Nicht minder interessant und nicht minder wichtig als die mächtigen

Sprengstoffe sind die _Zündstoffe_, die uns in Form von Zündhölzchen

unentbehrlich geworden sind. Die Schwierigkeit und Unbequemlichkeit der

Feuerherstellung durch Stein und Zündschwamm können wir uns heute kaum mehr

vergegenwärtigen. Die einst vielbewunderte, uns plump erscheinende

Döbereinersche Zündmaschine, in der durch die Einwirkung von Schwefelsäure

auf Zink Wasserstoff erzeugt wird, der sich am Platinschwamm entzündet, ist

für uns nichts anderes als eine historische Merkwürdigkeit, ein Kuriosum

der Physikstunde. Und die Chanceschen Tunkfeuerzeuge, zu deren Gebrauch man

stets ein Fläschchen Schwefelsäure bei sich tragen mußte, um die trägen

Schwefelhölzchen zu entzünden, erscheinen uns heute ebenso gefährlich wie

unangenehm. Und mit Recht. Denn heute sind wir in der Lage, ein Streichholz

zu entzünden, ohne eine Flüssigkeit bei uns zu tragen, und ohne Gefahr

einer Selbstentzündung oder Vergiftung. Diese Gefahr der Selbstentzündung,

Vergiftung und Explosion bestand selbst bei den ersten Phosphorhölzchen,

und diese Nachteile mußten Schritt für Schritt durch mühselige, harte

Arbeit beseitigt werden. Zunächst setzte man die Entflammbarkeit des

Zündholzkopfes durch Zumischung von Schwefelnatrium und anderen Substanzen

herunter.

Doch auch diese Hölzchen waren äußerst giftig und gefährlich, sowohl bei

der Herstellung wie bei der Verwendung, so daß nicht nur der Absatz

schwierig, sondern die Beschaffung von Arbeitern fast unmöglich war. Erst

gegen Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden diese Mißstände behoben, indem

es gelang, den giftigen gelben Phosphor durch einfaches Erwärmen in eine

neue, ungiftige Abart, den roten, amorphen Phosphor zu verwandeln, der eine

neue Großindustrie, die Fabrikation der »schwedischen« Zündhölzchen,

ermöglichte. Die schwedischen Zündhölzer enthalten keinen Schwefel und

keinen Phosphor. Ihre Zündmasse besteht aus einem Gemenge von chlorsaurem

Kali, chromsaurem Kali, Glaspulver und Gummi als Bindemittel. Sie entzünden

sich nur an einer zubereiteten Reibfläche, die ein Gemenge von gleichen

Teilen von rotem amorphem Phosphor, Schwefelkies und Schwefelantimon

enthält.

Die Zündhölzchenindustrie hat in verschiedenen Ländern eine große

Ausdehnung gewonnen. Schweden allein führte im Jahre 1897 über

10 000 000 Kilogramm aus. Und so schien es, als wäre durch die Gründung

solch großer Industrien die alte Frage des »Feueranmachens« zu endgültiger

Entscheidung gekommen. Aber für den menschlichen Geist gibt es keine

»endgültige« Entscheidung. Er steht nicht still, darf nicht still stehen.

»Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück, er, unbefriedigt jeden

Augenblick«. Und dieses Weiterschreiten ist oft ein scheinbares Zurückgehen

auf Altes. Ein solches Zurückgehen auf alte Feuerzeuge wird heute mit den

modernen Hilfsmitteln der Chemie versucht.

Man hat gefunden, daß Zer, eines der selteneren Metalle, wenn es mit

30% Eisen zusammengeschmolzen wird, einen Stoff mit merkwürdigen

Eigenschaften ergibt. Fährt man mit der Klinge eines Taschenmessers oder

mit der Spitze einer Feile über eine solche Zer-Eisen-Mischung hinweg, so

entstehen, ohne Rauchentwicklung, Funken und Flammen von gewaltiger

Zündkraft, so daß hiermit ein an sich ganz unexplosiver Zündstoff gegeben

erscheint. Läßt man die Funken einer solchen Zer-Eisen-Legierung auf einen

mit Petroleum oder Benzin getränkten Docht überspringen, so entsteht eine

dauernde Flamme. Diese als _Feuerträger_ oder Pyrophore bezeichneten

Legierungen nutzen sich sehr wenig ab und werden wegen ihrer guten

Eigenschaften als Zigarrenanzünder und für ähnliche Zwecke gern verwendet.

Ob sie in der Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden, bleibt

abzuwarten.[2]

[2] Geitel, Siegeslauf der Technik.

So hat die Chemie den Menschen befähigt, mit jenen Urmächten der Natur zu

wetteifern, die die Erde aus dem Innern heraus erbeben machen, die auf der

Sonne ihr wildes Spiel treiben, die Welten zertrümmern, um Welten

aufzubauen. Aber der Mensch ist darin der Natur gleichgekommen, ja man

möchte fast sagen, er hat sie übertroffen, da er die Mächte, die er in der

Form von Sprengstoffen erzeugt, gefesselt, gebunden und derart unter seine

Herrschaft gebracht hat, daß sie genau die von ihm verlangte Arbeit leisten

und die erwartete Wirkung eintreten lassen. Ja, er hat sie so gebändigt und

in gewünschter Stärke gestaltet, daß sie in Form von Zündholzchen von jedem

Kinde gehandhabt werden können und in Form von Raketen und Feuerwerken in

genau vorherbestimmten Formen und Farben gegen den Himmel steigen, aus dem

Prometheus das erste Feuer zur Erde brachte.

Hat diese Wirkung ins Große und Ferne, die durch die Chemie ermöglicht

wurde, unser Interesse in hohem Maße gefesselt, so verdient die Wirkung,

die uns die Chemie auf das Kleine und Nahe ausüben läßt, nicht minder

unsere Aufmerksamkeit. In der Tat, es ist nicht weniger bedeutsam, die

Vorgänge unseres Leibes sowie unser körperliches Wohlbefinden zu

beherrschen und körperliche Schäden, Gebrechen und Leiden zu beseitigen,

als Felsen zu durchbohren und Weltmeere miteinander zu verbinden.

Es ist bemerkenswert, daß mit dem Aufblühen der Chemie auch die Medizin

einen ungeheuren Aufschwung nahm und aus dem Gebiete der Wunder und des

Aberglaubens einen Höhenflug im Reich der Wissenschaft antrat, der heute

noch nicht beendet ist. Die Zeiten, wo man, abergläubischer Überlieferung

folgend, gegen Rheumatismus ein paar Kastanien bei sich trug, das

Schöllkraut wegen seines gelben Saftes gegen Gelbsucht, die rotgefleckten

Blätter des Wasserbluts wegen ihrer Färbung als Wundmittel, die stacheligen

Blätter der Distel ihrer Stacheln wegen gegen Seitenstechen empfahl, sind

vorüber und damit auch die Zeiten der Beschwörungen und Alraune. Man ist

gründlicher geworden und haftet nicht mehr an der oberflächlichen

Erscheinung. Seitdem man die Ursache der Gelbsucht kennt, sucht man Mittel,

diese _Ursache_ zu beheben und ist nicht mehr damit zufrieden, dem

Gelbsüchtigen irgendeine gelbe Flüssigkeit einzugeben. Seit es Wöhler 1828

gelang, den bis dahin nur im Tierkörper vorgefundenen Harnstoff künstlich

darzustellen, ist die Fabel, daß die Vorgänge des Körpers nicht den

chemischen, sondern ganz eigenartigen Lebensgesetzen folgen, immer mehr

entkräftet und widerlegt worden. Heute weiß man, daß der lebende Organismus

denselben chemischen Gesetzen untersteht wie die sogenannten anorganischen

Stoffe. Erst auf Grund dieser Erkenntnis konnte man die Chemie der Vorgänge

im tierischen Körper recht studieren und chemischen Mängeln des Organismus

mit chemischen Hilfsmitteln begegnen. Erst seitdem man die Chemie des

Blutes kennt, läßt sich Bleichsucht und Blutarmut erfolgreich behandeln.

Erst seitdem man die Säfte des Magens gründlich erforscht hat, kann man den

»chemischen« Magenbeschwerden beikommen. Erst seitdem man die Chemie des

Verdauungsprozesses genau kennt, ist man in der Lage, dem Zuckerkranken die

entsprechende Kost vorzuschreiben.

Eine große Menge neuer Heilmittel ist aus demselben Stoff durch ähnliche

Prozesse dargestellt worden, dem wir auch die Anilinfarben verdanken, aus

dem Steinkohlenteer, der also gleichsam ein Extrakt nicht nur der

Farbenpracht, sondern auch der Heilkraft einer längst vergangenen

Pflanzenwelt ist. Die Wirkungsweise dieser neuen Heilmittel ist durch

gründliche Proben festgestellt worden. Von den nach Tausenden zählenden

Medikamenten dieser Art seien hier beispielsweise das Aspirin, Phenazetin,

Pyramidon, Migränin, Veronal, Melubrin und Sulfonal genannt (Abb. 20).

Auch die Pflanzen- und Tierwelt bietet die Mittel zur Herstellung

medizinisch wertvoller Substanzen. So werden aus den Blättern der

tropischen Kokapflanze das betäubende Kokain, aus tierischen Organen das

blutdruckerhöhende Adrenalin usw. gewonnen.

Noch wunderbarer als die Wirkung dieser Mittel sind die Erfolge der

sogenannten Serumchemie, die hauptsächlich auf dem Gebiete der durch

Bakterien verursachten Krankheiten große Triumphe zu verzeichnen hat. Das

Serum, die Blutflüssigkeit, in der die roten und weißen Blutkörperchen

umherschwimmen, ist, gleichsam als Auszug und Träger des Lebens, von der

Natur mit außerordentlichen Kräften und einem besonders starken

»Lebenswillen« bedacht worden. Es hat den Willen, sich zu erhalten, sich

gesund zu erhalten. Und es wehrt sich mit seiner ganzen Kraft gegen den

Einfall einer fremden Macht. Es sind im Serum Schutzmittel enthalten, die

eingewanderte Bakterien abzutöten vermögen. Ein Einfall _Gift_

ausscheidender, krankheitserregender Bakterien in das Blut wird von dem

Serum mit der sofortigen Erzeugung von Gegengiften beantwortet, die die

Giftwirkung der Bakterien aufheben. So kämpft das Serum mit der Krankheit;

sein Sieg bedeutet Leben, seine Niederlage Tod.

[Illustration: Abb. 20. Verpackungssaal der Firma Farbenfabriken

vormals Friedrich Bayer & Co. A.-G., Elberfeld.]

Hier hat nun die Chemie eingegriffen und es ist ihr gelungen, ihr hohes

staunenswürdiges Ziel zu erreichen, nämlich die Wehrkraft des Serums zu

erhöhen. Wird nämlich das Gift krankheitserregender Bakterien zunächst in

ganz kleinen, dann allmählich steigenden Mengen einem gesunden Tiere, z. B.

einem Pferde, in die Adern eingespritzt, so erzeugt das Serum dieses Tieres

wachsende Mengen von Gegengift, so daß es an »Wehrkraft« stets zunimmt.

Wird nun ein solches Tierserum unter die Haut eines an der entsprechenden

Krankheit leidenden Menschen eingespritzt, so wird die »Wehrkraft« des

Serums dieses Menschen ebenfalls bedeutend erhöht (Diphtherieheilserum).

Die Medizin ist überdies durch die von der Chemie erzeugten zahlreichen,

wirksamen und billigen mikrobenvernichtenden Desinfektionsmittel, wie

Karbol, Chlorkalk, Sublimat, Ozon, Lysol, gefördert worden. Späterhin hat

man die Desinfektion in der Form von Konservierungsmitteln auch auf das

Gebiet der Nahrungsmittel übertragen und zwar zur Hintanhaltung der

Fäulnis, der Gärung usw. Unter den üblichen Konservierungsmitteln sind

besonders Salizylsäure, Borax und Formaldehyd zu nennen.

Aber nicht nur auf dem Gebiete der Heilkunde hat die Chemie für das Leben

und die Sicherheit des Menschen Großes getan, sondern sie hat sich auch auf

dem ihr scheinbar ferner liegenden Gebiete des Gerichtswesens verdient

gemacht. Sie hat gegen den Aberglauben gekämpft, Recht und Schuldlosigkeit

zu Ehren gebracht und den Verbrecher eingeschüchtert. So weiß man heute,

daß Erkrankungen infolge Genusses von Wurst, Fischen, Austern oder Fleisch

meist nicht die Folge absichtlicher Vergiftungen sind, sondern darin ihren

Grund haben, daß diese tierischen Stoffe, wenn sie faulen, gefährliche

Gifte, die sogenannten Leichengifte, in sich anhäufen. Die Chemie hat

ferner Mittel und Wege gefunden, Menschenblut, selbst in kleinsten Spuren,

als solches zu erkennen und scharf von jedem anderen Tierblute zu

unterscheiden. Diese Möglichkeit, die tierischen Blutarten mit Gewißheit

voneinander zu unterscheiden, ist der Serumchemie zu verdanken. Gründliche

Untersuchungen auf diesem Gebiete haben ergeben, daß ein mit Menschenblut

geimpftes Kaninchen ein Serum liefert, das nur mit klarer

Menschenblutlösung einen Niederschlag gibt, während Impfung mit Ochsenblut

ein nur Ochsenblut fällendes, Impfung mit Schweineblut nur Schweineblut

fällendes Serum hervorbringt. Dadurch kann man das Blut einer Tierart von

dem jeder anderen Tierart gut unterscheiden. Allerdings muß man sich

hierbei vor Augen halten, daß verwandte Tiergattungen gleichartige, wenn

auch nicht gleich starke Fällungen mit den betreffenden Serumarten ergeben.

So fällt Schweine-Kaninchen-Serum auch Wildschweinblut,

Pferde-Kaninchen-Serum Eselblut, Menschen-Kaninchen-Serum auch Affenblut

aus.

Hier wird die entwicklungsgeschichtliche Tierforschung unmittelbar von den

Ergebnissen der Serumchemie angeregt und befruchtet. Denn die eben

angeführten Ergebnisse belehren uns über die Verwandtschaft der

Tiergattungen und erleichtern so die Aufstellung eines wirklich richtigen

Stammbaums der Tierwelt. Sie zeigen, daß das Blut _einer_ Gattung für die

_andere_ Gift ist, daß die Essenz der Fruchtbarkeit der einen Art für die

andere Art und für jede andere Art eine Essenz der Unfruchtbarkeit und des

Todes ist, und daß das jeder Gattung eigentümliche Serum ein Schutzwall

ist, den die Natur zum Zweck der Erhaltung um die Gattung gezogen hat. Nur

die Entstehung dieser Schutzmittel ermöglicht die Entstehung der Arten aus

gemeinsamem Ursprung, und nur die Erhaltung dieser Schutzmittel die

Erhaltung der Arten. Nur dadurch ist es erklärlich, daß Pferd und Esel nur

eine unfruchtbare Nachkommenschaft hervorbringen, und daß Tiere, die in der

Verwandtschaftsreihe noch weiter auseinanderstehen, eine Nachkommenschaft

überhaupt nicht hervorbringen können. Daher ist in instinktiver Voraussicht

der Unnatürlichkeit einer Verbindung auch zwischen den großen Rassen der

Menschheit eine gegenseitige Abneigung zu finden.

Ohne dieses Schutzmittel der Natur würden im Laufe der Zeit nicht nur alle

menschlichen Rassen in eine aufgehen, sondern auch die Tiergattungen würden

Schritt für Schritt, langsam und allmählich sich miteinander vermischen und

eine gleichförmige Gattung bilden. Ähnliches würde in der Pflanzenwelt

Platz greifen, und offenbar würde dann auch die leblose Welt die Kraft,

sich dem Charakter des Stoffes gemäß zu gestalten, das heißt, zu

kristallisieren, verlieren und im Zustande einer Urmischung verharren. So

verkörpert die Kristallgestalt der Gesteine, das Eiweiß der Pflanzen und

das Serum der Tiere, den gestaltenden, vom Allgemeinen zum Besonderen

gehenden Trieb der Natur, den Willen des formenden Lebens. Sie ermöglichen

es, daß aus großem, festem, gleichförmigem Grundstoff die Natur sich

vielgestaltig und mannigfaltig erhebt, wie die tausend Türmchen, Männchen

und Ungeheuer eines gotischen Domes.

Nach dieser kleinen Abschweifung wollen wir nun auf ein neues Gebiet der

»Romantik« der Chemie übergehen, auf die _Wohlgerüche und Riechstoffe_.

Schon die ältesten Kulturvölker Asiens sammelten die in der Natur

vorkommenden wohlriechenden Kräuter, schätzten sie als Kostbarkeit und

boten sie als höchste Gabe dem Heiligsten und Liebsten, den Göttern und den

Toten dar. Wohlriechende Stoffe, wie Weihrauch, Zimt, Myrrhen usw., wurden

den Göttern als Rauchopfer dargebracht und zum Einbalsamieren der Toten

verwendet.

Erst später kam die Sitte oder vielmehr die Unsitte auf, dem eigenen

lebenden Leib durch fremdartige Riechstoffe »Wohlgeruch« zu verleihen, eine

Unsitte, die bei den Griechen und Römern in den wahnsinnigsten Luxus

ausartete, die Völker zur Befriedigung unnützer, erkünstelter Bedürfnisse

verleitete, ihre Gedanken auf Nichtigkeiten lenkte, ihr Mark entnervte und

schließlich den Baum ihres Lebens vom Wipfel herab bis zur Wurzel tödlichem

Siechtum preisgab.

So sind diese Riechstoffe, in höherem Grade als die anderen Gaben der Natur

und der sie benutzenden Chemie, ein zweischneidiges Schwert. Geister, die

nur ein weiser Zaubermeister, aber niemals ein törichter Zauberlehrling

lenken kann. Denn bei diesem wird aus dem gefesselten Maß unbeschränkte

Maßlosigkeit: in der Hand des der Zucht entbehrenden Zauberlehrlings wird

der nützliche Sprengstoff ein Mittel zu vernichtender Revolution, das

heilsame Morphium führt zum Morphinismus, und die Farbe, ohne Sinn, als

Selbstzweck angewendet, verdirbt sowohl den Geschmack als die Kunst.

[Illustration: Abb. 21. Destillierblase.]

Auch auf dem Gebiet der Riechstoffe ist jahrtausendelang, bis zum Erwachen

der modernen Chemie, ein Stillstand zu verzeichnen, man war mit den von der

Natur dargebotenen Riechstoffen zufrieden und verstärkte sie nur durch die

altbekannte Kunst des Destillierens (Abb. 21).

Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde die wichtige Tatsache entdeckt, daß

die pflanzlichen Riechstoffe, die sogenannten ätherischen Öle, den Pflanzen

durch Dampf, sogenannte Dampfdestillation, entzogen werden, daß sie nach

der Abkühlung des Dampfes auf dem kondensierten Wasser schwimmen und so

leicht abgeschöpft werden können. Dies gab der Riechstoffindustrie, z. B.

der Fabrikation des Kümmelöles, einen neuen Aufschwung. Andere Riechstoffe,

wie Bergamottöl, Zitronenöl, Pomeranzenöl, werden durch Auspressen der

Fruchtschalen gewonnen. Blütenparfüme werden entweder durch erwärmtes Fett

oder durch gewisse Lösungsmittel, wie Benzin, Chloroform usw.,

»ausgezogen«, und hierauf das Lösungsmittel durch Wärme abgetrieben, so daß

der Riechstoff hinterbleibt (Abb. 22, 23).

[Illustration: Abb. 22. Aus der Fabrik ätherischer Öle

Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]

Solche »Blumenauszüge« sind natürlich sehr kostspielig, da sehr große

Blütenmengen zur Herstellung nennbarer Riechstoffmengen erforderlich sind.

Zur Fabrikation von 1 Kilogramm Orangenblüten- oder Rosenblütenauszug sind

700 Kilogramm frische Blüten, zur Herstellung von 1 Kilogramm

Veilchenblütenauszug, der einen Wert von über 3000 Mark hat, 1000 Kilogramm

Blüten nötig.

Nur die südliche Natur verschwendet an ihre Flora die Wohlgerüche in

reichlicher Weise. Die nordische Natur ist karger. So ist denn in dieser

Hinsicht Frankreich und Italien wohl versorgt, Deutschland aber infolge

seiner Lage auf die südlichen Länder angewiesen. Deshalb hat es mit aller

Kraft versucht, durch die Chemie sich zu verschaffen, was ihm die Natur

versagt hat, so hat es »künstliche Riechstoffe« hergestellt, aus dem

billigen Öl des indischen Zitronengrases das kostbare Veilchenparfüm,

Jonon, aus dem gewöhnlichen Nelkenöl den wertvollen Riechstoff der Vanille,

das Vanillin, aus dem Terpentinöl das fliederduftige Terpineol, aus dem als

Safrol bekannten Öl das angenehme Heliotropin.

Ist die Farbenpracht und die Heilkraft der Steinkohlenpflanzenwelt in den

Teerfarbstoffen und den modernen Heilmitteln wiedererstanden, so haben die

Chemiker auch den alten Duft aus dem Steinkohlenteer hervorgezaubert und

eine Reihe feiner Riechstoffe daraus dargestellt, indem sie die

Karbolsäure, das Benzol, das Toluol, die Salizylsäure usw. verarbeiteten.

So liefert die Karbolsäure das Wintergrünöl, das Benzol einen Jasminduft,

das Toluol ein künstliches Bittermandelöl und ein Zimtöl und die

Salizylsäure den als Cumarin bezeichneten Heu- und Waldmeistergeruch.

[Illustration: Abb. 23. Aus der Fabrik ätherischer Öle

Schimmel & Comp., Miltitz-Leipzig.]

Eine große Verwendung finden alle diese Riechstoffe in der

Toiletteseifenindustrie. Die gewöhnliche, grobe Seife wird durch Kochen von

Fetten mit Ätznatron dargestellt, wobei man das nützliche Glyzerin als

Abfallstoff erhält. Den so dargestellten Seifen werden zur Verwandlung in

Toiletteseifen Riechstoffe zugesetzt, um das Waschen und Sichreinigen zu

einer nicht nur nützlichen, sondern auch angenehmen Tätigkeit zu machen.

Wir haben nun verschiedentlich die mit Hilfe der Chemie erlangten

Luxusgaben der Pflanzenwelt betrachtet, die einer bequemeren und schöneren

Ausgestaltung unseres Leben dienen. Doch dürfen wir darüber nicht die

notwendigen Gaben vergessen, ohne die ein tierisches Leben und eine

menschliche Kultur nicht möglich ist. Die gütige Allmutter Natur bringt das

nährende Weizenkorn hervor, dem die Kraft innewohnt, in einen hohen,

ährenbeschwerten Halm auszuwachsen, wenn es in dem »richtigen« Boden ruht.

Der Mensch ackert und streut seine Saat und hofft »daß sie entkeimen werde

zum Segen nach des Himmels Rat«. Und lange, lange Zeit wird er auf gutem

Ackerboden in dieser Hoffnung nicht enttäuscht. Reichlich und gern bringt

da die Natur das Gewünschte hervor. Aber nach und nach ermattet auch der

Acker, die Ernte wird kümmerlicher, und schließlich versagt der Boden ganz,

selbst wenn die Saat noch so kräftig und gesund ist.

Das Weizenkorn gleicht eben einem Säugling. Es hat die Kraft, groß zu

werden, aber nur, wenn ihm genug Nahrung zugeführt wird. Und eben das, was

für den Säugling die Mutterbrust, ist für das Weizenkorn der Ackerboden.

Ist die Mutterbrust milcharm, so gedeiht der Säugling ebensowenig wie das

Weizenkorn im erschöpften Ackerboden.

Das haben die Ackerbauer längst gemerkt. Sie fühlten, daß sie mit der

geernteten Frucht ein unbekanntes Etwas dem Boden entziehen. Und so gaben

sie, um die Kraft des Ackers zu erhalten, ihm das, was von der Ernte

schließlich übrig blieb, den tierischen Dünger, wieder zurück. Die

Wissenschaft selbst hätte nichts besseres raten können, als Düngen des

Ackers.

Noch etwas lehrt den Bauer eine einfache Überlegung, für die erst nach

jahrtausendelanger Übung von der Wissenschaft eine befriedigende Erklärung

gefunden wurde. Nämlich, daß der in die Erde versenkte Teil der Pflanze

atmet und offenbar im Laufe der Zeit den Ackerboden vergiftet. Instinkt und

Erfahrung, Zufall und Überlegung lehrten ihn die Notwendigkeit der

Ackerlüftung, des Pflügens.

Die Anschauung des Ackerbauers, daß die Nahrung der Pflanze im Ackerboden

enthalten sei und diesem -- soll der Acker fruchtbar bleiben -- stets

zugeführt werden müsse und zwar in demselben Ausmaße, wie sie mit der Ernte

fortgeführt werde, wurde durch die chemischen Forschungen des großen Justus

Liebig bestätigt, aufgeklärt und vervollkommnet, und damit eine neue

Wissenschaft, die _Agrikulturchemie_, begründet.

Die Grundlehre dieser »Ackerbauchemie« ist die Tatsache, daß das Skelett

der Pflanze, dessen sie zu ihrem Gedeihen ebenso bedarf wie der Mensch, aus

mineralischen Stoffen aufgebaut ist. Wenn wir einen Halm oder ein

Weizenkorn verbrennen, so hinterbleibt stets ein mineralischer Rückstand,

eine Asche, die eben vom Ackerboden herrührt. Es werden also mit jeder

Ernte dem Acker große Mengen gewisser wichtiger Minerale entzogen, so daß

der Boden stetig ärmer an diesen Stoffen wird. Die meisten von ihnen, z. B.

die Kieselsäure, sind überall in reichlichem Maße vorhanden, so daß eine

Erschöpfung kaum jemals eintritt. Gewisse andere Stoffe hingegen, die

ebenfalls für den Aufbau des Pflanzenkörpers unentbehrlich sind, z. B.

Kali, Phosphorsäure und Stickstoff -- dieser entweder in der Form von

Ammoniak oder Salpeter -- sind spärlicher vorhanden, so daß sie einem

regelmäßig benutzten Ackerboden stets wieder zugeführt werden müssen, da

sonst eine rasche Abnahme der Fruchtbarkeit des Bodens eintritt. Die Chemie

hat gezeigt, daß ein Boden, dem alles Kali, alle Phosphorsäure und aller

Stickstoff entzogen sind, keinen Samen zur Entwicklung bringen kann, sie

hat gezeigt, wie vom Vorhandensein dieser Stoffe der Blattreichtum, die

Halmgröße und der Körnerreichtum der Pflanze abhängt. Man hat genau

berechnet, wieviel Kali, wieviel Phosphorsäure, wieviel Stickstoff mit

jeder Ernte aus einem Hektar Ackerlandes weggeführt wird, also wieviel von

jedem Bestandteile dem Acker wieder zugeführt werden muß, wenn die

Ergiebigkeit des Bodens nicht vermindert werden soll. Man hat gefunden, daß

diese Stoffe in rein mineralischer Form als Kalisalz, als löslicher

phosphorsaurer Kalk, als Salpeter, als schwefelsaures Ammoniak zugeführt,

ebensogut wirken wie der natürliche Dünger, und man ist aus diesem Grunde

heute fast ganz zur Verwendung der künstlichen Düngemittel übergegangen.

Dies ist insbesondere durch das ungeheure Anwachsen der Großstädte nötig

geworden, die den größten Teil des auf dem Lande erzeugten Getreides

verzehren, so daß infolge dieser örtlichen Scheidung zwischen Erzeugung und

Verbrauch an eine Zurückführung des tierischen Düngers nicht mehr zu denken

war, zumal dieser durch die heute üblichen großstädtischen Abwasseranlagen

und die damit verbundene große Verdünnung mit Wasser für die Landwirtschaft

kaum mehr nutzbringend verwendet werden kann.

Die Romantik der Chemie · 第 3 / 7 段