Solche Massenräume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verla

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Die Romantik der Chemie

Von

Dr. Oskar Nagel

Mit 26 Abbildungen und 4 Tabellen

[Illustration: Signet]

_Stuttgart_

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung

1914

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

+Copyright 1914 by

Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+

+STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI

HOLZINGER & Co. STUTTGART+

[Illustration: Dekoration]

Wenn irgendeine Wissenschaft uns zu souveränen Herren der Natur gemacht und

uns aus Naturbeherrschten in Beherrscher der Natur umgewandelt hat, so ist

dies das spätgeborene Kulturkind der Menschheit, die Wissenschaft der

Chemie. Sie gleicht einem Kinde, das Jahrtausende dazu gebraucht hat, das

Sprechen zu erlernen, aber dann mit einemmal imstande war, die während der

Jahrtausende angehäuften Eindrücke, die es von der Welt empfangen, in

prachtvoller, sinnreicher, künstlerischer Sprache wiederzugeben. Sie

gleicht einer Pflanze, die durch Jahrtausende kräftig-fleischige Blätter

angesetzt hat, um plötzlich, über Nacht, die schönsten Blüten

hervorzubringen. Sie gleicht einem spät erkannten, lange verachteten Stein,

der, endlich gewürdigt und erkannt, durch diese Erkenntnis wie mit einem

Zauberstabe berührt, sich in jeden gewünschten, wunderbar-merkwürdigen

Stoff verwandelt; oder dem mystischen Schlüssel Mephistos, der den grauen

formlosen Nebel in Götter umformt.

Wie geheimnisvoll und märchenhaft klingt schon der Name »Chemie«! Und in

der Tat, sie ist märchenhaft: ein Dornröschen, durch das reine Streben

geistvoller Männer aus dem Schlafe erweckt; ein Midas, der alles, was er

anfaßt, in Gold verwandelt; ein Heiliger, der Wasser aus dem Felsen

schlägt; ein vom edelsten Willen beseelter Erlöser, der alle Hungrigen

speisen möchte; ein Herakles, der den Augiasstall reinigt; ein licht- und

wärmebringender Prometheus; ein bergezertrümmernder Titan; ein heilender

Äskulap; eine kunstfertige, schmuckliebende Athene -- das alles ist die

Chemie.

Ein Midas, der, was er berührt, in Gold oder Goldeswert verwandelt, der aus

schmutzigem Erz und Sand Gold und Eisen herstellt, anspruchslose Erden zu

sonnenhaftem Lichte erglühen läßt, durch Zusammenschmelzen weicher Stoffe

diamantharte Substanzen darstellt, durch Vermengung schwacher Materien

Sprengstoffe von ungeheurer Gewalt erzeugt, der aus traurig-schwarzer Kohle

prächtige Farben in heiterer Buntheit erstehen läßt, und so reichlich

erschafft, was die Natur kärglich hervorbringt.

Midas ist das Sinnbild des nach Besitz gierigen und nach dem Besitz der

Besitze, nach Gold, hungrigen Menschen. Solange das Menschengeschlecht

lebt, lebt Midas.

Das Gold hat schon frühzeitig durch seinen Glanz, seine auffallende Farbe

und seine Unveränderlichkeit die Aufmerksamkeit des vorhistorischen

Menschen auf sich gezogen, seine Habsucht erweckt und die Lust gereizt,

sich damit zu schmücken, zumal da es sehr leicht bearbeitet werden kann.

Goldene Hefteln, goldener Halsschmuck waren damals das Vorrecht der

Mächtigen und Reichen. -- Ursprünglich beachtete man wohl nur die größeren

in der Natur gediegen vorkommenden Goldklumpen und -klümpchen, doch

schärfte sich allmählich der golddurstige Blick, so daß der Mensch auch

Goldkörner zu sammeln begann, wie man sie in dem Flußsande mancher Gewässer

findet. Hierauf lernte man von den Flüssen das Waschen von Gold, das

Schlämmen und den daraus entstandenen einfachen Pfannenprozeß, indem man

fließendes Wasser durch goldhaltigen Sand leitete, so daß der leichtere

Sand mit dem Wasser fortgeführt, das schwere Gold aber zurückgelassen

wurde. Schließlich erfand man das »Pochwerk«, in dem goldreiches Gestein zu

Sand zerpocht und zerhämmert wurde, woraus dann durch Schlämmen das Gold

ausgewaschen werden konnte. Darüber kam man durch Jahrtausende nicht

hinaus. Und Handel und Industrie waren durch den Mangel an Gold, das

inzwischen zum Wertmesser erhöht worden war, in ihrer Entwicklung stark

gehemmt.

So litt die Menschheit unter selbstauferlegten Fesseln, quälte sich ab in

dem selbstgezimmerten Prokrustesbette. Da kam ihnen ein Zauberer in ihrem

Kampfe ums Gold zu Hilfe.

Die moderne Chemie lieferte neue Waffen für diesen Kampf, Waffen von bisher

ungeahnter Schärfe und Wirksamkeit, und ermöglichte die Gewinnung des

Goldes aus Gesteinen, die so wenig davon enthielten, daß man vorher nicht

nur die Gewinnung für unmöglich gehalten, sondern nicht einmal die

Anwesenheit des Goldes darin hätte feststellen können. Die ganze Art der

Goldgewinnung wurde damit von Grund aus geändert, ein völlig neues

Verfahren drängte das alte Waschverfahren in den Hintergrund und

gestattete eine bedeutende Vergrößerung der Golderzeugung der Welt. Die

Goldsucher, die sogenannten »+Prospectors+«, begannen wieder tätig zu

werden; mit ihrer einfachen Ausrüstung durchstreiften sie, golderzsuchend

und auf rohe Art -- so gut es eben ohne viel Sachkenntnis und mit einfachen

Mitteln möglich war -- auch golderzprüfend, die Goldgebiete Afrikas,

Amerikas und Australiens, nahmen Beschlag von den Minerallagern, in denen

sie Gold fanden, steckten ihre »Claims« aus, ließen diese ihre Ansprüche

von der Bergbauobrigkeit bestätigen, verteidigten ihre Rechte mit

scharfgeladenem Revolver und errichteten dann Schmelzwerke an Ort und

Stelle oder verkauften ihre Rechte an die großen Goldunternehmer.

Während man also ursprünglich nur _das_ Gold gewann, das man mit seinen

eigen Augen sah, und später auch solches, das man nach einer einfachen

Schlämmprobe im »goldverdächtigen Sande« gefunden hatte, tritt mit den

Errungenschaften der neueren Chemie und Technik die Goldgewinnung in ein

neues Stadium. Der Laboratoriumschemiker hat nun seine Hilfsmittel derart

verfeinert, daß er das Gold in goldarmem Gestein selbst dann noch ganz

genau nachweisen kann, wenn bloß ein Gramm des Edelmetalls in

1000 Kilogramm Gestein enthalten sind, also selbst dann, wenn es bloß ein

Millionstel des Gesteinsgewichtes ausmacht. Und der technische Chemiker hat

nach vielen mühevollen Versuchen gelernt, diese Ergebnisse des

Laboratoriums zu benutzen und zwar gewinnbringend zu benutzen, wenn der

Goldgehalt des Gesteines in 1000 Kilogramm 6 Gramm oder mehr beträgt. Man

muß versuchen, sich dieses Gewichtsverhältnis vorzustellen, wenn man die

Größe dieser Leistung, die Romantik des Vollbrachten, würdigen will. Die

Zeit, wo der Alchimist vergeblich in seiner Kammer brütete, hat einer Zeit

genauer, sicherer, erfolgreicher und gewaltiger Arbeit Platz gemacht. Ganze

Sandberge werden heute in Amerika mit großen mechanischen Schaufeln

abgetragen, Berge von gemeinem, unscheinbarem Sand, Berge von Sand, die in

1000 Kilogramm 6 Gramm Gold enthalten, aus dem das Edelmetall mit großem

Vorteile gewonnen wird.

Das Verfahren, durch das diese Gewinnung ermöglicht wird, ist das denkbar

einfachste. Das Erz wird -- wenn es nicht schon ohnehin sandförmig ist --

zunächst gemahlen und zwar in sogenannten Kugelmühlen -- kurze, sich

drehende Trommeln mit Stahlkugelfüllung, worin die Kugeln durch die

drehende Bewegung geschüttelt werden und dadurch eine mahlende Wirkung

ausüben -- oder in sogenannten Rohrmühlen, in denen die mahlenden Kugeln in

einem langen Stahlrohre untergebracht sind. Manche Erze müssen vor dem

Zermahlen mit Hilfe von Röstöfen unter Luftzutritt erhitzt, »geröstet«

werden (Abb. 1, 2, 3).

[Illustration: Abb. 1. Kugelmühle.]

[Illustration: Abb. 2. Rohrmühle.]

Die gemahlenen Erze kommen nun in große Bottiche, Zyanidbottiche genannt,

die in manchen Werken einen Durchmesser von 10 Metern haben und mehrere

Meter hoch sind. Verdünnte Zyankaliumlösung wird nun dazugetan, und diese

Lösung wird mit Hilfe einer Pumpe solange in Umlauf versetzt und in

Bewegung erhalten, bis das Gold vollständig aus dem Erz entfernt und im

Zyankalium gelöst ist. Die Zyankaliumgoldlösung wird nun aus dem Bottich

abgezogen und das darin enthaltene Gold entweder mit Hilfe des elektrischen

Stromes oder mit Hilfe von Zinkspänen, die das Gold zu »fällen« vermögen,

als feiner Goldschlamm gewonnen, der dann in kleinen Öfen umgeschmolzen

wird (Abb. 4, 5, 6, 7).

[Illustration: Abb. 3. Mechanischer Röstofen.]

Vor der Entdeckung dieses Verfahrens, des sogenannten Zyanidprozesses,

waren die Erze, die heute hauptsächlich damit verarbeitet werden, ganz

wertlos, da eine Gewinnung des Goldes durch Schlämmen aus ihnen unmöglich

war, weil einesteils das Gold darin in eigentümlichen Verbindungen,

gleichsam chemisch verwachsen vorkommt, und anderesteils in so feiner

Verteilung das Erz durchsetzt, daß man für den Schlämmprozeß ein Pulver von

mindestens 1/40 Millimeter Körnergröße hätte herstellen müssen. Das

bedeutet aber solche Feinheit, daß auch das Gold durch fließendes Wasser

fortgeschwemmt wird und sich lange Zeit in der Flüssigkeit schwebend

erhält.

Sowohl in Amerika als auch in Afrika und Australien sind nun riesige

Zyanidanlagen in fortwährender Tätigkeit, um das Gold aus zermahlenem

Golderz oder schwach goldhaltigem Sande auszuziehen, und der größte Teil

der Weltproduktion, die im Jahre 1911 an 1900 Millionen Mark betrug, wird

auf diese Weise gewonnen. Im hügeligen und bergigen Gelände des

amerikanischen Westens sieht man häufig die eigenartig gebauten, an den

Bergabhang gelehnten Zyanidwerke, denen oben das Erz in Waggonladungen

zugeführt wird. Auf dem Wege nach unten wird dem Erz das Gold durch

Zyankalium entzogen und am unteren Ende der »Goldmühle« das gediegene Gold

in Barren gegossen. Unermüdlich mahlen die Mühlen, unermüdlich übt das

Zyankalium seine lösende Wirkung aus; ohne Ruhe und ohne Rast, Tag und

Nacht, in stetiger, einförmiger Gleichmäßigkeit wird hier gewonnen, was

dann draußen die Menge in rasende Aufregung versetzt, wird das Ziel der

Habgier gewonnen, wird das gewonnen, was viele für den eigentlichen

Lebenszweck halten, das, was sie für wertvoller achten als das Leben selbst

(Abb. 8).

[Illustration: Abb. 4. Zyanidbottich.]

Aber selbst durch die jetzt mögliche große Golderzeugung ist das Streben

nach Gold nicht befriedigt, und unbefriedigt ist auch die forschende

Neugier des Menschen. Gleich der Lernäischen Schlange bringt jede gelöste

Frage weitere Aufgaben hervor; ist ein neues Verfahren gefunden, da heißt

es wieder alle Einzelheiten des Verfahrens verbessern, und jede Einzelheit

stellt eine neue Aufgabe dar. Dazu kommt noch das beständige Streben nach

Verbilligung der Rohmaterialien, das Streben, selbst das elendeste Material

verwenden zu können.

Man wird nun fragen: Kann für die Goldgewinnung noch minderes Material zur

Verwendung kommen, als das heute verwendete arme Erz? Ist es nicht

hinreichend, wenn man 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm Gestein gewinnt? Die

Antwort lautet: Nein, für den strebenden Menschen ist nichts hinreichend.

Er kennt keinen Stillstand, soll keinen kennen. »Im Weiterschreiten find'

er Qual und Glück, Er, unbefriedigt jeden Augenblick.«

[Illustration: Abb. 5. Spezialbottich zur Goldgewinnung.]

So hat man denn die Aufmerksamkeit auf ein Goldlager gelenkt, das wohl groß

und mächtig ist, aber nur so geringe Spuren Goldes enthält, daß schon die

Absicht, es zu gewinnen, lächerlich und das Gelingen dieses Versuches als

wahrhaft romantisch erscheinen muß. Dieses große Goldlager ist der Ozean.

Während man bisher nach dem Zyanidverfahren 6 Gramm Gold aus 1000 Kilogramm

Erz gewinnt, handelt es sich nun darum, Gold aus dem Seewasser zu gewinnen,

das in mehr als 200 000 Kilogramm _ein_ Gramm Gold enthält, also nur 1/1200

so viel wie die ärmsten heute verarbeiteten Erze. Aber man scheut eben auch

vor dem scheinbar Widersinnigen nicht zurück, man tritt guten Mutes an die

Aufgabe heran, Gold aus einer Lösung zu gewinnen, die in

200 000 000 Gewichtsteilen nur einen Gewichtsteil Gold enthält, und die

Frage, einmal aufgeworfen, wird fort und fort bearbeitet, bis sie gelöst

ist. Sie läßt den Kopf des Forschers nicht zur Ruhe kommen; er _muß_ sich

mit ihr beschäftigen, ganz gleichgültig, ob die Lösung für _ihn_

gewinnbringend ist oder nicht.

Hier müssen wir uns fragen, ob eine solche Gewinnung des im Meerwasser

_gelösten_ Goldes (wohlgemerkt, es ist gelöst und nicht als Pulver oder

Staub im Seewasser enthalten) die Golderzeugung der Welt bedeutend erhöhen,

ob sie gewinnbringend gestaltet werden und welche Folgen sie schließlich

für die menschliche Kultur haben könnte.

[Illustration: Abb. 6. Fällkästen im Fällungsgebäude.]

Ein Kubikmeter Seewasser enthält 5 Milligramm Gold; ein Kubikkilometer

5000 Kilogramm. Da nun die Weltmeere einen Rauminhalt von über

1 200 000 000 Kubikkilometer besitzen, so enthalten die Ozeane der Erde

6 000 000 000 000 Kilogramm Gold. Gegenwärtig beträgt die jährliche

Golderzeugung der Welt ungefähr 500 000 Kilogramm, und dürfte bei Anwendung

des Zyanidverfahrens eine Menge von 600 000 Kilogramm wohl niemals

überschreiten; demnach würde das Gold des Ozeans das Zehnmillionenfache der

gegenwärtigen Jahreserzeugung gegenüber darstellen.

Eine mächtige Aufgabe also, dieses ungeheure Goldlager zu erschließen, den

Golddurst der Menschheit zu stillen, das Gold schließlich aus seiner

tyrannischen Ausnahmestellung, die es als Wertmesser und Geldmaßstab

innehat, zu verdrängen und dadurch die Menschheit vom Joche der

Goldsklaverei zu befreien, einer Sklaverei, die um so mehr zunehmen würde,

als die heutige Golderzeugung durch das Zyanidverfahren sich wohl nicht

lange auf der bisherigen Höhe wird halten können.

[Illustration: Abb. 7. Goldschmelzofen.]

So ist man denn kühn auf das Ziel zugeschritten. Die ersten Ideen und Pläne

zur Gewinnung des ozeanischen Goldes gingen darauf hinaus, das Wasser in

große Bottiche zu pumpen und ihm Zinnsalz zuzufügen; dadurch wollte man das

Gold als Pulver ausscheiden, da es sich auch aus gewöhnlicher Goldlösung

bei Zugabe dieses Salzes ausscheidet. Es fand aber wider Erwarten im

Bottich keine nennenswerte Goldausscheidung statt, da das Seewasser eine

unendlich verdünnte Goldlösung darstellt, in der eben das Zinnsalz nicht

mehr wirkt. Aber selbst wenn das Gold auf diese Weise ausgeschieden werden

würde, so wären infolge des äußerst geringen Goldgehaltes des Meerwassers,

der langen Zeitdauer, die das Absetzen des Goldstaubes in Anspruch nimmt,

usw., so viele und so große Holzbottiche zur Gewinnung selbst kleiner

Goldmengen nötig, daß ein solches Verfahren -- bei dem das Seewasser durch

lange Zeit hindurch in einem Bottiche gehalten werden muß -- von vornherein

jeden technischen Erfolg ausschließt.

Und so schritt man in Amerika, an der Küste des Atlantischen Ozeans zu ganz

eigenartigen Versuchen, die in den Jahren 1910 und 1911 bei Fire Island,

und an verschiedenen Punkten der Küste von New Jersey ausgeführt wurden.

Man suchte und fand einen Stoff, der zu dem in äußerster Verdünnung

vorhandenen Golde eine so nahe chemische Verwandtschaft hat, daß Seewasser

beim Durchfließen eines mit diesem Stoff erfüllten Behälters das gelöste

Gold an den »Stoff« abgibt, in dem sich das Metall derartig anreichert, daß

man schließlich ein sehr goldreiches »künstliches« Erz erhält, aus dem dann

das Gold auf mannigfache Weise gewonnen werden kann.

[Illustration: Abb. 8. Amerikanische Zyanidanlage.]

Nach vielen Versuchen fand man nämlich, daß Hochofenschlacke, nachdem sie

mit Eisenvitriol behandelt worden war, und auch einige andere Stoffe die

Eigenschaft haben, das Gold dem Seewasser zu entziehen. Man fand, wie der

»Stoffbehälter«, durch den das Seewasser fließt, zweckmäßig gebaut und

angelegt werden müsse; man fand durch praktisches Ausprobieren der Pumpen,

daß die Förderung des Wassers aus dem Ozean in den »Stoffbehälter« sehr

billig ausgeführt werden könne; man fand, wie man an einer Landzunge eine

derartige Fabrikanlage errichten könne, so daß stets frisches Seewasser in

die Pumpen gelangt und das des Goldes beraubte Wasser in solchem Abstande

abfließt, daß es nicht wieder in die Pumpen gelangen kann. Und so ist nun

der Grundstein gelegt für eine neue chemisch-metallurgische Industrie.

An diesem Beispiele sehen wir klar und deutlich, wie die Chemie ihre Mittel

und Methoden immer mehr verfeinert und wie sie mit Kleinem und Kleinerem,

Großes und Größeres erreicht. Nichts ist ihr zu gering, denn sie weiß

unzählige kleine Teile zu einer mächtigen Summe zusammen zu addieren, die

stoffliche Zerstreutheit wie durch eine Brennlinse zu mächtiger Einheit zu

sammeln.

[Illustration: Abb. 9. Hochofenanlage mit Hafen in Rheinhausen

bei Duisburg (Firma Fried. Krupp A.-G., Essen.)]

Dieselbe Sorgfalt, die man der Entdeckung und Verwertung von Spuren von

Gold gewidmet hat, ist auch den gröberen Metallen zuteil geworden, und

dadurch sind Gegenstände, die in früheren Zeiten nur den Reichsten zur

Verfügung standen, Allgemeingut geworden; die chemische Technik hat in

glänzender Weise die Aufgabe gelöst, ungeheure Massen von Rohmaterial zu

verarbeiten, um die Ansprüche des Menschengeschlechtes zu erfüllen. Auch

bei diesen gröberen Metallen hat man gelernt, mindere und ärmere

Rohmaterialien zu verwerten und dadurch -- da die armen Erze sich in schier

unerschöpflichen Lagern vorfinden -- das Fabrikat zu verbilligen.

Was in dieser Hinsicht erreicht und geleistet worden ist, können wir

insbesondere an der Entwicklung der _Eisenindustrie_ sehen. In früherer

Zeit wurde nur ausgezeichnetes, reiches, stückförmiges Erz verarbeitet. In

kleinen, niedrigen Öfen wurde das Erz mit Holzkohle vermischt, der Wirkung

der Gebläseluft ausgesetzt, und mühsam arbeiteten die plumpen

Gebläsemaschinen. In kleinen Mengen wurde da das Gußeisen hergestellt, um

dann durch umständliche Handarbeit, durch Rühren auf Herdöfen, in Stahl

umgewandelt zu werden. Diese Umwandlung beruht, nebenbei bemerkt, im

wesentlichen darauf, daß Gußeisen, das stets an Kohlenstoff reich und

deshalb spröde ist, wenn es in geschmolzenem Zustande mit Luft in Berührung

kommt, einen großen Teil des Kohlenstoffes verliert, indem dieser durch die

Luft verbrannt wird. Dadurch geht das Gußeisen in ein kohlenstoffarmes,

elastisches Material, Stahl genannt, über.

Aus dem kleinen Eisenschmelzofen ist im Laufe kurzer Zeit der riesige,

moderne Hochofen geworden; die verbrauchte Gebläseluft, die oben als

Gichtgas abzieht, wird heute in großen Gasmaschinen verbrannt; dadurch

werden Millionen von Pferdekräften, die vormals verloren gingen, als

Betriebskraft für riesige Gebläse- und andere Maschinen und zum Heizen von

Dampfkesseln nutzbar gemacht (Abb. 9, 10).

[Illustration: Abb. 10. Blick in eines der Gasgebläsehäuser der

Gußstahlfabrik Fried. Krupp A.-G., Essen.]

Anstatt reichen, stückförmigen Erzes wird heute minderwertiger Erzstaub

verarbeitet; hat man früher die Umwandlung von Roheisen in Stahl nur mühsam

vollbracht, so geschieht dies heute automatisch auf die allerbequemste

Weise in denkbar kürzester Zeit. Drei Stahlgewinnungsverfahren herrschen

heute in der Industrie, und ein viertes bewirbt sich rege um die

Mitherrschaft. Nach dem _Bessemerverfahren_ kommt das flüssige Roheisen in

ein großes, mit feuerfestem Ton ausgemauertes, birnenförmiges Gefäß, die

Bessemerbirne, die oben offen ist, während unten gepreßte Luft durch das in

der Birne enthaltene flüssige Roheisen geblasen wird, um es in wenigen

Minuten in Stahl zu verwandeln. Das _Thomasverfahren_ verwendet dieselbe

Vorrichtung, benützt aber Kalk und Magnesia als Ausmauerungsmaterial, was

zur Folge hat, daß phosphorsäurehaltige Erze, die im Bessemerverfahren

nicht verarbeitet werden können, zur erfolgreichsten Verwendung kommen,

während zugleich die phosphorsäurereiche Thomasschlacke, gepulvert

Thomasmehl genannt, als wertvolles Düngemittel erhalten wird. Das dritte

Verfahren ist das _Martinverfahren_, bei dem gasgefeuerte, horizontale Öfen

verwendet werden. Neuestens tritt die _Elektrostahlerzeugung_ auf den Plan

und wird in kohlenarmen Ländern, die über Wasserkräfte verfügen, von

täglich steigender Bedeutung, da sich in solchen Ländern bei der

Möglichkeit, Elektrizität billig herzustellen, der Betrieb elektrischer

Öfen gut lohnt (Abb. 11, 12, 13, 14.)

[Illustration: Abb. 11. Geschnittene Bessemerbirne der Firma

Fried. Krupp. (Deutsches Museum.)]

[Illustration: Abb. 12. Bessemerbirne gekippt zum Entleeren des

erzeugten Schmiedeeisens. (Deutsches Museum.)]

Zumal in der jüngsten Vergangenheit hat sich die Eisenindustrie mächtig

entwickelt. Immer riesenhafter wurden die Maße genommen, von den Erzbunkern

bis zu den Werkstätten und Magazinen. Vorratskammern für Erz (Silos) bis zu

300 Metern Länge, zwei- und dreifach nebeneinander gebaut, sind gar nicht

selten. Und welche Massen werden mit einem Male auf die Gichtplateaus

gefördert, um von da in den Hochofen zu gelangen! In schwindelnder Höhe

schwebt der Erzkübel, der selbst seine sieben Tonnen wiegt; mit einem

ebenso schweren Inhalt an Erz. Die Gasreinigungen, durch die das oben

entweichende Hochofengas von Staub befreit wird, um zum Betrieb von

Gasmotoren brauchbar zu werden -- vor Jahren kleine Nebenanlagen -- sind

heute großmächtige Fabriken geworden, in denen ein Dutzend komplizierter

Apparate steht. Die »Zentralen«, in denen das Gichtgas zur Krafterzeugung

verwendet wird, zählen erst mit von 25 000 Pferdestärken an; und zwölf

mächtige Gasmotoren ist das gewöhnliche; manche Anlagen bergen vierzehn

dieser Ungeheuer mit 40 000 Pferdestärken und mehr; auf der einen Seite die

Hochofengebläse mit dem kurzen, stoßenden Atem, auf der anderen Seite die

Gasdynamos in Reihe und Glied, die ungeheueren Schwungräder bewegend. Die

Hochöfen werden immer höher und weitbauchiger. In Deutschland baut man sie

jetzt mit einem Fassungsraum von einer halben Million Kilogramm. Die

Mischer aber, in denen das flüssige Roheisen aufgespeichert wird, sind

doppelt so groß, was das Fassungsvermögen anlangt. Die Thomaswerke sind zu

Kolossalbauten geworden; den 30-Tonnen-»Konverter« sieht man schon sehr

oft, und Martinöfen von 110 Tonnen sind nichts Unerhörtes.

Die Rohblöcke, die ins Walzwerk geschafft werden, sind bis auf fünf Tonnen

das Stück angewachsen. Man walzt Längen bis zu 120 Meter. In Hagendingen

ist die Halle vom Blockwalzwerk bis zur Verladung 530 Meter lang.

Solche Massenräume mit ihren gigantischen Erzeugnissen verlangen

entsprechende _Transporteinrichtungen_. Man bedenke, daß allein auf dem

Hochofenwerk Kneuttingen des Lothringer Hütten-Vereins täglich 1200 Waggons

zu befördern sind. Da die verwendeten Erze nur wenig gehaltreich sind,

braucht man große Mengen, ebenso von Koks. Das Roheisen soll zum Mischer

und Sammelwerk, der Block zum Walzwerk, die Fertigfabrikate sollen in den

Waggon. Man sieht zwar auf einem alten Werk noch einige wohlgenährte

Pferdchen Schienen zu den Bearbeitungsmaschinen ziehen; in demselben Werk

mühen sich auch noch viele Männer ab, um einen Wagen mit Knüppeln zu

schieben. Aber das sind Ausnahmen, die heute ins Museum gehören und auch

bald verschwinden werden. Im übrigen hat die Industrie in der schweren

Massenbeförderung bewundernswerte Fortschritte gemacht. Da ist die

elektrische oder feuerlose Lokomotive und vor allem der Kran und die

Drahtseilbahn; Kräne bis 55 Meter Spannweite bestreichen die weiten Räume

und arbeiten dabei so leicht und geschickt, wie eine menschliche Hand.

Drahtseilbahnen von Meilenlängen sind keine Seltenheit, und gewaltige

Hochbahnen wecken unser Erstaunen.

»_Ausschaltung der menschlichen Arbeitskraft_ ist das ideale Ziel. Die

Mechanisierung der Arbeit beherrscht die Werke. Du stehst in dem endlos

großen Hochofenwerk; vom Erzlager bis zu den Zentralen kaum ein Mensch; es

donnert und poltert, es braust und zischt, aber das Ganze scheint von

unsichtbaren Händen geleitet zu sein. In der Elektrohängebahn, die die Erze

auf den Ofen schafft, stehen an den entscheidenden Punkten einzelne Leute,

um das weitläufige Getriebe vor Störungen zu bewahren; Lichtsignale

erleichtern die Verständigung. Auf dem Gichtplateau des modernen Hochofens

sieht man keinen Menschen. Der Erzkübel setzt sich automatisch auf den

Hochofen, entleert sich in den Ofenschacht und schließt den Ofen. So geht

die Arbeit Tag und Nacht, Jahre hindurch, bis der Ofen seine Reise beendet

hat.«

[Illustration: Abb. 13. Bessemerwerk (Fried. Krupp A.-G.,

Essen).]

An Licht und Luft ist nicht gespart. Schön und gewaltig hat man in den

letzten Jahren auch für den Arbeiter und Angestellten gebaut. Eine

Arbeiter- und Beamtenkolonie ist prächtiger als die andere; dazu kommen

Kasinos, Konsum-Anstalten, Ledigenheime, Speiseanstalten, Schlafhäuser.

Der Mann aus dem Mittelstande kann nicht besser untergebracht sein als die

Mehrzahl der Arbeiter und Beamten in den Eisenwerken. So muß es aber auch

sein. Man hat schon Sorgen genug, Arbeiter zu bekommen und festzuhalten.

Man muß den Leuten Annehmlichkeiten bieten, denn die nächste Stadt ist

weit und die Zeit sie zu besuchen, fehlt. So sind denn die

Wohlfahrtseinrichtungen unbedingt notwendig, und die Millionen, die dafür

aufgewendet werden, gehören zu den notwendigen Ausgaben.

Man wirtschaftet sparsam; alle Abfallstoffe werden verwertet; das

Hochofengas zur Krafterzeugung; die Hochofenschlacke zur Zementfabrikation

und zur Erzeugung von Schlackenwolle, die als Filtriermaterial dient.

Der Stahl der großen Stahlwerke wird dann von kleineren Spezialfabriken

noch weiter veredelt und wertvoller gemacht. Welche Werte die Veredelung

des Eisens schafft, möge ein Beispiel zeigen: 100 Kilogramm Roheisen kosten

5 Mark; in Form von Uhrfedern aber haben 100 Kilogramm Eisen einen Wert von

1 700 000 Mark.

So veredelt die Chemie die Stoffe, die wir aus den dunklen Schächten und

aus der finsteren Meerestiefe heraufholen. Lichtverbreitend und aufklärend

schafft sie stets Fortschritt. _Lichtverbreitend_ auch im eigentlichen

Sinne des Wortes. Die Chemie hat uns die Mittel in die Hand gegeben, das

armselige Öllämpchen und die dürftige Talgkerze durch sonnenähnliche

Lichtquellen zu ersetzen. Sie brachte uns die Stearinkerze, diese sichere,

bequeme, tragbare Gasfabrik, in der das Stearin geschmolzen, vergast und

verbrannt wird; sie ließ uns das Leuchtgas finden und das Petroleum, das

Gasglühlicht, die Quecksilberdampflampe und das Azetylen; und sie half

mächtig mit bei der Verbesserung der elektrischen Glühlampen, so daß das

Meer von Licht, das heute von jeder Stadt ausgeht, und die Billigkeit des

modernen elektrischen Glühlichtes in hohem Maße der Chemie zu danken sind.

[Illustration: Abb. 14. Martinwerk I (Fried. Krupp A.-G., Essen).]

Das _Leuchtgas_, welch kühne Erfindung! Welche Überwindung von

Schwierigkeiten in der Anwendung! Welcher Arbeitsaufwand war erforderlich,

um nur die unterirdischen Röhren in einem die ganze Stadt versorgenden

Netze zu legen und diese Röhren mit der nötigen und wechselnden Gasmenge zu

speisen! Bei Tage geringer Verbrauch, bei Einbruch der Dunkelheit eine

plötzliche, riesige Inanspruchnahme. Das Ganze versorgt aus einem

Mittelpunkt, aus einem Herzen, das ganz verläßlich und tadellos arbeiten

muß, um überhaupt brauchbar zu sein. Die chemische Technik hat diese große

Aufgabe glänzend gelöst. Und heute wird in glatter Arbeit in all den

Gaswerken in Hunderttausenden großer Tonretorten Steinkohle erhitzt, wobei

Koks als wertvoller Rückstand bleibt, während das heiße Leuchtgas, mit Teer

gemischt, entweicht. Durch Kühlen und Waschen wird das Gas von Teer und

Verunreinigungen befreit und wandert in die großen Gasbehälter, die

modernen Wahrzeichen der Städte, um aus diesen stählernen Vorratskammern in

großen Mengen freigelassen zu werden, zur Stillung des mannigfaltigen

Lichtbedarfes der stets anspruchsvoller werdenden Menschheit (Abb. 15).

Dann die Verdrängung der offenen gelben Gasflamme durch das blendend weiße

_Gasglühlicht_, nachdem man entdeckt hatte, daß gewisse Erden, insbesondere

Thoriumnitrat, das eine Spur Zernitrat enthält, in der Hitze der Gasflamme

ein weißes helles Licht ausstrahlen. Welche Schwierigkeiten waren da zu

überwinden infolge der Gebrechlichkeit der Glühstrümpfe und wie viel

größere noch infolge der Seltenheit des Rohmaterials. Doch sie wurden durch

Forschen und Suchen, durch stetige, vom Glücke begünstigte Arbeit

überwunden. Als das Glühlicht entdeckt wurde, kannte man nur spärliche

Lagerstätten des Monazits, jenes wertvollen Erzes, aus dem das Thorium und

Zer gewonnen werden, und beinahe wäre wegen der Knappheit der

Rohmaterialien die Glühlichterfindung gescheitert, hätte man nicht

zufälligerweise gerade damals große Monazitlager in Amerika entdeckt. So

trat das Leuchtgas, das man bereits durch die Elektrizität überwunden

glaubte, wieder mit frischer, erneuerter Jugendkraft auf und feierte eine

Wiedergeburt, die es mit dem elektrischen Lichte in erfolgreichen

Wettbewerb treten ließ.

[Illustration: Abb. 15. Blick in die Nürnberger Gasanstalt mit

schrägliegenden Retorten. (Deutsches Museum.)]

Nun konnten die Straßen und Häuser, Läden und Wohnungen, auch ohne

elektrische Leitung in glänzendem Lichte erstrahlen. Doch auch dem einsamen

Landhause schuf die Chemie Befreiung von dem lästigen Öllämpchen und von

der armseligen Unschlittkerze, auch von der viel besseren, aber immerhin

noch kümmerlichen Lichtquelle der Stearinkerzenflamme. Das _Petroleum_

tritt auf. Man findet im Inneren der Erde Lagerstätten eines schmutzigen,

dickflüssigen, explosiven Öles, das in vergangenen Zeiträumen durch

Zersetzung pflanzlicher und tierischer Überreste entstanden ist. Was einst

im herrlichen Sonnenlichte erwachsen ist, dient nun, aus der Finsternis

wieder zutage gebracht, dazu, die Finsternis zu vernichten und die Nacht

zum Tage umzugestalten. Der Chemiker findet Wege, das schmutzige Erdöl zu

reinigen, indem er es mit starken Säuren und Laugen wäscht; er lernt, das

Erdöl sozusagen »mürbe« zu machen, indem er es durch Destillation zwingt,

in seine drei Hauptbestandteile zu zerfallen, in das flüchtige Benzin, in

das Leuchtöl, das ohne Explosionsgefahr in Lampen verbrannt werden kann,

und in das kostbare Schmieröl, das, den Reibungswiderstand vermindernd, ein

glattes Laufen der verschiedensten Maschinen ermöglicht.

Aber eine noch bessere und schönere Lichtquelle wird für das einsame

Landhaus, für das Sommerhotel und für die Hochgebirgshütte gefunden, indem

man einen Stoff benutzt, der durch zwangsweise Vereinigung einer

unverbrennlichen weißen mit einer verbrennlichen schwarzen Masse entsteht.

Kalk und Kohle, in der Riesenhitze des elektrischen Ofens zur engsten

Verbindung genötigt, ergeben das als Kalziumkarbid bekannte Material, das,

mit Wasser übergossen, ein mit blendend weißer Flamme brennendes Gas, das

Azetylen, liefert. An mächtigen Wasserkräften stehen die elektrischen Öfen

und erzeugen große Mengen von Kalziumkarbid, das in Büchsen verpackt, in

entlegene Einsamkeiten versendet wird, um dort mit Hilfe eines sicheren,

handlichen, bequemen, kleineren oder größeren Apparates zur Gaserzeugung

verwendet zu werden. Nun kann jedes Landhaus seine eigene kleine Gasfabrik

haben, ja sogar jedes Fuhrwerk, jedes Automobil sich zur eigenen

Beleuchtung das nötige Azetylen in kleinen, im Wagen untergebrachten

Apparaten selbst herstellen.

Auch die elektrische Beleuchtung wird durch die Ergebnisse chemischer

Forschung immer mehr gefördert. Tantal-, Wolfram- und Osramlampen,

Erzeugnisse der modernen chemischen Technik, bewirken eine außerordentliche

Kraftersparnis und gestatten die Erzeugung großer Lichtmengen auf eine

früher für unmöglich gehaltene billige Weise. Die Quecksilberdampflampe --

mit ihrem grünen Lichte --, in amerikanischen Werkstätten überaus beliebt,

bedeutet eine weitere Kraftersparnis, so daß bei dem gegenwärtigen Stande

der Beleuchtungstechnik jeder Laden und jedes Hotel, jede Straße und jeder

Bahnhof mit geringem Kostenaufwande fast tageshell beleuchtet werden kann.

Hier wollen wir auch kurz des _Glases_ Erwähnung tun, dieses bei allen

Beleuchtungsarten vielverwendeten Stoffes, der schon seit Jahrtausenden

bekannt und als seltene Kostbarkeit geschätzt, durch die chemische

Industrie zu einem ganz allgemeinen, selbst dem Ärmsten zugänglichen

Gebrauchsgegenstand geworden ist.

Was vorher über die Umwandlung des früheren Kleineisengewerbes in die

moderne Großindustrie gesagt ist, gilt für die Glasindustrie in vielleicht

noch höherem Maße. Ursprünglich wurde wohl die Kunst des Glasschmelzens als

strenges Gewerbegeheimnis bewahrt, was um so leichter möglich war, als die

Rohmaterialien, Soda, Kalk und feiner Sand, bei den damals schwierigen

Transportverhältnissen nicht allgemein erhältlich waren. Durch die

Verbilligung der Soda wurde erst die Begründung einer Glas_industrie_

möglich. Auch hier wurden die Schmelzöfen immer größer, auch hier lernte

man durch sorgfältigere Ausführung der Schmelzöfen die zur Schmelzung

erforderliche Brennstoffmenge vermindern und schließlich die menschliche

Arbeit beim Glasblasen und bei der Spiegelglaserzeugung durch genial

ersonnene Maschinenarbeit ersetzen.

Man hat dann, in den letzten Jahrzehnten, auch neue Glassorten hergestellt,

das »Hartglas« und das »Quarzglas«.

Das _Hartglas_ wird durch rasches Abkühlen des heißen Glases auf

Temperaturen von 200-300° hergestellt, indem man das zu härtende Glas rasch

in Bäder von Öl mit dieser Temperatur taucht. Dieses »abgeschreckte« Glas

kann schroffe Temperaturwechsel ertragen und ist zugleich sehr schwer

zerbrechlich.

_Quarzglas_ wird durch Schmelzen von Quarz und Bergkristall im elektrischen

Ofen hergestellt. Es ist gegen plötzliche Temperaturänderungen ganz

unempfindlich; man kann es auf hohe Temperaturen erhitzen und dann ohne

weiteres in kaltes Wasser tauchen, ohne daß es zerspringt.

Bei all den besprochenen Industrien bedarf der Chemiker in großer Menge

zweier »Kräfte«, wenn wir sie so nennen wollen, zweier Energien, nämlich

der _Kraft_ und der _Wärme_. Vor allem also müssen diese Energien billig

und bequem zu erlangen sein, da sie gleichsam die Grundlage der Technik

bilden. Vorderhand ist das wichtigste Rohmaterial zur Gewinnung von Kraft

und Wärme die _Kohle_. Aber auch der Kohlenvorrat der Erde wird schließlich

einmal erschöpft sein, und deshalb muß der Chemiker und der chemische

Ingenieur bei Zeiten vorbauen, indem er einerseits mit möglichst wenig

Kohle möglichst viel auszurichten sucht und dadurch die Erschöpfung der

Kohlenlager hinausschiebt, anderseits aber auch jetzt schon daran denkt,

wie man später auch ohne Kohle den Kulturzustand der Menschheit wird

aufrecht erhalten können.

[Illustration: Abb. 16. Entstehung von Wassergas, Generatorengas

und Generatorenwassergas. (Deutsches Museum.)]

In dem rastlosen Streben nach _möglichst guter Ausnützung der Kohle_ werden

zunächst die Feuerungen, die Roste und der Schornstein immer zweckmäßiger

gestaltet; man hat ferner gelernt, den früher wertlosen Abfall der

Kohlenbergwerke, den Kohlenstaub, zu verbrennen oder ihn in Form fester

Ziegel (Briketts) in den Handel zu bringen; man verwertet die Hitze der von

der Feuerung zum Kamin abgehenden Gase zum Vorwärmen des

Kesselspeisewassers, und schließlich bedient man sich immer mehr -- um

Kohle zu sparen und sehr hohe Temperaturen erreichen zu können -- der

Vergasung der Kohle in Gasgeneratoren, die nichts anderes sind als Öfen,

auf deren Rost anstatt einer niedrigen Kohlenschicht, wie sie in den

gewöhnlichen Öfen gebräuchlich ist, eine hohe Kohlenschicht von etwa

0.5 Meter aufgehäuft wird. Dadurch wird bewirkt, daß die dem Rost zunächst

befindliche Kohlenschicht vollkommen verbrannt wird; aber die

Verbrennungsgase können nicht, wie bei den gewöhnlichen Öfen, zum Kamin

entweichen, da sie durch die hohe Kohlenschicht gezwungen sind, zunächst

diese zu durchstreichen. Bei der Berührung der »unbrennbaren«

Verbrennungsgase mit der oberen Kohlenschicht verbindet sich deren

Kohlenstoff mit den unbrennbaren Gasen zu einem _brennbaren_ Gase, dem

sogenannten Generatorgas, das in größtem Maßstabe zur Beheizung von Stahl-

und Glasöfen dient und auch vielfach zum Zweck der Krafterzeugung in

Gasmotoren verbrannt wird; diese Verwendung bedeutet, im Vergleich zum

Kohlenverbrauch der Dampfmaschine, eine namhafte Ersparnis (Abb. 16, 17).

[Illustration: Abb. 17. Gasgenerator.]

Außerdem sucht man immer mehr die _natürlichen Kräftevorräte_, _die

Wasserfälle_, zu verwerten, was sehr geeignet ist, die Lebensdauer unserer

Kohlenlager bedeutend zu verlängern. Amerika und Afrika sind reich an

mächtigen Wasserfällen, auch Europa besitzt im Norden und in den Alpen

gewaltige Wasserkräfte, die, in Kohle oder Kraft umgerechnet, bedeutende

Werte darstellen. Der Niagarafall allein enthält so viel Kraft, als man

durch tägliche Verbrennung von einer Million Tonnen Kohle erzeugen könnte.

So erbaut man nun Fabriken, die sehr viel Kraft brauchen, wenn möglich in

der Nähe von Wasserkräften (Aluminiumfabriken). Aber auch solche Werke, die

starke Hitzegrade erfordern, verlege man in die Nähe von Wasserfällen, denn

der chemische Ingenieur hat es durch den Bau von elektrischen Öfen, die den

Strom in hohe Hitzegrade umwandeln, möglich gemacht, Grade zu erreichen,

die früher unerreichbar waren, und dadurch Stoffe zu erzeugen, die früher

nicht darstellbar waren. Des Kalziumkarbides ist bereits gedacht worden.

Nicht weniger interessant ist der Stoff, der im elektrischen Ofen durch

Zusammenschmelzen von Sand und Kohle erzeugt wird, das Karborundum, der

fast diamantenhart, als Schleif- und Poliermittel ausgedehnte Verwendung

findet und dem Schmirgel große Konkurrenz bereitet.

Die Billigkeit, mit der der elektrische Strom aus Wasserkraft hergestellt

werden kann, hat eine neue Industrie, die _elektrochemische_, ins Leben

gerufen, wobei der elektrische Strom zur Zerlegung wertloserer Verbindungen

in ihre wertvolleren Bestandteile verwendet wird. So werden jetzt

zahlreiche Stoffe mit Hilfe des elektrischen Stromes, elektrochemisch,

dargestellt, insbesondere Natrium, Chlor, Ätznatron und Soda, deren

gemeinsames Ausgangsprodukt das Kochsalz ist.

Wie bereits erwähnt, sorgt der Chemiker auch für die Zukunft. Er sucht

Verfahren zu finden, mit denen man auf billige Art Kraft erzeugen kann,

Verfahren, die darauf hinausgehen, aus der Kohle mehr Kraft als bisher

möglich zu gewinnen, oder die Kohle überhaupt überflüssig zu machen. Zu

diesem Zwecke benutzt er den unerschöpflichen Kräftevorrat, der dem

Menschengeschlecht so lange zur Verfügung stehen wird, als es bestehen

wird, da es selbst gleichsam nur ein Ausfluß und eine Wirkung dieser Kräfte

ist, er benutzt dazu das strahlende Licht, die strahlende Kraft, die

strahlende _Energie der Sonne_. Diese Kraft wird heute auf der

Erdoberfläche nur sehr spärlich ausgenutzt, indem sie nur von den Pflanzen

zum Aufbau ihres Körpers verwendet wird, während der Rest unbenutzt

»verloren« geht. Und doch könnte uns diese Kraftquelle mit schier

unendlichen Mengen von Kraft versorgen. Darum arbeitet man an der schweren

Aufgabe, das Sonnenlicht unmittelbar in Kraft umzuwandeln und zwar in _die

Kraft_, die sich am bequemsten, mit den geringsten Verlusten weiter

umwandeln läßt, in Elektrizität.

Zunächst hat sich der Physiker damit begnügt, das Sonnenlicht in Wärme

umzuwandeln, indem er es in großen, kreisförmig angeordneten Hohlspiegeln

auffing, in deren Brennpunkt ein Dampfkessel eingebaut war, der einer,

nahebei aufgestellten Dampfmaschine Dampf lieferte. Ein solcher, in der

Anlage sehr kostspieliger Apparat ist in der Nähe von Los Angeles, in

Kalifornien -- da die Kohlen dort außerordentlich kostspielig sind -- in

lohnendem Betriebe. Man nutzt dort das Sonnenlicht den ganzen Tag hindurch

aus, indem das Spiegelsystem sich durch ein Uhrwerk der scheinbaren

Bewegung der Sonne gemäß dreht und stets so eingestellt ist, daß es

möglichst viel Licht von ihr empfängt.

Diese Art der Verwendung des Sonnenlichtes, die Umwandlung in Wärme, ist

äußerst roh und nicht befriedigend; deshalb geht das Streben der Chemiker

dahin, eine Umsetzung der strahlenden in elektrische Energie zu bewirken.

Im kleinen Maßstabe ist dies bereits gelungen und zwar durch eigenartig

zusammengestellte Batterien, Zellen oder Elemente, die, sobald sie vom

Sonnenlicht getroffen werden, einen ununterbrochenen elektrischen Strom

abgeben, der so lange anhält, als die Batterie der Wirkung des

Sonnenlichtes ausgesetzt bleibt.

Bei dem oben erwähnten Streben der Chemiker, aus der Kohle mehr Kraft, als

bisher möglich war, zu erzeugen, ja die ganze der Kohle innewohnende Kraft

zur Wirkung zu bringen, schwebte ihnen das Ziel vor, die chemische Kraft

der Kohle direkt in Elektrizität umzuwandeln. Auch diese Aufgabe ist

bereits grundsätzlich gelöst worden, so daß man nun, um mittels Kohle

Elektrizität zu erzeugen, nicht erst den verschwenderischen Umweg über den

Dampfkessel und die Dampfmaschine machen muß. Trotzdem werden die

Dampfmaschinen, solange der Preis der Kohle verhältnismäßig niedrig bleibt,

eine wichtige Stellung einnehmen, denn der Mensch, an das Alte gewöhnt,

entschließt sich nur schwer und gezwungen, das Neue anzunehmen. Darauf

beruht ja vielfach die Bitterkeit des Erfinderloses, weil das Leben des

Erfinders gewöhnlich kürzer ist als die Zeit, die die Menschheit nötig hat,

um sich mit der neuen Erfindung vertraut zu machen, sich an sie zu

gewöhnen, ihre Vorteile zu würdigen und sich zum Entschluß aufzuraffen, die

Neuheit benutzen zu wollen.

Mit diesen Siegen und Erfolgen, mit der erfolgreichen Veredlung und

Nutzbarmachung der in der Natur in kleinsten und größten Mengen

vorkommenden Rohstoffe, gibt sich die Chemie nicht zufrieden. Sie will auch

die selteneren Stoffe der Natur der Allgemeinheit zur Verfügung stellen,

und, wenn der natürliche Vorrat nicht reicht, sie künstlich herstellen. War

früher z. B. die Seide nur ein Material zur Bekleidung Auserlesener, so ist

sie heute ein notwendiger Gebrauchsgegenstand für alle geworden. Früher von

Königen und Fürsten mit Gold aufgewogen, wird sie heute von jeder Bäuerin,

beim Kirchgang wenigstens, als Kopfbedeckung getragen. Diese ungeheure

Zunahme des Seidenbedarfs wäre auf keine Weise zu befriedigen, wenn es der

Chemie nicht gelungen wäre, aus ganz billigen, leicht zur Verfügung

stehenden Rohstoffen, wie Baumwolle, Holz usw., einen Ersatz für Seide,

eine künstliche Seide, die _Kunstseide_ herzustellen, die an Festigkeit der

Seide nahe kommt und sie an Glanz weit übertrifft. Eine Seide, die nicht

durch mühselige Raupenzucht, sondern in ununterbrochener, gleichmäßiger

Fabrikarbeit durch chemische Prozesse und durch mechanische Hilfsmittel,

die man der Seidenraupe abgelauscht hat, gewonnen wird. Eine Seide, die von

Seidenraupenkrankheiten unabhängig, stets in beliebigen Mengen und in

irgendeinem Lande, an irgendeinem Orte hergestellt werden kann, so daß zu

ihrer Erzeugung _einheimische_ Arbeitskräfte verwendet und große

Geldbeträge, die sonst nach dem seidenerzeugenden China gingen, nun dem

eigenen Lande nutzbringend erhalten werden können.

Schon im Jahre 1734 sagte Réaumur die Herstellung künstlicher Seide

prophetisch voraus. Doch sollten von der Prophezeiung bis zur Erfüllung

des Wortes hundertundfünzig Jahre vergehen: im Jahre 1884 meldete der

französische Chemiker Graf Hilaire de Chardonnet seine ersten Patente zur

Herstellung einer seither Chardonnetsche Seide genannten Kunstseide an.

Das Verfahren Chardonnets ist sehr einfach: Gereinigte Baumwolle wird etwa

fünf oder sechs Minuten lang in eine Mischung von starker Salpetersäure und

Schwefelsäure eingetaucht. Hierauf nimmt man die Baumwolle aus dem

Säurebade, läßt die Säure 24 Stunden abtropfen und wäscht das Produkt mit

Sodalösung. Das auf diese Weise erhaltene Material gleicht im Ansehen zwar

der Baumwolle, aber ihr Charakter, ihre Seele ist vollkommen verändert: der

schwere Leidensweg durch das scharfe Säurebad hat, so möchte man meinen,

ihre geduldige Gleichgültigkeit in höchste Reizbarkeit, ihre milde Güte in

wilde Bosheit umgewandelt. Ein Schlag darauf, und sie explodiert heftig.

Sie ist nun nichts anderes als die bekannte Schießbaumwolle, die auch auf

»rauchloses Pulver« verarbeitet wird.

Chardonnet löst nun diese Schießbaumwolle in einer Mischung von Äther und

Alkohol und erhält so eine dicke Flüssigkeit -- das in der Photographie und

Pharmazie viel verwendete Kollodium. Diese Lösung läßt er in einem

eigenartigen Apparat durch haardünne Öffnungen von 0,08 +mm+ Durchmesser

ausfließen und in Wasser eintreten. Hierbei geht der Alkohol an das Wasser

ab, und es bleibt ein feiner Seidenfaden zurück. Aber dieser Faden ist

leicht entflammbar, ja sogar sehr explosiv und gefährlich für den, der mit

ihm umzugehen hat. Er muß daher zur Entfernung seiner explosiven

Bestandteile in einer Lösung von Schwefelnatrium gewaschen und hierauf

getrocknet werden. Auf diese Weise erhält man eine ausgezeichnete

Kunstseide, die für Weberei, Wirkerei und Posamenterie ausgezeichnet

verwendbar ist. Chardonnet hat seine Aufgabe glänzend gelöst.

»Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun.« Kaum hatte Chardonnet

einen entschiedenen Sieg errungen, als sich eine Unzahl von Chemikern auf

das Kunstseideproblem stürzte. Ein Pionier voll Geist hatte den Weg

gebahnt, die Masse folgte nach. Ein Adler war hoch hinaufgestiegen und

bemerkte nicht den Zaunkönig, wollte ihn nicht bemerken, den Zwerg, der auf

ihm saß, um, durch fremde Kraft in höchste Höhen getragen, ihn um einige

Meter zu überfliegen.

Sechs Jahre später wurde eine neue Kunstseide patentiert: der sogenannte

Glanzstoff. Hier wird, wie auch von den späteren Nachfolgern und

Nachahmern, dasselbe Ausgangsprodukt und dasselbe mechanische Prinzip

zur Herstellung des Fadens verwendet. Der Unterschied besteht bloß in

der Lösungsflüssigkeit für die Baumwolle: bei Chardonnet

Salpeter-Schwefelsäure, beim Glanzstoff Kupferoxydammoniak und bei der

infolge ihrer Billigkeit immer mehr zur Verwendung gelangenden Viskose

Natronlauge und Schwefelkohlenstoff. -- An Stelle der Baumwolle kann

auch der aus Holz gewonnene Zellstoff als Ausgangsmaterial verwendet

werden.

Von dem jetzigen Umfange der Kunstseideindustrie erhalten wir eine kleine

Vorstellung, wenn wir hören, daß jährlich weit über 3 000 000 +kg+ erzeugt

werden. Diese Industrie ist auch ein treffliches Beispiel für die

»veredelnde« Wirkung der chemischen Arbeit, da aus einem Raummeter Holz,

das im Wald einen Wert von 3 Mark hat, Kunstseide im Wert von 5000 Mark

erzeugt wird, also eine 1500 fache Werterhöhung.

Die Romantik der Chemie · 第 1 / 7 段