Denn solange er Urwald bleibt und kein Baumstamm aus ihm hinausgeschafft
wird, wird er durch die pflanzlichen Kadaver gedüngt, die im Tode dem Boden
die Mineralstoffe wieder zurückerstatten, die sie ihm während ihres Lebens
entzogen haben. Es bleibt eben alles an Ort und Stelle. Nichts wird
weggeführt. Mit Ackerland verhält es sich anders. Will man da stets
dieselben Erträge haben, so muß der mineralische Gehalt der Ernte stets
wieder ersetzt werden. Dieser Ersatz ist natürlich bei verschiedenen
Pflanzen verschieden. So beanspruchen Zuckerrübe und Tabak besonders viel
Kali, Hülsenfrüchte und Getreidearten besonders viel Phosphorsäure.
[Illustration: +O+ = ohne Dünger. +KPN+ = Kali, Phosphorsäure u.
Stickstoff. +PN+ = Phosphorsäure u. Stickstoff.
Abb. 24. Geranien ohne und mit Düngung.]
Der Ackerbauchemie ist die interessante Entdeckungen verdanken, daß das
erforderliche Verhältnis von Kali (+K+) zu Phosphorsäure (+P+) und
Stickstoff (+N+), für jede Pflanze ganz bestimmt ist, und daß sich der
Ertrag nach der vorhandenen Menge des »ungenügenden« Stoffes richtet, und
zwar in folgender Weise: Ist in einem Ackerboden Kali und Phosphorsäure in
genügender, Stickstoff hingegen in ungenügender Menge vorhanden, so richtet
sich der Ertrag ausschließlich nach der vorhandenen Stickstoffmenge. Dieses
Gesetz wird durch das folgende noch weiter ergänzt: Es ist nicht möglich,
durch erhöhte Zufuhr von Kali, Phosphorsäure und Stickstoff den Ertrag bis
ins Unendliche zu erhöhen. Von einem gewissen Punkte an bewirkt eine
vermehrte Düngerzufuhr keine Erhöhung des Ertrages. Dies ist leicht
begreiflich, wenn wir bedenken, daß die mineralischen Stoffe nur das
Skelett der Pflanze liefern, daß aber ihr »Fleisch und Fett« aus der
Atmosphäre gebildet wird, und daß die Pflanze infolge ihrer Organisation
nur mit einer gewissen Geschwindigkeit und nur bis zu einer bestimmten
Grenze wachsen kann. In dieser Hinsicht verhält sich der Pflanzenkörper
genau so wie der tierische Körper (Abb. 24, 25).
[Illustration: Ohne Kali. Mit Kali. Ungedüngt.
Abb. 25. Düngung von Getreide.]
Die moderne Kunstdüngerindustrie ist also von der größten Bedeutung für die
Ernährung des Menschen. Sie ist ein wahrer Zauberstab. Sie holt das Kali
aus den tiefen Schächten von Staßfurt und benutzt damit das Ergebnis
vergangener geologischer Zeiten, ein ausgetrocknetes Seewasserbecken
(600 000 Waggons Kalidünger werden auf diese Weise jährlich in Deutschland
gewonnen). Sie mahlt die wegen ihres Phosphorgehaltes wertvollen
Knochenabfälle, ferner die unter dem Namen Thomasmehl bekannten
phosphorhaltigen Schlacken der Stahlindustrie und benutzt sie zur Förderung
des Ackers. Ganze Berge mineralischen Phosphates aus Afrika und Amerika
werden durch einfache Behandlung mit Schwefelsäure in das als Dünger
überaus geschätzte Superphosphat verwandelt. Auch des kostbaren Guanos soll
Erwähnung getan werden, der in der Hauptsache aus Exkrementen von Vögeln
hervorgegangen, auf einigen Inseln nahe an der Westküste Südamerikas große
Lagerstätten bildet und von da in Schiffsladungen nach Europa verschickt
wird.
Bis vor einigen Jahrzehnten war der Chilisalpeter der einzige »künstliche«
Stickstoffdünger. Auch heute noch ist er von der größten Bedeutung, doch
wird ihm nach und nach der Rang von anderen Stickstoffdüngemitteln
abgelaufen. In erster Linie steht da das schwefelsaure Ammoniak, das als
Nebenprodukt der Leuchtgasfabrikation und Kokserzeugung erhalten wird,
indem man das im Leuchtgas und Koksofengas enthaltene Ammoniak durch
Waschen des Gases mit Schwefelsäure in schwefelsaures Ammoniak überführt.
Der Stickstoff dieses schwefelsauren Ammoniaks ist also nichts anderes als
der Stickstoff der verarbeiteten Kohle, also der in vergangenen Zeiträumen
durch die Pflanzenwelt angesammelte Stickstoff -- eine Konserve der Natur.
Bei der großen Nachfrage nach Stickstoffdünger darf es nicht wundernehmen,
daß die Chemie mit Nachdruck neue Stickstoffdünger zu bilden suchte und vor
allem bestrebt war, den trägen Stickstoff, der den Hauptbestandteil unserer
Atmosphäre ausmacht, in eine nützliche, von den Pflanzen aufnehmbare
Stickstoffverbindung überzuführen und so eine schier unendliche, überall
zugängliche Vorratskammer zu eröffnen. Die Herstellung solcher Erzeugnisse
ist auch wirklich gelungen. So erhält man durch Überleiten von Stickstoff
über feingepulvertes, erhitztes Kalziumkarbid, das bekanntlich zur
Herstellung von Azetylen dient, den »Kalkstickstoff«, ein treffliches
Düngemittel; durch die elektrische Kraft, die durch die großen Wasserkräfte
Norwegens sehr billig erzeugt werden kann und erzeugt wird, ist ein
weiteres Verfahren möglich geworden: die Herstellung von Salpetersäure
durch Durchleiten der Luft durch den elektrischen Flammenbogen. Hierbei
entsteht zunächst das sogenannte Stickstoffoxyd, ein Gas, das auf einfache
Weise in Salpetersäure übergeführt wird.
Doch auch damit war der Stickstoffhunger der Menschheit nicht befriedigt.
Und mit Recht. Denn die Erschöpfung der chilenischen Salpeterlager und
damit die Notwendigkeit, den ganzen Stickstoffbedarf in chemischen Fabriken
herzustellen, ist nur eine Frage der Zeit. So hat man denn rastlos weiter
gearbeitet und ein neues Verfahren, das modernste, zur Herstellung von
Ammoniak gefunden, dessen chemische Bedeutung darin besteht, daß in ihm die
Trägheit des Luftstickstoffes, sein Widerwille und Widerstand gegen
irgendeine »Verbindung«, auf eine einfache Art und Weise überwunden
erscheint. Man hat nämlich gefunden, daß Stickstoff und Wasserstoff, wenn
man sie bei erhöhter Temperatur und unter hohem Druck durch oder über
gewisse »trägheitaufhebende« Stoffe leitet, sich glatt zu Ammoniak
vereinigen, und es scheint, daß dieses Verfahren, das bereits in großem
Maßstabe erprobt wurde, die Palme im Wettkampfe der Stickstoffverfahren
davontragen wird.
Diese »trägheitaufhebenden« Stoffe, in der Chemie _Katalysatoren_ genannt,
sind höchst merkwürdige Körper, denn durch ihre bloße Anwesenheit werden
chemische Vorgänge bedeutend erleichtert und beschleunigt. Sie gleichen
einem guten, ermunternden Lehrer, dessen bloße Anwesenheit hinreicht, um
Aufgaben zu lösen, die allein zu lösen man nicht die Kraft hätte; sie
gleichen dem Schmieröl, das, die Reibungswiderstände einer Maschine
vermindernd, ihren geräuschlos-kräftigen Lauf ermöglicht. Diese
Katalysatoren nehmen keinen Anteil am chemischen Vorgang, sie ändern sich
nicht, sie verlieren ihre Wirkungskraft nicht. Es sind ganz wunderbare
Stoffe, die für die wissenschaftliche und technische Chemie von immer
größerer Bedeutung zu werden versprechen. In großer Zahl sind sie im
Pflanzenkörper wie auch im Tierkörper vorhanden, und nur ihnen ist es zu
danken, daß die Verdauung, die im chemischen Laboratorium viele Tage
erfordern würde, in den Pflanzen und Tieren so rasch vor sich geht. In der
Industrie spielen die Katalysatoren seit zwanzig Jahren, seit der
Einführung des katalytischen Schwefelsäureprozesses -- den man, weil es
dabei hauptsächlich auf Berührung (Kontakt) mit dem Katalysator ankommt,
als Kontaktprozeß bezeichnet --, eine große Rolle. Im Vergleich zu dem
alten umständlichen Schwefelsäureverfahren bedeutet das Kontaktverfahren
eine namhafte Vereinfachung. An Stelle der früher notwendigen riesigen
Bleikammern sind kleine Apparate, an die Stelle von Plumpheit ist damit
Eleganz getreten, eben, weil es durch den Katalysator -- in diesem Falle
feinverteiltes Platin -- möglich wurde, den früher träge verlaufenden
Vorgang der Schwefelsäurebildung rascher zu gestalten und überdies Säure in
beliebiger Stärke herzustellen. Nach dem Kontaktverfahren wird einfach
schweflige Säure, das ist das Gas, das bei der Verbrennung von Schwefel und
metallischen Schwefelverbindungen entsteht, mit Luft vermengt, über
feinverteiltes Platin geleitet, wobei unmittelbar das sogenannte
Schwefelsäureanhydrid gebildet wird.
Ein ähnliches Verfahren, bei dem ebenfalls ein seltenes Metall als
Katalysator dient, wird den Stickstoffbedarf der ackerbautreibenden Welt
endgültig befriedigen. Denn die Rohmaterialien, die es verwendet, der
Stickstoff der Luft und der Wasserstoff des Wassers, sind überall in
beliebigen Mengen vorrätig, so daß das Menschengeschlecht -- so lange es
Kraft oder Wärme zu erzeugen imstande ist -- jeder Sorge um den
Stickstoffdünger enthoben ist.
So fördert und regelt der Mensch die Arbeit der Natur, indem er ihr, so gut
er vermag, die Bausteine liefert, mit denen dann die Meisterin die endlose
Zahl von Stoffen aufbaut, die den Pflanzenkörper ausmachen, die Säfte, die
durch die Pflanze fließen, die Farben, die sie schmücken, und die
Wohlgerüche, die sie ausatmet.
Unsere bisherige Wanderung hat uns gezeigt, was die Chemie, was der
Chemiker geleistet hat. Diese Leistungen und Ergebnisse auf dem Gebiet der
Industrie und Landwirtschaft erregen unsere Bewunderung, aber um so
mächtiger drängt sich uns die Frage auf: Wie ist die Chemie zu diesen
Erfolgen gekommen, wie arbeitet der Chemiker, wenn er die Geheimnisse der
Natur ergründen, neue Stoffe darstellen oder die Herstellungsweise bereits
bekannter Stoffe verbessern will? Wodurch gelingt es ihm das scheinbar
Unfaßbare zu fassen, das scheinbar Unbestimmte zu bestimmen?
Da können wir denn sagen, daß der Chemiker ebenso arbeitet wie der
Mineraloge, der Botaniker, der Geologe, ja daß er eigentlich nicht anders
arbeitet, als jeder wahrhaft wissenschaftliche Arbeiter. Sie alle folgen
bei ihrer Arbeit dem vielsagenden Goetheschen Worte:
Dich im Unendlichen zu finden,
Mußt unterscheiden und dann verbinden.
Dieses Dichterwort, ins Prosaische übersetzt, heißt und bedeutet: Um dich
in der unendlichen Zahl der Gegenstände und Erscheinungen des Weltalls und
jedes Teiles des Weltalls zurechtzufinden, mußt du zunächst durch scharfe
Beobachtung die einzelnen Gegenstände voneinander unterscheiden. Mit dem
Unterscheiden allein ist es jedoch nicht getan. Denn dadurch verliert man
die Übersicht, zersplittert sich, gerät man ins Uferlose. Das Zurechtfinden
ist erst dann möglich, wenn man die zusammengehörigen, verwandten Stoffe
und Erscheinungen in Gruppen vereinigt. Dadurch erst erhält man eine
Übersicht über das ganze Gebiet. Statt mit Einzelheiten hat man es dann mit
Regeln zu tun, die eine große Masse von Erscheinungen umfassen, ebenso wie
die Regeln der Grammatik.
Dieses Gruppieren, Zusammenfassen unter Gesetze -- die wichtigste
Tätigkeit und der Hauptzweck jeder Wissenschaft -- bedeutet für den
Lernenden eine wesentliche Arbeitsersparnis. Ist die Art der Gruppierung,
die Regel, einmal bekannt, so ist damit schon viel gewonnen. Wenn man den
pythagoräischen Lehrsatz kennt, so kann man leicht eine Kathete eines
rechtwinkligen Dreiecks berechnen, wenn die andere Kathete und die
Hypotenuse bekannt sind, weil dieser Lehrsatz für alle rechtwinkligen
Dreiecke gilt.
Auf ähnliche Art erhält der Mineraloge eine Übersicht über das unendliche
Gebiet der Mineralogie, indem er die Mineralien zunächst erst einzeln
voneinander unterscheidet und dann die ähnlichen miteinander gruppiert, in
Metalle, Oxyde, Kiese, Blenden usw. Diese Gruppierungen sind oft sehr
schwierig und erfordern das Zusammenarbeiten zahlreicher wissenschaftlicher
Köpfe, denn zu einer einfachen, leicht übersichtlichen Gruppierung gehört
viel Geschick und eine gründliche Einsicht in den Gegenstand. Wenn wir
bedenken, daß durch die Kristallkunde die unendliche Zahl der
Kristallgestalten auf sechs Grundformen zurückgeführt ist, und daß jede
mögliche Kristallgestalt sich von einer dieser Urgestalten ableiten läßt,
obwohl die Kristallformen, für den oberflächlichen Beobachter, durchaus
nicht miteinander ähnlich sind, so sehen wir, daß eine ganze Menge Arbeit
in dieser Einteilung steckt und daß sie den größten praktischen Wert
besitzt.
So werden auch in der Botanik zunächst die einzelnen Pflanzen voneinander
unterschieden und dann gruppiert. Diese Gruppierung erfolgte zuerst auf
eine rein äußerliche Weise (Linnésches System), während später eine
sinnreichere, auf Verwandtschaft der Pflanzen gegründete Einteilung
gefunden wurde, ähnlich der des Menschengeschlechtes in Rassen, Völker,
Stämme und Familien.
Auch der Chemiker muß zunächst unterscheiden. Aber seine Unterscheidung ist
viel schwieriger als die des Mineralogen und Botanikers. Während diese die
Bausteine, die Elemente ihrer Betrachtung, fertig als Minerale und Pflanzen
vorfinden und schon die scharfe Betrachtung der von der Natur fertig
dargebotenen Gegenstände eine Einteilung ermöglicht, kommen die Bausteine
des Chemikers, die Elemente, zum größten Teile nicht rein in der Natur vor,
sondern nur bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt; während also der
Mineraloge oder Botaniker die einzelnen Erscheinungen, Individuen,
Bausteine, Elemente seines Wissensgebietes fertig in der Natur vorfindet,
muß der Chemiker die Bausteine der Chemie erst auf mühselige Art gewinnen.
Der Grund hierfür ist die Tatsache, daß der Kristall, die einzelne Pflanze,
der einzelne Mensch, schon durch die Form kenntlich, ein abgeschlossenes
Ganzes für sich bilden und ihr Lieben und Hassen nur der eigenen Art zugute
kommen lassen, so daß man von der Erhaltung der Arten sprechen kann. Aber
die dem Chaos näherstehenden chemischen Bausteine sind nicht so
selbstbewußt und selbstzufrieden, sondern zeigen Liebe und Haß in viel
ungewählterer, mannigfaltigerer Weise, indem sie, fast immer, sich um jeden
Preis verbinden wollen zu etwas Neuem, ohne Rücksichtnahme auf die eigene
Art.
Es müssen also die _chemischen Elemente_, bevor man sie unterscheiden und
gruppieren kann, vorerst _aus ihren Verbindungen getrennt_ werden. Ein
Beispiel wird dies deutlich machen. Das Kaolin, die Porzellanerde, ist ein
weißes, fettiges Pulver. Durch große Hitze oder Kälte wird es chemisch
nicht verändert, so daß man leicht glauben könnte, daß es ein chemisches
Element, das heißt ein einfacher, unzusammengesetzter und daher
unzerlegbarer Körper ist. Das ist aber nicht der Fall. Es ist den Chemikern
gelungen, dieses weiße Pulver in zwei nicht weiter zerlegbare Stoffe zu
spalten, in zwei Stoffe, die in ihren Eigenschaften voneinander und von der
Porzellanerde ganz verschieden sind, in zwei Stoffe, deren Verbindung eben
die Porzellanerde ist: in das heute allgemein bekannte Metall Aluminium und
in Sauerstoff, jenes Gas, das die Atmosphäre der Erde atembar macht, das
die Verbrennung unterhält, das einen glimmenden Holzspan entflammen macht,
das das Eisen bei Feuchtigkeit und gewöhnlicher Temperatur mit Rost
überzieht und bei höherer Temperatur das Aluminium wieder zu Porzellanerde
verbrennt oder verascht.
Auf ähnliche Weise ist gefunden worden, daß das Wasser, von den Griechen
als Element angesehen, kein Element ist, sondern aus Sauerstoff und einem
brennbaren Gase, Wasserstoff, besteht. In seine Bestandteile kann es leicht
durch den elektrischen Strom gespalten und aus ihnen wieder durch den
elektrischen Funken zusammengesetzt werden. So sind alle mineralischen,
pflanzlichen und tierischen Stoffe von den Chemikern zerlegt, analysiert
worden, und man hat auf diese Weise die Elemente gefunden, aus denen die
Welt aufgebaut ist. Die Elemente sind die Bausteine aller bestehenden
Stoffe, und durch Gruppierung dieser Elemente hat man eine bequeme
Übersicht über die Zusammensetzung jedes Stoffes erhalten. Man hat zunächst
die Elemente in Metalle und Nichtmetalle gesondert, die Metalle hat man
wieder in fünf Gruppen geteilt, deren jede untereinander verwandte Metalle
enthält. In entsprechender Weise hat man auch die Nichtmetalle gruppiert.
Will nun der Chemiker einen Stoff _analysieren_, das heißt, finden, aus
welchen Elementen er besteht, so verwendet er dazu gewisse Hilfsmittel,
Chemikalien, auch Reagenzien genannt. Er verfährt wie der Arzt bei der
Untersuchung eines Kranken. Wie dieser Organ für Organ untersucht, die
gesunden Organe von seiner Betrachtung ausschaltet und so lange sucht, bis
er das kranke Organ entdeckt und die Art der Erkrankung erkannt hat, so
auch der Chemiker. Er läßt seine Reagenzien auf den zu untersuchenden Stoff
einwirken und erkennt aus der Art der Einwirkung, aus der entstehenden
Färbung usw., welche Gruppen anwesend sind, und ob andere, bloß vermutete
Gruppen fehlen. Durch weitere Reagenzien scheidet er die anwesenden Gruppen
voneinander. Schließlich sucht er herauszufinden, welche Elemente jeder
Gruppe anwesend sind. Er geht also Schritt für Schritt vor, vom Allgemeinen
zum Besonderen, zum Einzelnen.
Die von der Chemie gefundenen Elemente sind übrigens, um dies der
Vollständigkeit halber kurz zu streifen, die Bausteine nicht nur der Erde,
sondern des gesamten Weltalls. Mit der Erforschung der Erde nicht
zufrieden, ist die Wissenschaft an die Erforschung der Zusammensetzung der
Sonne und Gestirne getreten und zwar mit Hilfe der sogenannten
Spektralanalyse. Während nämlich feste und flüssige glühende Körper ein
ununterbrochenes regenbogenfarbiges Band, Spektrum liefern, wenn man das
von ihnen ausgestrahlte Licht durch ein Glasprisma gehen läßt, liefern
glühende Gase ein nur aus einzelnen hellen Linien oder Streifen bestehendes
Spektrum, dessen Linien, Linienzahl und Farbe für jedes Element anders,
also charakteristisch ist. Man hat so aus der Strahlung der Sonne und
anderer Gestirne ihre Zusammensetzung ersehen können und hat gefunden, daß
draußen im Weltall dieselben Elemente vorhanden sind, wie auf der kleinen
Erde, ein Beweis für die Gleichartigkeit und Einheitlichkeit der Welt.
Aus den durch Zerlegung erhaltenen Elementen baut der Chemiker wieder die
mannigfaltigsten Stoffe der Natur auf, geht aber auch in der
Mannigfaltigkeit des Dargestellten über die Natur hinaus. Er vergrößert den
engen Rahmen der Natur, die nur einen kleinen Teil der _möglichen_
Stoffverbindungen uns darbietet, und er stellt Stoffe dar, deren Erzeugung
die irdische Natur verabsäumt oder vernachlässigt hat.
Bei dieser Vereinigung von Elementen oder Elementgruppen, bei dieser
Darstellung von Stoffen ist er jedoch beschränkt und zwar durch die
Beziehung der Elemente zueinander, durch ihr »Lieben und Hassen«, durch
ihre -- wie Goethe sagte -- _Wahlverwandtschaft_.
»Diejenigen Naturen, die sich beim Zusammentreffen einander schnell
ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen wir verwandt. An den Alkalien
und Säuren, die, obgleich einander entgegengesetzt und vielleicht eben
deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am entschiedensten
suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen Körper
bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des
Kalks, der zu allen Säuren eine große Neigung, eine entschiedene
Vereinigungslust äußert.
Z. B. was wir Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde,
innig mit einer zarten Säure verbunden, die uns in Luftform bekannt
geworden ist. Bringt man ein Stück solchen Steines in verdünnte
Schwefelsäure, so ergreift diese den Kalk und erscheint mit ihm als Gips;
jene zarte, luftige Säure hingegen entflieht. Hier ist eine Trennung, eine
neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt,
sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht,
als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt
würde.«
Wird hier die schwache, zarte Kohlensäure durch die rohe, starke
Schwefelsäure vertrieben und in die Einsamkeit hinausgejagt, so finden wir
auch Fälle, in denen der Chemiker, damit kein Stoff leer ausgehe, ein
Viertes zugesellt:
»Diese Fälle sind allerdings die bedeutendsten und merkwürdigsten, wo man
das Anziehen, das Verwandtsein, dieses Verlassen, dieses Vereinigen
gleichsam übers Kreuz, wirklich darstellen kann; wo vier bisher je zwei zu
zwei verbundene Wesen, in Berührung gebracht, ihre bisherige Vereinigung
verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem Fahrenlassen und
Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere
Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen oder
Wählen zu, und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaft für vollkommen
gerechtfertigt.
Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele
Mittel und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich
ein C, das sich ebenso zu einem D verhält; bringen Sie nun die beiden Paare
in Berührung: A wird sich zu D, C zu B werfen, ohne daß man sagen kann, wer
das andere zuerst verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder
verbunden habe.«
Von den zahlreichen Beispielen dieses »Vereinigens übers Kreuz« wollen wir
nur eins anführen: Wenn wir zu einer klaren Lösung von Schwefelbaryum eine
klare Lösung von Zinksulfat hinzugießen, so entsteht ein dicker, weißer
Niederschlag, der das unlösliche Austauschprodukt »übers Kreuz« darstellt.
Der Schwefel des Schwefelbaryums reißt sich von dem Baryum los und folgt
der Anziehungskraft, die das Zink ausübt, so daß Schwefelzink entsteht.
Zugleich geht die Schwefelsäure des Zinksulfats an das Baryum und bildet
schwefelsaures Baryum. Es gehen also durch diesen Vorgang alle gelösten
Stoffe in den neugebildeten, unlöslichen Zustand, in den Niederschlag,
über. Der letztere liefert, getrocknet, eine vielverwendete weiße Farbe,
das Lithopon.
Eine Haupttätigkeit des Chemikers im Laboratorium einer Fabrik ist die
Prüfung, Untersuchung, Analyse der Rohmaterialien, die ja eine gewisse
Beschaffenheit und einen gewissen Gehalt haben müssen, wenn ein Erzeugnis
von erforderlicher Reinheit und richtiger Zusammensetzung erzielt werden
soll.
Doch die Arbeit des Laboratoriumschemikers besteht nicht bloß darin, die
Stoffe zu scheiden, zu analysieren, sondern auch darin, durch _Verbindung
von Stoffen_ neue, nützliche Substanzen herzustellen. Der Chemiker ist also
nicht bloß Scheidekünstler, sondern auch Verbindungskünstler. Ist die
Herstellung einer neuen Verbindung im Laboratorium gelungen, so wird sie in
großem Maßstabe ins Fabrikmäßige übertragen, wobei die kleinen Apparate des
Laboratoriums durch große Anlagen ersetzt werden. Diese Umwandlung des
Laboratoriumvorganges in einen Fabrikvorgang ist durchaus nicht einfach.
Eine Salzlösung in der Porzellanschale zu verdampfen, das heißt, das
Wasser in der Hitze abzutreiben, so daß das feste Salz zurückbleibt, ist
viel einfacher als die Durchführung dieses Vorganges im großen Maßstabe.
Hierzu gehören große Verdampfungsanlagen, die von zahlreichen Heizröhren
durchsetzt sind. Ebenso ist das Filtrieren mit Hilfe von Glastrichter und
Filtrierpapier viel leichter als das Filtrieren großer Mengen mit Hilfe
großer Filterpressen. Auch das Erhitzen erfordert im Fabrikbetrieb
mächtige, eigenartig gebaute Öfen.
Die Herstellung neuer Stoffe, das Suchen und Finden neuer Verfahren und
neuer Fabrikapparate macht die eigentliche _Erfindertätigkeit des
Chemikers_ aus. Dieser Tätigkeit sollen hier auch einige Worte gewidmet
werden.