Viertes Kapitel

Während Ladidel vor seinem Weinglas am Tische saß und mit heißen Augen

in das Tanzgewühl blickte, vom roten Licht der Ampeln und vom raschen

Takt der Musik bezaubert und seines Kummers bis zur Verzweiflung

überdrüssig, hörte er plötzlich neben sich eine leise Stimme, die

fragte: »Ganz allein?«

Schnell wandte er sich um und sah über die Lehne der Bank gebeugt

ein hübsches Mädchen mit schwarzen Haaren, mit einem weißen linnenen

Hütlein und einer roten leichten Bluse angetan. Sie lachte mit einem

hellroten Munde, während ihr um die erhitzte Stirn und die dunkeln

Augen ein paar lose Locken hingen. »Ganz allein?« fragte sie mitleidig

und schelmisch, und er gab Antwort: »Ach ja, leider.« Da nahm sie sein

Weinglas, fragte mit einem Blick um Erlaubnis, sagte Prosit und trank

es in einem durstigen Zuge aus. Er sah dabei ihren schlanken Hals,

der bräunlich aus dem roten leichten Stoff emporstieg, und indessen

sie trank, fühlte er mit heftig klopfendem Herzen, daß sich hier ein

Abenteuer anspinne. Er fühlte es nicht ohne Schrecken, aber er war

allsofort entschlossen, dabei zu bleiben und alles gehen zu lassen, wie

es wollte.

Und es ging vortrefflich. Um doch etwas zur Sache zu tun, schenkte

Ladidel das leere Glas wieder voll und bot es dem Mädchen an. Aber sie

schüttelte den Kopf und blickte rückwärts nach dem Tanzplatz, wo soeben

eine neue Musik erscholl.

»Tanzen möcht ich,« sagte sie und sah dem Jüngling in die Augen, der

augenblicklich aufstand, sich vor ihr verbeugte und seinen Namen nannte.

»Ladidel heißen Sie? Und mit dem Vornamen? Ich heiße Fanny.«

Sie nahm ihn an sich und beide tauchten in den Strom und Schwall des

Walzers, den Ladidel noch nie so ausgezeichnet getanzt hatte. Früher

war er beim Tanzen lediglich seiner Geschicklichkeit, seiner flinken

Beine und feinen Haltung froh geworden und hatte dabei stets daran

gedacht, wie er aussehe und ob er auch einen guten Eindruck mache.

Jetzt war daran nicht zu denken. Er flog in einem feurigen Wirbel mit,

gezogen und hingeweht und wehrlos, aber glücklich und im Innersten

erregt. Bald zog und schwang ihn seine Tänzerin, daß ihm Boden und Atem

verloren ging, bald lag sie still und eng an ihn gelehnt, daß ihre

Pulse an seinen schlugen und ihre Wärme die seine entfachte.

Als der Tanz zu Ende war, legte Fanny ihren Arm in den ihres Begleiters

und zog ihn mit sich weg. Tief atmend wandelten sie langsam einen

Laubengang entlang, zwischen vielen andern Paaren, in einer Dämmerung

voll warmer Farben. Durch die Bäume schien tief der Nachthimmel mit

blanken Sternen herein, von der Seite her spielte, von beweglichen

Schatten unterbrochen, der rote Schein der Festampeln, und in diesem

ungewissen Licht bewegten sich plaudernd die ausruhenden Tänzer, die

Mädchen in weißen und andern hellfarbigen Kleidern und Hüten, mit

bloßen Hälsen und Armen, manche mit stattlichen Fächern versehen, die

gleich Pfauenrädern spielten. Ladidel nahm das alles nur als einen

farbigen Nebel wahr, der mit Musik und Nachtluft zusammenfloß, und

daraus nur hin und wieder im nahen Vorbeistreifen ein helles Gesicht

mit funkelnden Augen, ein offener lachender Mund mit glänzenden

Zähnen, ein zärtlich gebogener weißer Arm für Augenblicke deutlich

hervorschimmerte.

»Alfred!« sagte Fanny leise.

»Ja, was?«

»Gelt, du hast auch keinen Schatz? Meiner ist nach Amerika.«

»Nein, ich hab keinen.«

»Willst du nicht mein Schatz sein?«

»Ich will schon.«

Sie lag ganz in seinem Arm und bot ihm den feuchten hellroten Mund.

Liebestaumel wehte in den Bäumen und Wegen; Ladidel küßte den roten

Mund und küßte den weißen Hals und den bräunlichen Nacken, die Hand und

den Arm seines Mädchens. Er führte sie, oder sie ihn, an einen Tisch

abseits im tiefen Schatten, ließ Wein kommen und trank mit ihr aus

einem Glase, hatte den Arm um ihre Hüfte gelegt und fühlte Feuer in

allen Adern. Seit einer Stunde war die Welt und alles Vergangene hinter

ihm versunken und ins Bodenlose gefallen, um ihn wehte allmächtig die

glühende Nacht, ohne Gestern und ohne Morgen.

Auch die hübsche Fanny freute sich ihres neuen Schatzes und ihrer

blühenden Jugend, jedoch weniger rückhaltslos und gedankenlos als ihr

Liebster, dessen Feuer sie mit der einen Hand zu mehren, mit der andern

abzuwehren bemüht war. Der schöne Tanzabend gefiel auch ihr wohl, und

sie tanzte ihre Touren mit heißen Wangen und blitzenden Augen; doch war

sie nicht gesonnen, darüber ihre Absichten und Zwecke zu vergessen, und

diese gingen nicht auf Vergnügen und flüchtiges Liebesglück, sondern

auf soliden Erwerb.

Darum erfuhr Ladidel im Laufe des Abends, zwischen Wein und Tanz, von

seiner Geliebten eine lange traurige Geschichte, die mit einer kranken

Mutter begann und mit Schulden und drohender Obdachlosigkeit endete.

Sie bot dem bestürzten Liebhaber diese bedenklichen Mitteilungen nicht

auf einmal dar, sondern mit vielen Pausen, während deren er sich stets

wieder erholen und neue Glut fassen konnte, sie bat ihn sogar, nicht

allzuviel daran zu denken und sich den schönen Abend nicht verderben

zu lassen, bald aber seufzte sie wieder tief auf und wischte sich die

Augen. Bei dem guten Ladidel wirkte denn auch, wie bei allen Anfängern,

das Mitleid eher entflammend als niederschlagend, sodaß er das Mädchen

gar nimmer aus den Armen ließ und ihr zwischen Küssen goldene Berge für

die Zukunft versprach.

Sie nahm es hin, ohne sich getröstet zu zeigen, und fand dann

plötzlich, es sei spät, und sie dürfe ihre arme kranke Mutter nicht

länger warten lassen. Ladidel bat und flehte, wollte sie dabehalten

oder zumindest begleiten, schalt und klagte und ließ auf alle Weise

merken, daß er die Angel geschluckt habe und nimmer entrinnen könne.

Mehr hatte Fanny nicht gewollt. Sie zuckte hoffnungslos die Achseln,

streichelte Ladidels Hand und bat ihn, nun für immer von ihr Abschied

zu nehmen. Denn, wenn sie bis morgen Abend nicht im Besitze von hundert

Mark sei, so werde sie samt ihrer armen Mama auf die Straße gesetzt

werden und könne für das, wozu die Verzweiflung sie dann treiben würde,

nicht einstehen. Ach, sie wollte ja gern lieb sein und ihrem Alfred

jede Gunst gewähren, da sie ihn nun einmal so schrecklich liebe, aber

unter diesen Umständen sei es doch besser, auseinanderzugehen und sich

mit der ewigen Erinnerung an diesen schönen Abend zu begnügen.

Dieser Meinung war Ladidel nicht. Ohne sich viel zu besinnen, versprach

er das Geld morgen Abend herzubringen, und schien fast zu bedauern,

daß sie seine Liebe auf keine größere Probe stelle.

»Ach, wenn du das könntest!« seufzte Fanny. Dabei schmiegte sie sich an

ihn, daß er beinahe den Atem verlor.

»Verlaß dich drauf,« sagte er. Und nun wollte er sie nach Hause

begleiten, aber sie war so scheu und hatte plötzlich eine so furchtbare

Angst, man möchte sie sehen und ihr guter Ruf möchte notleiden, daß er

mitleidig nachgab und sie allein ziehen ließ.

Darauf schweifte er noch wohl eine Stunde lang umher. Da und dort

tönte aus Gärten und Zelten noch nächtliche Festlichkeit. Erhitzt

und müde kam er endlich nach Hause, ging zu Bett und fiel sogleich

in einen unruhigen Schlaf, aus dem er schon nach einer Stunde wieder

erwachte. Da brauchte er lange, um sich aus einem zähen Wirrwarr

verliebter Träume zurechtzufinden. Die Nacht stand bleich und grau

im Fenster, die Stube war dunkel und alles still, sodaß Ladidel, der

nicht an schlaflose Nächte gewöhnt war, verwirrt und ängstlich in die

Finsternis blickte und den noch nicht verwundenen Rausch des Abends im

Kopf rumoren fühlte. Irgend etwas, was er vergessen hatte und woran zu

denken ihm doch notwendig schien, quälte ihn eine gute Weile. Am Ende

klärte sich jedoch die peinigende Trübe und der ernüchterte Träumer

wußte wieder genau, um was es sich handle. Und nun drehten seine

Gedanken sich die ganze lange Nacht hindurch um die Frage, woher das

Geld kommen solle, das er seinem neuen Schätzchen versprochen hatte. Er

begriff nimmer, wie er das Versprechen hatte geben können, es mußte in

einer Bezauberung geschehen sein. Auch trat ihm der Gedanke, sein Wort

zu brechen, nahe und sah gar friedlich aus. Doch gewann er den Sieg

nicht, zum Teil, weil eine ehrliche Gutmütigkeit den Jüngling abhielt,

eine Notleidende umsonst auf die zugesagte Hilfe warten zu lassen. Noch

mächtiger freilich war die Erinnerung an Fannys Schönheit, an ihre

Küsse und die Wärme ihres Leibes, und die sichere Hoffnung, das alles

schon morgen ganz zu eigen zu haben. Darum entschlug und schämte er

sich des Gedankens, ihr untreu zu werden, und wandte allen Scharfsinn

daran, einen sicheren und ungefährlichen Weg zu dem versprochenen Gelde

zu ersinnen. Allein je mehr er sann und spann, desto größer ward in

seiner Vorstellung die Summe und desto unmöglicher ihre Erlangung.

Als Ladidel am Morgen grau und müde, mit verwachten Augen und

schwindelndem Kopfe, ins Kontor trat und sich an seinen Platz setzte,

wußte er noch immer keinen Ausweg und hätte gern für die hundert

Mark seine Seligkeit verkauft. Er war in der Frühe schon bei einem

Pfandleiher gewesen und hatte seine Uhr und Uhrkette samt allen

seinen kleinen Kostbarkeiten versetzen wollen, doch war der saure und

beschämende Gang vergeblich gewesen, denn man hatte ihm für das Ganze

nicht mehr als zehn Mark geben wollen. Nun bückte er sich traurig über

seine Arbeit und brachte eine öde Stunde über Tabellen hin, da kam mit

der Post, die ein Lehrling brachte, ein kleiner Brief für ihn. Erstaunt

öffnete er das zierliche Kuvert, steckte es in die Tasche und las

heimlich das kleine rosenrote Billett, das er darin gefunden hatte.

»Liebster, gelt du kommst heut Abend? Mit Kuß deine Fanny.«

Das gab den Ausschlag. Ladidel beschloß, unter allen Umständen und um

jeden Preis sein Versprechen zu halten. Das Brieflein verbarg er in der

Brusttasche und zog es je und je heimlich hervor, um daran zu riechen,

denn es hatte einen feinen warmen Duft, der ihm wie Wein zu Kopfe stieg.

Schon in den Überlegungen der vergangenen Nacht war der Gedanke in ihm

aufgestiegen, im Notfalle das Geld auf eine verbotene Weise an sich zu

bringen, doch hatte er diesen Plänen keinen Raum in sich gegönnt. Nun

kamen sie wieder und waren stärker und schmeichelnder geworden. Ob ihm

auch als einem redlichen Menschen vor Diebstahl und Betrug im Herzen

graute, so wollte ihm doch der Gedanke, es handle sich dabei nur um

eine erzwungene Anleihe, deren Erstattung ihm heilig sein würde, mehr

und mehr einleuchten. Über die Art der Ausführung aber zerbrach er

sich vergeblich den Kopf. Es wäre ihm leicht gewesen, sich die Summe

auf der Bank, wo man ihn kannte, zu verschaffen, wenn er sich hätte

entschließen können, die Handschrift seines Prinzipals zu fälschen.

Aber zu einem solchen richtigen Spitzbubenstück reichte es ihm doch

nicht. Er brachte den Tag verstört und bitter hin, sann und plante,

und er wäre am Ende betrübt, doch unbefleckt, aus dieser Prüfung

hervorgegangen, wenn ihn nicht am Abend, in der letzten Stunde, eine

allzu verlockende Gelegenheit doch noch zum Schelm gemacht hätte.

Der Prinzipal gab ihm Auftrag, da und dahin einen Wertbrief zu senden,

und zählte ihm die Banknoten hin. Es waren sieben Scheine, die er

zweimal durchzählte. Da widerstand er nicht länger, brachte mit

zitternder Hand eines von den Papieren an sich und siegelte die sechse

ein, die denn auch zur Post kamen und abreisten.

Die Tat wollte ihn reuen, schon als der Lehrling den Siegelbrief

wegtrug, dessen Aufschrift nicht mit seinem Inhalte stimmte. Von allen

Arten der Unterschlagung schien ihm diese nun die törichtste und

gefährlichste, da im besten Fall nur Tage vergehen konnten, bis das

Fehlen des Geldes entdeckt und Bericht darüber einlaufen würde. Als der

Brief fort und nichts zu bessern war, hatte der im Bösen unbewanderte

Ladidel das Gefühl eines Selbstmörders, der den Strick um den Hals

und den Schemel schon weggestoßen hat, nun aber gerne doch noch leben

möchte. Drei Tage kann es dauern, dachte er, vielleicht aber auch nur

einen, dann bin ich meines guten Rufes, meiner Freiheit und Zukunft

ledig, und alles um die hundert Mark, die nicht einmal für mich sind.

Er sah sich verhört, verurteilt, mit Schanden fortgejagt und ins

Gefängnis gesteckt und mußte zugeben, daß das alles durchaus verdient

und in der Ordnung sei.

Erst auf dem Wege zum Abendessen fiel ihm ein, es könnte am Ende auch

besser ablaufen. Daß die Sache gar nicht entdeckt werden würde, wagte

er zwar nicht zu hoffen; aber wenn nun das Geld auch fehlte, wie wollte

man beweisen, daß er der Dieb war? Um sich zu stärken, trank er wider

seine Gewohnheit ein Bier zum Abendbrot und ging dann nach Hause, um

sich schön zu machen. Mit dem Sonntagsrock und seiner besten Wäsche

angetan, erschien er eine Stunde später auf dem Tanzplatze. Unterwegs

war seine Zuversicht zurückgekehrt, oder es hatten doch die wieder

erwachten heißen Wünsche seiner Jugend die Angstgefühle übertäubt.

Es ging auch an diesem Abend lebhaft zu, doch fiel es dem einsam

wartenden Ladidel auf, daß der Ort nicht von der guten Bürgerschaft,

sondern zumeist von geringeren Leuten und auch von manchen verdächtig

Aussehenden besucht war. Als er sein Viertel Landwein getrunken hatte

und Fanny noch nicht gekommen war, befiel ihn ein Mißbehagen an dieser

Gesellschaft und er verließ den Garten, um draußen hinterm Zaun zu

warten. Da lehnte er in der Abendkühle an einer finstern Stelle des

Geheges, sah in das Gewühl und wunderte sich, daß er gestern inmitten

derselben Leute und bei derselben Musik so glücklich gewesen war und so

ausgelassen getanzt hatte. Heute wollte ihm alles weniger gefallen; von

den Mädchen sahen viele frech und liederlich aus, die Burschen hatten

üble Manieren und unterhielten selbst während des Tanzes ein lärmendes

Einverständnis durch Schreie und Pfiffe. Auch die roten Papierlaternen

sahen weniger festlich und leuchtend aus, als sie ihm gestern

erschienen waren. Er wußte nicht, ob nur Müdigkeit und Ernüchterung,

oder ob sein schlechtes Gewissen daran schuld sei; aber je länger er

zuschaute und wartete, desto weniger wollte der Festrausch wieder

kommen, und er nahm sich vor, mit Fanny, sobald sie käme, von diesem

Ort wegzugehen.

Als er wohl eine Stunde gewartet hatte und müd und ungeduldig zu

werden begann, sah er am jenseitigen Eingang des Gartens sein Mädchen

ankommen, in der roten Bluse und mit dem weißen Segeltuchhütchen, und

betrachtete sie neugierig. Da er solang hatte warten müssen, wollte er

nun auch sie ein wenig necken und warten lassen, auch reizte es ihn,

sie so aus dem Verborgenen zu belauschen.

Die hübsche Fanny spazierte langsam durch den Garten und suchte; und da

sie Ladidel nicht fand, setzte sie sich beiseite an einen Tisch. Ein

Kellner kam, doch winkte sie ihm ab. Dann sah Ladidel, wie sich ihr

ein Bursche näherte, der ihm schon gestern als ein vorlauter und roher

Patron aufgefallen war. Er schien sie gut zu kennen, und soweit Ladidel

sehen konnte, fragte sie ihn eifrig nach etwas, wohl nach ihm, und der

Bursche zeigte nach dem Ausgang und schien zu erzählen, der Gesuchte

sei dagewesen, aber wieder fortgegangen.

Nun begann Ladidel Mitleid zu haben und wollte zu ihr eilen, doch sah

er in demselben Augenblick mit Schrecken, wie der unangenehme Bursche

die Fanny ergriff und mit ihr zum Tanz antrat. Aufmerksam beobachtete

er sie beide, und wenn ihm auch ein paar grobe Liebkosungen des Mannes

das Blut ins Gesicht trieben, so schien doch das Mädchen gleichgültig

zu sein, ja ihn abzuwehren.

Kaum war der Tanz zu Ende, so ward Fanny von ihrem Begleiter einem

andern zugeschoben, der den Hut vor ihr zog und sie höflich zur neuen

Tour aufforderte. Ladidel wollte ihr zurufen, wollte über den Zaun zu

ihr hinein, doch kam es nicht dazu, und er mußte in trauriger Betäubung

zusehen, wie sie dem Fremden zulächelte und mit ihm den Schottischen

begann. Und während des Schottischen sah er sie schön mit dem andern

tun und seine Hände streicheln und sich an ihn lehnen, gerade wie sie

es gestern ihm selbst getan hatte, und er sah den Fremden warm werden

und sie fester umfassen und am Schluß des Tanzes mit ihr durch die

dunkleren Laubengänge wandeln, wobei das Paar dem Lauscher peinlich

nahe kam und er ihre Worte und Küsse gar deutlich hörten konnte.

Da ging Alfred Ladidel heimwärts, mit tränenden Augen, das Herz voll

Scham und Wut und dennoch froh, der Hure entgangen zu sein. Junge Leute

kehrten von den Festplätzen heim und sangen, Musik und Gelächter drang

aus den Gärten; ihm aber klang alles wie ein Hohn auf ihn und alle

Lust, und wie vergiftet. Als er heimkam, war er todmüde und hatte kein

Verlangen mehr als zu schlafen. Und da er seinen Sonntagsrock auszog

und gewohnterweise seine Falten glatt strich, knisterte es in der

Tasche und er zog unversehrt den blauen Geldschein hervor. Unschuldig

lag das Papier im Kerzenschein auf dem Tische; er sah es eine Weile an,

schloß es dann in die Schublade und schüttelte den Kopf dazu. Um das zu

erleben, hatte er nun gestohlen und sein Leben verdorben.

Gegen eine Stunde lag er noch wach, doch dachte er in dieser Zeit nicht

mehr an Fanny und nicht mehr an die hundert Mark, noch an das, was

jetzt über ihn kommen würde, sondern er dachte an Martha Weber und

daran, daß er sich nun alle Wege zu ihr verschüttet habe.

Umwege: Erzählungen · 第 14 / 35 题