mehr die Kunstseide für etwas Wunderbares halten, denn durch die
Gewohnheit und durch stetigen Gebrauch wird auch das Wunderbare etwas
Selbstverständliches. Wer wundert sich denn heute noch über die
Billigkeit des _Papiers_, wer staunt in unserer Zeit noch darüber, daß
die Menschheit jährlich über 600 000 Waggonladungen Papier verbraucht?
Und doch ist die Zeit nicht allzufern, wo alles Papier »geschöpft«
wurde, mühselig geschöpft aus mühselig hergestelltem Hadernbrei. Und
heute? Heute werden ganze Waldungen von Holz in Riesenkochern durch eine
Lösung von schwefligsaurem Kalk, den man auf eine sehr einfache Art
herstellt, zu blendend weißen Fasern, Zellstoff oder Zellulose genannt,
zerkocht, und diese Fasern zu Papier verarbeitet. So ist auch das
heutige Papier und mit ihm unsere moderne Kultur, die zum großen Teile
darauf aufgebaut ist, einem Triumphe der Chemie zu danken.
Doch noch andere, heute bereits unentbehrliche Ersatzstoffe sind von der
chemischen Technik geschaffen worden, und gar manche von ihnen dienen
Zwecken, die man zur Zeit der Erfindung gar nicht voraussehen oder ahnen
konnte. So suchte der Amerikaner Hyatt, 1880, nach einem Ersatz für
Buchdruckwalzenmasse, die bis heute durch Mischen von Gelatine und Glyzerin
in der Wärme hergestellt wird, und fand bei seinen Versuchen, als er eine
Lösung von Schießbaumwolle mit Kampfer zusammenknetete, etwas neues,
unendlich Wertvolleres, das _Zelluloid_, das heute zur Erzeugung der
mannigfaltigsten Gebrauchs- und Schmuckgegenstände dient, und dessen
Herstellung und Verarbeitung viele Tausende von Menschen beschäftigt.
Diesem ersten Ersatz für Hartgummi und Elfenbein folgten im Laufe der Zeit
mehrere andere, darunter der _Galalith_. Dieser wird aus dem Kasein, dem
Käsestoff der Milch, hergestellt, indem man diesen Stoff durch Hinzufügung
von gewissen Chemikalien, wie Formaldehyd usw., unlöslich macht.
Die jüngste Errungenschaft auf dem Gebiete der Ersatzstoffe ist der
_künstliche Kautschuk_. Aber dessen Herstellungskosten müssen erst
bedeutend herabgesetzt werden, bevor ein erfolgreicher Wettbewerb mit dem
natürlichen Kautschuk möglich sein wird.
Wenn wir von einer Romantik der Chemie sprechen, so geschieht dies nicht
zum mindesten deshalb, weil sie über ihren märchenhaften Zielen die
Bescheidenheit und die Liebe zum Kleinen nicht verlernt hat. In der Tat,
kein Gebiet, kein Stoff ist so gering, daß die Chemie ihm nicht die
sorgfältigste Aufmerksamkeit zuteil werden ließe. Die Chemie hat alle nicht
bloß berufen, sondern auch auserwählt. Vor ihrem Gerichtshof gibt es keine
Standesunterschiede. Nicht nur Seide und Elfenbein sind würdige Gegenstände
ihrer Bemühung, sondern ebenso der gewöhnliche Bauziegel und das Holz in
seinen verschiedenen Formen.
Die Verwendung der Schwefelsäure in der chemischen Industrie.
|
|
Anorganische Chemie
|
+----------+--------+-------+------------+--------+-------------+----------~
| | | | | | |
| | | | Mutterlauge des | |
Chilesalpeter | Chlorkalium | Chilesalpeters | Phosphorit
| | | | | | |
| Kochsalz | Brommagnesium- | Flusspat |
| | | Lauge | | |
| | | | | | |
| | | | Braunstein | | +---+----+
+------+---+----+---+---+ +------+-----+ | | |
| | | | | | | | |
Salpeter- | Salzsäure | Brom Jod Flussäure Super- Phosphor-
säure | | phosphat säure
Sulfat Kaliumsulfat |
| | |
| | |
(Glas, Soda, Zellstoff) (Pottasche) (Phosphor)
~----+------+---------+-------+----------+----------+-------------+
| | | | | | |
| | | | | | |
| | | | | Kupferstein u. |
| Bauxit, Ton | Monazit | Schwarzkupfer |
| | | | | | |
Gaswasser | Chromerz | Silberhaltiges | Pyritabbrände
| | | | Gold | |
| | | | | | |
| | | | | | |
| | | | | | |
| | | | | Silberhalt. Rückst. |
| Aluminium- | Thorsulfat | u. Kupfervitriol |
| sulfat | | | |
Ammon- | Chromate | Feingold u. Kupfer-, Zink-
sulfat | | Feinsilber u. Eisenvitriol
| | |
(Alaun) (Glühkörper) (Höllenstein)
|
Organische Chemie
|
+-------+---------+--------+-------+----+-----+---------+---------+---------~
| | | | | | | |
| | | | | | | |
| | | Rückstände | | | |
| | | der Erdöl- | Pflanzen-Rohöle | |
Alkohol Graukalk | Destillation | | | |
| | | | | | | |
| | Rohpetroleum, | Rohparaffin, | Fette Glycerin
| | Roh-Benzin | rohe Paraffinöle | | |
| | | | Ozokerit | | |
| | | | | | +----+----+ | Salpeter-
| | | | | | | | | säure
| | | | | | | | +----+---+~
Aether Essig- Leucht- | Paraffine | Fett- Glycerin |
säure petroleum, | Paraffinöle | säuren, |
Benzin | Ceresin | Stearin Nitro-
| | glycerin
Schmieröle u. Gereinigte |
Vaselin Pflanzenöle Dynamit u.
Schiesspulver
~---+-------+-------+---------+-------+-------+------+----------+--------+
| | | | | | | | |
| | | | | | Benzol, | |
| | | | | | Naphtalin, | |
| | | | | | Phenole, | |
| | | | | | Naphtole | |
Cellulose | Papier | Phenolnatrium | etc. | Naphtalin
| | | | | | | | |
| Stärke | Rohe Stein- | Benzol, | Anthrachinon |
| | | kohlenteeröle | Naphtalin, | | |
| | | | | Naphtylamine |Salpeter- | |
| | | | | etc. | säure | |
~---+ | | | | | +---+ | |
| | | | | | | | |
Nitro- | Vegetabilisches | Carbolsäure | Nitrokörper | Phtalsäure
Cellulose | Pergament | | | | |
| | | Sulfosäuren | Anthrachinon- |
| Stärkezucker Gereinigte | | sulfosäuren |
| Teeröle | | | |
| | | | (Indigo,
(Celluloid, Kunstseide, (Phenole, | | Eosine)
Explosivstoffe, Schiesspulver) Naphtole | |
Farbstoffe) | (Alizarinfarbstoffe)
|
(Amidokörper, Diazo- u. Azo-
verbindungen, Farbstoffe,
Medikamente)
Ziegel und Holz sind, wie eigentlich alle Stoffe, am meisten in jenen
Gegenden geschätzt, die daran arm sind. Wo Bausteine und Tonlager fehlen,
da ist es natürlich um die Errichtung von Gebäuden, und damit um den
Kulturfortschritt, traurig bestellt. Da fand die Chemie einen Ausweg,
wenigstens für sandreiche Gegenden, indem sie den _Kalksandsteinziegel_
bildete, der sich trotz seiner Jugend immer größere Verwendungsgebiete
erobert, und das mit Recht, denn sein Aussehen ist schön, seine Festigkeit
groß, seine Herstellung einfach und billig. Man mischt nämlich den Sand mit
so viel Kalkmilch, daß man ihn in Formen pressen kann, worauf diese Masse,
die eigentlich nichts anderes ist als fester Mörtel, in Ziegelform, mit
Dampf behandelt wird. Die Fabrikation dieser Ziegel nimmt weniger als
36 Stunden in Anspruch und unterscheidet sich durch diese Schnelligkeit
vorteilhaft von der Herstellung der Tonziegel.
Ein ausgezeichneter Holzersatz für Fußboden- oder Treppenbelag der
hauptsächlich aus Sägespänen besteht, ist der _Xylolith_, ein Holzstein,
der fast die Wärme des Holzes und fast die Feuerfestigkeit des Steines
besitzt. Seine Herstellung ist äußerst einfach; man vermischt Sägespäne mit
etwas gebranntem Magnesit, feuchtet die Masse mit einer Lösung von
Chlormagnesium an, bis sie breiig-teigartig ist, und läßt sie, in beliebige
Formen gepreßt, an der Luft trocknen. Für fugenlosen Fußbodenbelag wird die
teigige Masse 1 +cm+ dick glatt auf den Blindboden aufgetragen, worauf man
sie trocknen läßt. Die trockene Xylolithmasse kann man ungefähr so wie Holz
bearbeiten. Da sie überdies durch Zumischung von Erdfarben zu den
Sägespänen beliebig gefärbt werden kann, ist es leicht begreiflich, daß
dieser »Holzzement« sich einer stets zunehmenden Beliebtheit und wachsenden
Verwendung erfreut.
Die auf Seite 35 beigefügte Tabelle aus dem »Deutschen Museum«
zeigt uns die vielseitige Verwendung der Schwefelsäure in der
chemischen Industrie.
So sorgt die Chemie, indem sie zahlreiche nützliche Stoffe herstellt, für
die Bequemlichkeit des Menschen. Darüber vernachlässigt sie aber nicht das
Gebiet des im höheren Sinne Angenehmen und Sinnerfreuenden.
Seit der Mensch in Wahrheit ein Mensch ist, erfreut sich sein Auge an dem
saftigen Grün und den vielfarbigen Blumen der Wiesen, an dem Blau des
Himmels und dem Purpur und Rot des Sonnenaufganges. Das Schöne erfreut ihn,
das Schönste erscheint ihm heilig. Er liebt die _Farbe_, den bunten Schmuck
und glaubt, wenn er sich selbst damit ziert, liebenswerter zu werden. So
jauchzt er auf, wenn er irgendwo zufällig eine bunte, erdige Farbe findet
und bemalt sich mit dem kostbaren Gute in einfacher Weise Gesicht und
Körper. Hat er einmal die Stufe der Nacktheit überwunden und es bis zur
Herstellung von Gewändern, zum Verspinnen und Verweben von Flachs und
Schafwolle gebracht, so trachtet er, den Schmuck der Färbung auf das Gewebe
zu übertragen. Jahrhundertelang muß er da wohl suchen und versuchen, bis er
endlich durch Zufall einige brauchbare, dauerhafte Farbstoffe findet, den
Purpur der Purpurschnecke, den Krapp und den Indigo und einige Farbhölzer.
Durch Jahrtausende blieb die Farbstoffkenntnis des Menschen auf diese
wenigen Stoffe beschränkt, unter denen der _Indigo_ der wichtigste ist. Er
wird als blaue Farbe aus dem Safte der Indigopflanze und des Waid in
primitiver Weise hergestellt. Kurz vor der Blüte werden die Pflanzen dicht
über dem Boden abgeschnitten, hierauf in Bottiche oder gemauerte Gruben
gebracht und mit Wasser bedeckt. Nach zwölf bis fünfzehn Stunden wird das
nun gelb gefärbte Wasser in einen zweiten, tiefer gelegenen Bottich
abgelassen und daselbst durch Schlagen mit schaufelartigen Stangen oder
durch ein Schaufelrad in vielfache innige Berührung mit der Luft gebracht,
wodurch der gelöste Pflanzensaft unlöslich wird und sich als blauer Schlamm
am Boden absetzt. Dieser Schlamm wird gut gewaschen, gepreßt und getrocknet
und stellt nun den »natürlichen« Indigo des Handels dar.
Vor der Eröffnung des Seewegs nach Ostindien wurde der in Europa verwendete
Indigo aus dem Waid gewonnen, der seit dem neunten Jahrhundert in
Frankreich und Deutschland stark angebaut wurde. Nach der Eröffnung des
Seeweges wurde der Waid immer mehr durch den indischen Indigo verdrängt,
und weder Gesetze noch Monarchen waren imstande, die Einfuhr aus Indien zu
hemmen, so daß der europäische Waidbau schließlich zugrunde gehen mußte.
Wenn wir uns vor Augen halten, daß der Indigo in der Indigopflanze nicht
fertig gebildet ist, und daß statt seiner die Pflanze nur eine fast
farblose Substanz, Indigoweiß genannt, enthält, daß dieses Indigoweiß sich
im Wasser löst und durch Berührung mit Luft blaues Indigopulver ergibt,
also auf ähnliche, aber umständlichere Weise entsteht wie der Eisenrost aus
dem Eisen, da wird es uns klar, daß diese Entdeckung sicherlich einer Reihe
höchst merkwürdiger Zufälle und dem Aufwande scharfer Beobachtung zu danken
ist. Durch Zufall ist wohl ein Bund von Indigopflanzen in einen
Wasserbottich oder Teich geraten, durch Zufall oder vielleicht in
gedankenlosem Spiele sind die Pflanzen dann durch Schaufeln oder sonstwie
mit Luft in Berührung gebracht und von einem scharfen Beobachter das
ausgeschiedene blaue Indigopulver bemerkt worden. Ähnlichen Zufällen hat
man wohl die Herstellung des Krapps aus der Färberröte und des Purpurs aus
der Purpurschnecke zu verdanken.
So mußte sich denn die Färberei lange, lange Zeit hindurch mit ganz wenigen
Farbstoffen begnügen, bis man endlich, mit Hilfe der immer leistungsfähiger
werdenden Chemie und nicht ohne Benutzung glücklicher Zufälle dahin kam,
die längst erblaßte und vergangene Farbenpracht längst versunkener
geologischer Zeiten wieder herzustellen und aufzufrischen. Denn nichts
anderes als Leichname der Pflanzenwelt eines früheren Erdalters sind die
Kohlenlager, denen wir heute nebst so vielem anderen die Teerfarben, auch
_Anilinfarben_ genannt, zu verdanken haben, die an Mannigfaltigkeit die
Naturfarben übertreffend, die bunte Pracht der modernen gewerblichen
Erzeugnisse ermöglichen.
Wenn man Kohle unter Luftabschluß erhitzt -- dies wird, wie bereits früher
bemerkt, von der Leuchtgas- und Koksindustrie in größtem Maßstabe
ausgeführt -- so hinterbleibt der bekannte poröse Koks, während Leuchtgas
und Teer in heißem Zustand entweichen. Durch Abkühlung wird der Teer
verflüssigt und dadurch zugleich das Leuchtgas in reinem, teerfreiem
Zustande erhalten.
Dieser schwarze Steinkohlenteer ist der Grundstoff und der Ausgangspunkt
der Teerfarbenindustrie.
Die nebenstehende Tafel zeigt die Vielseitigkeit der Farbstoffe
und der Nebenprodukte, die alle aus Teer gewonnen werden.
Der Steinkohlenteer ist eine Mischung mehrerer Kohlenstoffverbindungen, von
denen Benzol, Phenol, Kresol, Naphthalin und Anthrazen die wichtigsten
sind. Sie alle werden bei der Destillation des Steinkohlenteers gewonnen
und ergeben, nachdem sie mehreren chemischen Verfahren unterzogen wurden,
die bekannten Teerfarbstoffe, deren erster, das Mauvein, im Jahre 1856 von
W. H. Perkin in London dargestellt wurde.
Diese ursprünglich englische Industrie kam in Deutschland zu ungeahnter
Blüte und feierte hier ihre größten Triumphe. Sie trat mit der Natur selber
in Wettbewerb und übertraf, überwand, besiegte sie in dem Streite um das
Krapprot und in dem Streite um den Indigo.
[Illustration: Gewinnung der Teerfarbstoffe und ihrer farblosen
Ausgangs- u. Zwischenprodukte aus dem Teer. Die Höhe der
schraffierten Streifen gibt annähernd die betreffende Mengen der
gewonnenen Farbstoffe wieder.]
Vor dem Jahre 1868 wurde die Menge des jährlich erzeugten Krapps auf
70 Millionen Kilogramm geschätzt. Im Jahre 1868 entdeckten Graebe und
Liebermann, daß der Krapp, auch Alizarin genannt, auf eine sehr einfache
Art aus dem Anthrazen, einem der oben erwähnten Bestandteile des
Steinkohlenteers, hergestellt werden könne. Infolge dieser Entdeckung wird
heute das Krapprot nicht mehr aus der Pflanze, sondern in den chemischen
Fabriken erzeugt, und der Krappbau, der zumal für Südfrankreich von großer
Bedeutung war, hat heute fast vollständig aufgehört.
Dasselbe Schicksal wird dem natürlichen Indigo zuteil, seitdem wir nach
A. v. Baeyers Entdeckung den Indigo billiger und reiner, als es die
Pflanzenkraft vermag, herstellen. So unterliegt auf diesem Gebiete die
Landwirtschaft der chemischen Industrie. Im Jahre 1889 kamen noch
33 612 Kisten Indigo aus Indien nach Europa. Heute hat die Einfuhr wegen
der gewaltigen Erzeugung des künstlichen Indigos in Deutschland fast ganz
aufgehört. Ein paar Fabriken bringen heute das hervor, was früher große
Landstrecken in Indien erzeugten.
Eine riesige Industrie setzt in Deutschland die wissenschaftlichen
Errungenschaften der Teerfarbenchemie in wirtschaftliche Werte um. Von den
zahlreichen großen Fabriken dieser Art sei nur die größte, die im Jahre
1865 gegründete _Badische Anilin- und Sodafabrik_ in Ludwigshafen am Rhein,
mit einigen Ziffern gekennzeichnet, um von der Ausdehnung dieser Industrie
einen kleinen Begriff zu geben:
Diese Fabrik beschäftigt heute über 200 Chemiker, 150 Ingenieure,
900 kaufmännische Beamte und über 8000 Arbeiter. Der Grundbesitz der Fabrik
beträgt 220 +ha+. Davon sind 411 200 +qm+ mit 450 Fabrikgebäuden,
656 Arbeiter- und 108 Beamtenwohnungen bebaut. Sie verbraucht jährlich etwa
35 000 Waggons Kohlen. Damit werden 160 große Dampfkessel geheizt, die
386 Dampfmaschinen treiben und 25 000 Pferdestärken erzeugen. Es werden
jährlich 50 000 000 Kubikmeter Wasser und 12 000 000 Kilogramm Eis
verbraucht. Eine eigene Gasfabrik liefert etwa 22 000 000 Kubikmeter Gas
zur Heizung und Beleuchtung. Außerdem sind Dynamomaschinen mit zusammen
10 000 Pferdestärken vorhanden, die 500 Elektromotoren, 1400 Bogenlampen
und 20 000 Glühlampen mit Elektrizität versorgen.
Neben dieser Fabrik sind vor allem die Farbwerke vormals Meister, Lucius
und Brüning in Höchst am Main hervorzuheben (Abb. 18).
[Illustration: Abb. 18. Gesamtansicht der Farbwerke vormals
Meister, Lucius u. Brüning, Höchst a. M.]
Es sind heute insgesamt ungefähr siebzig Teerfarbenfabriken in Tätigkeit,
die jährlich Farbstoffe im Werte von über 200 000 000 Mark erzeugen und die
Farbengier der ganzen Welt befriedigen. Das Kopftuch der Böhmin, der Schal
der Kreolin, der Sombrero des Mexikaners, der Fez des Türken, das Gewand
des Muezzin, der feine Perser- und der billige Juteteppich, die
Steinnußknöpfe des Negers, der Turban des Mohammedaners, die bunten
Plakate der Tanzunterhaltungen, die Ornamente der Tanzordnung, die Schuhe
und Seidengewänder der Ballkönigin, die Uniform des Marschalls und des
gemeinen Soldaten, die Kutte des Mönches und der Purpur des Kardinals, der
Hut des Bettlers und die Schleppe der Königin, sie alle sind geziert,
geschmückt und gefärbt durch die wunderbaren Stoffe, die, aus der dunklen,
toten Kohle hervorgezaubert, den Triumph des regenbogenfarbigen Lebens
verkünden. So erwächst aus der Vernichtung der Vorwelt das Streben und die
Bejahung eines neuen Lebens, so folgt auch hier dem frostigen, dunklen
Winter ein neuer lichter Frühling, ein Wiedererwachen der schlummernden
Kräfte und Möglichkeiten der Natur. Ein geringer Stoff, die Kohle, ist zur
Königin geworden, weil er, ohne sich vorzudrängen, im Bewußtsein seines
Wertes seine Zeit abwartete.
Hat hier die Chemie mit milder Ruhe farbige Schönheit geschaffen, so hat
sie in der Erzeugung von gewaltigen Zerstörungsmitteln, in der Steigerung
der menschlichen Kraft und Leistungsfähigkeit nicht weniger geleistet. Wenn
wir heute keine uneinnehmbaren Festungen mehr kennen, wenn wir die
mächtigsten Kriegsschiffe durch Torpedos vernichten, Felsen sprengen und
durchbohren, den Atlantischen Ozean mit dem Stillen verbinden und Berge
versetzen können, so ist dies nur möglich durch die wunderbar gewaltigen
Kräfte, die -- dank der Entwicklung der Chemie -- in einer kleinen
Stoffmenge aufgehäuft werden können, durch Kräfte, die wie gefesselte
Riesen, sich ruhig verhalten, bis die Fessel gelöst ist, durch jene Stoffe,
die nach der Art ihrer Wirkung, als _Sprengstoffe_ bezeichnet werden.
Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein war nur _ein_ Sprengstoff in
Verwendung, das bekannte Schießpulver, das eine Mischung von Kohle,
Schwefel und Salpeter ist, durch dessen Entzündung und darauffolgende
Verbrennung große Gasmengen so rasch gebildet werden, daß die fesselnde
Kapsel des Pulvers zersprengt und jedes Hindernis, das sich der Ausdehnung
der Gase in den Weg stellt, fortgeschleudert wird, daß, mit anderen Worten,
eine Sprengwirkung eintritt. Diese Mischung war vielleicht schon Hannibal
bekannt. Jedenfalls bedeutet das unklare Wort »+acetum+«, womit, wie Livius
sagt, Hannibal die seinen Marsch behindernden Felsen aus dem Wege räumte,
einen schießpulverähnlichen Sprengstoff, und nicht, wie die Philologen
sonderbarerweise meinen, »Essig«.
Als zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Chemie mündig ward, da wurde
nicht nur die Zahl der Sprengstoffe bedeutend vermehrt, sondern auch ihre
Wirkungskraft ins Riesenhafte erhöht. (Dabei spielt besonders die
Verwendung der Salpetersäure und der Salpeterschwefelsäure eine große
Rolle.)[1] Es wurde -- um nur die wichtigsten Produkte zu nennen -- die
Schießbaumwolle, das Dynamit, die Pikrinsäure und die Sprenggelatine
dargestellt. Die Schießbaumwolle ist heute ein Hauptbestandteil der meisten
rauchlosen Pulver, das Dynamit und die Sprenggelatine werden zu technischen
Sprengungen aller Art verwendet, während die Pikrinsäure den
Hauptbestandteil des französischen Melinits bildet, und das englische
Geschützpulver Lyddit nichts anderes ist als geschmolzene Pikrinsäure.
[1] Über die vielseitige Verwendung der Salpetersäure und der
Salpeterschwefelsäure in der Sprengstoffabrikation wie in der
chemischen Technik überhaupt gibt die beifolgende Tabelle aus
dem »Deutschen Museum« Aufschluß:
Die Verwendung der Salpetersäure in der chemischen Technik.
|
|
+-----+-----+--------+----+---+--+------+------+-----+------+----+------+
| | | | | | | | | | | |
Schweflige| Ammoniak | Silber | Eisen |Quecksilber | Zucker, |
Säure | | | | | | | | | Holz etc. |
| | | | | | | | | | | |
| Salzsäure | Arsenik | Kalk | Thorerde | Alkohol | Stärke
| | | | | | | | |\____ | | |
| | | | | | | | | \| | |
Schwefel- | Ammon- | Silber- | Eisennitrat | Quecksil- | | |
säure | salpeter | nitrat | (Seiden- | bernitrat | Oxal- |
| | | | | färberei) | (Filzfa- | säure |
| | | | | | brikation) | |
| | | | | | | Dextrin
Königs- | Arsen- | Kalksalpeter Thornitrat Knall-
wasser | säure | (künstl. Dünger) | queck-
| | | | silber
(Sprengstoffe, | | (Glühkörper)
Lachgas) | |
| |
(Fuchsin) |
|
(Chlor-, Brom-,
Jodsilber etc.)
Salpeterschwefelsäure
|
|
+-------+--------+------+------+----+----------+------+------+---------+
| | | | | | | | |
Glycerin | Benzol | Phenol | Naphtol | Benzaldehyd
| | | | | | | | |
| Cellulose | Toluol | Naphtalin | Zimmtsäure |
| | | | |\_____ | | | |
| | | | | \ | | | |
Nitro- | Nitrobenzol | | Pikrinsäure | | Nitro- |
glycerin | | | | | | | zimmtsäure |
| | | | | | Nitro- | | |
| Nitrocellulose | Nitrotoluol | | naphtalin | | Nitrobenz-
| | | | | | | | | aldehyd
| | (Anilin) | Nitrophenole | | Martiusgelb | |
| | | | | +----+---+
| (Collodium, | | | | |
| Celluloid, (Toluidin) | | (Naphtylamine) |
| Kunstseide, | | (Indigo)
| Explosivstoffe) (Amidophenole) |
| |
Dynamit (Pikratsprengstoffe)
(Sprengge-
latine etc.)
Metallätzung:
Kupfer- und Stahlätzung (graphische Kunst), Gelbbrennen des Messings,
Färben des Goldes, Weissblechätzung.
Alle diese Sprengstoffe entstehen durch die Einwirkung der für sich nicht
explosiven Salpetersäure auf ganz »unschuldige« Stoffe wie Baumwolle,
Glyzerin oder Phenol, das auch Karbolsäure genannt wird. Hier bewährt sich
wieder das Dichterwort: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
So verwandelt die Salpetersäure die Baumwolle in Schießbaumwolle, das
Glyzerin in das ölige Nitroglyzerin, die Karbolsäure in Pikrinsäure. Die
Schießbaumwolle wird entweder für sich angewendet oder mit Nitroglyzerin
vermischt (Sprenggelatine), oder mit Pikrinsäure vermischt (Melinit).
Geschmolzene Pikrinsäure bildet den Lyddit. Das Nitroglyzerin hingegen,
eine ölige Flüssigkeit von gelber bis bräunlicher Farbe, findet in reinem
Zustand wegen seiner ungeheuren Explosivität keine Anwendung und muß, um
verwendbar zu werden, erst von Kieselgur, einer lockeren Erde, aufgesaugt
werden. Es heißt in dieser, von Alfred Nobel entdeckten Form, Dynamit
(Abb. 19).
So ist das alte, rauchige, schwarze Schießpulver seiner höchsten Ehren
entkleidet worden. Nur zwei Gebiete sind seinem Machtbereich zum Teil
verblieben, die Jagd und die Feuerwerkerei.
Die meisten der in der Feuerwerkerei unter dem Namen »_Feuerwerksätze_«
verwendeten Mischungen bestehen aus Schwarzpulver oder einer aus seinen
Bestandteilen, also aus Salpeter, Schwefel und Kohle, zusammengesetzten
Mischung, wobei je nach dem Zweck der eine oder andere dieser Bestandteile
überwiegt. Bei Leuchtsätzen, wo es also darauf ankommt, ein helles,
lebhaftes Licht zu erzielen, wird der Salpeter ganz oder teilweise durch
chlorsaures Kali ersetzt. Während die Leuchtsätze hauptsächlich chlorsaures
Kali, Salpeter und Schwefel, sowie färbende Bestandteile enthalten und als
Treibmittel für sie Schießpulvermehl verwendet wird, ist bei den
Brandsätzen dem Schießpulvermehl noch ein leicht verbrennlicher Körper
zugemischt, der so langsam verbrennt, daß er während des Brennens genügend
Zeit hat, andere Stoffe in Brand zu setzen.
Die farbigen Feuer entstehen durch die Beimengung verschiedener Salze zu
den Leuchtsätzen. So wird für weiße, hell leuchtende Feuer, für
Leuchtkugeln, Signale usw. Magnesium als Grundlage benutzt. Grüne Farben
werden durch die Beimischung von Barytsalzen, rote durch Strontiumsalze,
blaue durch Kupfersalze und gelbe durch besonders große Mengen von Schwefel
und Salpeter erzeugt.
[Illustration: Abb. 19. Apparat zur Herstellung von Dynamit.
(Aus der Aktiengesellschaft Dynamit Nobel, Wien.)]