Während Ladidel vor seinem Weinglas am Tische saß und mit heißen Augen
in das Tanzgewühl blickte, vom roten Licht der Ampeln und vom raschen
Takt der Musik bezaubert und seines Kummers bis zur Verzweiflung
überdrüssig, hörte er plötzlich neben sich eine leise Stimme, die
fragte: »Ganz allein?«
Schnell wandte er sich um und sah über die Lehne der Bank gebeugt
ein hübsches Mädchen mit schwarzen Haaren, mit einem weißen linnenen
Hütlein und einer roten leichten Bluse angetan. Sie lachte mit einem
hellroten Munde, während ihr um die erhitzte Stirn und die dunkeln
Augen ein paar lose Locken hingen. »Ganz allein?« fragte sie mitleidig
und schelmisch, und er gab Antwort: »Ach ja, leider.« Da nahm sie sein
Weinglas, fragte mit einem Blick um Erlaubnis, sagte Prosit und trank
es in einem durstigen Zuge aus. Er sah dabei ihren schlanken Hals,
der bräunlich aus dem roten leichten Stoff emporstieg, und indessen
sie trank, fühlte er mit heftig klopfendem Herzen, daß sich hier ein
Abenteuer anspinne. Er fühlte es nicht ohne Schrecken, aber er war
allsofort entschlossen, dabei zu bleiben und alles gehen zu lassen, wie
es wollte.
Und es ging vortrefflich. Um doch etwas zur Sache zu tun, schenkte
Ladidel das leere Glas wieder voll und bot es dem Mädchen an. Aber sie
schüttelte den Kopf und blickte rückwärts nach dem Tanzplatz, wo soeben
eine neue Musik erscholl.
»Tanzen möcht ich,« sagte sie und sah dem Jüngling in die Augen, der
augenblicklich aufstand, sich vor ihr verbeugte und seinen Namen nannte.
»Ladidel heißen Sie? Und mit dem Vornamen? Ich heiße Fanny.«
Sie nahm ihn an sich und beide tauchten in den Strom und Schwall des
Walzers, den Ladidel noch nie so ausgezeichnet getanzt hatte. Früher
war er beim Tanzen lediglich seiner Geschicklichkeit, seiner flinken
Beine und feinen Haltung froh geworden und hatte dabei stets daran
gedacht, wie er aussehe und ob er auch einen guten Eindruck mache.
Jetzt war daran nicht zu denken. Er flog in einem feurigen Wirbel mit,
gezogen und hingeweht und wehrlos, aber glücklich und im Innersten
erregt. Bald zog und schwang ihn seine Tänzerin, daß ihm Boden und Atem
verloren ging, bald lag sie still und eng an ihn gelehnt, daß ihre
Pulse an seinen schlugen und ihre Wärme die seine entfachte.
Als der Tanz zu Ende war, legte Fanny ihren Arm in den ihres Begleiters
und zog ihn mit sich weg. Tief atmend wandelten sie langsam einen
Laubengang entlang, zwischen vielen andern Paaren, in einer Dämmerung
voll warmer Farben. Durch die Bäume schien tief der Nachthimmel mit
blanken Sternen herein, von der Seite her spielte, von beweglichen
Schatten unterbrochen, der rote Schein der Festampeln, und in diesem
ungewissen Licht bewegten sich plaudernd die ausruhenden Tänzer, die
Mädchen in weißen und andern hellfarbigen Kleidern und Hüten, mit
bloßen Hälsen und Armen, manche mit stattlichen Fächern versehen, die
gleich Pfauenrädern spielten. Ladidel nahm das alles nur als einen
farbigen Nebel wahr, der mit Musik und Nachtluft zusammenfloß, und
daraus nur hin und wieder im nahen Vorbeistreifen ein helles Gesicht
mit funkelnden Augen, ein offener lachender Mund mit glänzenden
Zähnen, ein zärtlich gebogener weißer Arm für Augenblicke deutlich
hervorschimmerte.
»Alfred!« sagte Fanny leise.
»Ja, was?«
»Gelt, du hast auch keinen Schatz? Meiner ist nach Amerika.«
»Nein, ich hab keinen.«
»Willst du nicht mein Schatz sein?«
»Ich will schon.«
Sie lag ganz in seinem Arm und bot ihm den feuchten hellroten Mund.
Liebestaumel wehte in den Bäumen und Wegen; Ladidel küßte den roten
Mund und küßte den weißen Hals und den bräunlichen Nacken, die Hand und
den Arm seines Mädchens. Er führte sie, oder sie ihn, an einen Tisch
abseits im tiefen Schatten, ließ Wein kommen und trank mit ihr aus
einem Glase, hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt und fühlte Feuer in
allen Adern. Seit einer Stunde war die Welt und alles Vergangene hinter
ihm versunken und ins Bodenlose gefallen, um ihn wehte allmächtig die
glühende Nacht, ohne Gestern und ohne Morgen.
Auch die hübsche Fanny freute sich ihres neuen Schatzes und ihrer
blühenden Jugend, jedoch weniger rückhaltslos und gedankenlos als ihr
Liebster, dessen Feuer sie mit der einen Hand zu mehren, mit der andern
abzuwehren bemüht war. Der schöne Tanzabend gefiel auch ihr wohl, und
sie tanzte ihre Touren mit heißen Wangen und blitzenden Augen; doch war
sie nicht gesonnen, darüber ihre Absichten und Zwecke zu vergessen, und
diese gingen nicht auf Vergnügen und flüchtiges Liebesglück, sondern
auf soliden Erwerb.
Darum erfuhr Ladidel im Laufe des Abends, zwischen Wein und Tanz, von
seiner Geliebten eine lange traurige Geschichte, die mit einer kranken
Mutter begann und mit Schulden und drohender Obdachlosigkeit endete.
Sie bot dem bestürzten Liebhaber diese bedenklichen Mitteilungen nicht
auf einmal dar, sondern mit vielen Pausen, während deren er sich stets
wieder erholen und neue Glut fassen konnte, sie bat ihn sogar, nicht
allzuviel daran zu denken und sich den schönen Abend nicht verderben
zu lassen, bald aber seufzte sie wieder tief auf und wischte sich die
Augen. Bei dem guten Ladidel wirkte denn auch, wie bei allen Anfängern,
das Mitleid eher entflammend als niederschlagend, sodaß er das Mädchen
gar nimmer aus den Armen ließ und ihr zwischen Küssen goldene Berge für
die Zukunft versprach.
Sie nahm es hin, ohne sich getröstet zu zeigen, und fand dann
plötzlich, es sei spät, und sie dürfe ihre arme kranke Mutter nicht
länger warten lassen. Ladidel bat und flehte, wollte sie dabehalten
oder zumindest begleiten, schalt und klagte und ließ auf alle Weise
merken, daß er die Angel geschluckt habe und nimmer entrinnen könne.
Mehr hatte Fanny nicht gewollt. Sie zuckte hoffnungslos die Achseln,
streichelte Ladidels Hand und bat ihn, nun für immer von ihr Abschied
zu nehmen. Denn, wenn sie bis morgen Abend nicht im Besitze von hundert
Mark sei, so werde sie samt ihrer armen Mama auf die Straße gesetzt
werden und könne für das, wozu die Verzweiflung sie dann treiben würde,
nicht einstehen. Ach, sie wollte ja gern lieb sein und ihrem Alfred
jede Gunst gewähren, da sie ihn nun einmal so schrecklich liebe, aber
unter diesen Umständen sei es doch besser, auseinanderzugehen und sich
mit der ewigen Erinnerung an diesen schönen Abend zu begnügen.
Dieser Meinung war Ladidel nicht. Ohne sich viel zu besinnen, versprach
er das Geld morgen Abend herzubringen, und schien fast zu bedauern,
daß sie seine Liebe auf keine größere Probe stelle.
»Ach, wenn du das könntest!« seufzte Fanny. Dabei schmiegte sie sich an
ihn, daß er beinahe den Atem verlor.
»Verlaß dich drauf,« sagte er. Und nun wollte er sie nach Hause
begleiten, aber sie war so scheu und hatte plötzlich eine so furchtbare
Angst, man möchte sie sehen und ihr guter Ruf möchte notleiden, daß er
mitleidig nachgab und sie allein ziehen ließ.
Darauf schweifte er noch wohl eine Stunde lang umher. Da und dort
tönte aus Gärten und Zelten noch nächtliche Festlichkeit. Erhitzt
und müde kam er endlich nach Hause, ging zu Bett und fiel sogleich
in einen unruhigen Schlaf, aus dem er schon nach einer Stunde wieder
erwachte. Da brauchte er lange, um sich aus einem zähen Wirrwarr
verliebter Träume zurechtzufinden. Die Nacht stand bleich und grau
im Fenster, die Stube war dunkel und alles still, sodaß Ladidel, der
nicht an schlaflose Nächte gewöhnt war, verwirrt und ängstlich in die
Finsternis blickte und den noch nicht verwundenen Rausch des Abends im
Kopf rumoren fühlte. Irgend etwas, was er vergessen hatte und woran zu
denken ihm doch notwendig schien, quälte ihn eine gute Weile. Am Ende
klärte sich jedoch die peinigende Trübe und der ernüchterte Träumer
wußte wieder genau, um was es sich handle. Und nun drehten seine
Gedanken sich die ganze lange Nacht hindurch um die Frage, woher das
Geld kommen solle, das er seinem neuen Schätzchen versprochen hatte. Er
begriff nimmer, wie er das Versprechen hatte geben können, es mußte in
einer Bezauberung geschehen sein. Auch trat ihm der Gedanke, sein Wort
zu brechen, nahe und sah gar friedlich aus. Doch gewann er den Sieg
nicht, zum Teil, weil eine ehrliche Gutmütigkeit den Jüngling abhielt,
eine Notleidende umsonst auf die zugesagte Hilfe warten zu lassen. Noch
mächtiger freilich war die Erinnerung an Fannys Schönheit, an ihre
Küsse und die Wärme ihres Leibes, und die sichere Hoffnung, das alles
schon morgen ganz zu eigen zu haben. Darum entschlug und schämte er
sich des Gedankens, ihr untreu zu werden, und wandte allen Scharfsinn
daran, einen sicheren und ungefährlichen Weg zu dem versprochenen Gelde
zu ersinnen. Allein je mehr er sann und spann, desto größer ward in
seiner Vorstellung die Summe und desto unmöglicher ihre Erlangung.
Als Ladidel am Morgen grau und müde, mit verwachten Augen und
schwindelndem Kopfe, ins Kontor trat und sich an seinen Platz setzte,
wußte er noch immer keinen Ausweg und hätte gern für die hundert
Mark seine Seligkeit verkauft. Er war in der Frühe schon bei einem
Pfandleiher gewesen und hatte seine Uhr und Uhrkette samt allen
seinen kleinen Kostbarkeiten versetzen wollen, doch war der saure und
beschämende Gang vergeblich gewesen, denn man hatte ihm für das Ganze
nicht mehr als zehn Mark geben wollen. Nun bückte er sich traurig über
seine Arbeit und brachte eine öde Stunde über Tabellen hin, da kam mit
der Post, die ein Lehrling brachte, ein kleiner Brief für ihn. Erstaunt
öffnete er das zierliche Kuvert, steckte es in die Tasche und las
heimlich das kleine rosenrote Billett, das er darin gefunden hatte.
»Liebster, gelt du kommst heut Abend? Mit Kuß deine Fanny.«
Das gab den Ausschlag. Ladidel beschloß, unter allen Umständen und um
jeden Preis sein Versprechen zu halten. Das Brieflein verbarg er in der
Brusttasche und zog es je und je heimlich hervor, um daran zu riechen,
denn es hatte einen feinen warmen Duft, der ihm wie Wein zu Kopfe stieg.
Schon in den Überlegungen der vergangenen Nacht war der Gedanke in ihm
aufgestiegen, im Notfalle das Geld auf eine verbotene Weise an sich zu
bringen, doch hatte er diesen Plänen keinen Raum in sich gegönnt. Nun
kamen sie wieder und waren stärker und schmeichelnder geworden. Ob ihm
auch als einem redlichen Menschen vor Diebstahl und Betrug im Herzen
graute, so wollte ihm doch der Gedanke, es handle sich dabei nur um
eine erzwungene Anleihe, deren Erstattung ihm heilig sein würde, mehr
und mehr einleuchten. Über die Art der Ausführung aber zerbrach er
sich vergeblich den Kopf. Es wäre ihm leicht gewesen, sich die Summe
auf der Bank, wo man ihn kannte, zu verschaffen, wenn er sich hätte
entschließen können, die Handschrift seines Prinzipals zu fälschen.
Aber zu einem solchen richtigen Spitzbubenstück reichte es ihm doch
nicht. Er brachte den Tag verstört und bitter hin, sann und plante,
und er wäre am Ende betrübt, doch unbefleckt, aus dieser Prüfung
hervorgegangen, wenn ihn nicht am Abend, in der letzten Stunde, eine
allzu verlockende Gelegenheit doch noch zum Schelm gemacht hätte.
Der Prinzipal gab ihm Auftrag, da und dahin einen Wertbrief zu senden,
und zählte ihm die Banknoten hin. Es waren sieben Scheine, die er
zweimal durchzählte. Da widerstand er nicht länger, brachte mit
zitternder Hand eines von den Papieren an sich und siegelte die sechse
ein, die denn auch zur Post kamen und abreisten.
Die Tat wollte ihn reuen, schon als der Lehrling den Siegelbrief
wegtrug, dessen Aufschrift nicht mit seinem Inhalte stimmte. Von allen
Arten der Unterschlagung schien ihm diese nun die törichtste und
gefährlichste, da im besten Fall nur Tage vergehen konnten, bis das
Fehlen des Geldes entdeckt und Bericht darüber einlaufen würde. Als der
Brief fort und nichts zu bessern war, hatte der im Bösen unbewanderte
Ladidel das Gefühl eines Selbstmörders, der den Strick um den Hals
und den Schemel schon weggestoßen hat, nun aber gerne doch noch leben
möchte. Drei Tage kann es dauern, dachte er, vielleicht aber auch nur
einen, dann bin ich meines guten Rufes, meiner Freiheit und Zukunft
ledig, und alles um die hundert Mark, die nicht einmal für mich sind.
Er sah sich verhört, verurteilt, mit Schanden fortgejagt und ins
Gefängnis gesteckt und mußte zugeben, daß das alles durchaus verdient
und in der Ordnung sei.
Erst auf dem Wege zum Abendessen fiel ihm ein, es könnte am Ende auch
besser ablaufen. Daß die Sache gar nicht entdeckt werden würde, wagte
er zwar nicht zu hoffen; aber wenn nun das Geld auch fehlte, wie wollte
man beweisen, daß er der Dieb war? Um sich zu stärken, trank er wider
seine Gewohnheit ein Bier zum Abendbrot und ging dann nach Hause, um
sich schön zu machen. Mit dem Sonntagsrock und seiner besten Wäsche
angetan, erschien er eine Stunde später auf dem Tanzplatze. Unterwegs
war seine Zuversicht zurückgekehrt, oder es hatten doch die wieder
erwachten heißen Wünsche seiner Jugend die Angstgefühle übertäubt.
Es ging auch an diesem Abend lebhaft zu, doch fiel es dem einsam
wartenden Ladidel auf, daß der Ort nicht von der guten Bürgerschaft,
sondern zumeist von geringeren Leuten und auch von manchen verdächtig
Aussehenden besucht war. Als er sein Viertel Landwein getrunken hatte
und Fanny noch nicht gekommen war, befiel ihn ein Mißbehagen an dieser
Gesellschaft und er verließ den Garten, um draußen hinterm Zaun zu
warten. Da lehnte er in der Abendkühle an einer finstern Stelle des
Geheges, sah in das Gewühl und wunderte sich, daß er gestern inmitten
derselben Leute und bei derselben Musik so glücklich gewesen war und so
ausgelassen getanzt hatte. Heute wollte ihm alles weniger gefallen; von
den Mädchen sahen viele frech und liederlich aus, die Burschen hatten
üble Manieren und unterhielten selbst während des Tanzes ein lärmendes
Einverständnis durch Schreie und Pfiffe. Auch die roten Papierlaternen
sahen weniger festlich und leuchtend aus, als sie ihm gestern
erschienen waren. Er wußte nicht, ob nur Müdigkeit und Ernüchterung,
oder ob sein schlechtes Gewissen daran schuld sei; aber je länger er
zuschaute und wartete, desto weniger wollte der Festrausch wieder
kommen, und er nahm sich vor, mit Fanny, sobald sie käme, von diesem
Ort wegzugehen.
Als er wohl eine Stunde gewartet hatte und müd und ungeduldig zu
werden begann, sah er am jenseitigen Eingang des Gartens sein Mädchen
ankommen, in der roten Bluse und mit dem weißen Segeltuchhütchen, und
betrachtete sie neugierig. Da er solang hatte warten müssen, wollte er
nun auch sie ein wenig necken und warten lassen, auch reizte es ihn,
sie so aus dem Verborgenen zu belauschen.
Die hübsche Fanny spazierte langsam durch den Garten und suchte; und da
sie Ladidel nicht fand, setzte sie sich beiseite an einen Tisch. Ein
Kellner kam, doch winkte sie ihm ab. Dann sah Ladidel, wie sich ihr
ein Bursche näherte, der ihm schon gestern als ein vorlauter und roher
Patron aufgefallen war. Er schien sie gut zu kennen, und soweit Ladidel
sehen konnte, fragte sie ihn eifrig nach etwas, wohl nach ihm, und der
Bursche zeigte nach dem Ausgang und schien zu erzählen, der Gesuchte
sei dagewesen, aber wieder fortgegangen.
Nun begann Ladidel Mitleid zu haben und wollte zu ihr eilen, doch sah
er in demselben Augenblick mit Schrecken, wie der unangenehme Bursche
die Fanny ergriff und mit ihr zum Tanz antrat. Aufmerksam beobachtete
er sie beide, und wenn ihm auch ein paar grobe Liebkosungen des Mannes
das Blut ins Gesicht trieben, so schien doch das Mädchen gleichgültig
zu sein, ja ihn abzuwehren.
Kaum war der Tanz zu Ende, so ward Fanny von ihrem Begleiter einem
andern zugeschoben, der den Hut vor ihr zog und sie höflich zur neuen
Tour aufforderte. Ladidel wollte ihr zurufen, wollte über den Zaun zu
ihr hinein, doch kam es nicht dazu, und er mußte in trauriger Betäubung
zusehen, wie sie dem Fremden zulächelte und mit ihm den Schottischen
begann. Und während des Schottischen sah er sie schön mit dem andern
tun und seine Hände streicheln und sich an ihn lehnen, gerade wie sie
es gestern ihm selbst getan hatte, und er sah den Fremden warm werden
und sie fester umfassen und am Schluß des Tanzes mit ihr durch die
dunkleren Laubengänge wandeln, wobei das Paar dem Lauscher peinlich
nahe kam und er ihre Worte und Küsse gar deutlich hörten konnte.
Da ging Alfred Ladidel heimwärts, mit tränenden Augen, das Herz voll
Scham und Wut und dennoch froh, der Hure entgangen zu sein. Junge Leute
kehrten von den Festplätzen heim und sangen, Musik und Gelächter drang
aus den Gärten; ihm aber klang alles wie ein Hohn auf ihn und alle
Lust, und wie vergiftet. Als er heimkam, war er todmüde und hatte kein
Verlangen mehr als zu schlafen. Und da er seinen Sonntagsrock auszog
und gewohnterweise seine Falten glatt strich, knisterte es in der
Tasche und er zog unversehrt den blauen Geldschein hervor. Unschuldig
lag das Papier im Kerzenschein auf dem Tische; er sah es eine Weile an,
schloß es dann in die Schublade und schüttelte den Kopf dazu. Um das zu
erleben, hatte er nun gestohlen und sein Leben verdorben.
Gegen eine Stunde lag er noch wach, doch dachte er in dieser Zeit nicht
mehr an Fanny und nicht mehr an die hundert Mark, noch an das, was
jetzt über ihn kommen würde, sondern er dachte an Martha Weber und
daran, daß er sich nun alle Wege zu ihr verschüttet habe.