstverständlich, daß er Marthas wegen komme

und vor allem mit ihr zusammen sein wolle. Ladidel half treulich bei

den Vorbereitungen zur Hochzeit mit und tat es so eifrig und mit dem

Herzen, als gälte es seine eigene Heirat. Verschwiegen aber und mit

unendlicher Kunst erdachte er sich für Martha eine herrliche neue

Frisur.

Einige Tage vor der Hochzeit nun, da es im Hause drüber und drunter

ging, erschien er eines Tages feierlich, wartete einen Augenblick ab,

da er mit Martha still allein war, und eröffnete ihr, es liege ihm eine

gewagte Bitte an sie auf dem Herzen. Sie ward rot und glaubte alles zu

ahnen, und wenn sie den Tag auch nicht gut gewählt fand, wollte sie

doch nichts versäumen und gab bescheiden Antwort, er möge nur reden.

Ermutigt brachte er dann seine Bitte vor, die auf nichts andres zielte

als auf die Erlaubnis, dem Fräulein für den Festtag mit einer neuen von

ihm ausgedachten Frisur aufwarten zu dürfen.

Verwundert willigte Martha ein, daß eine Probe gemacht werde. Meta

mußte helfen, und nun erlebte Ladidel den Augenblick, daß sein alter

Wunsch in Erfüllung ging, und er Marthas lange blonde Haare in den

Händen hielt. Zu Anfang wollte diese zwar haben, daß Meta allein

sie frisiere und er nur mit Rat beistehe. Doch ließ dieses sich

nicht durchführen, sondern bald mußte er mit eigener Hand zugreifen

und verließ nun den Posten nicht mehr. Als das Haargebäude seiner

Vollendung nahe war, ließ Meta die beiden allein, angeblich nur für

einen Augenblick, doch blieb sie lange aus. Inzwischen war Ladidel mit

seiner Kunst fertig geworden. Martha sah sich im Spiegel königlich

verschönt, und er stand hinter ihr, da und dort noch bessernd. Da

übermochte ihn die Ergriffenheit, daß er dem schönen Mädchen mit leiser

Hand liebkosend über die Schläfe strich. Und da sie sich beklommen

umwandte und ihn still mit nassen Augen ansah, geschah es von selbst,

daß er sich über sie beugte und sie küßte und, von ihr in Tränen

festgehalten, vor ihr kniete und als ihr Liebhaber und Bräutigam wieder

aufstand.

»Wir müssen es der Mama sagen,« war alsdann ihr erstes schmeichelndes

Wort, und er stimmte zu, obwohl ihm vor der betrübten alten Witwe ein

wenig bange war. Als er jedoch vor ihr stand und Martha an der Hand

führte und um ihre Hand anhielt, schüttelte die alte Frau nur ein

wenig den Kopf, sah sie beide ratlos und bekümmert an und hatte nichts

dafür und nichts dawider zu sagen. Doch rief sie Meta herbei, und nun

umarmten sich die Schwestern, lachten und weinten, bis Meta plötzlich

stehen blieb, die Schwester mit beiden Armen von sich schob, sie dann

festhielt und begierig ihre Frisur bewunderte.

»Wahrhaftig,« sagte sie zu Ladidel, und gab ihm die Hand, »das ist Ihr

Meisterstück. Aber gelt, wir sagen jetzt Du zu einander?«

Am vorbestimmten Tage fand mit Glanz die Hochzeit und zugleich die

Verlobungsfeier statt. Darauf reiste Ladidel in Eile nach Schaffhausen,

während die Kleubers in derselben Richtung ihre Hochzeitsreise

antraten. Der alte Meister übergab Ladidel das Geschäft, und der fing

sofort an, als hätte er nie etwas anderes getrieben. In den Tagen bis

zu Kleubers Ankunft half der Alte mit, und es war nötig, denn die

Ladentüre ging fleißig. Ladidel sah bald, daß hier sein Weizen blühe,

und als Kleuber mit seiner Frau auf dem Dampfschiff von Konstanz her

ankam, und er ihn abholte, packte er schon auf dem Heimwege seine

Vorschläge zur künftigen Vergrößerung des Geschäftes aus.

Am nächsten Sonntag spazierten die Freunde samt der jungen Frau zum

Rheinfall hinaus, der um diese Jahreszeit reichlich Wasser führte. Hier

saßen sie zufrieden unter jungbelaubten Bäumen, sahen das weiße Wasser

strömen und zerstäuben und redeten von der vergangenen Zeit. »Ja,«

sagte Ladidel nachdenklich und schaute auf den tobenden Strom hinab,

»nächste Woche wäre mein Examen gewesen.«

»Tut dirs nicht leid?« fragte Meta. Ladidel gab keine Antwort. Er

schüttelte nur den Kopf und lachte. Dann zog er aus der Brusttasche ein

kleines Paket, machte es auf und brachte ein halb Dutzend feine kleine

Kuchen hervor, von denen er den andern anbot und sich selber nahm.

»Du fängst gut an,« lachte Fritz Kleuber. »Meinst du, das Geschäft

trage schon soviel?«

»Es trägts,« nickte Ladidel im Kauen. »Es trägts und muß noch mehr

tragen.«

Umwege: Erzählungen · 第 18 / 35 题