Was er jetzt zu tun habe, wußte Ladidel genau. Er hatte erfahren, wie
bitter es ist, sich vor sich selber schämen zu müssen, und stand sein
Mut auch tief, so war er dennoch fest entschlossen, mit dem Gelde und
einem ehrlichen Geständnis zu seinem Prinzipal zu gehen und von seiner
Ehre und Zukunft zu retten, was noch zu retten wäre.
Darum war es ihm nicht wenig peinlich, als am folgenden Tage der Notar
nicht ins Kontor kam. Er wartete bis Mittag und vermochte seinen
Kollegen kaum in die Augen zu blicken, da er nicht wußte, ob er morgen
noch an diesem Platze stehen und als ihresgleichen gelten werde.
Nach Tische erschien der Notar wieder nicht, und es verlautete, er sei
unwohl und werde heut nimmer ins Geschäft kommen. Da hielt Ladidel
es nicht länger aus. Er ging unter einem Vorwand weg und geradenwegs
in die Wohnung seines Prinzipals. Man wollte ihn nicht vorlassen, er
bestand aber mit Verzweiflung darauf, nannte seinen Namen und begehrte
in einer wichtigen Sache den Herrn zu sprechen. So wurde er in ein
Vorzimmer geführt und aufgefordert zu warten.
Die Dienstmagd ließ ihn allein, er stand in Verwirrung und Angst
zwischen plüschbezogenen Stühlen, lauschte auf jeden Ton im Hause und
hatte das Sacktuch in der Hand, da ihm ohne Unterlaß der Schweiß über
die Stirn lief. Auf einem ovalen Tische lagen goldverzierte Bücher,
Schillers Glocke und der siebziger Krieg, ferner stand dort ein Löwe
aus grauem Stein und in Stehrahmen eine Menge von Photographien.
Es sah hier feiner, doch ähnlich aus wie in der schönen Stube von
Ladidels Eltern, und alles mahnte an Ehrbarkeit, Wohlstand und
Würde. Die Photographien stellten lauter wohlgekleidete Leute vor,
Brautpaare im Hochzeitsstaat, Frauen und Männer von guter Familie und
zweifellos bestem Rufe, und von der Wand schaute ein wohl lebensgroßer
Mannskopf herab, dessen Züge und Augen Ladidel an das Bildnis des
verstorbenen Vaters bei den Weberschen Damen erinnerten. Zwischen so
viel bürgerlicher Würde sank der Sünder in seinen eigenen Augen von
Augenblick zu Augenblick tiefer, er fühlte sich durch seine Übeltat
von diesem und jedem ehrbaren Kreise ausgeschlossen und unter die
Abgängigen und Ehrlosen geworfen, von denen keine Photographien
gemacht und unter Glas gespannt und in den guten Stuben rechter Leute
aufgestellt werden.
Eine große Wanduhr von der Art, die man Regulatoren nennt, schwang
ihren messingenen Perpendikel gleichmütig und unangefochten hin und
wider, und einmal, nachdem Ladidel schon recht lang gewartet hatte,
räusperte sie sich leise und tat sodann einen tiefen, schönen, vollen
Schlag. Der arme Jüngling schrak auf, und in demselben Augenblick
trat ihm gegenüber der Notar durch die Türe. Er beachtete Ladidels
Verbeugung nicht, sondern wies sogleich befehlend auf einen Sessel,
nahm selber Platz und sagte: »Was führt Sie her?«
»Ich wollte,« begann Ladidel, »ich hatte, ich wäre -- --.« Dann aber
schluckte er energisch und stieß heraus: »Ich habe Sie bestehlen
wollen.«
Der Notar nickte und sagte ruhig: »Sie haben mich sogar wirklich
bestohlen, ich weiß es schon. Es ist vor einer Stunde telegraphiert
worden. Sie haben also wirklich einen von den Hundertmarkscheinen
genommen?«
Statt der Antwort zog Ladidel den Schein aus der Tasche und streckte
ihn dar. Erstaunt nahm der Herr ihn in die Finger, spielte damit und
sah Ladidel scharf an.
»Wie geht das zu? Haben Sie schon Ersatz geschafft?«
»Nein, es ist derselbe Schein, den ich weggenommen hatte. Ich habe ihn
nicht gebraucht.«
»Sie sind ein Sonderling, Ladidel. Daß Sie das Geld genommen hätten,
wußte ich sofort. Es konnte ja sonst niemand sein. Und außerdem wurde
mir gestern erzählt, man habe Sie am Sonntag Abend auf dem Festplatz
in einer etwas verrufenen Tanzbude gesehen. Oder hängt es nicht damit
zusammen?«
Nun mußte Ladidel erzählen, und so sehr er sich Mühe gab, das
Beschämendste zu unterdrücken, es kam wider seinen Willen doch fast
alles heraus. Der alte Herr unterbrach ihn nur zwei-, dreimal durch
kurze Fragen, im übrigen hörte er gedankenvoll zu und sah zuweilen dem
Beichtenden ins Gesicht, sonst aber zu Boden, um ihn nicht zu stören.
Am Ende stand er auf und ging in der Stube hin und wider. Nachdenklich
nahm er eine von den Photographien in die Hand. Plötzlich bot er das
Bild dem Übeltäter hin, der in seinem Sessel ganz zusammengebrochen
kauerte.
»Sehen Sie,« sagte er, »das ist der Direktor einer großen Fabrik in
Amerika. Er ist ein Vetter von mir, Sie brauchen es ja nicht jedermann
zu erzählen, und er hat als junger Mensch in einer ähnlichen Lage wie
Sie tausend Mark entwendet. Er wurde von seinem Vater preisgegeben,
mußte hinter Schloß und Riegel und ging nachher nach Amerika.«
Er schwieg und wanderte wieder umher, während Ladidel das Bild des
stattlichen Mannes ansah und einigen Trost daraus sog, daß also auch in
dieser ehrenwerten Familie ein Fehltritt vorgekommen sei, und daß der
Sünder es doch noch zu etwas gebracht habe und nun gleich den Gerechten
gelte, und sein Bild zwischen den Bildern unbescholtener Leute stehen
dürfe.
Inzwischen hatte der Notar seine Gedanken zu Ende gesponnen und trat zu
Ladidel, der ihn schüchtern anschaute.
Er sagte fast freundlich: »Sie tun mir leid, Ladidel. Ich glaube
nicht, daß Sie schlecht sind, und hoffe, Sie kommen wieder auf rechte
Wege. Am Ende würde ich es sogar wagen und Sie behalten. Aber das geht
doch nicht. Es wäre für uns beide unerquicklich und ginge gegen meine
Grundsätze. Und einem Kollegen kann ich Sie auch nicht empfehlen, wenn
ich auch an Ihre guten Vorsätze gern glauben will. Wir wollen also die
Sache zwischen uns für abgetan ansehen, ich werde niemand davon sagen.
Aber bei mir bleiben können Sie nicht.«
Ladidel war zwar überfroh, die böse Sache so menschlich behandelt zu
sehen. Da er sich aber nun ans Freie gesetzt und so ins Ungewisse
geschickt fand, verzagte er doch und klagte: »Ach, was soll ich aber
jetzt anfangen?«
»Etwas Neues,« rief der Notar, und unversehens lächelte er. »Seien
Sie ehrlich, Ladidel, und sagen Sie: wie wäre es Ihnen wohl nächstes
Frühjahr im Staatsexamen gegangen? Schauen Sie, Sie werden rot. Nun,
wenn Sie auch schließlich den Winter über noch manches hätten nachholen
können, so hätte es doch schwerlich gereicht, und ich hatte ohnehin
schon seit einiger Zeit die Absicht, darüber mit Ihnen zu reden. Jetzt
ist ja die beste Gelegenheit dazu. Meine Überzeugung, und vielleicht
im Stillen auch Ihre, ist die, daß Sie Ihren Beruf verfehlt haben. Sie
passen nicht zum Notar und überhaupt nicht ins Amtsleben. Nehmen Sie
an, Sie seien im Examen durchgefallen, und suchen Sie recht bald einen
andern Beruf, in dem Sie es weiter bringen können. Vielleicht ist es
für eine Kaufmannslehre noch nicht zu spät -- aber das ist Ihre und
Ihres Vaters Sache. Ihr Monatsgeld schicke ich Ihnen morgen. Wenn Sie
noch etwas im Kontor liegen haben, was Ihnen gehört, so holen Sie es
jetzt. -- Nur noch eins: Ihr Vater muß die Sache natürlich wissen!«
Ladidel sagte leise ja und senkte den Kopf.
»Es ist das Beste, Sie sagen es ihm selbst. Aber tun Sie es gewiß, und
warten Sie damit nicht lang, denn schreiben muß ich ihm doch. Am besten
fahren Sie gleich morgen nach Hause. Und jetzt adieu. Sehen Sie mir ins
Gesicht! Und behalten Sie mich in gutem Andenken. Wenn Sie mir später
einmal Bericht geben, wird es mich freuen. Nur jetzt den Kopf nicht
ganz hängen lassen und keine neuen Dummheiten machen! -- Adieu denn,
und grüßen Sie den Herrn Vater von mir!«
Er gab dem Bestürzten die Hand, drückte ihm die seine kräftig und schob
ihn, der noch reden und danken wollte, zur Tür.
Damit stand unser Freund auf der Gasse und konnte sehen, was
weiter käme. Er hatte im Kontor nur ein paar schwarze Ärmelschoner
zurückgelassen, an denen war ihm nichts gelegen, und er zog es vor,
sich dort nimmer zu zeigen und sich das Abschiednehmen von den
Kollegen zu ersparen. Allein so betrübt er war und so sehr ihm vor
der Heimfahrt und dem Vater und der ganzen kommenden Zeit graute, auf
dem Grund seiner Seele war er doch dankbar und beinahe vergnügt, der
furchtbaren Angst vor Polizei und Schande ledig zu sein; und während
er langsam durch die Straßen ging, schlich auch der Gedanke, daß er
nun kein Examen mehr vor sich habe, als ein tröstlicher Lichtstrahl in
sein Gemüt, das von den vielen Erlebnissen dieser Tage auszuruhen und
aufzuatmen begehrte.
So begann ihm beim Dahinwandeln allmählich auch das ungewohnte
Vergnügen, Werktags um diese Tageszeit frei durch die Stadt zu
spazieren, recht wohl zu gefallen. Er blieb vor den Auslagen der
Kaufleute stehen, betrachtete die Kutschenpferde, die an den Ecken
warteten, schaute auch zum zartblauen Herbsthimmel hinan und genoß für
eine Stunde ein unverhofftes Ferien- und Herrengefühl. Dann kehrten
seine Gedanken in den alten engen Kreis zurück, und als er, schon
wieder gedrückt und ziemlich mutlos, in der Nähe seiner Wohnung um eine
Gassenecke bog, mußte ihm gerade eine hübsche junge Dame begegnen, die
dem Fräulein Martha Weber ähnlich sah. Da fiel ihm alles wieder recht
aufs Herz, seine mißglückten und lächerlichen Versuche auf dem Gebiete
der Liebe zumal, und er mußte sich vorstellen, was wohl die Martha
denken und sagen würde, wenn sie seine ganze Geschichte erführe. Erst
jetzt fiel ihm ein, daß sein Fortgehen von hier ihn nicht nur von Amt
und Zukunft, sondern auch aus der Nähe des geliebten Mädchens entführe.
Und alles um diese Fanny.
Je mehr ihm das klar wurde, desto stärker ward sein Verlangen, nicht
ohne einen Gruß an Martha fortzugehen. Schreiben mochte und durfte er
ihr nicht, es blieb ihm nur der Weg durch Fritz Kleuber. Darum kehrte
er, kurz vor dem Hause, um und suchte Kleuber in seiner Rasierstube auf.
Der gute Fritz hatte eine ehrliche Freude, ihn wieder zu sehen. Doch
deutete Ladidel ihm nur in Kürze an, er müsse aus besonderen Gründen
seine Stelle verlassen und wegreisen.
»Nein aber!« rief Fritz betrübt. »Da müssen wir aber wenigstens noch
einmal zusammensein, wer weiß, wann man sich wieder sieht! Wann mußt du
denn reisen?«