Inzwischen fiel es Fritz Kleuber ein, daß er sich für die
Sonntagseinladung und den Kaffee bei Ladidel revanchieren und auch ihm
wieder eine Ehre antun müsse. Darum schrieb er ihm Montags einen Brief
mit goldnem Rande und einer ins feine Papier gepreßten Taube und lud
ihn ein, am Mittwoch abend mit ihm bei seiner Braut, dem Fräulein
Meta Weber in der Hirschengasse, zu speisen. Darauf erhielt er mit der
nächsten Post Ladidels elegante Visitenkarte mit den Worten »-- dankt
für die freundliche Einladung und wird um acht Uhr kommen.«
Auf diesen Abend bereitete Alfred Ladidel sich mit aller Sorgfalt vor.
Er hatte sich über das Fräulein Meta Weber erkundigt und in Erfahrung
gebracht, daß sie neben einer ebenfalls noch ledigen Schwester von
einem lang verstorbenen Kanzleischreiber Weber abstammte, also eine
Beamtentochter war, so daß er mit Ehren ihr Gast sein konnte. Diese
Erwägung und auch der Gedanke an die noch ledige Schwester veranlaßten
ihn, sich besonders schön zu machen und auch im voraus ein wenig an die
Konversation zu denken.
Wohlausgerüstet erschien er gegen acht Uhr in der Hirschengasse und
hatte das Haus bald gefunden, ging aber nicht hinein, sondern aus der
Gasse auf und ab, bis nach einer Viertelstunde sein Freund Kleuber
daherkam. Dem schloß er sich an, und sie stiegen hintereinander in die
hochgelegene Wohnung der Jungfern hinauf. An der Glastüre empfing sie
die Witwe Weber, eine schüchterne kleine Dame mit einem versorgten
alten Leidensgesicht, das dem Notariatskandidaten wenig Frohes zu
versprechen schien. Er grüßte sehr tief, ward vorgestellt und in den
Gang geführt, wo es dunkel war und nach der Küche duftete. Von da ging
es in eine Stube, die war so groß und hell und fröhlich, wie man es
nicht erwartet hätte; und vom Fenster her, wo Geranien im Abendscheine
tief wie Kirchenfenster leuchteten, traten munter die zwei Töchter
der kleinen Witwe. Diese waren ebenfalls freudige Überraschungen und
überboten das Beste, was sich von dem kleinen alten Fräulein erwarten
ließ, um ein Bedeutendes. Sie trugen beide auf schlanken, kräftigen
Gestalten kluge, frische Blondköpfe und waren ganz hell gekleidet.
»Grüßgott,« sagte die eine und gab dem Friseur die Hand.
»Meine Braut,« sagte er zu Ladidel, und dieser näherte sich dem
hübschen Mädchen mit einer Verbeugung ohne Tadel, zog die hinterm
Rücken versteckte Hand hervor und bot der Jungfer einen Maiblumenstrauß
dar, den er unterwegs gekauft hatte. Sie lachte und sagte Dank und
schob ihre Schwester heran, die ebenfalls lachte und hübsch und blond
war und Martha hieß. Dann setzte man sich unverweilt an den gedeckten
Tisch zum Tee und einer mit Kressensalat bekränzten Eierspeise. Während
der Mahlzeit wurde fast kein Wort gesprochen, Fritz saß neben seiner
Braut, die ihm Butterbrote strich, und die alte Mutter schaute mühsam
kauend um sich, mit dem unveränderlichen kummervollen Blick, hinter
dem es ihr recht wohl war, der aber auf Ladidel einen beängstigenden
Eindruck machte, so daß er wenig aß und sich bedrückt und still
verhielt wie in einem Trauerhaus.
Nach Tisch blieb die Mutter zwar im Zimmer, verschwand jedoch in einem
Lehnstuhl am Fenster, dessen Gardinen sie zuvor geschlossen hatte,
und schien zu schlummern. Die Jugend blühte dafür munter auf, und die
Mädchen verwickelten den Gast in ein neckendes und kampflustiges
Gespräch, wobei Fritz seinen Freund unterstützte. Von der Wand schaute
der selige Herr Weber aus einem kirschholzenen Rahmen verwundert und
bescheiden hernieder, außer seinem Bildnis aber war alles in dem
behaglichen Zimmer hübsch und frohgemut, von den in der Dämmerung
verglühenden Geranien bis zu den Kleidern und Schühlein der Mädchen und
bis zu einer an der Schmalwand hängenden Mandoline. Auf diese fiel,
als das Gespräch ihm anfing heiß zu machen, der Blick des Gastes, er
äugte heftig hinüber und drückte sich um eine fällige Antwort, die
ihm Not machte, indem er sich erkundigte, welche von den Schwestern
denn musikalisch sei und die Mandoline spiele. Das blieb nun an Martha
hängen, und sie wurde sogleich von Schwester und Schwager ausgelacht,
da die Mandoline seit den verschollenen Zeiten einer längst verwehten
Backfischschwärmerei her kaum mehr Töne von sich gegeben hatte. Dennoch
bestand Herr Ladidel mit Ernst und Innigkeit darauf, Martha müsse etwas
vorspielen, und bekannte sich als einen unerbittlichen Musikfreund. Da
das Fräulein durchaus nicht zu bewegen war, griff schließlich Meta nach
dem Instrument und legte es vor sie hin, und da sie abwehrend lachte
und rot wurde, nahm Ladidel die Mandoline an sich und klimperte leise
mit suchenden Fingern darauf herum.
»Ei, Sie können es ja,« rief Martha. »Sie sind ein Schöner, bringen
andre Leute in Verlegenheit und können es nachher selber besser.«
Er erklärte bescheiden, das sei nicht der Fall, er habe kaum jemals so
ein Ding in Händen gehabt, hingegen spiele er allerdings seit mehreren
Jahren die Gitarre.
»Ja,« rief Fritz, »ihr solltet ihn nur hören! Warum hast du auch das
Instrument nicht mitgebracht? Das mußt du nächstesmal tun, gelt!«
Darum baten auch die Schwestern dringlich, und der Gast begann einigen
Glanz zu gewinnen und auszustrahlen. Zögernd erklärte er sich bereit,
die Bitte zu erfüllen, wenn er wirklich den Damen mit seiner Stümperei
ein bißchen Vergnügen machen könne. Er fürchte nur, man werde ihn
hernach auslachen, und es werde dann Fräulein Martha sich doch noch
als Virtuosin entpuppen, wofür er sie einstweilen immer noch zu halten
geneigt sei.
Der Abend ging hin wie auf Flügeln. Als die beiden Jünglinge Abschied
nahmen, erhob sich am Fenster klein und sorgenvoll die vergessene
Mutter, legte ihre schmale, wesenlose Hand in die warmen, kräftigen
Hände der Jungen und wünschte eine gute Nacht. Fritz ging noch ein paar
Gassen weit mit Ladidel, der des Vergnügens und Lobes voll war.
In der still gewordenen Weberschen Wohnung wurde gleich nach dem
Weggange der Gäste der Tisch geräumt und das Licht gelöscht. In der
Schlafstube hielten wie gewöhnlich die beiden Mädchen sich still,
bis die Mutter eingeschlafen war. Alsdann begann Martha, anfänglich
flüsternd, das Geplauder.
»Wo hast du denn deine Maiblumen hingetan?«
»Du hast's ja gesehen, ins Glas auf dem Ofen.«
-- »Ach ja. Gut Nacht!« --
»Ja, bist müd?«
»Ein bißchen.«
»Du, wie hat dir denn der Notar gefallen? Ein bissel geschleckt, nicht?«
»Warum?«
»Na, ich hab immer denken müssen, mein Fritz hätte Notar werden sollen
und dafür der andre Friseur. Findest du nicht auch? Er hat so was
Süßes.«
»Ja, ein wenig schon. Aber er ist doch nett, und hat Geschmack. Hast du
seine Krawatte gesehen?«
»Freilich.«
»Und dann, weißt du, er hat etwas Unverdorbenes. Anfangs war er ja ganz
schüchtern.«
»Er ist auch erst zwanzig Jahr. -- Na, gut Nacht also!«
Fräulein Martha dachte noch eine Weile, bis sie einschlief, an den
Alfred Ladidel. Er hatte ihr gefallen, und sie ließ einstweilen, ohne
sich weiter preiszugeben, eine kleine Kammer in ihrem Herzen für den
hübschen Jungen offen, falls er eines Tages Lust hätte, einzutreten
und Ernst zu machen. Denn an einer bloßen Liebelei war ihr nicht
gelegen, teils weil sie diese Vorschule schon vor Zeiten hinter sich
gebracht hatte (woher noch die Mandoline rührte), teils weil sie nicht
Lust hatte, noch lange neben der um ein Jahr jüngeren Meta unverlobt
einherzugehen. Was an diesem Abend in ihr aufgegangen war, das tat
nicht weh und brannte nicht, sondern hatte vorerst nur ein zartes,
vertraulich stilles Licht wie die junge, zage Sonne eines Tages, der
sich Zeit lassen kann und ohne Eile schön zu werden verspricht.
Auch dem Notariatskandidaten war das Herz nicht unbewegt geblieben.
Zwar lebte er noch in dem dumpfen Liebesdurst eines kaum flügge
Gewordnen und verliebte sich in jedes hübsche Töchterlein, das er zu
sehen bekam; und es hatte ihm eigentlich Meta besser gefallen. Doch
war diese nun einmal schon Fritzens Braut und nimmer zu haben, und
Martha konnte sich neben jener wohl auch zeigen; so war Alfreds Herz
im Laufe des Abends mehr und mehr nach ihrer Seite geglitten und trug
ihr Bildnis mit dem hellen, schweren Kranz von blonden Zöpfen in
unbestimmter Verehrung davon.
Bei solchen Umständen dauerte es nur wenige Tage, bis die kleine
Gesellschaft wieder in der abendlichen Wohnstube beisammen saß; nur
daß diesmal die jungen Herren später gekommen waren, da der Tisch
der Witwe eine so häufige Bewirtung von Gästen nicht vermocht hätte.
Dafür brachte Ladidel seine Gitarre mit, die ihm Fritz mit Stolz
vorantrug, und in kurzem tönte und lachte das Zimmer vergnüglich in
den warmen Abend hinaus, an der alten Mutter vorüber, die am Fenster
ruhte und unbeschadet ihres Trauergesichtes ihre heimliche Freude und
Verwunderung an der Lust der Jugend hatte. Der Musikant wußte es so
einzurichten, daß zwar seine Kunst zur Geltung kam und reichen Beifall
erweckte, er aber doch nicht allein blieb und alle Kosten trug. Denn
nachdem er einige Lieder vorgetragen und in Kürze die Kunst seines
Gesangs und Saitenspiels entfaltet hatte, zog er die andern mit ins
Spiel und stimmte lauter Weisen an, die gleich beim ersten Takt von
selber zum Mitsingen verlockten.
Das Brautpaar, von der Musik und der festlichen Stimmung erwärmt und
benommen, rückte nahe zusammen und sang nur leise und strophenweise
mit, dazwischen plaudernd und sich mit verstohlenen Fingern
streichelnd, wogegen Martha dem Spieler gegenüber saß, ihn im Auge
behielt und alle Verse freudig mitsang. So waren zwei Paare entstanden,
ohne daß jemand dessen achtete, und war ein Anfang für Alfred und
Martha gewonnen, den sie ohne Mißbrauch während dieser Abendstunde bis
zum stillen Einverständnis einer guten Kameradschaft führten.
Nur als beim Abschiednehmen in dem schlecht erleuchteten Gang das
Brautpaar seine Küsse tauschte, standen die beiden andern, mit dem
Adieusagen schon fertig, eine Minute lang verlegen wartend da. Im Bett
brachte sodann Meta die Rede wieder auf den Notar, wie sie ihn immer
nannte, dieses Mal voller Anerkennung und Lob. Aber die Schwester
sagte nur Ja ja, legte den blonden Kopf auf beide Hände und lag lange
still und wach, ins Dunkle schauend und tief atmend. Später, als die
Schwester schon schlief, stieß Martha einen langen, leisen Seufzer aus,
der jedoch keinem gegenwärtigen Leide galt, sondern nur einem dumpfen
Gefühl für die Unsicherheit aller Liebeshoffnungen entsprang, und den
sie nicht wiederholte. Vielmehr entschlief sie bald darauf leicht und
mit einem innigen Lächeln auf dem frischen Munde.
Der Verkehr gedieh behaglich weiter, Fritz Kleuber nannte den eleganten
Alfred mit Stolz seinen Freund, Meta sah es gerne, daß ihr Verlobter
nicht allein kam, sondern den Musikanten mitbrachte, und Martha
gewann den Gast desto lieber, je mehr sie seine fast noch kindliche
Harmlosigkeit erkannte. Ihr schien, dieser hübsche und lenksame
Jüngling wäre recht zu einem Manne für sie geschaffen, mit dem sie
sich zeigen und auf den sie stolz sein könnte, ohne ihm doch jegliche
Herrschaft überlassen zu müssen.
Auch Alfred, der mit seinem Empfang bei den Weberschen sehr zufrieden
war, spürte in Marthas Freundlichkeit eine heimliche Wärme, die er
bei aller Schüchternheit wohl zu schätzen wußte. Eine Liebschaft und
Verlobung mit dem schönen, stattlichen Mädchen wollte ihm in kühnen
Stunden nicht ganz unmöglich, zu allen Zeiten aber begehrenswert und
selig lockend erscheinen.
Dennoch geschah von beiden Seiten nichts Entscheidendes. Alfred
kam sehr häufig mit seinem Freund zu Besuch, zweimal wurden auch
gemeinsame Sonntagsspaziergänge unternommen, aber es blieb bei dem
Zustande vertraulicher Nachbarschaft, den jener erste Gitarrenabend
begründet hatte. Daß nichts Weiteres geschah, hatte manche Gründe.
Vor allem hatte Martha an dem jungen Manne im längeren Umgang manches
allzu Unreife und Knabenhafte entdeckt und es rätlich gefunden, einem
noch so unerfahrenen Jünglinge den Weg zum Glücke nicht allzusehr zu
erleichtern, sondern abzuwarten, bis er die ersten Stufen selber fände
und unterwegs etwa, sei es auch nicht ohne Bitternis, einige Reife
und Zuverlässigkeit gewänne. Sie sah wohl, daß es ihr ein Leichtes
wäre, ihn an sich zu nehmen und festzuhalten; allein sie hatte es gar
nicht so eilig, und war selber, wenn auch unverletzt, so doch nicht
unerfahren und ungewitzigt aus den üblichen Enttäuschungen erster
Liebeswege hervorgegangen. So erschien es ihr billig, daß der junge
Herr es auch nicht allzuleicht habe und nicht am Ende gar den Eindruck
gewänne, sie habe sich ihm nachgeworfen. Immerhin war es ihr Wille, ihn
zu bekommen, und sie beschloß, ihn einstweilen wohl im Auge zu behalten
und gerüstet den Zeitpunkt zu erwarten, da er seines Glückes würdig
sein würde.
Bei Ladidel waren es andere Bedenken, die ihm die Zunge banden. Da
war zuerst seine Schüchternheit, die ihn immer wieder dazu brachte,
seinen Beobachtungen zu mißtrauen und an der Einbildung, er werde
geliebt und begehrt, zu verzweifeln. Sodann fühlte er sich dem großen,
gescheiten, sicheren Mädchen gegenüber elend jung und unfertig, --
nicht mit Unrecht, obwohl sie kaum drei oder vier Jahre älter sein
konnte als er. Und schließlich erwog er in ernsthaften Stunden mit
Bangen, auf welch unfesten Grund seine äußere Existenz gebaut war.
Je näher nämlich das Jahr heranrückte, in dem er die bisherige
untergeordnete Tätigkeit beenden und im Staatsexamen seine Fähigkeit
und Wissenschaft kundtun mußte, desto dringender wurden seine Zweifel.
Wohl hatte er alle hübschen, kleinen Übungen und Äußerlichkeiten des
Amtes rasch und sicher erlernt, er machte im Büro eine gute Figur und
spielte den beschäftigten Schreiber vortrefflich; aber das Studium
der Gesetze fiel ihm schwer, und wenn er an alles das dachte, was im
Examen verlangt wurde, brach ihm der Schweiß aus. Konnte er denn um
ein Mädchen anhalten oder auch nur Hoffnungen in ihr erwecken, ehe er
diese lebensgefährliche Klippe hinter sich und ein auskömmliches und
ehrenhaftes Leben vor sich sah?
Zuweilen sperrte er sich verzweifelt in seiner Stube ein und beschloß,
den steilen Berg der Wissenschaft im Sturm zu nehmen. Kompendien,
Gesetzbücher und Kommentare lagen auf seinem Tisch, auch entlieh er
handschriftliche Auszüge aus den Fragen und Aufgaben früherer Examina,
er stand morgens früh auf und setzte sich fröstelnd hin, er spitzte
Bleistifte und machte sich genaue Arbeitspläne für Wochen voraus.
Aber sein Wille war schwach, er hielt niemals lange aus, er fand
immer andres zu tun, was im Augenblick nötiger und wichtiger schien;
und je länger die Bücher dalagen und ihn anschauten, desto bitterer
und ungenießbarer ward ihr Inhalt. Er verschob es wieder, es war ja
noch Zeit, und er meinte, wenn es erst brennend würde und zu drängen
begänne, werde wohl das Notwendige doch noch bewältigt werden.
Inzwischen wurde seine Freundschaft mit Fritz Kleuber immer fester und
erfreulicher. Es geschah zuweilen, daß Fritz ihn abends aufsuchte und,
wenn es eben nötig schien, sich erbot, ihn zu rasieren. Dabei fiel
es Alfred ein, diese nette, leichte, saubere Hantierung selber ein
wenig zu probieren, und Fritz ging mit Vergnügen darauf ein. Auf seine
ernsthafte und beinah ehrerbietige Art zeigte er dem hochgeschätzten
Freund die Handgriffe, lehrte ihn ein Messer tadellos abziehen und
einen guten, haltbaren Seifenschaum schlagen. Alfred zeigte sich,
wie der andre vorausgesagt hatte, überaus gelehrig und fingerfertig.
Bald vermochte er nicht nur sich selber schnell und fehlerlos zu
barbieren, sondern auch seinem Freund und Lehrmeister diesen Dienst
zu tun, und er fand darin ein Vergnügen und eine Befriedigung, die
ihm manchen von den Studien verbitterten Tag auf den Abend noch rosig
machte. Eine ungeahnte Lust bereitete es ihm, als Fritz ihn auch noch
in das Haarflechten einweihte. Er brachte ihm nämlich, von seinen
schnellen Fortschritten entzückt, eines Tages einen künstlichen Zopf
aus Frauenhaar mit und zeigte ihm, wie ein solches Kunstwerk entstehe.
Ladidel war sofort begeistert für dieses zarte Handwerk und machte
sich mit feinen, geduldigen Fingern daran, die Strähne zu lösen und
wieder ineinander zu flechten. Es gelang ihm bald, und nun kam Fritz
mit schwereren und feineren Arbeiten, und Alfred lernte spielend, zog
das lange seidne Haar mit Feinschmeckerei durch die Finger, vertiefte
sich in die Flechtarten und Frisurstile, ließ sich bald auch das
Lockenbrennen zeigen und hatte nun bei jedem Zusammensein mit dem
Freunde lange, lebhafte Unterhaltungen über fachmännische Dinge. Er
schaute nun auch die Frisuren aller Frauen und Mädchen, denen er
begegnete, mit prüfendem und lernendem Auge an und überraschte Kleuber
durch manches treffende Urteil.
Nur bat er ihn wiederholt und dringend, den beiden Fräulein Weber
nichts von diesem Zeitvertreib zu sagen. Er fühlte, daß er mit dieser
neuen Kunst dort wenig Ehre ernten würde. Und dennoch war es sein
Lieblingstraum und verstohlener Herzenswunsch, einmal die langen
blonden Haare der Jungfer Martha in seinen Händen zu haben und ihr
neue, feine, kunstvolle Zöpfe zu flechten.
Darüber vergingen die Tage und Wochen des Sommers. Es war in den
letzten Augusttagen, da nahm Ladidel an einem Spaziergang der Familie
Weber teil. Man wanderte das Flußtal hinauf zu einer Burgruine und
ruhte in deren Schatten auf einer schrägen Bergwiese vom Gehen aus.
Martha war an diesem Tage besonders freundlich und vertraulich mit
Alfred umgegangen, nun lag sie in seiner Nähe auf dem grünen Hang,
ordnete einen Strauß von späten Feldblumen, tat ein paar silbrige
zitternde Grasblüten hinzu und sah gar lieb und reizend aus, so daß
Alfred den Blick nicht von ihr lassen konnte. Da bemerkte er, daß etwas
an ihrer Frisur aufgegangen war, rückte ihr nahe und sagte es, und
zugleich wagte er es, streckte seine Hände nach den blonden Zöpfen aus
und erbot sich, sie in Ordnung zu bringen. Martha aber, einer solchen
Annäherung von ihm ganz ungewohnt, wurde rot und ärgerlich, wies ihn
kurz ab und bat ihre Schwester, das Haar aufzustecken. Alfred schwieg
betrübt und ein wenig verletzt, schämte sich und nahm später die
Einladung, bei Frau Weber zu speisen, nicht an, sondern ging nach der
Rückkehr in die Stadt sogleich seiner Wege.
Es war die erste kleine Verstimmung zwischen den Halbverliebten und sie
hätte wohl dazu dienen können, ihre Sache zu fördern und in Gang zu
bringen. Doch ging es umgekehrt, und es kamen andere Dinge dazwischen.
War Alfred Ladidel auch eine kindliche und leichte Natur und zum Glücke
geboren, so sollte doch auch er einigen Sturm erleben und einmal das
Wasser an der Kehle spüren, ehe sein fröhliches Schiff zum Hafen kam.