Erstes Kapitel

Der junge Herr Alfred Ladidel wußte von Kind auf das Leben leicht zu

nehmen. Es war sein Wunsch gewesen, sich den höheren Studien zu widmen,

doch als er mit einiger Verspätung die zu den oberen Gymnasialklassen

führende Prüfung nur notdürftig bestanden hatte, entschloß er sich

nicht allzuschwer, dem Rat seiner Lehrer und Eltern zu folgen und auf

diese Laufbahn zu verzichten. Und kaum war dies geschehen und er als

Lehrling in der Schreibstube eines Notars untergebracht, so lernte er

einsehen, wie sehr Studententum und Wissenschaft doch meist überschätzt

werden und wie wenig der wahre Wert eines Mannes von bestandenen

Prüfungen und akademischen Semestern abhänge. Gar bald schlug diese

Ansicht Wurzel in ihm, überwältigte sein Gedächtnis und veranlaßte ihn

manchmal unter Kollegen zu erzählen, wie er nach reiflichem Überlegen

gegen den Wunsch der Lehrer diese scheinbar einfachere Laufbahn erwählt

habe, und daß dies der klügste und wertvollste Entschluß seines Lebens

gewesen sei, wenn er ihn auch ein beträchtliches Opfer gekostet habe.

Seinen Altersgenossen, die in der Schule geblieben waren und die er

jeden Tag mit ihren Büchermappen auf der Gasse antraf, nickte er mit

Herablassung zu und freute sich, wenn er sie vor ihren Lehrern die Hüte

ziehen sah, was er selber längst nimmer tat. Tagsüber stand er geduldig

unter dem Regiment seines Notars, der es den Anfängern nicht leicht

machte, und eignete sich mit Geschick manche liebliche und stattliche

Kontorgewohnheit an, die ihn freute, zierte und schon jetzt äußerlich

den älteren Kollegen gleichstellte. Am Abend übte er mit Kameraden

die Kunst des Zigarrenrauchens und des sorglosen Flanierens durch die

Gassen, auch trank er im Notfall unter seinesgleichen ein Glas Bier

schon mit Anmut und nachlässiger Ruhe, obwohl er seine von der Mama

erbettelten Taschengelder lieber zum Konditor trug, wie er denn auch im

Kontor, wenn die andern zur Vesper ein Butterbrot mit Most genossen,

stets etwas Süßes verzehrte, sei es nun an schmalen Tagen nur ein

Brötchen mit Eingemachtem oder in reichlichern Zeiten ein Mohrenkopf,

Butterteiggipfel oder Makrönchen.

Indessen hatte er seine erste Lehrzeit abgebüßt und war mit Stolz

nach der Hauptstadt verzogen, wo es ihm überaus wohl gefiel. Erst

hier kam der höhere Schwung seiner Natur zur vollen Entfaltung, und

wenn er bisher immer noch eine Sehnsucht und heimliche Begierde in

sich getragen hatte, so gedieh nun sein Wesen völlig zu Glanz und

heiterem Glücke. Schon früher hatte sich der Jüngling zu den schönen

Künsten hingezogen gefühlt und im Stillen nach Schönheit und Ruhm

Begierde getragen. Jetzt galt er unter seinen jüngeren Kollegen und

Freunden unbestritten für einen famosen Bruder und begabten Kerl, der

in Angelegenheiten der feineren Geselligkeit und des Geschmacks als

Führer galt und um Rat gefragt wurde. Denn hatte er schon als Knabe mit

Kunst und Liebe gesungen, gepfiffen, deklamiert und getanzt, so war er

in allen diesen schönen Übungen seither zum Meister geworden, ja er

hatte neue dazu gelernt. Vor allem besaß er eine Gitarre, mit der er

Lieder und spaßhafte Verslein begleitete und bei jeder Geselligkeit

Ruhm und Beifall erntete, ferner machte er zuweilen Gedichte, die er

aus dem Stegreif nach bekannten Melodien zur Gitarre vortrug, und

ohne die Würde seines Standes zu verletzen, wußte er sich auf eine

Art zu kleiden, die ihn als etwas Besonderes, Geniales kennzeichnete.

Namentlich schlang er seine Halsbinden mit einer kühnen, freien

Schleife, die keinem andern so gelang, und wußte sein hübsches braunes

Haar höchst edel und kavaliermäßig zu kämmen. Wer den Alfred Ladidel

sah, wenn er an einem geselligen Abend des Vereins Quodlibet tanzte

und die Damen unterhielt, oder wenn er im Verein Fidelitas im Sessel

zurückgelehnt seine kleinen lustigen Liedlein sang und dazu auf der

am grünen Bande hängenden Gitarre mit zärtlichen Fingern harfte, und

wie er dann abbrach und den lauten Beifall bescheidentlich abwehrte

und sinnend leise auf den Saiten weiterfingerte, bis alles stürmisch

um einen neuen Gesang bat, der mußte ihn hochschätzen, ja beneiden.

Da er außer seinem kleinen Monatsgehalt von Hause ein anständiges

Sackgeld bezog, konnte er sich diesen gesellschaftlichen Freuden ohne

Sorgen hingeben und tat es mit Zufriedenheit und ohne Schaden, da er

immer noch trotz seiner Weltfertigkeit in manchen Dingen fast noch ein

Kind geblieben war. So trank er noch immer lieber Himbeerwasser als

Bier und nahm, wenn es sein konnte, statt mancher Mahlzeit lieber eine

Tasse Schokolade und ein paar Stücklein Kuchen beim Zuckerbäcker. Die

Streber und Mißgünstigen unter seinen Kameraden, an denen es natürlich

nicht fehlte, nannten ihn darum das Baby und nahmen ihn trotz allen

schönen Künsten nicht ernst. Dies war das einzige, was ihm je und je zu

schaffen und betrübte Stunden machte.

Mit der Zeit kam dazu allerdings noch ein anderer Schatten, der leise

doch immerhin düsternd über diesen hellen Lebensfrühling zog. Seinem

Alter gemäß begann der junge Herr Ladidel den hübschen Mädchen sinnend

nachzuschauen und war beständig in die eine oder andre verliebt. Das

bereitete ihm anfänglich zwar ein neues, inniges Vergnügen, bald aber

doch mehr Pein als Lust, denn während sein Liebesverlangen wuchs,

sanken sein Mut und Unternehmungsgeist auf diesem Gebiete immer mehr.

Wohl sang er daheim in seinem Stüblein zum Saitenspiel viele verliebte

und gefühlvolle Lieder, in Gegenwart schöner Mädchen aber entfiel

ihm aller Mut. Wohl war er immer noch ein vorzüglicher Tänzer, aber

seine Unterhaltungskunst ließ ihn ganz im Stiche, wenn er je versuchen

wollte, einiges von seinen Gefühlen kundzugeben. Desto gewaltiger

redete und sang und glänzte er dann freilich im Kreis seiner Freunde,

allein er hätte ihren Beifall und alle seine Lorbeeren gerne für einen

Kuß, ja für ein liebes Wort vom Munde eines schönen Mädchens hingegeben.

Diese Schüchternheit, die zu seinem übrigen Wesen nicht recht zu passen

schien, hatte ihren Grund in einer Unverdorbenheit des Herzens, welche

ihm seine Freunde gar nicht zutrauten. Diese fanden, wenn ihre Begierde

es wollte, ihr Liebesvergnügen da und dort in kleinen Verhältnissen

mit Dienstmädchen und Köchinnen, wobei es zwar verliebt zuging, von

Leidenschaft und idealer Liebe oder gar von ewiger Treue und künftigem

Ehebund aber keine Rede war. Und ohne dies alles mochte der junge Herr

Ladidel sich die Liebe nicht vorstellen. Er verliebte sich stets in

hübsche, wohlangesehene Bürgerstöchter und dachte sich dabei zwar wohl

auch einigen Sinnengenuß, vor allem aber doch eine richtige, sittsame

Brautschaft. An eine solche war nun bei seinem Alter und Einkommen

nicht von ferne zu denken, was er wohl wußte, und da seine Sinne

maßvoll beschaffen waren, begnügte er sich lieber mit einem zarten

Schmachten und Notleiden, als daß er wie andere es mit einem Kochmädel

probiert hätte.

Dabei sahen ihn, ohne daß er es zu bemerken wagte, die Mädchen gern.

Ihnen gefiel sein hübsches Gesicht, seine Tanzkunst und sein Gesang,

und sie hatten auch das schüchterne Begehren an ihm gern und fühlten,

daß unter seiner Schönheit und zierlichen Bildung ein unverbrauchtes

und noch halb kindliches Herz sich verbarg.

Allein von diesen geheimen Sympathien hatte er einstweilen nichts, und

wenn er auch in der Fidelitas noch immer Bewunderung und Beliebtheit

genoß, ward doch der Schatten tiefer und bänglicher und drohte sein

bisheriges leichtes und lichtes Leben allmählich fast zu verdunklen.

In solchen übeln Zeiten legte er sich mit gewaltsamem Eifer auf seine

Arbeit, war zeitweilig ein musterhafter Notariatsgehilfe und bereitete

sich abends mit Fleiß auf das Amtsexamen vor, teils um seine Gedanken

auf andere Wege zu zwingen, teils um desto eher und sicherer in die

ersehnte Lage zu kommen, als ein Werber, ja mit gutem Glück als

ein Bräutigam auftreten zu können. Allerdings währten diese Zeiten

niemals lange, da Sitzleder und harte Kopfarbeit seiner Natur nicht

angemessen waren. Hatte der Eifer ausgetobt, so griff der Jüngling

wieder zur Gitarre, spazierte zierlich und sehnsüchtig in den schönen

hauptstädtischen Straßen oder schrieb Gedichte in sein Heftlein.

Neuerdings waren diese meist verliebter und gefühlvoller Art, und sie

bestanden aus Worten und Versen, Reimen und hübschen Wendungen, die

er in Liederbüchlein da und dort gelesen und behalten hatte. Diese

setzte er zusammen, ohne weiteres dazu zu tun, und so entstand ein

sauberes Mosaik von gangbaren Ausdrücken beliebter Liebesdichter und

andren naiven Plagiaten. Es bereitete ihm Vergnügen, diese Verslein mit

leichter, sauberer Kanzleihandschrift ins Reine zu schreiben, und er

vergaß darüber oft für eine Stunde seinen Kummer ganz. Auch sonst lag

es in seiner glücklichen Natur, daß er in guten wie bösen Zeiten gern

ins Spielen geriet und darüber Wichtiges und Wirkliches vergaß. Schon

das tägliche Herstellen seiner äußeren Erscheinung gab einen hübschen

Zeitvertreib, das Führen des Kammes und der Bürste durch das halblange

braune Haar, das Wichsen und sonstige Liebkosen des kleinen, lichten

Schnurrbärtchens, das Schlingen des Krawattenknotens, das genaue

Abbürsten des Rockes und das Reinigen und Glätten der Fingernägel.

Weiterhin beschäftigte ihn häufig das Ordnen und Betrachten seiner

Kleinodien, die er in einem Kästchen aus Mahagoniholz verwahrte.

Darunter befanden sich ein Paar vergoldeter Manschettenknöpfe, ein in

grünen Sammet gebundenes Büchlein mit der Aufschrift »Vergißmeinnicht«,

worein er seine nächsten Freunde ihre Namen und Geburtstage eintragen

ließ, ein aus weißem Bein geschnitzter Federhalter mit filigran-feinen

gotischen Ornamenten und einem winzigen Glassplitter, der -- wenn

man ihn gegen das Licht hielt und hineinsah -- eine Ansicht des

Niederwalddenkmals enthielt, des weiteren ein Herz aus Silber, das

man mit einem unendlich kleinen Schlüsselchen erschließen konnte, ein

Sonntagstaschenmesser mit elfenbeinerner Schale und eingeschnitzten

Edelweißblüten, endlich eine zerbrochene Mädchenbrosche mit mehreren

zum Teil aufgesprungenen Granatsteinen, welche der Besitzer später bei

einer festlichen Gelegenheit zu einem Schmuckstück für sich selber

verarbeiten zu lassen gedachte. Daß es ihm außerdem an einem dünnen,

eleganten Spazierstöcklein nicht fehlte, dessen Griff den Kopf eines

Windhundes darstellte, sowie an einer Busennadel in Form einer goldenen

Leier, versteht sich von selbst.

Wie der junge Mann seine Kostbarkeiten und Glanzstücke verwahrte

und wert hielt, so trug er auch sein kleines, ständig brennendes

Liebesfeuerlein getreu mit sich herum, besah es je nachdem mit Lust

oder Wehmut und hoffte auf eine Zeit, da er es würdig verwenden und von

sich geben könne.

Mittlerweile kam unter den Kollegen ein neuer Zug auf, der Ladideln

nicht gefiel und seine bisherige Beliebtheit und Autorität stark

erschütterte. Irgendein junger Privatdozent der technischen Hochschule

begann abendliche Vorlesungen über Volkswirtschaft zu halten, die

namentlich von den Angestellten der Schreibstuben und niedern Ämter

fleißig besucht wurden. Ladidels Bekannte gingen alle hin und in

ihren Zusammenkünften erhoben sich nun feurige Debatten über soziale

Angelegenheiten und innere Politik, an welchen Ladidel weder teilnehmen

wollte noch konnte. Es wurden Vorträge gehalten und Bücher gelesen

und besprochen, und ob er auch versuchte mitzutun und Interesse zu

zeigen, es kam ihm das alles doch im Grunde der Seele als Streberei und

Wichtigtuerei vor. Er langweilte und ärgerte sich dabei, und da über

dem neuen Geiste seine früheren Künste von den Kameraden fast vergessen

und kaum mehr geschätzt oder begehrt wurden, sank er mehr und mehr von

seiner einstigen Höhe herab in ein ruhmloses Dunkel. Anfangs kämpfte

er noch und nahm mehrmals eines von den dicken Büchern mit nach Hause,

allein er fand sie hoffnungslos langweilig, legte sie mit Seufzen

wieder weg und tat auf die Gelehrsamkeit wie auf den Ruhm Verzicht.

In dieser Zeit, da er den hübschen Kopf weniger hoch und

Unzufriedenheit im Gemüte trug, vergaß er eines Freitags, sich rasieren

zu lassen, was er immer an diesem Tage sowie am Dienstag zu besorgen

pflegte. Darum trat er auf dem abendlichen Heimweg, da er längst

über die Straße hinausgegangen war, wo sein Barbier wohnte, in der

Nähe seines Speisehauses in einen bescheidenen Friseurladen, um das

Versäumte nachzuholen; denn ob ihn auch Sorgen bedrückten, mochte er

dennoch keiner Gewohnheit untreu werden. Auch war ihm die Viertelstunde

beim Barbier immer ein kleines Fest; er hatte nichts dawider, wenn er

etwa warten mußte, sondern saß alsdann vergnügt auf seinem Sessel,

blätterte in einer Zeitung und betrachtete die mit Bildern geschmückten

Anpreisungen von Seifen, Haarölen und Bartwichsen an der Wand, bis

er an die Reihe kam und mit Genuß den Kopf zurücklegte, um die

vorsichtigen Finger des Gehilfen, das kühle Messer und zuletzt die

zärtliche Puderquaste auf seinen Wangen zu fühlen.

Auch jetzt flog ihn die gute Laune an, da er unter den im Winde

klingenden Messingbecken weg den Laden betrat, den Stock an die Wand

stellte und den Hut aufhängte, sich in den weiten Frisierstuhl lehnte

und das Rauschen des schwach duftenden Seifenschaumes vernahm. Es

bediente ihn ein junger Gehilfe mit aller Aufmerksamkeit, rasierte ihn,

wusch ihn ab, hielt ihm den ovalen Handspiegel vor, trocknete ihm die

Wangen, fuhr spielend mit der Puderquaste darüber und fragte höflich:

»Sonst nichts gefällig?« Dann folgte er dem aufstehenden Gaste mit

leisem Tritt, bürstete ihm den Rockkragen ab, empfing das wohlverdiente

Rasiergeld und reichte ihm Stock und Hut. Das alles hatte den jungen

Herrn in eine gütige und zufriedene Stimmung gebracht, er spitzte schon

die Lippen, um mit einem wohligen Pfeifen auf die Straße zu treten,

da hörte er den Friseurgehilfen, den er kaum angesehen hatte, fragen:

»Verzeihen Sie, heißen Sie nicht Alfred Ladidel?«

Während er erstaunt die Frage bejahte, faßte er den Mann ins Auge

und erkannte sofort seinen ehemaligen Schulkameraden Fritz Kleuber

in ihm. Nun hätte er unter andern Umständen diese Bekanntschaft mit

wenig Vergnügen anerkannt und sich gehütet, einen Verkehr mit einem

Barbiergehilfen anzufangen, dessen er sich vor Kollegen zu schämen

gehabt hätte. Allein er war in diesem Augenblick herzlich gut gestimmt,

und außerdem hatte sein Stolz und Standesgefühl in dieser letzten Zeit

bedeutend nachgelassen. Darum geschah es ebenso aus guter Laune wie aus

einem Bedürfnis nach Freundschaftlichkeit und Anerkennung, daß er dem

Friseur die Hand hinstreckte und rief: »Schau, der Fritz Kleuber! Wir

werden doch noch Du zueinander sagen? Wie geht dir's?« Der Schulkamerad

nahm die dargebotene Hand und das Du fröhlich an, und da er im Dienst

war und jetzt keine Zeit hatte, verabredeten sie eine Zusammenkunft für

den Sonntag Nachmittag.

Auf diese Stunde freute der Barbier sich sehr, und er war dem alten

Kameraden dankbar, daß er trotz seinem vornehmern Stande sich ihrer

Schulfreundschaft hatte erinnern mögen. Fritz Kleuber hatte für seinen

Nachbarssohn und Klassengenossen immer eine gewisse Verehrung gehabt,

da jener ihm in allen Lebenskünsten überlegen gewesen war, und Ladidels

Eleganz und zierliche Erscheinung hatte ihm auch jetzt wieder tiefen

Eindruck gemacht. Darum bereitete er sich am Sonntag, sobald sein

Dienst getan war, mit Sorgfalt auf den Besuch vor, legte seine besten

Kleider an und bewegte sich auf der Straße mit Vorsicht, um nicht

staubig zu werden. Ehe er in das Haus trat, in dem Ladidel wohnte,

wischte er die Stiefel mit einer Zeitung ab, dann stieg er freudig

die Treppen empor und klopfte an die Türe, an der er Alfreds große

Visitenkarte leuchten sah.

Auch dieser hatte sich ein wenig vorbereitet, da er seinem Landsmann

und Jugendfreund gern einen glänzenden Eindruck machen wollte.

Er empfing ihn mit großer Herzlichkeit, wennschon nicht ohne

rücksichtsvolle Überlegenheit, und hatte einen vortrefflichen Kaffee

mit feinem Gebäck auf dem Tische stehen, zu dem er Kleuber burschikos

einlud.

»Keine Umstände, alter Freund, nicht wahr? Wir trinken unsern Kaffee

zusammen und machen nachher einen Spaziergang, wenn dir's recht ist.«

Gewiß, es war ihm recht, er nahm dankbar Platz, trank Kaffee und

aß Kuchen, bekam alsdann eine Zigarette und zeigte über diese

schöne Gastlichkeit eine so unverstellte Freude, daß auch dem

Notariatskandidaten das Herz aufging. Sie plauderten bald im alten

heimatlichen Ton von den vergangenen Zeiten, von den Lehrern und

Mitschülern und was aus diesen allen geworden sei. Der Friseur mußte

ein wenig erzählen, wie es ihm seither gegangen und wo er überall

herumgekommen sei, dann hub der andre an und berichtete ausführlich

über sein Leben und seine Aussichten. Und am Ende nahm er die Gitarre

von der Wand, stimmte und zupfte, fing zu singen an und sang Lied um

Lied, lauter lustige Sachen, daß dem Friseur vor Lachen und Wohlbehagen

die Tränen in den Augen standen. Sie verzichteten auf den Spaziergang

und beschauten statt dessen einige von Ladidels Kostbarkeiten, und

darüber kamen sie in ein Gespräch über das, was jeder von ihnen sich

unter einer feinen und noblen Lebensführung vorstellte. Da waren

freilich des Barbiers Ansprüche an das Glück um vieles bescheidener als

die seines Freundes, aber am Ende spielte er ganz ohne Absicht einen

Trumpf aus, mit dem er dessen Achtung und Neid gewann. Er erzählte

nämlich, daß er eine Braut in der Stadt habe, und lud den Freund ein,

bald einmal mit ihm in ihr Haus zu gehen, wo er willkommen sein werde.

»Ei sieh,« rief Ladidel, »du hast eine Braut! So weit bin ich leider

noch nicht. Wisset ihr denn schon, wann ihr heiraten könnet?«

»Noch nicht ganz genau, aber länger als zwei Jahre warten wir nimmer,

wir sind schon über ein Jahr versprochen. Ich habe ein Muttererbe von

dreitausend Mark, und wenn ich dazu noch ein oder zwei Jahre fleißig

bin und was erspare, können wir wohl ein eigenes Geschäft aufmachen.

Ich weiß auch schon wo, nämlich in Schaffhausen in der Schweiz, da

habe ich zwei Jahre gearbeitet, der Meister hat mich gern und ist alt

und hat mir noch nicht lang geschrieben, wenn ich so weit sei, mir

überlasse er seine Sache am liebsten und nicht zu teuer. Ich kenne ja

das Geschäft gut von damals her, es geht recht flott und ist gerade

neben einem Hotel, da kommen viele Fremde, und außer dem Geschäft ist

ein Handel mit Ansichtskarten dabei.«

Er griff in die Brusttasche seines braunen Sonntagsrockes und zog eine

Brieftasche heraus, darin hatte er sowohl den Brief des schaffhausener

Meisters, wie auch eine in Seidenpapier eingeschlagene Ansichtskarte

mitgebracht, die er seinem Freunde zeigte.

»Ah, der Rheinfall!« rief Alfred, und sie schauten das Bild zusammen

an. Es war der Rheinfall in einer purpurnen bengalischen Beleuchtung,

der Friseur beschrieb alles, kannte jeden Fleck darauf und erzählte

davon und von den vielen Fremden, die das Naturwunder besuchen, kam

dann wieder auf seinen Meister und dessen Geschäft, las seinen Brief

vor und war voller Eifer und Freude, so daß sein Kamerad schließlich

auch wieder zu Wort kommen und etwas gelten wollte. Darum fing er

an vom Niederwalddenkmal zu sprechen, das er selber zwar nicht

gesehen hatte, wohl aber ein Onkel von ihm, und er öffnete seine

Schatztruhe, holte den beinernen Federhalter heraus und ließ den

Freund durch das kleine Gläslein schauen, das die Pracht verbarg.

Fritz Kleuber gab gerne zu, daß das eine nicht mindere Schönheit

sei als sein roter Wasserfall, und überließ bescheiden dem andern

wieder das Wort, der sich nun, sei es aus wirklichem Interesse oder

zum Teil aus Höflichkeit, nach dem Gewerbe seines Gastes erkundigte.

Das Gespräch ward lebhaft, Ladidel wußte immer neues zu fragen und

Kleuber gab gewissenhaft und treulich Auskunft. Es war vom Schliff

der Rasiermesser, von den Handgriffen beim Haarschneiden, von Pomaden

und Ölen die Rede, und bei dieser Gelegenheit zog Fritz eine kleine

Porzellandose mit feiner Pomade aus der Tasche, die er seinem Freunde

und Wirt als ein bescheidenes Gastgeschenk anbot. Nach einigem Zögern

nahm dieser die Gabe an, die Dose ward geöffnet und berochen, ein wenig

probiert und endlich auf den Waschtisch gestellt. Hier nahm Alfred

Gelegenheit, Fritz seine Toilettesachen vorzuweisen, die ohne Luxus

doch vollkommen und wohlgewählt waren, nur mit der Seife wollte Kleuber

nicht einverstanden sein und empfahl eine andere, welche zwar etwas

weniger dufte, dafür aber keinerlei schädliche Dinge enthalte.

Mittlerweile war es Abend geworden, Fritz wollte bei seiner Braut

speisen und nahm Abschied, nicht ohne sich für das Genossene freundlich

zu bedanken. Auch Alfred fand, es sei ein schöner und wohlverbrachter

Nachmittag gewesen, und sie wurden einig, sich am Dienstag oder

Mittwoch abend wieder zu treffen.

Umwege: Erzählungen · 第 11 / 35 题