Martha hatte es mit ihrem Verweise nicht schlimm gemeint und war nun
erstaunt, als sie wahrnahm, daß Alfred eine Woche und länger ihr
Haus mied. Er tat ihr ein wenig leid und sie hätte ihn gar gerne
wiedergesehen. Als er aber acht und zehn Tage ausblieb und wirklich zu
grollen schien, besann sie sich darauf, daß sie ihm das Recht zu einem
so liebhabermäßigen Betragen niemals eingeräumt habe. Nun begann sie
selber zu zürnen. Wenn er wiederkäme und den gnädig Versöhnten spielen
würde, wollte sie ihm zeigen, wie sehr er sich getäuscht habe.
Indessen war sie selbst im Irrtum, denn Ladidels Ausbleiben hatte nicht
Zorn und Trotz, sondern Schüchternheit und Furcht vor Marthas Strenge
zur Ursache. Er wollte einige Zeit vergehen lassen, bis sie ihm seine
damalige Zudringlichkeit vergeben und er selber die Dummheit vergessen
und die Scham überwunden habe. In dieser Bußzeit spürte er deutlich,
wie sehr er sich schon an den Umgang mit Martha gewöhnt hatte und wie
sauer es ihn ankommen würde, auf die warme Nähe eines lieben Mädchens
wieder zu verzichten. Das Studieren, das er zur Verstärkung seiner Buße
und zum Kampf wider die lange Zeit betrieb, trug nicht dazu bei, ihn
zu trösten und geduldiger zu machen. So hielt er es denn nicht länger
als bis in die Mitte der zweiten Woche aus, rasierte sich eines Tages
sorgfältig, schlang eine neue Binde um den reinen Hemdkragen und sprach
bei den Weberschen vor, diesmal ohne Fritz, den er nicht zum Zeugen
seiner Beschämtheit machen wollte.
Um nicht mit leeren Händen und lediglich als Bettler zu erscheinen,
hatte er sich einen hübschen Plan ausgedacht. Es stand für die letzte
Woche des September ein großes Fest- und Preisschießen bevor, worauf
die ganze Stadt schon eifrig rüstete. Zu dieser Lustbarkeit gedachte
Alfred Ladidel, der selber ein Liebhaber solcher Festfreuden war,
die beiden Fräulein Weber einzuladen und hoffte damit eine hübsche
Begründung seines Besuches wie auch gleich einen Stein im Brett bei
Martha zu gewinnen.
Ein freundlicher oder auch nur milder Empfang hätte den Verliebten, der
seit Tagen seiner Einsamkeit übersatt war, getröstet und zum treuen
Diener gemacht. Nun hatte aber Martha, durch sein Ausbleiben, das sie
für Trotz hielt, verletzt, sich hart und strenge gemacht. Sie grüßte
kaum, als er die Stube betrat, überließ Empfang und Unterhaltung
ihrer Schwester und ging, mit Abstauben beschäftigt, im Zimmer ab und
zu, als wäre sie allein. Ladidel war sehr eingeschüchtert, machte ein
betrübtes, demütiges Gesicht, und wagte erst nach einer Weile, da
sein verlegenes Gespräch mit Meta versiegte, sich an die Beleidigte
zu wenden und seine Einladung vorzubringen, von welcher er sich einen
Umschwung und Marthas Versöhnung versprach.
Die aber war jetzt nimmer zu fangen. Alfreds Bestürzung und demütige
Ergebenheit bestärkte nur ihren Beschluß, das Bürschlein diesmal in die
Kur zu nehmen und ihm die Krallen zu stutzen. Sie hörte kühl zu, dankte
kurz und höflich, lehnte die Einladung jedoch ab mit der Begründung,
es stehe ihr nicht zu, mit jungen Herren Feste zu besuchen, und was
ihre Schwester angehe, so sei diese verlobt und sei es Sache ihres
Bräutigams, sie einzuladen und mitzunehmen, falls er dazu Lust habe.
Das alles brachte sie so frostig vor, und schien Alfreds guten Willen
so wenig anzuerkennen, daß er erstaunt und ernstlich verletzt sich
an Meta mit der Frage wandte, ob sie diese Meinung teile. Und da
Meta, wenn schon höflicher, der Schwester recht gab, griff Ladidel
nach seinem Hut, verbeugte sich kurz und ging davon wie ein Mann, der
bedauert, an einer falschen Türe angeklopft zu haben, und nicht im Sinn
hat wiederzukommen. Die alte Frau Weber war nicht da, Meta versuchte
zwar ihn zurückzuhalten und ihm zuzureden, Martha aber hatte seine
Verbeugung mit einem Nicken gleichmütig erwidert, und Alfred war es
nicht anders zumute, als hätte sie ihm für immer abgewinkt. Er ging
hinaus und schnell die Treppe hinab, und je schneller er lief und je
weiter er wegkam, desto rascher verwandelten sich seine Bestürzung und
Enttäuschung in Beleidigung und Zorn, da er eine solche Aufnahme seines
redlichen Willens durchaus nicht verdient zu haben glaubte.
Einen geringen Trost gewährte ihm der Gedanke, daß er sich in dieser
Sache männlich und stolz gezeigt habe. Zorn und Trauer überwogen
jedoch, grimmig lief er nach Hause, und als am Abend Fritz Kleuber ihn
besuchen wollte, ließ er ihn an der Türe klopfen und wieder gehen,
ohne sich zu zeigen. Die Bücher sahen ihn ermahnend an, die Gitarre
hing an der Wand, aber er ließ alles liegen und hängen, ging aus und
trieb sich den Abend in den Gassen herum, bis er müde war. Dabei fiel
ihm alles ein, was er je Böses über die Falschheit und Wandelbarkeit
der Weiber hatte sagen hören, und was ihm früher als ein leeres und
scheelsüchtiges Geschwätz erschienen war. Jetzt begriff er alles, fand
auch die bittersten Worte zutreffend, wenn nicht zu milde, und hätte
wohl ein Gedicht mit kräftigen Sprüchen solcher Art zusammengestellt,
wenn es ihm nicht doch zu elend ums Herz gewesen wäre.
Es vergingen einige Tage, und Alfred hoffte beständig, gegen seinen
Stolz und Willen, es möchte etwas geschehen, ein Brieflein oder eine
Botschaft durch Fritz kommen, denn nachdem der erste Groll vertan war,
schien ihm eine Versöhnung doch nicht ganz außer der Möglichkeit,
und sein Herz wandte sich über alle Gründe hinweg stetig zu dem
bösen Mädchen zurück. Allein es geschah nichts und es kam niemand.
Das große Schützenfest jedoch rückte näher, und ob es dem betrübten
Ladidel gefiel oder nicht, er mußte tagaus tagein sehen und hören, wie
jedermann sich bereitmachte, die glänzenden Tage zu feiern. Es wurden
Bäume errichtet und Girlanden geflochten, Häuser mit Tannenzweigen
geschmückt und Torbögen mit Inschriften, die große Festhalle am Wasen
war fertig und ließ schon Fahnen flattern, und dazu tat der Herbst
seine schönste Bläue auf, stieg die Sonne aus den leichten Morgennebeln
täglich klarer und festlicher empor.
Obwohl Ladidel sich wochenlang auf das Fest gefreut hatte, und obwohl
ihm und seinen Kollegen ein freier Tag oder gar zwei bevorstanden,
verschloß er sich doch der Freude gewaltsam und hatte fest im Sinn,
die Festlichkeiten mit keinem Auge zu betrachten und in den Tagen der
allgemeinen Fröhlichkeit desto trotziger bei seinem Schmerz zu bleiben.
Mit Bitterkeit sah er Fahnen und Laubgewinde, hörte da und dort in den
Gassen hinter offenen Fenstern die Musikkapellen Proben halten und die
Mädchen bei der Arbeit singen, und je mehr die Stadt von Erwartung und
Vorfreude scholl und tönte, desto feindseliger ging er in dem Getümmel
seinen finstern Weg, das Herz voll Bitternis und grimmiger Entsagung.
In der Schreibstube hatten die Kollegen schon seit einiger Zeit von
nichts als dem Fest mehr gesprochen und Pläne ausgeheckt, wie sie der
Herrlichkeit recht schlau und gründlich froh werden wollen. Zuweilen
gelang es Ladidel, den Unbefangenen zu spielen und so zu tun, als freue
auch er sich und habe seine Absichten und Pläne; meistens aber saß er
schweigend an seinem Pult und trug einen wilden Fleiß zur Schau. Dabei
brannte ihm die Seele nicht nur um Martha und den Verdruß mit ihr,
sondern mehr und mehr auch um die große Festlichkeit, auf die er so
lang und freudig gewartet hatte und von der er nun nichts haben sollte.
Seine letzte Hoffnung fiel dahin, als Kleuber ihn aufsuchte, wenige
Tage vor dem Beginn des Festes. Dieser machte ein betrübtes Gesicht und
erzählte, er wisse gar nicht, was den Mädchen zu Kopf gestiegen sei,
sie hätten seine Einladung zum Fest abgelehnt und erklärt, in ihren
Verhältnissen könne man keine Lustbarkeiten mitmachen. Nun machte er
Alfred den Vorschlag, mit ihm zusammen sich frohe Festtage zu schaffen,
wenn auch in aller Bescheidenheit, denn wenn er auch nicht gesonnen
sei, auf alles zu verzichten, so wisse er doch, was er seinem Stande
als Bräutigam schulde. Immerhin geschähe es den spröden Jungfern ganz
recht, wenn er nun eben ohne sie den einen oder andern Taler draufgehen
lasse. Allein Ladidel widerstand auch dieser Versuchung. Er dankte
freundlich, erklärte aber, er sei nicht recht wohl und wolle auch die
freie Zeit dazu benutzen, um in seinen Studien weiterzukommen. Von
diesen Studien hatte er seinem Freunde früher so viel erzählt und so
viele Kunstausdrücke und Fremdwörter dabei aufgewendet, daß Fritz
nun in tiefem Respekt keine Einwände wagte und traurig wieder ging.
Aber als er fort war, langte Alfred die Gitarre herab, stimmte und
präludierte, räusperte sich und sang in seinem Leide das Lied: »Wie
die Blümlein draußen zittern.« Und als der Refrain zum zweiten Male
wiederkehrte: »O bleib bei mir und geh nicht fort, mein Herz ist ja
dein Heimatort!«, da überschlug ihm die Stimme und er ließ den Kopf
über die Gitarre sinken und seine Tränen über die Saiten laufen. Erst
eine Stunde später, als er schon im Bette lag, fiel ihm ein, daß das
Instrument leiden könnte, und er stand auf, um es abzuwischen, aber die
Tropfen waren schon im trocknen Holz verronnen.
Indessen kam der Tag, da das Schützenfest eröffnet werden sollte.
Es war ein Sonntag, und das Fest sollte die ganze Woche dauern. Die
Stadt hallte von Gesang, Blechmusik, Böllerschießen und Freudenrufen
wider, aus allen Straßen her kamen und sammelten sich Züge, Vereine
aus dem ganzen Lande waren angekommen, und der Bahnhof wimmelte von
Festbesuchern, die in Extrazügen gefahren kamen. Allenthalben schallte
Musik, und die Ströme der Menschen und die Weisen der Musikkapellen
trafen am Ende alle vor der Stadt am Schützenhause zusammen, wo das
Volk seit dem Morgen zu Tausenden wartend stand. Schwarz drängte
der Zug in dickem Fluß heran, schwer wankten die Fahnen darüber und
stellten sich auf, bis ihrer wohl hundert waren, und eine Musikbande
um die andere schwenkte rauschend auf den gewaltigen Platz. Auf alle
diese Pracht schien mit noch fast sommerlicher Wärme eine heitere
Sonntagssonne hernieder. Die Bannerträger hatten dicke Tropfen auf
den geröteten Stirnen, die Festordner schrieen heiser und rannten wie
Besessene umher, von der Menge gehänselt und durch Zurufe angefeuert;
wer in der Nähe war und Zutritt fand, nahm die Gelegenheit wahr,
schon um diese frühe Stunde an den wohlversehenen Trinkhallen einen
frischen Trunk zu erkämpfen. Die Wirte riefen sich heiß, traktierten
und befahlen einem Volk von Kellnern, Schenkmädchen, Knechten und
Verkäuferinnen, fluchten und schwitzten und rechneten, in der Stille
lachend, für diesen Glanztag einen Goldregen voraus.
Während dieses feierlichen Tumultes saß Ladidel in seiner Stube auf
dem Bett und hatte noch nicht einmal Stiefel an, so wenig schien ihm
an der Freude gelegen. Er trug sich jetzt, nach langen ermüdenden
Nachtgedanken, mit dem Vorsatz, einen Brief an Martha zu schreiben.
Er wollte sie bitten, ihm die Ursache ihres Zürnens zu nennen, ihr
sein Unglück darstellen und ihr Herz bewegen, von dem er noch immer in
leiser Ahnung sich einiger Anhänglichkeit und Freundschaft versah. Nun
zog er aus der Tischlade sein Schreibzeug und einen feinen Briefbogen
mit seinem Monogramm hervor, desgleichen ein blaues Kuvert, steckte
eine gute neue Feder ins Rohr, machte sie mit der Zunge naß, prüfte
die Tinte und schrieb alsdann in einer runden, elegant ausholenden
Kanzleischrift zunächst die Adresse, an das wohlgeborne Fäulein Martha
Weber in der Hirschgasse, zu eigenen Händen. Mittlerweile stimmte ihn
das aus der Ferne herübertönende Geblase und Festgelärme elegisch
und er fand es gut, seinen Brief mit der Schilderung dieser Stimmung
anzufangen. So begann er mit Sorgfalt:
»Sehr geehrtes Fräulein!
Erlauben Sie mir, mich an Sie zu wenden. Es ist Sonntag morgen und die
Musik spielt von ferne, weil das Schützenfest beginnt. Nur ich kann an
demselben nicht teilnehmen und bleibe daheim.«
Er überlas die Zeilen, war zufrieden und besann sich weiter. Da fiel
ihm noch manche schöne und treffende Wendung ein, mit welcher er
seinen betrübten Zustand schildern konnte. Aber was dann? Es wurde ihm
klar, daß dies alles nur insofern einen Wert und Sinn haben konnte,
als es die Einleitung zu einer Liebeserklärung und Werbung wäre. Und
wie konnte er dies wagen? Und je länger er sann, desto mehr ward ihm
klar, daß es mit dem Briefe nicht gehe. Und was er auch dachte und
ausfand, es hatte alles keinen Wert, solange er nicht sein Examen und
damit die Berechtigung zur Werbung hatte. Nun hätte er dies ja wohl
im Dunkeln lassen und die Zeit bis dahin als Wartezeit und kurzen
Aufschub betrachten können; allein er wußte recht wohl, wie es um seine
Aussichten im Examen stand, und konnte weder sich selber noch das
Mädchen über diese Sorge wegtäuschen.
Also saß er wieder unschlüssig und verzweifelt, und wieder schien
ihm alles, was Martha ihm Freundliches erwiesen und was er zu seinen
Gunsten zu deuten hatte, jämmerlich ungewiß und gering. Eine Stunde
verging und er kam nicht weiter. Das ganze Haus lag in tiefer Ruhe,
da alles draußen war, und über die Dächer hinweg jubelte die ferne
Musik und das Brausen der Glocken. Ladidel hing seiner Trauer nach und
bedachte, wieviel Freude und Lust ihm heute verloren ging, und daß er
kaum in langer Zeit, ja vielleicht niemals wieder Gelegenheit haben
würde, eine so große und glänzende Festlichkeit zu sehen. Darüber
überfiel ihn ein Mitleiden mit sich selber und ein unüberwindliches
Trostbedürfnis, dem die Gitarre nicht zu genügen vermochte.
Darum tat er gegen Mittag das, was er durchaus nicht hatte tun wollen.
Er zog seine Stiefel an und verließ das Haus, und während er nur hin
und wider zu wandeln meinte und bald wieder daheim sein und an den
Brief und an sein Elend denken wollte, zogen ihn Musik und Lärm und
Festzauber von Gasse zu Gasse wie der Magnetberg ein Schiff, und
unversehens stand er bei dem Schützenhaus. Da wachte er auf und schämte
sich seiner Schwäche und meinte seine Trauer verraten zu haben, doch
währte alles dies nur Augenblicke, denn die Menge trieb und toste
betäubend, und Ladidel war nicht der Mann, in diesem Jubel fest zu
bleiben oder wieder zu gehen. Auf sein Gemüt wirkten, wie bei einem
Kinde und wie beim niederen Volk, Umgebung und Ton und Luft zerstreuend
und erregend, der Taumel so vieler zog ihn mit und nahm ihn wie eine
mächtige Wolke von sich selber und allem kaum Gewesenen hinweg in ein
verzaubertes Reich des Feiertags und der besinnungslosen Lust.
Ladidel trieb ohne Ziel und ohne Willen umher, von der Menge
mitgenommen, und sah und hörte und roch und atmete so viel Fremdes,
Erregendes ein, daß ihm wohlig schwindelte. Ungefragt erfuhr er alles,
was der Menge wichtig war und wissenswert erschien, daß das Schießen
erst am Nachmittag beginnen sollte, dagegen die Festtafel bald anhebe,
daß nach Tische vielleicht der König herauskommen werde, um sich das
auch zu besehen, ferner wieviel und welcherlei Preise bereitlägen und
wer sie gestiftet habe, was der Eintritt zur Halle und was ein Gedeck
an der Festtafel koste. Dazwischen rauschte aus Trompeten und Hörnern
da und dort und überall feurige Musik, und in Pausen drang von der
Ferne her, wo das Tafeln begonnen hatte, eindringlich und süß die
weichere Musik von Geigen und Flöten. Außerdem geschah auf Schritt
und Tritt in der Menge des Volkes viel Sonderbares, Erheiterndes und
Erschreckendes, es wurden Pferde scheu, Kinder fielen um und schrien,
ein vorzeitig Betrunkener sang unbekümmert, als wäre er allein, sein
Lied und schien über sein eigenes Taumeln und Entrücktsein überaus
belustigt und vergnügt. Händler zogen rufend umher, mit Orangen und
Zuckerwaren, mit Luftballonen für die Kinder, mit Backwerk und mit
künstlichen Blumensträußchen für die Hüte der Burschen, abseits drehte
sich unter heftiger Orgelmusik ein Karussell. Hier hatte ein Hausierer
laute Händel mit einem Käufer, der nicht zahlen wollte, dort führte ein
Polizeidiener ein verlaufenes Büblein an der Hand.
Dieses heftige Leben sog der betäubte Ladidel in sich und fühlte sich
beglückt, an einem solchen Treiben teilzunehmen und Dinge mit Augen zu
sehen, von denen man noch lange im ganzen Lande reden würde. Es war
ihm wichtig, zu hören, um welche Stunde man den König erwarte, und
als es ihm gelungen war, in die Nähe der Ehrenhalle zu dringen, wo
die Tafel auf einer fahnengeschmückten Höhe stattfand, schaute er mit
Bewunderung und Verehrung den Oberbürgermeister, die Stadtvorstände,
den Oberamtmann und andre Würdenträger mit Orden und Abzeichen zumitten
des Ehrentisches sitzen und speisen und weißen Wein aus geschliffenen
Gläsern trinken. Flüsternd nannte man die Namen der Männer, und wer
etwas Weiteres über sie wußte oder gar schon mit ihnen zu tun gehabt
hatte, fand dankbare Zuhörer. Ein bekannter Fabrikant und Millionär
wurde erkannt und besprochen, dann der Sohn eines Ministers, und
schließlich wollte man in einem jungen Manne oben an der Tafel einen
Prinzen erkennen. Daß das alles vor seinen Augen vor sich ging und
soviel Glanz zu schauen ihm vergönnt war, machte einen jeden glücklich.
Auch der kleine Ladidel staunte und bewunderte und fühlte sich groß und
bedeutend als Zuschauer solcher Dinge; er sah ferne Tage voraus, da er
Leuten, die weniger glücklich waren und nicht hatten dabei sein können,
die ganze Herrlichkeit genau beschreiben würde.
Das Mittagessen vergaß er ganz, und als er nach einigen Stunden
Hunger verspürte, setzte er sich in das Zelt eines Zuckerbäckers
und verzehrte ein paar Stücke Kuchen. Dann eilte er, um ja nichts zu
versäumen, wieder ins Gewühl, und war so glücklich, den König zu sehen,
wenn auch nur von hinten. Nun erkaufte er sich den Eintritt zu den
Schießständen, und wenn er auch vom Schießwesen nichts verstand, sah
er doch mit Vergnügen und Spannung den Schützen zu, ließ sich einige
berühmte Helden zeigen und betrachtete mit Ehrfurcht das Mienenspiel
und Augenzwinkern der Schießenden. Alsdann suchte er das Karussell auf
und sah ihm eine Weile zu, wandelte unter den Bäumen in der frohen
Menschenflut, kaufte eine Ansichtskarte mit dem Bildnis des Königs
und dem Landeswappen, hörte alsdann lange Zeit einem Marktschreier
zu, der seine Waren fleißig ausrief und einen Witz um den andern
machte, und weidete seine Augen am Anblick der geputzten Volksscharen.
Errötend entwich er von der Bude eines Photographen, dessen Frau ihn
zum Eintritt eingeladen und unter dem Gelächter der Umstehenden einen
entzückenden jungen Don Juan genannt hatte. Und immer wieder blieb er
stehen, um einer Musik zuzuhören, bekannte Melodien mitzusummen und
sein Stöcklein im Takt dazu zu schwingen.
Über dem allem wurde es Abend, das Schießen hatte ein Ende, und es
begann da und dort ein Zechen in Hallen oder unter Bäumen. Während
der Himmel noch in zartem Lichte schwamm und Türme und ferne Berge in
der Herbstabendklarheit standen, glommen hier und dort schon Lichter
und Laternen auf. Ladidel ging in seinem Rausche dahin und bedauerte
das Sinken des Tages. Die solide Bürgerschaft eilte nun heimwärts zum
Abendessen, müdgewordene Kinder ritten taumelnd auf den Schultern der
Väter, die eleganten Wagen verschwanden. Dafür regten sich Lust und
Übermut der Jugend, die sich auf Tanz und Wein freute, und wie es auf
dem Platze und den Gassen leerer ward, tauchte da und dort und an jeder
Ecke bald scheu, bald kühn ein Liebespaar auf, Arm in Arm und noch mit
sonntäglichem Anstande, jedoch voll Ungeduld und Ahnung nächtlicher
Lust.
Um diese Stunde begann die Fröhlichkeit und Selbstvergessenheit
Ladidels sich zu verlieren wie das hinschwindende Tageslicht. Die
Erinnerung an Trauer und Leid kehrte mählich wieder, vermischt mit
einem ungelöschten Festdurst und Erlebensdrang. Ergriffen und traurig
werdend strich der einsame Jüngling durch den warmen Abend. Es kicherte
kein Liebespaar an ihm vorbei, dem er nicht nachsah, und als nun in
einem Garten unter hohen schwarzen Kastanien mit lockender Pracht
Reihen von roten Papierampeln aufglühten und aus eben diesem Garten
her eine weiche, sehnliche Musik ertönte, da folgte er dem Ruf der
heißen, flüsternden Geigen und trat ein. An langen Tischen aß und
trank viel junges Volk, dahinter wartete ein großer Tanzplan erst halb
erleuchtet. Der junge Mann nahm am leeren Ende eines Tisches Platz und
verlangte, als ein Kellner zu ihm kam, Wein und Essen. Dann ruhte er
aus, atmete die Gartenluft und horchte auf die Musik, aß ein weniges
und trank langsam in kleinen Schlücken den ungewohnten Wein. Je länger
er in die roten Lampen schaute, die Geigen spielen hörte und den Duft
der Festnacht atmete, desto einsamer und elender kam er sich vor,
und zugleich erschien ihm dieser Ort als eine Stätte seliger Lust,
von deren Genuß nur er allein ausgeschlossen sei. Wohin er blickte,
sah er rote Wangen und begierige Augen leuchten, junge Burschen in
Sonntagskleidern mit kühnen und herrischen Blicken, Mädchen im Putz mit
verlangenden Augen und tanzbereiten, unruhigen Füßen. Und er war noch
nicht lange mit seinem Abendessen fertig, als die Musik mit erneuter
Wucht und Süße anstimmte, der Tanzplatz von hundert Lichtern strahlte
und Paar auf Paar in Eile und hastiger Begierde sich zum Tanze drängte.
Ladidel sog langsam an seinem Wein, um noch eine Weile dableiben zu
können, und als der Wein doch schließlich zu Ende war, konnte er
sich nicht entschließen, heimzugehen. Er ließ nochmals ein kleines
Fläschlein kommen und saß und starrte und fiel in eine stachelnde
Unruhe, als müsse allem zum Trotz an diesem Abend ihm ein Glück blühen
und etwas vom Überfluß der Wonne auch für ihn abfallen. Und wenn es
nicht geschah, so schrieb er sich in Leid und Trotz das Recht zu,
wenigstens dem Fest und seinem Unglück zu Ehren den ersten Rausch
seines Lebens zu trinken.
Zu diesem wäre es nun wohl trotzdem nicht gekommen, denn so schlimm er
es meinte, seine Natur war klüger und hätte ihm nicht erlaubt, mehr
als einen kindlichen Versuch nach dieser Seite hin zu tun. Es war auch
keineswegs der Wein, der ihn verlockte, und den Rausch hatte er nimmer
nötig, da Umtrieb und Lärm und Freudenschwall ihm den Kopf hinreichend
erhitzt und verwirrt hatten. Aber der mäßige und zierliche Jüngling
konnte soviel Übermut und Lustbarkeit, soviel Tanzmusik und den
Anblick so vieler hübscher erhitzter Tänzerinnen nicht ertragen, ohne
gleichfalls ein Verlangen nach Lust und Selbstvergessen und blühender
Jugendtorheit zu verspüren. Und so stiegen, je heftiger rings um ihn
die Freude tobte, sein Unglück sowohl wie sein Trostbedürfnis höher,
und rissen den Unbeschützten zur Übertreibung und zum Rausche hin. Die
Stunde war gekommen, da der Most seiner Jugend verderben oder sich Lust
schaffen mußte.