Zweites Kapitel

Inzwischen fiel es Fritz Kleuber ein, daß er sich für die

Sonntagseinladung und den Kaffee bei Ladidel revanchieren und auch ihm

wieder eine Ehre antun müsse. Darum schrieb er ihm Montags einen Brief

mit goldnem Rande und einer ins feine Papier gepreßten Taube und lud

ihn ein, am Mittwoch abend mit ihm bei seiner Braut, dem Fräulein

Meta Weber in der Hirschengasse, zu speisen. Darauf erhielt er mit der

nächsten Post Ladidels elegante Visitenkarte mit den Worten »-- dankt

für die freundliche Einladung und wird um acht Uhr kommen.«

Auf diesen Abend bereitete Alfred Ladidel sich mit aller Sorgfalt vor.

Er hatte sich über das Fräulein Meta Weber erkundigt und in Erfahrung

gebracht, daß sie neben einer ebenfalls noch ledigen Schwester von

einem lang verstorbenen Kanzleischreiber Weber abstammte, also eine

Beamtentochter war, so daß er mit Ehren ihr Gast sein konnte. Diese

Erwägung und auch der Gedanke an die noch ledige Schwester veranlaßten

ihn, sich besonders schön zu machen und auch im voraus ein wenig an die

Konversation zu denken.

Wohlausgerüstet erschien er gegen acht Uhr in der Hirschengasse und

hatte das Haus bald gefunden, ging aber nicht hinein, sondern aus der

Gasse auf und ab, bis nach einer Viertelstunde sein Freund Kleuber

daherkam. Dem schloß er sich an, und sie stiegen hintereinander in die

hochgelegene Wohnung der Jungfern hinauf. An der Glastüre empfing sie

die Witwe Weber, eine schüchterne kleine Dame mit einem versorgten

alten Leidensgesicht, das dem Notariatskandidaten wenig Frohes zu

versprechen schien. Er grüßte sehr tief, ward vorgestellt und in den

Gang geführt, wo es dunkel war und nach der Küche duftete. Von da ging

es in eine Stube, die war so groß und hell und fröhlich, wie man es

nicht erwartet hätte; und vom Fenster her, wo Geranien im Abendscheine

tief wie Kirchenfenster leuchteten, traten munter die zwei Töchter

der kleinen Witwe. Diese waren ebenfalls freudige Überraschungen und

überboten das Beste, was sich von dem kleinen alten Fräulein erwarten

ließ, um ein Bedeutendes. Sie trugen beide auf schlanken, kräftigen

Gestalten kluge, frische Blondköpfe und waren ganz hell gekleidet.

»Grüßgott,« sagte die eine und gab dem Friseur die Hand.

»Meine Braut,« sagte er zu Ladidel, und dieser näherte sich dem

hübschen Mädchen mit einer Verbeugung ohne Tadel, zog die hinterm

Rücken versteckte Hand hervor und bot der Jungfer einen Maiblumenstrauß

dar, den er unterwegs gekauft hatte. Sie lachte und sagte Dank und

schob ihre Schwester heran, die ebenfalls lachte und hübsch und blond

war und Martha hieß. Dann setzte man sich unverweilt an den gedeckten

Tisch zum Tee und einer mit Kressensalat bekränzten Eierspeise. Während

der Mahlzeit wurde fast kein Wort gesprochen, Fritz saß neben seiner

Braut, die ihm Butterbrote strich, und die alte Mutter schaute mühsam

kauend um sich, mit dem unveränderlichen kummervollen Blick, hinter

dem es ihr recht wohl war, der aber auf Ladidel einen beängstigenden

Eindruck machte, so daß er wenig aß und sich bedrückt und still

verhielt wie in einem Trauerhaus.

Nach Tisch blieb die Mutter zwar im Zimmer, verschwand jedoch in einem

Lehnstuhl am Fenster, dessen Gardinen sie zuvor geschlossen hatte,

und schien zu schlummern. Die Jugend blühte dafür munter auf, und die

Mädchen verwickelten den Gast in ein neckendes und kampflustiges

Gespräch, wobei Fritz seinen Freund unterstützte. Von der Wand schaute

der selige Herr Weber aus einem kirschholzenen Rahmen verwundert und

bescheiden hernieder, außer seinem Bildnis aber war alles in dem

behaglichen Zimmer hübsch und frohgemut, von den in der Dämmerung

verglühenden Geranien bis zu den Kleidern und Schühlein der Mädchen und

bis zu einer an der Schmalwand hängenden Mandoline. Auf diese fiel,

als das Gespräch ihm anfing heiß zu machen, der Blick des Gastes, er

äugte heftig hinüber und drückte sich um eine fällige Antwort, die

ihm Not machte, indem er sich erkundigte, welche von den Schwestern

denn musikalisch sei und die Mandoline spiele. Das blieb nun an Martha

hängen, und sie wurde sogleich von Schwester und Schwager ausgelacht,

da die Mandoline seit den verschollenen Zeiten einer längst verwehten

Backfischschwärmerei her kaum mehr Töne von sich gegeben hatte. Dennoch

bestand Herr Ladidel mit Ernst und Innigkeit darauf, Martha müsse etwas

vorspielen, und bekannte sich als einen unerbittlichen Musikfreund. Da

das Fräulein durchaus nicht zu bewegen war, griff schließlich Meta nach

dem Instrument und legte es vor sie hin, und da sie abwehrend lachte

und rot wurde, nahm Ladidel die Mandoline an sich und klimperte leise

mit suchenden Fingern darauf herum.

»Ei, Sie können es ja,« rief Martha. »Sie sind ein Schöner, bringen

andre Leute in Verlegenheit und können es nachher selber besser.«

Er erklärte bescheiden, das sei nicht der Fall, er habe kaum jemals so

ein Ding in Händen gehabt, hingegen spiele er allerdings seit mehreren

Jahren die Gitarre.

»Ja,« rief Fritz, »ihr solltet ihn nur hören! Warum hast du auch das

Instrument nicht mitgebracht? Das mußt du nächstesmal tun, gelt!«

Darum baten auch die Schwestern dringlich, und der Gast begann einigen

Glanz zu gewinnen und auszustrahlen. Zögernd erklärte er sich bereit,

die Bitte zu erfüllen, wenn er wirklich den Damen mit seiner Stümperei

ein bißchen Vergnügen machen könne. Er fürchte nur, man werde ihn

hernach auslachen, und es werde dann Fräulein Martha sich doch noch

als Virtuosin entpuppen, wofür er sie einstweilen immer noch zu halten

geneigt sei.

Der Abend ging hin wie auf Flügeln. Als die beiden Jünglinge Abschied

nahmen, erhob sich am Fenster klein und sorgenvoll die vergessene

Mutter, legte ihre schmale, wesenlose Hand in die warmen, kräftigen

Hände der Jungen und wünschte eine gute Nacht. Fritz ging noch ein paar

Gassen weit mit Ladidel, der des Vergnügens und Lobes voll war.

In der still gewordenen Weberschen Wohnung wurde gleich nach dem

Weggange der Gäste der Tisch geräumt und das Licht gelöscht. In der

Schlafstube hielten wie gewöhnlich die beiden Mädchen sich still,

bis die Mutter eingeschlafen war. Alsdann begann Martha, anfänglich

flüsternd, das Geplauder.

»Wo hast du denn deine Maiblumen hingetan?«

»Du hast's ja gesehen, ins Glas auf dem Ofen.«

-- »Ach ja. Gut Nacht!« --

»Ja, bist müd?«

»Ein bißchen.«

»Du, wie hat dir denn der Notar gefallen? Ein bissel geschleckt, nicht?«

»Warum?«

»Na, ich hab immer denken müssen, mein Fritz hätte Notar werden sollen

und dafür der andre Friseur. Findest du nicht auch? Er hat so was

Süßes.«

»Ja, ein wenig schon. Aber er ist doch nett, und hat Geschmack. Hast du

seine Krawatte gesehen?«

»Freilich.«

»Und dann, weißt du, er hat etwas Unverdorbenes. Anfangs war er ja ganz

schüchtern.«

»Er ist auch erst zwanzig Jahr. -- Na, gut Nacht also!«

Fräulein Martha dachte noch eine Weile, bis sie einschlief, an den

Alfred Ladidel. Er hatte ihr gefallen, und sie ließ einstweilen, ohne

sich weiter preiszugeben, eine kleine Kammer in ihrem Herzen für den

hübschen Jungen offen, falls er eines Tages Lust hätte, einzutreten

und Ernst zu machen. Denn an einer bloßen Liebelei war ihr nicht

gelegen, teils weil sie diese Vorschule schon vor Zeiten hinter sich

gebracht hatte (woher noch die Mandoline rührte), teils weil sie nicht

Lust hatte, noch lange neben der um ein Jahr jüngeren Meta unverlobt

einherzugehen. Was an diesem Abend in ihr aufgegangen war, das tat

nicht weh und brannte nicht, sondern hatte vorerst nur ein zartes,

vertraulich stilles Licht wie die junge, zage Sonne eines Tages, der

sich Zeit lassen kann und ohne Eile schön zu werden verspricht.

Auch dem Notariatskandidaten war das Herz nicht unbewegt geblieben.

Zwar lebte er noch in dem dumpfen Liebesdurst eines kaum flügge

Gewordnen und verliebte sich in jedes hübsche Töchterlein, das er zu

sehen bekam; und es hatte ihm eigentlich Meta besser gefallen. Doch

war diese nun einmal schon Fritzens Braut und nimmer zu haben, und

Martha konnte sich neben jener wohl auch zeigen; so war Alfreds Herz

im Laufe des Abends mehr und mehr nach ihrer Seite geglitten und trug

ihr Bildnis mit dem hellen, schweren Kranz von blonden Zöpfen in

unbestimmter Verehrung davon.

Bei solchen Umständen dauerte es nur wenige Tage, bis die kleine

Gesellschaft wieder in der abendlichen Wohnstube beisammen saß; nur

daß diesmal die jungen Herren später gekommen waren, da der Tisch

der Witwe eine so häufige Bewirtung von Gästen nicht vermocht hätte.

Dafür brachte Ladidel seine Gitarre mit, die ihm Fritz mit Stolz

vorantrug, und in kurzem tönte und lachte das Zimmer vergnüglich in

den warmen Abend hinaus, an der alten Mutter vorüber, die am Fenster

ruhte und unbeschadet ihres Trauergesichtes ihre heimliche Freude und

Verwunderung an der Lust der Jugend hatte. Der Musikant wußte es so

einzurichten, daß zwar seine Kunst zur Geltung kam und reichen Beifall

erweckte, er aber doch nicht allein blieb und alle Kosten trug. Denn

nachdem er einige Lieder vorgetragen und in Kürze die Kunst seines

Gesangs und Saitenspiels entfaltet hatte, zog er die andern mit ins

Spiel und stimmte lauter Weisen an, die gleich beim ersten Takt von

selber zum Mitsingen verlockten.

Das Brautpaar, von der Musik und der festlichen Stimmung erwärmt und

benommen, rückte nahe zusammen und sang nur leise und strophenweise

mit, dazwischen plaudernd und sich mit verstohlenen Fingern

streichelnd, wogegen Martha dem Spieler gegenüber saß, ihn im Auge

behielt und alle Verse freudig mitsang. So waren zwei Paare entstanden,

ohne daß jemand dessen achtete, und war ein Anfang für Alfred und

Martha gewonnen, den sie ohne Mißbrauch während dieser Abendstunde bis

zum stillen Einverständnis einer guten Kameradschaft führten.

Nur als beim Abschiednehmen in dem schlecht erleuchteten Gang das

Brautpaar seine Küsse tauschte, standen die beiden andern, mit dem

Adieusagen schon fertig, eine Minute lang verlegen wartend da. Im Bett

brachte sodann Meta die Rede wieder auf den Notar, wie sie ihn immer

nannte, dieses Mal voller Anerkennung und Lob. Aber die Schwester

sagte nur Ja ja, legte den blonden Kopf auf beide Hände und lag lange

still und wach, ins Dunkle schauend und tief atmend. Später, als die

Schwester schon schlief, stieß Martha einen langen, leisen Seufzer aus,

der jedoch keinem gegenwärtigen Leide galt, sondern nur einem dumpfen

Gefühl für die Unsicherheit aller Liebeshoffnungen entsprang, und den

sie nicht wiederholte. Vielmehr entschlief sie bald darauf leicht und

mit einem innigen Lächeln auf dem frischen Munde.

Der Verkehr gedieh behaglich weiter, Fritz Kleuber nannte den eleganten

Alfred mit Stolz seinen Freund, Meta sah es gerne, daß ihr Verlobter

nicht allein kam, sondern den Musikanten mitbrachte, und Martha

gewann den Gast desto lieber, je mehr sie seine fast noch kindliche

Harmlosigkeit erkannte. Ihr schien, dieser hübsche und lenksame

Jüngling wäre recht zu einem Manne für sie geschaffen, mit dem sie

sich zeigen und auf den sie stolz sein könnte, ohne ihm doch jegliche

Herrschaft überlassen zu müssen.

Auch Alfred, der mit seinem Empfang bei den Weberschen sehr zufrieden

war, spürte in Marthas Freundlichkeit eine heimliche Wärme, die er

bei aller Schüchternheit wohl zu schätzen wußte. Eine Liebschaft und

Verlobung mit dem schönen, stattlichen Mädchen wollte ihm in kühnen

Stunden nicht ganz unmöglich, zu allen Zeiten aber begehrenswert und

selig lockend erscheinen.

Dennoch geschah von beiden Seiten nichts Entscheidendes. Alfred

kam sehr häufig mit seinem Freund zu Besuch, zweimal wurden auch

gemeinsame Sonntagsspaziergänge unternommen, aber es blieb bei dem

Zustande vertraulicher Nachbarschaft, den jener erste Gitarrenabend

begründet hatte. Daß nichts Weiteres geschah, hatte manche Gründe.

Vor allem hatte Martha an dem jungen Manne im längeren Umgang manches

allzu Unreife und Knabenhafte entdeckt und es rätlich gefunden, einem

noch so unerfahrenen Jünglinge den Weg zum Glücke nicht allzusehr zu

erleichtern, sondern abzuwarten, bis er die ersten Stufen selber fände

und unterwegs etwa, sei es auch nicht ohne Bitternis, einige Reife

und Zuverlässigkeit gewänne. Sie sah wohl, daß es ihr ein Leichtes

wäre, ihn an sich zu nehmen und festzuhalten; allein sie hatte es gar

nicht so eilig, und war selber, wenn auch unverletzt, so doch nicht

unerfahren und ungewitzigt aus den üblichen Enttäuschungen erster

Liebeswege hervorgegangen. So erschien es ihr billig, daß der junge

Herr es auch nicht allzuleicht habe und nicht am Ende gar den Eindruck

gewänne, sie habe sich ihm nachgeworfen. Immerhin war es ihr Wille, ihn

zu bekommen, und sie beschloß, ihn einstweilen wohl im Auge zu behalten

und gerüstet den Zeitpunkt zu erwarten, da er seines Glückes würdig

sein würde.

Bei Ladidel waren es andere Bedenken, die ihm die Zunge banden. Da

war zuerst seine Schüchternheit, die ihn immer wieder dazu brachte,

seinen Beobachtungen zu mißtrauen und an der Einbildung, er werde

geliebt und begehrt, zu verzweifeln. Sodann fühlte er sich dem großen,

gescheiten, sicheren Mädchen gegenüber elend jung und unfertig, --

nicht mit Unrecht, obwohl sie kaum drei oder vier Jahre älter sein

konnte als er. Und schließlich erwog er in ernsthaften Stunden mit

Bangen, auf welch unfesten Grund seine äußere Existenz gebaut war.

Je näher nämlich das Jahr heranrückte, in dem er die bisherige

untergeordnete Tätigkeit beenden und im Staatsexamen seine Fähigkeit

und Wissenschaft kundtun mußte, desto dringender wurden seine Zweifel.

Wohl hatte er alle hübschen, kleinen Übungen und Äußerlichkeiten des

Amtes rasch und sicher erlernt, er machte im Büro eine gute Figur und

spielte den beschäftigten Schreiber vortrefflich; aber das Studium

der Gesetze fiel ihm schwer, und wenn er an alles das dachte, was im

Examen verlangt wurde, brach ihm der Schweiß aus. Konnte er denn um

ein Mädchen anhalten oder auch nur Hoffnungen in ihr erwecken, ehe er

diese lebensgefährliche Klippe hinter sich und ein auskömmliches und

ehrenhaftes Leben vor sich sah?

Zuweilen sperrte er sich verzweifelt in seiner Stube ein und beschloß,

den steilen Berg der Wissenschaft im Sturm zu nehmen. Kompendien,

Gesetzbücher und Kommentare lagen auf seinem Tisch, auch entlieh er

handschriftliche Auszüge aus den Fragen und Aufgaben früherer Examina,

er stand morgens früh auf und setzte sich fröstelnd hin, er spitzte

Bleistifte und machte sich genaue Arbeitspläne für Wochen voraus.

Aber sein Wille war schwach, er hielt niemals lange aus, er fand

immer andres zu tun, was im Augenblick nötiger und wichtiger schien;

und je länger die Bücher dalagen und ihn anschauten, desto bitterer

und ungenießbarer ward ihr Inhalt. Er verschob es wieder, es war ja

noch Zeit, und er meinte, wenn es erst brennend würde und zu drängen

begänne, werde wohl das Notwendige doch noch bewältigt werden.

Inzwischen wurde seine Freundschaft mit Fritz Kleuber immer fester und

erfreulicher. Es geschah zuweilen, daß Fritz ihn abends aufsuchte und,

wenn es eben nötig schien, sich erbot, ihn zu rasieren. Dabei fiel

es Alfred ein, diese nette, leichte, saubere Hantierung selber ein

wenig zu probieren, und Fritz ging mit Vergnügen darauf ein. Auf seine

ernsthafte und beinah ehrerbietige Art zeigte er dem hochgeschätzten

Freund die Handgriffe, lehrte ihn ein Messer tadellos abziehen und

einen guten, haltbaren Seifenschaum schlagen. Alfred zeigte sich,

wie der andre vorausgesagt hatte, überaus gelehrig und fingerfertig.

Bald vermochte er nicht nur sich selber schnell und fehlerlos zu

barbieren, sondern auch seinem Freund und Lehrmeister diesen Dienst

zu tun, und er fand darin ein Vergnügen und eine Befriedigung, die

ihm manchen von den Studien verbitterten Tag auf den Abend noch rosig

machte. Eine ungeahnte Lust bereitete es ihm, als Fritz ihn auch noch

in das Haarflechten einweihte. Er brachte ihm nämlich, von seinen

schnellen Fortschritten entzückt, eines Tages einen künstlichen Zopf

aus Frauenhaar mit und zeigte ihm, wie ein solches Kunstwerk entstehe.

Ladidel war sofort begeistert für dieses zarte Handwerk und machte

sich mit feinen, geduldigen Fingern daran, die Strähne zu lösen und

wieder ineinander zu flechten. Es gelang ihm bald, und nun kam Fritz

mit schwereren und feineren Arbeiten, und Alfred lernte spielend, zog

das lange seidne Haar mit Feinschmeckerei durch die Finger, vertiefte

sich in die Flechtarten und Frisurstile, ließ sich bald auch das

Lockenbrennen zeigen und hatte nun bei jedem Zusammensein mit dem

Freunde lange, lebhafte Unterhaltungen über fachmännische Dinge. Er

schaute nun auch die Frisuren aller Frauen und Mädchen, denen er

begegnete, mit prüfendem und lernendem Auge an und überraschte Kleuber

durch manches treffende Urteil.

Nur bat er ihn wiederholt und dringend, den beiden Fräulein Weber

nichts von diesem Zeitvertreib zu sagen. Er fühlte, daß er mit dieser

neuen Kunst dort wenig Ehre ernten würde. Und dennoch war es sein

Lieblingstraum und verstohlener Herzenswunsch, einmal die langen

blonden Haare der Jungfer Martha in seinen Händen zu haben und ihr

neue, feine, kunstvolle Zöpfe zu flechten.

Darüber vergingen die Tage und Wochen des Sommers. Es war in den

letzten Augusttagen, da nahm Ladidel an einem Spaziergang der Familie

Weber teil. Man wanderte das Flußtal hinauf zu einer Burgruine und

ruhte in deren Schatten auf einer schrägen Bergwiese vom Gehen aus.

Martha war an diesem Tage besonders freundlich und vertraulich mit

Alfred umgegangen, nun lag sie in seiner Nähe auf dem grünen Hang,

ordnete einen Strauß von späten Feldblumen, tat ein paar silbrige

zitternde Grasblüten hinzu und sah gar lieb und reizend aus, so daß

Alfred den Blick nicht von ihr lassen konnte. Da bemerkte er, daß etwas

an ihrer Frisur aufgegangen war, rückte ihr nahe und sagte es, und

zugleich wagte er es, streckte seine Hände nach den blonden Zöpfen aus

und erbot sich, sie in Ordnung zu bringen. Martha aber, einer solchen

Annäherung von ihm ganz ungewohnt, wurde rot und ärgerlich, wies ihn

kurz ab und bat ihre Schwester, das Haar aufzustecken. Alfred schwieg

betrübt und ein wenig verletzt, schämte sich und nahm später die

Einladung, bei Frau Weber zu speisen, nicht an, sondern ging nach der

Rückkehr in die Stadt sogleich seiner Wege.

Es war die erste kleine Verstimmung zwischen den Halbverliebten und sie

hätte wohl dazu dienen können, ihre Sache zu fördern und in Gang zu

bringen. Doch ging es umgekehrt, und es kamen andere Dinge dazwischen.

War Alfred Ladidel auch eine kindliche und leichte Natur und zum Glücke

geboren, so sollte doch auch er einigen Sturm erleben und einmal das

Wasser an der Kehle spüren, ehe sein fröhliches Schiff zum Hafen kam.

Umwege: Erzählungen · 第 12 / 35 题