Fünftes Kapitel

Was er jetzt zu tun habe, wußte Ladidel genau. Er hatte erfahren, wie

bitter es ist, sich vor sich selber schämen zu müssen, und stand sein

Mut auch tief, so war er dennoch fest entschlossen, mit dem Gelde und

einem ehrlichen Geständnis zu seinem Prinzipal zu gehen und von seiner

Ehre und Zukunft zu retten, was noch zu retten wäre.

Darum war es ihm nicht wenig peinlich, als am folgenden Tage der Notar

nicht ins Kontor kam. Er wartete bis Mittag und vermochte seinen

Kollegen kaum in die Augen zu blicken, da er nicht wußte, ob er morgen

noch an diesem Platze stehen und als ihresgleichen gelten werde.

Nach Tische erschien der Notar wieder nicht, und es verlautete, er sei

unwohl und werde heut nimmer ins Geschäft kommen. Da hielt Ladidel

es nicht länger aus. Er ging unter einem Vorwand weg und geradenwegs

in die Wohnung seines Prinzipals. Man wollte ihn nicht vorlassen, er

bestand aber mit Verzweiflung darauf, nannte seinen Namen und begehrte

in einer wichtigen Sache den Herrn zu sprechen. So wurde er in ein

Vorzimmer geführt und aufgefordert zu warten.

Die Dienstmagd ließ ihn allein, er stand in Verwirrung und Angst

zwischen plüschbezogenen Stühlen, lauschte auf jeden Ton im Hause und

hatte das Sacktuch in der Hand, da ihm ohne Unterlaß der Schweiß über

die Stirn lief. Auf einem ovalen Tische lagen goldverzierte Bücher,

Schillers Glocke und der siebziger Krieg, ferner stand dort ein Löwe

aus grauem Stein und in Stehrahmen eine Menge von Photographien.

Es sah hier feiner, doch ähnlich aus wie in der schönen Stube von

Ladidels Eltern, und alles mahnte an Ehrbarkeit, Wohlstand und

Würde. Die Photographien stellten lauter wohlgekleidete Leute vor,

Brautpaare im Hochzeitsstaat, Frauen und Männer von guter Familie und

zweifellos bestem Rufe, und von der Wand schaute ein wohl lebensgroßer

Mannskopf herab, dessen Züge und Augen Ladidel an das Bildnis des

verstorbenen Vaters bei den Weberschen Damen erinnerten. Zwischen so

viel bürgerlicher Würde sank der Sünder in seinen eigenen Augen von

Augenblick zu Augenblick tiefer, er fühlte sich durch seine Übeltat

von diesem und jedem ehrbaren Kreise ausgeschlossen und unter die

Abgängigen und Ehrlosen geworfen, von denen keine Photographien

gemacht und unter Glas gespannt und in den guten Stuben rechter Leute

aufgestellt werden.

Eine große Wanduhr von der Art, die man Regulatoren nennt, schwang

ihren messingenen Perpendikel gleichmütig und unangefochten hin und

wider, und einmal, nachdem Ladidel schon recht lang gewartet hatte,

räusperte sie sich leise und tat sodann einen tiefen, schönen, vollen

Schlag. Der arme Jüngling schrak auf, und in demselben Augenblick

trat ihm gegenüber der Notar durch die Türe. Er beachtete Ladidels

Verbeugung nicht, sondern wies sogleich befehlend auf einen Sessel,

nahm selber Platz und sagte: »Was führt Sie her?«

»Ich wollte,« begann Ladidel, »ich hatte, ich wäre -- --.« Dann aber

schluckte er energisch und stieß heraus: »Ich habe Sie bestehlen

wollen.«

Der Notar nickte und sagte ruhig: »Sie haben mich sogar wirklich

bestohlen, ich weiß es schon. Es ist vor einer Stunde telegraphiert

worden. Sie haben also wirklich einen von den Hundertmarkscheinen

genommen?«

Statt der Antwort zog Ladidel den Schein aus der Tasche und streckte

ihn dar. Erstaunt nahm der Herr ihn in die Finger, spielte damit und

sah Ladidel scharf an.

»Wie geht das zu? Haben Sie schon Ersatz geschafft?«

»Nein, es ist derselbe Schein, den ich weggenommen hatte. Ich habe ihn

nicht gebraucht.«

»Sie sind ein Sonderling, Ladidel. Daß Sie das Geld genommen hätten,

wußte ich sofort. Es konnte ja sonst niemand sein. Und außerdem wurde

mir gestern erzählt, man habe Sie am Sonntag Abend auf dem Festplatz

in einer etwas verrufenen Tanzbude gesehen. Oder hängt es nicht damit

zusammen?«

Nun mußte Ladidel erzählen, und so sehr er sich Mühe gab, das

Beschämendste zu unterdrücken, es kam wider seinen Willen doch fast

alles heraus. Der alte Herr unterbrach ihn nur zwei-, dreimal durch

kurze Fragen, im übrigen hörte er gedankenvoll zu und sah zuweilen dem

Beichtenden ins Gesicht, sonst aber zu Boden, um ihn nicht zu stören.

Am Ende stand er auf und ging in der Stube hin und wider. Nachdenklich

nahm er eine von den Photographien in die Hand. Plötzlich bot er das

Bild dem Übeltäter hin, der in seinem Sessel ganz zusammengebrochen

kauerte.

»Sehen Sie,« sagte er, »das ist der Direktor einer großen Fabrik in

Amerika. Er ist ein Vetter von mir, Sie brauchen es ja nicht jedermann

zu erzählen, und er hat als junger Mensch in einer ähnlichen Lage wie

Sie tausend Mark entwendet. Er wurde von seinem Vater preisgegeben,

mußte hinter Schloß und Riegel und ging nachher nach Amerika.«

Er schwieg und wanderte wieder umher, während Ladidel das Bild des

stattlichen Mannes ansah und einigen Trost daraus sog, daß also auch in

dieser ehrenwerten Familie ein Fehltritt vorgekommen sei, und daß der

Sünder es doch noch zu etwas gebracht habe und nun gleich den Gerechten

gelte, und sein Bild zwischen den Bildern unbescholtener Leute stehen

dürfe.

Inzwischen hatte der Notar seine Gedanken zu Ende gesponnen und trat zu

Ladidel, der ihn schüchtern anschaute.

Er sagte fast freundlich: »Sie tun mir leid, Ladidel. Ich glaube

nicht, daß Sie schlecht sind, und hoffe, Sie kommen wieder auf rechte

Wege. Am Ende würde ich es sogar wagen und Sie behalten. Aber das geht

doch nicht. Es wäre für uns beide unerquicklich und ginge gegen meine

Grundsätze. Und einem Kollegen kann ich Sie auch nicht empfehlen, wenn

ich auch an Ihre guten Vorsätze gern glauben will. Wir wollen also die

Sache zwischen uns für abgetan ansehen, ich werde niemand davon sagen.

Aber bei mir bleiben können Sie nicht.«

Ladidel war zwar überfroh, die böse Sache so menschlich behandelt zu

sehen. Da er sich aber nun ans Freie gesetzt und so ins Ungewisse

geschickt fand, verzagte er doch und klagte: »Ach, was soll ich aber

jetzt anfangen?«

»Etwas Neues,« rief der Notar, und unversehens lächelte er. »Seien

Sie ehrlich, Ladidel, und sagen Sie: wie wäre es Ihnen wohl nächstes

Frühjahr im Staatsexamen gegangen? Schauen Sie, Sie werden rot. Nun,

wenn Sie auch schließlich den Winter über noch manches hätten nachholen

können, so hätte es doch schwerlich gereicht, und ich hatte ohnehin

schon seit einiger Zeit die Absicht, darüber mit Ihnen zu reden. Jetzt

ist ja die beste Gelegenheit dazu. Meine Überzeugung, und vielleicht

im Stillen auch Ihre, ist die, daß Sie Ihren Beruf verfehlt haben. Sie

passen nicht zum Notar und überhaupt nicht ins Amtsleben. Nehmen Sie

an, Sie seien im Examen durchgefallen, und suchen Sie recht bald einen

andern Beruf, in dem Sie es weiter bringen können. Vielleicht ist es

für eine Kaufmannslehre noch nicht zu spät -- aber das ist Ihre und

Ihres Vaters Sache. Ihr Monatsgeld schicke ich Ihnen morgen. Wenn Sie

noch etwas im Kontor liegen haben, was Ihnen gehört, so holen Sie es

jetzt. -- Nur noch eins: Ihr Vater muß die Sache natürlich wissen!«

Ladidel sagte leise ja und senkte den Kopf.

»Es ist das Beste, Sie sagen es ihm selbst. Aber tun Sie es gewiß, und

warten Sie damit nicht lang, denn schreiben muß ich ihm doch. Am besten

fahren Sie gleich morgen nach Hause. Und jetzt adieu. Sehen Sie mir ins

Gesicht! Und behalten Sie mich in gutem Andenken. Wenn Sie mir später

einmal Bericht geben, wird es mich freuen. Nur jetzt den Kopf nicht

ganz hängen lassen und keine neuen Dummheiten machen! -- Adieu denn,

und grüßen Sie den Herrn Vater von mir!«

Er gab dem Bestürzten die Hand, drückte ihm die seine kräftig und schob

ihn, der noch reden und danken wollte, zur Tür.

Damit stand unser Freund auf der Gasse und konnte sehen, was

weiter käme. Er hatte im Kontor nur ein paar schwarze Ärmelschoner

zurückgelassen, an denen war ihm nichts gelegen, und er zog es vor,

sich dort nimmer zu zeigen und sich das Abschiednehmen von den

Kollegen zu ersparen. Allein so betrübt er war und so sehr ihm vor

der Heimfahrt und dem Vater und der ganzen kommenden Zeit graute, auf

dem Grund seiner Seele war er doch dankbar und beinahe vergnügt, der

furchtbaren Angst vor Polizei und Schande ledig zu sein; und während

er langsam durch die Straßen ging, schlich auch der Gedanke, daß er

nun kein Examen mehr vor sich habe, als ein tröstlicher Lichtstrahl in

sein Gemüt, das von den vielen Erlebnissen dieser Tage auszuruhen und

aufzuatmen begehrte.

So begann ihm beim Dahinwandeln allmählich auch das ungewohnte

Vergnügen, Werktags um diese Tageszeit frei durch die Stadt zu

spazieren, recht wohl zu gefallen. Er blieb vor den Auslagen der

Kaufleute stehen, betrachtete die Kutschenpferde, die an den Ecken

warteten, schaute auch zum zartblauen Herbsthimmel hinan und genoß für

eine Stunde ein unverhofftes Ferien- und Herrengefühl. Dann kehrten

seine Gedanken in den alten engen Kreis zurück, und als er, schon

wieder gedrückt und ziemlich mutlos, in der Nähe seiner Wohnung um eine

Gassenecke bog, mußte ihm gerade eine hübsche junge Dame begegnen, die

dem Fräulein Martha Weber ähnlich sah. Da fiel ihm alles wieder recht

aufs Herz, seine mißglückten und lächerlichen Versuche auf dem Gebiete

der Liebe zumal, und er mußte sich vorstellen, was wohl die Martha

denken und sagen würde, wenn sie seine ganze Geschichte erführe. Erst

jetzt fiel ihm ein, daß sein Fortgehen von hier ihn nicht nur von Amt

und Zukunft, sondern auch aus der Nähe des geliebten Mädchens entführe.

Und alles um diese Fanny.

Je mehr ihm das klar wurde, desto stärker ward sein Verlangen, nicht

ohne einen Gruß an Martha fortzugehen. Schreiben mochte und durfte er

ihr nicht, es blieb ihm nur der Weg durch Fritz Kleuber. Darum kehrte

er, kurz vor dem Hause, um und suchte Kleuber in seiner Rasierstube auf.

Der gute Fritz hatte eine ehrliche Freude, ihn wieder zu sehen. Doch

deutete Ladidel ihm nur in Kürze an, er müsse aus besonderen Gründen

seine Stelle verlassen und wegreisen.

»Nein aber!« rief Fritz betrübt. »Da müssen wir aber wenigstens noch

einmal zusammensein, wer weiß, wann man sich wieder sieht! Wann mußt du

denn reisen?«

Umwege: Erzählungen · 第 15 / 35 题